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Von der nächtlichen Bedrohung zum sozialen Ritual: Eine kognitionswissenschaftliche und lexikographische Untersuchung der Transformation von der Drude zur Elwedritsche

Von Michael Werner

1. Einleitung: Das Paradoxon der Elwedritsche

In der zeitgenössischen pfälzischen Folklore begegnet uns die Elwedritsche als ein skurriles, vogelähnliches Mischwesen, das primär als Fokus eines humoristischen Initiationsrituals – der „Elwedritschenjagd“ – fungiert. Dieser spielerische Charakter ist jedoch eine vergleichsweise junge, funktionale Überformung. Wer die Elwedritsche lediglich als „reine Scherzfigur“ der Moderne betrachtet, verkennt die strategische Tiefe ihrer dämonologischen Wurzeln. Die Problemstellung der aktuellen Forschung liegt darin, dass populärwissenschaftliche Deutungen den existenziellen Kern der Figur ignorieren: Die Elwedritsche ist das Ergebnis eines jahrhundertelangen kognitiven Schutzmechanismus zur Bewältigung von Ohnmachtserfahrungen. Die vorliegende Untersuchung stellt die These auf, dass die Figur eine Transformation von einem bösartigen Nachtmahr zu einem kontrollierbaren Sozialphänomen durchlaufen hat.

Zentrale Forschungsfragen dieser Abhandlung sind:

  • Inwiefern bildet das physiologische Erleben der Schlafparalyse das Fundament für die ursprüngliche Bedrohungsgestalt?
  • Wie lässt sich die morphologische und etymologische Kette von der „Drude“ bis zur „Elwedritsch“ lückenlos rekonstruieren?
  • Durch welche kognitiven Umformungsprozesse wird ein dämonischer Agent in ein harmloses Fabeltier transformiert?

Um diese Transformation zu verstehen, muss der wissenschaftliche Blick von der heutigen folkloristischen Erscheinung weg und hin zur physiologischen Basis der menschlichen Wahrnehmung gelenkt werden.

2. Die physiologische Basis: Schlafparalyse als Ursprung des Bedrohungsagenten

Die Entstehung von Nachtmahr-Erscheinungen wie der „Drude“ ist keine bloße Erfindung der Literatur, sondern basiert auf der Schlafparalyse, einer kulturübergreifenden Konstanten der menschlichen Biologie. Dieses Phänomen tritt an den Schwellen zwischen Wachzustand und REM-Schlaf auf und ist durch eine vorübergehende Unfähigkeit zur Willkürbewegung gekennzeichnet.

Die klinischen Symptome der Schlafparalyse – insbesondere das Gefühl massiven Drucks auf dem Brustkorb und die Immobilisierung – schaffen die notwendige Bedingung für eine „Agentenprojektion“. Wenn das menschliche Gehirn in einem Zustand höchster Vigilanz keine physische Ursache für die empfundene Bedrohung findet, generiert es die Präsenz eines intentionalen Akteurs, um die Situation kausal erklärbar zu machen. Die historische „Drude“ ist somit die kognitive Repräsentation einer neurologischen Grenzreizerfahrung.

Symptom der SchlafparalyseVolksglaubens-Interpretation (Drude)
Körperliche ImmobilisierungDas „Bannen“ oder Fesseln durch den Nachtgeist
Druckgefühl auf dem BrustkorbDas „Drücken“ oder „Reiten“ des Albs/der Drude
Präsenzgefühl / HalluzinationenWahrnehmung eines dämonischen Wesens im Raum
Intensive AngstempfindungBegegnung mit einem bösartigen „Nachtmahr“

Diese physiologische Erfahrung wurde durch sprachwissenschaftliche Dokumentation, insbesondere in isolierten Sprachinseln wie dem Banat, über Jahrhunderte in ihrem ursprünglichen, bedrohlichen Kern konserviert.

3. Lexikographische Evidenz: Die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ im Banat

Das „Wörterbuch der Banater Mundarten“ (WBdM) fungiert als empirisches Archiv, das einen entscheidenden Übergangszustand der Figur fixiert hat. Hier zeigt sich die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“: Im selben Lemma koexistieren Bedeutungen, die eigentlich verschiedenen Epochen der Volksvorstellung angehören. Während die Forschung des 19. Jahrhunderts oft einen späten Ursprung als Scherzfigur behauptete, belegt die Präsenz der Figur mit dämonischen Zügen bereits im 18. Jahrhundert (etwa im Banat und in Pennsylvania), dass die Elwedritsche weitaus älter und tief im Dämonenglauben verwurzelt ist.

Das Nebeneinander von „Nachtgeist/Drude“ und „Vogelgestalt/Fangritual“ im selben Eintrag ist die „Smoking Gun“ gegen die Theorie eines rein spielerischen Ursprungs.

„Elbetritsch […] anscheinend aus Elb/Alp und vielleicht Trude zusammengesetzt […] eine semantische Verdopplung von Nachtgeist-Konzepten.“ (Albert Becker 1925, Pfälzer Volkskunde, S. 121)

„Elbentrütsch […] 1. Fabeltier, meist in Vogelgestalt […] 2. Gespenst, Schreckgestalt: Elbetrutsche oder Drude [↑ Drude]“ (Wörterbuch der Banater Mundarten, S. 240)

Diese lexikalische Koexistenz beweist, dass die Elwedritsche kein neutrales Fantasietier ist, sondern eine morphologische Evolution eines ursprünglichen Schreckensbegriffs darstellt.

4. Die linguistische Kette: Morphologische Transformation als kognitive Strategie

Sprache fungiert in diesem Prozess als aktives Werkzeug zur Umgestaltung einer bedrohlichen Realität. Der Wandel vollzieht sich über eine präzise rekonstruierbare Kette sprachlicher Mikrotransitionen:

  1. Drude: Das Ausgangslexem, behaftet mit maximaler Angstsemantik (Dämon).
  2. Drutschel: Der Einsatz des Suffixes -schel (Diminution) fungiert als Affektoperator. Die Verkleinerung dient der emotionalen Umkodierung hin zum Hypokoristikum (Koseform für Kinder).
  3. Drutsch: Durch Desuffixierung – den bewussten Wegfall des Diminutiv-Suffixes bei Erhalt der neuen, positiven Valenz – wird der Wortstamm neutralisiert.
  4. Dritsch: Ein systematischer Lautwandel (Vokalvariation von u zu i) entkoppelt das Wort phonetisch weiter von der ursprünglichen „Drude“.
  5. Elwedritsch: Durch Re-Morphemisierung fusionieren die Bestandteile „Elbe“ (Alp) und „Dritsch“ zu einer neuen, semantisch opaken Einheit, die als spielerisches Lexem fungiert.

Die Verschiebung zur Koseform im Stadium des „Drutschels“ ist die notwendige Voraussetzung für die spätere Humorisierung. Ein Wesen, das sprachlich verniedlicht wurde, verliert seinen existenziellen Schrecken und wird kognitiv handhabbar.

5. Das HADD-CCT-BVT-Modell: Eine kognitionswissenschaftliche Begründung

Die Transformation lässt sich durch die Integration dreier kognitiver Komponenten erklären, die den Übergang von individueller Angst zu kollektivem Humor begründen:

HADD (Hyperactive Agency Detection Device): In der ersten Stufe führt die menschliche Neigung, in unklaren Reizen intentionale Akteure zu vermuten, zur Agentenprojektion während der Schlafparalyse. Die Drude entsteht als kognitives Modell zur Erklärung des erlebten Kontrollverlusts.

CCT (Compensatory Control Theory): Um die Ohnmacht zu kompensieren, setzt eine Umkodierung ein. Das Lexem „Drutschel“ ist hierbei das zentrale kognitive Werkzeug: Durch die Benennung und sprachliche Einordnung in ein Kose-Schema wird das Unfassbare in eine geordnete, beherrschbare Struktur überführt. CCT wird hier durch den sprachlichen Affektoperator erzielt.

BVT (Benign Violation Theory): Humor entsteht, wenn eine „Normverletzung“ (ein eigentlich bedrohliches Wesen) als „harmlos“ erkannt wird. Die Elwedritsche ist die Endstufe dieser Entwicklung – eine kalkulierte Verletzung der Realität, die keinen Schrecken mehr verbreitet, sondern sozialen Zusammenhalt durch gemeinsames Lachen stiftet.

Dieses Modell schlägt die Brücke von der einsamen Halluzination im Schlafzimmer zum kollektiven Brauchtum der Jagd.

6. Funktionale Humorisierung und soziale Integration

Die Elwedritschenjagd ist keine bloße Unterhaltung, sondern die endgültige Domestizierung eines ehemaligen Dämonen. Es ist entscheidend, die Elwedritsche von antiken Mischwesen abzugrenzen. Oft behauptete Verwandtschaften zu Figuren wie der Harpyie, der Sphinx oder den Gargoyles sind lediglich „Scheinähnlichkeiten“. Diese Wesen entspringen externen Mythen- oder Architektursystemen, während die Elwedritsche tief in der inneren psychologischen Bewältigung von Grenzreiz-Erfahrungen wurzelt.

Drei wesentliche Unterscheidungsmerkmale charakterisieren die Elwedritsche:

  • Interner Ursprung: Sie basiert auf der Verarbeitung von Wahrnehmungsstörungen (Schlafparalyse) statt auf externer Naturpersonifikation.
  • Kulturelle Resilienz: Sie dient der Transformation von Angst in Humor, nicht der religiösen oder moralischen Sanktion (wie etwa die Harpyie).
  • Morphologische Instabilität: Ihre Gestalt ist das Ergebnis einer sprachlichen Entschärfungskette, kein stabiles ikonographisches Mythenkonzept.

7. Fazit: Die Elwedritsche als Triumph der kulturellen Resilienz

Die Elwedritsche ist kein zufälliges Produkt lokaler Fantasie, sondern das Resultat einer jahrhundertelangen, erfolgreichen Humorisierung eines existenziellen Angstphänomens. Die wissenschaftliche Herleitung zeigt eine kohärente Kette von der physiologischen Qual der Schlafparalyse über die sprachliche Entschärfung im Banat bis hin zur modernen Sagengestalt.

Wir lernen von der Elwedritsche, dass die menschliche Kognition über beeindruckende Werkzeuge verfügt, um existenziellen Kontrollverlust in soziale Integration zu verwandeln. Die lexikographische Arbeit von Forschern wie Becker und die Dokumentation im Banater Wörterbuch sind für die moderne Folkloristik von unschätzbarem Wert, da sie die Übergangsphasen dieses Prozesses konserviert haben. In ihrer heutigen Form ist die Elwedritsche somit ein Monument kultureller Bewältigungsstrategie: Sie ist ein gezähmter Nachtmahr.

Die pfälzische Elwedritsch als Nachfahrin der nächtlichen Druckdämonen Mahr, Albe, Drude und Trotterkopf (Schweiz)

Von Michael Werner

1. Einleitung

Die pfälzische Elwedritsch gilt heute als humorvolle Sagengestalt, die in Jagdbräuchen und folkloristischen Erzählungen präsent ist. Ihre Wurzeln reichen jedoch tief in den europäischen Volksglauben zurück. Sie ist nicht isoliert entstanden, sondern steht in einer Traditionslinie mit den nächtlichen Druckdämonen: Mahr, Alb, Drude und Trotterkopf. Diese Gestalten wurden über Jahrhunderte als Erklärung für Albträume, Schlafparalyse und nächtliche Beklemmung herangezogen.

2. Überblick über die historischen Vorläufer

  • Mahr (ahd. mara, 9. Jh.): Nachtgeist, der sich auf die Brust des Schlafenden setzt und Albträume verursacht.
  • Alb/Albe (ahd. alb, 11. Jh.): germanischer Elf oder Nachtgeist, Ursprung des Wortes „Albtraum“.
  • Drude (mhd. trute, 12.–13. Jh.): weibliches Zauberwesen, das Menschen durch nächtliche Plagen bedrängt.
  • Trotterkopf (Schweiz, Volksglaube): Mischwesen aus Nachtmahr und Totengeist, gegen das Bannformeln überliefert sind.

Das älteste der drei Wörter ist Mahr (ahd. mara, 9. Jh.), gefolgt von Albe (ahd. alb, 11. Jh.). Das Wort Drude taucht erst deutlich später im Mittelhochdeutschen (ca. 12.–13. Jh.) auf.

2.1 Mahr

  • Beleg: Althochdeutsch mara (9. Jahrhundert).
  • Bedeutung: Ein weiblich vorgestelltes Nachtwesen, das sich auf die Brust des Schlafenden setzt und Albträume verursacht.
  • Verwandt mit engl. nightmare, schwed. mara, altnord. mara.
  • Fazit: Sehr alte Wurzel, vermutlich indogermanisch (morā), mit Belegen schon im frühen Mittelalter.

2.2 Albe (Alb)

  • Beleg: Althochdeutsch alb (11. Jahrhundert).
  • Bedeutung: Unterirdischer Naturgeist, elbisches Wesen, verwandt mit elf im Englischen und alfr im Altnordischen.
  • Fazit: Etwas jünger als Mahr, aber ebenfalls tief im germanischen Volksglauben verwurzelt.

2.3 Drude

  • Beleg: Mittelhochdeutsch trute (12.–13. Jahrhundert).
  • Bedeutung: Hexen- oder Zauberwesen, oft weiblich, das Menschen durch Zauber oder nächtliche Übergriffe plagt.
  • Herkunft: Unsicher; möglicherweise verwandt mit „truten“ = „betrügen, täuschen“.

3. Der Trotterkopf als Sonderform in der Schweiz

Beim Trotterkopf handelt es sich um eine dämonische Vorstellung im schweizerischen Volksglauben. Das Konzept vermischt die nächtlichen Druckdämonen (Mahr, Alb, Drude) mit Totengeistern – Wiedergängern, die keine Ruhe finden. Der Trotterkopf konnte als krankmachendes Wesen oder als Last auf dem Menschen verstanden werden, ähnlich wie die Mahr oder die Drude, die nachts auf die Brust drückten. In manchen Regionen wurde der Begriff auch mit Hexerei oder Besessenheit verbunden.

Alle vier Begriffe (Mahr, Alb, Drude, Trotterkopf) stehen für nächtliche Bedränger oder dämonische Kräfte.Gegen Mahr, Alb und Drude gab es Bannsprüche und Abwehrzauber (z. B. Kreuze über das Bett, Gebete, Schutzzeichen).Der Trotterkopf reiht sich hier ein: ein regionaler Ausdruck für eine ähnliche Vorstellung, mit eigenen Bannformeln. Das Schweizerisches Idiotikon verzeichnet Trotter und Trotterkopf mit Hinweisen auf Bannformeln. Im Volksglauben in der Schweiz (Sammlungen des 19. Jh.) sind Bannsprüche gegen nächtliche Dämonen und Krankheitsgeister dokumentiert.Diese sind vergleichbarmit den Bannformeln gegen Mahr und Drude, die in den Grimmschen Sammlungen und in Volkskundeliteratur überliefert sind.

Verbindung zum Nachtmahr

  • Der Nachtmahr (ahd. mara) ist ein dämonisches Wesen, das sich nachts auf die Brust des Schlafenden setzt und Atemnot sowie Albträume verursacht.
  • Der Trotterkopf übernimmt diese Funktion: er „sitzt“ auf dem Menschen, verursacht Beklemmung und wird durch Bannformeln vertrieben.
  • Damit ist er funktional identisch mit dem Mahr, aber regional anders benannt.

Verbindung zum Totengeist

  • In vielen Regionen der Schweiz galt der Trotterkopf nicht nur als Dämon, sondern auch als Seele eines Verstorbenen, die keine Ruhe findet.
  • Er konnte als „Toter, der zurückkehrt“ interpretiert werden – ähnlich wie andere Totengeister im Volksglauben.
  • Diese Vorstellung erklärt, warum gegen den Trotterkopf Bannsprüche gesprochen wurden: man wollte nicht nur einen Dämon, sondern auch einen ruhelosen Toten abwehren.

Mischcharakter

  • Doppelrolle:
    • Als Nachtmahr → verursacht Albträume und nächtliche Beklemmung.
    • Als Totengeist → Ausdruck des Glaubens an unruhige Seelen, die die Lebenden heimsuchen.
  • Der Trotterkopf ist damit ein Hybridwesen, das beide Vorstellungen verbindet.
  • Diese Mischform ist typisch für den Volksglauben: Grenzen zwischen Dämonen, Hexenwesen und Totengeistern waren oft fließend.

4. Beispiele aus Originalquellen

Schweizerisches Idiotikon (Band XI, Artikel Trotterkopf)

Dort wird ein Bannspruch dokumentiert, der in der Ostschweiz gegen nächtliche Plagen verwendet wurde:

„Trotterkopf, fahr us, im Namen Jesu Christi, du sollst nimmer wider cho.“ (Idiotikon, Bd. XI, Sp. 1423f.)

  • Inhalt: Aufforderung an den Trotterkopf, den Menschen zu verlassen.
  • Form: Klassische Bannformel mit christlicher Anrufung.
  • Funktion: Schutz vor nächtlicher Beklemmung und Albträumen.

Volkskundliche Sammlung (19. Jh., Toggenburg)

Ein weiterer Spruch lautet:

„Trotterkopf, ich bann dich, dass du mir nit meh uf d’Bruscht sitzisch, im Namen vom Vater, Sohn und heiligem Geist.“ (Quelle: Sammlung Tobler, zitiert im Idiotikon, Bd. XI)

  • Inhalt: Dreifache Anrufung der Trinität.
  • Funktion: Abwehr des nächtlichen Drucks, der als Ursache für Atemnot und Angst gedeutet wurde.

Vergleich mit Mahr- und Drudenbann

  • Ähnliche Sprüche finden sich auch gegen die Mahr und die Drude, z. B.: „Mahr, Mahr, du sollst nit uf mir fahr, im Namen Jesu Christi.“

5. Die Albdrude als Verschmelzung von Albe und Drude

Im süddeutschen und österreichischen Raum entwickelte sich die Vorstellung der Albdrude, einer besonders gefährlichen Kombination aus Alb und Drude. Sie bedrohte insbesondere Frauen und Kinder und galt als Inbegriff des nächtlichen Druckdämons.

Die Albdrude ist eine Gestalt des süddeutschen und österreichischen Volksglaubens. Sie gilt als eine dämonische Mischfigur aus Alb (Nachtgeist) und Drude (Hexenwesen), die nachts Menschen bedrückt, Atemnot und Albträume verursacht und besonders Frauen, Kinder und Wöchnerinnen heimsucht.

Herkunft des Begriffs

  • Alb: germanischer Nachtgeist, der Albträume verursacht (vgl. engl. elf, nightmare).
  • Drude: weibliches Zauberwesen, das sich nachts auf die Brust setzt und Beklemmung auslöst.
  • Albdrude: Kombination beider Vorstellungen – ein besonders gefährlicher „Druckgeist“.

Erscheinung und Wirkung

  • Beschrieben als nächtlicher Druckgeist, der sich auf die Brust des Schlafenden setzt.
  • Verursacht Albträume, Atemnot, Beklemmung.
  • In manchen Regionen speziell gefürchtet als Bedrohung für Kinder, Schwangere und Wöchnerinnen.
  • Teilweise mit hexenhaften Zügen dargestellt: lange Nase, zusammengewachsene Augenbrauen, blasses Gesicht.

Regionale Verbreitung

  • Besonders im Schwabenland, Mittelfranken, Bayern und Österreich verbreitet.
  • In der Pfalz und Rheinhessen wurde die Albdrude später „verkleinert“ und in die Figur der Elwedritsch überführt – ein Beispiel für die Transformation von Schreckgestalten in harmlose Sagentiere.

Bann und Abwehr

  • Gegen die Albdrude wurden Bannsprüche und christliche Schutzformeln gesprochen, ähnlich wie gegen Mahr und Drude.
  • Typische Abwehrmaßnahmen: Kreuzzeichen über dem Bett, Gebete, Amulette.
  • Ziel: die Albdrude am nächtlichen „Drücken“ hindern und sie vertreiben.

Die Albdrude ist ein dämonisches Mischwesen aus Alb und Drude, das im süddeutschen und österreichischen Volksglauben als besonders gefährlicher Druckgeist galt. Sie verbindet die Eigenschaften des Albtraum verursachenden Nachtmahrs mit denen einer hexenhaften Drude und wurde durch Bannformeln und Schutzrituale abgewehrt.

6. Von der Albdrude zur Elwedritsch

Die Elwedritsch (Pfälzer Fabelwesen) ist im Vergleich zu Mahr, Alb, Drude, Trotterkopf und Albdrude eine humorisierte, verkleinerte und entschärfte Form der Albdrude. Während die Albdrude als gefährlicher nächtlicher Druckgeist galt, wurde sie in der Pfalz „verkleinert“ und in ein harmloses, vogelähnliches Sagengeschöpf verwandelt – die Elwedritsch.

Die Albdrude bedrohte nach Volksglauben besonders Kinder, Schwangere und Wöchnerinnen mit nächtlicher Beklemmung und Atemnot. Um den Schrecken zu nehmen, wurde die Figur im Pfälzer Volksglauben verkleinert und verniedlicht. Ergebnis: Die Elwedritsch, ein vogelähnliches, oft komisch dargestelltes Wesen, das man nicht mehr fürchtete, sondern „jagte“ (Elwedritsche-Jagd als Brauch). Die Elwedritsch zeigt, wie sich Volksglauben transformiert: Vom dämonischen Druckgeist (Albdrude) zum harmlosen Fabeltier (Elwedritsch). Dieser Prozess ist typisch: Schreckgestalten werden im Laufe der Zeit „verkleinert“ oder „verharmlost“ und in die Folklore integriert.

WesenUrsprungWirkungStatus im Volksglauben
Mahrahd. mara (9. Jh.)Albträume, Druck auf BrustDämonisch
Albahd. alb (11. Jh.)Nachtgeist, TraumdämonDämonisch
Drudemhd. trute (12.–13. Jh.)Hexenwesen, nächtliche PlageDämonisch
AlbdrudeKombination Alb + Drude (mglw. 16. Jh. – Belege erst ab 19. Jh.)besonders gefährlicher DruckgeistDämonisch
TrotterkopfSchweiz, VolksglaubeMischwesen Nachtmahr + Totengeist, mit BannformelnDämonisch
ElwedritschPfalz (ab ca. 17. Jh.)humorisiertes Fabeltier, JagdobjektVerharmloste Sagengestalt

Nach der sprachlichen Verkleinerung folgte die rituelle Verbannung: Die Elwedritsch wurde „in den Wald gejagt“, um sie aus der Gemeinschaft zu entfernen. Aus dem Bannritual entwickelte sich ein humorvoller Brauch: die Elwedritsche-Jagd, bei der man Fremde mit Sack und Laterne nachts auf die Suche schickte. Damit wurde die frühere Angstgestalt endgültig in die Folklore integriert und ihrer Bedrohlichkeit beraubt.

Die pfälzische Elwedritsch ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Transformation von Angstgestalten zu Folklorefiguren. Aus der gefürchteten Albdrude wurde durch sprachliche Verkleinerung und rituelle Verbannung ein harmloses Sagengeschöpf, das heute als Symbol pfälzischer Kultur gilt. Damit zeigt sich, wie Volksglaube über die Jahrhunderte Angst in Humor verwandelt und Dämonen in Fabelwesen transformiert.

7. Quellen:

Originalquellen und Zitate

Mahr

  • Grimm, Deutsches Wörterbuch (DWB): „ahd. mara, mhd. mar(e), ein weiblicher Nachtgeist, der den Schlafenden bedrückt.“ (DWB, Bd. 12, Sp. 1546f.)
  • DWDS – Etymologisches Wörterbuch: „ahd. mara f. (9. Jh.), mhd. mar(e) m./f., asächs. mara, engl. nightmare.“ Quelle: DWDS – Mahr
  • Duden Online → „mittelhochdeutsch mar(e), althochdeutsch mara, ursprünglich vielleicht = Zermalmerin“ Quelle: Duden – Mahr

Alb / Albe

  • Grimm, DWB: „ahd. alb, mhd. alp, unterirdischer Naturgeist, elbisches Wesen.“ (DWB, Bd. 1, Sp. 293–296)
  • Wikipedia – Nachtalb: „Ahd. alb (11. Jh.), mhd. alp, aengl. ælf, engl. elf, anord. alfr.“ Quelle: Wikipedia – Nachtalb

Drude

  • Grimm, DWB: „mhd. trute, drude, weibliches Zauberwesen, Hexe, Gespenst.“ (DWB, Bd. 2, Sp. 1225–1228)
  • Forum OÖ Geschichte: „Die Drud ist, wie der Alb und der Mahr, ein nächtlicher Druckgeist, der böse Träume verursacht.“ Quelle: Forum OÖ Geschichte – Drud
  • Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache (24. Aufl., 2002) → „Drude, mhd. trute, Hexenwesen; möglicherweise verwandt mit trügen.“ Quelle: Kluge, Etymologisches Wörterbuch, S. 234.

Trotterkopf

  • Schweizerisches Idiotikon: „Trotterkopf, ein nächtlicher Druckgeist, halb Mahr, halb Totengeist; gegen ihn wurden Bannformeln gesprochen.“ (Idiotikon, Bd. XI, Sp. 1423f.)
  • Bannspruch (Ostschweiz, 19. Jh.): „Trotterkopf, fahr us, im Namen Jesu Christi, du sollst nimmer wider cho.“

Albdrude

  • Grimm, DWB: „Albdrude, eine besonders gefährliche Drude, die Frauen und Kinder bedrückt.“
  • Legende der Drude: „Die Drude stammt aus den Sippen der Maren und Alpdrücker und treibt als nächtlicher Druckgeist ihr Unwesen.“ Quelle: druden.de – Legende der Drude

Elwedritsch

  • Wikipedia – Elwetritsch: „Die Elwetritsch ist ein pfälzisches Fabelwesen, das als Verkleinerungsform der Albdrude gilt.“
  • Hiwwe wie Driwwe: „Weißt du nicht, daß böse Seelen nächtlich aus dem Leibe rücken, um den Menschen zu bedrücken…“ Quelle: Hiwwe wie Driwwe – Albdrud/Elwedritsch

Quellenliste

  1. Grimm, Jacob & Wilhelm: Deutsches Wörterbuch, diverse Bände (Leipzig, 1854–1961).
  2. Schweizerisches Idiotikon, Bd. XI (Zürich, 1881ff.).
  3. DWDS – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache: Mahr.
  4. Wikipedia: Nachtalb.
  5. Forum OÖ Geschichte: Die Drud/Trud.
  6. Druden.de: Legende der Drude.
  7. Wikipedia: Elwetritsch.
  8. Hiwwe wie Driwwe: Das wahre Wesen der Elwedritsch.

Literatur

  • Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24. Aufl. Berlin/New York: de Gruyter, 2002.
  • Grimm, Jacob & Wilhelm: Deutsches Wörterbuch. Leipzig, 1854–1961.
  • Schweizerisches Idiotikon: Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache. Zürich, 1881ff.
  • Röhrich, Lutz: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Freiburg, 1991.
  • Bächtold-Stäubli, Hanns: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Berlin/Leipzig, 1927–1942.