
Zusammenfassung
Der Beitrag positioniert den kognitiv-evolutionären Ansatz zur Erklärung der Genese der pfälzischen Elwedritsch innerhalb der gegenwärtigen volkskundlichen Theoriediskussion. Der Ansatz grenzt sich einerseits von der genealogischen Kontinuitätsthese Jacob Grimms und andererseits vom klassischen Evolutionismus des 19. Jahrhunderts ab. Zugleich versteht er sich als Ergänzung der Empirischen Kulturwissenschaft sowie als Anschluss an die internationale Kognitions- und Kulturevolutionsforschung.
Theoretischer Kern des Ansatzes ist die Verbindung einer psychologischen Prozesskette aus Hyperactive Agency Detection Device (HADD), Compensatory Control Theory (CCT) und Benign Violation Theory (BVT) mit der Dual Inheritance Theory (DIT) als übergeordnetem evolutionswissenschaftlichem Rahmen kultureller Selektion. Während HADD, CCT und BVT die Entstehung, Stabilisierung und kulturelle Transformation von Vorstellungswelten erklären, beschreibt DIT die Prozesse ihrer kulturellen Variation, Selektion und Tradierung.
Der Beitrag argumentiert, dass der Mehrwert dieses Modells insbesondere in der methodisch unproblematischen Behandlung von Überlieferungslücken, der Entwicklung eines generativen Vergleichsprogramms, der internationalen Anschlussfähigkeit sowie in der Unterscheidung zwischen genealogischer Substanzkontinuität und Tiefenkontinuität generativer Mechanismen liegt.
1. Fragestellung
Die Erklärung der Herkunft volkstümlicher Überlieferungen gehört zu den klassischen Fragestellungen der Volkskunde. Während ältere Forschungsansätze ihre Antworten vor allem aus genealogischen Traditionslinien oder historischen Rekonstruktionen ableiteten, haben sich seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kulturwissenschaftliche Perspektiven etabliert, die den Schwerpunkt auf soziale Funktionen, kommunikative Kontexte und gegenwärtige Bedeutungszuschreibungen legen. Die Frage nach den allgemeinen Mechanismen, durch die bestimmte Vorstellungswelten überhaupt entstehen, blieb dabei vergleichsweise wenig entwickelt.
Der kognitiv-evolutionäre Ansatz setzt an dieser Forschungslücke an. Er versteht die Genese der Elwedritsch weder als Ergebnis einer lückenlos rekonstruierbaren Traditionskette noch ausschließlich als Ausdruck historisch spezifischer Kulturpraxis. Vielmehr erklärt er sie als Resultat des Zusammenwirkens universeller psychologischer Mechanismen und kultureller Evolutionsprozesse.
Im Zentrum des Ansatzes steht eine psychologische Prozesskette, die beschreibt, wie aus individuellen Erfahrungen kulturell stabile Vorstellungswelten entstehen können. Diese Prozesskette verbindet drei theoretische Bausteine: das Hyperactive Agency Detection Device (HADD), die Compensatory Control Theory (CCT) und die Benign Violation Theory (BVT). Sie erklären nacheinander die Zuschreibung eines handelnden Akteurs, die Einordnung außergewöhnlicher Erfahrungen in kulturelle Deutungsmuster sowie deren mögliche Transformation in humorvoll integrierte Brauchformen.
Diese psychologische Prozesskette wird durch die Dual Inheritance Theory (DIT) gerahmt. DIT bildet keinen weiteren psychologischen Mechanismus, sondern beschreibt die kulturellen Selektions- und Tradierungsprozesse, innerhalb derer sich die durch HADD, CCT und BVT hervorgebrachten kulturellen Varianten behaupten, verändern oder verschwinden.
Die zentrale Fragestellung des Beitrags lautet daher nicht: Von welcher historischen Gestalt stammt die Elwedritsch ab? Vielmehr wird gefragt: Durch welche psychologischen und kulturellen Mechanismen entstehen Vorstellungswelten dieses Typs, und weshalb setzen sich bestimmte Varianten langfristig kulturell durch?
Aus dieser Perspektive ergeben sich zwei weiterführende Fragen. Erstens: Wie lässt sich ein solcher Ansatz innerhalb einer Volkskunde verorten, die sich bewusst von evolutionistischen Ursprungsmodellen distanziert hat? Zweitens: Welchen Beitrag kann ein kognitiv-evolutionäres Erklärungsmodell für die gegenwärtige volkskundliche Theoriebildung leisten?
2. Das genealogische Kontinuitätsparadigma Jacob Grimms und seine Grenzen
Jacob Grimms Mythologie beruht auf der Annahme, dass zahlreiche Gestalten der europäischen Volksüberlieferung auf vorchristliche religiöse Vorstellungen zurückgehen und trotz tiefgreifender historischer Veränderungen eine genealogische Kontinuität bewahrt haben. Dämonen, Sagenfiguren und Volksglauben erscheinen in diesem Modell als historisch transformierte Erscheinungsformen älterer mythologischer Traditionen, deren ursprüngliche Gestalt sich durch philologische und vergleichende Rekonstruktion zumindest annäherungsweise erschließen lasse.
Diese Konzeption war für die Entstehungsphase der wissenschaftlichen Volkskunde außerordentlich einflussreich und entsprach den methodischen Möglichkeiten ihrer Zeit. Aus heutiger Perspektive zeigen sich jedoch ihre Grenzen. Insbesondere dort, wo historische Überlieferungslücken bestehen, bleibt die Annahme einer ununterbrochenen Traditionskette häufig hypothetisch und kann nur durch indirekte Rekonstruktionen gestützt werden.
Für die Elwedritsch-Überlieferung tritt dieses Problem besonders deutlich hervor. Die bekannte Quellenlage dokumentiert keine kontinuierlich überlieferte Einzelgestalt, sondern mehrere zeitlich voneinander getrennte Verdichtungen eines größeren Motivkomplexes. Zwischen den frühneuzeitlichen Belegen und den Quellen des 19. Jahrhunderts bestehen erhebliche Überlieferungslücken, deren Schließung genealogische Rekonstruktionen erforderlich machen würde.
Der kognitiv-evolutionäre Ansatz verzichtet bewusst auf diese Voraussetzung. Er setzt weder eine historisch identische Ursprungsfigur noch eine lückenlose Traditionskette voraus. Stattdessen erklärt er strukturelle Ähnlichkeiten aus der wiederholten Wirksamkeit derselben psychologischen Prozesskette, deren Ergebnisse innerhalb kultureller Evolutionsprozesse unterschiedlich selektiert werden.
Diese Perspektive macht eine begriffliche Unterscheidung erforderlich. Substanzkontinuität bezeichnet die Annahme einer historischen Identität konkreter Überlieferungen. Tiefenkontinuität generativer Mechanismen bezeichnet demgegenüber die Persistenz jener psychologischen Prozesse, die unter vergleichbaren Bedingungen immer wieder ähnliche kulturelle Vorstellungswelten hervorbringen können. Historisch kontinuierlich sind daher nicht notwendigerweise die Figuren selbst, sondern die Bedingungen ihrer möglichen Entstehung.
Die Fragestellung verschiebt sich damit grundlegend. Während genealogische Modelle nach der historischen Herkunft einer Figur fragen, untersucht der kognitiv-evolutionäre Ansatz die Bedingungen ihrer wiederholten kulturellen Hervorbringung.
3. Die fachgeschichtliche Abkehr vom Evolutionismus und ihre Bedeutung für den kognitiv-evolutionären Ansatz
Die Distanzierung vom genealogischen Kontinuitätsdenken genügt allein nicht, um den kognitiv-evolutionären Ansatz angemessen im gegenwärtigen volkskundlichen Theoriefeld zu verorten. Ebenso notwendig ist seine Abgrenzung vom klassischen Evolutionismus des 19. Jahrhunderts.
Die deutschsprachige Volkskunde hat sich seit der Mitte des 20. Jahrhunderts bewusst von evolutionistischen Ursprungs- und Fortschrittserzählungen gelöst. Maßgeblich hierfür war die durch Hermann Bausinger geprägte Empirische Kulturwissenschaft, welche kulturelle Erscheinungen als historisch wandelbare und gesellschaftlich situierte Prozesse versteht.
Vor diesem Hintergrund erscheint der Begriff evolutionär erklärungsbedürftig. Er bezeichnet im hier vertretenen Ansatz weder Fortschritt noch Höherentwicklung und ebenso wenig die Rekonstruktion kultureller Ursprünge.
Der Evolutionsbegriff wird ausschließlich im Sinne moderner Kulturevolutionsforschung verwendet. Grundlage hierfür bildet die Dual Inheritance Theory (DIT). Anders als die psychologischen Bausteine HADD, CCT und BVT beschreibt DIT jedoch keine individuellen kognitiven Prozesse. Sie bildet vielmehr den theoretischen Rahmen, innerhalb dessen kulturelle Varianten entstehen, selektiert, tradiert und verändert werden.
Gerade diese Unterscheidung ist für das Verständnis des Modells entscheidend. Die eigentliche Erklärung der Entstehung kultureller Vorstellungen erfolgt durch die psychologische Prozesskette HADD → CCT → BVT. Die Dual Inheritance Theory erklärt dagegen, unter welchen kulturellen Bedingungen sich die durch diese Prozesskette hervorgebrachten Varianten langfristig behaupten oder wieder verschwinden.
Der Ausdruck kognitiv-evolutionär bezeichnet deshalb die Verbindung zweier Erklärungsebenen: einer psychologischen Mikroebene, welche die Entstehung kultureller Vorstellungen beschreibt, und einer evolutionswissenschaftlichen Makroebene, welche deren kulturelle Selektion und Tradierung erklärt. Erst das Zusammenwirken beider Ebenen bildet den theoretischen Kern des hier entwickelten Ansatzes.
4. Die Architektur des kognitiv-evolutionären Ansatzes
Der kognitiv-evolutionäre Ansatz verbindet Erkenntnisse der Kognitionswissenschaft, der Sozialpsychologie, der Humorforschung und der Kulturevolutionsforschung zu einem einheitlichen Erklärungsmodell. Dabei besitzen die herangezogenen Theorien jedoch nicht denselben theoretischen Status. Das Modell unterscheidet vielmehr zwischen einer psychologischen Prozesskette, welche die Entstehung und Transformation kultureller Vorstellungen erklärt, und einem evolutionswissenschaftlichen Rahmen, der ihre kulturelle Selektion und Tradierung beschreibt.
Die psychologische Prozesskette besteht aus drei aufeinander aufbauenden Mechanismen:
HADD → CCT → BVT
Sie beschreibt den Weg von der individuellen Wahrnehmung über die kulturelle Sinnbildung bis zur humorvollen Transformation einer ursprünglich bedrohlichen Vorstellung. Die Dual Inheritance Theory (DIT) tritt dieser Kette nicht als weiterer Baustein hinzu. Sie bildet vielmehr den übergeordneten theoretischen Rahmen, innerhalb dessen sich die durch HADD, CCT und BVT hervorgebrachten kulturellen Varianten verbreiten, verändern oder wieder verschwinden.
4.1 Hyperactive Agency Detection Device (HADD)
Den Ausgangspunkt bildet das von Justin Barrett beschriebene Hyperactive Agency Detection Device (HADD). Es bezeichnet die menschliche Tendenz, mehrdeutige Wahrnehmungen vorsorglich als Anzeichen eines intentional handelnden Akteurs zu interpretieren. Evolutionsbiologisch stellt diese Überempfindlichkeit eine adaptive Strategie dar, weil das irrtümliche Annehmen eines Akteurs geringere Kosten verursacht als das Übersehen einer tatsächlichen Gefahr.
Im Zusammenhang der Elwedritsch erklärt HADD, weshalb Erfahrungen wie Schlafparalyse, nächtliche Druckempfindungen oder unerklärliche Geräusche bevorzugt als Wirken eines unsichtbaren Wesens interpretiert werden. HADD beantwortet damit die erste Frage des Modells: Warum wird überhaupt ein handelnder Akteur wahrgenommen?
4.2 Compensatory Control Theory (CCT)
Auf die Agentendetektion folgt die kulturelle Deutung der Erfahrung. Hier setzt die Compensatory Control Theory (CCT) an.
Sie geht davon aus, dass Menschen in Situationen subjektiven Kontrollverlustes ein gesteigertes Bedürfnis nach Ordnung, Sinn und Vorhersagbarkeit entwickeln. Übernatürliche Akteure, Rituale und kulturelle Deutungsmuster ermöglichen es, schwer erklärbare Erfahrungen in ein kohärentes Weltbild einzuordnen und damit psychologisch zu bewältigen.
Für die Elwedritsch bedeutet dies, dass außergewöhnliche nächtliche Erfahrungen nicht als zufällige Einzelereignisse verstanden werden, sondern in kulturell verfügbare Erklärungssysteme integriert werden. Der wahrgenommene Akteur erhält einen Namen, Eigenschaften und einen Platz innerhalb der lokalen Vorstellungswelt.
CCT beantwortet somit die zweite Frage des Modells: Warum wird aus einem wahrgenommenen Akteur eine kulturell stabile Vorstellungsfigur?
4.3 Benign Violation Theory (BVT)
Die dritte Stufe der Prozesskette beschreibt die kulturelle Transformation einer bereits etablierten Vorstellungsfigur.
Nach der Benign Violation Theory (BVT) von McGraw und Warren entstehen humorvolle Reaktionen dann, wenn eine als bedrohlich oder normverletzend wahrgenommene Situation gleichzeitig als ausreichend ungefährlich erlebt wird.
Im Fall der Elwedritsch erklärt BVT den Übergang vom gefürchteten Nachtdämon zur scherzhaften Elwedritschjagd. Die zugrunde liegende Vorstellungsstruktur bleibt erhalten; verändert wird ihre soziale Funktion. Angst wird nicht mehr unmittelbar verarbeitet, sondern durch gemeinschaftlichen Humor ritualisiert und entschärft.
BVT beantwortet damit die dritte Frage des Modells: Warum entwickelt sich aus einer bedrohlichen Vorstellung ein humorvoll integrierter Brauch?
Die psychologische Prozesskette beschreibt somit drei aufeinander aufbauende Schritte: Aus einer mehrdeutigen Wahrnehmung entsteht zunächst ein handelnder Akteur (HADD), dieser wird anschließend in ein kulturelles Ordnungssystem integriert (CCT) und schließlich unter geeigneten sozialen Bedingungen humorvoll transformiert (BVT).
4.4 Die Dual Inheritance Theory (DIT) als evolutionswissenschaftlicher Rahmen
Die Dual Inheritance Theory (DIT) besitzt innerhalb des Modells einen grundlegend anderen theoretischen Status als HADD, CCT und BVT.
Sie beschreibt keinen weiteren psychologischen Verarbeitungsschritt, sondern die kulturellen Evolutionsprozesse, innerhalb derer sich die durch die Prozesskette hervorgebrachten Varianten behaupten, verändern oder verschwinden.
DIT wirkt daher nicht erst am Ende der Entwicklung. Vielmehr bildet sie den übergeordneten Rahmen des gesamten Modells. Sie erklärt, warum bestimmte Agentenvorstellungen kulturell übernommen werden, weshalb sich bestimmte Deutungsmuster gegenüber anderen durchsetzen und unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen humorisierte Formen langfristig Bestand haben.
Während HADD, CCT und BVT erklären, wie kulturelle Vorstellungen entstehen und transformiert werden, erklärt DIT, welche dieser Möglichkeiten sich unter den jeweiligen sozialen Bedingungen kulturell durchsetzen.
Gerade diese Trennung zwischen psychologischer Prozesskette und kulturellem Selektionsrahmen bildet den theoretischen Kern des kognitiv-evolutionären Ansatzes.
5. Positionierung gegenüber der Empirischen Kulturwissenschaft
Der kognitiv-evolutionäre Ansatz versteht sich ausdrücklich nicht als Alternative zur Empirischen Kulturwissenschaft, sondern als Ergänzung um eine Erklärungsebene, die bislang nur am Rande berücksichtigt wurde.
Die Empirische Kulturwissenschaft untersucht kulturelle Erscheinungen vor allem hinsichtlich ihrer sozialen Funktionen, ihrer kommunikativen Verwendung und ihrer historischen Veränderung. Ihr Erkenntnisinteresse richtet sich auf die Bedeutung kultureller Praktiken innerhalb konkreter gesellschaftlicher Kontexte.
Der kognitiv-evolutionäre Ansatz verfolgt eine andere Fragestellung. Er untersucht die generativen Mechanismen, durch die bestimmte kulturelle Vorstellungen überhaupt entstehen können, weshalb sie psychologisch plausibel erscheinen und unter welchen Bedingungen sie kulturell Bestand gewinnen.
Beide Ansätze operieren daher auf unterschiedlichen analytischen Ebenen. Die Empirische Kulturwissenschaft erklärt die gesellschaftliche Funktion kultureller Phänomene; der kognitiv-evolutionäre Ansatz erklärt ihre Entstehung und ihre kulturelle Evolution. Beide Perspektiven schließen einander nicht aus, sondern ergänzen sich.
Ebenso wenig wäre es sachgerecht, Hermann Bausinger als Vorläufer eines kognitiv-evolutionären Forschungsprogramms zu interpretieren. Seine theoretischen Arbeiten entstanden aus anderen wissenschaftshistorischen Voraussetzungen und verfolgten andere Fragestellungen. Die Gemeinsamkeit besteht vielmehr darin, dass beide Ansätze genealogische Ursprungserzählungen kritisch hinterfragen. Während Bausinger dies kulturwissenschaftlich begründet, gelangt der kognitiv-evolutionäre Ansatz aus kognitions- und evolutionswissenschaftlichen Überlegungen zu einer vergleichbaren Distanz gegenüber der Vorstellung einer notwendigen Substanzkontinuität kultureller Überlieferungen.
Gerade in dieser Ergänzung unterschiedlicher Erklärungsebenen liegt das Potenzial einer integrativen Volkskunde, die historische Rekonstruktion, funktionale Analyse und generative Erklärung miteinander verbindet.
6. Positionierung gegenüber der internationalen Kognitions- und Kulturevolutionsforschung
Der kognitiv-evolutionäre Ansatz stellt einen neuen theoretischen Zugang dar, knüpft jedoch an mehrere international etablierte Forschungsrichtungen an.
Seit den 1990er Jahren haben sich insbesondere im englischsprachigen Raum Forschungsprogramme entwickelt, welche religiöse Vorstellungen, übernatürliche Akteure und kulturelle Tradierungsprozesse mit Methoden der Kognitionswissenschaft und der Kulturevolutionsforschung untersuchen. Arbeiten von Barrett zur Agentendetektion, Forschungen zur Compensatory Control Theory, Untersuchungen zur Benign Violation Theory sowie Modelle der Dual Inheritance Theory bilden heute eigenständige, empirisch gut etablierte Forschungsfelder.
Der kognitiv-evolutionäre Ansatz übernimmt diese Theorien jedoch nicht unverändert, sondern verbindet sie erstmals zu einem gemeinsamen volkskundlichen Erklärungsmodell. Seine eigentliche Innovation liegt daher nicht in der Entwicklung neuer Einzeltheorien, sondern in ihrer systematischen Integration.
Dabei besitzt jede Theorie eine klar definierte Funktion innerhalb des Gesamtmodells. HADD erklärt die Zuschreibung eines Akteurs, CCT die kulturelle Stabilisierung dieser Zuschreibung, BVT deren humorvolle Transformation und DIT den kulturellen Selektionsrahmen, innerhalb dessen sich diese Prozesse historisch entfalten. Erst ihr Zusammenwirken ermöglicht eine konsistente Erklärung der Elwedritsch-Genese.
Eine eigenständige kognitiv-evolutionäre Volkskunde existiert bislang nicht. Der hier vorgeschlagene Ansatz bezeichnet daher kein bereits etabliertes Paradigma, sondern einen theoretischen Ordnungsrahmen, der Erkenntnisse der Kognitionswissenschaft, der Sozialpsychologie, der Humorforschung und der Kulturevolutionsforschung für volkskundliche Fragestellungen zusammenführt.
Gerade hierin liegt das weiterführende Potenzial des Ansatzes. Er eröffnet die Möglichkeit, europäische und außereuropäische Nacht- und Dämonenvorstellungen nicht ausschließlich nach vermuteten Traditionswegen zu vergleichen, sondern nach den ihnen gemeinsamen generativen Mechanismen und den jeweils unterschiedlichen kulturellen Selektionsbedingungen. Die Elwedritsch wird dadurch vom regionalen Untersuchungsgegenstand zu einem Modellfall für die Analyse kultureller Evolution.
7. Der Mehrwert für Untersuchung von volkskundlichen Phänomenen
Aus der vorgeschlagenen theoretischen Architektur ergeben sich mehrere Beiträge des kognitiv-evolutionären Ansatzes für die gegenwärtige Volkskunde. Diese betreffen nicht allein die Erklärung der Elwedritsch, sondern grundsätzliche Fragen nach der Entstehung, Transformation und Tradierung kultureller Vorstellungen.
Erstens eröffnet der Ansatz einen methodisch neuen Umgang mit Überlieferungslücken. Genealogische Erklärungsmodelle geraten dort an ihre Grenzen, wo historische Traditionsketten nur unvollständig rekonstruierbar sind. Der kognitiv-evolutionäre Ansatz setzt demgegenüber keine lückenlose Überlieferung voraus. Seine Erklärung stützt sich auf die Tiefenkontinuität generativer Mechanismen, nicht auf die Annahme einer ununterbrochenen historischen Weitergabe. Unterbrechungen der Quellenüberlieferung stellen deshalb keine Widerlegung des Modells dar, sondern markieren lediglich die Grenzen historischer Dokumentation.
Zweitens ermöglicht der Ansatz ein neues komparatistisches Forschungsprogramm. Vergleichbare Vorstellungen – etwa Mahr- und Mora-Überlieferungen, der Old-Hag-Komplex, Lilith-Traditionen oder andere europäische und außereuropäische Nachtwesen – müssen nicht mehr ausschließlich über vermutete historische Traditionswege miteinander in Beziehung gesetzt werden. Sie können vielmehr hinsichtlich derselben psychologischen Prozesskette (HADD → CCT → BVT) sowie ihrer jeweils unterschiedlichen kulturellen Selektionsbedingungen untersucht werden. Historische Diffusion bleibt eine mögliche Erklärung, verliert jedoch ihren Ausschließlichkeitsanspruch.
Drittens schafft der Ansatz eine unmittelbare Anschlussfähigkeit an internationale Forschungsfelder. Indem er Kognitionswissenschaft, Sozialpsychologie, Humorforschung und Kulturevolutionsforschung in einem gemeinsamen Modell verbindet, knüpft er an etablierte internationale Forschungsprogramme an, ohne die spezifischen Stärken der Volkskunde aufzugeben. Philologische Präzision, historische Quellenkritik und regionale Kontextualisierung bleiben unverzichtbare Bestandteile der Analyse und werden durch eine generative Erklärungsebene ergänzt.
Viertens liefert der Ansatz einen Beitrag zur theoretischen Präzisierung des Kontinuitätsbegriffs. Die Unterscheidung zwischen Substanzkontinuität und Tiefenkontinuität generativer Mechanismen ermöglicht es, strukturelle Ähnlichkeiten kultureller Vorstellungen zu erklären, ohne eine historische Identität der Überlieferungen vorauszusetzen. Kontinuität wird damit nicht mehr ausschließlich genealogisch verstanden, sondern als Persistenz universeller psychologischer Mechanismen, deren kulturelle Ausprägungen im Rahmen evolutiver Selektionsprozesse variieren können.
Fünftens entwickelt der Ansatz eine strukturierte Mikro-Makro-Erklärung kultureller Überlieferungen. Auf der Mikroebene beschreibt die psychologische Prozesskette aus HADD, CCT und BVT die Entstehung, Stabilisierung und Transformation kultureller Vorstellungen. Auf der Makroebene erklärt die Dual Inheritance Theory die Variation, Selektion und Tradierung dieser kulturellen Varianten innerhalb von Populationen. Die Verbindung beider Ebenen bildet den eigentlichen theoretischen Kern des Modells.
Der Erkenntnisgewinn des Ansatzes liegt daher nicht allein in einer neuen Erklärung der Elwedritsch-Genese. Er besteht in der Entwicklung einer theoretischen Architektur, welche individuelle Kognition, kulturelle Sinnbildung, soziale Transformation und kulturelle Evolution in einem gemeinsamen Erklärungsrahmen zusammenführt.
8. Fazit
Der kognitiv-evolutionäre Ansatz positioniert sich innerhalb der gegenwärtigen volkskundlichen Theorielandschaft durch eine doppelte Abgrenzung und eine zugleich integrative Anschlussstrategie.
Er grenzt sich einerseits vom genealogischen Kontinuitätsmodell Jacob Grimms ab, das kulturelle Vorstellungen als historisch fortwirkende Überlieferungen eines gemeinsamen Ursprungs interpretiert. Demgegenüber erklärt der hier entwickelte Ansatz strukturelle Ähnlichkeiten aus der Tiefenkontinuität generativer Mechanismen. Kontinuierlich sind nicht die Figuren selbst, sondern die universellen psychologischen Prozesse, durch die unter vergleichbaren Bedingungen ähnliche kulturelle Vorstellungswelten entstehen können.
Ebenso grenzt sich der Ansatz vom klassischen Evolutionismus des 19. Jahrhunderts ab. Sein Evolutionsbegriff folgt nicht Vorstellungen kulturellen Fortschritts oder historischer Höherentwicklung, sondern dem selektionstheoretischen Verständnis moderner Kulturevolutionsforschung. Evolution bezeichnet hier keinen historischen Ursprung und keine lineare Entwicklung, sondern Prozesse kultureller Variation, Selektion und Tradierung.
Seine eigentliche theoretische Innovation besteht in der Verbindung zweier analytischer Ebenen. Die psychologische Prozesskette aus Hyperactive Agency Detection Device (HADD), Compensatory Control Theory (CCT) und Benign Violation Theory (BVT) erklärt, wie aus individuellen Erfahrungen kulturell stabile und schließlich humorvoll transformierte Vorstellungswelten entstehen. Die Dual Inheritance Theory (DIT) ergänzt diese Prozesskette nicht um einen weiteren psychologischen Mechanismus, sondern bildet den übergeordneten evolutionswissenschaftlichen Rahmen, innerhalb dessen sich die durch HADD, CCT und BVT hervorgebrachten kulturellen Varianten verbreiten, verändern oder verschwinden.
Gerade diese Unterscheidung zwischen psychologischer Mikroebene und kultureller Makroebene ermöglicht es, individuelle Kognition und kulturelle Evolution in einem gemeinsamen Modell zu verbinden, ohne beide Erklärungsebenen miteinander zu vermischen. Der Ansatz versteht sich deshalb weder als Ersatz historischer Rekonstruktion noch als Alternative zur Empirischen Kulturwissenschaft. Vielmehr ergänzt er beide Perspektiven um eine eigenständige generative Erklärungsebene.



























































