Die Elwedritsch: Vom Nachtdämon zum „fantastischen Tierwesen“

Wie aus Angst Humor wurde – und aus einem unheimlichen Wesen ein pfälzisches Kultobjekt

Nachts im Pfälzerwald. Es raschelt. Irgendwo bewegt sich etwas. Ein Vogel? Ein Tier? Ein Mensch? Oder etwas ganz anderes? Heute geht man solchen Fragen mit Laterne, Kartoffelsack und Jagdschein nach. Die Elwedritschejagd ist ein touristischer Spaß. Doch hinter dem lustigen Vogelwesen könnte eine viel ältere Geschichte stecken: die Geschichte davon, wie Menschen Angst in Geschichten, Geschichten in Rituale und Rituale schließlich in Gemeinschaft verwandeln.

Man kann die Elwedritsch heute kaufen. Als Plüschtier. Als Gummifigur. Als Souvenir. Man kann sie auf einem Brunnen betrachten, sie in einem Comic treffen oder bei einer touristischen Elwetritschejagd mit Laterne und Kartoffelsack durch die Nacht verfolgen. In Neustadt an der Weinstraße gehört sie längst zum Stadtbild und zur touristischen Identität.

Und inzwischen hat sie sogar einen neuen Namen bekommen: „fantastisches Tierwesen“. Das klingt harmlos. Es klingt modern. Und es klingt ein bisschen nach Harry Potter.

Genau darin steckt allerdings eine kulturgeschichtliche Pointe. Denn je mehr die Elwedritsch zum Fantasietier wird, desto weniger erinnert sie daran, dass hinter ihr möglicherweise eine sehr alte menschliche Erfahrung steckt: die Angst vor dem Unbekannten in der Nacht.

Die Elwedritsch ist damit ein erstaunliches Beispiel dafür, wie Kultur funktioniert. Ein Mensch erlebt etwas Unheimliches. Er sucht eine Erklärung. Aus der Erklärung entsteht eine Geschichte. Aus der Geschichte ein Wesen. Aus dem Wesen ein Ritual. Aus dem Ritual Gemeinschaft. Und irgendwann steht das Wesen als Bronzeplastik auf einem Stadtbrunnen und wird von Touristen fotografiert.

Die Elwedritsch ist dann nicht mehr nur ein Fabeltier. Sie ist ein Stück Menschheitsgeschichte im Kleinformat.

Ein Vogel, der noch gar nicht so alt aussieht

Wer heute eine Elwedritsch zeichnet, weiß ziemlich genau, wie sie aussehen soll: vogelartig, mit Schnabel, großen Augen, Flügeln, manchmal Zähnen, manchmal einem grotesken Körper. So selbstverständlich ist dieses Bild geworden, dass man leicht glauben könnte, genau so habe die Elwedritsch schon immer ausgesehen. Das ist ein Irrtum.

Ein wichtiger Einschnitt liegt im Jahr 1922. Damals erschien Eugen Frieds Die Elwetrittchejagd mit einer Original-Federzeichnung von Max Slevogt. Sie zeigt ein vogelartiges Wesen. (antiquarisch.de)

Slevogt hat damit nicht einfach eine seit Jahrhunderten unverändert überlieferte Tierart naturgetreu abgezeichnet. Er prägte eine bestimmte visuelle Vorstellung.

Noch stärker wirkte einige Jahrzehnte später Gernot Rumpf. Sein Elwetritschebrunnen in Neustadt wurde 1978 errichtet. Dort begegnet uns die Elwedritsch in einer ganzen kleinen Welt: beim Schlüpfen aus Eiern, bei der Jagd, als Königin, als groteskes Mischwesen. (kuladig.de)

Der Brunnen wurde zum visuellen Gedächtnis der Figur. Was vorher eine erzählte und in Einzelheiten variable Gestalt war, bekam plötzlich einen festen Körper aus Bronze. Dieser Körper wurde fotografiert, abgebildet, reproduziert und immer wieder als Vorlage genommen.

So entsteht kulturelle Stabilität. Die moderne Elwedritsch sieht deshalb nicht so aus, weil sie seit dem Mittelalter unverändert überliefert wurde. Sie sieht so aus, weil die Kultur des 20. Jahrhunderts sie so gemacht hat.

Willkommen in der Tritschologie

Und dann kam die Wissenschaft. Zumindest ihre pfälzische Parodie. Die Tritschologie erklärt mit großer Ernsthaftigkeit die Biologie eines Wesens, das natürlich niemand biologisch nachweisen kann. Sie kann Auskunft über Lebensräume, Ernährung, Fortpflanzung, Unterarten oder Fangmethoden geben. Die Elwedritsch bekommt Regeln, Fachbegriffe und manchmal sogar den Anschein einer wissenschaftlichen Systematik. Das ist wunderbar. Denn niemand muss eine solche Tritschologie wörtlich nehmen. Sie ist eine Form des Spiels mit Wissenschaft. Gerade darin liegt ihr Witz.

Ein erfundener lateinischer Name für eine Elwedritsch ist keine wissenschaftliche Täuschung. Er ist eine Pointe. Problematisch wird es erst an einer anderen Stelle. Eine erfundene Biologie darf Fiktion sein. Eine historische Herkunftsbehauptung braucht Belege. Diese Unterscheidung ist wichtig. Wenn jemand augenzwinkernd erklärt, dass eine bestimmte Elwedritsch-Unterart bevorzugt Kartoffeln frisst, ist das Teil der modernen Folklore. Wenn dagegen erklärt wird, die Elwedritsch stamme historisch von einer Harpyie, einer Sphinx, Garuda oder einem mittelalterlichen Gargoyle ab, ist das eine wissenschaftliche These. Und für wissenschaftliche Thesen gelten andere Regeln.

Harpyie, Garuda, Sphinx – oder einfach nur ein ähnliches Bild?

Ein Beispiel liefert der Beitrag von Michael Landgraf über die Elwetritsche auf KuLaDig. Dort wird die Elwetritsch als „fantastisches Tierwesen“ beschrieben. Zugleich werden Sphinx, Harpyie, Garuda, Greif und Gargoyles als Vergleichsfiguren herangezogen. Die Elwetritsche-Königin erinnere beispielsweise an eine Harpyie; auch Garuda und mittelalterliche Wasserspeier werden als vergleichbare Motive genannt. (kuladig.de) Dagegen ist zunächst überhaupt nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Es ist spannend, dass Menschen in sehr unterschiedlichen Kulturen Mischwesen erfunden haben. Warum kombinieren wir Menschen, Vögel, Raubtiere und andere Tiere zu neuen Wesen? Warum faszinieren uns Grenzgänger zwischen verschiedenen Kategorien?

Aber aus einer Ähnlichkeit folgt noch keine Abstammung. Eine Elwedritsch, die einer Harpyie ähnelt, muss nicht von einer Harpyie abstammen. Ein Greif, der einen Adlerkörper besitzt, ist kein Beleg dafür, dass eine pfälzische Sagengestalt aus dem Greif hervorgegangen ist. Und ein Gargoyle, der ebenfalls groteske tierische Züge trägt, beweist noch keine historische Verbindung. Dafür müsste man eine Übertragung nachweisen: Wann gelangte das Motiv in die Region? Wer vermittelte es? Welche Quellen belegen die Übernahme? Welche konkreten Merkmale wurden übernommen? Und gibt es eine plausiblere alternative Erklärung? Ein Bildvergleich ist ein Hinweis, aber noch keine historische Beweiskette. Deshalb sollte man es auch nicht so darstellen.

Die Kritik richtet sich deshalb nicht gegen eine humorvolle Tritschologie. Die Kritik richtet sich gegen den Moment, in dem aus einer reizvollen Analogie eine vermeintlich belegte Geschichte wird – und das in einem Portal, das eigentlich bestehendes Wissen zusammengefasst darstellen möchte. Es gibt Dutzende guter historischer Quellen aus den letzten 150 Jahren, anhand derer sich die Geschichte des Phänomens „Elwedritsch“ nachvollziehen lässt: Erzählungen, Sagen, Aussagen von Wissenschaftlern. Nicht eine einzige davon findet Eingang in diesen „Übersichtsartikel“.

Die bessere Frage

Vielleicht ist die wichtigste Frage deshalb gar nicht: „Von welchem Wesen stammt die Elwedritsch ab?“ Sondern: „Warum erfinden Menschen überhaupt solche Wesen?“ Diese Frage führt weg von der Suche nach einem einzigen historischen Vorbild – und hinein in die menschliche Wahrnehmung. Denn die Nacht ist ein besonderer Erfahrungsraum. Man sieht weniger. Geräusche sind schwerer einzuordnen. Bewegungen bleiben unsichtbar. Der eigene Körper kann sich merkwürdig anfühlen. Zwischen Schlaf und Wachheit können Erfahrungen entstehen, die sich dem rationalen Erklären entziehen.

Die Forschung zur Schlafparalyse ist deshalb für die Geschichte nächtlicher Wesen besonders interessant. Menschen können beim Einschlafen oder Erwachen vorübergehend bewegungsunfähig sein, Angst und das Gefühl einer fremden Präsenz erleben und teilweise visuelle oder andere Wahrnehmungen haben. In verschiedenen Kulturen wurden solche Erfahrungen mit Dämonen, Hexen, Geistern oder anderen nächtlichen Wesen erklärt. (pmc.ncbi.nlm.nih.gov)

Sharpless und Doghramji zeigen, wie Schlafparalyse und ähnliche Erfahrungen in unterschiedlichen historischen und kulturellen Zusammenhängen mit übernatürlichen Wesen verbunden wurden. (academic.oup.com)

Das bedeutet nicht, dass jede Elwedritschgeschichte auf einer Schlafparalyse beruht. Aber es zeigt etwas Grundsätzlicheres: Der Mensch besitzt offenbar eine ganze Reihe von Möglichkeiten, körperliche oder sensorische Erfahrungen in Vorstellungen von nächtlichen Wesen zu übersetzen. Und damit beginnt die eigentliche Geschichte.

Wenn nächtliches Druckempfinden einen Verursacher bekommt

Der erste Baustein dieses Prozesses lässt sich mit dem Begriff HADD beschreiben: Hyperactive Agency Detection.

Menschen sind sehr gut darin, hinter Ereignissen handelnde Akteure zu vermuten. Ein Rascheln im Unterholz ist zunächst nur ein Geräusch. Aber in einer potenziell gefährlichen Situation ist es sinnvoll, lieber einmal zu viel mit einem Akteur zu rechnen als einmal zu wenig.

Aus „Was war das?“ wird schnell: „Wer war das?“ Und aus „Ich fühle etwas.“ wird: „Da ist jemand im Raum und will mir Böses.“ Das ist noch keine Elwedritsch. Aber es ist ein möglicher kognitiver Ausgangspunkt für Vorstellungen von Wesen, die nachts verborgen bleiben und dennoch handeln. Die konkrete Gestalt liefert dann die Kultur.

Aus der Wahrnehmung wird eine Geschichte

Ein Mensch erlebt etwas Unheimliches nicht im kulturellen Vakuum. Er kennt bereits Geschichten. Er hat von Geistern gehört, von Hexen, von Druden, von Alben, von Dämonen oder von anderen Wesen, die nachts erscheinen können. Eine neue Erfahrung kann deshalb an vorhandene kulturelle Vorstellungen anschließen. Das Ergebnis ist nicht notwendigerweise eine Kopie. Kultur arbeitet nicht wie ein Kopiergerät. Sie kombiniert. Sie verändert. Sie regionalisiert. Sie erzählt weiter. So kann aus einer diffusen nächtlichen Erfahrung irgendwann eine konkrete Figur werden.

Nicht:

Erlebnis = Elwedritsch.

Sondern:

Erlebnis + kognitive Interpretation + kulturelle Erinnerung + Erzählung = neue kulturelle Gestalt.

Das ist der entscheidende Unterschied zwischen einer genealogischen und einer kognitiv-evolutionären Erklärung. Der Mensch will die Nacht kontrollieren. Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Denn ein Wesen zu benennen bedeutet bereits, einen Teil seiner Fremdheit zu beseitigen.

Hier kommt die Compensatory Control Theory ins Spiel. Wenn Menschen Kontrollverlust erleben, können sie nach Ordnung und Kontrollierbarkeit suchen. Auf die Elwedritsch übertragen ist das faszinierend. Aus dem unbekannten Wesen wird ein Wesen mit Namen. Aus dem namenlosen Schrecken wird eine Geschichte. Aus der Geschichte werden Regeln. Und aus den Regeln entsteht schließlich eine Jagd. Plötzlich heißt es nicht mehr: „Da draußen könnte etwas sein.“ Sondern: „Wir wissen, wo die Elwedritschen sind.“ Und irgendwann: „Wir wissen, wie man sie fängt.“ Die Bedrohung ist damit in eine kontrollierbare Handlung verwandelt worden. Der Mensch jagt jetzt das Wesen, vor dem er sich einst vielleicht gefürchtet hat. Und dann passiert etwas Entscheidendes.

Die Elwedritsch wird lustig

Hier hilft die Benign Violation Theory von Peter McGraw und Caleb Warren. Sie erklärt Humor unter anderem dadurch, dass eine Situation gleichzeitig als verletzend, bedrohlich oder normverletzend und als harmlos wahrgenommen wird. Genau das passiert bei der Elwedritschejagd. Es ist Nacht. Man geht hinaus. Man sucht ein Wesen. Man hört Geräusche. Man lauert. Man verfolgt. Man fängt. Das könnte die Dramaturgie eines Horrorfilms sein. Aber dann kommt der Kartoffelsack. Und der Jagdschein. Und der Ruf. Und das Gelächter. Die Situation ist plötzlich harmlos. Das Unheimliche ist noch da – aber es hat seine Macht verloren. Die Angst ist in ein Spiel verwandelt worden.

Und jetzt wird aus dem Spiel ein Ritual

Bis hierhin lässt sich die Entwicklung als eine Kette verstehen: Wahrnehmung → Angst → Erklärung → Kontrolle → Humor. Doch eine Frage bleibt: Warum machen Menschen das gemeinsam? Und warum immer wieder? Hier kommt Randall Collins‘ Interaction Ritual Theory ins Spiel.

Collins beschreibt erfolgreiche Interaktionsrituale anhand mehrerer Bedingungen: Menschen befinden sich körperlich gemeinsam in einer Situation, richten ihre Aufmerksamkeit auf dasselbe Objekt, teilen eine emotionale Stimmung und erleben eine Grenze zwischen denjenigen, die am Ritual teilnehmen, und den Außenstehenden.

Aus solchen Situationen können Solidarität, Gruppensymbole und sogenannte „emotional energy“ entstehen. (academic.oup.com) Man muss nur einmal eine Elwedritschejagd unter diesem Gesichtspunkt betrachten. Plötzlich passt erstaunlich viel.

Die Elwedritschejagd als Interaktionsritual

Erstens: Alle sind zusammen.

Nicht virtuell. Nicht nur in einer Geschichte. Die Menschen stehen tatsächlich gemeinsam in der Nacht.

Zweitens: Es gibt eine Gruppe.

Wer mitjagt, kennt die Regeln. Er gehört für die Dauer des Rituals dazu.

Drittens: Alle schauen auf dasselbe.

Die Elwedritsch ist der gemeinsame Aufmerksamkeitsfokus.

Viertens: Alle teilen eine Stimmung.

Spannung, Erwartung, ein bisschen Grusel – und vor allem Humor. Das Entscheidende ist nicht, dass alle exakt dasselbe empfinden. Das Entscheidende ist, dass alle gemeinsam dasselbe tun. Sie suchen. Sie rufen. Sie warten. Sie reagieren. Sie lachen. Und schließlich fangen sie – symbolisch – dasselbe Wesen. Das erzeugt Gemeinschaft.

Aus Angstenergie wird soziale Energie

Damit verändert sich die ursprüngliche Funktion noch einmal. Die Angst war zunächst etwas, das Menschen voneinander trennen konnte: Jeder muss selbst herausfinden, was sich nachts im Dunkeln bewegt. Das Ritual macht daraus eine gemeinsame Erfahrung. Angst wird sozialisiert. Die Gruppe übernimmt sie. Gemeinsam ist man mutiger. Gemeinsam wird die Bedrohung kleiner. Gemeinsam kann man darüber lachen.

Collins spricht in diesem Zusammenhang von „emotional energy“ – einer aus erfolgreichen Ritualen hervorgehenden Energie, die Selbstvertrauen, Begeisterung und die Bereitschaft zu weiterer gemeinsamer Interaktion fördern kann. (academic.oup.com) Und genau deshalb kann ein Ritual überleben. Nicht nur, weil es alt ist. Sondern weil es funktioniert. Menschen erleben etwas gemeinsam, finden es gut und wollen es wiederholen.

Der Jagdschein ist mehr als ein Souvenir

Das erklärt auch eine scheinbare Nebensache der modernen Elwetritschejagd: den Jagdschein. Touristisch betrachtet ist er ein hübsches Andenken. Ritualtheoretisch ist er viel interessanter. Er dokumentiert die Zugehörigkeit.Ich war dabei. Ich kenne die Regeln. Ich habe die Elwedritsch gejagt. Ich bin jetzt Teil der Gemeinschaft derer, die dieses Spiel kennen.

Dasselbe gilt für den Ruf, den Kartoffelsack, die Laterne und die anderen Requisiten. Sie sind nicht bloß Dekoration. Sie strukturieren die gemeinsame Handlung.

KuLaDig beschreibt die touristische Elwetritschejagd genau mit diesen Elementen: Stock, Laterne, Kartoffelsack, Aufscheuchen, Einfangen und abschließende Jagdurkunde. (kuladig.de) Das Ritual produziert damit seine eigenen Symbole.

Der Brunnen wird zum eingefrorenen Ritual

Und hier bekommt der Elwetritschebrunnen von 1978 plötzlich eine zweite Bedeutung. Er ist nicht nur ein Kunstwerk. Er ist ein materialisiertes Gedächtnis.

Collins spricht bei Ritualketten davon, dass erfolgreiche Interaktionen Symbole erzeugen können, die später die emotionale Bedeutung früherer Rituale wieder aufrufen. (mdpi.com)

Der Brunnen tut genau das. Er zeigt die Elwedritsch. Er zeigt die Jagd. Er zeigt Eier und Jungtiere. Er zeigt groteske Körper. Er macht die Figur dauerhaft sichtbar. Eine Handlung, die eigentlich nur während der Jagd existiert, wird als Skulptur im öffentlichen Raum festgehalten. Das Ritual wird zum Bild. Und das Bild kann wiederum neue Rituale auslösen. Menschen treffen sich am Brunnen. Sie fotografieren ihn. Sie erzählen von ihm. Sie gehen anschließend auf Jagd. Das ist eine kulturelle Rückkopplung.

Die Elwedritsch braucht keinen Stammbaum

An dieser Stelle wird auch klar, warum die Suche nach einem einzigen historischen „Urwesen“ zu kurz greift. Vielleicht hat die Elwedritsch tatsächlich Elemente aus verschiedenen historischen Traditionen aufgenommen. Das ist durchaus möglich. Migration, religiöse Vorstellungen, regionale Sagen, sprachliche Entwicklungen und literarische Überlieferung können eine Rolle spielen. Aber das bedeutet nicht, dass man die Elwedritsch auf eine einzige Ahnenfigur zurückführen muss. Die kulturelle Evolution funktioniert häufig anders.

Menschen können ähnliche Lösungen für ähnliche Probleme entwickeln.

Die Forschung zur Schlafparalyse zeigt beispielsweise, dass sehr unterschiedliche Kulturen für ähnliche Erfahrungen eigene nächtliche Wesen kennen. (pmc.ncbi.nlm.nih.gov) Das ist kulturelle Konvergenz. Die Frage lautet dann nicht: „Wer war das Original?“ Sondern: „Warum produziert menschliche Kultur immer wieder ähnliche Antworten?“ Das ist die größere Frage. Und was wird aus der Elwedritsch? Vielleicht genau das, was wir heute vor uns haben.

Ein Wesen, das verschiedene historische Funktionen nacheinander übernommen hat. Nachtwesen. Fabelwesen. Jagdobjekt. Humorfigur. Ritualsymbol. Regionalidentität. Tourismusmarke.

Diese Veränderungen sind kein Beweis dafür, dass die ursprüngliche Figur „verfälscht“ wurde. Sie sind ihre Geschichte. Die Elwedritsch ist nicht trotz ihrer Veränderung interessant. Sie ist wegen ihrer Veränderung interessant.

Das eigentliche Paradox des Tourismus

Damit gerät auch der heutige Tourismus in ein bemerkenswertes Zwielicht. Er kann die Elwedritsch ent-historisieren. Wenn sie nur noch als „fantastisches Tierwesen“ erscheint, verschwinden die älteren Bedeutungen. Aber der Tourismus kann gleichzeitig etwas bewahren, das viel älter sein könnte als seine heutige Verpackung: das Ritual. Die Menschen gehen noch immer gemeinsam los. Sie gehen in die Dunkelheit. Sie suchen etwas. Sie rufen. Sie verfolgen. Sie fangen. Sie lachen. Die historische Bedeutung kann verschwunden sein, während die soziale Struktur erhalten bleibt. Das ist kulturgeschichtlich höchst spannend.

Eine neue Lesart der Elwetritschejagd

Vielleicht ist die touristische Elwetritschejagd deshalb mehr als ein netter Abend für Besucher. Vielleicht ist sie ein Beispiel dafür, wie Kultur funktioniert. Die ursprüngliche Bedrohung ist verschwunden. Die Handlung bleibt. Die Angst ist verschwunden. Der Humor bleibt. Die historische Erklärung ist verblasst. Das Ritual bleibt. Und die Gemeinschaft bleibt. Man könnte es zugespitzt so formulieren: Die Elwedritsch hat ihre alte Angst verloren, aber ihr Ritual überlebt. Das ist keine Entwertung. Es ist eine Transformation.

Die Elwedritsch und ihre Würde

„Würde“ ist natürlich kein wissenschaftlicher Begriff für ein Fabelwesen. Aber als kulturelle Metapher trifft er einen wichtigen Punkt. Eine Elwedritsch, die ausschließlich als lustiger Vogel verstanden wird, ist unterhaltsam. Eine Elwedritsch, in der sich eine lange Geschichte menschlicher Wahrnehmung, Angst, Kontrolle, Humor und Gemeinschaft verdichtet, ist darüber hinaus kulturgeschichtlich bedeutend. Sie erzählt etwas über uns. Sie zeigt, wie Menschen mit Unsicherheit umgehen. Wie sie aus einem Geräusch eine Geschichte machen. Wie aus einer Geschichte ein Wesen entsteht. Wie aus einem Wesen ein gemeinsames Spiel wird. Und wie aus dem Spiel ein Ritual werden kann. Das ist ihre eigentliche Würde. Nicht, dass sie „wirklich“ existiert.Sondern dass Menschen sie gemacht haben – und dabei etwas über sich selbst verraten.

Die Elwedritsch als kleines Modell menschlicher Kultur

Damit lässt sich der kognitiv-evolutionäre Ansatz in einer einzigen großen Bewegung zusammenfassen:

Eine Erfahrung wird wahrgenommen.

HADD macht aus einem unklaren Reiz möglicherweise einen handelnden Akteur.

Kulturelle Überlieferung gibt diesem Akteur eine Geschichte.

CCT macht aus dem Unheimlichen etwas Benennbares und Kontrollierbares.

BVT verwandelt die Bedrohung in eine harmlose, humorvolle Situation.

Die Theorie der Interaction Ritual Chains (IRC) erklärt, warum erfolgreiche Rituale wiederholt werden und Symbole hervorbringen.

Die kulturelle Evolution (Dual Inheritance Theory) erklärt, wie diese Symbole, Geschichten und Praktiken weitergegeben und verändert werden.

Der moderne Tourismus macht daraus ein Erlebnis.

Das Ergebnis ist die Elwedritsch, wie wir sie heute kennen.

Oder, noch kürzer:

Erfahrung → Wesen → Geschichte → Kontrolle → Humor → Ritual → Gemeinschaft → Symbol → Tradition → Tourismus.

Das Fantastische Tierwesen ist nur die letzte Schicht

Man muss die Bezeichnung „fantastisches Tierwesen“ deshalb gar nicht ablehnen. Sie ist schließlich selbst ein Teil der Geschichte. Die Elwedritsch darf ein Fantasiewesen sein. Sie darf ein Plüschtier sein. Sie darf auf einem T-Shirt erscheinen. Kinder dürfen sie zeichnen. Touristen dürfen sie jagen. Tritschologen dürfen ihr eine erfundene biologische Systematik verpassen. All das ist inzwischen Elwedritschkultur. Nur eines sollte dabei nicht verloren gehen:

die Erinnerung daran, dass diese Figur möglicherweise aus einer viel älteren menschlichen Auseinandersetzung mit Angst, Nacht und Ungewissheit hervorgegangen ist.

Denn dann verändert sich auch unser Blick auf den lustigen Vogel. Wir sehen plötzlich nicht mehr nur einen Schnabel und zwei große Augen. Wir sehen einen kulturellen Prozess. Wir sehen die Nacht. Wir sehen den Menschen, der etwas hört und nicht weiß, was es ist. Wir sehen die Geschichte, die daraus entsteht. Wir sehen die Gemeinschaft, die gemeinsam loszieht. Und wir sehen schließlich die Pointe: Der Mensch hat gelernt, über das Wesen zu lachen, vor dem er sich vielleicht einmal gefürchtet hat.

Die Elwedritsch ist keine verlorene Geschichte

Das ist vielleicht die schönste Pointe der ganzen Geschichte. Die Elwedritsch muss nicht zurück in den Wald. Sie muss nicht wieder zum Dämon werden. Sie muss auch nicht aus dem Tourismus verschwinden. Was sie braucht, ist etwas viel Einfacheres:

eine zweite Erzählebene.

Neben der lustigen Elwedritsch sollte die historische Elwedritsch sichtbar bleiben. Neben der Tritschologie sollte die Kulturwissenschaft stehen. Neben dem Fantasietier sollte das Nachtwesen stehen. Neben dem Jagdschein sollte die Frage stehen:

Warum gehen Menschen überhaupt gemeinsam auf die Jagd nach einem Wesen, das es nicht gibt?

Die Antwort könnte erstaunlich tief reichen. Weil Menschen Angst in Geschichten verwandeln. Weil Geschichten Gemeinschaft schaffen. Weil Gemeinschaft Rituale hervorbringt. Weil Rituale wiederholt werden. Und weil wir Menschen eine bemerkenswerte Fähigkeit besitzen: Wir können aus dem Unheimlichen etwas machen, das uns verbindet. Vielleicht ist die Elwedritsch genau deshalb so erfolgreich. Sie ist die Geschichte einer Angst, die ihren Schrecken verloren hat, ohne ihre kulturelle Bedeutung zu verlieren. Oder, anders gesagt:

Die Elwedritsch ist nicht einfach ein Vogel, den man fängt. Sie ist eine Geschichte, die Menschen miteinander verbindet.


Literatur und Quellen

Barrett, J. L. (2004). Why Would Anyone Believe in God? Walnut Creek: AltaMira Press.

Boyd, R., & Richerson, P. J. (1985). Culture and the Evolutionary Process. Chicago: University of Chicago Press.

Collins, R. (2004). Interaction Ritual Chains. Princeton: Princeton University Press. Collins beschreibt die Bedingungen erfolgreicher Interaktionsrituale, die Entstehung emotionaler Energie, Gruppensolidarität und gemeinsamer Symbole. (academic.oup.com)

Collins, R. (2014). Interaction ritual chains and collective effervescence. In C. von Scheve & M. Salmela (Eds.), Collective Emotions. Oxford University Press. (academic.oup.com)

Dawkins, R. (1976). The Selfish Gene. Oxford: Oxford University Press.

Hufford, D. J. (1982). The Terror That Comes in the Night: An Experience-Centered Study of Supernatural Assault Traditions. Philadelphia: University of Pennsylvania Press.

Landgraf, M. (2023). Die fabelhafte Welt der Elwetritsche. Neustadt an der Weinstraße: Edition NeaPolis.

Landgraf, M. (2024). Elwetritsche in der Pfalz. KuLaDig – Kultur.Landschaft.Digital. (kuladig.de)

McGraw, P. A., & Warren, C. (2010). Benign violations: Making immoral behavior funny. Psychological Science, 21(8), 1141–1149.

Seebach, H. (1996). Sagen in der Pfalz: Geister, Hexen, Teufel. Mainz-Gonsenheim.

Sharpless, B. A., & Doghramji, K. (2015). Sleep Paralysis: Historical, Psychological, and Medical Perspectives. Oxford University Press. (academic.oup.com)

Sperber, D. (1996). Explaining Culture: A Naturalistic Approach. Oxford: Blackwell.

Onlinequellen

elwedritsch.de

KuLaDig – Elwetritsche in der Pfalz

Stadt Neustadt – Elwetritschejagd

Sleep Paralysis and cultural interpretations

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