Dialektstrategie RLP

RLP mit Moselfränkisch (4 = nördl.; 5 = südl.) und Rheinfränkisch (6)

Von Michael Werner (Hiwwe wie Driwwe)

Vorwort

Der größte Reichtum von Rheinland-Pfalz ist seine Vielfalt – die Vielfalt der Landschaften zwischen Eifel und Pfälzerwald und die Vielfalt seiner Menschen, die sich in ihren Dialekten widerspiegelt. In einer Zeit globaler Mobilität ist der Dialekt für viele ein Stück Identität. Akzeptanz gegenüber Mundarten ist somit ein Teil des Respekts vor der Identität des Mitmenschen. Zugleich fördern Dialekte als Form der inneren Mehrsprachigkeit das Erlernen weiterer Sprachen.

In den Jahren 2022-2024 wurde der „Kulturentwicklungsplan Rheinland-Pfalz (KEP RLP) erarbeitet. Im Ergebnisbericht (Februar 2024) kommen die Begriffe „Dialekt“ und „Mundart“ nicht vor.

Der nachfolgende Vorschlag ist dabei dem „Bockenheimer Manifest für Vielfalt und Toleranz“ aus dem Jahr 2024 verpflichtet, dem sich mehr als 180 Künstlerinnen und Künstler im Bereich Mundart angeschlossen hatten. Hierin heißt es wörtlich: „Wir Kulturschaffende im Bereich Mundart wünschen uns, dass die Pfalz ein Ort bleibt, der Vielfalt begrüßt und Toleranz lebt. Wir fühlen uns bereichert durch Menschen, die in den letzten Jahrzehnten aus anderen Teilen Deutschlands, aus Europa und der ganzen Welt zu uns gekommen sind, um zu bleiben und in der Pfalz eine Heimat zu finden. Sie brachten neue Perspektiven, Traditionen und Ideen mit, die uns allen zugutekommen. Unsere Heimat hat in den vergangenen Jahrhunderten mit offenem Herzen immer auch jene aufgenommen, die Zuflucht gesucht haben. Wir möchten, dass das auch in Zukunft so bleibt. Gemeinsam wollen wir die Zukunft gestalten. Und deshalb sagen wir laut: Uffbasse! Bloß net nochemol!“ Mit anderen Worten: Mundarten bedeuten sprachliche Vielfalt, und gleichzeitig bereichert gesellschaftliche Vielfalt auch die Mundarten und das Zusammenleben in Rheinland-Pfalz insgesamt. Der nachfolgende Vorschlag orientiert sich an der bereits verabschiedeten Dialektstrategie Baden-Württemberg und den Richtlinien der Mundartförderung in Hessen.

I. Einführung

a. Ziele der Dialektstrategie Rheinland-Pfalz setzt sich zum Ziel, die rheinfränkischen und moselfränkischen Dialekte zu bewahren, zu fördern und zu stärken. In Zeiten von Globalisierung und Medienrevolution wächst das Bedürfnis der Menschen nach Halt und Beheimatung. Wer Mundart spricht, verweist auf seine Herkunft und stärkt seine persönliche sowie regionale Identität.

b. Gegenstand der Dialektstrategie Besonders prägend für Rheinland-Pfalz sind die historisch verankerten Dialekte, die sich grob in zwei große Familien unterteilen lassen:

  • Rheinfränkisch: Vorwiegend in der Pfalz, Rheinhessen und an der Nahe gesprochen.
  • Moselfränkisch: Beheimatet in der Eifel, im Hunsrück und im Westerwald.

Diese Dialekte gehören zu den mitteldeutschen Mundarten, welche die zweite Lautverschiebung nur teilweise durchgeführt haben. Die Strategie berücksichtigt dabei die kleinräumigen Unterschiede im Vokalismus, der Grammatik und der Wortgeographie (z. B. regionale Bezeichnungen für Alltagsobjekte).

Dazu kommen noch einige kleinere Gebiete, in denen Ripuarisch (Ahrtal an der Grenze zu NRW) und Südfränkisch (im Südosten von Rheinland-Pfalz rund um Wörth). Ein Sonderfall stellt Lothringisch dar, das als eigenständige rheinfränkische Mundart in einigen Gemeinden an der pfälzisch-französischen Grenze gesprochen wird.

c. Träger der Dialektstrategie Dialekt ist ein gesellschaftliches Phänomen, das aus der Sprechpraxis der Bevölkerung entsteht. Rheinland-Pfalz setzt daher auf das Engagement der Bürgergesellschaft und möchte organisch gewachsene Sprachpraxis schützen, statt staatliche Sprachvorgaben zu machen.

II. Die Strategie im Einzelnen

a. Wissen erhalten und stärken Um das immaterielle Kulturerbe zu schützen, muss man es kennen.

  1. Universitäre Forschung: Forschungsstellen für Dialektologie in Rheinland-Pfalz werden gesichert.
  2. Digitalisierung: Historische Tonbandaufnahmen und Dialektarchive sollen erschlossen und über interaktive Webportale der Öffentlichkeit und Lehrkräften zugänglich gemacht werden.
  3. Wörterbucharbeit: Die Fortführung und Online-Überführung großlandschaftlicher Dialektwörterbücher wird als wissenschaftliche Dokumentation des Wortschatzes unterstützt. Hier ist vieles erreicht, aber manches noch offen.

b. Sichtbarkeit verschaffen

  1. Markenbildung: Eine neue Dachmarke soll die Sichtbarkeit der Mundarten erhöhen.
  2. Veranstaltungen: Das Thema Dialekt soll einen festen Platz bei den Heimattagen und Landesfesten erhalten, insbesondere mit Formaten, die gezielt junge Menschen ansprechen.
  3. Medienförderung: Die Unterstützung von Film- und Medienproduktionen, in denen authentischer Dialekt gesprochen wird, soll intensiviert werden.

c. Bildung vermitteln Dialekt ist kein Hindernis, sondern eine Bildungskompetenz.

  1. Schulen: In den Bildungsplänen wird die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Standardsprache und Dialekt als Teil der Leitperspektive „Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt“ gestärkt.
  2. Mundart in der Schule: Künstler (Autoren, Musiker) sollen regelmäßig Schulen besuchen, um in Doppelstunden oder Projekttagen die Freude am Dialekt zu vermitteln.

d. Zivilgesellschaft stärken

  1. Dachverband: Die Gründung eines Dachverbandes der Dialekte Rheinland-Pfalz wird angestrebt, um regionale Vereine (z. B. aus der Pfalz oder der Eifel) landesweit zu vernetzen.
  2. Landespreis für Dialekt: Zur Würdigung besonderer Leistungen in der Pflege und Vermittlung der Mundart wird ein dotierter Landespreis ausgelobt. Dieser wird jährlich in Kategorien wie Literatur, Musik, Neue Medien oder an „Dialektbotschafter“ vergeben.

Ober-Olm, 30. Mai 2025

Für Rückfragen stehe ich gerne zur Verfügung: info@hiwwe-wie-driwwe.de

Am 26. Dezember 2025 machte Ministerpräsident Alexander Schweitzer in einer dpa-Meldung öffentlich, dass er sich zum 80. Geburtstag des Landes Rheinland-Pfalz im Jahr 2026 eine Plenarsitzung in Mundart wünscht. "Es geht mir nicht um eine Jux-Sitzung, sondern um eine ernsthafte Debatte – es soll kein Schenkelklopfer werden", sagte Schweitzer weiter. Vielmehr könne so die Vielfalt des Landes deutlich gemacht werden (Quelle: dpa, hier veröffentlicht auf zeit.de). "Hiwwe wie Driwwe" nahm den Artikel zum Anlass, auf die bestehenden Dialektstrategien der Länder Baden-Württemberg und Hessen hinzuweisen und eine vergleichbare Initiative in Rheinland-Pfalz anzuregen. Die Antwort des Ministerpräsidenten lesen Sie, wenn Sie hier klicken.