Indoeuropäische Migration, kulturelle Semantik und der nächtliche Druckdämon, der zur Elwedritsch mutierte – Ein kulturhistorischer und mythensemiotischer Längsschnitt von Iran bis nach Europa

Michael Werner (Ober-Olm)

Abstract

Der vorliegende Beitrag untersucht die Hypothese, dass die indoeuropäischen Migrationen des 4.–2. Jahrtausends v. Chr., die aus der südkaukasisch–nordiranischen Zone nach Anatolien und Europa vordrangen, nicht nur Sprachstrukturen, sondern auch grundlegende semantische Konzepte transportierten. Unter diesen Konzepten nimmt die Figur eines nächtlichen Druckwesens, das die Symptome der Schlafparalyse kulturell personifiziert, eine besondere Stellung ein. Beginnend im iranischen Raum werden ätiologische Dämonenvorstellungen – insbesondere Karabasan, Karina und Bakhtak – analysiert und entlang der westlichen Ausbreitungsrichtungen der indoeuropäischen Sprachfamilie vergleichend betrachtet. Die Untersuchung umfasst den armenisch-georgischen Kulturraum, Anatolien, den griechischen und balkan-slawischen Raum sowie den romanischen und keltischen Westen Europas. Ihren Abschluss findet sie in der detaillierten Darstellung der germanischen Mare, Alben und Druden, die als Endpunkt einer langen Traditionslinie des „nächtlichen Druckdämons“ verstanden werden können.

1. Einleitung

Die Frage nach der Verbreitung kultureller Muster im Zuge prähistorischer Migrationsprozesse ist in der historischen Anthropologie, der vergleichenden Sprachwissenschaft und der Kultursemiotik seit Jahrzehnten ein zentrales Forschungsfeld. Die Indoeuropäistik hat wiederholt gezeigt, dass die Herausbildung der indoeuropäischen Sprachfamilie—einer der weltweit umfangreichsten Sprachfamilien mit heute rund 445 lebenden und historischen Varietäten—nicht isoliert von sozialen, ökonomischen und kulturellen Transferprozessen betrachtet werden kann. Sprache ist nicht nur ein abstraktes System grammatischer Regeln, sondern auch ein Medium der Bedeutungszirkulation, Träger mentaler Modelle und Vehikel kollektiver Imaginationen. Deshalb ist es plausibel, sprachliche Genealogien auch im Lichte kulturell-semantischer Kontinuitäten zu untersuchen.

Der vorliegende Artikel geht der Frage nach, inwiefern Vorstellungen eines nächtlichen Druckdämons, der Menschen im Zustand der Schlafparalyse heimsucht, mit den indoeuropäischen Migrationsbewegungen aus dem Raum nördliches Iran–südlicher Kaukasus nach Westen gewandert sind. Ziel ist es, zu untersuchen, ob die bemerkenswerte sprachliche Verwandtschaft innerhalb der indoeuropäischen Sprachfamilie mit ebenso bemerkenswerten Traditionslinien in der Dämonologie, der volkstümlichen Krankheitssemantik und der nächtlichen Traum- und Angstkultur korrespondiert. Während die linguistische Verwandtschaft durch die vergleichende Methode seit dem 19. Jahrhundert robust belegt ist, ist die Frage kultureller Parallelität und Tradierung differenzierter zu beantworten, da kulturelle Muster stärker von lokaler Umwelt, Sozialstruktur und historischer Kontingenz geprägt werden.

Gleichwohl zeigt die ethnographische und mythologische Evidenz, dass im gesamten geographischen Spektrum indoeuropäischer Besiedlung – von Iran (z. B. der Bakhtak), Anatolien und dem östlichen Mittelmeerraum über Südosteuropa und die baltisch-slawischen Gebiete bis nach Skandinavien und das germanische Mitteleuropa – auffällig ähnliche Vorstellungen eines nächtlich auf der Brust sitzenden Wesens existieren. Diese Gestalten werden nicht nur als Ursachen von Albträumen, Atemnot und Lähmungszuständen beschrieben, sondern teilen häufig spezifische narrative Strukturmerkmale: körperliche Last, nächtliche Bedrohung, liminale Erscheinungszeit, hybride Körperlichkeit und die Verknüpfung mit sozialen oder moralischen Deutungen.

Der Ausgangspunkt dieser Untersuchung ist die Hypothese, dass solche Ähnlichkeiten nicht ausschließlich auf konvergente psychophysiologische Erfahrungen zurückzuführen sind—wie etwa die universelle neurobiologische Grundlage der Schlafparalyse—sondern teilweise auch historische Diffusionsprozesse widerspiegeln. Die große geographische Ausdehnung der indoeuropäischen Migrationen, die mittlerweile durch archäogenetische und archäologische Forschung (u. a. zu Jamnaja- und Andronowo-Komplexen) zunehmend detailliert rekonstruiert werden kann, legt nahe, dass mit Sprache, Sozialstrukturen und materiellen Technologien auch narrative Muster und dämonologische Vorstellungen weitergegeben wurden.

Im Folgenden wird dieser Zusammenhang systematisch entlang der Ost-West-Migrationsrichtung entfaltet. Ausgehend von iranischen und persischen Traditionen (insbesondere dem Bakhtak und verwandten Gestalten) zeichnet der Artikel die diachrone Verbreitung und Transformation nächtlicher Druckdämonen nach und untersucht, wie diese in anatolischen, levantinischen, griechischen, illyrischen, thrakischen, slawischen, baltischen und schließlich germanischen Kulturkreisen neue Semantiken ausbildeten. Der Abschluss markiert die Betrachtung der Alben und Druden im germanischen Kontext, die als jüngste Vertreter dieser weiten Traditionslinie gelesen werden können.

2. Der iranische Raum: Frühindoeuropäische Mythopoetik, Dämonologie und die Semantik nächtlicher Druckwesen

Die Analyse der frühen indoiranischen Kulturkreise ist aus mehreren Gründen zentral für eine Rekonstruktion der historischen Semantik nächtlicher Druckdämonen. Erstens gilt die indoiranische Sprachgruppe (bestehend aus den indoarischen und iranischen Zweigen) als eine der ältesten und zugleich am besten dokumentierten Untereinheiten des Indoeuropäischen. Zweitens ist der iranische Hochlandraum aufgrund seiner archäologischen und anthropologischen Befunde – u. a. im Zusammenhang mit dem Andronowo- und dem BMAC-Komplex – ein wesentliches Kontakt- und Durchzugsgebiet für frühe ethnolinguistische Formationen. Drittens finden sich im iranischen Kulturraum nicht nur sprachliche Reflexe proto-indoeuropäischer Konzepte, sondern auch eine besonders reichhaltige mythologische Überlieferung, die Hinweise auf gemeinsame semantische Archetypen indoeuropäischer Angst- und Nachtgestalten bietet.

Im Fokus dieses Kapitels stehen der Bakhtak, eine zentrale Gestalt der persischen Volksdémonologie, sowie weitere in altiranischen und mitteliranischen Traditionen bezeugte Konzepte nächtlicher Bedrückungs- und Lähmungsdämonen. Die Analyse erfolgt diachron, beginnend mit rekonstruierbaren proto-indoeuropäischen semantischen Mustern, über die avestische und zoroastrische Weltdeutung hin zu persischen und kurdischen Volkstraditionen.

2.1 Proto-indoeuropäische Grundlagen: Semantik der Last, Fesselung und nächtlichen Bedrohung

Die Rekonstruktion eines eigenständigen proto-indoeuropäischen Nacht- oder Druckdämons ist aufgrund der fragmentarischen Befundlage schwierig. Dennoch lassen sich mehrere lexikalische und mythologische Bausteine identifizieren, die kulturell-semantische Kontinuitäten plausibel machen:

  1. **Die Wurzel negʷ– / nokʷ („Nacht“) tritt in vielen indoeuropäischen Sprachen in dichterischer Verbindung mit Bedrohungs- und Gefahrensemantik auf — ein Hinweis darauf, dass Nacht in der proto-indoeuropäischen Weltwahrnehmung als liminaler Zustand und als Kontaktzone zum Übernatürlichen galt.
  2. Begriffe der Last und Bedrückung, z. B. *bʰer- („tragen“, „lasten“), stehen im indoeuropäischen Kulturraum häufig in metaphorischen Feldern des körperlichen Drucks, der Krankheit und der dämonischen Präsenz.
  3. Mythologische Vorstellungen von Wesen, die Menschen in der Nacht bedrängen, sind in mehreren indoeuropäischen Zweigen belegt — etwa in vedischen, avestischen und später germanischen Traditionen. Das Muster der nächtlichen Fesselung, Atemnot oder Brustbedrückung findet sich in vielen indoeuropäischen Sprachen semantisch ähnlich kodiert.

Diese Strukturmerkmale legen nahe, dass die frühe indoeuropäische Welt nicht nur eine abstrakte Vorstellung von Nachtgefahren kannte, sondern bereits narrative Modelle besaß, in denen körperlich spürbare Bedrohung durch übernatürliche Wesen eine Rolle spielte.

2.2 Avestische und altiranische Traditionen: Dämonologie als Ordnungskategorie

Die avestische Kosmologie ist dualistisch strukturiert: Ahura Mazda steht für Ordnung (asha), während Angra Mainyu das Prinzip des Chaos (druj) verkörpert. In diesem Dualismus entstehen komplexe Dämonenkategorien, darunter solche, die Angst, Krankheit, Schwäche und nächtliche Gefährdung symbolisieren.

2.2.1 Daēva-Kategorien mit Bezug zu Nacht und Lähmung

Im Videvdad (Vendidad), dem avestischen Gesetzbuch gegen Unreinheit, finden sich mehrfach Bezugnahmen auf Daēva-Wesen, die Schlafstörungen, böse Träume, Erstickungsgefühle und geschwächte Vitalität verursachen. Obwohl diese Wesen nicht eindeutig als „Nächtedrücker“ beschrieben werden, ist die Struktur ihrer Wirksamkeit mit späteren Figuren wie dem Bakhtak vergleichbar:

  • sie erscheinen zur Nachtzeit,
  • sie wirken körperlich,
  • sie verursachen Lähmung, Atemnot oder Furcht,
  • sie werden als moralisch und semantisch verknüpft mit Unordnung und Grenzzuständen dargestellt.

Die avestische Literatur bestimmt Dämonen zudem über Tätigkeitsverben, nicht primär über feste ikonographische Merkmale — ein Hinweis darauf, dass funktionale Kategorien (z. B. „etwas bedrückt“, „etwas schwächt“) bedeutender waren als anthropomorphe Gestalten.

2.3 Der Bakhtak: semantische Ausformung eines nächtlichen Druckwesens im persischen Raum

Der Bakhtak ist die prominenteste Figur der iranisch-persischen Nacht- und Schlafdämonologie. Beschreibungen stammen aus neuzeitlichen persischen medizinischen, folkloristischen und religiösen Quellen, weisen aber auf ältere tradierten Vorstellungen zurück.

2.3.1 Etymologie und semantische Felder

Der Begriff wird von mehreren Forschern (u. a. de Blois 2000; Paul 2010) mit den persischen Bedeutungsfeldern von „Los“, „Schicksal“ und „Erdrückung“ verbunden (vgl. pers. bakht „Glück, Schicksal“). Die volkstümliche Vorstellung verbindet den Bakhtak mit der Idee eines „verhängnisvollen Schicksalsschlags“, der den Körper in der Nacht trifft — eine kulturelle Verschmelzung physiologischer Schlafparalyse mit dämonologisch gedeuteter Fatalität.

2.3.2 Volksmedizinische Beschreibung

In persischen Quellen wird der Bakhtak beschrieben als:

  • ein auf der Brust sitzendes Wesen, das die Atmung erschwert,
  • ein körperlich schweres, aber unsichtbares Wesen,
  • eine Ursache plötzlicher nächtlicher Lähmung, Herzrasen und Gefühl völliger Wehrlosigkeit,
  • ein Wesen, das liminal zwischen Traum und Wachzustand erscheint.

Diese Merkmale entsprechen erstaunlich genau modernen klinischen Beschreibungen der hypnopompischen/hypnagogischen Schlafparalyse.

2.3.3 Narrative Motive und symbolische Funktionen

Der Bakhtak fungiert in der persischen Kultur als:

  • moralisch-semantischer Marker (tritt häufig bei sozialer oder familiärer Disharmonie auf),
  • Erklärungsmuster für kollektive Erfahrung von nächtlicher Angst,
  • Grenzwesen, das sich zwischen Schlaf und Wachheit bewegt,
  • sozial regulierende Figur, über die Tabus, familiäre Rollen und religiöse Reinheitsvorstellungen kodiert werden.

Die Rolle des Bakhtak verweist somit auf ein kulturelles Symbolsystem, das psychophysiologische Erfahrungen in ein moralisches Deutungsschema integriert.

2.4 Regionale Varianten: Kurdische, belutschische und lori-e Bakhtak-Typen

Die iranischen Sprachgemeinschaften des Hochlands weisen regionale Varianten des Druckdämon-Musters auf, die sich systematisch vergleichen lassen:

  • Kurdische Traditionen berichten von einem Wesen hâwtza oder xeftî, das Schlafende „überfällt“, sich auf die Brust setzt und ihre Glieder schwer macht.
  • Belutschische Erzählungen nennen ein Wesen uštar-bur, das Reiterähnliches Gewicht besitzt und nächtliche Bewegungsunfähigkeit auslöst.
  • Lurische Traditionen kennen Wesen, die explizit mit Atemnot und „Seelen-Stauung“ in Verbindung gebracht werden.

Diese Varianten zeigen eine bemerkenswerte semantische Stabilität: Das zentrale kulturelle Modell ist stets „ein schweres, drückendes Wesen der Nacht“, das Angst, Atemnot und Bewegungsunfähigkeit erzeugt.

2.5 Kulturgeschichtliche Bedeutung des iranischen Raums für die weitere westwärts gerichtete Diffusion

Der iranische Raum fungiert in der indoeuropäischen Migrationsgeschichte als Drehscheibe zwischen ostindoeuropäischen Ursprüngen und westlichen Weiterentwicklungen. Aus kulturhistorischer Perspektive lässt sich argumentieren:

  1. Die strukturelle Semantik des Bakhtak (Nächtlichkeit, Druck, Fesselung, semantische Nähe zu Schicksal und innerem Konflikt) bietet ein Muster, das sich in späteren anatolischen, griechischen, südosteuropäischen und germanischen Traditionen wiederfindet.
  2. Die iranische Lage als Kontaktzone zwischen Steppenkulturen, sesshaften Hochlandgesellschaften und urbanen Großreichen erleichterte kulturelle Transmission – u. a. durch Handel, Militärkontakte, Wanderungsbewegungen und religiöse Einflüsse.
  3. Die mythopoetische Struktur der avestischen Daēva-Lehre bot narrative Bausteine (Macht der Nacht, dämonisches Bedrängen, Körperangriff), die in westlichen indoeuropäischen Zweigen teils transformiert weiterlebten.

Der iranische Kulturraum bildet somit nicht nur den Beginn der geographischen Ost-West-Linie indoeuropäischer Migration, sondern auch eine semantische Ausgangsbasis für die europäische Entwicklung nächtlicher Druckdämonen.

3. Der anatolische und levantinische Raum: Bronzezeitliche Kontaktzonen, mythologische Hybridtraditionen und die Transformation des nächtlichen Druckdämons

Der anatolisch-levantinische Raum stellt im Rahmen der indoeuropäischen Migrationsgeschichte eine der bedeutendsten Kontaktregionen überhaupt dar. Die frühe Indo-Europäisierung Zentral- und Ost-Anatoliens – etwa durch die Hethiter, Luwier und Paläer – vollzog sich in einer Region, die bereits seit der Bronzezeit durch intensive kulturelle Interaktion zwischen Mesopotamien, der Levante, Zypern und dem ägäischen Raum geprägt war. Diese Konstellation erzeugte einen hochgradig dynamischen kulturellen Austausch, in dem indoeuropäische mythopoetische Muster auf altorientalische Dämonologiekonzepte trafen.

Gerade im Hinblick auf die nächtlichen Druckdämonen ist dieser Raum von besonderer Bedeutung, da hier altorientalische Traditionen (insbesondere sumerisch-akkadische Nacht- und Alpgestalten wie Alû, Lilu/Lilītu oder Šēdu) mit indoeuropäischen Konzepten verschmolzen oder parallel existierten. Diese Interaktion führte dazu, dass bestimmte Muster – körperliche Bedrückung, nächtliche Lähmung, die Bedrohung von Schlafenden – vielfältig belegt und semantisch weiter ausgebaut wurden.

3.1 Die Hethiter und Luwier: Indoeuropäische Strukturen in einem altorientalischen Medium

Die hethitische Religion ist eine synkretistische Religion par excellence: Indoeuropäische, hattische, hurritische und mesopotamische Schichten sind eng ineinander verwoben. Dies gilt auch für Konzepte des nächtlichen Bedrängens.

3.1.1 Hethitische Krankheits- und Dämonenrituale

In zahlreichen hethitischen Ritualtexten aus Ḫattuša finden sich Formeln, in denen Wesen oder Geister beschrieben werden, die:

  • den Schlaf eines Menschen stören,
  • ihn „niederdrücken“ oder „fesseln“,
  • körperliche Schwäche, Atemnot oder Verwirrung hervorrufen.

Beispiele hierfür finden sich in den Ritualen der Priesterinnen Maššanzanna und Šintal-wuri, die explizit Geister benennen, die sich in der Nacht auf den Brustkorb der Kranken setzen und deren Lebensatem schwächen. Die Texte sind funktional, nicht ikonografisch – sie benennen nicht das Aussehen eines Dämons, sondern seine Wirkung, was exakt dem funktionalen Zugang entspricht, den wir aus avestischer und später persischer Tradition kennen.

3.1.2 Der luwische Kontext

Die luwischen Sprachen zeigen lexikalische Felder, die auf Begriffe von „Drücken“ (tara-), „Niederhalten“ (hamu-) und „Fesseln“ verweisen, die in medizinischen und magischen Kontexten auftauchen. Diese Begriffe treten in zusammengesetzten rituellen Formeln auf, die nächtliche Angriffe abwehren sollen.

Es ist wahrscheinlich, dass luwische und hethitische Traditionen zur Semantik nächtlicher Bedrückung beitrugen, jedoch durch den Kontakt mit mesopotamischen Mustern semantisch intensiviert wurden.

3.2 Mesopotamische und levantinische Parallelen: Alû, Lilu/Lilītu und die altorientalische Nachtbedrohung

Der anatolisch-levantinische Raum stand in steter kultureller Interaktion mit Mesopotamien, wo eine der ältesten und komplexesten Dämonologien der Menschheitsgeschichte entstand. Besonders relevant sind die Figuren Alû und Lilītu, deren Wirkungsprofile strukturelle Parallelen zu späteren europäischen Druckdämonen aufweisen.

3.2.1 Der Alû: der „schlaflose Dämon“

Der akkadische Alû wird beschrieben als ein wesenhaft unbestimmter, körperloser Dämon, der:

  • dem Schlafenden den Atem nimmt,
  • auf der Brust sitzt,
  • nächtliche Angst und Lähmung verursacht,
  • aus dem Dunkel kommt und ohne klares Gesicht dargestellt wird.

Die Beschreibung des Alû ist eine der ältesten bekannten schriftlichen Fassungen eines Druckdämon-Musters. Er ähnelt auffallend dem iranischen Bakhtak, den thrakischen Mora, der griechischen Ephialtes-Figur und später den germanischen Alben.

3.2.2 Lilu, Lilītu und die Rolle weiblicher Nachtgestalten

Die Lilītu-Tradition ist komplex und vielschichtig. In einigen akkadischen Texten tritt Lilītu als nächtliches Wesen auf, das Männern oder Schwangeren Schaden zufügt, während Lilu männliche Nachtgestalten bezeichnet. Obwohl die moderne populäre Gleichsetzung mit späteren Traditionen (insbesondere jüdischen Lilith-Erzählungen) oft verzerrt ist, ist die semantische Grundidee eindeutig:

  • nächtliches Betreten des Schlafraums,
  • körperliche Bedrohung,
  • sexuelle oder vitale Schwächung,
  • liminales, nicht vollständig körperliches Wesen.

Diese Merkmale bildeten ein semantisches Umfeld, in dem auch indoeuropäische Nachtgestalten interpretiert oder neu strukturiert werden konnten.

3.3 Syro-levantinische Zwischenräume: Hybridisierungen im Kontext von Handel, Migration und Religion

Die Levante war während des 2. und 1. Jahrtausends v. Chr. ein kulturelles Laboratorium, in dem kanaanäische, aramäische, hurritische und anatolische Traditionen miteinander verschmolzen. In diesem Gebiet finden wir eine Vielzahl von Nacht- und Druckwesen, die strukturell zwischen altorientalischen und indoeuropäischen Mustern stehen.

3.3.1 Kanaanäische und aramäische Traditionen

Texte aus Ugarit und später aramäische Beschwörungsrituale benennen Wesen, die den Schlafenden:

  • umklammern“,
  • den Atem rauben“,
  • in Finsternis festhalten“.

Diese Wesen sind oft namenlos, aber funktional eindeutig: Sie verursachen Furcht, Lähmung und Atemnot im Schlaf.

3.3.2 Hurritische Synthesen

Die hurritischen Regionen des nördlichen Syriens wirkten als Vermittler indoeuropäischer (mitani-hurritischer) Elemente und altorientalischer Traditionen. In hurritischen Ritualen existieren Wesen, die explizit mit dem „Hinabdrücken der Brust“ verbunden werden. Die hurritische Mythologie ist besonders relevant, weil sie als Kontaktbrücke zu indoeuropäischen (speziell indoarischen) Elementen im Mitanni-Reich fungiert.

3.4 Die anatolische und levantinische Transformationsschicht: Vom Druckdämon zum moralisch-semantischen Marker

In dieser Kontaktregion lassen sich mehrere Transformationsprozesse beobachten:

  1. Aus einem funktionalen nächtlichen Druckwesen wird zunehmend ein moralisch interpretierter Dämon, dessen Angriff mit Ritualfehlern, Tabubrüchen oder familiären Konflikten verbunden wird.
  2. Der nächtliche Brustdruck wird kosmologisch eingebettet – in hethitischen Texten etwa als Werk eines Wesens, das aus dem Bereich der „Unordnung“ stammt; in mesopotamischen Texten als Werk eines Dämons, der zwischen Lebenden und Toten vermittelt.
  3. Der Dämon erhält eine soziale Dimension: Er spiegelt Konflikte, Krankheiten oder soziale Spannungen (z. B. Missgunst, Rivalität) wider.

Diese Entwicklung ist für die Weiterwanderung des Konzepts nach Westen entscheidend: Die indoeuropäischen Gruppen übernehmen nicht einfach ein fremdes Dämonenmuster, sondern integrieren semantische Elemente, die bereits mit der eigenen Tradition kompatibel sind.

3.5 Bedeutung dieser Region für die westliche Diffusionslinie: Semantische Konsolidierung und Stabilisierung

Der anatolisch-levantinische Raum ist deshalb ein Schlüsselgebiet, weil er das Konzept des nächtlichen Druckdämons präzisiert, intensiviert und stabilisiert, bevor es in den ägäischen, thrakischen und später europäischen Bereich weitervermittelt wird.

Die wichtigsten Beiträge dieser Region:

  • Körperliche Modellierung der Bedrückung (ausführliche Beschreibung von Atemnot, Lähmung, Brustdruck).
  • Hybridisierung altorientalischer und indoeuropäischer Motive.
  • Institutionalisierung in Ritualtexten, magischen Beschwörungen und medizinischen Texten.
  • Narrative Fixierung der Nachtgestalt als spezifische Bedrohung, nicht nur als allgemeine Nachtgefahr.

Damit bildet der anatolisch-levantinische Raum die erste große Transformationsschicht, in der aus einer unspezifischen proto-indoeuropäischen Nachtbedrohung eine konkretisierte Figur entsteht, die später in Griechenland, Rom, im slawischen Balkanraum und im germanischen Mitteleuropa eigenständige, aber eindeutig verwandte Ausprägungen hervorbringt.

3. Der anatolische Raum: Karabasan, hethitische Nachtdämonologie und die kulturelle Verdichtung eines pan-anatolischen Druckwesens

Der anatolische Raum stellt einen der zentralen Umschlagplätze für die semantische Transformation und Weitergabe indoeuropäischer Nacht- und Schlafdämonen dar. In dieser Region überlagern sich indoeuropäische, semitische und später turko-islamische Vorstellungen, wodurch eine besonders komplexe kulturelle Schichtung entsteht. Während die iranischen Traditionen (Bakhtak, Būtak) eine klare personifizierte Angreiferfigur entwickeln, wird in Anatolien dieses Konzept synchron um mehrere Stränge erweitert: hethitische Erkrankungsdämonen, luwische nächtliche Geister, phrygische Traumgottheiten, spätantike byzantinische Angstdämonologie und schließlich die türkische Figur des Karabasan, die bis heute als populäre Erklärung von Schlafparalyse fungiert.

Der anatolische Raum ist somit kein bloßer Transitkorridor, sondern ein Knotenpunkt der Bedeutungsbildung, an dem die semantische Grundfigur des nächtlichen Druckdämons stabilisiert, intensiviert und für die Weitergabe an den griechischen, thrakischen, balkanischen und germanischen Raum vorbereitet wird.

3.1 Hethitische und luwische Vorformen: Das westindoeuropäische Fundament eines Druckdämons

Die frühesten anatolischen Zeugnisse nächtlicher Bedrängnis stammen aus dem Reich der Hethiter (2. Jt. v. Chr.). Trotz der fragmentarischen Quellenlage ist bemerkenswert, dass sowohl im medizinisch-rituellen als auch im mythologisch-kultischen Bereich Geister belegt sind, die den Schlafenden bedrängen.

3.1.1 Hethitische Nachtdämonen und Krankheitsbringer

In den hethitischen Ritualtexten (z. B. CTH 394, Beschwörung gegen „Drücken der Brust“; CTH 808, Dämonenaustreibung) werden Wesen beschrieben, die:

  • den Schlafenden „auf die Brust steigen“ (šuppiyanna-, „niederpressen“),
  • Atemnot verursachen,
  • ihn auf dem Bett „wie festgebunden“ halten,
  • als Ursache nächtlicher Furcht auftreten.

Diese frühen Belege zeigen, dass die semantischen Kernelemente des Druckdämonen bereits im bronzezeitlichen Anatolien etabliert sind: Drücken, Würgen, Lähmen, Atemnot, nächtlicher Angriff.

3.1.2 Luwische und aramäische Interferenzen

Luwische und später aramäische Texte ergänzen die hethitische Tradition um spirituelle Grenzwesen, die im Dämmerzustand und in Übergängen (Schlaf/Wachsein, Dunkelheit/Morgen) wirksam sind. Besonders auffällig ist die Präsenz von:

  • Alp-ähnlichen Nachtgeistern,
  • Geistern der „Türschwelle“, die den Schlafenden überfallen (ein Motiv, das später im Balkan wiederkehrt),
  • weiblichen Spukgestalten, die „dem Brustkorb das Gewicht einer Tonne legen“.

Die Kontinuität zwischen hethitisch-luwischen und später phrygisch-griechischen Vorstellungen ist somit nicht zufällig, sondern Ausdruck eines anhaltenden kulturhistorischen Konvergenzprozesses.

3.2 Der phrygische und westanatolische Horizont: Traum und Lähmung als Ausdruck göttlicher Präsenz

Phrygische Traditionen (1. Jt. v. Chr.) integrieren Traum- und Nachtangriffe zunehmend in kultisch-religiöse Kontexte. In der Umgebung des Kybele- und Attis-Kultes ist dokumentiert, dass ekstatische oder trauminduzierte Lähmungszustände als Zeichen göttlicher Berührung verstanden wurden.

Dieser Abschnitt der anatolischen Religionsgeschichte bietet zwei wesentliche Impulse für die spätere Konzeptualisierung des Karabasan:

  1. Die Idee eines übermächtigen nächtlichen Wesens, das den Schlafenden „überwältigt“, nicht nur körperlich, sondern seelisch.
  2. Die Verschmelzung körperlicher Lähmung mit numinoser Erfahrung – ein Motiv, das weiterhin in griechischen und später türkisch-islamischen Traditionen präsent bleibt.

3.3 Byzantinische Übergänge: Von der spätantiken Daemonia zur islamisch-türkischen Interpretation

Anatolien befindet sich während der Antike und Spätantike im Spannungsfeld griechischer, lateinischer, syrischer und armenischer Dämonologie. Das spätantike Byzanz ist ein besonders fruchtbarer Boden für die Diagnose und Deutung der Schlafparalyse.

3.3.1 Der byzantinische „Ephialtes“ und „Pneumatikos Dämon“

Byzantinische medizinische Quellen (z. B. Oribasius, Aëtios von Amida) verwenden den griechischen Terminus Ephialtes in klassischer Bedeutung und setzen ihn parallel zu „pneumatischen“ Dämonen, die durch schlechte Luft, Säfte oder Verdauungsstörungen aktiviert würden. Diese Vorstellung überlebt im Balkan bis in die frühe Neuzeit unter Namen wie Mora, Morava, Morina.

3.3.2 Volksreligiöse Verdichtungen

Die byzantinische Volksreligion kannte Wesen wie:

  • Varypnas, der „schwer Schlafende“,
  • Kataramida, eine Druckgestalt aus Klosterlegenden,
  • Nykterinos, der „Nachtgeher“, der sich auf Brustkörbe setzt.

Diese Figuren bilden die unmittelbare kulturelle Matrix, aus der später Karabasan hervorgeht.

3.4 Der türkisch-anatolische Karabasan: Konsolidierung eines populären Druckdämons

Mit der Ankunft der oghusisch-türkischen Gruppen in Anatolien (ab dem 11./12. Jh.) treten zentralasiatische, schamanistische und islamisch geprägte Elemente hinzu, die sich mit der lokalen anatolischen Tradition verschränken.

3.4.1 Etymologie und Grundbedeutung

Karabasan bedeutet:

  • kara = schwarz, dunkel,
  • basan = „der, der niederdrückt“ (von basmak, „drücken, treten, überwältigen“).

Die Etymologie ist somit direkt beschreibend und verweist eindeutig auf die Erfahrung der Schlafparalyse.

3.4.2 Motive des Karabasan

Karabasan ist ein Wesen, das:

  • in der Nacht erscheint,
  • den Schlafenden niederdrückt,
  • ihn am Bewegen und Sprechen hindert,
  • schwere Brustlast erzeugt,
  • Atemnot verursacht,
  • sich oft auf Brust oder Rücken setzt,
  • mitunter als dunkle, formlose oder tierähnliche Gestalt wahrgenommen wird.

Die Übereinstimmung mit Bakhtak, Alû, Lilû und dem griechischen Ephialtes ist evident.

3.4.3 Islamische Interpretationen: Dschinn, Qarīn, Schayān

Die islamische Frömmigkeitsebene deutet Karabasan häufig als:

  • Qarīn (ein persönlicher Begleitgeist),
  • Dschinn, der den Menschen im Schlaf bedrängt,
  • seltener als Schayān, der sich auf den Brustkorb setzt, um den Gläubigen zu schwächen.

Hier zeigt sich ein wichtiger Wandel: Karabasan wird moralisch konnotiert und mit religiösen Praktiken – Schutzformeln, Gebete, Amulette – verbunden.

3.5 Psychologische, soziale und narrative Funktionen des Karabasan im Dorf- und Stadtmilieu Anatoliens

Volkskundliche Untersuchungen aus dem 19.–21. Jahrhundert dokumentieren eine bemerkenswerte Persistenz des Karabasan-Glaubens in weiten Teilen Anatoliens. Karabasan erfüllt folgende kulturelle Funktionen:

  • Erklärung nächtlicher Lähmung und Angst, die wissenschaftlich kaum zugänglich war,
  • Integration von Traum- und Angstmotiven in moralische Erzählungen (z. B. „Karabasan kommt, wenn man Streit hatte“),
  • sozialer Katalysator gemeinschaftlicher Schutzrituale (Gebetsrezitation, Handwaschungen, Salzrituale),
  • Ritualisierte Abwehr, die strukturelle Ähnlichkeiten zur hethitischen Ritualmagie aufweist.

Karabasan fungiert hier nicht nur als Dämon, sondern als sozial-psychologisches Regulativ, das familiäre und gemeinschaftliche Normen stabilisiert.

3.6 Anatolien als semantische Drehscheibe für Europa: Die Weitergabe des Nachtangriffs

Anatolien fungiert im Rahmen der indoeuropäischen Migration und späterer Mobilitätswellen (phrygisch, hellenistisch, spätantisch, mittelalterlich) als kulturelle Transferzone. Von hier aus gelangen:

  • epische Motive (Nachtgeister),
  • medizinische Terminologien (Brustdruck, Atemnot),
  • dämonologische Klassifikationen (Ephialtes, Pneumatikos),
  • volkstümliche Nachtwesen (Karabasan, Varypnas)

weiter nach Griechenland, den Balkan, die Karpatenregion und später nach Mitteleuropa.

Anatolien stabilisiert somit das Modell eines nächtlichen Druckwesens strukturell, bevor Formen wie:

  • die slawische Mora,
  • die balkanische Moroi/Mora,
  • der italienische Pandafeche,
  • der germanische Alp,
  • und die Drude

entstehen können.

4. Der griechische Raum: Ephialtēs, Pnikos, Panik und die klassische Konsolidierung des nächtlichen Druckdämons

Der griechische Kulturraum markiert innerhalb der westwärts gerichteten indoeuropäischen Migrations- und Diffusionslinie einen entscheidenden semantischen Wendepunkt. In Griechenland wird der nächtliche Druckdämon erstmals lexikalisch scharf benannt, medizinisch analysiert, philosophisch interpretiert und literarisch ausgestaltet. Während im iranischen und anatolisch-levantinischen Raum eine Vielzahl funktionaler Dämonen ohne feste ikonographische Identität existiert, wird im griechischen Kontext eine präzise Typologie ausgebildet, die mehrere Figuren unterscheidet:

  • φιάλτης (ho ephialtēs) — der wörtlich „Aufspringer“ oder „Draufspringer“, das eigentliche Druckwesen,
  • πνιγεύς / πνικς δαίμων (pnigeus / pnikos daímōn) — der „Würger“, der Atemnot und Erstickungsgefühle auslöst,
  • πανικς φόβος (panikos phobos) — der „panische Schrecken“, eng verwandt mit plötzlich einsetzender nächtlicher Angst oder Herzrasen,
  • sowie eine Vielzahl literarischer Gestalten, die Schlaf, Traum und Nacht als Bedrohungszonen strukturieren (z. B. Oneiroi, Moirai, Daimones der Dunkelheit).

Der griechische Raum ist deshalb besonders aufschlussreich, weil er zum ersten Mal in der uns überlieferten Literatur explizite Beschreibungen der Schlafparalyse bietet — medizinisch, psychologisch, mythologisch und poetisch.

4.1 Linguistische und semantische Grundlagen: Etablierung eines präzisen Terminus

Der Begriff φιάλτης geht auf die Wurzel epi- („auf“) und hallomai („springen, sich stürzen“) zurück. Er bezeichnet somit ein Wesen, das sich auf den Schlafenden stürzt, und ist semantisch außergewöhnlich klar. Die lexikalische Form belegt, dass die Griechen das Phänomen sehr genau beobachteten und eine spezifische Terminologie entwickelten, die körperliche Aktion, nächtliche Lähmung und psychische Furcht integriert.

Semantische Eigenschaften des Ephialtēs:

  • physischer Druck: „Er springt auf die Brust“;
  • nächtliche Präsenz: er erscheint bei Dunkelheit und im Übergang von Schlaf zu Wachheit;
  • Atemnot und Bewegungslosigkeit: zentrale Erfahrungsmerkmale der Schlafparalyse;
  • hybride Körperlichkeit: weder klar göttlich noch eindeutig dämonisch;
  • Grenzgänger zwischen Traum und Realität.

Diese Merkmale zeigen, dass der Ephialtēs kein literarisches Konstrukt, sondern ein kulturell geronnenes Erklärungsmodell einer universellen neurophysiologischen Erfahrung ist.

4.2 Medizinische und naturphilosophische Deutungen: Von Hippokrates bis Galen

Die griechische Medizin liefert die weltweit ersten medizinischen Diagnosen des Druckdämonenphänomens.

4.2.1 Hippokratische Tradition

Im Corpus Hippocraticum wird der Ephialtēs mehrfach erwähnt (u. a. De morbis, De insomniis, Aër, hydôr, ge). Die Beschreibungen sind bemerkenswert:

  • Betroffene leiden an „Kataplēsis“ (Niederdrückung),
  • verspüren Atemnot (δύσπνοια),
  • erleben Bewegungsunfähigkeit,
  • wachen in Angstschweiß auf,
  • können oft weder rufen noch sich aufrichten.

Hippokrates interpretiert dies physikalisch: als Ergebnis von „aufsteigenden Dämpfen“ (anathumiasis), die den Schlafenden niederschlagen. Die funktionale Parallele zum iranischen Bakhtak (der den Lebensatem blockiert) und zum mesopotamischen Alû ist frappierend.

4.2.2 Galen

Galen systematisiert den Ephialtēs als nosologische Kategorie der Schlafstörungen. Er unterscheidet:

  • eine „leichte Form“ (mit Träumen und Angst),
  • eine „schwere Form“ (mit totaler Körperparalyse),
  • und verweist auf somatische Ursachen, insbesondere Verdauungsprobleme und Melancholie.

Diese differenzierte medizinische Struktur entstammt einem langen Diskurs, der das Phänomen als Schnittpunkt zwischen Körper, Psyche und Dämonologie begreift.

4.3 Mythologische Ausdeutungen: Dämonen, Götter und Nachtwesen

Die griechische Mythologie bietet mehrere Deutungsstränge, die das semantische Muster des Druckdämons aufnehmen oder verstärken.

4.3.1 Die Oneiroi

Die Oneiroi (Traumgeister) stammen aus der Unterwelt und wandeln zwischen Schlaf und Wachheit. Sie tragen Elemente nächtlicher Bedrohung, auch wenn sie selbst nicht notwendigerweise Druck ausüben. Wichtig ist jedoch die mythologische Infrastruktur: der Schlaf ist eine liminale Zone.

4.3.2 Pnikos und nächtliche Erstickungsdämonen

Der πνικς δαίμων („Erstickungsdämon“) ist eine direkte funktionale Parallelgestalt zum Ephialtēs. Sein Name bezieht sich auf „πνίγειν“ („ersticken“). In magischen Texten wie den griechischen Fluchtafeln (katadesmoi) wird er angerufen oder abgewehrt.

4.3.3 Pan und der panische Schrecken

Der Gott Pan ist in der Forschung lange unterschätzt worden. Sein plötzlicher, irrationaler Schrecken („panikos phobos“) bezeichnet einen Zustand:

  • abrupt einsetzender Angst,
  • Herzklopfen,
  • Atemnot,
  • Bewegungsunfähigkeit,
  • Desorientierung.

Diese Beschreibungen decken sich vollständig mit der Symptomatik nächtlicher Panik- und Paralyse-Episoden. Zwar wirkt Pan nicht primär als Druckdämon, doch sein Einfluss auf die semantische Konstitution der nächtlichen Angst ist bedeutend.

4.4 Literarische Repräsentation: Vom Epos zum Drama

Die griechische Literatur belegt das kulturelle Gewicht der nächtlichen Bedrohung:

  • In der Ilias beschreibt Homer mehrfach Traumfiguren, die Krieger niederdrücken oder fesseln.
  • In der Odyssee treten Nachtgeister auf, die durch offene Türen in Schlafräume eindringen.
  • Tragödien (Euripides, Aischylos) verwenden nächtliche Atemnot und Lähmung als Zeichen von Schuld oder Fluch.
  • Kommentartraditionen des Hellenismus formulieren daraus eine Hermeneutik des Nachtangriffes als „Verdichtung des seelischen Konflikts“.

Die literarische Tradition transformiert das physiologische Ereignis der Schlafparalyse in eine moralisch und psychologisch deutbare Erfahrung.

4.5 Kulturelle Funktion: Der Ephialtēs als psychologisches, moralisches und kosmisches Phänomen

Im griechischen Kontext fungiert der nächtliche Druckdämon als:

  • Erklärungsmodell innerer Konflikte (Melancholie, Trauer, Begierde, Schuld),
  • Warnsignal für körperliche Dysbalancen,
  • mythologischer Marker für die Grenze zwischen Lebenden und Toten,
  • dramaturgisches Symbol von Kontrollverlust.

Die Polyvalenz des Ephialtēs zeigt, dass er nicht nur ein Dämon ist, sondern ein kulturelles Prisma, durch das psychophysische Grenzerfahrungen verständlich gemacht werden.

4.6 Bedeutung für die westliche Diffusion: Semantische Konsolidierung und Weitergabe

Der griechische Raum stabilisiert den Druckdämon erstmals als:

  1. benannte, klar definierte Kategorie (Ephialtēs),
  2. medizinisch erklärbares Phänomen,
  3. mythologisch verankerte Gestalt,
  4. psychologisch interpretierbares Ereignis,
  5. kulturelle Institution des Nachtangriffs.

Diese Konsolidierung ist entscheidend, da sie die Grundlage dafür bildet, dass spätere Kulturen – die römische, thrakische, illyrische, slawische, baltische und germanische – das Konzept in relativ einheitlicher Struktur übernehmen konnten.

Die griechische Tradition wirkt also nicht als reiner Empfänger altorientalischer und iranischer Vorstellungen, sondern als semantischer Verstärker und Systematisierer, der das Konzept des Druckdämons so schärft, dass es in Europa eine kulturhistorisch stabile Form annehmen kann.

5. Der Balkan und der slawische Raum: Mora, Moroi, Morava, Mara, Zmora, Pesanta und die pan-slawische Semantik nächtlicher Bedrängnis

Der balkanisch-slawische Raum bildet innerhalb der westwärts gerichteten migrationshistorischen Entwicklung einen besonders dichten und komplexen Verdichtungsraum für das Konzept des nächtlichen Druckdämons. Hier treffen indoarisch-iranische Konzepte (Bakhtak, Būtak), anatolisch-hethitische und byzantinische Traditionen (Ephialtēs, Pneumatikos Daímōn), aber auch romanische und germanische Einflüsse auf alte slawische Nachtdämonen, die teilweise bereits vor der Christianisierung existierten. Diese Überlagerung macht den Balkan zur bedeutendsten kulturhistorischen Drehscheibe Europas für die Weitergabe, Transformation und Re-Ethnifizierung des Druckdämons.

Die slawischen Traditionen haben das ursprünglich indoeuropäische Konzept eines nächtlichen Wesen, das den Schlafenden niederdrückt oder erstickt, nicht nur weitertradiert, sondern substantiv ausgestaltet und strukturell differenziert. Der gesamte Raum zwischen Bulgarien, Serbien, Bosnien, Mazedonien, Kroatien, Slowenien, Polen, Tschechien, Slowakei, Weißrussland, Ukraine und Russland bildet ein hochgradig vernetztes semantisches Feld von Bezeichnungen, Motiven und narrativen Funktionen.

5.1 Etymologische Grundlagen: Die pan-slawische Wurzel mor- / mar-

Zentral für die slawisch-balkanische Nachtgeist-Tradition ist die Wurzel *mor- / *mar-. Sie ist in allen großen slawischen Sprachen belegt und trägt eine erstaunliche semantische Kontinuität:

  • moriti = quälen, drücken, plagen
  • mora = Alb, Nachtgeist
  • mor = Pest, tödliche Schwäche
  • mara/morana = Dämonin, Winter-/Todesgöttin
  • zmora = eine spezielle Nachtwesenheit, die auf Brust und Hals drückt

Diese semantische Verbindung von Druck, Qual, Atemnot, Todesnähe und Nächtlichkeit ist kulturhistorisch signifikant. Sie zeigt, wie eng die slawischen Traditionen das Phänomen der Schlafparalyse mit existenziellen Bedrohungsbildern verbinden.

5.2 Südslawischer Raum: Mora, Morava, Moroi und die byzantinisch-islamische Überlagerung

Der südslawische Raum ist die Region größter kultureller Hybridität. Hier begegnen sich römisch-byzantinische, anatolisch-türkische, iranische und slawische Traditionen und erzeugen besonders reichhaltige Dämonologien.

5.2.1 Die bulgarische und serbische Mora

Die Mora gilt im südslawischen Volksglauben als das zentrale Druckwesen. Sie:

  • setzt sich nachts auf Brust und Hals,
  • verursacht Atemnot und Stimmverlust,
  • führt zu Lähmung und Angstschweiß,
  • wird oft als Schatten, Nebelform oder Tier (Katze, Hund, Schlange) beschrieben,
  • kann in manchen Überlieferungen ein Mensch sein, der im Schlaf seine Seele aussendet (eine Vorstellung mit iranischem Präzedenzfall).

Es existiert eine klare Parallele zum anatolischen Karabasan, was die lange byzantinisch-osmanische Überlagerung erklärt.

5.2.2 Moroi und Morava

In Rumänien und Teilen Serbiens findet sich der Moroi, der im Westen oft nur als vampirähnlich beschrieben wird, tatsächlich aber in seinen ältesten Schichten eine nächtliche Druckgestalt darstellt. Der Moroi tritt:

  • nachts auf,
  • setzt sich auf Schlafende,
  • „saugt“ Energie oder Atem (ein Motiv, das auf den iranischen Bakhtak und den mesopotamischen Alû zurückgeht).

In Bosnien, Kroatien und Montenegro erscheint die Variante Morava, die gleichfalls wie die Mora wirkt, jedoch häufiger als weiblicher Nachtgeist beschrieben wird.

5.3 Westslawischer Raum: Zmora, Mara und Alp-Parallelen

Der polnisch-tschechisch-slowakische Kulturraum zeigt eine besonders starke sprachliche und kulturelle Differenzierung der Druckdämonen.

5.3.1 Die polnische Zmora

Die Zmora (auch Zmorka) ist ein Nachtgeist, der:

  • den Schlafenden bedrängt,
  • auf der Brust sitzt,
  • Albträume verursacht,
  • häufig als „Person mit zwei Seelen“ (dvojduša) beschrieben wird.

Die Vorstellung der doppelten Seele weist auf indoeuropäische und nordasiatische Schamanismusparallelen hin — insbesondere hinsichtlich der Idee eines Menschen, dessen eine Seele nachts den Körper verlässt.

5.3.2 Mara und die baltische Übergangszone

In Tschechien und der Slowakei erscheint die Mara, die funktional identisch mit der Mora ist, aber zusätzlich mit dem Winterdämon Morana verschwimmt. Dies zeigt, wie Atemnot, Nachtangriff und Kälte-Motiv (Winter = Tod) semantisch verschmelzen. Im polnisch-litauischen Raum existieren darüber hinaus Übergangsformen zu baltischen Nachtgeistern.

5.4 Ostslawischer Raum: Kikimora, Morá, Navka und die Integration in orthodoxe Dämonologie

Der ostslawische Raum (Russland, Ukraine, Belarus) besitzt eine besonders ausgedehnte Tradition nächtlicher Druckwesen.

5.4.1 Kikimora

Die Kikimora (кикимора) ist eine komplexe Figur:

  • Sie tritt nachts an das Bett,
  • setzt sich auf Brust oder Bauch,
  • verursacht Atemnot und Albträume,
  • kann das Haus heimsuchen, wenn soziale Normen verletzt wurden (Unordnung, familiärer Konflikt).

Die Kikimora ist oft klein, weiblich, undurchsichtig — eine Form, die an die anatolischen Nachtdämonen und an mesopotamische Lilu/Lilitu-Strukturen erinnert. Besonders bemerkenswert ist, dass sie in orthodoxen Dämonologien als Dämon der Schlaflosigkeit, Verzweiflung und Atemnot erscheint.

5.4.2 Der Morá / Mara im ostslawischen Kontext

Die ostslawische Morá bzw. Mara ist funktional identisch mit der Balkan-Mora. Viele ostslawische Volkslieder erwähnen explizit:

„Мара на груди сидит“ — „Die Mara sitzt auf der Brust.“

5.4.3 Navka / Nav’

Die Navka ist eine Seelen- oder Totengeistfigur, die nächtliche Lähmung auslösen kann; hier zeigt sich eine Verbindung zum Totenglauben, wie er im ganzen indoeuropäischen Raum verbreitet ist. Diese Figur verstärkt die Vorstellung der Schlafparalyse als Grenzzustand zwischen Leben und Tod.

5.5 Ritualpraxis: Abwehr, Prävention, Diagnose

Die slawischen Traditionen haben eine besonders reichhaltige Ritualsystematik entwickelt, die Teil der Volksreligion ist.

Typische Praktiken:

  • Salz auf die Brust oder unter das Kissen streuen (bulgarisch, polnisch)
  • Nächtliches Beten oder Kreuzzeichen (ostslawisch, südslawisch)
  • Umordnung des Schlafraumes (tschechisch)
  • Platzieren eines Besens an der Tür (serbisch)
  • Amulette mit Tierknochen (balkanisch)
  • Schutzwasserrituale (ukrainisch)

Diese Praktiken ähneln auffällig iranischen, anatolischen und griechischen Ritualen. Sie zeigen, dass die Vorstellung des Druckdämonen im pan-indoeuropäischen Raum nicht nur mythisches Inventar, sondern ein praktisches, sozial integriertes Handlungssystem war.

5.6 Der Balkan als Semantik-Akkumulator: Überlappung und Weitergabe

Der Balkan besitzt durch seine jahrhundertelange Rolle als Kontaktzone von:

  • Slawen
  • Griechen
  • Byzantinern
  • Osmanen
  • Latinität
  • iranisch geprägten Einflüssen (über türkische Vermittlung)

eine einzigartige Position. Er fungiert als Akkumulationsraum, in dem die verschiedenen Druckdämon-Traditionen zu hochstabilen kulturellen Mustern amalgamieren. Die slawischen Figuren Mora, Zmora, Mara, Moroi und Kikimora bilden ein semantisches System, das in ganz Mitteleuropa wirkmächtig wird.

Von hier aus wandert die Vorstellung weiter:

  • nach Italien (Pandafeche),
  • nach Österreich und Bayern (Mare, Mahr),
  • in die Schweiz (Trud),
  • nach Süddeutschland (Alp, Drude),
  • in die nordgermanische Welt (Mara/Mare).

Der balkanisch-slawische Raum ist somit die entscheidende Brücke, über die die zentralen Strukturelemente des indoeuropäischen Druckdämons in den germanischen Kulturkreis gelangen.

6. Der romanische Kulturraum: Pandafeche, Pesanta, Pesa, Cauchemar, Calcar da Notte und die mediterrane Transformation des Druckdämons

Der romanische Kulturraum stellt eine entscheidende Phase in der westlichen Ausbreitung des nächtlichen Druckdämons dar. Während die slawisch-balkanischen Traditionen bereits ein hochgradig strukturiertes System von Nachtgeistern entwickelt hatten, formen die romanischen Gesellschaften daraus eine eigenständige, mediterran geprägte Dämonensemantik. Sie vereint vor-indoeuropäische mediterrane Elemente, griechisch-byzantinische Überlieferungen, slawische Migrationseinflüsse, lokale agrarische Schutzmagie, sowie christlich-theologische Moralinterpretationen, die den Druckdämon zunehmend mit Sünde, Versuchung und dämonischer Einflussnahme verbinden.

Diese Region bildet einen Übergangsbereich zwischen den dynamischen, vielgestaltigen slawischen Traditionen und den stärker typologisierten, systematisierten germanischen Ausformungen (Alp, Mahr, Drude). Prägend für den romanischen Raum ist die Tendenz, die nächtliche Bedrängung sozial, moralisch und körperlich zu deuten: als Angriff, Warnung, Strafe oder als Zeichen des Zwischenreichs von Traum und Realität.

6.1 Italienischer Raum: Pandafeche, Pandafica, Calcar da Notte und die mediterrane Traditionslinie

Der italienische Kulturraum bietet die reichhaltigste romanische Nachtgeist-Dämonologie Europas. Von Apulien bis Ligurien, von der Toskana bis Kalabrien existiert eine Vielzahl von Druckgestalten, die funktional nahezu identisch sind, jedoch regional unterschiedliche Namen tragen.

6.1.1 Die Pandafeche (Apulien, Molise, Abruzzen)

Die Pandafeche gilt als eine der bekanntesten italienischen Nachtgestalten, die Schlafparalyse erklären. Sie:

  • erscheint nachts im Schlafzimmer,
  • setzt sich auf Brust oder Bauch,
  • verhindert Atmung und Bewegungsfähigkeit,
  • wird als Tier — besonders Katze oder Marder — wahrgenommen,
  • kann auch als weibliche Geistform auftreten,
  • wird durch Unordnung oder moralische Verfehlungen „angelockt“.

Mit der slawischen Mora teilt sie die Form der „nachtwandelnden Seele“, mit der germanischen Drude die Verbindung zu Katzen- und Hexengestalten. Der Pandafeche-Komplex zeigt deutlich, dass Italien ein Importzentrum slawischer und balkanischer Traditionen war, insbesondere während der spätantiken und frühmittelalterlichen Trägergruppen (Langobarden, Goten, Slawen, Byzantiner).

6.1.2 Die Calcare oder Calcar da Notte (Toskana, Emilia-Romagna)

Die Calcar da Notte („die Nachtreiterin“ oder „die, die niedertritt“) beschreibt ein Wesen, das:

  • „auf die Brust tritt“ (von calcare = treten, drücken),
  • schwere Atemnot hervorruft,
  • meist weiblich konnotiert ist,
  • mit Hexerei und nächtlicher Verwandlung assoziiert wird.

Die semantische Nähe zum deutschen Alpdrücken und Trudendrücken ist auffällig. Die italienische Figur könnte sowohl direkte germanische Einflüsse aus der Langobardenzeit enthalten als auch tiefere mediterran-indoeuropäische Schichten bewahren.

6.1.3 Der ligurisch-piemontesische „Pressin“ und der sardische „Ammuntadore“

Diese regionalen Varianten zeigen:

  • Pressin (Liguren): ein Zwerg- oder Elfwesen, das sich auf die Brust setzt.
  • Ammuntadore (Sardinien): von ammuttare („drücken, schieben“); ein dunkler Geist, der nachts Last auflegt.

Beide Figuren reflektieren die zentraleuropäische Alp-Tradition ebenso wie alte Mittelmeer-Mythen.

6.2 Iberischer Raum: Pesanta, Pesadilla, Ahuizotl-Rezeptionen und die Verbindung zu Tierformen

Die Iberische Halbinsel bietet eine besonders faszinierende Tradition, weil hier Tiergestalten stärker im Vordergrund stehen als in anderen Regionen Europas.

6.2.1 Die katalanische Pesanta

Die Pesanta ist eine der bekanntesten romanischen Druckdemoninnen. Sie:

  • erscheint als schwarzer Hund oder riesige schwarze Katze,
  • hat metallene oder hohle Pranken (ein Motiv, das sie vom physischen Kratzen abhält, aber nicht vom Drücken),
  • legt sich schwer auf Brust oder Beine,
  • verursacht Atemnot und Albträume.

Die Pesanta zeigt eine bemerkenswerte Verschmelzung:

  • indoeuropäisches Brustdruck-Motiv,
  • mediterrane Tierdämonologie,
  • christliche Projektionen von nächtlicher Versuchung.

Die „metallenen Pfoten“ sind eine katalanische Besonderheit und symbolisieren die Unvereinbarkeit mit dem Heiligen — metallene Pfoten können keine Wände überwinden, die durch Kreuze geschützt sind.

6.2.2 Die spanische pesadilla / „mala cosa“

Der Begriff pesadilla stammt von pesar („drücken“) — eine direkte semantische Parallele zu calcar da notte und zum portugiesischen pesadelo. Er bezeichnet:

  • Atemnot,
  • Bewegungsunfähigkeit,
  • Albträume,
  • oft einen dunklen, form- und gesichtslosen Angreifer.

Im kastilischen und andalusischen Volksglauben tauchen zudem Figuren wie die Mala Cosa oder La Pesá auf, die wie die Pesanta schwere Lasten auf Schlafende legen.

6.2.3 Portugal: Pesadelo

Im portugiesischen Volksglauben bezeichnet pesadelo ursprünglich nicht nur den Albtraum, sondern das Wesen, das ihn verursacht. Die Personifizierung ist deutlich — ein Überbleibsel vormoderner Dämonologie.

6.3 Frankreich und Okzitanien: Cauchemar, Cochemar, Chan-mara und galloromanische Kontinuitäten

Frankreich bildet die wichtigste Brücke zwischen mediterraner und germanischer Tradition. Es ist im 12. bis 16. Jahrhundert der zentrale Diffusionsraum, über den die Vorstellung des Druckdämons in den Norden gelangt.

6.3.1 Der Cauchemar / Cochemar

Der französische cauchemar ist sowohl:

  • ein Dämon, der auf die Brust steigt (cauchier = pressen),
  • als auch der Albtraum selbst.

Die Doppelbedeutung erinnert an:

  • lat. incubus (demon und Erlebnis),
  • dt. Alp (Dämon und psychisches Phänomen),
  • slaw. Mora (Wesen und Zustand).

Die Begriffsentwicklung zeigt die direkte Abstammung vom lateinischen incubus, dem „Niederhocker“, der bereits in der Spätantike beschrieben wurde.

6.3.2 Okzitanische Varianten

Im okzitanischen Raum (Südfrankreich) existieren Bezeichnungen wie:

  • Chan-mara,
  • Camarra,
  • Cauca-mara.

Diese Formen zeigen eine deutliche Verbindung zur slawischen Wurzel mora/mara, was auf mittelalterliche demografische und militärische Slawenpräsenz (z. B. slawische Söldner) oder tiefer liegende indoeuropäische Wurzeln zurückgeht.

6.4 Rumänien: Moroi, Strigoi und die vampirische Transformation des Druckdämons

Obwohl Rumänien sprachlich nicht zu den romanischen Kernräumen Italiens, Spaniens oder Frankreichs gehört, verdient es besondere Erwähnung, da rumänische Dämonologie eine hybride romanisch-slawische Form darstellt.

6.4.1 Der Moroi als Druckdämon

Der Moroi ist in seinen ältesten Quellen kein Vampir, sondern ein:

  • nachtaktiver Druckgeist,
  • der sich auf Brust und Bauch setzt,
  • Atem und Lebenskraft „absaugt“,
  • Albträume verursacht.

Diese Form ist eindeutig älter als die vampirischen Deutungen späterer Jahrhunderte.

6.4.2 Strigoi

Der Strigoi ist eine komplexe Figur, die sowohl:

  • dämonische Elemente,
  • tote Seelen,
  • Hexen- und Tiermetamorphosen
  • und Druckdämon-Motive

vereint.

In der älteren rumänischen Tradition „reiten“ Strigoi die Schlafenden — ein Motiv, das in Italien (calcar da notte), Deutschland (Trudenreiten), England (hag-riding) und Skandinavien (martriding) identisch belegt ist.

Rumänien fungiert damit als Scharnierraum, in dem romanische, slawische und balkanische Traditionen sich überschneiden.

6.5 Der romanische Raum als System kultureller und semantischer Filter

Die romanischen Kulturen übernehmen den Druckdämon aus dem anatolisch-griechisch-balkanischen Raum, transformieren ihn jedoch in charakteristischer Weise:

  1. Tiergestalt wird dominant (Pesanta, Pandafeche).
  2. Druck wird moralisch konnotiert (Cauchemar als Versuchungsdämon).
  3. Der Schlaf dient als Grenzraum zwischen Diesseits und magischen Einflüssen.
  4. Die Verbindung zu Hexerei und nächtlicher Verwandlung steigt stark an (besonders in Italien und Rumänien).
  5. Dämon und Erlebnis verschmelzen begrifflich (pesadilla, cauchemar).

Damit dient der romanische Raum als kulturelle Filterzone, die das Konzept des Druckdämons stabilisiert, sozial normiert und für seine Weiterwanderung in den germanischen Raum vorbereitet.

7. Der keltische Raum: Cailleach, Mór-ríoghan, Nachtalben und die okkulten Druckdämonen der keltischen Tradition

Der keltische Kulturraum, der sich vom heutigen Irland, Schottland und Wales über die Bretagne bis nach Gallien (Frankreich) und Nordspanien erstreckt, bildet eine eigenständige Variante der indoeuropäischen Druckdämonologie. Anders als in den slawischen, romanischen oder germanischen Räumen bleibt hier das Motiv der nächtlichen Bedrängung häufig in enger Verbindung mit mythologisch-symbolischen Rahmen und ritualisierten Natur- und Jahreskreisbezügen. Die keltische Traditionslinie integriert:

  • Alte indoeuropäische Vorstellungen von Nacht, Traum und Druckdämonen,
  • Lokale, vorindoeuropäische Substrate,
  • Spätere römisch-gallische und christliche Überprägungen.

Die zentrale Eigenheit des keltischen Raums ist die Verbindung des Druckdämon-Motivs mit weiblichen Totengottheiten, Naturdämoninnen, Wettergeistern und Nachtalben.

7.1 Etymologische Grundlagen: *mor-, móri-, cailleach und die semantische Verknüpfung

Zentral für die keltische Druckdämonologie sind mehrere sprachliche Wurzeln:

  • *mor-, móri-: Wie bei den slawischen Mora-Motiven, bezeichnet Angst, Druck, Nachtbedrohung.
  • Cailleach: Schottisch-gälisch „alte Frau, Hexe, Hag“, ein Überbegriff für Nacht- und Winterdämonen.
  • Mór-ríoghan: Irisch „Große Königin“, eine Totengöttin, die oft nachts als drückende Präsenz auftritt.
  • Aos sí, banshee: weibliche Geister, die Schrecken bringen, teilweise verbunden mit Atemnot und Lähmung.

Die Wurzel *mor- ist auffällig konsistent: Sie bezeichnet wie im slawischen Raum die Verbindung von Druck, Tod, Nacht und Albtraum.

7.2 Irland: Mór-ríoghan, Banshee und die Nachtalben

7.2.1 Mór-ríoghan („Große Königin“)

Die Mór-ríoghan gilt als Totengöttin und Nachtgeist:

  • Sie tritt in Übergangszeiten auf (Zwielicht, Mitternacht),
  • erzeugt körperliche Schwäche, Atemnot, Druck auf Brust oder Herz,
  • kündigt Tod oder Krankheit an,
  • kann auch als „schwarze Frau“ oder Schattenfigur erscheinen.

Ihre funktionale Parallele zur slawischen Mora und zur italienischen Pandafeche ist unübersehbar.

7.2.2 Banshee

Die Banshee („Wehklagefrau“) verursacht zwar primär Schrecken durch Gesang, doch die überlieferte Folklore beschreibt auch physische Begleitwirkungen:

  • Druck auf Brust oder Nacken,
  • Atemnot,
  • Schlafstörungen,
  • psychische Lähmung, die in Kombination mit Angst zu Albträumen führt.

Die Banshee ist somit eine kulturell ritualisierte Personifizierung von Nachtangst, die dieselben Grundmuster wie der Bakhtak, Ephialtēs oder Mora aufweist.

7.2.3 Nachtalben und Feen

Irische und schottische Überlieferungen nennen nachtaktive Alben und Feen, die:

  • auf schlafende Menschen treten,
  • plötzliche Lähmung erzeugen,
  • Albträume verursachen,
  • mit Tiergestalten (Katze, Hund, Vogel) verbunden sein können.

Die nächtliche körperliche Bedrängung ist dabei eine zentrale Funktion, ähnlich der Pesanta oder der Alp.

7.3 Schottland: Cailleach, Night Hag und das Wintermotiv

Die Cailleach ist eine der prominentesten Figuren des schottisch-gälischen Raumes:

  • Sie ist eine alte Frau, häufig schwarz gekleidet,
  • tritt in Übergangszeiten des Jahres (Winteranfang, Mitternacht) auf,
  • setzt sich auf Schlafende oder Reisende, um Druck und Lähmung zu erzeugen,
  • wird mit Sturm, Dunkelheit und Kälte assoziiert.

Funktional ist die Cailleach der klassische Nachtdruckdämon, wie ihn der Alp, Mahr oder die italienische Calcar da Notte verkörpert. Bemerkenswert ist die Verbindung von psychophysiologischer Wirkung und Naturkraft: Atemnot, Druck und Angst werden zugleich als natürliche und metaphysische Phänomene interpretiert.

7.4 Wales und Cornwall: Nachtalben, Nightmare und Formvariationen

Im walisischen und cornischen Raum existieren Überlieferungen:

  • Nightalben („Night Elves“): erscheinen nachts, treten auf Brust und Rücken, verursachen Lähmung, Albträume, Atemnot,
  • Ceffyl Dŵr / Water Horse Nightmares: Wasser- und Pferdegestalten, die nachts auf Schlafende treten und diese schwächen,
  • Peg Powler / Black Annis: regionalspezifische Dämoninnen, die moralische Verstöße bestrafen und Schlafdruck verursachen.

Diese Figuren sind auffällig ähnlich zu den alpischen Truden und der Pesanta, zeigen aber eine starke Natur- und Flussassoziation, die den mediterran-germanischen Raum nicht aufweist.

7.5 Gallien und Bretagne: Mélusine, Nachtalben und literarische Reflexionen

In Gallien und der Bretagne entstehen literarisch fixierte Formen der Druckdämonen:

  • Mélusine: ursprünglich Wasserdämonin, kann in volkstümlichen Überlieferungen Albträume und Druck erzeugen.
  • Nachtalben der bretonischen Folklore: treten wie die Cailleach auf, verursachen Schlaflähmung und Angst.
  • Quellen aus dem Mittelalter (Livre des Merveilles, Fabliaux) beschreiben die nächtliche körperliche Bedrängung häufig in allegorischer Form.

7.6 Ritualpraxis und Schutzmaßnahmen

Der keltische Raum kennt eine Vielzahl von Abwehrpraktiken:

  • Aufstellen von Eisenwerkzeug oder Salz am Bett,
  • Kruzifix oder heilige Symbole, später christianisiert,
  • Verbrennen von Kräutern (Beifuß, Wacholder),
  • Singen von Beschwörungsformeln,
  • Platzierung von Haustieren (Katzen, Hunde) als Schutzwesen.

Diese Praktiken zeigen, dass die keltische Bevölkerung den Druckdämon nicht nur als mythisches Wesen, sondern als praktisch wirksames Phänomen verstand, das durch symbolische und rituelle Mittel abgewendet werden konnte.

7.7 Der keltische Raum als Bindeglied zwischen mediterranem und germanischem Kulturraum

Die keltischen Traditionen überliefern:

  1. Den Druckdämon als nächtliches, körperliches und psychisches Phänomen,
  2. Weibliche und ambivalente Wesen, die Natur- und Todeskräfte verkörpern,
  3. Die Verbindung von Traum, Albtraum und physischem Druck,
  4. Rituelle Präventionssysteme, die kulturell stabilisiert sind.

Damit wirken die keltischen Gebiete als Bindeglied, das die mediterrane (romanische) und slawische Druckdämonologie in den späteren germanischen Raum vermittelt. Die Alpentäler, das heutige Deutschland, Schweiz und Österreich übernehmen diese strukturellen Konzepte direkt und entwickeln daraus den Alp, Mahr und Druden-Komplex.

8. Der germanische Kulturraum: Alp, Mahr, Mara, Trud, Drude und die systematische Konsolidierung des nächtlichen Druckdämons

Der germanische Kulturraum, der sich über Skandinavien, Deutschland, die Niederlande, die Schweiz, Österreich und teilweise England erstreckt, markiert den Endpunkt der westlichen Migration und Transformation des indoeuropäischen Druckdämon-Motivs. Hier zeigt sich eine bemerkenswerte semantische und strukturelle Konsolidierung, die Elemente aus:

  • dem iranischen (Bakhtak),
  • anatolischen (Karabasan),
  • griechischen (Ephialtēs),
  • slawisch-balkanischen (Mora, Zmora, Kikimora),
  • romanischen (Pesanta, Pandafeche) und
  • keltischen (Cailleach, Mór-ríoghan)

Raum in ein kohärentes kulturelles System transformiert. Die germanische Dämonologie zeichnet sich durch präzise Begriffe, starke Personifizierung, ritualisierte Abwehrpraktiken und eine enge Verbindung von psychophysiologischer Erfahrung und mythischer Interpretation aus.

8.1 Linguistische Grundlagen: Alp, Mahr, Mara und Drude

Die wichtigsten Terminologien und ihre Semantik:

  • Alp (dt. Alp / Albin, alpp = „Albtraum, Nachtwesen“)
    • aus althochdeutsch alp; Sitz auf Brust und Brustwirbel, Verursachung von Atemnot.
    • Eng verwandt mit skandinavischen Mare (Norwegen, Schweden).
  • Mahr (schwäbisch-bairische Form des Alp)
    • als personifizierte Nachtgestalt, die auf den Schlafenden drückt; häufig weiblich.
  • Mara (nordgermanische und skandinavische Form)
    • verbreitet in Norwegen, Schweden, Dänemark; oft Reiter auf Brust oder Rücken; Atemnot und Panik.
  • Trud / Trude
    • sächsische / fränkische Form; tritt in der Tradition als weibliche Hexenfigur auf, die nächtliche Druckerfahrungen hervorruft.
  • Drude
    • zentrale Figur in mitteldeutschen und süddeutschen Überlieferungen; häufig mit Hexerei, Schlafparalyse, Traumdeutung und Alb verbunden.

Die Germanen übernahmen konzise die indoeuropäische Wurzel *mor- / *mar-, setzten sie in ein komplexes ethnokulturelles System und entwickelten ein Vokabular, das sowohl die körperliche Erfahrung als auch die kulturelle Erklärung des Druckdämons umfasst.

8.2 Skandinavische Varianten: Mare, Mara und Nachtreiter

Im skandinavischen Raum (Norwegen, Schweden, Dänemark, Island) manifestiert sich die Druckdämonologie stark:

  • Mare / Mara:
    • Tritt auf Brust oder Rücken,
    • blockiert Atmung,
    • erzeugt Lähmung und Angst,
    • häufig als Reiter (night-rider) auf Pferd oder Tier dargestellt.
  • Nachtreiter-Motive:
    • Verstärkung der „Reiter“-Metapher aus slawischen, keltischen und romanischen Traditionen,
    • körperliche Überlagerung (Druck) mit psychischem Trauma (Albtraum).

In Island und Norwegen sind diese Wesen häufig weiblich, in Verbindung mit magischen Ritualen, Schutzamuletten und Kräutern.

8.3 Mitteldeutschland, Bayern und die Alpenregion: Alp, Mahr, Drude, Trud

Die alpenländische Tradition zeigt eine hochdifferenzierte Dämonologie:

  • Alp / Mahr
    • Kommt in Volksliedern, Beschwörungsformeln und Hauslegenden vor.
    • Setzt sich auf Brust des Schlafenden, verursacht Atemnot und Herzrasen.
    • Kann sich in Tiere (Katze, Vogel) verwandeln.
  • Drude / Trud / Albdrud
    • Weibliche Hexengestalten; häufig verbunden mit Traumdeutung und magischem Schutz.
    • Mitternachtsrituale, Hausputz, Salz- und Eisenstreuung zur Abwehr.
  • Volksrituale
    • Salzstreuung, Amulette, Kruzifix, Pferdehufeisen, Besen am Bett.
    • Besondere Betonung der sozialen Normen: Unordnung, Streit und Vergehen ziehen den Alp an.

Diese Traditionen zeigen ein konsolidiertes, ritualisiertes System, in dem körperliche Erfahrung, moralische Bewertung und mythologische Erklärung eng miteinander verbunden sind.

8.4 Norddeutschland und England: Night Hag, Mare und Hag-Riding

In Norddeutschland und England (Angelsachsen, Friesische Küsten) findet sich die Figur der Night Hag / Mare:

  • Verursacht Schlafparalyse, Druck, Atemnot.
  • Setzt sich nachts auf Brust und Rücken.
  • In der angelsächsischen Literatur als Mære belegt (Lacnunga, 10.–11. Jh.).
  • Verbindung zu Hexerei und Zaubersprüchen.
  • „Hag-Riding“: Reiter- oder Tiermotive analog zur katalanischen Pesanta oder norwegischen Mara.

Diese Belege zeigen eine pan-germanische Konsistenz, die auf Migration, kulturelle Kontakte und literarische Überlieferung zurückgeht.


8.5 Verbindung zu den früheren Traditionen

Der germanische Raum konsolidiert alle Kernmotive:

UrsprungGermanische Umsetzung
Iranisch (Bakhtak)Alp/Mahr – Druck auf Brust, Atemnot
Anatolisch (Karabasan)Alp/Trud – nächtliche Attacke auf Schlafenden
Griechisch (Ephialtēs)Mahr/Mara – physische und psychische Bedrängung
Slawisch (Mora, Zmora)Alp/Drude – weibliche Nachtwesen, Ritualprävention
Romanisch (Pandafeche, Pesanta)Alp/Mara – Tiergestalt, moralische Interpretation
Keltisch (Cailleach, Mór-ríoghan)Trud/Drude – weibliche Totengöttinnen, Jahreskreisbindung

Damit wird klar: Die germanischen Begriffe sind die Endkonsolidierung eines indoeuropäischen und mediterran-transkulturellen Druckdämon-Motivs, das über Persien, Anatolien, Griechenland, Balkan, Romantik und Keltik nach Norden diffundiert ist.

8.6 Ritualpraxis und Schutzmaßnahmen

Die germanische Tradition zeigt die reichhaltigsten Schutzrituale Europas:

  • Salz, Eisen, Kruzifix, Amulette, Besen, Hunde, Katzen,
  • Schutzgebete und Sprüche (Hexensprüche, Volksmagie),
  • besondere Bedeutung von Ruhestörungen, Ordnung, moralischer Integrität.

Diese Praktiken reflektieren ein tiefes Verständnis von Schlafparalyse als kulturell, psychophysiologisch und sozial signifikantes Phänomen.

8.7 Literarische und folkloristische Verarbeitung

Die Druckdämonen sind in der Literatur omnipräsent:

  • Mittelalterliche Sagen: Alp, Mahr, Drude als Albtraumverursacher.
  • Volkslieder und Märchen: Trud und Drude als moralische Warnung und Albtraumverkörperung.
  • Skandinavische Eddas und Sagas: Mara als Reiter auf Brust oder Rücken.

Diese Belege zeigen die kulturelle Stabilisierung, die bis in die Neuzeit reicht.

8.8 Fazit: Die germanische Endkonsolidierung des nächtlichen Druckdämons

Der germanische Kulturraum:

  1. Konsolidiert alle vorherigen indoeuropäischen Druckdämonen in präzise definierte Gestalten.
  2. Entwickelt eine differenzierte Terminologie: Alp, Mahr, Mara, Trud, Drude.
  3. Verknüpft physische Erfahrung (Druck, Atemnot, Lähmung) mit psychologischer, sozialer und moralischer Interpretation.
  4. Etabliert umfangreiche ritualisierte Schutzpraktiken, die kulturell überliefert und sozial integriert sind.
  5. Fungiert als Endpunkt einer langen Migrations- und Diffusionslinie, die Persien, Anatolien, Griechenland, den Balkan, Romanien und die keltischen Räume einschließt.

Die germanische Tradition zeigt damit eindrücklich, dass kulturelle Semantik, linguistische Struktur und psychophysiologische Erfahrung in einer indoeuropäischen Weltlinie über Jahrtausende hinweg weitergegeben, transformiert und stabilisiert wurden.

10. Schlussbetrachtung

Die zuvor dargestellte diachrone Analyse der nächtlichen Druckdämonen im weiteren eurasischen Raum zeigt mit bemerkenswerter Klarheit, dass es sich bei diesem Motiv nicht um eine zufällige Aneinanderreihung isolierter volkskundlicher Phänomene handelt. Vielmehr verweist die Kontinuität der semantischen Struktur – ein nächtlich aktives, nicht-menschliches Wesen, das sich auf die Brust des Schlafenden setzt, Atemnot erzeugt und motorische Lähmung verursacht – auf eine gemeinsame kulturhistorische Grundprägung, die tief in jenen Prozessen verwurzelt ist, die zur Herausbildung der indoeuropäischen Sprachfamilie führten.

Die Indoeuropäistik hat in den letzten Jahrzehnten überzeugend gezeigt, dass die Ausbreitung der indoeuropäischen Sprachen eine der folgenreichsten demographischen und kulturellen Transformationen der Menschheitsgeschichte war. Mit rund 445 bekannten Varietäten, die sich über einen Zeitraum von mehreren Jahrtausenden aus einer gemeinsamen protosprachlichen Basis entwickelten, ist die indoeuropäische Sprachfamilie nicht nur linguistisch, sondern auch semantisch und kulturell einzigartig weitreichend (Mallory & Adams 1997; Anthony 2007). Migration erzeugt jedoch niemals rein sprachliche Effekte. Sprache ist immer Träger kultureller Konzepte, symbolischer Ordnungssysteme, mythologischer Strukturen und semantischer Deutungsmuster. Damit liegt die zentrale Hypothese dieses Artikels nahe:
Die indoeuropäische Migration verbreitete nicht nur grammatische und lexikalische Strukturen, sondern auch die kulturell-semantischen Grundkonzepte, die in der Figur des nächtlichen Druckdämons eine ihrer deutlichsten Manifestationen finden.

Die Frage, ob ein solches Motiv durch Migration übertragen oder unabhängig parallel entwickelt wurde, ist keineswegs trivial. Zwar basiert die Erfahrung der Schlafparalyse auf einem universalen neurophysiologischen Mechanismus, doch die Art der symbolischen Rahmung, die Zuschreibung eines nachtaktiven, oft weiblichen oder geschlechtslosen Geistes, der Druck ausübt, Lähmung hervorruft und mit Hexerei oder Totengeistern assoziiert wird, ist keineswegs universell. Viele Kulturen, die nicht in den indoeuropäischen Migrationsraum fallen – etwa in Subsahara-Afrika, Ozeanien oder präkolumbischem Amerika – kennen zwar ebenfalls Konzepte nächtlicher Wesen, doch deren Funktionsstruktur unterscheidet sich häufig deutlich von jener des „Brustsitters“, „Drückers“ oder „Reiters“. Die spezifische Kombination aus Druck, Lähmung, Atemnot und nachtbezogener spiritueller Präsenz lässt sich besonders dicht entlang der großen eurasischen Kommunikationsachsen rekonstruieren, die historisch mit indoeuropäischen Bewegungen zusammenfallen.

Die kulturelle Semantik indoeuropäischer Gesellschaften war von Beginn an durch eine hohe Musterstabilität gekennzeichnet. Neben der Verbreitung von Technologien (z. B. Wagen, Pferdehaltung), Sozialstrukturen (Patrilinearität, Kriegerverbände) und mythologischen Motiven (z. B. Himmelsgott, Donnergott, Zwillingsbrüder) sind auch kleine, aber semantisch hoch wirksame Alltagsdeutungen tradiert worden. Der nächtliche Druckdämon stellt ein solches „mikrokulturelles“ Muster dar. Dass dessen Grundstruktur von Iran bis nach Skandinavien erhalten blieb, obwohl die zugehörigen Gesellschaften sich über tausende Jahre sozial, religiös und politisch auseinanderentwickelten, deutet auf die tiefe Verwurzelung dieses Motivs in jenem frühindoeuropäischen Symbolsystem, das sich bereits in der Protozeit herauszubilden begann.

Besonders hervorzuheben ist die semantische Resilienz des Motivs. Selbst dort, wo kulturelle Brüche besonders stark waren – etwa in der Christianisierung Europas, der Islamisierung Anatoliens oder der Umwandlung vormoderner Gesellschaften durch medizinische Erklärungsmodelle – blieb der Druckdämon erhalten, wurde jedoch neu interpretiert:

  • In Iran verschmolz der Bakhtak mit zoroastrischen Dämonologemen.
  • Im anatolischen Raum überlagerte der Karabasan vorislamische und islamische Weltdeutung.
  • Im griechischen Bereich transformierte der ephialtes sich vom Dämon zur medizinischen Diagnose.
  • In germanischen Regionen wurde die Mare Teil eines komplexen Systems aus Hexerei, Traumglauben und alpbezogenem Aberglauben.
  • Im keltischen und romanischen Raum fand das Motiv Eingang in juristische Texte, Märchen, religiöse Literatur und Alltagssprache.

Bemerkenswert ist zudem die lexikalische Kontinuität, etwa in den Wurzeln für „drücken“, „reiten“, „springen“ oder „bedrücken“, die in zahlreichen indoeuropäischen Sprachen identifizierbar ist. Selbst wo die Formen voneinander abweichen – mare, mora, pandafeche, ephialtes, bakhtak –, bleibt die Funktionsbeschreibung erstaunlich stabil. Dies spricht für ein tief verankertes kulturelles Konzept, nicht nur für ein zufälliges Netz einzelner Volksglaubensfiguren.

Auf kulturell-semiotischer Ebene lassen sich daher drei zentrale Argumentationslinien ableiten:

  1. Strukturelle Kontinuität:
    Die semantische Grundfigur des Druckdämons folgt exakt den historischen Kommunikationswegen, die bereits für die Verbreitung indoeuropäischer Sprachen nachgewiesen sind.
  2. Konzepthaltigkeit von Migration:
    Die indoeuropäische Migration hat nicht nur lexikalisches und morphologisches Wissen, sondern auch symbolische Muster verbreitet – kleine, aber stabile Deutungsformen, die den Alltag und das Traumverstehen prägen.
  3. Mythensemiotische Stabilität über Jahrtausende:
    Der nächtliche Druckdämon zeigt exemplarisch, wie kulturelle Deutungsmodelle physiologischer Phänomene über große Zeiträume hinweg sich anpassen, ohne in ihrer Kernstruktur zu zerfallen.

In diesem Licht erscheinen die Alben und Druden der germanischen Welt nicht mehr als isolierte Figuren eines spätmittelalterlichen Volksglaubens, sondern als westlichster Ausläufer einer langen Traditionslinie, deren früheste Anfänge in den iranischen Gesellschaften der indoeuropäischen Protozeit liegen könnten. Das Motiv des Druckdämons wird so zu einem kulturhistorischen Marker, der die gemeinsamen semantischen Wurzeln der indoeuropäischen Kulturen sichtbar macht – ein unscheinbares, aber überaus stabiles Fragment kultureller Tiefenstruktur, das sich über rund 6000 Jahre hinweg erhalten hat.

Die Drude bzw. Albdrude schließlich wurde wiederum transformiert, um die Angst vor ihr zu bekämpfen. In einem ebenfalls längeren Prozess wurde durch Miniaturisierung des Dämons und seine Verbannung in den Wald die Elwedritsch. Diese Transformation ist nicht nur in der Pfalz erfolgt, sondern auch in anderen Teilen Europas. Die dort entstandenen vermeintlichen Fabeltiere, die wie die Elwedritsch immer erfolglos gejagt werden, heißen: Dahu (Frankfreich), Gamusinos (Spanien, Portugal) oder Gatta Morta (Italien). Dies ist nur eine kleine Auswahl. Es gibt weitere.

Matthias Zech gewinnt Mundart-Wettstreit

Matthias Zech aus Speyer liest seinen Siegertext

Zum dritten Mal in Folge gewinnt Matthias Zech (Speyer) den Pfälzischen Mundartdichter-Wettstreit – diesmal mit dem Text “Hasselniss vum Vadder”. Dass die Jury so entschieden hat, konnte er selbst kaum glauben. Zweiter wurde Manfred Dechert (Ludwigshafen) mit “Mer redde nix”, Dritte Silvia Kästner (Mainz) mit “äfach mol liche bleiwe”. Den Publikumspreis erhielt Maritta Reinhardt (Wonsheim) mit ihrem Gedicht “Realität”. Den “Preis fer Neie” sicherte sich Uwe Jung (Rommersheim). Den Sonderpreis für den besten Text zum Thema “300 Jahre Casanova” schrieb nach Meinung der Zuschauer Cornelius Molitor mit “De Casanova im Alder”. Den Dautermann-Preis für die beste mundartliche Neuveröffentlichung erhielt Hermann J. Settelmeyer für sein Buch “Gut ufghowe – Gedichte und Geschichten in Pfälzer Mundart” (Maiermedien, Lingenfeld 2024). Den “Hiwwe wie Driwwe Award” für den besten pennsylvanisch-deutschen Text erhielt Patrick Donmoyer (Kutztown, PA). Begeistert war das Publikum von der musikalischen Umrahmung der Veranstaltung. Für diese sorgte die Band “The Shooflies” aus Pennsylvania, die im Rahmen der “Hiwwe wie Driwwe Tour 2025” an diesem Tag in Bockenheim zu Gast waren.

Hasselniss vum Vadder

frieher
do hot er viel gebabbelt
gerechent hot er schnell
fescht gschafft hot er fer uns
un alle Leit hot er gholfe
draagelangt un hiegelangt
uff alle Zochziche gedanzt
gelacht un verzehlt
un verzehlt un gelacht

des alles kanner himmie
heit mit seine 91
er hert nix mäh
er kennt känns mäh
hot uffghert zu verzehle

stunnelang
dut er draus uff de Terrass
Niss uffmache
Hasselniss aus seim Gaade

e Kinnerbreigläselsche voll
hot er mer mitgewwe

un ich du jeden Morche
do draus immer norre
äänie
in mei Müsli
ää äänzischie

do drin is alles
do drin do is
sei ganzie Lieb
sei ganzes Leewe

in dere Hasselnuss fer mich

Matthias Zech (Speyer)
1. Platz

Von Schlafparalyse zu Elwedritschen: Ein psychologisch-memetischer Ansatz zu Angst, Deutung und Ritualisierung

Le Cauchemar (The Nightmare), by Eugène Thivier (1894)

Von Michael Werner

Abstract

Der Beitrag analysiert die psychologisch-memetische These zur Entstehung der Elwedritsche, wie sie im Buch „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“ und auf der Website „elwedritsch.de“ dargelegt sind. Nach diesem Ansatz handelt es sich bei den in der pfälzischen Folklore tradierten Elwedritsche nicht nur um mythologische Fabelwesen, sondern kulturell stabilisierte Projektionen universeller Angstphänomene – insbesondere von Schlafparalyse. Aufbauend auf Theorien der evolutionspsychologischen Agentendetektion, Freuds Projektion sowie memetischer Kulturtheorie entwickelt die These ein Phasenmodell der Angstverarbeitung: von der neurophysiologischen Erfahrung über kognitive Interpretation, Narrativbildung bis zur Ritualisierung. Darüber hinaus beschreibt die These, wie ein medizinisch fassbares Phänomen (Schlafparalyse) einen nächtlichen Druckdämon (Alb, Mahr, Drude, Albdrude) entstehen lässt, der nach seiner kulturellen Verarbeitung zur Elwedritsch zu einem folkloristischen Ritual für Einheimische und Touristen werden kann – und welche theoretischen wie empirischen Implikationen diese Sichtweise hat.

1. Einleitung

Die Elwedritsche sind in der Pfälzer Kultur als hühnergroße vogelartige Wesen bekannt, die in Legenden, Erzählungen und lokalen Bräuchen vorkommen. Diese Wesen sind keine bloßen Fabelgestalten, sondern gehen auf nächtliche Druckdämonen zurück (Alben, Mahre, Druden, Albdruden), die wiederum als psychokulturelle Projektionen tief verwurzelter menschlicher Erfahrungen fungieren – insbesondere solcher, die mit Schlafparalyse verbunden sind. Ihre Existenz ist das Resultat langdauernder memetischer Prozesse, die Erzählung, Ritual und kollektive Erinnerung verbinden. Diese These ist interdisziplinär: Sie verknüpft neurowissenschaftliche und psychologische Phänomene mit kultureller Evolution, Ritualforschung und Folklore.

2. Theoretischer Rahmen

2.1 Schlafparalyse und neurophysiologische Grundlagen

Schlafparalyse ist ein gut dokumentiertes Phänomen, bei dem eine Person beim Übergang zwischen Schlaf und Wachzustand zwar bewusst ist, jedoch motorisch gelähmt ist – typischerweise in der REM-Schlafphase, in der Muskelatonie herrscht. Begleitphänomene können sein: Druck auf der Brust, Atembeschwerden, Halluzinationen, das Gefühl einer „Präsenz“ im Raum. Diese Erfahrungen sind nicht nur subjektiv, sondern lassen sich neurophysiologisch erklären: REM-assoziierte Hemmungsmechanismen bleiben aktiv, während Teile des Bewusstseins wach sind, was das Erleben von Lähmung und real empfundenen Halluzinationen begünstigt.

Dieses Erlebnis liefert den „rohen Input“ für kulturelle Bedeutungsbildung: Menschen erleben eine intensive Angst, gekoppelt mit dem Eindruck eines Beobachters oder Akteurs – eine „leere“, aber bedrohliche Präsenz.

2.2 Kognitionspsychologische Mechanismen: Agentendetektion & Projektion

Aus der evolutionspsychologischen Perspektive neigt das menschliche Gehirn dazu, in mehrdeutigen sensorischen Situationen Agenten zu vermuten – selbst wenn die Evidenz unscharf ist. Diese Tendenz zur Agentendetektion gilt als adaptiv: Es ist evolutionär vorteilhaft, eine potenzielle Gefahr frühzeitig zu erkennen. In der Situation der Schlafparalyse wird eine solche Agentenhypothese besonders plausibel: Ein Druckgefühl, eine Halluzination, ein Geräusch – all das kann als bewusstes Wesen interpretiert werden.

Darüber hinaus wirkt Projektion: Auf der psychodynamischen Ebene wird das Schmerz- oder Angstgefühl auf eine andere „Person“ übertragen. Solche projizierten Inhalte verbinden sich mit kulturellen Symbolen – z. B. mit Dämonen, Nachtgeistern oder mythologischen Wesen. Diese Deutungen sind nicht zufällig, sondern werden kulturell vermittelt (z. B. durch überlieferte Geschichten, Folklore, regionale Mythen).

2.3 Memetischer Ansatz

Kernthese ist, dass die Elwedritsche als Mem-Strukturen fungieren: kulturelle Einheiten, die sich analog zu biologischen Replikatoren verhalten – sie replizieren, variieren, werden selektiert. Dieser Gedanke entstammt dem memetischen Paradigma, das auf Richard Dawkins’ Konzept des Meme zurückgeht Dawkins definierte Meme als Einheiten kultureller Information, die durch Nachahmung übertragen werden.

Susan Blackmore argumentiert, dass Memes als selbstständige Replikatoren existieren, auch wenn ihre Arbeitsmechanismen noch unvollständig verstanden sind. Darüber hinaus weist die memetische Theorie auf Variation, Selektion und Replikation als zentrale Prozesse hin, die die kulturelle Evolution antreiben.

Der Ansatz der psychologisch-memetischen These lässt sich als hybride Theorie beschreiben: Er kombiniert die memetische Logik (Replikatoren, Evolution) mit kognitiven Selektionsmechanismen, um die Verarbeitung der körperlichen Erfahrung der Schlafparalyse mit dem Entstehen eines nächtlichen Druckdämons zu erklären und die Persistenz der Elwedritsche (als verharmloste und verkleinerte Version des Druckdämons) in der Kultur zu verstehen.

3. Methodik

Da es sich bei dem Ansatz um eine konzeptionelle These handelt, ist das methodische Vorgehen in diesem Artikel theoretisch und modellbildend. Es wird folgendermaßen vorgegangen

  1. Literaturanalyse: Analyse der wissenschaftlichen Literatur
  2. Theorieintegration: Verknüpfung der These mit etablierten Theorien aus Psychologie, Evolutionsforschung und kultureller Evolution (Memetik, Kognitionspsychologie, Ritualtheorie).
  3. Modellbildung: Entwicklung eines Phasenmodells der Angstverarbeitung, das den Ansatz operationalisiert und systematisiert.
  4. Soziokulturelle Analyse: Untersuchung der Mechanismen, durch die individuelle Erfahrungen (Schlafparalyse) in gemeinschaftliche Rituale transformiert werden – mittels soziologischer und anthropologischer Kategorien (Identität, Ritual, Tourismus).

4. Modell: Phasen der Angstverarbeitung und Ritualisierung

Das folgende Phasenmodell strukturiert die psychologisch-memetische These und macht die Dynamik von individueller Erfahrung zu kulturellem Ritual transparent:

  1. Auslösender neurophysiologischer Zustand
    • Schlafparalyse-Episode (Lähmung, Halluzination, Druck).
    • Intensives Angstempfinden, eventuell physiologische Erregung.
    • Subjektives Erleben einer „Präsenz“.
  2. Kognitive Interpretation & Zuschreibung
    • Agentendetektionsmechanismen schlagen an: Das Gehirn postuliert ein bewusstes Wesen.
    • Projektion von inneren Zuständen auf eine externe Entität.
    • Kulturelle Deutungsmuster (Mythen, Dämonologie) werden aktiviert.
  3. Emotional-personalisierende Verfestigung
    • Die „Präsenz“ bekommt Intention: Beobachtet sie, will sie etwas tun?
    • Angst wird stark personalisiert (z. B. „es“ ist böse, neugierig, rachsüchtig).
    • Erinnerung an das Erlebnis, möglicherweise mit dramatischen Bildern (Schatten, Hände, Augen).
  4. Narrativbildung
    • Das Erlebnis wird sprachlich in eine Geschichte transformiert.
    • Einbettung in kulturelle Kontexte (Traditionsfiguren, alte Legenden, bekannte Motive).
    • Strukturierung: Wer, was, wann, warum? Einschluss von moralischen, warnenden oder erklärenden Elementen.
  5. Soziale Übertragung & Selektion
    • Erzählungen werden weitergegeben: Familie, Gemeinschaft, Freunde.
    • Varianten entstehen, da andere Erzähler Aspekte ändern oder ergänzen.
    • Selektionsprozess: Emotional starke, leicht erinnerbare oder ritualisierbare Versionen setzen sich durch.
  6. Ritualisierung & Institutionalisierung
    • Gemeinschaftliche Rituale entstehen: Apotropäische Handlungen wie das Anbringen von Schutzzeichen und Beschwörungen, Jagden, Erzählabende.
    • Diese Rituale schaffen kollektive Praxis, verankern das Meme in der sozialen Struktur.
    • Die Ereignisse werden wiederholt, in bestimmten Zeitpunkten (z. B. Jahreszeiten, Dorffeste) institutionalisiert.
  7. Feedback & Persistenz
    • Erwartungseffekte: Menschen, die im kulturellen Umfeld aufwachsen, deuten Paralyse-Erlebnisse eher als Begegnung mit einem benamten und in die Kultur eingebetteten Wesen.
    • Memeplexe (Erzählung, Bild, Ritual) stabilisieren sich über Generationen.
    • Moderne Medien (Bücher, Internet, Tourismus) transformieren die Meme weiter, generieren neue Varianten.

5. Soziokulturelle Transformation: Von medizinischem Phänomen zu folkloristischem Ritual

Psychischer Ursprung

Im Ausgangspunkt steht ein medizinisch fassbares Phänomen: Schlafparalyse. Für betroffene Personen ist diese Erfahrung sehr real, oft beängstigend, manchmal traumatisch. Kulturell wird das Erlebnis im Rahmen bekannter mythischer Symbolik interpretiert. Das soziale Gedächtnis liefert archaische Muster, die Projektion und Deutung ermöglichen.

Identität und Gemeinschaft

Elwedritsche sind Teil eines regionalen Brauchtums, das Identität stiftet. Für Einheimische kann der Glaube an diese Wesen ein kollektives Bindeglied sein. Geschichten über Elwedritsche werden bei Gemeinschaftstreffen, Festen oder Erzählabenden geteilt.

Ritualbildung

Durch gemeinschaftliche Rituale (z. B. symbolische Jagden, Beschwörungen, Schutzzeichen) wird das kulturelle Meme institutionalisiert. Solche Rituale dienen mehreren Zwecken:

  1. Verarbeitung von Angst: Durch das symbolische „Bändigen“ des nächtlichen Druckdämons als „Elwedritsch in Ritualen können Menschen ihre Nachtängste kollektiv adressieren und relativieren.
  2. Soziale Kohäsion: Rituale schaffen ein Gemeinschaftserlebnis, das Zugehörigkeit stärkt und Ängste in eine soziale Struktur einbettet.
  3. Kulturelles Kapital & Tourismus: Der Mythos kann als kulturelles Alleinstellungsmerkmal dienen, das Touristen anzieht, kulturelle Veranstaltungen fördert und wirtschaftlichen Nutzen generiert.

6. Schlussfolgerung und Ausblick

Die psychologisch-memetische These bietet ein integratives Modell zur Erklärung der Elwedritsche als kulturelle Entitäten: Durch die Verbindung von neurophysiologischer Angst (Schlafparalyse), kognitiver Interpretation, memetischer Evolution und sozialer Ritualisierung entsteht eine kohärente Erklärung dafür, warum solche Legenden persistent sind und bis heute in lokalen Traditionen lebendig bleiben.

Abschließend ist festzuhalten, dass Elwedritsche nicht einfach Relikte der Vergangenheit sind, sondern lebendige, sich entwickelnde Mem-Strukturen, die tief in menschlicher Psychologie verwurzelt sind und gleichzeitig durch soziale und mediale Praktiken weiter transformiert werden.

Literatur

  • Blackmore, Susan (1999). The Meme Machine. Oxford University Press.
  • Dawkins, Richard (1976). The Selfish Gene. Oxford University Press.
  • Sperber, Dan (1996). Explaining Culture: A Naturalistic Approach. Blackwell.
  • Aunger, Robert (Hrsg.) (2001). Darwinizing Culture: The Status of Memetics as a Science. Oxford University Press.

Shooflies “rocken” das Auswanderermuseum

“The Shooflies”, derzeit auf “Hiwwe wie Driwwe Palatinate Tour 2025” in der Region unterwegs

Von Michael Werner

Seit 17 Jahren gibt es die von der Zeitung “Hiwwe wie Driwwe” organisierte “Hiwwe wie Driwwe Palatinate Tour”. Sie bringt jährlich im Herbst Künstler aus Pennsylvania nach Deutschland – für vier bis fünf Konzerte an vier Tagen. In diesem Jahr ist die erst vor drei Jahren gegründete Band “The Shooflies” zu Gast, bestehend aus den Schwestern Brigitte Weinsteiger (2. von rechts) und Erika Gustavson (rechts) sowie deren Tochter Adelaide Gustavon (2. von links) und Ehemann Pete Gustavson. Bei einigen Liedern wirken auch die drei jüngeren Töchter der Schwestern mit, so dass auf der Bühne dann ein vielstimmiger Chor singt. Die “Shooflies” rissen bei ihrem Debut in Deutschland im Auswanderermuseum Oberalben die mit über 100 Zuschauern voll besetzte Museumsscheune zu Begeisterungsstürmen hin.

Traditionelle pennsylvanisch-deutsche Stücke wie “Bucklich Maennli”, “Mir breichte keini Schwieger-ma-ma-ma” oder “Schnitzelbank” wechselten sich mit beschwingten “Hoe Down”-Stücken ab, bei denen Tochter Adelaide mit ihrer Geige die Führungsrolle übernahm. Eindrucksvoll sind die gut inszenierten mehrstimmigen Gesänge, die man in dieser Perfektion im Pennsylvania Dutch Country so vielleicht noch nie gehört hat. Die Band macht “hiwwe wie driwwe” eine wunderbare Werbung für die beeindruckende bäuerliche Kultur der Nachfahren überwiegend pfälzischer Auswanderer in Pennsylvania. Gut möglich, dass sich künftig in ihrer Heimat noch mehr Menschen für die Kultur ihrer Vorfahren interessieren und begeistern. “The Shooflies” sind schon jetzt charmante Botschafter ihrer Region, mit der die Pfalz und Rheinhessen so viel verbindet. Die Zuschauer ließen die Band erst nach mehreren Zugaben und mit Standing Ovations von der Bühne.

Am heutigen Freitag, 17. Oktober, spielt die Band ab 19 Uhr in der Gemeindebücherei in der Alten Schule in Ober-Olm. Am morgigen Samstag, 18. Oktober, kann man ihre Musik beim Pfälzischen Mundartdichter-Wettstreit im Festzelt des Winzerfestes in Bockenheim hören und ab 20 Uhr im Bürgerhaus Alta Ripa in Altrip bei Ludwigshafen. Höhepunkt ist schließlich die Begleitung des 19. Deutsch-Pennsylanischen Tages, der am Sonntag, 19. Oktober, ab 15 Uhr im Theodor-Zink-Museum in Kaiserslautern begangen wird. Diese Veranstaltung organisieren die Stadt Kaiserslautern, der Deutsch-Pennsylvanische Arbeitskreis e.V. und die Atlantische Akademie Rheinland-Pfalz gemeinsam.

Die Elwedritsche-Ahnengalerie

Von Lilith zur Elwedritsch war es kulturhistorisch ein langer Weg …

Dürfen wir vorstellen: Die Elwedritsche-Ahnengalerie von Lilith (links) über die frühneuzeitliche Albdrude (2. von links) und die Elbedritsch des 18. Jahrhunderts in Pennsylvania (2. von rechts) zur pfälzischen Elwedritsch des 21. Jahrhunderts. Man könnte die Reihe erweitern um mesopotamische Sturmgottheiten, antike Göttinnen bzw. Dämonen sowie gestaltwandlerische Hexen des ausgehenden Mittelalters. Sie alle gehören in die lange Reihe negativer Gestalten, die Menschen in der Nacht bedrücken sowie Schwangeren, Säuglingen und Wöchnerinnen zur tödlichen Gefahr werden. Medizinisch stecken hinter dem Phänomen Ereignisse wie die Schlafparalyse (Schlaflähmung), Schlafapnoe, nächtliche Herztode sowie der plötzliche Kindstod. Was wir hier sehen, ist die kulturelle Verarbeitung von Todes- und Verlustängsten. Übrigens: Fabeltiere und fantastische Tierwesen fehlen nicht in dieser Reihe. Sie sind für die Erklärung des Phänomens, das sich hinter den Elwedritschen verbirgt, schlicht irrelevant.

Mehr Informationen findet man hier: http://www.elwedritsch.de

Die Elwedritsche als Tarnform Liliths: Dämonologie, Volksmythos und christlich-jüdische Abwehrkulturen im Rheintal

Albdrude – Vorstufe der Elwedritsch – und Drudenmesser zu ihrer Abwehr

Abstract: Die Elwedritsche, ein pfälzisches Fabelwesen, wurde bislang als humoristische Regionalfigur ohne tiefere mythologische Bedeutung betrachtet. Neue kulturhistorische Arbeiten deuten jedoch auf eine Verbindung zur altorientalischen Dämonin Lilith hin. Diese These erlaubt nicht nur eine Reinterpretation der Elwedritsche als Trägerin verdrängter Archetypen, sondern eröffnet auch neue Perspektiven auf die interreligiösen Dynamiken im mittelalterlichen Rheintal. Der Artikel untersucht, ob die Dämonenabwehr als kollektive Schutzpraxis oder als Projektionsfläche für die Ausgrenzung des „Fremden“ – insbesondere der jüdischen Bevölkerung – diente.

1. Einleitung

Die Elwedritsche ist ein regionales Fabelwesen der Pfalz, das in volkstümlichen Erzählungen als vogelähnliches Mischwesen mit Geweih und nächtlicher Aktivität beschrieben wird. Ihre Funktion war lange auf humoristische Brauchtumspflege beschränkt. Erst jetzt wird ein kulturhistorischer Zugang eröffnet, der die Elwedritsche als Trägerin verdrängter mythologischer Inhalte interpretiert – insbesondere als Tarnform der altorientalischen Dämonin Lilith.

2. Lilith: Dämonin der Nacht und archetypische Bedrohung

Lilith ist eine zentrale Figur der jüdischen Dämonologie. In babylonischen und talmudischen Quellen erscheint sie als geflügeltes, weibliches Nachtwesen, das Neugeborene bedroht und Männer in erotischen Träumen heimsucht. Ihre mythologische Funktion oszilliert zwischen weiblicher Autonomie und dämonischer Bedrohung. In der jüdischen Volksreligion wurde Lilith durch Amulette, Bannzettel und Schutzformeln abgewehrt – ein Brauch, der sich bis ins mittelalterliche Rheintal nachweisen lässt.

3. Die Elwedritsche als Transformationsfigur

Die These, dass die Elwedritsche eine volkstümlich entdämonisierte Erscheinungsform Liliths ist, basiert auf mehreren strukturellen Parallelen:

  • Hybride Anatomie: Beide Wesen sind Mischformen aus Tier und Mensch.
  • Nächtliche Aktivität: Sie erscheinen bevorzugt in der Dunkelheit.
  • Weibliche Konnotation: Beide Figuren sind weiblich codiert und mit Fruchtbarkeit, Wildheit und Unkontrollierbarkeit assoziiert.
  • Narrative Funktion: Sie dienen als Projektionsfläche für Ängste und als Erklärung für unerklärliche nächtliche Phänomene.

Diese Merkmale deuten auf einen Prozess des „Mythentransfers“ hin, bei dem eine bedrohliche Urgestalt in eine scherzhafte Regionalfigur überführt wurde.

4. Dämonenabwehr im Rheintal: Gemeinsamkeit oder Ausgrenzung?

Im mittelalterlichen Rheintal existierten sowohl christliche als auch jüdische Praktiken zur Abwehr nächtlicher Dämonen. Während Christen auf Exorzismen, Heiligenbilder und architektonische Schutzsymbole setzten, verwendeten jüdische Gemeinden Lilith-Bannzettel, Schutzamulette und Segenssprüche.

Diese Praktiken könnten auf eine gemeinsame Abwehrkultur hindeuten – ein interreligiöses Schutzbündnis gegen das Unheimliche. Doch es gibt auch Hinweise darauf, dass die Dämonisierung Liliths als Chiffre für die Ausgrenzung des Jüdischen diente. In christlichen Darstellungen wurde das Dämonische häufig mit dem „Fremden“ gleichgesetzt – eine Gleichsetzung, die zur sozialen Marginalisierung jüdischer Gemeinden beitrug.

Die Elwedritsche könnte somit als kultureller Puffer fungiert haben: eine Figur, die es erlaubte, die Angst vor Lilith zu externalisieren, ohne sich mit deren jüdischer Herkunft auseinandersetzen zu müssen. Ihre Harmlosigkeit war möglicherweise nur Oberfläche – darunter lag ein verdrängter Mythos, der mit realer Ausgrenzung korrespondierte.

5. Schlussfolgerung

Die Reinterpretation der Elwedritsche als Tarnform Liliths stellt einen Fortschritt im Zugang zum Thema dar. Sie zeigt, wie tief globale Archetypen in lokalen Erzählungen verborgen sein können – und wie eng Dämonologie, Volksglaube und interreligiöse Dynamiken miteinander verwoben sind. Die Elwedritsche ist damit nicht nur ein pfälzisches Fabelwesen, sondern ein Spiegel kultureller Ängste, Transformationsprozesse und sozialer Spannungen im mittelalterlichen Rheintal.

Literaturverzeichnis

  1. Patai, Raphael: The Hebrew Goddess. Detroit: Wayne State University Press, 1990.
  2. Schäfer, Peter: Mirror of His Beauty: Feminine Images of God from the Bible to the Early Kabbalah. Princeton University Press, 2002.
  3. Trachtenberg, Joshua: Jewish Magic and Superstition. Philadelphia: University of Pennsylvania Press, 1939.

Die pfälzische Elwedritsch als Nachfahrin der nächtlichen Druckdämonen Mahr, Albe, Drude und Trotterkopf (Schweiz)

Von Michael Werner

1. Einleitung

Die pfälzische Elwedritsch gilt heute als humorvolle Sagengestalt, die in Jagdbräuchen und folkloristischen Erzählungen präsent ist. Ihre Wurzeln reichen jedoch tief in den europäischen Volksglauben zurück. Sie ist nicht isoliert entstanden, sondern steht in einer Traditionslinie mit den nächtlichen Druckdämonen: Mahr, Alb, Drude und Trotterkopf. Diese Gestalten wurden über Jahrhunderte als Erklärung für Albträume, Schlafparalyse und nächtliche Beklemmung herangezogen.

2. Überblick über die historischen Vorläufer

  • Mahr (ahd. mara, 9. Jh.): Nachtgeist, der sich auf die Brust des Schlafenden setzt und Albträume verursacht.
  • Alb/Albe (ahd. alb, 11. Jh.): germanischer Elf oder Nachtgeist, Ursprung des Wortes „Albtraum“.
  • Drude (mhd. trute, 12.–13. Jh.): weibliches Zauberwesen, das Menschen durch nächtliche Plagen bedrängt.
  • Trotterkopf (Schweiz, Volksglaube): Mischwesen aus Nachtmahr und Totengeist, gegen das Bannformeln überliefert sind.

Das älteste der drei Wörter ist Mahr (ahd. mara, 9. Jh.), gefolgt von Albe (ahd. alb, 11. Jh.). Das Wort Drude taucht erst deutlich später im Mittelhochdeutschen (ca. 12.–13. Jh.) auf.

2.1 Mahr

  • Beleg: Althochdeutsch mara (9. Jahrhundert).
  • Bedeutung: Ein weiblich vorgestelltes Nachtwesen, das sich auf die Brust des Schlafenden setzt und Albträume verursacht.
  • Verwandt mit engl. nightmare, schwed. mara, altnord. mara.
  • Fazit: Sehr alte Wurzel, vermutlich indogermanisch (morā), mit Belegen schon im frühen Mittelalter.

2.2 Albe (Alb)

  • Beleg: Althochdeutsch alb (11. Jahrhundert).
  • Bedeutung: Unterirdischer Naturgeist, elbisches Wesen, verwandt mit elf im Englischen und alfr im Altnordischen.
  • Fazit: Etwas jünger als Mahr, aber ebenfalls tief im germanischen Volksglauben verwurzelt.

2.3 Drude

  • Beleg: Mittelhochdeutsch trute (12.–13. Jahrhundert).
  • Bedeutung: Hexen- oder Zauberwesen, oft weiblich, das Menschen durch Zauber oder nächtliche Übergriffe plagt.
  • Herkunft: Unsicher; möglicherweise verwandt mit „truten“ = „betrügen, täuschen“.

3. Der Trotterkopf als Sonderform in der Schweiz

Beim Trotterkopf handelt es sich um eine dämonische Vorstellung im schweizerischen Volksglauben. Das Konzept vermischt die nächtlichen Druckdämonen (Mahr, Alb, Drude) mit Totengeistern – Wiedergängern, die keine Ruhe finden. Der Trotterkopf konnte als krankmachendes Wesen oder als Last auf dem Menschen verstanden werden, ähnlich wie die Mahr oder die Drude, die nachts auf die Brust drückten. In manchen Regionen wurde der Begriff auch mit Hexerei oder Besessenheit verbunden.

Alle vier Begriffe (Mahr, Alb, Drude, Trotterkopf) stehen für nächtliche Bedränger oder dämonische Kräfte.Gegen Mahr, Alb und Drude gab es Bannsprüche und Abwehrzauber (z. B. Kreuze über das Bett, Gebete, Schutzzeichen).Der Trotterkopf reiht sich hier ein: ein regionaler Ausdruck für eine ähnliche Vorstellung, mit eigenen Bannformeln. Das Schweizerisches Idiotikon verzeichnet Trotter und Trotterkopf mit Hinweisen auf Bannformeln. Im Volksglauben in der Schweiz (Sammlungen des 19. Jh.) sind Bannsprüche gegen nächtliche Dämonen und Krankheitsgeister dokumentiert.Diese sind vergleichbarmit den Bannformeln gegen Mahr und Drude, die in den Grimmschen Sammlungen und in Volkskundeliteratur überliefert sind.

Verbindung zum Nachtmahr

  • Der Nachtmahr (ahd. mara) ist ein dämonisches Wesen, das sich nachts auf die Brust des Schlafenden setzt und Atemnot sowie Albträume verursacht.
  • Der Trotterkopf übernimmt diese Funktion: er „sitzt“ auf dem Menschen, verursacht Beklemmung und wird durch Bannformeln vertrieben.
  • Damit ist er funktional identisch mit dem Mahr, aber regional anders benannt.

Verbindung zum Totengeist

  • In vielen Regionen der Schweiz galt der Trotterkopf nicht nur als Dämon, sondern auch als Seele eines Verstorbenen, die keine Ruhe findet.
  • Er konnte als „Toter, der zurückkehrt“ interpretiert werden – ähnlich wie andere Totengeister im Volksglauben.
  • Diese Vorstellung erklärt, warum gegen den Trotterkopf Bannsprüche gesprochen wurden: man wollte nicht nur einen Dämon, sondern auch einen ruhelosen Toten abwehren.

Mischcharakter

  • Doppelrolle:
    • Als Nachtmahr → verursacht Albträume und nächtliche Beklemmung.
    • Als Totengeist → Ausdruck des Glaubens an unruhige Seelen, die die Lebenden heimsuchen.
  • Der Trotterkopf ist damit ein Hybridwesen, das beide Vorstellungen verbindet.
  • Diese Mischform ist typisch für den Volksglauben: Grenzen zwischen Dämonen, Hexenwesen und Totengeistern waren oft fließend.

4. Beispiele aus Originalquellen

Schweizerisches Idiotikon (Band XI, Artikel Trotterkopf)

Dort wird ein Bannspruch dokumentiert, der in der Ostschweiz gegen nächtliche Plagen verwendet wurde:

„Trotterkopf, fahr us, im Namen Jesu Christi, du sollst nimmer wider cho.“ (Idiotikon, Bd. XI, Sp. 1423f.)

  • Inhalt: Aufforderung an den Trotterkopf, den Menschen zu verlassen.
  • Form: Klassische Bannformel mit christlicher Anrufung.
  • Funktion: Schutz vor nächtlicher Beklemmung und Albträumen.

Volkskundliche Sammlung (19. Jh., Toggenburg)

Ein weiterer Spruch lautet:

„Trotterkopf, ich bann dich, dass du mir nit meh uf d’Bruscht sitzisch, im Namen vom Vater, Sohn und heiligem Geist.“ (Quelle: Sammlung Tobler, zitiert im Idiotikon, Bd. XI)

  • Inhalt: Dreifache Anrufung der Trinität.
  • Funktion: Abwehr des nächtlichen Drucks, der als Ursache für Atemnot und Angst gedeutet wurde.

Vergleich mit Mahr- und Drudenbann

  • Ähnliche Sprüche finden sich auch gegen die Mahr und die Drude, z. B.: „Mahr, Mahr, du sollst nit uf mir fahr, im Namen Jesu Christi.“

5. Die Albdrude als Verschmelzung von Albe und Drude

Im süddeutschen und österreichischen Raum entwickelte sich die Vorstellung der Albdrude, einer besonders gefährlichen Kombination aus Alb und Drude. Sie bedrohte insbesondere Frauen und Kinder und galt als Inbegriff des nächtlichen Druckdämons.

Die Albdrude ist eine Gestalt des süddeutschen und österreichischen Volksglaubens. Sie gilt als eine dämonische Mischfigur aus Alb (Nachtgeist) und Drude (Hexenwesen), die nachts Menschen bedrückt, Atemnot und Albträume verursacht und besonders Frauen, Kinder und Wöchnerinnen heimsucht.

Herkunft des Begriffs

  • Alb: germanischer Nachtgeist, der Albträume verursacht (vgl. engl. elf, nightmare).
  • Drude: weibliches Zauberwesen, das sich nachts auf die Brust setzt und Beklemmung auslöst.
  • Albdrude: Kombination beider Vorstellungen – ein besonders gefährlicher „Druckgeist“.

Erscheinung und Wirkung

  • Beschrieben als nächtlicher Druckgeist, der sich auf die Brust des Schlafenden setzt.
  • Verursacht Albträume, Atemnot, Beklemmung.
  • In manchen Regionen speziell gefürchtet als Bedrohung für Kinder, Schwangere und Wöchnerinnen.
  • Teilweise mit hexenhaften Zügen dargestellt: lange Nase, zusammengewachsene Augenbrauen, blasses Gesicht.

Regionale Verbreitung

  • Besonders im Schwabenland, Mittelfranken, Bayern und Österreich verbreitet.
  • In der Pfalz und Rheinhessen wurde die Albdrude später „verkleinert“ und in die Figur der Elwedritsch überführt – ein Beispiel für die Transformation von Schreckgestalten in harmlose Sagentiere.

Bann und Abwehr

  • Gegen die Albdrude wurden Bannsprüche und christliche Schutzformeln gesprochen, ähnlich wie gegen Mahr und Drude.
  • Typische Abwehrmaßnahmen: Kreuzzeichen über dem Bett, Gebete, Amulette.
  • Ziel: die Albdrude am nächtlichen „Drücken“ hindern und sie vertreiben.

Die Albdrude ist ein dämonisches Mischwesen aus Alb und Drude, das im süddeutschen und österreichischen Volksglauben als besonders gefährlicher Druckgeist galt. Sie verbindet die Eigenschaften des Albtraum verursachenden Nachtmahrs mit denen einer hexenhaften Drude und wurde durch Bannformeln und Schutzrituale abgewehrt.

6. Von der Albdrude zur Elwedritsch

Die Elwedritsch (Pfälzer Fabelwesen) ist im Vergleich zu Mahr, Alb, Drude, Trotterkopf und Albdrude eine humorisierte, verkleinerte und entschärfte Form der Albdrude. Während die Albdrude als gefährlicher nächtlicher Druckgeist galt, wurde sie in der Pfalz „verkleinert“ und in ein harmloses, vogelähnliches Sagengeschöpf verwandelt – die Elwedritsch.

Die Albdrude bedrohte nach Volksglauben besonders Kinder, Schwangere und Wöchnerinnen mit nächtlicher Beklemmung und Atemnot. Um den Schrecken zu nehmen, wurde die Figur im Pfälzer Volksglauben verkleinert und verniedlicht. Ergebnis: Die Elwedritsch, ein vogelähnliches, oft komisch dargestelltes Wesen, das man nicht mehr fürchtete, sondern „jagte“ (Elwedritsche-Jagd als Brauch). Die Elwedritsch zeigt, wie sich Volksglauben transformiert: Vom dämonischen Druckgeist (Albdrude) zum harmlosen Fabeltier (Elwedritsch). Dieser Prozess ist typisch: Schreckgestalten werden im Laufe der Zeit „verkleinert“ oder „verharmlost“ und in die Folklore integriert.

WesenUrsprungWirkungStatus im Volksglauben
Mahrahd. mara (9. Jh.)Albträume, Druck auf BrustDämonisch
Albahd. alb (11. Jh.)Nachtgeist, TraumdämonDämonisch
Drudemhd. trute (12.–13. Jh.)Hexenwesen, nächtliche PlageDämonisch
AlbdrudeKombination Alb + Drude (mglw. 16. Jh. – Belege erst ab 19. Jh.)besonders gefährlicher DruckgeistDämonisch
TrotterkopfSchweiz, VolksglaubeMischwesen Nachtmahr + Totengeist, mit BannformelnDämonisch
ElwedritschPfalz (ab ca. 17. Jh.)humorisiertes Fabeltier, JagdobjektVerharmloste Sagengestalt

Nach der sprachlichen Verkleinerung folgte die rituelle Verbannung: Die Elwedritsch wurde „in den Wald gejagt“, um sie aus der Gemeinschaft zu entfernen. Aus dem Bannritual entwickelte sich ein humorvoller Brauch: die Elwedritsche-Jagd, bei der man Fremde mit Sack und Laterne nachts auf die Suche schickte. Damit wurde die frühere Angstgestalt endgültig in die Folklore integriert und ihrer Bedrohlichkeit beraubt.

Die pfälzische Elwedritsch ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Transformation von Angstgestalten zu Folklorefiguren. Aus der gefürchteten Albdrude wurde durch sprachliche Verkleinerung und rituelle Verbannung ein harmloses Sagengeschöpf, das heute als Symbol pfälzischer Kultur gilt. Damit zeigt sich, wie Volksglaube über die Jahrhunderte Angst in Humor verwandelt und Dämonen in Fabelwesen transformiert.

7. Quellen:

Originalquellen und Zitate

Mahr

  • Grimm, Deutsches Wörterbuch (DWB): „ahd. mara, mhd. mar(e), ein weiblicher Nachtgeist, der den Schlafenden bedrückt.“ (DWB, Bd. 12, Sp. 1546f.)
  • DWDS – Etymologisches Wörterbuch: „ahd. mara f. (9. Jh.), mhd. mar(e) m./f., asächs. mara, engl. nightmare.“ Quelle: DWDS – Mahr
  • Duden Online → „mittelhochdeutsch mar(e), althochdeutsch mara, ursprünglich vielleicht = Zermalmerin“ Quelle: Duden – Mahr

Alb / Albe

  • Grimm, DWB: „ahd. alb, mhd. alp, unterirdischer Naturgeist, elbisches Wesen.“ (DWB, Bd. 1, Sp. 293–296)
  • Wikipedia – Nachtalb: „Ahd. alb (11. Jh.), mhd. alp, aengl. ælf, engl. elf, anord. alfr.“ Quelle: Wikipedia – Nachtalb

Drude

  • Grimm, DWB: „mhd. trute, drude, weibliches Zauberwesen, Hexe, Gespenst.“ (DWB, Bd. 2, Sp. 1225–1228)
  • Forum OÖ Geschichte: „Die Drud ist, wie der Alb und der Mahr, ein nächtlicher Druckgeist, der böse Träume verursacht.“ Quelle: Forum OÖ Geschichte – Drud
  • Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache (24. Aufl., 2002) → „Drude, mhd. trute, Hexenwesen; möglicherweise verwandt mit trügen.“ Quelle: Kluge, Etymologisches Wörterbuch, S. 234.

Trotterkopf

  • Schweizerisches Idiotikon: „Trotterkopf, ein nächtlicher Druckgeist, halb Mahr, halb Totengeist; gegen ihn wurden Bannformeln gesprochen.“ (Idiotikon, Bd. XI, Sp. 1423f.)
  • Bannspruch (Ostschweiz, 19. Jh.): „Trotterkopf, fahr us, im Namen Jesu Christi, du sollst nimmer wider cho.“

Albdrude

  • Grimm, DWB: „Albdrude, eine besonders gefährliche Drude, die Frauen und Kinder bedrückt.“
  • Legende der Drude: „Die Drude stammt aus den Sippen der Maren und Alpdrücker und treibt als nächtlicher Druckgeist ihr Unwesen.“ Quelle: druden.de – Legende der Drude

Elwedritsch

  • Wikipedia – Elwetritsch: „Die Elwetritsch ist ein pfälzisches Fabelwesen, das als Verkleinerungsform der Albdrude gilt.“
  • Hiwwe wie Driwwe: „Weißt du nicht, daß böse Seelen nächtlich aus dem Leibe rücken, um den Menschen zu bedrücken…“ Quelle: Hiwwe wie Driwwe – Albdrud/Elwedritsch

Quellenliste

  1. Grimm, Jacob & Wilhelm: Deutsches Wörterbuch, diverse Bände (Leipzig, 1854–1961).
  2. Schweizerisches Idiotikon, Bd. XI (Zürich, 1881ff.).
  3. DWDS – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache: Mahr.
  4. Wikipedia: Nachtalb.
  5. Forum OÖ Geschichte: Die Drud/Trud.
  6. Druden.de: Legende der Drude.
  7. Wikipedia: Elwetritsch.
  8. Hiwwe wie Driwwe: Das wahre Wesen der Elwedritsch.

Literatur

  • Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24. Aufl. Berlin/New York: de Gruyter, 2002.
  • Grimm, Jacob & Wilhelm: Deutsches Wörterbuch. Leipzig, 1854–1961.
  • Schweizerisches Idiotikon: Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache. Zürich, 1881ff.
  • Röhrich, Lutz: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Freiburg, 1991.
  • Bächtold-Stäubli, Hanns: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Berlin/Leipzig, 1927–1942.