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William Betz – Der Anrufer

„Will Warickelholz“ war im Pennsylvania Dutch Country eine Berühmtheit, die ich nur ein einziges Mal traf. Da saß ich im heißen Sommer 1994 bei New Tripoli in einer Küche und sprach mit William Betz (1919-1996), dem Mann hinter dem Pseudonym. Ab etwa 1965, als der Radiomacher Dave Hendricks (1925-2009) in seinem Sender WBYO in Boyertown seine „Wunnerfitz Schtunn“ ins Leben rief, gehörte er zu den aktivsten Anrufern.

Die Sendung funktionierte interaktiv – in einer Zeit lange vor Social Media. Mundartsprecher Dave Hendricks rief seine Zuhörer „on air“ dazu auf, bei ihm anzurufen und von sich und ihrem Alltag zu erzählen. „Wunnerfitzig“ bedeutet im Pennsylvania-Deutschen „neugierig“. Zu den eifrigsten Anrufern gehörte bald ein gewisser „Will Warickelholz“ (zu deutsch: „Nudelholz“), der live im Radio „Schtoris“ zum Besten gab. Die waren oft sehr informativ und entwickelten sich mit der Zeit zu einer eigenen Kunstgattung: Will wusste, wie man Geschichten erzählen musste, so dass andere sie interessant fanden.

Eine der letzten Sendungen kann man hören, wenn man hier klickt.

Diese Fähigkeit und sein außerordentlich großer Wortschatz erregten bald auch die Aufmerksamkeit eines jungen Linguisten: C. Richard Beam. Er hörte aufmerksam zu und notierte besondere Wörter bzw. deren Verwendung für ein Wörterbuchprojekt, das gegen Ende der 1960er Jahre langsam Gestalt annahm. Später besuchte er mit seiner Frau William Betz öfter in New Tripoli. Zwischen 1971 und 2013 hatte Beam mit „Die alde Kumraade“ eine eigene Radiosendung, die er allerdings auf Cassette aufnahm und dem Sender schickte. Das war also nicht „live“ wie das Format von Dave Hendricks.

Die „Wunnerfitz Schtunn“ lief bei WBYO bis ins Jahr 1989. Da wurde der Sender verkauft, und der neue Eigentümer wollte von einer so seltsamen Mundart-Live-Sendung natürlich nichts mehr wissen.

William Betz schickte mir im Nachgang zu unserem Gespräch mit Brief sein Gedicht „Die Fendu“ (Die Auktion). Es ist in der allerersten Ausgabe von „Hiwwe wie Driwwe“, die im Januar 1997 bei den Lesern ankam, abgedruckt. Da war „Will Warickelholz“ kurz zuvor verstorben. Mit Dave Hendricks stand ich Anfang der 2000er Jahre in sporadischem Kontakt – persönlich getroffen haben wir uns nie.

Ein gewisser Allan Musser (1915-2007) aus New Holland (PA) nahm die Einstellung der „Wunnerfitz Hour“ zum Anlass, ab 1993 seine „Allan G. Musser Show“ bei der „Blue Ridge Cable Company“ in Ephrata als TV-Show „on air“ zu bringen. Er hatte viel Erfahrung als Radiomoderator und auch schon Sendungen in Pennsylvania-Deutsch produziert. Allan habe ich in seinem Hardware Store in Bowmansville mehrfach getroffen. Er setzte mit seinem Ansatz das Live-Format von Dave Hendricks mit bewegten Bildern und eingeladenen Gästen fort. Hier gehörte zu den beliebtesten Gästen eine gewisse Dorothy Eberly Fry (1914-2012). Dick Beam sah sie im Fernsehen und nahm mit ihr Kontakt auf, woraufhin sich eine enge Freundschaft zwischen beiden entwickelte. Die Musser-TV-Show lief im Programm etwa bis zum Jahr 2000.

Fast forward ins „Social Media“-Zeitalter: Seit 2021 produziert Douglas Madenford in Howard (PA) in Facebook eine interaktive TV-Show mit Titel „Pennsylvania Dutch LIVE“. Auch er erlaubt seinem Publikum, sich „live“ im Programm dazuzuschalten, etwa mit Kommentaren, oder indem er sich über Video mit ihnen verbindet und sie so direkt ins Programm einbindet.

Natürlich gab es auch vor Dave Hendricks und seiner „Wunnerfitz Schtunn“ schon Radioprogramme in Mundart. Ein sonntäglicher Gassenhauer war zum Beispiel „Assebe un Sabina“, eine wöchentliche Hörspielserie mit dem Fokus auf dem bäuerlichen Alltag der Pennsylvania-Deutschen. Das Programm lief auf WSAN in Allentown (PA) von 1944 bis 1955. Aber das war eben ein produziertes Hörspiel, keine Live-Sendung.

Die Sendung kann man sehen, wenn man hier klickt.

Von daher würde ich schon eine direkte Linie von William Betz und Dave Hendricks über Allan Musser und Dorothy Fry zu Douglas Madenford und seinem Freund und Show-Kollegen Chris LaRose ziehen. Und William Betz setzte mit seinen Geschichten qualitativ den Maßstab, an dem die Jüngeren sich orientieren können.

Der Pälzylvanier