Kategorie-Archiv: Der Pälzylvanier

Lester Breininger – Der Töpfer

Lester Breininger (1935-2011)

Muss man Pennsylvanisch-Deutsch sprechen, um sich als Pennsylvania-Deutscher zu fühlen? Das ist eine interessante Frage, denn sie berührt die Frage nach der eigenen Identität. Klar ist, dass Sprache als ethnischer Marker fungiert. Aber könnte man sich nicht ebenso Pennsylvanisch-Deutsch fühlen, wenn man am Sonntag einen „Shooflie Pie“ backt, das Goschenhoppen Folk Festival im August jeden Jahres rund um die Antes Plantation besucht oder sich typische pennsylvanisch-deutsche Töpferkunst in ein Sammelregal stellt?

Ich schätze, ich war über die letzten 30 Jahre hinweg vermutlich in ungefähr 300 Häusern und Wohnungen privat bei Menschen, die sich zu den Pennsylvania-Deutschen zählten. Nicht alle sprachen noch die Mundart ihrer Vorfahren. Aber viele kochten und backten nach pennsylvanisch-deutschen Rezepten – und viele hatten auch Töpferkunst von Lester Breininger im Wohnzimmer oder der Küche stehen.

Lester Breininger in den 1970er Jahren

Zweimal hatte ich gemeinsam mit Don Breininger dessen Cousin Lester Breininger besucht – 2002 und 2005. Er war nicht mehr jung, gesundheitlich schon etwas angeschlagen, aber noch als Töpfer aktiv. „Redware Pottery“ nennt sich die Art von Töpferkunst, die Lester betrieb. Jedes Jahr gab es in seinem Haus in Robesonia, um das eine umlaufende 30 Meter lange Veranda ging, eine große Verkaufsshow. Er gehörte zu den großen künstlerischen Stars der Szene im 20. Jahrhundert. Noch heute gibt es viele Menschen, die seine Stücke sammeln und bei Auktionen ersteigern.

Lester lebte auf einem riesigen Grundstück, und ich fragte mich oft, wie die Eigentümer dafür sorgen, dass die Rasenflächen immer gründlich gemäht sind – wie das in den USA üblich ist. Die pragmatische Antwort: Meist übernimmt das jemand anderes – ein Nachbarsjunge, jemand aus der Kirchengemeinde oder ein beauftragter Gärtner.

Jedenfalls war das Haus der Breiningers in Robesonia etwas Besonderes. Und im Gebäude befand sich eine riesige Sammlung mit pennsylvanisch-deutscher Volkskunst. Auf manchen Stücken fand sich ein Spruch in pennsylvanisch-deutscher Mundart. Bei den Besuchen saßen wir auf der Veranda bei kühlen Getränken und sprachen über die Veränderungen, die sich im Pennsylvania Dutch Country durch die zunehmende Verstädterung ergeben. Zum Abschied schenkte er mir jedes Mal etwas aus seinem Bestand – einen kleinen Teller, ein getöpfertes und gebranntes Ei.

Nach seinem Tod im Jahr 2011 lebte seine Ehefrau weiter im Haus, und nach deren Tod wurde 2016 das Gebäude mitsamt der Sammlung pennsylvanisch-deutscher „Redware“ versteigert. Ehemalige Mitarbeiter von Lester gründeten bereits 2013 ein Nachfolge-Unternehmen: „Robesonia Redware“. Das Geschäft bestand bis 2023, als sich die Eigentümer zur Ruhe setzten.

Wer sich für „Redware Pottery“ interessiert, wird heute bei Foltz Pottery (Reinholds, PA) und Nolde Forest Pottery (Mohnton, PA) fündig.

Redware Pottery von Lester Breininger

William Betz – Der Anrufer

„Will Warickelholz“ war im Pennsylvania Dutch Country eine Berühmtheit, die ich nur ein einziges Mal traf. Da saß ich im heißen Sommer 1994 bei New Tripoli in einer Küche und sprach mit William Betz (1919-1996), dem Mann hinter dem Pseudonym. Ab etwa 1965, als der Radiomacher Dave Hendricks (1925-2009) in seinem Sender WBYO in Boyertown seine „Wunnerfitz Schtunn“ ins Leben rief, gehörte er zu den aktivsten Anrufern.

Die Sendung funktionierte interaktiv – in einer Zeit lange vor Social Media. Mundartsprecher Dave Hendricks rief seine Zuhörer „on air“ dazu auf, bei ihm anzurufen und von sich und ihrem Alltag zu erzählen. „Wunnerfitzig“ bedeutet im Pennsylvania-Deutschen „neugierig“. Zu den eifrigsten Anrufern gehörte bald ein gewisser „Will Warickelholz“ (zu deutsch: „Nudelholz“), der live im Radio „Schtoris“ zum Besten gab. Die waren oft sehr informativ und entwickelten sich mit der Zeit zu einer eigenen Kunstgattung: Will wusste, wie man Geschichten erzählen musste, so dass andere sie interessant fanden.

Eine der letzten Sendungen kann man hören, wenn man hier klickt.

Diese Fähigkeit und sein außerordentlich großer Wortschatz erregten bald auch die Aufmerksamkeit eines jungen Linguisten: C. Richard Beam. Er hörte aufmerksam zu und notierte besondere Wörter bzw. deren Verwendung für ein Wörterbuchprojekt, das gegen Ende der 1960er Jahre langsam Gestalt annahm. Später besuchte er mit seiner Frau William Betz öfter in New Tripoli. Zwischen 1971 und 2013 hatte Beam mit „Die alde Kumraade“ eine eigene Radiosendung, die er allerdings auf Cassette aufnahm und dem Sender schickte. Das war also nicht „live“ wie das Format von Dave Hendricks.

Die „Wunnerfitz Schtunn“ lief bei WBYO bis ins Jahr 1989. Da wurde der Sender verkauft, und der neue Eigentümer wollte von einer so seltsamen Mundart-Live-Sendung natürlich nichts mehr wissen.

William Betz schickte mir im Nachgang zu unserem Gespräch mit Brief sein Gedicht „Die Fendu“ (Die Auktion). Es ist in der allerersten Ausgabe von „Hiwwe wie Driwwe“, die im Januar 1997 bei den Lesern ankam, abgedruckt. Da war „Will Warickelholz“ kurz zuvor verstorben. Mit Dave Hendricks stand ich Anfang der 2000er Jahre in sporadischem Kontakt – persönlich getroffen haben wir uns nie.

Ein gewisser Allan Musser (1915-2007) aus New Holland (PA) nahm die Einstellung der „Wunnerfitz Hour“ zum Anlass, ab 1993 seine „Allan G. Musser Show“ bei der „Blue Ridge Cable Company“ in Ephrata als TV-Show „on air“ zu bringen. Er hatte viel Erfahrung als Radiomoderator und auch schon Sendungen in Pennsylvania-Deutsch produziert. Allan habe ich in seinem Hardware Store in Bowmansville mehrfach getroffen. Er setzte mit seinem Ansatz das Live-Format von Dave Hendricks mit bewegten Bildern und eingeladenen Gästen fort. Hier gehörte zu den beliebtesten Gästen eine gewisse Dorothy Eberly Fry (1914-2012). Dick Beam sah sie im Fernsehen und nahm mit ihr Kontakt auf, woraufhin sich eine enge Freundschaft zwischen beiden entwickelte. Die Musser-TV-Show lief im Programm etwa bis zum Jahr 2000.

Fast forward ins „Social Media“-Zeitalter: Seit 2021 produziert Douglas Madenford in Howard (PA) in Facebook eine interaktive TV-Show mit Titel „Pennsylvania Dutch LIVE“. Auch er erlaubt seinem Publikum, sich „live“ im Programm dazuzuschalten, etwa mit Kommentaren, oder indem er sich über Video mit ihnen verbindet und sie so direkt ins Programm einbindet.

Natürlich gab es auch vor Dave Hendricks und seiner „Wunnerfitz Schtunn“ schon Radioprogramme in Mundart. Ein sonntäglicher Gassenhauer war zum Beispiel „Assebe un Sabina“, eine wöchentliche Hörspielserie mit dem Fokus auf dem bäuerlichen Alltag der Pennsylvania-Deutschen. Das Programm lief auf WSAN in Allentown (PA) von 1944 bis 1955. Aber das war eben ein produziertes Hörspiel, keine Live-Sendung.

Die Sendung kann man sehen, wenn man hier klickt.

Von daher würde ich schon eine direkte Linie von William Betz und Dave Hendricks über Allan Musser und Dorothy Fry zu Douglas Madenford und seinem Freund und Show-Kollegen Chris LaRose ziehen. Und William Betz setzte mit seinen Geschichten qualitativ den Maßstab, an dem die Jüngeren sich orientieren können.

Der Pälzylvanier

Florence Baver – Die Museumsgründerin

Florence Baver (1911-1999) im Sommer 1994 in Topton (PA)

Als wir 2003 bei der Gründung des Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreises e.V. vor der Frage standen, welches Logo der neue Verein haben sollte, wurden eine ganze Reihe von Optionen diskutiert. Am Ende entschieden wir uns für ein pennsylvanisch-deutsches Signet, das in der Mitte ein Herz zeigt, aus dem rechts und links jeweils eine Tulpe sprießt. Es war das Logo des „Pennsylvania Dutch Folk Culture Centers“ in Lenhartsville gewesen, das Mitte der 1990er Jahre schließen musste.

Die Gründerin, Florence Baver (1911-1999), hatte ich gemeinsam mit meinem Freund Peter Fritsch (1945-2015) im Jahr 1994 in ihrem Haus in Topton besucht. Vor uns saß eine 83jährige Frau, die mit guter Erinnerung und fester Stimme aus ihrem pennsylvanisch-deutschen Leben erzählte.

Sie war Grundschullehrerin gewesen und interessierte sich mit ihrem Mann Russell für pennsylvanisch-deutsche Traditionen und Artefakte. Sie fuhren überall herum und kauften, was sie bekommen konnten. „Wann du deitsch schwetze kannscht“, erzählte sie, „hoscht en Fuss in die Deer ghatt bei de Leit.“ Wenn ihr Mann dann zum Eigentümer sagte: „Ich hab gsehne, dihr hennd alter Schtofft do bei eich in die Scheier … deetscht ebbes drum gewwe, wann ich mol en wennich guck, was es iss?“, erhielt er meist zur Antwort: „Geh anne, mer verbrenne sell ennihau!“ So kamen sie günstig an „Farm Equipment“. Schwieriger war es bei Büchern. Oft gab es bei Buchauktionen aus Nachlässen („Fendus“) Kisten, die man nur komplett kaufen konnte – auch wenn man sich nur für ein oder zwei Bücher interessierte. Aber die Sammlung wuchs.

Florence engagierte sich in den 1950er und 1960er Jahren intensiv beim Kutztown Folk Festival, das 1950 von Prof. Don Yoder, Prof. Alfred Shoemaker und Prof. William Frey gegründet worden war. Aber Anfang der 1960er Jahre muss es Streitigkeiten gegeben haben mit „Craftsmen“ (Folk Art – Künstlern), die in der Berks Guild of Craftsmen engagiert waren. Worum es genau ging, hat Florence nicht erzählt. Aber es war der Impuls, das Kutztown Folk Festival zu verlassen und nur etwa fünf Meilen entfernt in Lenhartsville (PA) eine neue Gesellschaft zu gründen und ein „Pennsylvania Dutch Folk Culture Center“ aufzubauen. Das war 1965.

Sukzessive errichteten sie dort, quasi vor den Toren von Kutztown, ein Zentrum mit One-Room School („Eeschtubbich Schulhaus“), Blockhütte, Museum, Scheune mit Farm Equipment , Bücherei und Gift Shop. Ein besonders engagierter Mitstreiter war Paul Wieand (1907-1993) gewesen – ein Kunstlehrer, Volkskünstler und Autor pennsylvanisch-deutscher Mundart-Theaterstücke. Ein interessanter Mann, den ich selbst leider nicht persönlich kennenlernte.

Programm des PA. Dutch Folk Culture Center

1990 feierte der Verein, der mittlerweile ein ganzes kleines Museumsdorf betrieb, seinen 25. Geburtstag. Die meisten Mitglieder waren in die Jahre gekommen, und der Betrieb war immer schwieriger aufrechtzuerhalten. Florence wandte sich unter anderem an Richard Druckenbrod (1929-2003) in der Hoffnung, mit ihm gemeinsam an einer Lösung für die Zukunft arbeiten zu können. Der langjährige Präsident der Pennsylvania German Society winkte ab mit der Begründung, er verstehe etwas von Büchern und dem Verlagswesen, aber nichts vom Führen eines Museumsdorfs.

1991 gründete Prof. David Valuska in Kutztown das „Pennsylvania German Cultural Heritage Center“. Es war viele Jahre in einem Trailer auf dem Gelände einer Farm untergebracht, die der Kutztown University gehörte. Hintergrund der Gründung war eine Schenkung: Dr. Ruth Freyberger (1912-2002) war eine renommierte amerikanische Kunstpädagogin, Professorin, Künstlerin und Philanthropin. Sie engagierte sich ihr Leben lang für den Erhalt der pennsylvanisch-deutschen Kultur. Aus dem Geld wurde ein „Freyberger Professor“ finanziert, und David Valuska war der erste, der dieses Position ausfüllte. Und so kam es zu einem Kontakt zwischen Valuska und Baver. Zunächst ging es darum Studierende zu finden, die im Sommer auf dem Gelände in Lenhartsville als Tour Guide arbeiten würden. Die erste Idee, dafür „University Credits“ zur Verfügung zu stellen, also die Leistungen universitär anzuerkennen, funktionierte nicht. Denn die jungen Leute wollten im Sommer keine Credits verdienen, sondern Geld. So wurden sie bezahlt. Dies funktionierte zunächst leidlich und dann von Jahr zu Jahr schlechter. Das Museumsdorf musste schließen, und es kam zu einer Vereinbarung zwischen Verein und Universität, dass die Artefakte auf das Pennsylvania German Cultural Heritage Center übertragen wurden. Das war Mitte der 1990er Jahre.

Deitsch Eck Restaurant (ca. 2000)

1997 schließlich verkaufte der Verein ein Gebäude in Lenhartsville, das sich an einer Kreuzung mitten im Ort befindet. Der neue Eigentümer eröffnete in diesem Haus das „Deitsch Eck“-Restaurant, das noch heute in Betrieb ist. Authentischer als hier kann man nicht pennsylvanisch-deutsch essen.

Ich hatte Florence bei unserem Besuch übrigens auf das schöne Vereinslogo hingewiesen, das sich auf einer alten Broschüre gefunden hatte. „Mier yuuse sell nimmi“, hat sie geantwortet. Und: „Wann du es gleiche duhscht (wenn es dir gefällt), kannscht des yuuse, wannd witt.“ Das haben wir bei der Gründung des Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreises e.V. im Mai 2003 in Ober-Olm dann auch getan. Grooss Dank, Florence!

Hier kann man sich ein Interview mit Florence Baver aus dem Jahr 1992 anhören, das Prof. Bill Donner – der aktuelle „Freyberger Professor“ der Kutztown University – geführt hat.

Der Pälzylvanier

Richard Druckenbrod – Der Kompromisslose

Richard Druckenbrod (1929-2003)

Prof. C. Richard Beam (1925-2018) hatte darauf bestanden, dass ich Richard „Drucky“ Druckenbrod gleich bei meinem ersten Aufenthalt in Pennsylvania im Jahr 1994 kennenlernte. Er wohnte in Allentown, und wenn ich mich zurückerinnere, ist es mir heute noch ein Rätsel, wie ich all die Adressen meiner Gesprächspartner ohne Navigationsgerät – und nur mit gedruckter Straßenkarte ausgestattet – überhaupt finden konnte. Die Straßenführung in den USA ist für einen Europäer oft abenteuerlich. Im Fall des Hauses von „Drucky“ war die Straße durch einen Friedhof unterbrochen. Sie endete unvermittelt, und erst wenn man über verschiedene andere Wege um das Hindernis herumgekommen war, ging sie ebenso unvermittelt wieder weiter. Wie auch immer: Ich fand ihn und besuchte ihn bis zu seinem Tod im Jahr 2003 mehrere Male. Meist gingen wir miteinander essen.

Richard Druckenbrod (1929–2003) gehörte zu den prägenden Persönlichkeiten der pennsylvanisch-deutschen Szene in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er war Pfarrer, Lehrer, Historiker und Schriftsteller – vor allem aber ein leidenschaftlicher Vermittler der deutschen Sprache und Kultur Pennsylvanias.

Druckenbrod wurde am 29. Mai 1929 in Reading, Pennsylvania, als Sohn von Harry Eberly Druckenbrod und Kathryn Reisch geboren. Seine Schulzeit verbrachte er in Denver, Pennsylvania, wo er 1947 die High School abschloss. Anschließend studierte er am Franklin and Marshall College in Lancaster.

Ein wichtiger Schritt in seiner akademischen Laufbahn war ein Fulbright-Stipendium im Jahr 1951, das ihn an die Universität Graz nach Österreich führte. Der Aufenthalt brachte ihn unmittelbar mit der europäischen deutschen Sprach- und Kulturwelt in Kontakt. Etwa zur gleichen Zeit studierte Dick Beam, der ein Cousin zweiten Grades von „Drucky“ war, in Salzburg. Die Liebe zur deutschen Sprache und Kultur blieb beiden ein Leben lang erhalten. Nach seiner Rückkehr studierte Druckenbrod am Lancaster Theological Seminary und wurde 1954 Pfarrer der United Church of Christ.

Seine geistliche Tätigkeit blieb jedoch nur ein Teil seines Wirkens. Druckenbrod entwickelte sich zu einem engagierten Vertreter des Pennsylvania-Deutschen und setzte sich dafür ein, dass die Sprache nicht nur als Relikt der Vergangenheit betrachtet wurde, sondern als lebendige Ausdrucksform erhalten blieb. Von 1980 bis 1992 war er Präsident der Pennsylvania German Society. Damit stand er über mehr als ein Jahrzehnt an der Spitze einer der wichtigsten Organisationen zur Erforschung und Pflege der Geschichte, Sprache und Kultur der Pennsylvania Germans. Das ist für diesen Verein ein ziemlich langer Zeitraum. Dabei, so erzählten mir Zeitgenossen, war „Drucky“ in seinen Ansichten oft kompromisslos und bei der Vereinsführung bisweilen nicht zimperlich. Durch die Kenntnis des Hochdeutschen, das er immer auf den Begriff „Hofdeutsch“ zurückführte, fühlte er sich in seinen Bewertungen des Dialekts – und wie dieser gesprochen und geschrieben werden müsse – immer sehr sicher. Da er auch vehement für diese Position eintreten konnte, hatte er bei manchen Veranstaltungen ab einem bestimmten Punkt Hausverbot. Zwischen 1978 und 1985 schrieb er für die Zeitung The Morning Call in Allentown regelmäßig die Kolumne „Es Deitsch Schtick“. Unter seinem Pseudonym Pit Schweffelbrenner schrieb er über Sprache, Alltag und Kultur und erreichte damit ein breites Publikum.

Seine berufliche Laufbahn war ungewöhnlich vielseitig. Druckenbrod war Professor für Theologie am Cedar Crest College in Allentown und lehrte zudem am Franklin and Marshall College in Lancaster. Gleichzeitig blieb er über Jahrzehnte als Pfarrer tätig. Seine letzte größere Pfarrstelle hatte er bis 1980 an der St. John’s United Church of Christ in Howertown inne. Danach arbeitete er noch fast zwei Jahrzehnte als Interims- und Aushilfspfarrer, bevor er sich 1998 endgültig zur Ruhe setzte. Für seine Verdienste um die Bewahrung der Geschichte und Kultur der Pennsylvania-Deutschen wurde Druckenbrod 1991 vom Commonwealth of Pennsylvania ausgezeichnet.

Als Richard Druckenbrod 2003 starb, hinterließ er das Bild eines ungewöhnlich vielseitigen Kulturvermittlers. Er verband Kirche, Wissenschaft, Sprache und regionale Identität miteinander. Gerade diese Verbindung machte ihn zu einer wichtigen Stimme der pennsylvanisch-deutschen Kultur des 20. Jahrhunderts.

Der Pälzylvanier

Jennifer Trout – Die Managerin

Jennifer Trout bei einem Essen am Franklin & Marshall College (Lancaster, PA) im Jahr 2007

Es gab eine Zeit, da glaubten einige Menschen nicht mehr daran, dass das große pennsylvanisch-deutsche Wörterbuchprojekt „The Comprehensive Pennsylvania German Dictionary“ (11 Bände, 2004-2007) überhaupt beendet würde. Anfang der 2000er Jahre hatte Dick Beam, Direktor des „Centers for Pennsylvania German Studies“, schon über 40 Jahre an der Millersville University Lexeme gesammelt. Hunderte von Gesprächen hatte er mit – meist gemeinsam mit seiner Frau Dorothy – in Lancaster County und anderen Regionen der USA sowie Kanada bereits geführt, doch bis zu diesem Zeitpunkt war nichts erschienen. Dick stand kurz vor seinem 80. Geburtstag, und sein Assistent Yoshua „Yossi“ Brown war kurz vor der Beendigung seines Studiums. Es war klar, dass er nicht ewig in Lancaster County bleiben würde. Doch dann überreichte der Postbote mir eines Tages im Jahr 2004 „Band 1 (A)“, herausgegeben von Dick Beam und Yoshua Brown. Dem Buch folgte 2005 noch „Band 2 (B)“. Dann musste Yossi weg. Und wieder machten sich Dick Beams Freunde Gedanken, wie es weiter gehen würde. Doch es dauerte keine vier Wochen, dann hielten wir „Band 3 (C, D, E) in Händen, herausgegeben von Dick Beam und Jennifer Trout.

„Die Tschenni“ kannte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Doch bei meinen späteren Besuchen wurde mir schnell klar, dass ohne sie dieses Lebenswerk niemals zu einem Ende gekommen wäre. Nicht nur, dass Jennifer die Umsetzung der Wortkarteien in Wörterbuchartikel übernahm. Sie wurde mit der Zeit auch mehr und mehr zur Managerin von Dick und Dorothy Beam. Gleichzeitig, das darf man sagen, sahen die Beams sie auch zunehmend als die Tochter, die sie selbst nie hatten. Für uns Außenstehende war es beruhigend, Jennifer an der Seite der Beams zu wissen. Wie ein Uhrwerk lief die Produktion weiter, und so konnten bis 2007 alle 11 Bände des Wörterbuchs in Druck gehen, verlegt von Masthof Press (Lancaster County).

Jennifer, die selbst gelernte Deutschlehrerin ist, blieb auch danach an Dick und Dorothys Seite, und es wurden in den Folgejahren noch eine Reihe kleinerer Buchprojekte umgesetzt. Daneben erschienen Ausgaben des „Journals of the Center for Pennsylvania German Studies“.

2015 flog ich nach Pennsylvania, um mit Dick Beam am 15. Februar seinen 90. Geburtstag zu feiern. Er war alt, aber guter Dinge – etwas hilfebedürftig, aber geistig topfit. Ab 2017 ging es ihm deutlich schlechter. Jennifer informierte mich von Zeit und Zeit. Ich flog nach Pennsylvania, um ihn noch einmal zu treffen. Es war das letzte Mal. Im Januar 2018 schrieb Jenny, dass er im Krankenhaus sei und es ihm deutlich schlechter gehe. Kurz danach starb Dick Beam. Jennifer blieb an der Seite von Dorothy Beam. Auch sie feierte 2024 noch ihren 90. Geburtstag. Dann starb sie.

Dick Beam würde sagen: „Mer warefe all unser deitsche Schtrohhiet in die Heh un saage Grooss Dank zu die Tschenni fer alles, ass sie geduh hot!“ Und dem würde ich nichts hinzufügen wollen.

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Luella Reed Sebo – Die Facebook-Trainerin

Luella Reed Sebo beim „Schreiwerfescht“ auf der Seminar Stage (Kutztown Folk Festival 2017)

Pennsylvanisch-Deutsch war über 200 Jahre lang eine überwiegend regional gesprochene Mundart im Südosten Pennsylvanias und den Tochtersiedlungen in Ohio, Indiana, Illinois und weiteren Staaten. Geschrieben wurde die Varietät nur von wenigen Sprechern, denn – das wissen wir alle – das mit der Verschriftlichung von Dialekten ist so eine Sache. Noch einmal komplizierter wird es, wenn das den Dialekt überdachende System nicht Standarddeutsch ist, sondern Englisch. Wer versteht „Air Light We Gates“ sofort als „Ehr Leit, wie geht’s?“ Man sieht sofort das Problem.

Luella Reed Sebo gebührt das Verdienst, den vielen Amerikanern pennsylvanisch-deutscher Herkunft ohne Dialekt-Sprachkenntnisse in Facebook eine Plattform zum Erlernen der Sprache gegeben zu haben: „En Daeglichi Deitschi Dos – A Daily Dose of PA Dutch“. Fast 5.000 Mitglieder tummeln sich in dieser Gruppe, in der Luella nahezu täglich neue Sprüche und pennsylvanisch-deutsche Wörter hochlädt. Auf diese Weise gibt sie auch Amerikanern eine Chance, in Kontakt mit ihrer Herkunft zu kommen, die nicht mehr im historischen Sprachgebiet des Pennsylvania Dutch Country leben.

Daneben unterrichtet die heute fast 80jährige auch Live-Kurse, wenn ihre Zeit es zulässt. Ich habe Luella ab 2010 immer wieder beim Kutztown Folk Festival getroffen, wo sie am Schreiwerfescht teilnahm. Organisiert wurde diese Veranstaltung ab 2006 bis zum Ende des Festivals 2024 von Dr. Bill Donner und Edward Quinter.

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Dorothy Eberly Fry – Die Geschichtenerzählerin

Dorothy Eberly Fry (1914-2012) im Jahr 1994 auf dem „Katzebuckel“

„Es sind die ganz Alten, von denen man am meisten lernen kann.“ Das ist kein Satz von mir, sondern von C. Richard Beam (1925-2018). In den 1990er und 2000er Jahren begleitete ich ihn bei seinen Besuchen in Pennsylvania zu Sprecherinnen und Sprechern des Pennsylvania-Deutschen. Dick hatte seinen Cassetten-Recorder dabei und nahm auf, was er erzählt bekam. Ihn interessierten am meisten die verwendeten Wörter, weil er sein Wörterbuch-Projekt vorantrieb. Mich interessierten darüber hinaus die Geschichten, die erzählt wurden. Ganz oft war es so, dass mich die „Schtoris“ irgendwie an etwas erinnerten, was ich schon in der Pfalz gehört hatte. Aber sie waren allenfalls ähnlich, selten identisch. Ich spürte schnell, dass da eine Differenz war, und erklärte sie mir mit der 300jährigen Trennung der Menschen „hiwwe“ und „driwwe“.

Oft besuchte ich mit Dick Beam seine Bekannte Dorothy Fry (1914-2012) in ihrem kleinen Häuschen direkt auf dem „Katzebuckel“ bei Ephrata. Sie lebte dort auf dem Gelände einer Seniorenresidenz – unterstützt, aber selbstbestimmt. Ich erinnere mich an Besuche 1994, 1996, 2000, 2002, 2005, 2007 und 2010. In den ersten Jahren lief meist das Aufnahmegerät mit. Später hatte Dick Wortlisten dabei und stellte konkrete Nachfragen zur Bedeutung und Verwendung einzelner Begriffe. Natürlich wurde Dorothy, die schon bei meinem ersten Besuch 80 Jahre alt war, auch nicht jünger. Aber sie blieb sehr lange rege und erfreute sich guter Gesundheit.

Dorothys Geschichten waren meist lustig – aber sie hatte auch etliche Schauergeschichten auf Lager. Meist begannen ihre Schtoris mit einer konkreten Person, z.B. „Der XY vun Langschwamm hot mol verzehlt, ass …“ – und dann kam die Geschichte. „Oral History“ nennt man das im wissenschaftlichen Kontext. Sie erzählte von Begebenheiten im 20. Jahrhundert, und wenn sie ihre Eltern und Großeltern als Gewährspersonen nannte, reichten die Geschichten weit ins 19. Jahrhundert zurück. Natürlich erzählte sie nicht nur von historischen Begebenheiten, sondern auch aus dem Bauernleben des Pennsylvania Dutch Country. So entfaltete sich Zug um Zug ein ganzes Universum – ein Netzwerk aus Menschen, Bräuchen und Geschichten. Dann tauchten Erzählungen rund um Grundsau-Daag und Elbedritsche-Jagden auf. Sie sprach von Fasnacht, Oschtre, vom Säen, Pflanzen und Ernten und auch vom Belznickel und Grischtdaag. „Was mer geduh henn Yaahre zerick …“ war ein weiterer Satz, mit dem sie ihre Geschichten begann.

Natürlich merkte ich schnell, dass Dick Beam und Dorothy Fry ein besonders enges freundschaftliches Verhältnis hatten. Den Grund erzählte er mir nach dem ersten Besuch: Dorothy war eine Schülerin seiner Mutter Marcella Slabach Beam (1902-1958) gewesen – und damit also ein Bindeglied zu seiner sehr früh verstorbenen Mutter, der er sehr dankbar war. „Des glee Ding kann net lewe …“ war der Ausspruch einer Großmutter von Dick gewesen, als sie den viel zu früh geborenen „Charles Richard“ am 15. Februar 1925 im Heim an der „Rot Kuh“ in Lancaster County zum ersten Mal sah. Aber Mutter Marcella kümmerte sich aufopferungsvoll um die Frühgeburt, und als der Frühling einzog, hatte sie es geschafft. Ihr Sohn überlebte und sollte fast 93 Jahre alt werden.

Deshalb fragte Dick bei unseren Besuchen Dorothy oft, was diese noch aus ihrer Schulzeit bei seiner Mutter aus der Zeit vor Dicks Geburt erinnerte. Und wieder entspannen sich Geschichten aus einer Region, in welcher der bäuerliche Alltag noch weitgehend komplett pennsylvanisch-deutsch war. Später zog die Familie mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder John (der ebenfalls fast 90 Jahre alt wurde) nach Ephrata, wo Dick Beam aufwuchs. Er zeigte mir sein Elternhaus und die Straßen, in denen er als Bub spielte. Seine Jugend endete nach dem Abschluss der High School. 1943 wurde er zum Militär eingezogen und nach Europa verschifft, um gegen Hitler zu kämpfen.

Dorothy Eberly Fry wurde „Schulmeeschtern“ in Lancaster County und heiratete – blieb aber kinderlos. Ihre Geschichten sind auf Band verewigt. Ich hoffe, sie haben den Weg in ein Archiv gefunden.

Der Pälzylvanier