Tag Archives: Pennsylvania German

En Daag in die Schul

Beim Doug Madenford

Uffwache un mei Kuppche Kaffi hawwe
Pack mei Dinge un faahr zur Schul
Copies mache un alles fer der Daag vorbereide
Mach mei Waddefresse uff

Glocke glingt 'Sis acht Uhr
Schtudents kumme in mei Schtubb rei
Mir saage "Guder Mariye" zu enanner
Ich froog eb sie ihre Schpiel geschdrowed gewunne hen
Ich froog eb sie viel Hausarewet ghatt hen

Mir verschpreche die Faahne
Mir heere zu die Bekanntmachinge
Ich seh wer heit net do iss
Ich saag alliepper ihre Notes rauszugriege

Mir fange aa mit Deitsche Grammar zu lanne
Mir schwetze mit neie Vocabulary
Sie mache Fehler
Mir lache

Die Dier brecht uff
En Schtudent mit en Flint schpringt nei
BANG BANG BANG
Greische
Chaos
Blut iwwerall
Kareper uff em Boddem
Der Schiesser schpringt naus un geht der Gang nunner

Meh Greische
Alarms gehne uff
Schmok glaart, Ohre ringe
Schtudents greische
Maege uffgerisse
Brischde uffgeblossen
Gsichder unerkenntbaar
Sirens

Greische
BANG BANG BANG
Meh Greische
Polis greische
Schtudents heile, rufe fer ihre Eldere
Ich schiddel, iss des Echt, iss des realli gschehe?

BANG BANG BANG BANG BANG BANG
"Er iss nunner!"
Greische
"Pennsylvaani Schtaats Polis!"
"Mir kumme!"
Paramedics schpringe nei
Sie bedecke die Kareper
Mir sin rausgenumme

Blut in die Geng
Blut uff die Wend
Blut uff die Boddem
Polis iwwerall
Der Schiesser, uff em Grund, dot

Mir sin drausse genumme
TV Cameras, Reporters, Polis, Feiermenner, EMTs, Helicopters
Iwwerall
Familye widdervereinicht
Ee Paar net

8 Dot
6 Schtudents, 2 Schulmeeschdern
15 verletzt

Gedenke un Bede unsere Weg gschickt
"Ich hab nimmi gedenkt ass so was do gschehe daet."
Ferwas?
En Daag in der Schul

(2024)

Peter V. Fritsch – Das kulturelle Gedächtnis der Pennsylvania Dutch

Peter V. Fritsch beim Schreiwerfescht des Kutztown Folk Festivals (2010)

Eine Würdigung

Peter Fritsch (1945-2015) war ein ruhiger Mensch. Er lebte zurückgezogen mitten im Wald in einer umgebauten Scheune an der Centennial Road in der Nähe von Alburtis. Als ich ihn 1994 erstmals dort besuchte, war er 49 Jahre alt. Damit gehörte er unter den sogenannten „Fancy Dutch“ – also Nicht-Mitgliedern von Old Order Amish oder Old Order Mennonites – zu den jüngeren Sprechern.

„Ich bin en alter Bachelor“, sagte er über sich selbst, weil er unverheiratet war. Er sprach die Mundart so wunderbar unverfälscht, wie er sie in seiner Kindheit in „Langschwamm“ (Long Swamp) in der Familie gelernt hatte. Und von Kindesbeinen an war er gerne mit Älteren zusammen und ließ sich die „Schtoris“ von früher erzählen.

Sein Vater John Fritsch zog an Silvester mit Freunden von Haus zu Haus, um in der Gegend den traditionellen „Neuyaahrswinsch“ zu geben: „Mir winsche eich en glickseeliches neies Yaahr, en Bretzel wie en Scheierdoor, en Brotwascht wie en Offerohr …“. Da es in jedem Haushalt zum Dank einen Schnaps für die „Winscher“ und Musiker gab, kam John meist „gsoffe heem“, wie Peter lachend erzählte. Als John starb, machte Peter mit seinen Freunden Linda und Mike Hertzog und weiteren Familienmitgliedern weiter. Nur die Tradition mit dem Alkohol übernahmen sie nicht.

Peter Fritsch mit Mike Hertzog (Banjo) und weiteren Musikern (2009)

Peter schrieb Texte in Mundart und publizierte Bücher. Deshalb lernten wir uns kennen. Beruflich war er Kunstlehrer in Reading, und er hatte einen Lehrauftrag zur pennsylvanisch-deutschen Kultur am Ursinus College in Collegeville (PA).

1994 besuchte ich gemeinsam mit ihm seine gute Freundin Florence Baver (1911-1999). Florence, eine Grundschullehrerin, war der Kopf der „Pennsylvania Dutch Folk Culture Society” in Lenhartsville gewesen. Sie war eine sehr freundliche Frau, die sich sehr für den Erhalt der Kultur der Pennsylvaniadeutschen einsetzte. Dabei konnte sie aber auch streitbar sein. Sie stand im engen Austausch mit den Gründern des Kutztown Folk Festivals: Prof. Don Yoder (1921-2015), Prof. J. William Frey (1916-1989) und Prof. Alfred L. Shoemaker (1913-ca. 1967). Schon vor Florence Bavers Tod wurde das Center in Lenhartsville aufgelöst, und die meisten Materialien fanden eine neue Heimat im gerade gegründeten Pennsylvania German Cultural Heritage Center in Kutztown (PA).

Von Peter Fritsch hörte ich 1994 erstmals in Pennsylvania vom „Bucklich Maennli“. Es sollte dafür verantwortlich sein, dass Peter seinen Hausschlüssel nicht finden konnte: „Des hot des verdollt bucklich Maennli geduh!“, rief Peter immer wieder. Und: „Es hot sei Millich grickt!“ Der Schlüssel fand sich, auch ohne die Hilfe des „Bucklich Maennli“, hinter dem eine wirklich interessante Geschichte steckt. Letztlich führt sie auch zur Beantwortung der Frage, was Elwedritsche wirklich sind. Awwer sell iss en anner Schtori!

Peter Fritsch spielt Hackbrett (2015)

Peter habe ich all die Jahre immer wieder besucht, ihn ausgefragt, seine Geschichten auch aufgenommen. Mehrfach lud ich ihn auch nach Deutschland und in die Pfalz ein. Seine Antwort war immer klar: „Nee, nee, ich schlof es liebscht in mei eegen Bett!“

In seinen 60ern wurde ihm der Garten rund um seine Scheune zu viel, und er entschied sich, nach Topton in ein kleines Häuschen zu ziehen. Dort besuchte ich ihn im Februar 2015 ein letztes Mal. Er wirkte unglücklich und wünschte sich in seine Heimat im Wald zurück. Es half aber nichts: Das Gebäude hatte er verkauft. Nur wenige Monate nach meinem Besuch erfuhr ich , dass Peter überraschend verstorben war.

Es heißt ja: Jedes Mal, wenn ein Mensch stirbt, stirbt eine ganze Welt. Bei Peter Fritsch trifft das in ganz besonderem Maße zu. Er fehlt.

Der Pälzylvanier

Dorothy Beam – Die “Fuhrfraa”

Dorothy Beam und Michael Werner in Millersville (2019)

Zum 90. Geburtstag

Dorothy Beam heißt ganz korrekt eigentlich Prof. Dorothy Pozniko Beam – sie hat ukrainische Wurzeln und wurde in Salem (Ohio) geboren. Viele in Pennsylvania kennen sie unter dem Namen „Bischlin Gnipplin“, weil sie die Ehefrau von Prof. C. Richard Beam (1925-2018) war, der pennsylvanisch-deutsche Texte mit seinem Autorenpseudonym „Bischli Gnippli“ zeichnete. Weshalb, das löse ich im Februar 2025 auf, wenn ich aus Anlass des 100. Geburtstags von Dick Beam ihm einen kleinen Text widme. Beam stellte Dorothy gerne als „Bischlin Gnipplin“ vor – ganz oft sagte er aber auch: „Des iss die Dorothy – mei Fuhrfraa!“

Dorothy Beam mit ihrem Mann Dick an den Niagara Fällen (1996)

Und es stimmte. Gerade in den letzten Jahren fuhr Beam nicht mehr selbst Auto, sondern überließ das Steuer seiner neun Jahre jüngeren Frau. Wenn wir im Pennsylvania Dutch Country unterwegs waren, hörten die beiden im Wagen am liebsten deutsche Opern – und Beam sang lauthals mit: „Papageno, Papageno!“ Dorothy lächelte dann zufrieden vor sich hin und konzentrierte sich auf den Verkehr. Sie war Professorin für Klavier an der Millersville University gewesen, und im Wohnzimmer ihres Hauses steht raumfüllend ein wunderbarer Flügel. Seit meinem ersten Besuch im Jahr 1994 füllte sich das Zimmer Jahr für Jahr mehr mit sprachwissenschaftlichen Büchern zum Pennsylvaniadeutschen. Ihr Mann Dick arbeitete seit Ende der 1960er Jahre daran, ein mehrbändiges Wörterbuch zu publizieren. Zunächst hatte sein Ende der 1980er Jahre gegründetes „Center for Pennsylvania German Studies“ noch Räume an der Universität, aber irgendwann musste er mit allen Unterlagen ins private Wohnhaus umziehen. Im Haus befindet sich eine Bibliothek, die eine Schatzkammer für alle ist, die sich mit dem Thema „Pennslyvania German“ beschäftigen.

Dorothy hat dem wichtigen Wörterbuch-Projekt Raum gegeben – im Haus und in ihrem Leben. Jahrzehntelang fuhr sie mit ihrem Mann zu Gewährspersonen, um möglichst alle im Pennsylvanisch-Deutschen verwendeten Wörter zu erfassen. Aus Audioaufnahmen wurden Wortlisten, dann Karteikarten und schließlich digitale Einträge im Computer. Wir Freunde und Bekannte beobachteten den Fortgang des Projektes und hatten zwischenzeitlich Sorge, das Wörterbuchprojekt könnte zu groß sein, um es noch in der Lebenszeit von Dick Beam abzuschließen. Zum Glück aber waren Dorothy und Dick Beam mit einer guten Gesundheit gesegnet – und sie hatten immer Hilfe von Studentinnen und Studenten, die von der Millersville University bezahlt wurden. Als Joshua Brown im Jahr 2004 Assistent war, erschien endlich der erste Band. Später wurde „Yossi“ Deutsch-Professor in Wisconsin. Im Anschluss übernahm Jennifer Trout die Assistenz, und Dorothy und sie unterstützten Dick Beam mit all ihren Kräften, um das Projekt zu einem guten Ende zu bringen. Bei der Herausgabe des ersten Bandes war „Bischli Gnippli“ bereits 79 Jahre alt, beim elften und letzten Band im Jahr 2007 dann 82.

Die “Fuhrfraa” am Steuer – ein Foto aus dem Sommer 2017

Wenn Dick Beam von seiner „Fuhrfraa“ sprach, war das ausgesprochen liebevoll gemeint und voller Hochachtung. Es herrschte großes Einvernehmen zwischen den beiden, und er wusste, was er an Dorothy hatte. Mittags fuhren sie oft zum „Conestoga“ – einem Restaurant, das nur sechs Meilen entfernt lag. Dort bedienten meist junge Studentinnen, und Dick Beam machte sich manchmal einen Spaß daraus, sie „in deitsch“ anzusprechen. Bisweilen klappte das auch, nämlich dann, wenn sie jungen Frauen aus Familien stammten, die die konservativen Amish oder Mennoniten verlassen hatten. Ein schönes Beispiel ist Rose Fisher aus Lancaster County, die zwischenzeitlich selbst Linguistik studiert hat und derzeit über das Pennsylvanisch-Deutsche promoviert.

Dick Beam war Deutsch-Professor, aber auch Dorothy sprach sehr gut hochdeutsch. Ende der 1960er Jahre haben die beiden ein Austauschjahr am Deutschen Sprachatlas der Universität Marburg verbracht – und wer sich wie sie für klassische Musik interessiert, kommt am Deutschen auch kaum vorbei.

Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 2018 konnte ich Dorothy noch einmal besuchen. Es war ein sehr schöner Nachmittag im Sommer 2019. Dann kam Corona und machte Reisen in die USA unmöglich. Bei meinem nächsten Besuch 2022 klappte es mit einem Termin leider nicht.

Dorothy lebt heute noch immer in ihrem Haus in Millersville, empfängt aufgrund ihres Alters aber keine Besuche und nimmt keine Anrufe mehr entgegen. Deshalb rufe ich ihr aus der Ferne und mit etwas Verspätung zu: „Hallicher Gebottsdaag, Dorothy! Grooss Dank fer alles, was du darich die letschte 30 Yaahr fer mich geduh hoscht!“

Der Pälzylvanier

(Nachtrag: Jennifer Trout hat mich am 7. November 2024 informiert, dass Prof. Dorothy Pozniko Beam verstorben ist. Zum Nachruf kommt man hier.)

Don Breininger – Der “Gschichteverzehler”

Don Breininger mit seiner Frau Norma im Jahr 2011 beim Pfälzischen Mundartdichter-Wettstreit in Bockenheim an der Weinstraße

Zum 85. Geburtstag

Es war ein bitterkalter 2. Februar im Jahr 2000, und ich saß mit Don Breininger aus dem Hollwigsdaal bei Nei Tripoli im Pennsylvania Dutch Country im Auto, zusammen mit Wörterbuch-Autor Dr. Eugene Stine (1932-2007) und Lee Haas. Es lag hoher Schnee und die Sonne schien, als wir den alten Sterling „Tiny“ Zimmerman (1921-2000) an Werley’s Corner in seinem „Greizweg Hotel“ abholten. Wenige Monate später starb er, doch an diesem Tag quälte sich der schwergewichtige Dutchman noch einmal in den Wagen, um mit seinen Freunden zur Versammling der “Grundsau Lodsch Nummer Zwee an der Schibbach” in Skippack (PA) zu fahren. Damals gab es sie noch. 2018 stellte die Lodge ihre Aktivitäten ein.

Don Breininger mit Paul Bittner (links) und Franklin Wanamaker (rechts) im Jahr 2000 bei einer Grundsau Lodge Versammling

Don Breininger, damals 60 Jahre alt und einer der jüngeren „Grundsei Brieder“, war der Fahrer. Und irgendwann nach etwa einer guten Stunde in Richtung Osten in Richtung Philadelphia kamen wir am Versammlungsort an – es muss ein Feuerwehrhaus gewesen sein, wie meistens. Autos stoppten, und es stiegen ältere Herren aus, die mehr oder weniger schnell aus der Kälte ins Warme huschten – in der Hoffnung auf ein wenig „pennsylvanisch-deitscher Gschbass“ und „en guud Iems“, ein gutes deutsches Essen. Als unser Trupp den Saal betrat, kamen schnell weitere mir bekannte Gesichter auf uns zu: Carl D. Snyder (1924-2007), Paul Kunkel (1926-2020), Parre Richard Druckenbrod (1929-2003), Paul P. Bittner („Em Buppy Bittner sei Bu“, 1935-2005), Franklin D. Wanamaker (1935-2007) und aus Oley, das bis zum 1. Weltkrieg Friedensburg hieß, Parre Richard Wolf (1932-2016). Das waren Mitte der 1980er Jahre treibende Kräfte, die die in die Jahre gekommene Bewegung der „Groundhog Lodges“ neu beleben wollten. 1933 als Reaktion auf die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Berlin gegründet, um Amerika zu zeigen, dass Pennsylvania-Deutsche patriotische Landsleute sind, befand sich die Initiative nach Ableben der ersten Generation von Grundsau-Brüdern spätestens ab Mitte der 1980er Jahre im Niedergang. Zu diesem Zeitpunkt fanden sich die Genannten und viele andere zusammen und führten Wiederbelebungsmaßnahmen durch. Man gründete eine „Groossdaadi Grundsau Lodsch“ als Dachorganisation der 18 Lodges, führte an verschiedenen Orten Sprachkurse ein, um Nachwuchsförderung zu betreiben und ließ den Künstler Peter V. Fritsch (1945-2015) die heute sehr bekannte „Pennsylvania Dutch Flag“ entwickeln. Diese wurde 1989 offiziell von den Groundhog Lodges anerkannt.

Als ich Anfang der 1990er Jahre die Männer nach und nach kennenlernte, war Aufbruchsstimmung zu spüren. Es sollte voran gehen. Auch Jahre später, als wir uns im eisigen Pennsylvania zum Groundhog Lodge Meeting trafen, war noch einiges davon vorhanden. Und doch konnte man erkennen, dass nur wenige junge Männer in den Reihen der Brüder saßen (Frauen sind erst seit 2023 als Gäste zugelassen, und auch nicht überall).

Die Veranstaltung im Jahr 2000 lief ab, wie es immer abläuft: Nach Begrüßung, Gebet und dem Fahneneid auf die amerikanische Flagge gibt es Musik, ein pennsylvanisch-deutsches Essen und ein Kulturprogramm. An diesem Abend sprach Don Breininger. Der Vortrag war, wie es erwartet wird, humoristisch, und „die Buwe“ klatschten und lachten viel. Man muss sich das Ganze vorstellen wie eine Mischung aus einer Vereinsmitgliederversammlung und einem Saalfasnachtsabend irgendwo rund um Mainz.

In den letzten 24 Jahren musste Don Breininger immer öfter die Reden übernehmen, weil es weniger aktive Mundartsprecher gibt, die dazu in der Lage sind. Man muss nicht nur den pennsylvanisch-deutschen Dialekt beherrschen, sondern auch mit dem Humor der Menschen vor Ort aufgewachsen sein. Und so fuhr Don in den letzten zwei Jahrzehnten immer weitere Strecken, um mitzuhelfen, die Veranstaltungen am Leben zu halten. Im Jahr 2033 feiern die Groundhog Lodges ihr 100. Bestehen – wenn es zu diesem Zeitpunkt noch aktive “Grundsei-Brieder” gibt.

Don Breininger, Michael Werner und Norma Breininger im “Holwigsdaal” in New Tripoli (2000)

Don Breininger traf ich erstmals Mitte der 1990er Jahre, und ab dem Jahr 2000 war ich bei meinen Besuchen vor Ort immer ein paar Tage bei ihm und seiner lieben Frau Norma Breininger (1939-2016) auf seinem wunderschönen Bauernhof in New Tripoli zu Gast. Es entstand eine Freundschaft, die Breiningers auch nach Ober-Olm und in die Pfalz brachte. 2011 war er unser Künstler bei der „Hiwwe wie Driwwe Palatinate Tour“. Wir führten mehrere Veranstaltungen durch, und vor allem der Pfälzische Mundartdichter-Wettstreit in Bockenheim gefiel ihm sehr.

Seinen 85. Geburtstag feiert Don im August 2024 im Kreis seiner großen Familie mit Kindern, Enkeln und Urenkeln. Aus dem fernen Ober-Olm rufe ich ihm zu: „Hallicher Gebottsdaag, Don! Alles Bescht zu dir, bis mer uns widder sehne …“

Der Pälzylvanier

Alice Spayd – Die Schulmeisterin

Michael Werner und Alice Spayd (2017)

Alice Spayd zum 80. Geburtstag

„Wie neegscht an hunnert iss sie?“, lautet die Frage in Pennsylvania, wenn man wissen möchte, wie alt ein Geburtstagskind ist. „Noch weit fatt“, könnte die Antwort im Fall von Alice Spayd lauten, der Lehrerin für Pennsylvania-Deutsch, Chorleiterin und Organisatorin pennsylvanisch-deutscher Veranstaltungen. 80 Jahre alt wurde Alice im März 2024, und mit ihr freuten sich neben ihrem Mann und ihren Kindern 20 Enkel und 12 Urenkel. Brittany Hammons, eine Enkelin, die 2008 schon einmal ein halbes Jahr bei uns in Ober-Olm lebte, verriet mir noch, dass das erste Ur-Ur-Enkelchen im Oktober erwartet wird. 55 Jahre sind sie und Bill nun verheiratet. „Wow“, kann man da nur sagen, und natürlich erst einmal: „Hallicher Gebottsdaag, Alice – aa wammer wennich schpoot sinn!“

Geboren 1944 in Suedberg (PA), lebt Alice Spayd mit ihrem Mann Bill in Fredericksburg in Lebanon County (PA). Aber im Dialekt heißt der kleine Ort nach dem ursprünglichen Gründer Frederick Stump noch immer „Schtumbeschtettel“. Der allerdings hatte irgendwann in Carlisle 10 Mitglieder eines lokalen Indigenen-Stamms ermordert, und so entschieden sich die Bürgerinnen und Bürger zur Umbenennung der Siedlung in Fredericksburg. Im Dialekt halten sich alte Wörter und auch alte Bräuche besser, weshalb das Pennsylvania-Deutsche eine Schatzkammer ist, wenn man sich mit dem Pfälzischen beschäftigt.

Alice traf ich zum ersten Mal bei einer Universitätsveranstaltung am „Lebanon Valley College“ im Jahr 2002. Schon damals ging es um die Frage, was für den Erhalt des Pennsylvania-Deutschen getan werden kann. Alice Spayds Antwort war im gleichen Jahr die Gründung des Kinderchors „Die Schwadore Schalle“ (The sounds of the Swatara Creek), der überwiegend aus ihren eigenen Enkelinnen und Enkeln bestand. Heute singen auch Erwachsene mit. Daneben trat sie dem „Dolpechocken Saenger Chor“ von Francis D. Kline (1937-2013) bei, der jeden Monat im Lokalsender Berks County TV (BCTV) in der Sendung „Die deitsch Schtunn“ auftrat. Sie bot viele Jahre als “Schulmeeschtern” einen Deutschkurs in Schaefferstown (PA) an. In der Zeitung “Hiwwe wie Driwwe” tauchte ihr Name erstmals bereits im Jahr 2000 auf. Mittlerweile ist sie seit vielen Jahren freie Autorin. Seit 2012 ist Alice Spayd Organisatorin des „Pennsylvanisch-Deitsch Zammelaaf“ in Bethel (PA), der Nachfolgeveranstaltung des „Pennsylvania German Festivals“, das bis einschließlich 2011 jährlich am Harrisburg Area Community College (HACC) abgehalten wurde. Kurz: Wenn es um „deitsch“ in der Region rund um Lebanon geht, kommt an Alice Spayd niemand vorbei.

Alice Spayd (2. von rechts) im Jahr 2002 am Lebanon Valley College. Auch dabei: Don Breininger (3. von links), bis heute einer der besten pennsylvanisch-deutschen Sprecher bei Veranstaltungen

Das möchte man auch überhaupt nicht, denn Alice, ihr Mann Bill (ein Linkshänder-Gitarrist) und ihre gesamte Familie sind ausgesprochen liebenswert. Ab 2005 habe ich immer wieder für einige Tage bei den Spayds wohnen dürfen, wenn ich in Pennsylvania war. Ihr jüngster Sohn William – genannt „Wilhelm“ – hat eine Frau geheiratet, die mit Prof. Alfred Shoemaker (1913-ca.1969) verwandt ist, neben Don Yoder einem der Mitbegründer des Kutztown Folk Festivals. Wilhelm arbeitet bei der Polizei, und seine Erzählungen gaben mir einen Einblick in den Alltag eines amerikanischen Polizisten. Er ist für einen Autobahn-Abschnitt zuständig und auch nachts im Streifenwagen oft allein unterwegs. Wenn er bei einem Einsatz Hilfe benötigt, ruft er über Funk Verstärkung. Ein bisschen erinnert das System noch an den Wilden Westen. Früher war es eben der Sheriff mit seinem Pferd – heute ist es der Polizist mit seinem Auto. Wir erleben das im Fernsehen, wenn am Ende eines Hollywood-Streifens beim Showdown auf einmal zehn Streifenwagen nebeneinander stehen.

Alice Spayd im Jahr 2015 als “Schulmeeschdern” in “Historic Schaefferschteddel” (Schaefferstown, Lebanon County) – ein Klick auf das Bild öffnet ein Video. Alice’s “Deitsch Class” ist ab Minute 8 zu sehen

Eine interessante Persönlichkeit war auch Alice Spayds Vater, Edward Behney (1914-2012). Jedes Mal, wenn ich in Schtumbeschtettel zu Gast war, sprach ich lange mit ihm und ließ mir Geschichten von früher in Pennsylvania-Deitsch erzählen. Manchmal machten Alice und ich auch Tonaufnahmen. Da er schon sehr betagt war, schien er am Anfang eines Gesprächs immer ein wenig müde. Aber sobald wir in den Dialekt wechselten und er aus seinem langen Leben berichten konnte, erwachten die Lebensgeister. Am eindrucksvollsten war für mich seine Schilderung des 75. Jahrestages der Schlacht von Gettysburg im Jahr 1938. Der junge Ed sah sich in Gettysburg (PA) die Parade an. Betagte Veteranen der Nord- und Südstaaten, so erzählte er, fuhren gemeinsam auf einem offenen Wagen mit, und sie gerieten so in Streit, dass sie sich noch während des Umzugs zu prügeln begannen. Die Herren waren damals alle bereits über 90 Jahre alt! „Ya well, was kammer duh“, sagt man zu so etwas manchmal in pennsylvanisch-deitsch. Und: „Die Leit sinn, wie die Leit sinn!“

William “Wilhelm” Spayd, Michael Werner, Frank Kessler und Ed Behney in Schtumbeschteddel (Frederickstown) im Jahr 2005

Die Verwandtschaft von Alice stammt teilweise aus dem Rheintal. Die „Hassinger“-Linie ist noch heute rund um Schornsheim und Wörrstadt im heutigen Rheinhessen zu Hause, und andere Linien stammen aus der Gegend um Landau in der Pfalz. Alice und Bill waren auch bereits Gast in unserem Haus, und in „Hiwwe wie Driwwe 2“ kommt sie zu Wort, Ich bin sicher, Monji El Beji und sie haben sich gut verstanden, auch wenn sie sich nicht immer im wörtlichen Sinne verstanden haben. Pfälzisch und Pennsylvania-Deutsch sind eben am Ende doch recht unterschiedlich.