
Im Kornschnitt war's
Im Kornschnitt war's; Sunn war uf jeder Ähr,
Ich hun gemäht, un du hoscht dich gebickt
un hoscht die Frucht, vun Keren voll un schwer,
beim Garwebinne an die Bruscht gedrickt.
So schmudich war's, so schwer die Mittagsglut,
vergeß die Welt - nor du un ich allee.
Herz hot no Herz geruf un Blut no Blut;
dei Hand hot kiehl in meiner Hand gelee.
Un Hand in Hand zum Brinnche sinn mer gang,
du hoscht dich uf de moosich Stee gesetzt;
in deine Hänn hoscht's Wasser ufgefang,
un Träne hun dei blaß Gesicht genetzt.
Rauscht's Ährefeld un is die Ernt net weit,
mer is's wie wann ich mit der Sens mißt geh.
Mei Herz is bei deer wie vor langer Zeit
beim Brinnche in der Wiß am moosich See.
Jakob Enders (1898-1981)
Das sind 16 kurze Verse, in denen sich europäische Migrationsgeschichte ab 1781 und die politischen Geschehnisse im 20. Jahrhundert gleichermaßen spiegeln.
Jakob Enders (1898-1981) war Lehrer, Heimatforscher und ein bedeutender Mundartdichter der Galiziendeutschen – jener Region, die einst zum habsburgischen Österreich-Ungarn gehörte und heute zwischen Polen und der Ukraine aufgeteilt ist. Über 200.000 Menschen – rund 3 % der Bevölkerung – waren um das Jahr 1900 herum deutschstämmige Siedler. Zu ihnen zählten besonders viele Nordpfälzer, insbesondere aus Winnweiler. 1781 öffnete hier in der Nordpfalz sogar eine Anwerbestelle für die europäische Ostkolonisation in Galizien. Das passte zeitlich perfekt, denn spätestens seit 1776 der amerikanische Unabhängigkeitskrieg tobte, war eine Nordamerika-Auswanderung unmöglich geworden. Wer aus der Pfalz weggehen wollte, wandte sich nach Osten. Die Menschen blieben in den neuen Ortschaften oft unter sich: Pfälzische Dörfer entstanden, und die mitgebrachte Mundart erhielt sich dort besser als in der Pfalz selbst. Schön zu sehen ist das am Wort „schmudich“, das feucht bzw. schwül bedeutet. Zwar wird der Begriff Anfang des 20. Jahrhunderts auch bei den Fragebogenaktionen des Pfälzischen Wörterbuchs erhoben – ist aber heute weitgehend in Vergessenheit geraten. In Pennsylvania hingegen ist in der Mundart „schmoddich“ noch immer das übliche Wort, um zu beschreiben, wenn das Wetter „hot and humid“ ist. Auswanderergesellschaften sind Zeitkapseln.
Jakob Enders reicht den Text beim 3. Pfälzischen Mundartdichterwettstreit im Jahr 1955 ein. Da ist er selbst 57 Jahre alt. Er schaut zurück: „Im Kornschnitt war’s (…) Ich hun gemäht, un du hoscht dich gebickt.“ Es ist ein unschuldiges Gedicht. Zwei junge Leute holen in der Mittagshitze die Ernte ein. Es muss Juli oder August sein, und möglicherweise befinden wir uns im Jahr 1916, 1917 oder 1918. Da war Enders 18 bis 20 Jahre alt. Es ist ein Liebesgedicht: „vergeß die Welt – nor du un ich allee“. Und doch passt etwas nicht ins Bild: „Träne hun dei blaß Gesicht genetzt“. Warum ist das Mädchen blaß, warum weint sie? Am jungen Mann scheint es nicht zu liegen. Hier herrscht offensichtlich liebendes Einvernehmen.
Vielleicht jedoch gelingt es der jungen Frau nicht ganz, das Weltgeschehen auszublenden. Der 1. Weltkrieg tobt. Und wenn wir uns gedanklich im August 1918 befinden sollten, sind das nahende Kriegsende und die damit verbundene Niederlage bereits in Sicht. Im November 1918 ist der Krieg vorbei, und die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn ist am Ende. Schreibt der Autor dem Mädchen mit der Träne und dem blassen Gesicht vielleicht eine Vorahnung auf kommende Ereignisse zu?
Das Leben der Galiziendeutschen ändert sich jedenfalls. Mit neuen polnischen und sowjetischen Herren kommen neue Regeln, und die Dorfgemeinschaften geraten unter Druck. Nur 20 Jahre später propagiert Hitler „Heim ins Reich“, und es kommt in Ostgalizien zu Umsiedlungen – vermutlich auch im heute ukrainischen Novica, dem Geburtsort von Jakob Enders. Wer nicht geht, wird meist mit Ende des 2. Weltkrieges vertrieben.
Manchmal muss man auch zwischen den prämierten Wettbewerbstexten lesen. Im gleichen Jahr reicht Ludwig Dillmann (1902-1957) aus Speyer den Text „Am Nußbaum“ ein. Noch im Jahr zuvor hatte er mit dem Gedicht „Gu‘ Nacht, mei(n) liewer Bu“ den 2. Platz errungen. 1955 landete er auf Rang 7 mit einem Stück Lyrik, das sich wieder mit dem 2. Weltkrieg befasst. Hier geht es um den Nußbaum, der in der Pfalz stehen bleibt, während der Mann als Soldat in Russland kämpft. Er ist noch nicht zurückgekommen, und das Mädchen wartet und formuliert: „De Himmel brennt un’s Dorf un’s Haus – des waren net unser Soldade.“ und dann: „wer sei U(n)schuld bhalde will, der muß im Dood draa glaawe“. Später heißt es noch: „s Lewe geht weider, krumm un grad – wer macht sich do Gedanke!“ Die Pointe ist, dass der Soldat wirklich noch aus Russland heimkehrt. Heißt das im Umkehrschluss, dass er Kriegsverbrechen im Osten begangen haben muss? Es bleibt im Ungefähren, aber diese Passage ist bemerkenswert. Zurück zu „Im Kornschnitt war’s“ …
Jakob Enders kommt in die Pfalz und lässt sich in Neustadt an der Weinstraße nieder. Er publiziert Bücher: „Ein Pfälzer Dörflein am Karpatenrand“ (1944), „Heit is Kerb, morje is Kerb“ (1958) und das heimatkundliche Buch „Die deutschen Siedlungen in Galizien“ (1980).
Die letzte Strophe verdient besondere Beachtung: „Rauscht’s Ährefeld un is die Ernt net weit, / mer is’s wie wann ich mit der Sens mißt geh. / Mei Herz is bei deer wie vor langer Zeit“. Hier erhalten wir als Leser Einblick in die Lyrik-Werkstatt. Es geht um die Frage: Warum gibt es dieses Gedicht überhaupt? Wie und wann hatte Jakob Enders die Inspiration? Und wir erfahren: Er hört das Ährenfeld rauschen und er nimmt wahr, dass bald Erntezeit ist. Mit einem Mal denkt er an die damalige Liebe, und er meint fast, er müsse aufstehen, die Sense nehmen und ins Feld gehen, um ihr zu helfen. Hier werden 40 Jahre in einem Wimpernschlag überbrückt, und in einer Reise durch Raum und Zeit steht er mit einem Mal als junger Mann wieder auf jenem galizischen Acker. Und er erinnert sich an das Gefühl, das er dann im Text ausführlich beschreibt.
Mit seinem Liebesgedicht landete Enders am Ende auf Rang 2. Es zeigt, dass auslandspfälzische Mundarten schon früh in Bockenheim eine Bühne hatten. Dies griff der Wettbewerb 2011 wieder auf, als er gemeinsam mit „Hiwwe wie Driwwe“ den „Hiwwe wie Driwwe Award für pennsylvanisch-deutsche Literatur“ ins Leben rief.



























































