Kategorie-Archiv: Der Pälzylvanier

Brigitte Weinsteiger: Die Einsteigerin

Brigitte Weinsteiger aus Philadelphia (PA)

Von Michael Werner

Die Lebensmitte ist eine Zeit, in der manche sich ihrer eigenen Wurzeln besinnen – oder auf die Suche nach eben diesen Wurzeln machen. Zu ihnen gehört Brigitte Weinsteiger, die in Philadelphia lebt, aber in der Region Oley in Berks County aufgewachsen ist.

Ich lernte Brigitte im Sommer 2022 kennen, als ich selbst ein Konzert in der wunderschönen Bibliothek der „German Society of Pennsylvania“ in Philadelphia gab. Nach dem Auftritt kam sie zu mir und sprach mich nach ein paar in Englisch gewechselten Sätzen plötzlich in akzentfreiem Hochdeutsch an. So etwas passiert einem in Pennsylvania wirklich nur sehr selten. Es stellte sich heraus, dass sie ebenso wie ihre Schwester Erika Instrumente spielt und auch ihr Schwager, der Ehemann ihrer Schwester, Musiker ist. Ich reagierte, wie ich immer reagiere: Spontan regte ich an, doch einmal gemeinsam Musik zu machen und ein pennsylvanisch-deutsches Programm zu erarbeiten. Wir verabschiedeten uns, und das war es erst einmal.

Etwa ein Jahr später sah ich in der monatlichen Internet-Live-Show von Douglas Madenford – „PA Dutch LIVE“ – ein Musikvideo, in dem ich Brigitte inmitten einer Band wiedererkannte. Das Lied erinnere ich nicht mehr, wohl aber den wunderschönen Chorgesang. Ich glaube auch, dass die Gruppe zu dem Zeitpunkt noch keinen Namen hatte. Die Reaktionen aus dem amerikanischen Publikum waren jedenfalls enthusiastisch.

Fernsehbeitrag der SWR Landesschau (Mainz): „Pfälzer Band aus Amerika“

Ich war elektrisiert, fand im Internet eine Mailadresse von Brigitte und schrieb sie an – mit dem Ziel, ihre Band nach Deutschland einzuladen. Seit 2008 führe ich jährlich eine „Hiwwe wie Driwwe Palatinate Tour“ durch, vier bis fünf Konzerte an vier bis fünf Tagen im Oktober. Es verging wieder eine Weile, und wir tauschten uns zu dem Thema aus. Der Plan reifte. Irgendwann stand der Bandname: The Shooflies. Und sie nahmen eine erste CD auf. Für die Reise waren viele organisatorische Hürden aus dem Weg zu räumen und die Frage der Finanzierung zu klären. Letztere war kompliziert, weil wir erstmals eine komplette Band nach Deutschland in die Pfalz einluden. Aber auch das gelang mit Hilfe uns langjährigen Partner, spendenfreudigen Einzelpersonen und Institutionen wie der Atlantischen Akademie Rheinland-Pfalz, Europe Direct und der Stadt Kaiserslautern.

So reisten Brigitte Weinsteiger, Erika und Pete Gustavson im Oktober 2025 mit vier Töchtern in die Pfalz. Die Älteste, Adelaide Gustavson, spielt in der Band Geige. Die jüngeren Mädchen wirken bei einzelnen Songs mit. Und, was soll ich sagen: Sie eroberten die Herzen der Pfalz im Sturm. Mehr als 700 Menschen kamen zu ihren Konzerten in Oberalben, Ober-Olm, Bockenheim, Altrip und Kaiserslautern. Und in Kaiserslautern beim 19. Deutsch-Pennsylvanischen Tag kamen sogar so viele, dass etwa 70 Personen aus Brandschutzgründen keinen Einlass mehr fanden. Die „Hiwwe wie Driwwe Palatinate Tour 2025“ war ein voller Erfolg, und viele fragen schon, wann die Band wieder kommt.

Wenn ich recht darüber nachdenke, ist es eigentlich verwunderlich, dass es über 30 Jahre brauchte, bis ich die Schwestern Brigitte und Erika kennenlernte. Als Kinder traten sie in den 1980ern und 1990ern in pennsylvanisch-deutschen Shows auf, die mein Freund Peter Fritsch (1945-2015) organisierte. Und Keith Brintzenhoff, ebenfalls ein guter Freund, machte in seinem frühen Erwachsenenleben mit Brigittes und Erikas Mutter pennsylvanisch-deutsche Musik. Auch besuchte ich die Oley Valley High School (PA) immer wieder einmal, unter anderem 1994, 1996, 2000, 2002 und 2005. Aber unsere Wege kreuzten sich erst in den letzten drei Jahren.

Ich hoffe, die „Shooflies“ sind nach ihrer Tour bestärkt nach Pennsylvania zurückgereist und planen schon bald neue Projekte. Wir brauchen Neueinsteiger wie Brigitte Weinsteiger und Erika Gustavson, die sich ihres Erbes und ihrer Herkunft besinnen und versuchen, die kulturellen Schätze der Vergangenheit wieder zugänglich zu machen. Mit ihren wunderschön arrangierten Liedern von „Uff de Bauerei“, „Es bucklich Maennli“ oder „Mer breichte keine Schwiegerma-ma-ma“ ist ihnen das vortrefflich gelungen.

Butch Reigart: Der Schulmeister

Butch Reigart beim ersten Deutch-Pennsylvanischen Tag im Auswanderermuseum Oberalben (2006)

Zum 75. Geburtstag

Butch Reigart hat viele Talente. Sehr ungewöhnlich für einen Amerikaner ist, dass er mehr als eine Handvoll Sprachen gut spricht, darunter Russisch und Arabisch. Und er hat eine angenehme Art, die ihm Türen öffnet – Türen, durch die er dann wiederum andere mitnimmt.

Als ich Butch, der eigentlich Keith heißt, um das Jahr 2000 herum kennenlernte, arbeitete er noch für die US Army und war in Deutschland stationiert. Wir verstanden uns gleich bei unseren ersten Treffen hervorragend, weil uns ein gemeinsames Interesse verband: das Pennsylvanisch-Deutsche. Butch transkribierte zu dieser Zeit alte pennsylvanisch-deutsche Radioprogramme von Johnny Brendel aus Rheinholds (PA) aus den 1960er Jahren. Sprachlich und volkskundlich sind diese Aufnahmen eine wahre Fundgrube, und Butch machte sie auf diese Weise wieder zugänglich.

Butch Reigart in einem TV-Interview im Jahr 2011

Nach seiner Pensionierung ließ sich „der rutschich Butch“, wie er sich in Anspielung auf seine vielen Umzüge selbst nennt, in Lancaster County nieder. Hier hielt er unter anderem Kontakt zu Dick Beam. In der Folgezeit bot er sich Amish Familien als „Fuhrmann“ an, d.h. er fuhr Menschen zum Arzt, zum Supermarkt oder einmal in die große Stadt. Es war eine „Win Win“-Situation. Die Amish kamen auch zu Zielorten, die mit einer Kutsche nicht zu erreichen waren, und Butch verbesserte sein Pennsylvania Dutch.

Butch Reigart und „Bischli Gnippli“ (Prof. C. Richard Beam) im Jahr 2015 in Millersville (PA)

Er gab sein Wissen in pennsylvanisch-deutschen Sprachkursen weiter, unter anderem an der damaligen Mennonite Historical Society in Lancaster. Später startete er einen Konversationskurs an der Muddy Creek Farm Library auf dem „Katzebuckel“ bei Amos Hoover. Alle vier Wochen treffen sich dort seit vielleicht 20 Jahren Amish, Mennoniten und weltliche Pennsylvanisch-Deutsche, um zwei Stunden miteinander in Mundart zu sprechen. Das ist, soweit ich das beurteilen kann, in dieser Form in den Vereinigten Staaten einmalig. Meist starten die Abende mit einem gemeinsamen Dialekt-Lied oder einem Gedicht, in dem es um die „Bauerei“ geht und darum, wie früher auf dem Bauernhof gearbeitet wurde. Dies ist immer ein guter Einstieg, denn dann erzählen die Menschen wie es bei ihnen war. Man sieht die Unterschiede, aber auch die Gemeinsamkeiten. Mit der Zeit entsteht das Gefühl: Wir mögen unterschiedlich sein, aber wir gehören zusammen. Ich war bei meinen Besuchen in Pennsylvania immer wieder in dieser Runde zu Gast, und 2015 feierten dort gemeinsam den 90. Geburtstag von „Bischli Gnippli“, Prof. C. Richard Beam (1925-2018). Es sind schöne Erinnerungen.

Mittlerweile ist die Organisation der Veranstaltung weitgehend auf Caleb Franks übergegangen, der vielleicht 30 Jahre jünger als Butch ist. Er führt dieses Leuchtturmprojekt mit derselben Sensibilität fort, die notwendig ist, um die Menschen zusammenzuhalten. Butch jedoch ist weiterhin ganz vorne dabei, wenn es darum geht, sein geliebtes Pennsylvania Dutch zu fördern und einer nachwachsenden Generation den Zugang zu Menschen zu verschaffen, die noch Dialekt sprechen. Ich selbst habe von seinem Netzwerk sehr profitiert. Vielen Dank!

Der Pälzylvanier

Edward Quinter: Der Literat

Ed Quinter beim Kutztown Folk Festival (2019)

Zum 75. Geburtstag

Eine Mundartszene, die stets an der Wahrnehmbarkeitsschwelle kratzt, braucht Protagonisten. Die pennsylvanisch-deutsche Kultur wird im 21. Jahrhundert im Allgemeinen mit „Amish“ gleichgesetzt – und auch die Pennsylvanisch-Deutschen selbst beschränken sich auf die Pflege ihrer weithin sichtbaren Marker: „Hex Signs“ und „Shoofly Pie“. Ich übertreibe jetzt, aber ein bisschen ist es ähnlich, wenn wir über Bayern sagen: Alle tragen Lederhosen und trinken Bier. Mit einem solchen Vorschlaghammer macht man Kultur kaputt – hiwwe wie driwwe.

In diesem Kontext braucht man Menschen, die sich um die leisen Töne – und die Zwischentöne – kümmern und Kontakt zu Menschen aufbauen, die diese erzeugen können. Ich spreche von Autorinnen und Autoren, die in pennsylvanisch-deutscher Mundart schreiben. Sie tun es, obwohl es fast keine Möglichkeit gibt, diese Texte öffentlich vorzutragen. Keine Zeitung in den USA (außer „Hiwwe wie Driwwe“) publiziert sie, und niemand druckt ein Buch, das am Ende auch niemand kaufen würde. Ein solcher Mensch ist Edward Quinter, der in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag feiert.

Ich denke, ich kenne Ed ungefähr seit 25 Jahren, und wir sprachen bisweilen über den Pfälzischen Mundartdichter-Wettstreit in Bockenheim, in dessen Jury ich seit 1998 mitarbeite. Ungefähr 2005 – also vor 20 Jahren – muss es gewesen sein, als er auf die Idee kam, etwas Vergleichbares auch beim Kutztown Folk Festival auf die Beine zu stellen. Erstmals 2006 präsentierten etwa 10 Autorinnen und Autoren auf der „Seminar Stage“ in einem gelb-weißen Zelt ihre Texte vor Publikum. Meist fanden sich um die 40 Personen ein, die diese Texte hören wollten – bei einem Festival, das täglich viele tausend Menschen anzog. Ist das wenig? Ich finde, das war ein Riesenerfolg. Ed gelang es, bis zum traurigen Ende des Festivals im Jahr 2024 immer wieder knapp ein Dutzend Schreiberinnen und Schreiber auf die Bühne zu bringen. 2025 fand die Präsentation im Rahmen der Veranstaltung zum offiziellen „Pennsylvania German Day“ am 28. Juni im „Pennsylvania German Cultural Heritage Center“ in Kutztown statt.

Ed Quinter: „En Gruuss aus Pennsylvaani“ (Weierhof, 2008) – im Vordergrund die Verstorbenen Roland Paul (1950-2023) und Hans Buch (1937-2019, Bürgermeister in Enkenbach-Alsenborn) – Zum Ansehen bitte das Bild klicken …

In der Headline habe ich geschrieben: „Der Literat“. Das ist er! Ed schreibt selbst sehr gefühlvolle und zeitlose Gedichte, die sicherlich zum besten zählen, was man derzeit in der „Mudderschprooch“ lesen kann. Aber er bringt eben auch andere Autorinnen und Autoren zusammen, um gemeinsam Texte zu präsentieren. Das ist wirklich besonders: Ed ist ein Netzwerker, ein „Möglich-Macher“.

Damit die literarischen Gedanken nicht verloren gehen, entschieden wir uns, die Stücke nach der Präsentation in der Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“ zu publizieren, und im Jahr 2010 kam der Gedanke auf, die Bockenheimer Mundartdichter-Jury einen dieser Texte mit einem „Hiwwe wie Driwwe Award“ prämieren zu lassen. Damit war das Konzept komplett: Mündlicher Vortrag – Abdruck in der Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“ – Vergabe eines pennsylvanisch-deutschen Literaturpreises mit Urkunde.

Es braucht dabei nicht nur Menschen, die etwas beginnen – sondern auch solche, die es am laufen halten. Für beides hat Ed Quinter in den letzten rund 20 Jahren gesorgt, und dafür möchte ich mich im Namen der ganzen pennsylvanisch-deutschen Mundart Community bedanken.

Im Jahr 2018 rief mich ein verzweifelter SWR-Redakteur an und erzählte, dass die Moderatorin Susanne Nett in wenigen Tagen für eine Jubiläumssendung von „Die Rezeptsucherin“ nach Pennsylvania fliegen solle, um ein pennsylvanisch-deutsches Saumagenrezept zu finden und mit einem Einheimischen zu kochen. Ich rief kurzerhand Ed Quinter an, weil ich wusste, dass er als Deutsch-Lehrer an einer High School in Allentown in der Lage sein würde, in einer deutschen Fernsehsendung die pennsylvanisch-deutsche Kultur zu präsentieren. Und es funktionierte sehr gut. Es war eine Hau-Ruck-Aktion, aber am Ende bereiteten Susanne Nett und Ed Quinter in der Küche einer Nachbarin von Ed gemeinsam einen Saumagen zu.

Susanne Nett und Edward Quinter (2018) – Zum Abspielen des Videos bitte auf das Bild klicken

Ed Quinter beim „Schreiwerfescht“ des Kutztown Folk Festivals im Jahr 2022 (auf das Bild klicken)

Paul Brands – Der Theatermacher

Paul Brands (1941-2021)

Eine Würdigung

An Paul denke ich oft, auch wenn wir uns in den Jahren vor seinem Tod selten – und dann auch nur zufällig – gesehen haben. Aber die meisten von uns werden, wenn sie sich an die eigene Schulzeit zurückerinnern, vielleicht ein oder zwei Lehrinnen oder Lehrer benennen können, die Eindruck hinterlassen haben. Bei mir sind es sogar drei, und sie alle unterrichteten Deutsch. Paul gehörte unbedingt dazu.

Dabei war sein Unterricht, als ich ihn 1980 in der Mittelstufe erstmals als Deutschlehrer bekam, nicht sonderlich strukturiert. Und damit kann ich immer schlecht umgehen. Als sich unsere Wege 1982 zunächst wieder trennten, war ich nicht sonderlich traurig.

Doch schon 1983 trafen wir uns wieder. Er besuchte eines Abends den Musiksaal des Albert-Einstein-Gymnasiums in Frankenthal, wo wir mit unserer Schülerband probten. Er inszenierte gerade mit der Schultheatergruppe Ulrich Plenzdorfs Stück „Die neuen Leiden des jungen W.“, eine moderne Adaption von Goethes Werther-Stoff. Und hierfür suchte er eine begleitende Musikband. Natürlich waren wir Feuer und Flamme, denn die Aufführungen der Theater-AG waren immer gut besucht. Und für 1984 war mit diesem Stück eine Theater-Tour durch Frankreich geplant, die die Truppe unter anderem nach Paris und Montpellier führen sollte. Wir Musiker sagten gerne zu.

„Mr. Molotow’s Cocktail Party“ bei einem Auftritt in Frankenthal (1984)

Die Inszenierung von Paul Brands war sehr erfolgreich. Nicht nur wir Musiker hatten danach „Lust auf mehr“. Auch der Hauptdarsteller Peer Damminger wurde so vom Theater-Virus infiziert, dass er heute in Ludwigshafen die „KiTZ Theaterkumpanei“ betreibt. 1985 brachte Paul mit der Schultheatergruppe Erich Kästners „Die Schule der Diktatoren“ zur Aufführung, wieder mit großem Erfolg. Es gab Vorstellungen bei den rheinland-pfälzischen Schultheatertagen und in der Hamburger Kammgarn-Fabrik bei einem bundesweiten Theatertreffen. Wir waren mit unserer Band „Mr. Molotow’s Cocktail Party“ musikalisch mit dabei. Spätestens jetzt muss eine Hauptdarstellerin dieses Stücks ebenfalls infiziert worden sein: Petra Simon. Sie machte Karriere in der Theaterbranche und ist seit 2024 Geschäftsführerin der Nibelungen-Festspiele Worms.

Das alles – da bin ich mir sicher – hat sehr viel mit Paul Brands zu tun. Jedes Jahr fuhr er an Pfingsten zum „wild campen“ in die Carmargue, und über Jahre hinweg waren viele von uns ehemaligen Schülerinnen und Schülern dabei. Wir fuhren einfach runter nach Südfrankreich, weil wir wussten, dass wir ehemalige Mitglieder der Schultheatergruppe dort treffen würden. Ich war bis 1991 immer wieder im kleinen Ort Salin-de-Giraud, wo der Treffpunkt war – direkt am Strand. In diesem Jahr gründete Paul auch sein „Theater Alte Werkstatt“ einer ehemaligen Schreinerei in der August-Bebel-Straße in Frankenthal. Im Anschluss verschob sich sein Interesse noch ein wenig mehr von der Schule weg und hin zum Theater, und mit seiner Pensionierung wurde er zum Vollzeit-Theaterleiter. Irgendwann erfolgte der Umzug an den heutigen Standort in der Wormser Straße.

1985 – nach meinem Abitur – hatte er mich bei meiner Kriegsdienstverweigerung mit einem Referenzschreiben unterstützt, und als ich 1992 im Rahmen meiner Magisterarbeit zu „französischen Lehnwörtern im Pfälzischen“ Fragebögen auch an Schülerinnen und Schüler ausgeben wollte, machte er das möglich. Längst hatte ich im Rahmen meines Germanistik-Studiums meinen Schwerpunkt auf „Dialektologie“ gelegt. Bis heute lässt mich das Thema nicht los. Wir blieben in Kontakt, und ich gratulierte ihm noch einige Jahre zum 39. Geburtstag – weil er eine Weile mit einem verschmitzten Lächeln an dieser Zahl festhielt.

Jahre später traf ich ihn bei einer Jurysitzung des Pfälzischen Mundartdichter-Wettstreits wieder. 1998 war ich Mitglied dieses Gremiums geworden, und für zwei Jahre arbeitete er in diesem Kreis mit. Das muss um 2010 herum gewesen sein. Ich habe mich sehr gefreut.

Natürlich habe ich gehört und gelesen, dass es im „Theater Alte Werkstatt“ irgendwann Konflikte gab. Es kam zur Trennung im Unfrieden. Die Hintergründe kenne ich nicht, und sie sind für mich auch nicht von Belang. Paul Brands hat im Laufe seiner Schul- und Theaterkarriere bei ganz vielen jungen Menschen Impulse gesetzt, die ihre Lebenswege maßgeblich beeinflusst haben. Ich bin einer von ihnen. Danke, Paul!

Der Pälzylvanier

Wilhelm Hauth – Der Chef-Tritschologe

Wilhelm Hauth (1950-2025) im Auswanderermuseum Oberalben im Jahr 2015

Zum Tod von Wilhelm Hauth

„Tritsch, tritsch – uiuiuiui“ – so habe ich Wilhelm Hauth kennengelernt. Das war bei einem Vortrag in seiner Heimatstadt Landau, möglicherweise im Jahr 2010. Jedenfalls sprach er überzeugend von der Pfalz als „Elwedritsche“- und Bayern als „Wolpertinger“-Gebiet – und davon, dass er sich zu einer Expedition aufmachen wollte, um die Zwischenbereiche dieser beiden Habitate zu erforschen. Insbesondere sei er auf der Suche nach „Elwetingern“ und „Wolpertritschen“. Dann erklärte er mit dem Brustton der Überzeugung Biologie und Verbreitung beider Populationen, Mutationen und natürlich seine besonderen Fangmethoden. Auf einem nachfolgenden Vortrag wolle er seine bahnbrechenden Erkenntnisse präsentieren. „Ich werde nachweisen, dass“ kam in seiner Rede bestimmt zwei Dutzend mal vor.

Gestern habe ich gelesen, dass er im Alter von 75 Jahren verstorben ist.

Auf seinem Folgevortrag war ich nicht gewesen, aber wir waren seitdem in Kontakt und einem freundschaftlichen Austausch. Er besuchte Veranstaltungen des Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreises, und manchmal sah man ihn auch in Bockenheim bei Mundartveranstaltungen. Mich interessierte das Thema Tritschologie, und gleichzeitig wurde mir bei meinen regelmäßigen Aufenthalten in Pennsylvania immer mehr klar, dass hier etwas nicht stimmt: Die Gebräuche „hiwwe“ und „driwwe“ sind – abgesehen von der Jagd als solcher – einfach zu unterschiedlich. Die Elwedritsch in der Pfalz gilt als lustiger, aber scheuer Vogel. Die pennsylvanische Elbedritsch kommt düster-dämonisch daher, und man hält sich das, was sich dahinter verbirgt, besser vom Leib. Haus und Hof schützt man vor diesem Einfluss. Das passte nicht zusammen. Der Widerspruch löst sich erst auf, wenn man die Elbedritsch in Pennsylvania als 300 Jahre ältere Variante des fantastischen Tierwesens begreift, das man heute in der Pfalz jagt. Ich sprach öfter mit Wilhelm über das Thema, auch über meinen Entschluss, ein Buch zum Thema „Elwedritsche“ zu schreiben und der Geschichte darin auf den Grund zu gehen. Er hat mich bestärkt und das Crowdfunding noch im Januar 2025 großzügig unterstützt. Als ich ihm im April das fertige Buch schickte, blieb es jedoch unerwartet ruhig. Da ich wusste, dass seine Gesundheit seit längerem angeschlagen war, rechnete ich mit einem Anruf oder einer Mail zu einem späteren Zeitpunkt. Jetzt erreichte mich die Todesnachricht, die mich sehr traurig macht.

Wilhelm Hauth in einem Interview in Hiwwe wie Driwwe Ausgabe 2 (2012)

Denn die Pfalz verliert mit Wilhelm Hauth den unumstrittenen Chef-Tritschologen. Jahrzehntelang hat er das Jägerlatein rund um die Elwedritsche-Jagd gesponnen und vermehrt – immer ausgesprochen unterhaltsam. Als er sich im vergangenen Jahr aus dem Elwetrittche Verein Landau zurückzog, fand sich kein Nachfolger. So musste sich der Verein 2024 auflösen. Auch Gernot Rumpf (1941-2025), Schöpfer des wundervollen Elwedritsche-Brunnens in Neustadt an der Weinstraße, ist vor wenigen Wochen verstorben. Diese Daten markieren im kulturellen Leben der Pfalz eine tiefe Zäsur. Hoffentlich finden sich irgendwann Jüngere, die in die großen Fußstapfen von Wilhelm Hauth treten.

Was die wirkliche Herkunft der Elwedritsche betrifft, waren Wilhelm Hauth und ich am Ende übrigens völlig einig. Darüber sprach der listige Tritschologe mit mir aber nur unter vier Augen. Sobald die Tür aufging, die Bühne wartete und das Publikum klatschte, machte er sich wieder auf die Suche nach „Elwetingern“ und „Wolpertritschen“.

„Weidmannsheil“, lieber Wilhelm – wo immer du jetzt jagst.

Der Pälzylvanier

Heidrun Werner – Die Lotsin

Nicht verwandt und nicht verschwägert: Heidrun Werner und Michael Werner im Auswanderermuseum (2025)

Eine Würdigung

Am 25. März 2025 ging im kleinen Oberalben bei Kusel in der Westpfalz eine Ära zu Ende: Heidrun Werner, langjährige Vorsitzende und gemeinsam mit ihrem 2015 verstorbenen Mann Ekkehard „Ekkel“ Werner und weiteren engagierten Menschen im Dorf Wegbereiterin des kleinen Auswanderungmuseums, hat nach über 30 Jahren den Vorstand verlassen. Wo es viel um Schiffe und die Überfahrt in die neue Welt geht, darf man sagen: Die Lotsin geht von Bord! Mit der neuen Vorsitzenden Sabrina Werner, dem 2. Vorsitzenden Sebastian Gilcher und einem großen Team jüngerer Mitstreiterinnen und Mitstreiter übernimmt jetzt eine neue Generation die Geschicke des Museums, das 1993 gegründet worden ist und eine Erfolgsgeschichte wurde.

Und es gibt viele Ideen: Neben den traditionsreichen Veranstaltungen Ostermarkt, Irish Folk, Jazz und dem pennsylvanischen Abend gibt es Kneipenabende, Whisky Tastings und vieles mehr. Das Museum ist oft gut gefüllt, und auch der Rubel rollt. Das ist wichtig, denn die alte westpfälzische Scheune ist im Unterhalt teuer. Da wird jeder Euro gebraucht.

1993-2023: 30 Jahre Auswanderermuseum wurden gebührend gefeiert

Heidrun Werner hat versprochen, sich nicht komplett zurückzuziehen, sondern gemeinsam mit den beiden Vorsitzenden eine Arbeitsgruppe einzuberufen, die die konzeptionelle Weiterentwicklung des Museums vorantreiben wird. Hier gibt es bereits viele Ideen: Neben der Nordamerika-Auswanderung könnte Brasilien als Zielland der Pfälzer verstärkt in den Blickpunkt genommen werden (2024 war das Jubiläumsjahr „200 Jahre Brasilien-Auswanderung“), die Südosteuropa-Auswanderung in die Batschka, ins Banat und nach Galizien ist unterrepräsentiert, und letztlich ist sicher zu überlegen, die Parallelen der historischen Wanderungsbewegungen mit aktuellen Migrationswellen des 21. Jahrhunderts aufzuzeigen. Dabei wird es vermutlich auch darum gehen, einen zeitgemäß modernen Zugang zum Thema zu schaffen, der über das Aufhängen von Infotafeln hinaus geht. Ich bin sicher, Heidrun wird sich hier mit Energie und Leidenschaft weiterhin einbringen.

Sie und Ihren Mann habe ich Ende der 1990er Jahre bei einem ersten Besuch kennengelernt. Wir haben Familie in Ulmet, das nur einen Katzensprung vom Museum entfernt ist. 2003 trat das Museum dem neu gegründeten „Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreis e.V.“ bei, und seitdem arbeiten wir intensiv zusammen. Der erste Deutsch-Pennsylvanische Tag wurde 2006 in Oberalben begangen. Seit 2008 bringt „Hiwwe wie Driwwe“ jedes Jahr im Oktober mit der „Hiwwe wie Driwwe Palatinate Tour“ einen Künstler bzw. eine Künstlerin aus Pennsylvania in die Pfalz, um Pfälzerinnen und Pfälzern an verschiedenen Orten die pennsylanisch-deutsche Kultur näherzubringen. Oberalben ist hier immer dabei, und so ist die Liste der Menschen lang, die schon im Auswanderermuseum gesungen oder gesprochen haben: John Schmid (2010, 2015, 2020, 2023), Don Breininger (2011), Keith Brintzenhoff (2012), Richard Miller (2013), Bill Meck (2014), Chris LaRose (2016), Mike & Linda Hertzog (2017), Patrick Donmoyer (2018), Benjamin Rader (2019), Erich Mace (2022), Doug Madenford (2017, 2022) und Scott Reagan (2024).

Nicht verwandt und nicht verschwägert: Heidrun Werner und die neue 1. Vorsitzende des Fördervereins Auswanderermuseum Oberalben, Sabrina Werner (2025)

Vielen Menschen im Ort ist, glaube ich, gar nicht bewusst, was für ein Juwel das Museum ist. Man muss sonst weit fahren, um sich in einer Ausstellung mit Auswanderung beschäftigen zu können: nach Hamburg ins Auswanderermuseum BallinStadt oder gleich ins Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven. Das Auswanderermuseum Oberalben ist ein echter „Scheinriese“ wie Herr Tur Tur im 1960 erschienenen Buch „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ von Michael Ende. Je weiter man sich von Oberalben entfernt, um so größer wird das Museum aus Sicht der Menschen, die darauf schauen. In Pennsylvania jedenfalls ist es durch die Besuche der vielen Freunde und Künstler mittlerweile gut bekannt und eine der wichtigen Adressen, wenn man in der Pfalz unterwegs ist.

Dies alles wäre nicht möglich gewesen ohne den über 30 Jahre währenden Einsatz von Heidrun, die alle Besucherinnen und Besucher immer mit Kompetenz und Herzenswärme empfangen hat. Völlig verdient ist sie jetzt auch Ehrenmitglied des Museumsvereins. Ich bin ganz sicher, sie wird sich in verschiedenen Funktionen auch weiterhin engagiert in die Museumsarbeit einbringen. Dem neuen Vorstandsteam wünsche ich viel Spaß und alle Zeit ein volles Haus!

Prof. C. Richard Beam – Der Herr der Wörter

Der 90. Geburtstag – Dick Beam und Michael Werner am 15. Februar 2015 in Lancaster (PA)

Zum 100. Geburtstag von Dick Beam (1925-2018) am 15. Februar 2025

„Ei Bu, wu bleibscht du dann? Es Owetiems (Abendessen) iss reddi (fertig)!“ Das waren die ersten Worte, die ich aus dem Mund von Prof. C. Richard Beam (1925-2018) aus Millersville (PA) vernahm. Es war im Juli 1994, und ich besuchte Lancaster County zum ersten Mal. Ich kam aus Deutschland und konnte – müde und damals noch mit Landkarte und ohne Handy unterwegs – sein Haus nicht finden.

Ein Tankwart rief für mich an, und Herr Beam holte mich ab. In den darauffolgenden zwei Wochen arbeitete ich im Rahmen meines Promotionsstudiums in diversen Archiven und besuchte allein oder gemeinsam mit ihm Mundartsprecher und -schreiber, außerdem einige seiner Freunde, vor allem Amish und Mennoniten. Die Eindrücke dieser zwei Wochen waren so nachhaltig, dass mich der Landstrich und seine Menschen bis heute nicht mehr loslassen.

Dick Beam am „Center for Pennsylvania German Studies“ der Millersville University im Juli 1994

Professor Beam war ziemlich exakt 40 Jahre älter als ich und kannte durch seine Forschungen für das in Publikation befindliche pennsylvanisch-deutsche Wörterbuch unendlich viele Menschen – und fast jeder kannte ihn oder hatte schon von ihm gehört. Er war nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Zeitungskolumnist und Radiomoderator. Mit seinem Freund Ernest Bechtel, dem „Busch Gnippel“, verantwortete er viele Jahre die Sendung „Die Alde Kumraade“. „Der Ernie iss en groosser Gnippel aus em Busch, ich bin yuscht en gleener“, erklärte Beam einmal. Ernie war also der große Waldschrat, er nur ein kleiner. Damit war sein Spitzname gefunden: „Bischli Gnippli“.

Mit Ernie teilte Dick Beam die Kriegserfahrung. Gleich nach der High School 1943 war er eingezogen und nach der Grundausbildung nach England verlegt worden. Über den D-Day hat er in den 25 Jahren, die ich ihn kannte, nur ein einziges Mal berichtet. Er sagte, er habe Glück gehabt, erst in einer späten Welle nach Frankreich übersetzen zu müssen. Da sei der Strand längst in der Hand der Alliierten und ein Brückenkopf gebildet gewesen. Später nahm er an der „Battle of the Bulge“ teil, als die Deutschen in der Ardennenoffensive 1944/45 noch einmal versuchten, Terrain zurückzugewinnen. Die Brücke von Remagen hat er mit der US Army überquert, bevor sie einstürzte. Für ihn war es ein Überlebensvorteil, deutsch zu können: „Dass ich in der High School zwei Jahre Hochdeutsch hatte, qualifizierte mich für Übersetzungsaufgaben. Das hat mir vielleicht das Leben gerettet.“ Kurz vor seinem Tod hat er mir einmal gesagt: „Ich bin nach Deutschland gelaufen und wieder zurückgelaufen – musste keinen einzigen Schuss abgeben und niemand hat auf mich geschossen.“ Aber er hätte geschossen, auch daran ließ er keinen Zweifel. Und sein Blick auf den Krieg war differenziert: „Wir haben gegen Hitler und seine Kumpane gekämpft, nicht gegen die Deutschen insgesamt.“

Dick Beam liest in der Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“ (2017)

Das hat mich schwer beeindruckt, und aus heutiger Perspektive ist das ein Blick in eine lang vergangene Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, als aus Deutschland und Amerika Partner und schließlich Verbündete und Freunde wurden. Heute muss man sich an die für uns sehr wichtige deutsch-amerikanische Partnerschaft angesichts der US-Tagespolitik ja manchmal wehmütig erinnern. Dick Beam begleitete diesen Prozess der transatlantischen Annäherung, studierte in Marburg und Wien und kam mit seiner Frau Dorothy später für drei Jahre –1967 bis 1970 – nach Deutschland zurück, um in der Forschungsstelle des Deutschen Sprachatlasses mitzuarbeiten. Kurzum: Dick Beam, der im Januar 2018 im Alter von fast 93 Jahren verstorben ist, war ein Transatlantiker durch und durch. Konservativ, aber weltoffen und sich der besonderen globalen Verantwortung der USA immer bewusst.

Sein erstes Wörterbuchprojekt hieß „Abridged Pennsylvania German Dictionary“ – ein kleines Büchlein, das 1970 von der damaligen „Heimatstelle Pfalz“ (dem heutigen Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde) herausgegeben wurde. Die bereits erwähnte Radiosendung „Die Alde Kumraade“ startete 1971 und wurde auch nach Bechtels frühem Tod immerhin bis 2013 weitergeführt. Damit war sie über 42 Jahre wöchentlich „on air“. 1975 begann er seine Zeitungskolumne „Es Pennsilfaanisch Deitsch Eck“, die der bis kurz vor seinem Tod betreute. Sie wurde von verschiedenen Publikationen in Pennsylvania und Ohio abgedruckt. Als Beam 1986 die Position eines „full professor“ an der Millersville University erhielt, gründete er das „Center for Pennsylvania German Studies“. Für viele Jahre war es der Anlaufpunkt für alle, die sich für das Pennsylvania-Deutsche interessierten – und so auch für mich. In den folgenden über 30 Jahren entstanden mehr als 40 Bücher, darunter das zwölfbändige Wörterbuch „The Comprehensive Pennsylvania German Dictionary“.

Dick Beam in seinem „Faulenzerstuhl“ („Lazy Boy“), im Vordergrund eine Ausgabe von „Hiwwe wie Driwwe“ (2005)

Die Idee, mit „Hiwwe wie Driwwe“ eine kleine transatlantische Zeitung zu gründen, die die Nachfahren der im 18. Jahrhundert Ausgewanderten mit denen der damals im „alten Land“ Verbliebenen zusammenführen sollte, habe ich zuerst mit ihm diskutiert. Er hat das Projekt sehr befürwortet und über viele Jahre aktiv begleitet. Und so entstand aus einer Zusammenarbeit zwischen Doktorand und Professor ab 1993 eine Zeitung, ein Deutsch-Pennsylvanisches Archiv, ein Deutsch-Pennsylvanischer Arbeitskreis als Verein hier in Deutschland und manches mehr. Was immer begonnen wurde – er war der Mentor, der uns unterstützte. Und wir wurden Freunde.

Etwa 15 mal habe ich Pennsylvania in den letzten 30 Jahren persönlich besucht, und jedes Mal blieb ich einige Tage im Lancaster County. „Herr Beam“ blieb für mich dennoch immer „Herr Beam“, auch wenn er mir im Hochdeutschen mehrfach das „du“ angeboten hat. Ich fühlte mich immer gut damit und fand es angemessen.

Der Pälzylvanier

Obituary/Todesanzeige