Bockenheimer Anthologie 1953

Briefmarke zur Erinnerung an deutsche Kriegsgefangene (1953)
Widder dehääm

Am Kubeefenschter steht e Mann
Mit grooe Hoor un Falte,
Ma sieht's em an de Auge an
Un an seim Rock, dem alte - -

Der kummt aus Russland, aus de Höll -
Der wääß was zu verzähle ...
Was guckt er nor so hart un grell
Was duht en nor so quäle?

Er schluckt un greift sich an de Hals
"Ach Gott" heert ma ne schtöhne.
"Do sin mer jo, des is mei Palz,
Die Haardt, die Berg, die scheene.

Do stehn die Reewe in de Sunn.
Ich siehn's, sie duhn schun reife ...
Ach, dausendmol han ich devun
Getreemt, ich kennt se greife!

Wie scheen leit jetzt de Trifels do
De Annebos denewe.
Ach, Pälzer Wald, da bisch de jo.
Ich därf dich noch erleewe!" -

Der Mann mit seine grooe Hoor
Geht langsam durch die Gasse
Er kann sei Glick, no soviel Johr,
Uff enmol noch net fasse.

Erscht wie sei Fraa ne an sich zieht
Do kummen em die Träne.
Un wie er all sei Kinner sieht,
Die Enkelcher, die Klääne,

De Philp mit seiner rode Nas,
- Sei Freind aus alte Daage -
Kummt mit me volle Schoppeglas
Un duht zum Peter sage:

"Guck, Freind, den han ich uffgehoob.
Es is vum allerbeschte.
Des Feschber werd net uffgeschoob,
Mei Fraa bringt glei die Keschte."

Er spiert de Troppe uff de Zung
- Was will de Peter mache -
Er fiehlt's - "Jetzt werr ich widder jung.
Jetzt kann ich widder lache."

Liesl Ott (1900-1983)

Acht Jahre war der Zweite Weltkrieg vorbei. Noch immer saßen ehemalige deutsche Soldaten in Kriegsgefangenschaft in Sibirien. Die Städte in der Pfalz lagen in Trümmern. Das Land war besetzt. Und Liesl Ott (1900-1983) dichtete 1953 diese Zeilen.

„So spricht das Herz im Wein sich aus“ war das Motto des ersten „Wettbewerbs pfälzischer Dichter“ am 17. Oktober 1953 in Bockenheim. Die Veranstaltung fand im Rahmen des Bockenheimer Winzerfests statt. Stark gemacht für eine solche Veranstaltung hatte sich seinerzeit der Bockenheimer Amtsrat Hans Niederberger. Die Jury war hochkarätig besetzt, aber zum Teil politisch nicht unbelastet. Und sie traf zwei Entscheidungen. Erstens: Keiner der eingereichten Beiträge ist gut genug, um einen ersten Preis zu erhalten. Friedrich Köhler wurde für seinen Text „De Winzer un sein Bu(b)“ deshalb als Sieger mit einem zweiten Preis bedacht. Zweitens: Die ersten vier Ränge wurden an typische „Pfalz- und Weingedichte“ vergeben, die ausnahmslos von Männern geschrieben waren:

„Bloß der, mein Borsch, werd Wingertsmann / wo aa sei Rebstöck schneire kann“ (Friedrich Köhler) – „De sieße Saft soll treiwe. / De Weistock, der muss bleiwe!“ (Kurt Kölsch) – „Bedächtig nimmt er Schluck fer Schluck … / Do weicht’m vun de Seel en Druck“ (Gerhard Rossato) – „Bei mer dehääm im Kücheschrank, / do steht e Glas, so fei’che, / mit lauter Dubbe, blitzeblank. / Un bin gesund ich oder krank, / trink ich dodraus mei Wei’che.“ (Werner Wendel). So texteten die Autoren.

Ganz anders die einzigen beiden prämierten Frauen, die auf den hintersten Plätzen landeten: „Die Brems kreischt uf, de Zug macht Halt / un mit me Arm voll Blumme / sieht er e langgeliebti G’stalt, / sei alti Mutter kumme. / Sie greint – un nemmt ne um de Hals …“ (Karoline Kriechbaum) – und dann eben Liesl Ott, die in diesem Teilnehmerfeld mit ihrem Text ganz hinten landete, auf Rang 7.

Liesl Ott ist hier etwas Besonderes gelungen: Sie nahm das Motto, das einen Weinbezug forderte, ernst und entwickelte eine zeithistorische Rahmenhandlung: Die Heimkehr eines Kriegsgefangenen. In der Wechselwirkung beider Ebenen entwickelt sich die Qualität des Gedichts.

Die Zweibrückerin hatte in ihren jüngeren Jahren eine unglückliche Ehe verlassen und war kinderlos. Sie arbeitete in einem Kinderheim als Erzieherin und betreute gemeinsam mit ihrer Schwester zwei verwaiste Neffen. Zum Schreiben kam sie um 1950 herum im Alter von 50 Jahren. Nach 1953 nahm Liesl Ott noch oft an Mundartwettbewerben teil und erhielt zahlreiche Preise. Ihre Gedichte erschienen in Zeitungen und Zeitschriften. Auch war sie oft in Radiosendungen zu Gast, die in Mainz, Saarbrücken und Stuttgart produziert wurden. Ott veröffentlichte zwei Gedichtbände und das Theaterstück „Die Tante aus Amerika“, welches 1959 vom Saarländischen Rundfunk als Hörspiel gesendet und 1970 mit guten Kritiken in Zweibrücken aufgeführt wurde. Die Liedermacherin Anni Becker (1926-2009) aus Kaiserslautern hat Verse von Liesl Ott vertont und diese als Lieder bei „Liesl-Ott-Abenden“ auf vielen Bühnen gesungen. 1983 starb Liesl Ott, die „Pfälzer Lieselott“, nahezu erblindet in einem Zweibrücker Seniorenheim.

Michael Werner

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