Ein Fan der Rockband Genesis war ich nie, weswegen ich ihren Song „Squonk“ aus dem Jahr 1976 auch nicht kannte. Dort singen sie über ein Wesen, das in den Hemlock-Wäldern Pennsylvanias lebt. Es ist so hässlich, dass es sich dort versteckt. Und es weint den ganzen Tag wegen seines Aussehens und seiner Einsamkeit. Man kann versuchen, es zu fangen, wird aber niemals erfolgreich sein. Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor?
„Der Jäger betritt den Wald: Ich komme, um meine Fähigkeiten mit deinen zu messen. Jetzt hör her, lauf nicht weg. Ich bin ein Freund. (Ich werde ihn täuschen, dann werde ich ihn in meinen Sack treten.) Ich habe dich, du wirst nie entkommen. Auf dem Heimweg in jener Nacht den Sack über meinem Rücken, das Geräusch von Schluchzen auf meiner Schulter … als es plötzlich aufhörte. Ich öffnete den Sack. Alles, was ich hatte, war: Ein Teich aus Blasen und Tränen, nur ein Teich aus Tränen.“ So singt – leicht gekürzt – Phil Collins im Lied „Squonk“.
Menschen haben Angst und finden Wege, das Böse rituell zu bannen – aber Menschen empfinden auch Mitleid und Scham. Von beidem handelt diese Geschichte. Um einen Anfang zu finden, muss kurz erläutert werden, was Elbedritsche sind. Zu dem Thema gibt es ein eigenes Buch: „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“. Es sei Lesern empfohlen, die hier tiefer einsteigen möchten. An dieser Stelle möchte ich nur eine kurze Zusammenfassung geben, soweit sie für den Squonk relevant ist.
Hinter der Elbedritsch steckt die Urangst vor der Nacht und vor bösen Einflüssen während der Dunkelheit. Das Thema ist so alt wie die Menschheit. Nachts starben Säuglinge, Schwangere, Wöchnerinnen und alte Menschen. Spätestens mit der Sesshaftwerdung versuchte man, die Schlafstuben mit magischen Symbolen, Sprüchen und Ritualen zu schützen. Das Phänomen wird erstmals in Mesopotamien greifbar, weil hier frühe Schrifttafeln Zeugnis ablegen. Angst und Abwehrstrategien wurden im fruchtbaren Halbmond auf die Nachbarn – Perser wie Juden – übertragen. Über indoeuropäische Wanderungsbewegungen und die jüdische Kulturgeschichte erreichte das kulturelle Muster das Rheintal. Was zunächst als Gottesstrafe angesehen wurde, schrieben die Menschen irgendwann anderen Menschen zu. Die Angst vor Hexen in der Nachbarschaft wuchs. Längst hatte das Phänomen einen Namen: Germanen sahen hier das Wirken sogenannter „Alben“ (vgl. Albtraum). Die Christen sprachen ab dem Mittelalter von Druden bzw. Albdruden. Jüdische Nachbarn sahen in dem bösen Einfluss den Dämon Lilith. Um die Angst zu bändigen, wurde in der Region rund um Mainz, Worms und Speyer die „Albdrude“ zur „Elwedritsch“ verkleinert und in den Wald gejagt. Danach begann man, ihr rituell im Rahmen einer Jagd nachzustellen – um sicher zu gehen, dass von ihr wirklich keine Gefahr mehr ausgeht.
Doch was hat das mit dem pennsylvanischen Squonk zu tun, einer über und über mit Warzen übersäten Kreatur, die fortlaufend wimmert und sich bei Gefahr in Tränen auflöst? Die Geschichte ist alt, wurde aber erstmals im Jahr 1910 von William T. Cox in seinem Buch „Fearsome Creatures of the Lumberwoods“ aufgeschrieben und veröffentlicht. Wir müssen die Jagd einer Elbedritsch und eines Squonk vergleichen:
Beiden wird nachgestellt, in der Nacht und vorzugsweise bei eisiger Kälte. Beide werden jedoch nie gefangen. Bei der Elbedritsche-Jagd bleibt offen, weshalb das so ist. Insoweit hat das kulturelle Muster in diesem Punkt eine Leerstelle. Diese Leerstelle wird bei der Squonk-Jagd argumentativ ausgefüllt: Das Tier kann nicht gefangen werden, weil es sich aus Furcht vor der Gefangennahme in einem See von Tränen auflöst. Insoweit ist das kulturelle Muster „Squonk-Jagd“ eine Weiterentwicklung des Musters „Elbedritsche-Jagd“. Es liefert eine Begründung des jagdlichen Nicht-Erfolgs.
Daneben löst es ein weiteres Dilemma der Menschen auf: Eine Elbedritsch – auch wenn es sich um eine geschrumpfte Albdrude und damit letztlich eine Hexe handelt – in den Wald zu verbannen, ist nicht nett. Hier wird jemand aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und muss fortan allein im Wald hausen. Dass dieses Geschöpf traurig – vielleicht auch depressiv – sein könnte, ist nachvollziehbar. Die Verantwortung hierfür übernehmen möchten die Menschen dann aber doch nicht: Die Verbannung ist demnach nicht die Ursache der Traurigkeit, sondern weil das Geschöpf findet, es sehe mit seinem warzenübersäten Körper so schrecklich aus und sei damit eine Zumutung für die Gemeinschaft. Auch Hexen gelten gemeinhin als hässlich und müssen von der Gesellschaft getrennt werden (weshalb sie in Märchen ebenfalls im finsteren Wald hausen). Die Warze stellt eine Verwandtschaft zur Kröte her. Historisch gesehen galten die Tiere als Hexengefährten, und es gab die Vorstellung, dass man Kröten als schädliche Magie vor Häusern vergraben könnte. Auch wurden Kröten bei der Zubereitung von Zaubertränken verwendet.
An diesem Beispiel kann man gut nachvollziehen, wie kulturelle Muster – die Wissenschaft spricht auch von „Memen“ – sich über die Zeit immer wieder verändern, um sie an neue Bedürfnisse anzupassen. Dass der Squonk ein Abkömmling der Elbedritsch ist, steht für mich jedenfalls außer Frage. In Johnstown im westlichen Pennsylvania feiert man zu Ehren des Squonks seit ein paar Jahren im August sogar ein Fest: die Squonkapalooza. Alles dreht sich hier um die vermeintlich traurigste Kreatur der Welt.
Veröffentlicht amOktober 12, 2025vonMichael Werner|Kommentare deaktiviert für Die Elwedritsche als Tarnform Liliths: Dämonologie, Volksmythos und christlich-jüdische Abwehrkulturen im Rheintal
Albdrude – Vorstufe der Elwedritsch – und Drudenmesserzu ihrer Abwehr
Abstract: Die Elwedritsche, ein pfälzisches Fabelwesen, wurde bislang als humoristische Regionalfigur ohne tiefere mythologische Bedeutung betrachtet. Neue kulturhistorische Arbeiten deuten jedoch auf eine Verbindung zur altorientalischen Dämonin Lilith hin. Diese These erlaubt nicht nur eine Reinterpretation der Elwedritsche als Trägerin verdrängter Archetypen, sondern eröffnet auch neue Perspektiven auf die interreligiösen Dynamiken im mittelalterlichen Rheintal. Der Artikel untersucht, ob die Dämonenabwehr als kollektive Schutzpraxis oder als Projektionsfläche für die Ausgrenzung des „Fremden“ – insbesondere der jüdischen Bevölkerung – diente.
1. Einleitung
Die Elwedritsche ist ein regionales Fabelwesen der Pfalz, das in volkstümlichen Erzählungen als vogelähnliches Mischwesen mit Geweih und nächtlicher Aktivität beschrieben wird. Ihre Funktion war lange auf humoristische Brauchtumspflege beschränkt. Erst jetzt wird ein kulturhistorischer Zugang eröffnet, der die Elwedritsche als Trägerin verdrängter mythologischer Inhalte interpretiert – insbesondere als Tarnform der altorientalischen Dämonin Lilith.
2. Lilith: Dämonin der Nacht und archetypische Bedrohung
Lilith ist eine zentrale Figur der jüdischen Dämonologie. In babylonischen und talmudischen Quellen erscheint sie als geflügeltes, weibliches Nachtwesen, das Neugeborene bedroht und Männer in erotischen Träumen heimsucht. Ihre mythologische Funktion oszilliert zwischen weiblicher Autonomie und dämonischer Bedrohung. In der jüdischen Volksreligion wurde Lilith durch Amulette, Bannzettel und Schutzformeln abgewehrt – ein Brauch, der sich bis ins mittelalterliche Rheintal nachweisen lässt.
3. Die Elwedritsche als Transformationsfigur
Die These, dass die Elwedritsche eine volkstümlich entdämonisierte Erscheinungsform Liliths ist, basiert auf mehreren strukturellen Parallelen:
Hybride Anatomie: Beide Wesen sind Mischformen aus Tier und Mensch.
Nächtliche Aktivität: Sie erscheinen bevorzugt in der Dunkelheit.
Weibliche Konnotation: Beide Figuren sind weiblich codiert und mit Fruchtbarkeit, Wildheit und Unkontrollierbarkeit assoziiert.
Narrative Funktion: Sie dienen als Projektionsfläche für Ängste und als Erklärung für unerklärliche nächtliche Phänomene.
Diese Merkmale deuten auf einen Prozess des „Mythentransfers“ hin, bei dem eine bedrohliche Urgestalt in eine scherzhafte Regionalfigur überführt wurde.
4. Dämonenabwehr im Rheintal: Gemeinsamkeit oder Ausgrenzung?
Im mittelalterlichen Rheintal existierten sowohl christliche als auch jüdische Praktiken zur Abwehr nächtlicher Dämonen. Während Christen auf Exorzismen, Heiligenbilder und architektonische Schutzsymbole setzten, verwendeten jüdische Gemeinden Lilith-Bannzettel, Schutzamulette und Segenssprüche.
Diese Praktiken könnten auf eine gemeinsame Abwehrkultur hindeuten – ein interreligiöses Schutzbündnis gegen das Unheimliche. Doch es gibt auch Hinweise darauf, dass die Dämonisierung Liliths als Chiffre für die Ausgrenzung des Jüdischen diente. In christlichen Darstellungen wurde das Dämonische häufig mit dem „Fremden“ gleichgesetzt – eine Gleichsetzung, die zur sozialen Marginalisierung jüdischer Gemeinden beitrug.
Die Elwedritsche könnte somit als kultureller Puffer fungiert haben: eine Figur, die es erlaubte, die Angst vor Lilith zu externalisieren, ohne sich mit deren jüdischer Herkunft auseinandersetzen zu müssen. Ihre Harmlosigkeit war möglicherweise nur Oberfläche – darunter lag ein verdrängter Mythos, der mit realer Ausgrenzung korrespondierte.
5. Schlussfolgerung
Die Reinterpretation der Elwedritsche als Tarnform Liliths stellt einen Fortschritt im Zugang zum Thema dar. Sie zeigt, wie tief globale Archetypen in lokalen Erzählungen verborgen sein können – und wie eng Dämonologie, Volksglaube und interreligiöse Dynamiken miteinander verwoben sind. Die Elwedritsche ist damit nicht nur ein pfälzisches Fabelwesen, sondern ein Spiegel kultureller Ängste, Transformationsprozesse und sozialer Spannungen im mittelalterlichen Rheintal.
Literaturverzeichnis
Patai, Raphael: The Hebrew Goddess. Detroit: Wayne State University Press, 1990.
Schäfer, Peter: Mirror of His Beauty: Feminine Images of God from the Bible to the Early Kabbalah. Princeton University Press, 2002.
Trachtenberg, Joshua: Jewish Magic and Superstition. Philadelphia: University of Pennsylvania Press, 1939.
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Veröffentlicht amOktober 11, 2025vonMichael Werner|Kommentare deaktiviert für Die pfälzische Elwedritsch als Nachfahrin der nächtlichen Druckdämonen Mahr, Albe, Drude und Trotterkopf (Schweiz)
Von Michael Werner
1. Einleitung
Die pfälzische Elwedritsch gilt heute als humorvolle Sagengestalt, die in Jagdbräuchen und folkloristischen Erzählungen präsent ist. Ihre Wurzeln reichen jedoch tief in den europäischen Volksglauben zurück. Sie ist nicht isoliert entstanden, sondern steht in einer Traditionslinie mit den nächtlichen Druckdämonen: Mahr, Alb, Drude und Trotterkopf. Diese Gestalten wurden über Jahrhunderte als Erklärung für Albträume, Schlafparalyse und nächtliche Beklemmung herangezogen.
2. Überblick über die historischen Vorläufer
Mahr (ahd. mara, 9. Jh.): Nachtgeist, der sich auf die Brust des Schlafenden setzt und Albträume verursacht.
Alb/Albe (ahd. alb, 11. Jh.): germanischer Elf oder Nachtgeist, Ursprung des Wortes „Albtraum“.
Drude (mhd. trute, 12.–13. Jh.): weibliches Zauberwesen, das Menschen durch nächtliche Plagen bedrängt.
Trotterkopf (Schweiz, Volksglaube): Mischwesen aus Nachtmahr und Totengeist, gegen das Bannformeln überliefert sind.
Das älteste der drei Wörter ist Mahr (ahd. mara, 9. Jh.), gefolgt von Albe (ahd. alb, 11. Jh.). Das Wort Drude taucht erst deutlich später im Mittelhochdeutschen (ca. 12.–13. Jh.) auf.
2.1 Mahr
Beleg: Althochdeutsch mara (9. Jahrhundert).
Bedeutung: Ein weiblich vorgestelltes Nachtwesen, das sich auf die Brust des Schlafenden setzt und Albträume verursacht.
Verwandt mit engl. nightmare, schwed. mara, altnord. mara.
Fazit: Sehr alte Wurzel, vermutlich indogermanisch (morā), mit Belegen schon im frühen Mittelalter.
2.2 Albe (Alb)
Beleg: Althochdeutsch alb (11. Jahrhundert).
Bedeutung: Unterirdischer Naturgeist, elbisches Wesen, verwandt mit elf im Englischen und alfr im Altnordischen.
Fazit: Etwas jünger als Mahr, aber ebenfalls tief im germanischen Volksglauben verwurzelt.
Bedeutung: Hexen- oder Zauberwesen, oft weiblich, das Menschen durch Zauber oder nächtliche Übergriffe plagt.
Herkunft: Unsicher; möglicherweise verwandt mit „truten“ = „betrügen, täuschen“.
3. Der Trotterkopf als Sonderform in der Schweiz
Beim Trotterkopf handelt es sich um eine dämonische Vorstellung im schweizerischen Volksglauben. Das Konzept vermischt die nächtlichen Druckdämonen (Mahr, Alb, Drude) mit Totengeistern – Wiedergängern, die keine Ruhe finden. Der Trotterkopf konnte als krankmachendes Wesen oder als Last auf dem Menschen verstanden werden, ähnlich wie die Mahr oder die Drude, die nachts auf die Brust drückten. In manchen Regionen wurde der Begriff auch mit Hexerei oder Besessenheit verbunden.
Alle vier Begriffe (Mahr, Alb, Drude, Trotterkopf) stehen für nächtliche Bedränger oder dämonische Kräfte.Gegen Mahr, Alb und Drude gab es Bannsprüche und Abwehrzauber (z. B. Kreuze über das Bett, Gebete, Schutzzeichen).Der Trotterkopf reiht sich hier ein: ein regionaler Ausdruck für eine ähnliche Vorstellung, mit eigenen Bannformeln. Das Schweizerisches Idiotikon verzeichnet Trotter und Trotterkopf mit Hinweisen auf Bannformeln. Im Volksglauben in der Schweiz (Sammlungen des 19. Jh.) sind Bannsprüche gegen nächtliche Dämonen und Krankheitsgeister dokumentiert.Diese sind vergleichbarmit den Bannformeln gegen Mahr und Drude, die in den Grimmschen Sammlungen und in Volkskundeliteratur überliefert sind.
Verbindung zum Nachtmahr
Der Nachtmahr (ahd. mara) ist ein dämonisches Wesen, das sich nachts auf die Brust des Schlafenden setzt und Atemnot sowie Albträume verursacht.
Der Trotterkopf übernimmt diese Funktion: er „sitzt“ auf dem Menschen, verursacht Beklemmung und wird durch Bannformeln vertrieben.
Damit ist er funktional identisch mit dem Mahr, aber regional anders benannt.
Verbindung zum Totengeist
In vielen Regionen der Schweiz galt der Trotterkopf nicht nur als Dämon, sondern auch als Seele eines Verstorbenen, die keine Ruhe findet.
Er konnte als „Toter, der zurückkehrt“ interpretiert werden – ähnlich wie andere Totengeister im Volksglauben.
Diese Vorstellung erklärt, warum gegen den TrotterkopfBannsprüche gesprochen wurden: man wollte nicht nur einen Dämon, sondern auch einen ruhelosen Toten abwehren.
Mischcharakter
Doppelrolle:
Als Nachtmahr → verursacht Albträume und nächtliche Beklemmung.
Als Totengeist → Ausdruck des Glaubens an unruhige Seelen, die die Lebenden heimsuchen.
Der Trotterkopf ist damit ein Hybridwesen, das beide Vorstellungen verbindet.
Diese Mischform ist typisch für den Volksglauben: Grenzen zwischen Dämonen, Hexenwesen und Totengeistern waren oft fließend.
Dort wird ein Bannspruch dokumentiert, der in der Ostschweiz gegen nächtliche Plagen verwendet wurde:
„Trotterkopf, fahr us, im Namen Jesu Christi, du sollst nimmer wider cho.“ (Idiotikon, Bd. XI, Sp. 1423f.)
Inhalt: Aufforderung an den Trotterkopf, den Menschen zu verlassen.
Form: Klassische Bannformel mit christlicher Anrufung.
Funktion: Schutz vor nächtlicher Beklemmung und Albträumen.
Volkskundliche Sammlung (19. Jh., Toggenburg)
Ein weiterer Spruch lautet:
„Trotterkopf, ich bann dich, dass du mir nit meh uf d’Bruscht sitzisch, im Namen vom Vater, Sohn und heiligem Geist.“ (Quelle: Sammlung Tobler, zitiert im Idiotikon, Bd. XI)
Inhalt: Dreifache Anrufung der Trinität.
Funktion: Abwehr des nächtlichen Drucks, der als Ursache für Atemnot und Angst gedeutet wurde.
Vergleich mit Mahr- und Drudenbann
Ähnliche Sprüche finden sich auch gegen die Mahr und die Drude, z. B.: „Mahr, Mahr, du sollst nit uf mir fahr, im Namen Jesu Christi.“
5.Die Albdrude als Verschmelzung von Albe und Drude
Im süddeutschen und österreichischen Raum entwickelte sich die Vorstellung der Albdrude, einer besonders gefährlichen Kombination aus Alb und Drude. Sie bedrohte insbesondere Frauen und Kinder und galt als Inbegriff des nächtlichen Druckdämons.
Die Albdrude ist eine Gestalt des süddeutschen und österreichischen Volksglaubens. Sie gilt als eine dämonische Mischfigur aus Alb (Nachtgeist) und Drude (Hexenwesen), die nachts Menschen bedrückt, Atemnot und Albträume verursacht und besonders Frauen, Kinder und Wöchnerinnen heimsucht.
Herkunft des Begriffs
Alb: germanischer Nachtgeist, der Albträume verursacht (vgl. engl. elf, nightmare).
Drude: weibliches Zauberwesen, das sich nachts auf die Brust setzt und Beklemmung auslöst.
Albdrude: Kombination beider Vorstellungen – ein besonders gefährlicher „Druckgeist“.
Erscheinung und Wirkung
Beschrieben als nächtlicher Druckgeist, der sich auf die Brust des Schlafenden setzt.
Verursacht Albträume, Atemnot, Beklemmung.
In manchen Regionen speziell gefürchtet als Bedrohung für Kinder, Schwangere und Wöchnerinnen.
Teilweise mit hexenhaften Zügen dargestellt: lange Nase, zusammengewachsene Augenbrauen, blasses Gesicht.
Regionale Verbreitung
Besonders im Schwabenland, Mittelfranken, Bayern und Österreich verbreitet.
In der Pfalz und Rheinhessen wurde die Albdrude später „verkleinert“ und in die Figur der Elwedritsch überführt – ein Beispiel für die Transformation von Schreckgestalten in harmlose Sagentiere.
Bann und Abwehr
Gegen die Albdrude wurden Bannsprüche und christliche Schutzformeln gesprochen, ähnlich wie gegen Mahr und Drude.
Typische Abwehrmaßnahmen: Kreuzzeichen über dem Bett, Gebete, Amulette.
Ziel: die Albdrude am nächtlichen „Drücken“ hindern und sie vertreiben.
Die Albdrude ist ein dämonisches Mischwesen aus Alb und Drude, das im süddeutschen und österreichischen Volksglauben als besonders gefährlicher Druckgeist galt. Sie verbindet die Eigenschaften des Albtraum verursachenden Nachtmahrs mit denen einer hexenhaften Drude und wurde durch Bannformeln und Schutzrituale abgewehrt.
6. Von der Albdrude zur Elwedritsch
Die Elwedritsch (Pfälzer Fabelwesen) ist im Vergleich zu Mahr, Alb, Drude, Trotterkopf und Albdrude eine humorisierte, verkleinerte und entschärfte Form der Albdrude. Während die Albdrude als gefährlicher nächtlicher Druckgeist galt, wurde sie in der Pfalz „verkleinert“ und in ein harmloses, vogelähnliches Sagengeschöpf verwandelt – die Elwedritsch.
Die Albdrude bedrohte nach Volksglauben besonders Kinder, Schwangere und Wöchnerinnen mit nächtlicher Beklemmung und Atemnot. Um den Schrecken zu nehmen, wurde die Figur im Pfälzer Volksglauben verkleinert und verniedlicht. Ergebnis: Die Elwedritsch, ein vogelähnliches, oft komisch dargestelltes Wesen, das man nicht mehr fürchtete, sondern „jagte“ (Elwedritsche-Jagd als Brauch). Die Elwedritsch zeigt, wie sich Volksglauben transformiert: Vom dämonischen Druckgeist (Albdrude) zum harmlosen Fabeltier (Elwedritsch). Dieser Prozess ist typisch: Schreckgestalten werden im Laufe der Zeit „verkleinert“ oder „verharmlost“ und in die Folklore integriert.
Wesen
Ursprung
Wirkung
Status im Volksglauben
Mahr
ahd. mara (9. Jh.)
Albträume, Druck auf Brust
Dämonisch
Alb
ahd. alb (11. Jh.)
Nachtgeist, Traumdämon
Dämonisch
Drude
mhd. trute (12.–13. Jh.)
Hexenwesen, nächtliche Plage
Dämonisch
Albdrude
Kombination Alb + Drude (mglw. 16. Jh. – Belege erst ab 19. Jh.)
besonders gefährlicher Druckgeist
Dämonisch
Trotterkopf
Schweiz, Volksglaube
Mischwesen Nachtmahr + Totengeist, mit Bannformeln
Dämonisch
Elwedritsch
Pfalz (ab ca. 17. Jh.)
humorisiertes Fabeltier, Jagdobjekt
Verharmloste Sagengestalt
Nach der sprachlichen Verkleinerung folgte die rituelle Verbannung: Die Elwedritsch wurde „in den Wald gejagt“, um sie aus der Gemeinschaft zu entfernen. Aus dem Bannritual entwickelte sich ein humorvoller Brauch: die Elwedritsche-Jagd, bei der man Fremde mit Sack und Laterne nachts auf die Suche schickte. Damit wurde die frühere Angstgestalt endgültig in die Folklore integriert und ihrer Bedrohlichkeit beraubt.
Die pfälzische Elwedritsch ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Transformation von Angstgestalten zu Folklorefiguren. Aus der gefürchteten Albdrude wurde durch sprachliche Verkleinerung und rituelle Verbannung ein harmloses Sagengeschöpf, das heute als Symbol pfälzischer Kultur gilt. Damit zeigt sich, wie Volksglaube über die Jahrhunderte Angst in Humor verwandelt und Dämonen in Fabelwesen transformiert.
7. Quellen:
Originalquellen und Zitate
Mahr
Grimm, Deutsches Wörterbuch (DWB): „ahd. mara, mhd. mar(e), ein weiblicher Nachtgeist, der den Schlafenden bedrückt.“ (DWB, Bd. 12, Sp. 1546f.)
DWDS – Etymologisches Wörterbuch: „ahd. mara f. (9. Jh.), mhd. mar(e) m./f., asächs. mara, engl. nightmare.“ Quelle: DWDS – Mahr
Forum OÖ Geschichte: „Die Drud ist, wie der Alb und der Mahr, ein nächtlicher Druckgeist, der böse Träume verursacht.“ Quelle: Forum OÖ Geschichte – Drud
Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache (24. Aufl., 2002) → „Drude, mhd. trute, Hexenwesen; möglicherweise verwandt mit trügen.“ Quelle: Kluge, Etymologisches Wörterbuch, S. 234.
Trotterkopf
Schweizerisches Idiotikon: „Trotterkopf, ein nächtlicher Druckgeist, halb Mahr, halb Totengeist; gegen ihn wurden Bannformeln gesprochen.“ (Idiotikon, Bd. XI, Sp. 1423f.)
Bannspruch (Ostschweiz, 19. Jh.): „Trotterkopf, fahr us, im Namen Jesu Christi, du sollst nimmer wider cho.“
Albdrude
Grimm, DWB: „Albdrude, eine besonders gefährliche Drude, die Frauen und Kinder bedrückt.“
Legende der Drude: „Die Drude stammt aus den Sippen der Maren und Alpdrücker und treibt als nächtlicher Druckgeist ihr Unwesen.“ Quelle: druden.de – Legende der Drude
Elwedritsch
Wikipedia – Elwetritsch: „Die Elwetritsch ist ein pfälzisches Fabelwesen, das als Verkleinerungsform der Albdrude gilt.“
Hiwwe wie Driwwe: „Weißt du nicht, daß böse Seelen nächtlich aus dem Leibe rücken, um den Menschen zu bedrücken…“ Quelle: Hiwwe wie Driwwe – Albdrud/Elwedritsch
Quellenliste
Grimm, Jacob & Wilhelm: Deutsches Wörterbuch, diverse Bände (Leipzig, 1854–1961).
Schweizerisches Idiotikon, Bd. XI (Zürich, 1881ff.).
DWDS – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache: Mahr.
Wikipedia: Nachtalb.
Forum OÖ Geschichte: Die Drud/Trud.
Druden.de: Legende der Drude.
Wikipedia: Elwetritsch.
Hiwwe wie Driwwe: Das wahre Wesen der Elwedritsch.
Literatur
Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24. Aufl. Berlin/New York: de Gruyter, 2002.
Grimm, Jacob & Wilhelm: Deutsches Wörterbuch. Leipzig, 1854–1961.
Schweizerisches Idiotikon: Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache. Zürich, 1881ff.
Röhrich, Lutz: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Freiburg, 1991.
Bächtold-Stäubli, Hanns: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Berlin/Leipzig, 1927–1942.
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