Pennsylvania Dutch 2200: Ein Szenario

Amish Buggies in Lancaster County (Pennsylvania)

Eine Sprache wächst, verändert ihre Grammatik und löst sich zunehmend von ihren europäischen Wurzeln: Pennsylvania Dutch könnte im kommenden Jahrhundert eine bemerkenswerte Entwicklung nehmen. Die demografische Expansion der Amish und Old Order Mennonites ist dabei nur ein Teil der Geschichte. Auch ehemalige Mitglieder der religiösen Gemeinschaften könnten zu wichtigen Trägern einer neuen, amerikanisch geprägten Sprachkultur werden.

Eine ungewöhnliche Erfolgsgeschichte

Während viele regionale Minderheitensprachen in Europa unter dem Druck der Standardsprache zurückgehen, entwickelt sich Pennsylvania Dutch in Nordamerika in die entgegengesetzte Richtung. Die Sprache, die wesentlich auf pfälzischen und anderen südwestdeutschen Dialekten des 18. Jahrhunderts beruht, wird heute von einer wachsenden Gemeinschaft gesprochen. Ihr wichtigstes demografisches Fundament sind die Old Order Amish. Hinzu kommen Old Order Mennonites und weitere kleinere Sprechergruppen. Anders als bei vielen anderen Minderheitensprachen ist die Weitergabe an die nächste Generation innerhalb der traditionellen Gemeinschaften ausgesprochen stark. Die Bevölkerungsentwicklung der Amish ist bemerkenswert. Das Young Center am Elizabethtown College bezifferte ihre nordamerikanische Bevölkerung 2026 auf rund 421.200 Menschen. Die Gemeinschaften wachsen vor allem durch hohe Geburtenraten und eine starke religiöse und soziale Binnenbindung. Die Zahl der Amish ist allerdings nicht mit der Zahl der Pennsylvania-Dutch-Sprecher gleichzusetzen. Nicht alle Amish-Gruppen verwenden dieselbe Sprachvarietät. Umgekehrt gehören auch Mennoniten und Menschen außerhalb der traditionellen Gemeinschaften zur Pennsylvania-Dutch-Sprachgemeinschaft. Trotzdem ist die demografische Dynamik außergewöhnlich. Sie wirft eine Frage auf, die für die Sprachgeschichte des Deutschen durchaus überraschend ist: Könnte Pennsylvania Dutch im Laufe der kommenden Jahrhunderte mehr Muttersprachler haben als das Standarddeutsche?

Die Expansion über Pennsylvania hinaus

Pennsylvania Dutch ist längst keine Sprache mehr, die ausschließlich in Pennsylvania beheimatet ist. Die Amish haben ihre Siedlungsgebiete über zahlreiche US-Bundesstaaten ausgedehnt. Ohio, Indiana und Pennsylvania gehören zu den wichtigsten Zentren. Neue Gemeinschaften entstehen auch im Mittleren Westen und zunehmend weiter westlich. Kanada, insbesondere Ontario, ist ebenfalls ein bedeutender Siedlungsraum. Darüber hinaus gibt es erste Ansätze einer Ausbreitung nach Lateinamerika. Bolivien und Mexiko sind dabei von besonderem Interesse. Noch handelt es sich um kleine und teilweise experimentelle Gemeinschaften. Eine größere Verlagerung des demografischen Schwerpunkts nach Mittel- und Südamerika ist keineswegs gesichert. Für die Zukunft der Sprache ist diese geografische Expansion jedoch entscheidend. Wenn Pennsylvania Dutch über Jahrhunderte weiterwachsen soll, wird es nicht genügen, die heutige Siedlungsstruktur einfach fortzuschreiben. Neue landwirtschaftliche Flächen, weitere Siedlungsgebiete und die Fähigkeit, neue Gemeinschaften zu gründen, werden eine wichtige Rolle spielen. Die Sprache könnte dadurch zu einer transnationalen nord- und lateinamerikanischen Minderheitensprache werden.

Das Pennsylvania Dutch der Zukunft wird anders klingen

Eine solche Expansion wird zwangsläufig sprachliche Veränderungen mit sich bringen. Das heutige Pennsylvania Dutch ist bereits eine eigenständige Varietät mit einer langen Geschichte des Sprachkontakts mit dem Englischen. Die Grammatik unterscheidet sich in wichtigen Punkten vom Standarddeutschen und auch von den heutigen pfälzischen Dialekten. Besonders interessant ist die Entwicklung des Kasussystems. Die deutsche Unterscheidung zwischen Nominativ, Akkusativ und Dativ ist in vielen Pennsylvania-Dutch-Varietäten stark reduziert. Auch die Flexion von Artikeln und Substantiven hat sich verändert. Die Forschung dokumentiert darüber hinaus Veränderungen bei Genus und Numerus sowie Einflüsse des Englischen auf Satzbau und Verbalkonstruktionen. Man kann deshalb davon ausgehen, dass das Pennsylvania Dutch des Jahres 2200 nicht einfach eine konservierte Form des Pfälzischen sein wird. Vielmehr könnte sich eine neue überregionale Sprachform herausbilden, die man als New Pennsylvania Dutch bezeichnen könnte, das je nach Region englische oder spanische Elemente und Strukturen aufweist.

Einige mögliche Entwicklungen:

  • weiterer Abbau der nominalen Kasusflexion;
  • Vereinfachung der Genus- und Numeruskongruenz;
  • stärkere Orientierung an englischen Satzstrukturen;
  • neue Verbalkonstruktionen und Hilfsverbformen;
  • erhebliche Erweiterung des englischen Wortschatzes;
  • in lateinamerikanischen Gemeinschaften zusätzliche spanische Einflüsse.

Ein Beispiel für die bereits heute sichtbare strukturelle Eigenständigkeit ist die Formulierung „Geb mich des Buch“. Solche Konstruktionen zeigen, dass die Sprachentwicklung nicht einfach als Übernahme englischer Wörter verstanden werden kann. Vielmehr verändern sich auch grammatische Beziehungen. Das Pennsylvania Dutch könnte damit eine Entwicklung durchlaufen, die man aus der Geschichte anderer Auswanderersprachen kennt: Aus einer europäischen Herkunftsvarietät entsteht eine eigenständige amerikanische Sprache.

Die unterschätzte Gruppe: Menschen, die Amish und Mennonites verlassen

Eine besonders interessante Dimension der zukünftigen Sprachentwicklung wird bislang wenig untersucht. Nicht alle jungen Menschen bleiben dauerhaft in den Amish- oder Old-Order-Mennonite-Gemeinschaften. Ein Teil entscheidet sich gegen die religiöse Zugehörigkeit und verlässt die traditionelle Lebenswelt. Diese Menschen sind für die Zukunft des Pennsylvania Dutch keineswegs automatisch verloren. Viele wachsen mit der Sprache auf, sprechen sie mit Eltern und Geschwistern und erwerben eine Sprachkompetenz, die auch nach dem Austritt erhalten bleiben kann. Andere verlieren Teile ihrer aktiven Sprachfähigkeit, verstehen die Sprache aber weiterhin. Hier entsteht eine neue Sprechergruppe: ehemalige Amish und Mennonites, die in der amerikanischen Mehrheitsgesellschaft leben, aber ihre Herkunftssprache bewahren. Ihre gesellschaftliche Bedeutung könnte weit über ihre zahlenmäßige Größe hinausgehen. Sie können als Filmemacher, Schauspieler, Musiker, Autoren, Journalisten, Unternehmer oder Influencer auftreten. Sie können Dokumentarfilme produzieren, autobiografische Bücher veröffentlichen, Websites betreiben und ihre Erfahrungen in sozialen Medien vermitteln. Auch in der Unterhaltungsindustrie könnte die Herkunft aus einer Plain-Gemeinschaft zunehmend ein Thema werden. Damit würde Pennsylvania Dutch eine neue Funktion erhalten: Es wäre nicht mehr ausschließlich die Sprache einer religiös abgegrenzten Gemeinschaft, sondern auch eine kulturelle Herkunftssprache. Das ist ein entscheidender Unterschied. Eine Person kann die Amish-Gemeinschaft verlassen, amerikanische Lebensformen übernehmen und trotzdem Pennsylvania Dutch mit ihrer Familie sprechen. Sie kann die Sprache sogar bewusst als Teil ihrer kulturellen Identität pflegen. Noch interessanter wird es, wenn solche Menschen die Sprache an ihre eigenen Kinder weitergeben. Dann entsteht außerhalb der traditionellen Gemeinschaften eine zusätzliche Generation von Sprechern. Wie groß diese Gruppe tatsächlich ist, wissen wir bislang nicht. Es fehlt an repräsentativen Untersuchungen über Sprachkompetenz und Sprachweitergabe nach dem Austritt aus den Plain-Gemeinschaften.

Eine neue Sprachgemeinschaft in vier Gruppen

Für die Zukunft sollte man deshalb nicht mehr nur die Amish-Bevölkerung betrachten. Eine aussagekräftigere Statistik müsste vier Gruppen unterscheiden:

1. Plain Speakers

Amish und Old Order Mennonites, für die Pennsylvania Dutch eine zentrale Alltagssprache ist.

2. Former Plain Speakers

Ehemalige Mitglieder, die die Gemeinschaft verlassen haben, aber weiterhin aktiv Pennsylvania Dutch sprechen.

3. Heritage Speakers

Kinder und Enkel ehemaliger Mitglieder, die die Sprache in der Familie erworben haben oder ihre Herkunftssprache später wieder erlernen.

4. New Speakers

Menschen ohne Amish- oder Mennonite-Herkunft, die Pennsylvania Dutch durch Partnerschaften, Freundschaften, Medien, Sprachunterricht oder kulturelles Interesse erwerben.

Die vier Gruppen könnten langfristig eine neue, deutlich vielfältigere Sprachgemeinschaft bilden. Dabei ist zwischen tatsächlichen Sprechern und bloßen Kulturinteressierten zu unterscheiden. Wer sich für Amish-Kultur interessiert oder Filme über sie produziert, ist nicht automatisch Pennsylvania-Dutch-Sprecher. Entscheidend bleibt die tatsächliche Sprachkompetenz.

Wie viele Sprecher könnte es im Jahr 2200 geben?

Eine langfristige Prognose ist schwierig. Die gegenwärtige demografische Dynamik lässt sich nicht unbegrenzt fortschreiben. Mit wachsender Bevölkerung werden Landverfügbarkeit, soziale Veränderungen und die Entwicklung der religiösen Bindung wichtiger. Dennoch kann man verschiedene Szenarien berechnen. Für eine Modellrechnung lassen sich drei Entwicklungen unterscheiden:

JahrKonservatives SzenarioMittleres SzenarioDynamisches Szenario
20260,45 Mio.0,45 Mio.0,45 Mio.
21002,1 Mio.3,5 Mio.4,9 Mio.
21504,6 Mio.8,7 Mio.18 Mio.
22007,7 Mio.16,2 Mio.45 Mio.

Diese Werte sind Modellresultate, keine wissenschaftlich gesicherten Bevölkerungsprognosen. Sie schließen aktive Sprecher außerhalb der traditionellen Gemeinschaften ein. Das dynamische Szenario setzt eine erfolgreiche geografische Expansion und eine stärkere Sprachpflege durch ehemalige Mitglieder voraus. Für den Vergleich mit dem Deutschen ist ebenfalls eine langfristige Schrumpfung der deutschsprachigen Muttersprachlergemeinschaft anzunehmen. Eine Modellrechnung mit 90 Millionen Muttersprachlern im Jahr 2026 und einem jährlichen Rückgang von 0,35 Prozent ergibt für 2200 noch etwa 49 Millionen. Unter diesen Annahmen würde Pennsylvania Dutch im dynamischen Szenario im 22. Jahrhundert das Standarddeutsche überholen. Im mittleren Szenario wäre das erst deutlich später der Fall. Dabei handelt es sich ausdrücklich um eine hypothetische Langzeitrechnung. Besonders unsicher sind die künftigen Wachstumsraten der Plain-Gemeinschaften und die Zahl der ehemaligen Mitglieder, die ihre Sprache behalten und weitergeben.

Amerikanisches und lateinamerikanisches Deitsch

Für die Pfalz ist diese Entwicklung besonders interessant.

Die Pennsylvania-Dutch-Sprache ist ein lebendiges Zeugnis der südwestdeutschen Auswanderungsgeschichte. Ihre Grundlagen liegen in den Dialekten der Einwanderer des 18. Jahrhunderts. Die Pfalz war dabei eine wichtige Herkunftsregion, wenn auch keineswegs die einzige. Pennsylvania Dutch entstand zwisch 1775 und 1815 in Amerika. Es ist vom Beginn an eine amerikanische Sprache.

Das heutige Pennsylvania Dutch war deshalb noch nie 1:1 mit dem Pfälzischen des 18. Jahrhunderts gleichzusetzen. Und die Sprache des Jahres 2200 könnte sich noch weiter von ihren europäischen Ausgangsformen entfernen. Die pfälzischen Merkmale werden in einer solchen Entwicklung nicht unbedingt vollständig verschwinden. Sie werden aber zunehmend Teil einer historischen Herkunftsschicht sein. Die neue Sprache könnte sich noch deutlicher als heute durch ihre amerikanische Identität definieren. Das wäre eine bemerkenswerte historische Umkehrung: Eine Sprache, die aus europäischen Auswandererdialekten entstanden ist, entwickelt sich in Nordamerika zu einer eigenständigen Sprachgemeinschaft, deren Sprecherzahl möglicherweise größer wird als die ihrer ursprünglichen Herkunftsregion.

Pennsylvania Dutch als Forschungsgegenstand der Zukunft

Aus dieser Entwicklung ergeben sich drei besonders wichtige Forschungsfelder.

Erstens: Ex-Amish Language Retention.

Wie viele ehemalige Amish und Mennonites behalten ihre Sprachkompetenz? Wie verändert sich ihr Sprachgebrauch nach dem Austritt? Welche Rolle spielt die Weitergabe an die eigenen Kinder?

Zweitens: The Geography of Plain Pennsylvania Dutch.

Wie entwickelt sich die Siedlungsgeografie in den westlichen USA, Kanada und Lateinamerika? Wo entstehen neue Sprachzentren? Wie unterscheiden sich die regionalen Varietäten?

Drittens: The Linguistic Evolution of New Pennsylvania Dutch.

Wie verändern sich Kasus, Genus, Syntax und Verbalsystem? Welche englischen und spanischen Einflüsse werden grammatisch relevant? Entsteht eine neue überregionale Schriftsprache? Diese Fragen sollten nicht nur aus einer traditionellen Dialektologie heraus untersucht werden. Notwendig wäre ein interdisziplinärer Ansatz aus Soziolinguistik, Demografie, Sprachkontaktforschung, Migrationsforschung und Kulturwissenschaft. Genau hier setzt eine junge Professorin, Dr. Rose Fisher (Michigan State University), auch an. Hier geht es zu ihrem Forschungsprojekt: penndutchdialects.org

Eine überraschende Zukunft

Die eigentliche Zukunft des Pennsylvania Dutch könnte also ganz anders aussehen, als es die heutige Vorstellung einer konservierten deutschen Auswanderersprache vermuten lässt. Die Plain-Gemeinschaften bleiben möglicherweise das demografische Rückgrat. Gleichzeitig könnten ehemalige Mitglieder die Sprache in die amerikanische Öffentlichkeit tragen. Neue Sprecher könnten hinzukommen. Und durch die Expansion in unterschiedliche Regionen Nord- und Lateinamerikas könnte sich eine sprachlich vielfältige Gemeinschaft entwickeln. Das Ergebnis wäre eigenständige amerikanische Sprache mit deutscher Herkunft, englischen und möglicherweise spanischen Einflüssen und einer zunehmend transnationalen Sprecherbasis.

Vielleicht wird man im Jahr 2200 auf die Geschichte des Pennsylvania Dutch zurückblicken und feststellen, dass ausgerechnet eine Sprache, die im 18. Jahrhundert von Auswanderern aus der Pfalz und anderen südwestdeutschen Regionen nach Nordamerika gebracht wurde, zu einer der bemerkenswertesten demografischen Erfolgsgeschichten der europäischen Auswanderersprachen geworden ist. Die spannende Frage ist deshalb nicht nur, wie viele Menschen Pennsylvania Dutch künftig sprechen werden. Sie lautet auch: Welche Sprache werden diese Menschen sprechen – und welche kulturelle Identität wird sie zusammenhalten?

Kommentare sind geschlossen.