Monatsarchiv: Januar 2025

Von Genen und Memen

Quelle: Goethe Institut

Migration und Wanderungsbewegungen sind keine Phänomene der Neuzeit: Seit der Mensch den aufrechten Gang beherrschte, trieb es ihn aus seiner Heimat Afrika in die ganze Welt. Der Paläoanthropologie Johannes Krause (Direktor am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte) und der Journalist Thomas Trappe zeigen in ihrem 2020 erschienenen Buch „Die Reise unserer Gene“: Ohne Einwanderer wäre Europa gar nicht denkbar.

Heute wissen wir, dass sich der „moderne Mensch“ bereits vor etwa 300.000 Jahren über den gesamten afrikanischen Kontinent ausgebreitet hat. Die Menschheit entsteht also durch frühe Wanderungsbewegungen und eine komplexe Evolution auf dem ganzen afrikanischen Kontinent. Durch ein soziales Netzwerk werden Gene und Kulturtechniken über große Distanzen hinweg weitergegeben.

Vor 40.000 Jahren kam Homo Sapiens in Europa an – mit vielen Kulturtechniken im Gepäck. Für das Buch „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“ sind Funde auf der Schwäbischen Alb aus diesem Zeitraum interessant, etwa die „Venus vom Hohlefels“ oder der „Löwenmensch“ vom Hohlenstein-Stadel. Beide zeigen uns lange vor den Wanderungen der Indoeuropäer, wie komplex die Gesellschaften der Jäger und Sammler in dieser Zeit waren – und wie sie ihre Ängste zähmten.

Das Buch zeigt, wie sich in der Menschheitsgeschichte Gene immer wieder mischten und Neues hervorbrachten. Seit neue Techniken es möglich machten, DNA aus Skeletten zu extrahieren und ihre „Daten“ zu lesen, hat die Wissenschaft Sprünge gemacht, die weit über die Genetik hinausgehen. Das betrifft auch Anthropologie, Archäologie, Geschichte und Linguistik. Mich interessiert an dem Thema der Zusammenhang von „Genen“ und „Memen“.

Wikipedia schreibt: Ein „Mem“ ist Gegenstand der Memtheorie und bezeichnet dem Urheber der Memtheorie Richard Dawkins zufolge ein im Gehirn gespeichertes, ins Bewusstsein rufbares Informationsmuster, zum Beispiel einen Gedanken, aber nicht bloße Wahrnehmungen oder Gefühle (als Wahrnehmen bzw. Fühlen). Es kann durch Kommunikation weitergegeben und über den Prozess der Imitation internalisiert werden, damit vervielfältigt und so soziokulturell auf ähnliche Weise perpetuiert werden, wie Gene auf biologischem Wege vererbbar sind. Ganz entsprechend unterliegen Meme damit einer soziokulturellen Evolution, die weitgehend mit denselben Theorien beschrieben werden kann.

Was vererbbar ist, kann also weitergegeben werden – durch Raum und Zeit. Also können wir heute Märchen erzählen, die vor vielen tausend Jahren in Mesopotamien entstanden sind. Vielleicht sind sie ja sogar noch älter. Und wir können uns von Europa aus durch Raum und Zeit rückwärts bewegen, um zu klären, was Elwedritsche wirklich sind.

Das Buch kann man zum Beispiel hier kaufen.

Elbentritsch: „Der von den Elben Gequälte“

Das Südhessische Wörterbuch (1932), das auch die Region Rheinhessen einschließt, nennt als mögliche Erklärung des Begriffs „Elbendritsch“ (übrigens mit „b“!) die Bedeutung „der von den Elben Gequälte“ und kommt damit der Realität schon ziemlich nahe. In Wöllstein sprach man noch 1932 von einer „Schreckgestalt, mit der man kleine Kinder ängstigt“. „Schreckgestalt, die kleine Kinder ängstigt“ hätte es vielleicht noch besser getroffen.

Es gibt den Begriff in unendlichen Aussprachevarianten und Schreibweisen. Im Wörterbuch gefallen mir besonders „Elfetrutschel“ (Ober-Hilbersheim) und „Älwedrudschele“ (Bobstadt, Bergstraße), weil sie noch vergleichsweise nah an dem Begriff „Albdrude“ sind. Im Südhessischen tauchen natürlich auch schon die hessischen Entsprechungen „Rasselbock“ und „Dilldapp“ auf. Interessanterweise werden auch „Bachkatze“ und „Dachkatze“ als Varianten von „Elbentritsch“ aufgeführt (allerdings ohne Ortsnamen-Markierung).

Mein Fazit: Wer dem Wesen der Elwedritsch auf die Spur kommen will, muss sich mit „Alben“ und „Druden“ befassen – und der Frage, weshalb die Elwedritsch auch bei uns in der Region früher manchmal katzenartig gesehen wurde.

Zum Südhessischen Wörterbuch gelangt man, wenn man hier klickt.

Im Wörterbuch des Deutschen Aberglaubens (Band 2) findet man unter „Elbentrötsch“ den folgenden Eintrag:

Neben der Bestätigung, „Elwedritsch“ bedeute „Der vom Alp Getretenen“ findet sich der Hinweis, ein „Elwedritsch“ sei ein „Herr der Elben“ bzw. der „wilde Jäger“ (vgl. „Wilde Jagd).

Märchen reichen bis in die Bronzezeit zurück

In der Studie „Comparative phylogenetic analyses uncover the ancient roots of Indo-European folktales“ (S. Graca da Silva und J.J. Tehrani, erschienen 2016) gelingt es Wissenschaftlern erstmals, mit modernen Methoden den Ursprung von Märchen bis in die indoeuropäische Frühzeit zurückzuverfolgen.

Erst seit wenigen Jahren versucht man nun, mit neuen – von der Biologie übernommenen – quantitativen Methoden, kulturübergreifende Textbeziehungen zu identifizieren. Mit dieser „phylogenetischen Methode“ lassen sich Verwandtschaftsverhältnisse und Entwicklungen nachzeichnen. Die Geschichten mit ihren Protagonisten und Handlungen sind gewissermaßen das „genetische“ Material für den Blick in die Vergangenheit. Vorab identifizierten die Forscher das Vorkommen der Erzählungen in 50 indoeuropäischen Sprachen. Um eindeutige Spuren der Abstammung zu finden, verwendeten sie bereits existierende Stammbäume der indoeuropäischen Sprachentwicklung.

Auf der Basis dieser Daten ermittelten die Forscher mit statistischen Verfahren die Abstammungslinien der Geschichtstypen und erstellten einen Stammbaum. Bei 100 der 275 Prototypen fanden sie signifikante Parallelen mit der sprachlichen Entwicklungsgeschichte. Demnach muss es einen großen Teil der Märchen schon lange vor ihrer schriftlichen Aufzeichnung gegeben haben.

Mit der neuen Methode lassen sich ihre Wurzeln bis zur Entstehung der großen indoeuropäischen Sprachgruppen zurückdatieren – die sich im Zeitraum von vor 6.500 bis vor 2.500 Jahren gebildet haben. Es könnte sie laut den Forschern sogar schon in der letzten gemeinsamen indoeuropäischen Sprache gegeben habe.

Für das Buch „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“ ist diese aktuelle Studie relevant, weil sie zeigt, wie sich kulturelle Muster (dazu zählen auch Märchen) mit den ersten Indoeuropäern im fruchtbaren Halbmond über tausende von Jahren räumlich bewegt haben, so dass noch heute Großeltern ihren Enkelinnen und Enkeln diese Geschichten erzählen können. In dieser Weise – so meine These – lässt sich auch das kulturelle Muster „Elwedritsche“ bis in die indoeuropäische Frühzeit zurückverfolgen.

Klicken Sie hier, um zur Quelle (englisch) zu gelangen.

Opferriten und Spiritualität

Terra X: Das Grab der Schamanin von Bad Dürrenberg (2024)

Aktueller geht es kaum: Im November 2024 wurde die Folge von Terra X ausgestrahlt: Ein „Cold Case“. In den 1930er Jahren hatten Archäologen ein Grab ausgemacht, die Funde entsprechend der damaligen Ideologie missgedeutet – und nach 1945 blieb die Akte aus guten Gründen für Jahrzehnte geschlossen. Erst mit neuen Methoden der Archäogenetik – Wissenschaft geht eben immer weiter – näherte man sich dem Thema vor wenigen Jahren erneut. Mit spannenden Ergebnissen über eine Beerdigung, die 7000 v. Chr. stattfand – also noch in einer Gesellschaft, deren Mitglieder Jäger und Sammler waren: Es geht um die Frage nach der Spiritualität von Menschen, um Opferriten und die Stellung der Frau innerhalb einer Gesellschaft. Es geht aber auch um die Frage, was Menschen tun, um als Gruppe „Kontrollgewinn“ in einer kaum kontrollierbaren Umwelt zu erlangen. Gerade dieser Aspekt machte den Fall interessant für das Buch „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“. In der Kapitelfolge steht das Grab der Schamanin ziemlich am Anfang.

Die Folge von Terra X ist sehr empfehlenswert, ebenso der Artikel von National Geographic (2022) und das Buch „Das Rätsel der Schamanin – Eine archäologische Reise zu unseren Anfängen“ (2022) von Harald Meller und Kai Michel.

Raunächte, Frau Holle und Wilde Jagd

ZDF-Dokumentation „Terra X“ zum Thema „Frau Holle“ (2020)

Die Zeit „zwischen den Jahren“ bleibt man zu Hause, hängt keine Wäsche auf, lässt alle Räder still stehen. Denn die „Wilde Jagd“ geht um, ein Zug von Göttern, Kriegern und toten Seelen über den winterlichen Nachthimmel. Da möchte man nicht mitgezogen werden. Zum Zug gehört eine weibliche Gottheit: Frigg bzw. Frigga. Uns ist sie besser unter ihrem späteren Namen (Frau) Holle bekannt. Terra X machte sie 2020 zum Thema und zeigt uns den aktuellen Forschungsstand.

Interessant für das Buch „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“ sind die Aussagen von Prof. Dr. Rudolf Simek (Mediävist an der Universität Bonn). Er arbeitet regelmäßig mit dem ZDF, arte und dem WDR zusammen. Zu seiner Vita gelangt man, wenn man hier klickt. Über Holle sagt er in der TV-Dokumentation:

„Wir haben eine große Muttergottheit in allen Hochkulturen. Wir haben im nahöstlichen Bereich die Demeter, eine Muttergottheit, die auch für Fruchtbarkeit und indirekt sogar fürs Wetter zuständig ist. Wir haben die Hera als Königin oder Mutter aller Götter im römischen Bereich – als Frau von Jupiter beziehungsweise Zeus. Und wir haben im nordischen Bereich die der Hera entsprechende Frigg, die Frau von Odin, die indirekt damit auch die Mutter aller Götter ist.“ Frigg entwickelte sich mit der Zeit zu Hulda/Holda und letztlich zu (Frau) Holle.

Im Moment ist in Bayern, Österreich und der Schweiz die Zeit der Perchtenläufe. Hierzu sagt Simek: „In alpenländischen Perchtenläufen, wie alt sie jetzt immer auch sein mögen, haben wir verschiedene interessante Figuren drinnen wie die Frau Perchta oder diese Frau Holda – die uns unterschiedliche Aspekte zeigen: Einen positiven und einen negativen. Und das weist auf die Funktionen dieser Figuren hin, die eine moralische Instanz bilden, also vielleicht das Gute belohnen und das Böse bestrafen – so wie es auch Frau Holle im Märchen tut.“

Terra X endet mit dem Fazit, das letztlich den aktuellen Forschungsstand knapp umreißt: „Das Märchen (von Frau Holle) erzählt von einer Zeit, als die meisten Menschen noch auf dem Dorf wohnen. Durch die mündliche Überlieferung sind viele Vorstellungen eingeflossen, auch aus der Zeit des Biedermeiers. Über das richtige Verhalten der jungen Frauen entscheidet allein Frau Holle. Ihre Autorität geht zurück auf heidnische Muttergottheiten, die schützen, belohnen und strafen. Und nebenbei auch noch das Wetter machen.“

Holle kommt im Buch „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“ eine Schlüsselrolle zu. Das Crowdfunding startet am kommenden Sonntag, den 5. Januar 2025, um 12 Uhr hier: https://www.startnext.com/elwedritsche-dunkle-gefaehrten