Abstract
Zwischen 1978 und 2024 durchlief die pfälzische Elwedritsch einen bemerkenswerten Funktions- und Bedeutungswandel. Aus einer vieldeutigen Sagengestalt, deren Überlieferung mit nächtlichen Schreckvorstellungen, grotesken Mischwesen und ritualisierten Jagdbräuchen verbunden ist, wurde zunehmend ein öffentlich sichtbares Symbol regionaler Identität, ein kommerzielles Maskottchen, eine kindgerechte Buchfigur und schließlich ein standardisiertes Objekt touristischer Erlebnisangebote. Besonders deutlich wird dieser Prozess am Elwetritschebrunnen von Gernot Rumpf (1978), an der Institutionalisierung der Tritschologie, an illustrierten Publikationen, Souvenirs und den 2023 erstmals veranstalteten Schwimm-Elwetritschenrennen, die 2024 eine zweite Auflage erlebten.
Der Beitrag bezeichnet diesen Wandel als folkloristische Umcodierung. Gemeint ist damit nicht das Verschwinden der älteren Überlieferung, sondern ihre selektive Neuinterpretation: Bestimmte Eigenschaften der Elwedritsch werden hervorgehoben, andere treten zurück. Humor, regionale Wiedererkennbarkeit, Kinderfreundlichkeit und touristische Verwertbarkeit gewinnen an Bedeutung; historische Tiefe, dämonologische Bezüge und die Ambivalenz zwischen Angst und Komik geraten dagegen leichter aus dem Blick. Diese Entwicklung lässt sich als Infantilisierung beschreiben, sofern damit eine zunehmende Verkindlichung der Darstellung und Vermittlung gemeint ist. Sie ist jedoch weder vollständig noch unumkehrbar. Die Elwedritsch bleibt ein kulturell mehrdeutiges Wesen, dessen Geschichte über die moderne Maskottchenfunktion hinausreicht.
Schlüsselwörter: Elwedritsch, Elwetritsch, folkloristische Umcodierung, Infantilisierung, Tritschologie, Tourismus, kulturelle Evolution, Pfälzer Folklore
1. Einleitung: Wenn aus einer Sagengestalt ein Maskottchen wird
Die Elwedritsch gehört zu den bekanntesten fantastischen Wesen der Pfalz. Ihre kulturelle Bedeutung erschöpft sich jedoch nicht in der Vorstellung eines ungewöhnlichen Vogels oder eines scherzhaften Fabeltiers. Die Überlieferung verbindet unterschiedliche Bedeutungsebenen: Vorstellungen von nächtlichen Schreckgestalten, Erzählungen über schwer fassbare Mischwesen, regionale Sprachtraditionen, gemeinschaftliche Jagdrituale und humoristische Formen der Geselligkeit.
Die moderne Elwedritschkultur hat diese unterschiedlichen Ebenen nicht einfach bewahrt, sondern neu gewichtet. Seit dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts wurde das Wesen zunehmend in Kunst, Vereinsleben, Verlagsprogramme, öffentliche Räume und touristische Vermarktung eingebunden. Dabei veränderte sich nicht nur die äußere Darstellung. Auch die Frage, wofür die Elwedritsch steht und welche kulturellen Erfahrungen sie vermittelt, erhielt neue Antworten.
Der Begriff der folkloristischen Umcodierung beschreibt diesen Prozess präziser als die bloße Feststellung, dass die Elwedritsch populärer oder niedlicher geworden sei. Eine kulturelle Figur wird umcodiert, wenn ihre überlieferten Merkmale in einen neuen sozialen Zusammenhang gestellt werden und dadurch andere Funktionen erhalten. Aus einem Gegenstand der Sage wird ein Kunstmotiv, aus dem Jagdobjekt ein touristisches Erlebnis, aus dem schwer fassbaren Wesen ein reproduzierbares Produkt.
Der Untersuchungszeitraum 1978 bis 2025 ist dafür besonders geeignet. Er beginnt mit der Einweihung des Elwetritschebrunnens von Gernot Rumpf in Neustadt an der Weinstraße und endet mit der Etablierung des Schwimm-Elwetritschenrennens. Zwischen diesen beiden Ereignissen liegt ein Wandel von der künstlerischen Sichtbarmachung zur massenwirksamen Erlebnisfolklore.
2. Die Elwedritsch als ambivalente Überlieferungsfigur (vor 1978)
Die moderne Entwicklung lässt sich nur verstehen, wenn man die Mehrdeutigkeit der älteren Überlieferung berücksichtigt. Die Elwedritsch war bereits vor ihrer touristischen Vermarktung Gegenstand von Scherz, Spott und ritualisiertem Spiel. Die Elwedritschjagd stellte also nicht erst in der Gegenwart eine humoristische Umdeutung dar.
Gleichzeitig steht das Wesen in einem weiteren Vorstellungshorizont, in dem nächtliche Bedrohung, dämonische Mischwesen und schwer erklärbare Erfahrungen eine Rolle spielen. Historische Bezeichnungen wie Alb, Drude oder Trud bilden dabei wichtige Vergleichspunkte. Ihre Beziehung zur Elwedritsch muss allerdings für jede Quelle gesondert geprüft werden. Ähnlichkeiten in Namen, Funktionen oder Motiven beweisen noch keine ununterbrochene historische Abstammung.
Auch Max Slevogts Elwedritschdarstellung von 1922 gehört zur Vorgeschichte der modernen Bildkultur. Sie zeigt, dass das Wesen bereits vor 1978 künstlerisch verarbeitet wurde. Der Brunnen von Gernot Rumpf markiert deshalb nicht den Beginn jeder künstlerischen Auseinandersetzung, sondern einen Wendepunkt in der öffentlichen Präsenz und dauerhaften Sichtbarkeit der Elwedritsch.
Für die weitere Entwicklung ist eine Unterscheidung entscheidend: Die Elwedritsch war schon vor 1978 komisch, aber nicht deshalb bedeutungslos oder ausschließlich kindlich. Ihre kulturelle Eigenart lag gerade im Nebeneinander von Groteske, Bedrohlichkeit, Spott und gemeinschaftlichem Vergnügen.
3. Gernot Rumpfs Brunnen als Schlüsselereignis (1978)
Mit dem 1978 eingeweihten Elwetritschebrunnen in Neustadt an der Weinstraße erhielt die Elwedritsch einen dauerhaften Platz im öffentlichen Raum. Der Bildhauer Gernot Rumpf gestaltete eine Gruppe von Bronzeplastiken, die unterschiedliche Erscheinungsformen des Wesens zeigen. Dazu gehören die Elwetritschekönigin, Jungtiere, kämpferische Figuren und Hinweise auf die Jagdtradition, darunter Laterne und Kartoffelsack. Die Stadt Neustadt beschreibt den Brunnen ausdrücklich als Darstellung verschiedener Facetten des pfälzischen Fabelwesens.
Der Brunnen bewirkte eine grundlegende Veränderung der kulturellen Wahrnehmung. Das Wesen, das in Erzählungen im Wald gesucht wird und sich der eindeutigen Beobachtung entzieht, wurde zu einem dauerhaft sichtbaren Gegenstand. Es konnte nun betrachtet, fotografiert, Kindern gezeigt und als Zeichen der Stadt wiedererkannt werden.
Diese Vergegenständlichung hatte zwei gegenläufige Wirkungen. Einerseits reduzierte sie die Unbestimmtheit der Sagengestalt: Die Elwedritsch erhielt eine konkrete Form und einen festen Ort. Andererseits machte gerade die künstlerische Gestaltung ihre grotesken und ambivalenten Züge sichtbar. Rumpfs Figuren sind nicht einfach niedliche Vögel. Ihre Körper, Gesichter und Verhaltensweisen verbinden Komik mit Aggressivität und Fremdartigkeit.
Rumpf schuf eine Voraussetzung für die spätere Umcodierung: Die Elwedritsch wurde öffentlich verfügbar, ohne bereits vollständig auf eine kinderfreundliche Werbefigur reduziert zu sein.
4. Tritschologie, Vereinswesen und Vermarktung (ab 1978)
Mit der Gründung des Elwetrittche-Vereins in Landau im Jahr 1982 erhielt die Pflege der Elwedritsch eine institutionelle Grundlage. Zu den wichtigen Persönlichkeiten der sogenannten Tritschologie gehören August „Gust“ Espenschied und Hans Blinn. Der Begriff bezeichnet die spielerische Beschäftigung mit dem Wesen, seinen vermeintlichen Arten, seiner Anatomie, seinen Lebensgewohnheiten und den Regeln der Jagd.
Die Tritschologie besitzt dabei eine doppelte Funktion. Sie stabilisiert regionales Wissen und gemeinschaftliche Traditionen, arbeitet aber zugleich mit den Formen wissenschaftlicher Systematik, um eine erfundene oder sagenhafte Tierwelt möglichst geschlossen erscheinen zu lassen. Gerade diese Mischung aus volkskundlicher Überlieferung, humoristischer Pseudowissenschaft und lokaler Identitätsbildung macht sie zu einem wichtigen Bestandteil der Elwedritschkultur.
Parallel begann die kommerzielle Nutzung. Ab 1985 diente eine Plastik-Elwetritsch als Maskottchen der Brauerei Bischoff in Winnweiler. Damit wurde die Figur in einen Zusammenhang überführt, in dem Wiedererkennbarkeit und positive Assoziationen besonders wichtig sind. Das Wesen konnte nun für ein Produkt werben, ohne dass seine mythologischen oder dämonologischen Bezüge für das Publikum verständlich sein mussten.
Auch die öffentliche Kunst entwickelte sich weiter. Elwedritschdarstellungen in Brunnen, Keramik und anderen Formen machten die Figur zu einem Bestandteil der regionalen Alltagskultur. Walter Rupps Illustriertes Elwedritschen-Lexikon von 1997 steht exemplarisch für die populäre Aufbereitung der Figur.
In dieser Phase wird die Elwedritsch zunehmend reproduzierbar. Sie ist nicht mehr allein eine Gestalt, die in einer Erzählung vorkommt oder im Rahmen einer Jagd gesucht wird. Sie kann als Plastik hergestellt, als Kunstwerk aufgestellt, als Markenfigur eingesetzt und in einer spielerischen Wissensordnung beschrieben werden.
Die Umcodierung erfolgt dabei nicht durch einen einzigen Akteur. Künstler, Vereine, Unternehmen und regionale Vermittler tragen auf unterschiedliche Weise dazu bei, die Elwedritsch aus ihrem jeweiligen Erzählzusammenhang herauszulösen und in neue Verwendungszusammenhänge einzubetten.
5. Vom Sagenerzählen zum touristischen Erlebnis
Mit der zunehmenden touristischen Nutzung verändert sich auch die Rolle des Publikums. Die Elwedritsch wird nicht mehr nur erzählt oder als Gegenstand regionaler Tradition gepflegt, sondern soll erlebt werden.
Ein Beispiel ist der Elwetritscheweg in Dahn, der das Wesen mit einer konkreten Landschaft und einem touristischen Erkundungsangebot verbindet. Hinzu kommen Jagdveranstaltungen, öffentliche Figuren, gastronomische Namen und weitere regionale Produkte. Das Wesen wird dadurch zum Orientierungspunkt in einem touristischen Raum.
Die Elwedritschjagd ist für diese Entwicklung besonders aufschlussreich. Sie bewahrt eine ritualisierte Handlung, deren Reiz aus der gemeinsamen Inszenierung einer Suche entsteht. Die Teilnehmer folgen bestimmten Regeln, verwenden Jagdutensilien und rufen nach einem Wesen, dessen tatsächliche Existenz nicht vorausgesetzt werden muss.
Die moderne Organisation verändert jedoch den Erwartungshorizont. Aus der offenen, potenziell irritierenden Begegnung wird ein geplantes Freizeitangebot. Die Teilnehmer wissen, dass die Jagd zum kulturellen Spiel gehört. Das Wesen darf unheimlich erscheinen, ohne reale Gefahr zu bedeuten.
Problematisch wird die Entwicklung erst dann, wenn dieses Spiel als vollständige Erklärung der Elwedritsch missverstanden wird. Die Jagd ist ein Teil ihrer Kulturgeschichte, aber nicht zwangsläufig der Schlüssel zu sämtlichen historischen Formen und Bedeutungen.
6. Das illustrierte Buch als Vermittlungsform
Eine wichtige Rolle bei der Popularisierung spielen illustrierte Bücher. Ein Beispiel ist Elwetritsche von Michael Landgraf und Wulf Werbelow mit Illustrationen von Steffen Boiselle, erschienen 2015 im Agiro Verlag. Die Publikation behandelt Sage, Tritschologie, Namen, Gattungen, Anatomie, Wesen und Verbreitung der Elwedritsch und stellt die Jagd als praktische Fortsetzung der Lektüre dar.
Das Buch verbindet Information, Illustration und humoristische Inszenierung. Die Elwedritsch wird als eigenständige Tierwelt präsentiert, über die man Wissen erwerben und deren vermeintliche Eigenschaften man systematisch ordnen kann. Die Gestaltung erleichtert den Zugang und macht das Thema für ein breites Publikum attraktiv.
Damit entsteht eine besondere Form der Verkindlichung, die nicht zwingend mit einem ausdrücklich an Kinder gerichteten Buch identisch ist. Auch Erwachsene können die Tritschologie als humoristisches Spiel verstehen. Entscheidend ist vielmehr, dass die Figur in einer Weise dargestellt wird, die ihre Eigenschaften unmittelbar zugänglich macht und ihre historische Mehrdeutigkeit in den Hintergrund treten lassen kann.
Ein Buch kann Wissen über regionale Traditionen vermitteln und die Beschäftigung mit der Elwedritsch fördern. Die kulturwissenschaftliche Frage lautet aber, welche Art von Wissen vermittelt wird: Bleibt die Darstellung auf der Ebene einer unterhaltsamen Fantasietierkunde, oder öffnet sie zugleich den Blick auf die historische Überlieferung und deren unterschiedliche Deutungen?
7. Die Elwedritsch als standardisiertes Rennobjekt
Das neu etablierte Schwimm-Elwetritschenrennen in Neustadt macht die folkloristische Umcodierung besonders deutlich. Die Veranstaltung wurde 2023 erstmals durchgeführt und 2024 wiederholt. Beim Rennen wurden 1.111 nummerierte, schwimmfähige Elwetritschen auf dem Speyerbach zu Wasser gelassen. Die Rennlizenzen wurden verkauft; Preise und gemeinnützige Zwecke bildeten zentrale Bestandteile des Ereignisses. Zu den beteiligten Akteuren gehörten der Lions Club Neustadt, der soziokulturelle Verein SoCu, die Willkomm-Gemeinschaft und die Tourist-, Kongress- und Saalbaugesellschaft.
Die Veranstaltung war ein öffentliches Spektakel mit Moderation, Publikum, Wettbewerb und einem wohltätigen Zweck. Die Elwedritsch wurde dabei in eine Form überführt, die an das Prinzip des Gummientenrennens erinnert. Sie existiert als standardisiertes, nummeriertes und vervielfältigtes Objekt, dessen individuelle Bedeutung sich vor allem aus seiner Teilnahme am Rennen ergibt.
Der Unterschied zur älteren Jagdtradition ist erheblich. Bei der Jagd wird ein Wesen gesucht, dessen Unbestimmtheit einen Teil des Spiels ausmacht. Beim Rennen werden zahlreiche identische Figuren von den Veranstaltern ins Wasser gesetzt und entlang einer festgelegten Strecke beobachtet. Die Bewegung des Wesens ist nicht mehr Gegenstand einer ungewissen Suche, sondern eines organisierten Wettbewerbs.
Die Elwedritsch wird dadurch zum Träger einer Veranstaltung, deren Regeln kaum noch von den älteren Erzählungen abhängen. Ihre regionale Symbolkraft bleibt erhalten, während die Verbindung zu den historischen Bedeutungsdimensionen lockerer wird. Die Umcodierung erreicht hier eine neue Stufe: Das fantastische Wesen wird nicht nur dargestellt oder verkauft, sondern in großer Zahl produziert und in ein standardisiertes Ereignis integriert.
Das Rennen schafft Gemeinschaft, mobilisiert ehrenamtliches Engagement und unterstützt gemeinnützige Einrichtungen. Die Elwedritsch bleibt damit sozial wirksam. Ihre Funktion verschiebt sich von der Vermittlung einer Sage hin zur Erzeugung eines gemeinsamen Erlebnisses.
8. Infantilisierung als Teilprozess der folkloristischen Umcodierung
Damit einher geht aber eine Entwicklung, in der kindgerechte, sympathische und leicht konsumierbare Eigenschaften der Elwedritsch gegenüber historischen, unheimlichen und widersprüchlichen Bedeutungen an Gewicht gewinnen.
Drei Prozesse lassen sich unterscheiden.
Erstens erfolgt eine ästhetische Entschärfung. Das Wesen wird in klar erkennbare und reproduzierbare Formen übersetzt. Plüschfiguren, Illustrationen und vereinfachte Darstellungen können seine Fremdartigkeit reduzieren und eine emotionale Nähe herstellen.
Zweitens findet eine funktionale Verschiebung statt. Die Elwedritsch wird vom Gegenstand einer Überlieferung zum Protagonisten von Geschichten, zum Begleiter bei Stadterkundungen, zum Souvenir und zum Bestandteil von Veranstaltungen. Sie muss nicht mehr selbst erklärt werden, sondern dient dazu, andere Inhalte zu vermitteln oder Aufmerksamkeit zu erzeugen.
Drittens entsteht eine historische Entkontextualisierung. Wenn die Elwedritsch nur noch als pfälzisches Fabeltier erscheint, können ältere Motive, Sprachformen und mögliche dämonologische Zusammenhänge aus dem Blick geraten. Die Figur wird dadurch leichter verständlich, aber auch historisch weniger komplex.
Diese drei Prozesse verstärken einander, sind aber nicht zwangsläufig miteinander verbunden. Eine kindgerechte Darstellung kann historische Zusammenhänge vermitteln; ein kommerzielles Produkt kann auf ältere Überlieferungen verweisen; ein touristisches Erlebnis kann Interesse an regionaler Geschichte wecken.
9. Popularisierung und historischer Verlust
Die Geschichte der Elwedritsch zwischen 1978 und 2025 ist weder als einfacher Niedergang noch als reine Erfolgsgeschichte zu beschreiben. Die öffentliche Kunst, das Vereinswesen, Bücher und touristische Angebote haben die Figur bekannter gemacht und ihre Präsenz in der Pfalz gestärkt. Ohne diese Formen der Vermittlung könnten Teile der regionalen Tradition heute weniger sichtbar sein.
Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass die Elwedritsch auf eine austauschbare Fantasiefigur reduziert wird. Eine solche Reduktion würde die Besonderheit ihrer regionalen Überlieferung schwächen. Die Elwedritsch wäre dann zwar überall als sympathisches Fabelwesen erkennbar, aber kaum noch von anderen touristischen Maskottchen zu unterscheiden.
Eine wissenschaftlich fundierte Vermittlung sollte deshalb drei Ebenen zusammenhalten:
- Die historische Ebene: Belege, Varianten, Datierungen und die Quellenlage müssen kritisch geprüft werden.
- Die funktionale Ebene: Jagd, Humor, Gemeinschaft, regionale Identität und touristische Nutzung sind als unterschiedliche Funktionen zu untersuchen.
- Die kognitiv-kulturelle Ebene: Es ist zu fragen, weshalb bestimmte Vorstellungen und Rituale entstehen, sich verändern und in neuen Formen weiterleben.
Eine solche Perspektive verlangt weder die Ablehnung moderner Veranstaltungen noch die unkritische Gleichsetzung aller Überlieferungsformen. Sie ermöglicht vielmehr, die Elwedritsch als kulturell wandelbares Wesen zu verstehen, dessen Geschichte nicht bei der touristischen Vermarktung endet.
10. Schlussfolgerung: Die Elwedritsch zwischen Überlieferung und Erlebniswirtschaft
Zwischen 1978 und 2025 vollzog sich eine schrittweise folkloristische Umcodierung der Elwedritsch. Gernot Rumpfs Brunnen machte das Wesen im öffentlichen Raum dauerhaft sichtbar. Vereinswesen und Tritschologie stabilisierten eine humoristische Beschäftigung mit der Figur. Kommerzielle Maskottchen, illustrierte Bücher, Souvenirs und touristische Angebote erweiterten ihre Verwendungszusammenhänge. Das Schwimm-Elwetritschenrennen ab 2023 führte diese Entwicklung in besonders anschaulicher Weise fort.
Die Elwedritsch wurde dabei zunehmend zum fantastischen Tierwesen, das betrachtet, gekauft, verschenkt, gesammelt und in einem Wettbewerb eingesetzt werden kann. Ihre Unbestimmtheit wurde zugunsten von Wiedererkennbarkeit reduziert; ihre bedrohlichen und widersprüchlichen Aspekte traten in vielen Vermittlungsformen hinter Humor und positiver regionaler Identität zurück.
Der Begriff der folkloristischen Umcodierung erfasst diesen Wandel, ohne die Entwicklung pauschal als Verfall zu bewerten. Er macht sichtbar, dass kulturelle Überlieferungen nicht nur bewahrt, sondern durch neue soziale, wirtschaftliche und mediale Zusammenhänge verändert werden.
Die zentrale kulturwissenschaftliche Aufgabe besteht darin, die modernen Erscheinungsformen mit der historischen Vielschichtigkeit der Elwedritsch in Beziehung zu setzen. Die Figur muss nicht aus Tourismus, Kinderkultur oder Unterhaltung zurückgezogen werden, um ihre Geschichte ernst zu nehmen. Vielmehr sollte ihre öffentliche Vermittlung wieder deutlicher erkennen lassen, dass sie mehr ist als ein niedliches Maskottchen. Damit würde das Phänomen seine historische Tiefenschärfe zurückerhalten.
Die Elwedritsch ist nicht nur ein fantastisches Tierwesen, sondern auch ein Beispiel dafür, wie Menschen mit Ungewissheit umgehen, Bedrohung in Humor verwandeln, Gemeinschaft durch Rituale herstellen und kulturelle Symbole an neue Bedürfnisse anpassen. Gerade diese Mehrdeutigkeit begründet ihre kulturhistorische Bedeutung.
Die Entwicklung von 1978 bis 2025 zeigt deshalb nicht einfach das Ende einer alten Sagengestalt. Sie zeigt, wie eine Sagengestalt in der modernen Erlebnisgesellschaft neue Formen annimmt – und wie wichtig es bleibt, die historischen und kulturellen Dimensionen sichtbar zu halten, die hinter dem Maskottchen weiterbestehen.































































