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Die Elbedritsch in Rheinhessen

Elbedritsch im Pennsylvania Dutch Country

Die Elwedritsch gilt heute weithin als typisch pfälzisches Fabelwesen. Besonders mit Neustadt an der Weinstraße und der Pfalz wird die eigenwillige Kreatur verbunden, die als Mischwesen mit Vogel-, Menschen- und anderen tierischen Merkmalen beschrieben wird. Ihre Popularität hat dazu geführt, dass sie außerhalb der Pfalz häufig geradezu als pfälzisches Alleinstellungsmerkmal wahrgenommen wird.

Ein Blick in die historische Überlieferung zeigt jedoch ein differenzierteres Bild. Die Elwedritsch beziehungsweise ihre sprachlichen Vorformen sind keineswegs auf die heutige Pfalz beschränkt. Auch in Rheinhessen und im angrenzenden südhessischen Sprachraum finden sich bemerkenswerte historische Belege. Sie legen nahe, dass die Geschichte der Elwedritsch nicht allein als pfälzische Lokaltradition verstanden werden sollte, sondern in einen größeren südwestdeutschen Kultur- und Sagenraum gehört.

Besonders aufschlussreich ist ein Eintrag im Südhessischen Wörterbuch. Das Wörterbuch erfasst neben südhessischen Dialekten auch den rheinhessischen Raum und dokumentiert dort verschiedene Bezeichnungen für Sagengestalten und Schreckwesen.

Für Wöllstein in Rheinhessen ist die Bezeichnung „Elbendritsch“ überliefert. Sie wird als eine Schreckgestalt bezeichnet, mit der man kleine Kinder ängstigte. Die zugehörige Fragebogenaktion wurde – nach Projektstart 1925 – zwischen 1927 und 1934 durchgeführt. Die Veröffentlichung im Südhessischen Wörterbuch erfolgte zwischen 1965 und 2010.

Dieser Beleg ist deshalb bemerkenswert, weil er ein Bild der Elwedritsch vermittelt, das deutlich älter und ursprünglicher erscheint als die heute bekannte, häufig humorvoll dargestellte Figur. Die Elbendritsch ist hier kein possierliches Maskottchen und kein Bestandteil einer modernen Jagdinszenierung, sondern eine Gestalt der nächtlichen Vorstellungswelt – ein Wesen, das Kindern Angst machen konnte.

Damit besitzt Rheinhessen einen eigenständigen historischen Nachweis für eine Gestalt, die sprachlich und funktional eng mit der späteren Elwedritsch verbunden ist.

Auch die sprachlichen Varianten sind von Bedeutung. Im rheinhessischen Raum und seiner näheren Umgebung sind Formen wie Elbendritsch, Elbentritsch, Elfetrutschel oder Älwedrudschele dokumentiert.

Solche Varianten zeigen, dass die Bezeichnung keineswegs von Anfang an eine einheitliche Schreibweise besaß. Vielmehr wurde der Name regional unterschiedlich ausgesprochen und weitergegeben. Das entspricht einem typischen Merkmal mündlicher Sagen- und Dialektüberlieferung: Eine Figur kann über größere Räume hinweg bekannt sein, während sich Name, Aussprache, Aussehen und Eigenschaften von Ort zu Ort verändern.

Gerade die Form „Elbendritsch“ ist dabei von besonderem Interesse. Sie macht sichtbar, dass der heutige Name „Elwedritsch“ möglicherweise aus älteren Bezeichnungen hervorgegangen ist, deren Bestandteile mit Vorstellungen von nächtlichen Schreckwesen zusammenhängen.

Die historische Überlieferung deutet auf eine Entwicklung hin, bei der sich das Bild der Elwedritsch im Laufe der Zeit erheblich verändert hat.

Ältere Vorstellungen kennen Wesen wie Alben, Alpe oder Druden, die mit Schlaf, nächtlicher Bedrängnis und dem sogenannten „Albdrücken“ verbunden wurden. In der volkstümlichen Vorstellung konnte ein solches Wesen während des Schlafes auf dem Menschen sitzen oder ihn bedrängen.

Ein historischer Beleg aus dem späten 19. Jahrhundert bezeichnet die Elbendritsch als „neckenden Alb“ und verbindet sie ausdrücklich mit dem nächtlichen Drücken beziehungsweise Bedrängen schlafender Menschen.

Damit erscheint eine mögliche Entwicklungslinie: Alb/Alp – Albdrude/Drude – Elbendritsch – Elwedritsch

Eine solche Entwicklung ist als Gesamtmodell kulturhistorisch plausibel, aber nicht für jeden einzelnen sprachlichen Übergang abschließend bewiesen. Gerade deshalb ist es wichtig, zwischen den tatsächlich belegten Formen und weitergehenden Rekonstruktionen zu unterscheiden.

Fest steht jedoch: Die historische Elbendritsch besitzt Eigenschaften, die viel stärker an ein nächtliches Schreck- und Dämonenwesen erinnern als an den späteren komischen Fabelvogel.

Die heutige politische Grenze zwischen Pfalz und Rheinhessen darf nicht ohne Weiteres auf die historische Sagenüberlieferung übertragen werden. Menschen, Dialekte, Bräuche und Erzählungen bewegten sich über solche Grenzen hinweg.

Die Regionen am Oberrhein und Mittelrhein bildeten über Jahrhunderte einen eng miteinander verbundenen Kulturraum. Deshalb ist es nicht überraschend, wenn ein Fabelwesen in unterschiedlichen Varianten auf beiden Seiten einer später gezogenen Verwaltungsgrenze erscheint.

Die moderne Vorstellung einer „pfälzischen Elwedritsch“ ist daher vor allem das Ergebnis einer besonders erfolgreichen regionalen Popularisierung. Die Pfalz hat die Elwedritsch zu einer weithin bekannten kulturellen Marke gemacht. Daraus folgt jedoch nicht, dass die Figur ausschließlich dort entstanden oder überliefert worden sein muss.

Rheinhessen besitzt vielmehr eigene historische Zeugnisse.

Der Wöllsteiner Beleg verdient deshalb besondere Aufmerksamkeit. Er zeigt nicht lediglich, dass irgendwo einmal ein ähnlicher Name verwendet wurde. Vielmehr begegnet dort eine Elbendritsch als Schreckgestalt – also eine Figur mit einer Funktion, die zu den älteren Schichten der Elwedritschüberlieferung passt.

Gerade diese Funktion eröffnet einen anderen Blick auf das Wesen.

Die Elwedritsch war ursprünglich möglicherweise weniger ein lustiger Vogel als eine Figur der Nacht, der Angst und des Unheimlichen. Erst im Laufe ihrer späteren volkstümlichen und touristischen Entwicklung konnte daraus die heute bekannte, augenzwinkernde Gestalt werden.

Rheinhessen kann deshalb einen besonderen Beitrag zur Geschichte der Elwedritsch leisten: Es bewahrt Belege für eine Erscheinungsform, in der die Verbindung zur älteren europäischen Vorstellungswelt der Nacht noch deutlich erkennbar ist.

Die Pfalz hat die Elwedritsch populär gemacht – Rheinhessen kann ihre ältere Geschichte erzählen.

Darin liegt möglicherweise sogar eine eigenständige kulturelle Chance.

Rheinhessen verfügt mit Wöllstein und weiteren historischen Namensbelegen über Anknüpfungspunkte an eine ältere Überlieferung. Die Elwedritsch lässt sich hier nicht nur als lustiges Fabelwesen verstehen, sondern als Teil einer jahrhundertealten Vorstellungswelt, in der die Nacht eine besondere Rolle spielte.

Das passt bemerkenswert gut zu einer Region, deren kulturelle Geschichte von sehr unterschiedlichen religiösen und gesellschaftlichen Traditionen geprägt wurde.

Die Nacht ist dabei ein besonders interessantes kulturgeschichtliches Motiv. In vormodernen Gesellschaften war sie eine Zeit des Übergangs und der Unsicherheit. Was am Tag sichtbar und kontrollierbar war, entzog sich nach Einbruch der Dunkelheit dem menschlichen Zugriff.

Dementsprechend entstanden zahlreiche Vorstellungen von Wesen, die nachts erschienen, Menschen im Schlaf bedrängten oder als Kinderschreck dienten.

Die historische Elbendritsch fügt sich in diese Welt ein.

Die moderne Elwedritsch kann deshalb auf zwei Ebenen gelesen werden: als humorvolle regionale Sagengestalt und zugleich als Überbleibsel einer viel älteren europäischen Tradition von Nacht- und Schreckwesen.

Gerade diese Doppelbödigkeit macht sie kulturgeschichtlich interessant.

Die Elwedritsch gehört zu einem größeren südwestdeutschen Überlieferungsraum, in dem Pfalz und Rheinhessen wichtige Teilregionen bilden.

Die rheinhessischen Belege sind dabei keineswegs belanglos. Sie zeigen, dass die Figur beziehungsweise ihre Vorformen auch hier heimisch waren und dass sie in Rheinhessen teilweise noch mit ihrer älteren Funktion als Schreckgestalt verbunden werden können.

Die historische Verbindung der Elwedritsch mit Rheinhessen ist stärker, als ihre heutige Wahrnehmung vermuten lässt. Der Wöllsteiner Beleg für eine „Elbendritsch“ als Kinderschreck sowie weitere rheinhessische Namensformen belegen, dass das Motiv im rheinhessischen Kulturraum selbst überliefert wurde.

Die rheinhessischen Zeugnisse sind zugleich deshalb interessant, weil sie eine ältere Seite der Elwedritsch sichtbar machen: die Verbindung mit Nacht, Schlaf, Angst und Schreckgestalten.

Damit ergänzt Rheinhessen die pfälzische Elwedritschtradition, anstatt mit ihr in Konkurrenz zu treten.

Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche kulturgeschichtliche Pointe: Die Elwedritsch ist nicht nur eine Figur der Pfalz. Ihre Geschichte gehört zu einer größeren regionalen Erzählung – und Rheinhessen besitzt eigene, historisch belegte Kapitel dieser Geschichte.

En Friehjohr fer unser Schprooch

Uwe Jung aus Rommersheim – einer der Initiatoren des Rheinhessischen Mundart-Festivals 2026

Rheinhessen liegt irgendwie „dazwischen“ – entstanden nach dem Wiener Kongress 1816 will die Region nicht (mehr) pfälzisch sein, aber auch nicht vom katholischen Mainz vereinnahmt werden. Noch heute meinen ganz alte Mainzer, wenn sie von der „Palz“ sprechen, mehr oder weniger alle Ortschaften südlich von Nieder-Olm. Die Region sucht ihre „Mitte und Identität“, wie es der Rheinhesse Volker Gallé aus Mauchenheim immer wieder ausdrückt. Am 21. Februar 2026 startet das fünfwöchige „1. Rheinhessische Mundart-Festival“ mit einem Vortrag von Gallé in der Alten Schule in Ober-Olm. Was kann ein solches Event für die Identität Rheinhessens leisten? Bringt es „en Friehjohr fer unser Schprooch“? Hiwwe wie Driwwe sprach mit dem Autor Uwe Jung aus Rommersheim, einem der Initiatoren.

HwD: Warum braucht Rheinhessen ein Mundart-Festival?

Uwe Jung: Die rheinhessische Mundart liegt seit Jahren brach, ist in der Öffentlichkeit wenig, in den Medien kaum noch wahrzunehmen. Zwar sind einzelne Autoren und mehrere Gruppen mit Mundartprogrammen in der Region unterwegs, jedoch liegt das Aushängeschild, der „Rheinhessische Mundartwettbewerb“, den es seit Mitte der 1980er Jahre gibt, seit der Corona-Pandemie im Dornröschenschlaf. Um dem entgegenzuwirken und neue Ideen zum Wohle der Mundart zu entwickeln, haben sich Freunde der lokalen Redensart zusammengefunden, um aktiv zu werden.

HwD: Wer macht mit und wie ist es organisiert?

Uwe Jung: Am Mundart-Festival nehmen ein gutes Dutzend Mundartautoren- und Musiker teil, viele davon sehr erfolgreich bei Mundartwettbewerben in Rheinhessen und der Pfalz. In Kooperation mit RheinhessenKULTur, einem Zusammenschluss rheinhessischer Kunst- und Kulturveranstalter, werden sechs Abendveranstaltungen angeboten, inklusive dem großem Mundartabend in Wörrstadt, an dem die ganze Bandbreite der Mundarten in Rheinhessen präsentiert werden soll. Zusätzlich gibt es drei Mundartführungen einheimischer Kultur- und Weinbotschafter.

HwD: Wo bekommt man online einen Überblick, und wo kann man Karten reservieren?

Uwe Jung: Die Veranstaltungen sind auf der Homepage des Touristik Center Rheinhessen Mitte unter „Events: RheinhessenKULTur 2026“ zu finden, dort sind auch die Kontakte für Kartenreservierungen aufgeführt.

Einen kompakten Blick gibt es auch auf „hiwwe-wie-driwwe.com“ auf der Themenseite En Friehjohr fer unser Schprooch, die Veranstaltungen zwischen dem Bockenheimer Murmeltiertag im Februar und den Bockenheimer Mundarttagen im April listet. Hier sind die Events des 1. Rheinhessischen Mundart-Festivals im Februar/März 2026 aufgeführt.

Das 1. Rheinhessische Mundart-Festival: Die Abschlussveranstaltung ist am 27. März in der Neubornhalle Wörrstadt

Rheinhessisches Mundart-Festival 2026

In Rheinhessen tut sich was – und „Hiwwe wie Driwwe“ ist dabei. Unter der Federführung von „rheinhessenKULTur“ sowie den treibenden Kräften Uwe Jung (Rommersheim) und Horst Dehmel (Guntersblum) geht das neue „Rheinhessische Mundart-Festival“ an den Start. Den Beginn macht eine musikalische Lesung von Volker Gallé mit Titel „Uffs Maul gefalle“ am 21. Februar 2026 in Ober-Olm. Insgesamt sechs Veranstaltungen werden bis 27. März 2026 durchgeführt. Beim Abschluss-Event in Wörrstadt stehen alle Mitwirkenden noch einmal gemeinsam auf der Bühne. Neben den Lesungen und Konzerten bieten während dieses Zeitraums rheinhessische Kultur- und Weinbotschafter Führungen in rheinhessischen Mundarten an. „Hiwwe wie Driwwe“ meint: Unbedingt hingehen, auch als Pfälzerin oder Pfälzer – denn bis kurz vor die Tore von Mainz werden in Rheinhessen ohnehin pfälzische Mundarten gesprochen.

Rudolf Post spricht in Ober-Olm

Dr. Rudolf Post

Der Förderverein der Gemeindebücherei Ober-Olm e.V. lädt am „Welttag der Muttersprache“ der UNESCO am 21. Februar 2025 zu einem Vortrag von Dr. Rudolf Post über „Mundarten in Rheinhessen“ ein. Die Veranstaltung findet ab 19 Uhr in der Alten Schule gegenüber von Rathaus von Katholischer Kirche statt.

Rudolf Post war von 1981 bis 1997 Bearbeiter des „Pfälzischen Wörterbuchs“ in Kaiserslautern und von 1998 bis 2009 Bearbeiter des „Badischen Wörterbuchs“ in Freiburg. Neben seinem Standardwerk „Pfälzisch – Sprachkultur in der Pfalz und der Kurpfalz“ (neu erschienen 2023) hat er im Herbst 2024 das Buch „Mundarten in Rheinhessen“ vorgelegt. Hier wird die rheinhessische Sprachlandschaft erstmals ausführlich vorgestellt. Rudolf Post ist eng mit dem Pfälzischen Mundartdichter-Wettstreit in Bockenheim (Pfalz) verbunden und war lange Mitglied und Vorsitzender der Jury.

Zum Vortrag: Das Gebiet links des Rheins zwischen Worms, Mainz und Bingen, das seit etwas mehr als 200 Jahren „Rheinhessen“ genannt wird, war und ist sprachlich und kulturell vielen verschiedenen Einflüssen ausgesetzt. Carl Zuckmayer hat dies mit seinem Bild von der „Völkermühle am Rhein“ zu fassen versucht. Die Mundarten in diesem Gebiet sind geprägt von dieser Geschichte zwischen Austausch und Beharren. Sie zeigen neben einigen Gemeinsamkeiten eine Fülle von Verschiedenheiten, die den Charakter einer jeweiligen rheinhessischen Ortsmundart ausmachen. So hört man in einem großen Teil Rheinhessens für „ihr habt“ ehr hunn, anderswo aber ihr hett und wieder anderswo ihr hann oder ihr henn.

Im Vortrag werden mit Hilfe von Abbildungen und Sprachkarten sprachliche Abgrenzungen innerhalb Rheinhessens und nach außen thematisiert und dabei die Frage erörtert, inwieweit man überhaupt von einer „rheinhessischen Mundart“ sprechen kann. Darüber hinaus werden Alter und Entwicklung der Mundarten in Rheinhessen, Besonderheiten der Laut-, Formenlehre und Syntax, der Reichtum des rheinhessischen Wortschatzes und seine Beziehungen zum Lateinischen, Französischen oder Jiddischen nicht ausgelassen. Auch die Verwendung des Rheinhessischen in Literatur und Kultur – also die Mundartliteratur und mundartliche Liedinterpreten – werden kurz vorgestellt.

Der Vortrag bietet sowohl den „eingeborenen“ Rheinhessen wie auch den Zugezogenen manches Vertraute, aber auch viel Neues über das in der Mundart manifestierte immaterielle Kulturerbe Rheinhessens. Im Anschluss an den Vortrag können Zuhörerinnen und Zuhörer Fragen stellen oder ihre eigenen Beobachtungen und Sichtweisen zum Mundartgebrauch in Rheinhessen mitteilen.

Rudolf Post: Vortrag „Mundarten in Rheinhessen“.
Ober-Olm 21.02.2025 – Alte Schule Ober-Olm, 19 Uhr

Gemeindebücherei Ober-Olm
Kontakt: gemeindebuecherei@ober-olm.de