Schlagwort-Archiv: hiwwe wie driwwe

Aktueller „Palz Gschichde Podcast“ zum Thema „Elwedritsche“

„Palz Gschichde“ macht die „Elwedritsche“ zum Thema. Vielen Dank, Patrick Kuhn! Ich wünsche dieser Folge und deinem Kanal viele Likes und zahlreiche neue Abonnenten. Zum Anhören bitte auf das Bild klicken.

Der Mensch als Kopiermaschine

Die „Memetik“ – die Wissenschaft von den Memen – geht davon aus, dass die evolutionäre Weitergabe von Ideen von Generation zu Generation im Grunde funktioniert wie die Weitergabe von Genen – nur dass Meme als „Informationsträger“ empfänglicher für Mutationen sind als Gene. Ein Pentagramm ist ein schönes Beispiel für ein Mem: Einerseits wird seit tausenden von Jahren weitergegeben, wie man ein Pentagramm zeichnet – andererseits wird seit tausenden von Jahren weitergegeben, dass Pentagramme Dämonen abhalten. Das sind die beiden Informationen, die in diesem Mem stecken. Bei der Weitergabe werden sie immer wieder kopiert.

Geprägt wurde der Begriff „Mem“ im Jahr 1976 vom britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins. Er wollte unter anderem erklären, wie es dazu kommt, dass Menschen z.B. Sinfonien komponieren, obwohl dies evolutionär keinen Vorteil darstellt. In ihrem Artikel „Evolution: Die Macht der Meme“ (Spektrum der Wissenschaft 12/2000) spricht die Autorin Susan Blackmore davon, dass jede Kopieranweisung eines Mems „Lockungen“ und „Drohungen“ enthält. In diesem Sinne ist eine monotheistische Religion ein gutes Beispiel für ein Mem, weil es sowohl die Lockung (Hoffnung auf ewiges Leben) als auch die Drohung (ewige Höllenqualen) enthält – beides auf individueller Ebene des einzelnen Menschen. Gegenüber dieser starken Kopieranweisung zum Beispiel bei einem „christlichen Gebet“ ist die des Mems „Regentanz“ vergleichsweise schwach. Deshalb habe sich der Regentanz auch nicht weltweit durchgesetzt. Strukturell betrachtet, sind die Meme „Gebet“ und „Regentanz“ aus der Perspektive der Memetik gleichwertig. Sie sind allerdings unterschiedlich erfolgreich gewesen.

Ein gutes Buch, das uns ein Stück näher zu den Elwedritsche führt, ist „Kontrollgewinn – Kontrollverlust – Geschichte des Schlafs in der Moderne“ (2014), das Anna Ahlheim herausgegeben hat. Es führt uns zur Dichotomie „Kontrollgewinn versus Kontrollverlust“. Es gibt Meme, die Kontrollgewinn versprechen – zum Beispiel, wenn man in der Vergangenheit ein Pentagramm an seine Tür gemalt hat, bevor man zu Bett ging, um Dämonen abzuhalten. Ein vergleichbares Mem ist, sich vor dem Nachtschlaf zu bekreuzigen und ein Nachtgebet zu sprechen. Beides hat den gleichen Zweck: Man wünscht sich eine ungestörte Nacht und ein Wiederaufwachen am morgen. Der Glaube versetzt – weil er Kontrollgewinn verspricht – Berge, ganz gleich, ob man an ein Vaterunser oder ein Pentagramm glaubt. Erwiesenermaßen nutzen acht Milliarden Menschen auf der Erde individuell ganz unterschiedliche Methoden, um sich für eine ungestörte Nacht zu rüsten. Keine ist besser als eine andere, und auch nicht schlechter. Es sind alles Meme.

Wir müssen uns auf diese abstrakte Ebene begeben, wenn wir verstehen wollen, was Elwedritsche sind. Denn sie sind etwas, vor dem man sich in der Vergangenheit schützen musste. Das liegt jedoch viele Mem-Mutationen zurück. Seit das Mem, das hinter den Elwedritschen steckt, vor vielen tausend – vielleicht vor vielen zehntausend – Jahren entstanden ist, hat es Millionen von Kopiervorgängen hinter sich gebracht. Es sind im Laufe der Geschichte durch Abweichungen in Kopiervorgängen Varianten entstanden, die sich in Raum und Zeit eigenständig weiterentwickelt haben. Was wir im Pfälzerwald bei einer Elwedritsche-Jagd suchen, ist nur die allerletzte Mutation in unserer Region. Das Bild der Elwedritsch hat sich in jüngster Vergangenheit seit Erscheinen des ersten Harry-Potter-Bands 1997 noch einmal verändert. Sprach man vorher meist von einem „Fabelwesen“, ist in den letzten 25 Jahren immer öfter die Beschreibung „fantastisches Tierwesen“ zu lesen. Dies ist nichts als die weitere Mutation eines Mems, das uns seit Menschengedenken begleitet. Im Buch werden wir diesem Mem nachspüren.

Die Memetik hat in den vergangenen 50 Jahren viel Lob, aber auch Kritik erfahren. So geht es allen Theorien. Für das Projekt „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“ bildet sie einen guten Background für die Geschichte, die zu erzählen ist.

Die Geschichte des „Storytelling“

Gute Geschichten entstehen aus großen Gefühlen. Wenn sie etwas ansprechen, was Menschen unabhängig von Zeiten und Orten berührt, können sie durch die Jahrtausende getragen werden. Sie sind sogenannte „Meme“. In Memen sind Informationen gespeichert, die weitergegeben werden. Die Träger der Meme – die Menschen – sterben. Die Meme leben weiter. Storytelling gibt es nicht erst seit Beginn des Internets. Die Ursprünge guter Geschichten sind an den Lagerfeuern der Steinzeit zu suchen.

Eine gute Arbeit hierzu stammt von Jack Zipes aus dem Jahr 2012: „The Cultural Evolution of Storytelling and Fairy Tales: Human Communication and Memetics“ (erschienen im Buch „The irresistible fairy tale“).

Er schreibt: „If it is through language and story that cognition is fostered, it is all that much more important that we see the connections between ancient stories and how as well as why we continue to repeat them in innovative ways. Though we do not have printed records of how people told stories thousands of years ago, we do have enough archaeological evidence through cave paintings, vases, tombs, carvings, codices, and other artifacts to enable us to grasp what kinds of stories were told in ancient pagan cultures.“

Und an anderer Stelle ordnet er die Rolle der Fabel als früher Form des „Story Tellings“ in den kulturhistorischen Kontext ein: „Most histories of the fable associate its beginnings with Aesop in 600 BC. Despite Aesop’s significance, however, he did not invent the fable, which probably originated in Sumer and Mesopotamia sometime in 800 BC, and we are not even certain that he existed. But we are sure that archaeologists discovered didactic narrative works on clay tablets and in scripts that resemble the fable in form as well as subject matter, and these Sumerian and Babylonian texts were probably transmitted orally and through manuscripts to the ancient Greeks.“

Meme sind Replikatoren der kulturellen Evolution. Ihre Untersuchung erlaubt es, kulturelle Entwicklungen über große Distanzen und Zeiträume zu beschreiben.

Die Elwedritsch ist ein „Mem“, das sich über die Jahrtausende immer wieder verändert hat (wie ein Märchen). Es gibt sie in unterschiedlichen Versionen in vielen Teilen die Welt. Die Menschen erzählen unterschiedliche Geschichten – im Alpenraum des 16. und 17. Jahrhunderts, in Pennsylvania im 18. und 19. Jahrhundert sowie in der Pfalz im 20. und 21. Jahrhundert. Alle bisher gefundenen Antworten, was eine Elwedritsch ist, können in ihrem jeweiligen Kontext korrekt sein. Denn Kennzeichen eines Mems ist ja gerade, dass es beim Gang durch die Jahrhunderte immer wieder verändert und überformt wird.

Hinter all diesen Geschichten steckt aber immer ein und derselbe Kern – etwas, wovor die Menschen sich fürchteten. Der Schlüssel zur Beantwortung dieser Frage liegt in den Wanderungsbewegungen der Indoeuropäer. Wir müssen den Weg rückwärts gehen, um zum Ursprung zu gelangen. Davon erzählt mein Buch „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“.

Schlafparalyse und Folklore

Ann M. Cox legte 2015 die Studie „Sleep paralysis and folklore“ vor. Darin gibt sie einen guten Überblick über die Geschichte der sogenannten „sleep demons“. Im Deutschen sprechen wir von „Schlafparalyse“. Während die Muskeln entspannt sind, geht das Gehirn auf Reisen und simuliert sogar körperliche Erscheinungen: Geschöpfe, die in der Ecke des Raumes sitzen oder auf der Brust, Alien-Entführungen und etliches mehr. Brian A. Sharpless verglich bereits 2011 insgesamt 35 Studien zum Thema und stellte fest: Weniger als 8 % der Menschen haben Erfahrungen mit „sleep demons“ gemacht – aber es gibt Gruppen, in denen es häufiger vorkommt.

Und sie berichten Folgendes: „People experience three basic types of hallucinations during sleep paralysis – the presence of an intruder, pressure on the chest sometimes accompanied by physical and/or sexual assault experiences and levitation or out-of-body experiences.“

2014 legte Sharpless einen Artikel zum Thema vor: „Changing conceptions of the nightmare in medicine“ (hier klicken).

Eindringlinge und Druck auf der Brust – diese beiden Motive werden uns durch das Buch „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“ begleiten.

Von Genen und Memen

Quelle: Goethe Institut

Migration und Wanderungsbewegungen sind keine Phänomene der Neuzeit: Seit der Mensch den aufrechten Gang beherrschte, trieb es ihn aus seiner Heimat Afrika in die ganze Welt. Der Paläoanthropologie Johannes Krause (Direktor am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte) und der Journalist Thomas Trappe zeigen in ihrem 2020 erschienenen Buch „Die Reise unserer Gene“: Ohne Einwanderer wäre Europa gar nicht denkbar.

Heute wissen wir, dass sich der „moderne Mensch“ bereits vor etwa 300.000 Jahren über den gesamten afrikanischen Kontinent ausgebreitet hat. Die Menschheit entsteht also durch frühe Wanderungsbewegungen und eine komplexe Evolution auf dem ganzen afrikanischen Kontinent. Durch ein soziales Netzwerk werden Gene und Kulturtechniken über große Distanzen hinweg weitergegeben.

Vor 40.000 Jahren kam Homo Sapiens in Europa an – mit vielen Kulturtechniken im Gepäck. Für das Buch „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“ sind Funde auf der Schwäbischen Alb aus diesem Zeitraum interessant, etwa die „Venus vom Hohlefels“ oder der „Löwenmensch“ vom Hohlenstein-Stadel. Beide zeigen uns lange vor den Wanderungen der Indoeuropäer, wie komplex die Gesellschaften der Jäger und Sammler in dieser Zeit waren – und wie sie ihre Ängste zähmten.

Das Buch zeigt, wie sich in der Menschheitsgeschichte Gene immer wieder mischten und Neues hervorbrachten. Seit neue Techniken es möglich machten, DNA aus Skeletten zu extrahieren und ihre „Daten“ zu lesen, hat die Wissenschaft Sprünge gemacht, die weit über die Genetik hinausgehen. Das betrifft auch Anthropologie, Archäologie, Geschichte und Linguistik. Mich interessiert an dem Thema der Zusammenhang von „Genen“ und „Memen“.

Wikipedia schreibt: Ein „Mem“ ist Gegenstand der Memtheorie und bezeichnet dem Urheber der Memtheorie Richard Dawkins zufolge ein im Gehirn gespeichertes, ins Bewusstsein rufbares Informationsmuster, zum Beispiel einen Gedanken, aber nicht bloße Wahrnehmungen oder Gefühle (als Wahrnehmen bzw. Fühlen). Es kann durch Kommunikation weitergegeben und über den Prozess der Imitation internalisiert werden, damit vervielfältigt und so soziokulturell auf ähnliche Weise perpetuiert werden, wie Gene auf biologischem Wege vererbbar sind. Ganz entsprechend unterliegen Meme damit einer soziokulturellen Evolution, die weitgehend mit denselben Theorien beschrieben werden kann.

Was vererbbar ist, kann also weitergegeben werden – durch Raum und Zeit. Also können wir heute Märchen erzählen, die vor vielen tausend Jahren in Mesopotamien entstanden sind. Vielleicht sind sie ja sogar noch älter. Und wir können uns von Europa aus durch Raum und Zeit rückwärts bewegen, um zu klären, was Elwedritsche wirklich sind.

Das Buch kann man zum Beispiel hier kaufen.

Elbentritsch: „Der von den Elben Gequälte“

Das Südhessische Wörterbuch (1932), das auch die Region Rheinhessen einschließt, nennt als mögliche Erklärung des Begriffs „Elbendritsch“ (übrigens mit „b“!) die Bedeutung „der von den Elben Gequälte“ und kommt damit der Realität schon ziemlich nahe. In Wöllstein sprach man noch 1932 von einer „Schreckgestalt, mit der man kleine Kinder ängstigt“. „Schreckgestalt, die kleine Kinder ängstigt“ hätte es vielleicht noch besser getroffen.

Es gibt den Begriff in unendlichen Aussprachevarianten und Schreibweisen. Im Wörterbuch gefallen mir besonders „Elfetrutschel“ (Ober-Hilbersheim) und „Älwedrudschele“ (Bobstadt, Bergstraße), weil sie noch vergleichsweise nah an dem Begriff „Albdrude“ sind. Im Südhessischen tauchen natürlich auch schon die hessischen Entsprechungen „Rasselbock“ und „Dilldapp“ auf. Interessanterweise werden auch „Bachkatze“ und „Dachkatze“ als Varianten von „Elbentritsch“ aufgeführt (allerdings ohne Ortsnamen-Markierung).

Mein Fazit: Wer dem Wesen der Elwedritsch auf die Spur kommen will, muss sich mit „Alben“ und „Druden“ befassen – und der Frage, weshalb die Elwedritsch auch bei uns in der Region früher manchmal katzenartig gesehen wurde.

Zum Südhessischen Wörterbuch gelangt man, wenn man hier klickt.

Im Wörterbuch des Deutschen Aberglaubens (Band 2) findet man unter „Elbentrötsch“ den folgenden Eintrag:

Neben der Bestätigung, „Elwedritsch“ bedeute „Der vom Alp Getretenen“ findet sich der Hinweis, ein „Elwedritsch“ sei ein „Herr der Elben“ bzw. der „wilde Jäger“ (vgl. „Wilde Jagd).

Märchen reichen bis in die Bronzezeit zurück

In der Studie „Comparative phylogenetic analyses uncover the ancient roots of Indo-European folktales“ (S. Graca da Silva und J.J. Tehrani, erschienen 2016) gelingt es Wissenschaftlern erstmals, mit modernen Methoden den Ursprung von Märchen bis in die indoeuropäische Frühzeit zurückzuverfolgen.

Erst seit wenigen Jahren versucht man nun, mit neuen – von der Biologie übernommenen – quantitativen Methoden, kulturübergreifende Textbeziehungen zu identifizieren. Mit dieser „phylogenetischen Methode“ lassen sich Verwandtschaftsverhältnisse und Entwicklungen nachzeichnen. Die Geschichten mit ihren Protagonisten und Handlungen sind gewissermaßen das „genetische“ Material für den Blick in die Vergangenheit. Vorab identifizierten die Forscher das Vorkommen der Erzählungen in 50 indoeuropäischen Sprachen. Um eindeutige Spuren der Abstammung zu finden, verwendeten sie bereits existierende Stammbäume der indoeuropäischen Sprachentwicklung.

Auf der Basis dieser Daten ermittelten die Forscher mit statistischen Verfahren die Abstammungslinien der Geschichtstypen und erstellten einen Stammbaum. Bei 100 der 275 Prototypen fanden sie signifikante Parallelen mit der sprachlichen Entwicklungsgeschichte. Demnach muss es einen großen Teil der Märchen schon lange vor ihrer schriftlichen Aufzeichnung gegeben haben.

Mit der neuen Methode lassen sich ihre Wurzeln bis zur Entstehung der großen indoeuropäischen Sprachgruppen zurückdatieren – die sich im Zeitraum von vor 6.500 bis vor 2.500 Jahren gebildet haben. Es könnte sie laut den Forschern sogar schon in der letzten gemeinsamen indoeuropäischen Sprache gegeben habe.

Für das Buch „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“ ist diese aktuelle Studie relevant, weil sie zeigt, wie sich kulturelle Muster (dazu zählen auch Märchen) mit den ersten Indoeuropäern im fruchtbaren Halbmond über tausende von Jahren räumlich bewegt haben, so dass noch heute Großeltern ihren Enkelinnen und Enkeln diese Geschichten erzählen können. In dieser Weise – so meine These – lässt sich auch das kulturelle Muster „Elwedritsche“ bis in die indoeuropäische Frühzeit zurückverfolgen.

Klicken Sie hier, um zur Quelle (englisch) zu gelangen.