Meine Damen und Herren, liebe Freunde von „Hiwwe wie Driwwe“,
dreißig Jahre. Das ist zunächst nur eine Zahl. Für mich aber steckt darin viel mehr: dreißig Jahre Begegnungen, dreißig Jahre Sprache, dreißig Jahre Projekte verschiedenster Art. Und damit bin ich schon beim Titel: „Hiwwe wie Driwwe“ – hüben wie drüben. Drei Wörter, die eigentlich schon das ganze Programm enthalten.
Der Titel stammt aus einem Mundarttheaterstück, das in den 1990er Jahren im Ludwigshafener Hemshof gespielt wurde. Das wurde zu einem Leitgedanken. Wir wollten nie über Pennsylvania berichten wie über ein fernes Ausland. Wir wollten Nachbarschaft schaffen – auf Augenhöhe. Hier die Pfalz, dort Pennsylvania. Hier das Pfälzische, dort das Pennsylvaniadeutsche.
„Hiwwe wie Driwwe“ war für mich von Anfang an auch eine kulturpolitische Aussage. Denn viele in der Pfalz hatten die Auswanderer weitgehend vergessen oder sie als Menschen betrachtet, die irgendwann „drüben“ verschwunden waren.
Ziel war ein anderer Blick: Sie sind noch da. Ihre Sprache ist noch da. Ihre Geschichten sind noch da. Und uns verbindet etwas – eine gemeinsame Vergangenheit und gemeinsame kulturelle Wurzeln.
Ich weiß natürlich, dass die Gleichung „Pennsylvanideutsche = Pfälzer in Amerika“ so nicht stimmt. Viele andere Einflüsse – aus der Schweiz, dem Elsass, Baden, Württemberg, dem niederdeutschen Sprachgebiet und auch England, Schottland und Irland – haben die Kultur der Pennsylvaniadeutschen geprägt. Es war eine bewusste Entscheidung, sich auf die pfälzischen Aspekte zu konzentrieren und zu schauen, was wir als Pfälzer in der Beschäftigung mit dem Pennsylvania über uns selbst lernen können.
Was fehlte, war eine dauerhafte Infrastruktur: ein Netzwerk, ein Archiv und eine Verbindung, die nicht an einer einzelnen Person endet. Die ersten Fäden nahm ich 1993 auf. Damals entstand die Zusammenarbeit mit dem Center for Pennsylvania German Studies der Millersville University. Wir wollten zunächst ein Deutsch-Pennsylvanisches Archiv aufbauen. Auch das Auswanderermuseum Oberalben wurde zu einem wichtigen Partner. Aus diesen ersten Fäden wurde langsam ein Netz. Die erste Ausgabe der Zeitung erschien im Januar 1997.
Unser Ziel war klar: Wir wollten Menschen verbinden. Die deutschsprachigen Gruppen in Pennsylvania – und vor allem die Menschen hüben und drüben, deren Geschichte über die Auswanderung verbunden ist. Die ähnliche Mundart sollte dabei die Brücke sein.
Das Pennsylvaniadeutsche ist keine schlechte Kopie des Deutschen und keine bloße Folklore. Es ist eine lebendige Sprachvarietät mit eigener Grammatik, eigener Literatur und eigenen Sprechern. Entstanden in Nordamerika, vor allem auf Grundlage des Pfälzischen, wurde es durch andere deutsche und schweizerische Einwanderer und durch das Englische geprägt.
Mehr als hundert zeitgenössische pennsylvaniadeutsche Autoren haben inzwischen in „Hiwwe wie Driwwe“ veröffentlicht, dazu zahlreiche pfälzische Mundartdichter. So ist die Zeitung selbst zu einem lebendigen Archiv der Mundartliteratur geworden. Etwa 1.600 Menschen wurden in dieser Zeit in der Zeitung namentlich erwähnt. Deshalb ist „Hiwwe wie Driwwe“ auch ein Spiegel der kulturellen Szene in Pennsylvania von den 1990er Jahren bis in die 2020er Jahre.
Parallel dazu wuchs unser Archiv. Aus einer privaten Sammlung wurde ein Bestand von rund 1.500 Büchern, Ton- und Videodokumenten und etwa 16.000 pennsylvaniadeutschen Schrifttexten. Zwischen 2016 und 2022 wurde dieses Archiv Schritt für Schritt in die Bibliothek des Mennonitischen Forschungszentrums auf dem Weierhof überführt. Mittlerweile ist es wissenschaftlich erschlossen. Damit wurde aus einer privaten Sammlung ein Forschungsbestand, der öffentlich zugänglich ist. Doch eine Zeitung und ein Archiv allein tragen ein solches Projekt nicht dreißig Jahre lang. Dafür braucht man Menschen – und ein Netzwerk.
2003 entstand der Deutsch-Pennsylvanische Arbeitskreis. Das Pennsylvania German Cultural Heritage Center der Kutztown University wurde zu einem wichtigen Partner. 2011 kam ein Literaturpreis in Bockenheim hinzu. Wir haben Kinderbücher veröffentlicht – denn eine Sprache hat nur dann Zukunft, wenn Kinder sie entdecken.
Und Sprache muss nicht nur gelesen werden. Sie muss gehört werden. Deshalb gibt es seit 2013 die Folkband „New Paltz“, die als „Hiwwe wie Driwwe Folkband“ das Pennsylvaniadeutsche auf die Bühnen hier bei uns bringt.
Seit 2008 holen wir Pennsylvania regelmäßig in die Pfalz. Künstlerinnen und Künstler kommen zu uns, besuchen Oberalben, Ober-Olm, Bockenheim und den Deutsch-Pennsylvanischen Tag und treten vor Publikum auf.
Seit 2019 geht die Reise auch in die andere Richtung. Die Pennsylvania Tour führt pfälzische und deutschsprachige Künstler nach Pennsylvania, unter anderem zum Kutztown Folk Festival.
Dann gab es zwei Kinodokumentationen, die mehr als 50.000 Zuschauer gesehen haben: Hiwwe wie Driwwe 1+2.
Auch digital sind wir früh losgegangen. 2002 ging „Hiwwe wie Driwwe“ online. Heute kommen Sprachkurse, Blogs, Archivtexte und unser YouTube-Kanal hinzu.
Warum gibt es „Hiwwe wie Driwwe“ nach dreißig Jahren noch? Ich glaube, die Antwort ist einfach: Wir wollten nie eine tote Sprache konservieren. Wir wollten eine lebendige Sprache sichtbar machen.
„Hiwwe wie Driwwe“ ist ein Angebot. Die Zeitung ist dabei heute nur noch ein Aspekt von vielen. Aus einer kleinen Idee ist eine Infrastruktur geworden. Eine Brücke, die viele Menschen gemeinsam tragen.
Wenn ich heute auf diese dreißig Jahre zurückblicke, denke ich deshalb nicht zuerst an eine Zeitung. Ich denke an Gesichter. An Begegnungen. An Menschen, die sich über den Atlantik hinweg verstanden haben.
Drei Dinge braucht es, damit diese Brücke auch weiter existieren kann:
Erstens Menschen, die Lust haben, sich bei diesem Thema zu engagieren – auch im Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreis und dort auch im Vorstand!
Zweitens Toleranz. Auch wenn uns Geschichte, Kultur und Sprache auf beiden Seiten des Atlantiks verbinden, sind wir als Deutsche und Amerikaner unterschiedlich geprägt. Das muss man aushalten.
Und drittens Geduld. Oft möchten wir gerne schneller vorankommen und intensiver zusammenarbeiten als unsere Partner auf amerikanischer Seite. Ein gemeinsames Vorankommen funktioniert aber nur, wenn wir jeweils akzeptieren, das anzunehmen, was die Partner zu geben bereit sind – und nicht mehr verlangen, als sie leisten können.
Ich danke allen, die diese Brücke in den vergangenen dreißig Jahren mitgebaut haben – allen voran dem heutigen Mitherausgeber von „Hiwwe wie Driwwe“: Patrick Donmoyer. Ein Freund, der entgegen der ursprünglichen Planung heute leider nicht dabei sein konnte. Ich werde ihm von der Veranstaltung berichten.
Michael Werner, Herausgeber





















































































