Prof. Don Yoder – Die Legende

Prof. Don Yoder (1921-2015) mit Michael Werner im Jahr 2007

Eine Würdigung

Manchmal braucht man lange, um zu bemerken, wie wichtig die Bekanntschaft einer Person für einen selbst gewesen ist. Man nimmt die Begegnungen, wie sie kommen – und entdeckt erst viele Jahre später, welch entscheidende Schalter im Rahmen dieses Austauschs umgelegt wurden. So ging es mir mit Prof. Don Yoder (1921-2015), der in vielerlei Hinsicht ein „Jahrhundertmann“ und eine Legende war.

Don Yoder hatte ich mit Rolands Pauls (1951-2023) Hilfe zweimal in einer Bibliothek getroffen, aber da der Kontakt aufgrund des gemeinsamen Interessensgebietes der pfälzisch-amerikanischen Nordamerikaauswanderung nun immer enger wurde, legte Roland mir einen längeren Besuch in Don Yoders Landhaus in Devon (PA) nahe. Ich wusste, dass Roland bei seinen längeren Pennsylvania-Aufenthalten immer in der kolonialen Villa von Don Yoder wohnte – und Don war bereit, mich auch privat zu empfangen, so dass ich in den Jahren zwischen 2000 und 2015 immer einmal wieder für mehrere Stunden Gelegenheit hatte, mich mit einem der Väter der pennsylvanisch-deutschen Volkskunde auszutauschen. Immerhin war Don Yoder einer der Gründer des Kutztown Folk Festivals im Jahr 1951 – diese traditionsreiche Veranstaltung fand 2024 leider zum letzten Mal statt.

Mit Don sprach ich über Geschichten, die ich im Rahmen meiner linguistischen Studien auf Band aufgenommen hatte, und die mir zum Teil als Pfälzer eigenartig vertraut vorkamen. Bei anderen stand ich völlig im Wald und konnte mir auf nichts einen Reim machen: Da sprach eine Frau von einem „Bucklich Maennli“, das bei ihr neben dem Herd in einer unaufgeräumten Ecke der Küche wohnte. Ein Mann berichtete von einer Vogelscheuche auf dem Feld, die er „Butzemann“ nannte und die Opfergaben erhielt. Ein anderer machte alljährlich im März eine Prozession um sein Grundstück herum, sagte eigenartige Sprüche und legte in allen Ecken Samen als  Geschenke für Elfen ab und Teile eines Fisches für Katzen, die einer Gottheit mit Namen „Freya“ gehörten. Es waren ganz seltsame Geschichten, die irgendwie nicht und irgendwie doch zusammenpassten.

Verleihung der Ehrenmitgliedschaft des Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreises e.V. an Prof. Don Yoder in Alzey im Jahr 2009 (v.l. Dr. Michael Werner, Karl Scherer, Prof. Don Yoder, Frank Kessler)

Die Menschen in Pennsylvania hatten mir über Jahre diese Geschichten erzählt, und weil ich mich zu dieser Zeit vorwiegend mit sprachlichen Phänomenen beschäftigte, hatte ich die Inhalte ihrer Erzählungen zunächst nicht wirklich an mich herangelassen. Die einzelnen Phänomene blieben einfach unverbunden und unverknüpft in einer Hinterstube meines Hirns. Bis zu einem besonderen Tag: Da fand ich in einem Kochbuch das Rezept für Hirschgeweihkekse („antler cookies“), die im Februar gebacken werden, um sie im Wald als Opfergabe für den „Waldmops“ abzulegen.

Ich sprach seinerzeit mit jemandem, der diesen Brauch noch kannte. Auf einmal merkte ich, dass diese Geschichte ein „missing link“ sein könnte – das letzte „Puzzle-Teil“. Von diesem kulturellen Muster aus geschaut fügten sich die anderen Geschichten jetzt auf einmal wundersam zusammen und ergaben ein stimmiges Bild. Und wenn ich darauf schaute, fanden jetzt auf einmal auch die Elwedritsche ihren eindeutigen Platz. Konnte es sein, dass sich mir in Pennsylvania eine Tür geöffnet hatte, um über die kulturellen Praktiken der Pennsylvania-Deutschen einen Blick auf die Pfalz und die Pfälzer im 18. Jahrhundert zu erhalten?

Heute kann ich sagen, dass das genau so ist. Don Yoder, mit dem ich lange hierüber sprach, stimmte mir jedenfalls zu. Ich gehe deshalb einen Schritt weiter und sage, man kann die Pfalz vielleicht überhaupt nur verstehen, wenn man die für die Pfalz relevanten Auswanderungsgesellschaften besucht und von ihnen lernt, wie unsere Vorfahren vor 300 Jahren gelebt und gedacht haben. Auf einmal wird es dann möglich zu erkennen, was wir von der Pfalz aus nicht sehen. Um bei den Elwedritsche zu bleiben – eines sind letztere ganz sicher nicht: Fabeltiere.

Don Yoder „atmete“ die pennsylvanisch-deutsche Kultur, und er hat mich gelehrt, kulturelle Muster nicht mit meinen eigenen Augen anzuschauen, sondern mit den Augen derjenigen, die sie praktizieren. Auch in diesem Punkt habe ich lange gebraucht zu verstehen, was er meint. Aber irgendwann ist mir klar geworden, dass wir in der Pfalz auch deshalb nicht verstehen, was zum Beispiel Elwedritsche sind, weil wir nicht bereit sind, unsere Perspektive als aufgeklärte Menschen des 21. Jahrhunderts aufzugeben und uns in die Perspektive der Menschen zu begeben, die vor vielen hundert Jahren in unserer Region lebten.

Ein Tritschologe aus der Pfalz (nicht aus Landau!) hat mir in einem Gespräch einmal gesagt, er könne ein Buch über Elwedritsche in zwei Wochen schreiben, wenn es sein müsse. Ich habe ihn zu dieser Fähigkeit beglückwünscht. Ich habe 30 Jahre gebraucht, um die Zusammenhänge zu sehen. Don Yoder wäre sicherlich ebenfalls sehr beeindruckt gewesen. Seine Buchprojekte nahmen üblicherweise auch einen langen Zeitraum in Anspruch. Man konnte bei der Lektüre seiner Publikationen aber immer sicher sein, neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Elwedritsche – Was sie wirklich mit Hühnern zu tun haben

Von Michael Werner

Um zu verstehen, was Elwedritsche wirklich sind, müssen wir uns in die Lebenswelt der Menschen hineinversetzen, die vor vielen hundert Jahren lebten: Es war ein ländlich geprägtes Leben, in dem es viel Arbeit und Armut gab. Wenn jemand krank wurde, gab es kaum medizinische Hilfe. Wenn die Sonne unterging, war es finster. Feuer spielte deshalb eine besondere Rolle. Die Menschen fürchteten sich vor vielem: vor der Obrigkeit, vor dem aktuellen Gott sowie weiterhin vor den alten heidnischen Göttern, die von der Kirche dämonisiert wurden. Man glaubte noch, dass Beten und Wünschen hilft und dass Beschwörungsformeln in der Lage sind, das Böse abzuhalten. Und man glaubte an die Macht von Symbolen, die Dämonen und Hexen bannen. Das alles ist übrigens nicht lange her: In der Landbevölkerung hielt sich dieser Glaube bis weit ins 19. Jahrhundert und in besonders ländlichen Gegenden noch länger. In Pennsylvania bei den Pennsylvanisch-Deutschen haben sich Relikte davon besser erhalten als bei uns in Deutschland.

Jetzt kommen die Hühner! Sie sind ein gutes Vehikel, um zu verstehen, wie die Menschen damals tickten. In unserer Familie laufen seit 2020 „Hinkel“ im Garten herum und versorgen uns mit Eiern. Und wie jeder Anfänger quält man sich zu Beginn mit Problemen: Die Hühner müssen vor Feinden am Tag (Habicht) und in der Nacht (Wiesel, Fuchs) geschützt werden. Sie brauchen ein wenig Apfelessig im Wasser, damit sie keinen Durchfall bekommen. Auf den Sitzstangen und im Stall muss Kieselgur (Muschelkalk) ausgebracht werden, damit die rote Vogelmilbe sich nicht ausbreitet. Wichtig ist dennoch, die Tiere in festen Abständen zu untersuchen und zu prüfen, dass sie sich keine Federlinge – eine andere Parasitenart – im Garten eingefangen haben. Ein paarmal im Jahr erhalten die Hühner ein Medikament gegen Würmer. Dann darf man die Eier ein paar Tage nicht essen. An den Krallen können sich „Kalkbeine“ entwickeln. Auch hier ist ein Parasit verantwortlich. Man muss die Kröpfe im Blick behalten, um zu checken, dass sie keine Kropfverstopfung haben. Und natürlich brauchen sie eine gute Mischung von Futter: Körner (aber nicht nur!) und sogenanntes Legemehl. Alle sechs Wochen gibt es eine verpflichtende Impfung gegen die Vogelgrippe, die man nicht verpassen darf. Erfahrenere Hühnerhalter werden jetzt vielleicht sagen: Da fehlen noch ein paar Regeln. Bestimmt, doch darauf kommt es nicht an. Was ich sagen möchte, ist: Wenn man all diese Regeln beherzigt, hat man normalerweise kein Problem. Vergisst man aber nur ein oder zwei dieser Aspekte, werden über kurz oder lang ziemlich sicher Probleme auftreten. Auch wir haben hier schon Lehrgeld bezahlt!

Was hat das nun mit Elwedritschen zu tun? Als Hühnerhalter muss ich wie ein Bauer denken: Ich darf nichts vergessen, nur dann sind meine Hühner sicher und gesund! Mit dem gleichen Denkansatz schützten die Bauern früher ihren Hof: Sie pflanzten, was sie brauchten und brachten die Ernte in die Scheune, um den Winter zu überleben. Sie sorgten für ordentlich Feuerholz, um am Abend Licht zu haben und in der kalten Jahreszeit nicht zu erfrieren. Und – jetzt kommts – sie sicherten ihr Gehöft vor dem Bösen, das draußen lauerte. Sie malten Pentagramme und Hexagramme auf Betten, auf Kinderwiegen, über Fenster und Türen, auf Stühle und Obstpressen – und auf Scheunen. Wenn alles gut gesichert war, konnte das Böse nicht eindringen. Im Haus selbst musste natürlich auch ordentlich oft gebetet werden, um den Innenraum positiv aufzuladen. Vergaß der Bauer aber irgendwo, ein verblasstes Symbol zu erneuern, konnten Dämonen wieder einen Weg zur Familie finden. Es war wichtig, alles überall gleichmäßig zu sichern und nichts zu vergessen (erinnern Sie sich an den Hühnerhalter!). Für die Bauern funktionierte das System aus abwehrenden Motiven wie eine Alarmanlage in heutiger Zeit. Wenn man an alles gedacht hatte, war man auch in der Nacht einigermaßen sicher.

Vor nichts fürchteten sich die Bauern mehr als vor dem, was die Elwedritsch war, bevor sie zur Elwedritsch wurde. Was sie war und wie sie letztlich zur Elwedritsch wurde, erzählt mein neues Buch „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“, das im Frühjahr 2025 erscheinen soll.

Die Produktion dieses Buches ist teuer, weswegen ich ab 5. Januar 2025 im Rahmen einer Crowdfunding-Kampagne um Unterstützung bitte. Im Gegenzeug erscheint nicht nur die Publikation. Es gibt auch sehr nette Dankeschöns. Schauen Sie einmal rein:

https://www.startnext.com/elwedritsche-dunkle-gefaehrten

„Michael Werner legt den ersten umfassenden Ansatz zum Verständnis von Elwedritschen vor“

Patrick Donmoyer, Direktor des Pennsylvania German Cultural Heritage Centers in Kutztown (PA)

Von Patrick J. Donmoyer

Jede menschliche Migration bringt die Saat ihrer Kultur – Sprache, Bräuche, Traditionen, Rituale, Geschichten, Gedichte und Lieder – mit sich und pflanzt sie ein, um in einem neuen und unbekannten Land ein Gefühl von Heimat zu schaffen.

Von 1683 bis 1775 brachten etwa 81.000 deutschsprachige Einwanderer, zumeist Pfälzer, ihre Saat über den Atlantik und pflanzten ihre Gärten im Südosten Pennsylvanias. Während einige von ihnen weiter nach Westen zogen und sich in ganz Nordamerika ausbreiteten, schlugen diejenigen, die blieben, Wurzeln in einer neuen kulturellen Kernregion, die das Aufblühen neuer amerikanischer Gemeinschaften sowohl prägte als auch von ihnen geprägt wurde.

Wie alle Diaspora-Kulturen haben auch die Deutschen in Pennsylvania nicht nur Aspekte der Traditionen bewahrt, die sie aus ihren Herkunftsgemeinschaften in Europa mitgebracht haben und dort längst vergessen sind, sondern diese Traditionen haben sich auch an einen neuen Ort und neue Möglichkeiten angepasst und sind auf neue und farbenfrohe Weise aufgeblüht. Trotz der jahrhundertelange Veränderungen und des Wachstums halten diese Gemeinschaften die Verbindung zu ihren Ursprüngen aufrecht, und ihre Gärten erblühen weiterhin.

Als ich noch ein Kind war, wurde ich eines Nachts beim Zelten in den Wald eingeladen, um einen geheimnisvollen Bewohner der wilden Grenzgebiete zu suchen, die sich an die von Menschen bewohnten Bereiche anschließen. Das Tier, das nicht fliegen konnte, wurde als Hybrid beschrieben und war eine Mischung aus Säugetier und Vogel. Mit jeder Erzählung der Geschichte dieses Geschöpfs erweiterte sich seine Form um neue Kombinationen und Möglichkeiten – ein wahrer Gestaltwandler, dessen Grenzen so weit reichen, wie unsere Vorstellungskraft zulässt. Wir haben die Elbedritsch nie gesehen. Aber wir hörten ihre Schreie in der Dunkelheit (begleitet von etwas, das wie menschliches Lachen klang). Und als wir schließlich mit einem schweren Gewicht in der Tasche von unserer Jagd zurückkehrten, entdeckten wir nur einen Stein.

Seit Generationen steht die Elbedritsch (manchmal auch Elderbritsch, Elfedritschli, Elgedritschel, Albetwitsch, sogar Elefandritsch genannt!) für jenes schwer fassbare Element, das wir jagen, aber nie fangen, nie vollständig beschreiben und schon gar nicht zähmen können. Und genau wie die Pennsylvania-Deutschen, die es sich vorstellen, hat sich auch die Elbedritsch eine Reihe von Ritualen, Geschichten und Praktiken ins neue Land mitgebracht, von denen einige in Europa längst vergessen sind.

Dr. Michael Werner, Herausgeber der Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“ und bekannt als Brückenbauer zwischen den Menschen in der Pfalz und Pennsylvania, ist dem verschlungenen Weg der Elbedritsch von Pennsylvania zurück in die Pfalz und von dort weiter zu den Ursprüngen des Phänomens bis in den fruchtbaren Halbmond gefolgt. Anhand von Geschichten, Liedern und Ritualen nähert sich Dr. Werner schrittweise der Elbedritsch durch Raum und Zeit bis zu ihrem Ursprung in den frühen neolithischen Kulturen unserer indoeuropäischen Vorfahren. Seine Studie ist die erste, die einen umfassenden und ausführlich begründeten Vorschlag macht, was hinter der pfälzisch-pennsylvanischen Elbedritsch wirklich steckt.

Dr. Werner erinnert uns daran, dass ein Verständnis der pfälzischen Kultur unvollständig ist, wenn man nicht auch die im ländlichen Pennsylvania praktizierten und bewahrten Traditionen mit berücksichtigt. Unsere gemeinsamen Sprachen, Sitten und Gebräuche, unser Glaube, unsere Kunst und unsere Traditionen finden ihren Widerhall auf den Höhenzügen und in den Tälern Pennsylvanias ebenso wie in den Wäldern der Pfalz mit Blick auf die fruchtbaren Ufer des Rheins. Vielleicht hören auch Sie dort den Ruf der Elbedritsch – er erinnert uns daran, tiefer zu blicken und dem gewundenen Waldpfad zu seiner Quelle zu folgen. Diesen Ansatz verfolgt das Buch „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“.

„Personifikation von Urängsten“ statt „fantastisches Tierwesen“ – Was eine Elwedritsch wirklich ist

Es ist eine Wendung, mit der ich als Autor selbst nicht gerechnet hatte: Elwedritsche sind Personifikationen von Urängsten, die wir Menschen gebändigt und in den Wald verbannt haben – sie sind weder unerklärliche „Fabeltiere“ noch „fantastische Tierwesen“.

Rund 30 Jahre sind mir Elwedritsche in Erzählungen von Pennsylvania-Deutschen bei meinen Reisen in Amerika immer wieder begegnet. Ich habe sie ehrlicherweise überhaupt nicht gesucht und zunächst wenig beachtet – vielleicht konnte ich ihnen gerade deshalb am Ende auf die Schliche kommen.

Es gab allerdings Umwege, weil mir das Ziel der Reise einfach nicht klar war. Bereits in den 2000er Jahren fiel mir auf, dass mich viele der eigenartigen Sitten der Pennsylvania-Deutschen an Opferriten von frühen Bauern des Neolithikums erinnerten. Und ein spezieller Brauch, der mit der Jagd zusammenhängt, weist für mich sogar in die Zeit der Jäger und Sammler. Zusammengenommen ergaben die kulturellen Muster ein klares Bild: Hier hatten Menschen Rituale entwickelt, um Ängste zu bearbeiten. Reste davon haben sich in Pennsylvania erhalten.

Das war der Startpunkt. Von hier aus ging es für mich (ab etwa 2010) in Richtung Gegenwart durch die Geschichte: durch Bronze- und Eisenzeit, vorbei an Germanen, Römern und Kelten bis hin zur Auseinandersetzung der christlichen Franken mit den heidnischen Sachsen und der Unterwerfung des Sachsenkönigs Widukind durch Karl den Großen. Wo sich das Christentum breit machte, suchten sich die alten heidnischen Riten ihre Nischen, um zu überleben. Hier gibt es ganz viele Beispiele aus dem Pennsylvania Dutch Country, die zeigen, wie dies gelungen ist.

Immer ging es um die Bearbeitung von Ängsten – beim Beten in christlichen Kirchen ebenso wie bei Bräuchen, die mit jetzt dämonisierten heidnischen Gottheiten in Zusammenhang standen. Und hier an der Kante zwischen Heidentum und Christentum gab es sich erstmals zu erkennen: ein Geschöpf der Nacht, das den eigentlichen Beginn meiner Reise zu den Elwedritschen darstellt. Die Umrisse wurden in der Zeit der Reformation und des 30jährigen Krieges immer klarer.

Aber mit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts fiel für die gebildeten Stände manche Tür zur eigenen Vergangenheit zu. Und das Geflecht an Ritualen und Bräuchen, die nur in ihrer Gesamtheit erlauben, auch das Wesen der Elwedritsche zu erkennen, geriet in Vergessenheit. Das komplette Ökosystem an alten kulturellen Mustern war – bis auf ein paar klägliche Reste – bei uns in Deutschland nicht mehr vorhanden.

Nicht aber in Pennsylvania! Die Auswanderer aus der Kurpfalz und angrenzenden Regionen hatten ihre Heimat bereits vor der Aufklärung verlassen, und deshalb hat sich das Geflecht an kulturellen Mustern bis heute besser erhalten als in unserer südwestdeutschen Heimat – zumal mehrere Kriege im 19. und 20. Jahrhundert hierzulande zusätzliche Schäden auch im kulturellen Bewusstsein der Menschen angerichtet haben. Wer nach einem Krieg nur nach vorne schauen will, vergisst das, was gewesen ist. In Pennsylvania aber leben Menschen zum Teil in der 12. Generation noch auf dem gleichen Bauernhof, den der ursprüngliche Auswanderer im 18. Jahrhundert gegründet hatte. Was damals da war, gibt es noch immer.

In der Pfalz hingegen füllte eine neue Pseudo-Wissenschaft das entstandene Vakuum: die „Tritschologie“. Wenn man schon nicht mehr wusste, was Elwedritsche sind, dann wollte man diese Unwissenheit wenigstens wortreich und vergnüglich zum Besten geben. Es ist eine wunderbare Tradition, die absolut ihre Berechtigung hat. Aber sie kann keinen Beitrag leisten bei der Beantwortung der Frage, was hinter dem kulturellen Muster der Elwedritsche wirklich steckt.

Ich bin Linguist, und als solcher hat man auch immer die Sprachgeschichte mit im Kopf. Bei uns in Deutschland bedeutet das, im Blick zu behalten, dass das Deutsche zu den indoeuropäischen Sprachen gehört, die sich etwa ab dem Jahr 6000 v. Chr. ausgehend von einer Region im nördlichen Iran in westliche und östliche Richtung ausgebreitet haben – bis nach Portugal im Westen und Indien im Osten.

Ich habe mir eine einfache Frage gestellt: Könnten sich in den verschiedenen indoeuropäischen Sprachen ähnliche kulturelle Muster wie das der „Elwedritsche“ erhalten haben? Sie kommen alle aus dem fruchtbaren Halbmond und haben eine lange Geschichte und einen weiten Weg hinter sich. Und tatsächlich wurde ich fündig: in den Niederlanden ebenso wie in Polen, in Anatolien bei Kurden und etwas weiter östlich bei Jesiden – aber auch in Indien, wo sich in vedischen Texten Vergleichbares erhalten hat. Man kann nicht sagen: Elwedritsche gibt es überall. Man kann aber sagen: In verschiedenen indoeuropäischen Sprachen haben sich Reste dessen erhalten, was hinter den Elwedritschen steckt.

Heute habe ich eine KI gebeten, eine kurze Zusammenfassung meines Buches zu verfassen. Das kam dabei heraus: „Das Buch „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“ von Michael Werner untersucht die soziokulturellen Ursprünge der pfälzischen und pennsylvaniadeutschen Elwedritsche-Tradition. Werner verknüpft jahrzehntelange Recherchen in den USA und Europa mit historischen und sprachwissenschaftlichen Analysen, um das Phänomen als Ausdruck uralter Ängste und kultureller Muster zu interpretieren, die bis in die indoeuropäische Vergangenheit zurückreichen. Der Autor verfolgt die Entwicklung von religiösen Vorstellungen, Brauchtum und Aberglauben, die mit der Elwedritsche in Verbindung stehen, und beleuchtet deren Wandel im Laufe der Geschichte. Das Buch verwebt dabei Mythen, Rituale und Volksglauben zu einem umfassenden Bild.“

Mir war immer klar gewesen, dass es keine Aliens waren, die die Elwedritsche im Pfälzerwald abgesetzt haben. Deshalb gilt: Für alles, was da ist, gibt es eine Erklärung. Ich denke, im Fall der Elwedritsche ist sie jetzt gefunden. Mein Buch, das im Frühjahr nächsten Jahres erscheint, erzählt diese Geschichte.

Die Crowdfunding-Kampagne für das Projekt startet am 5. Januar 2025. Alle Informationen gibt es hier: https://www.startnext.com/elwedritsche-dunkle-gefaehrten

Richard Savidge – Lehrer, Sportler, Mundartautor

Richard Savidge (1937-2024) im Jahr 2019 in Kutzeschtettel

Ein Nachruf

„Satch“, wie ihn alle Welt nannte, traf ich immer wieder. Er kam aus Hegins (PA) und damit aus einer Ecke des Pennsylvania Dutch Country, wo man nur hinkommt, wenn man bewusst hinkommen will. Der Mundartautor Bill Klouser (1922-2010) kam aus der selben Region, die ich sehr mag, auch wenn andere die Menschen dort als „Hinnerbariyer“ oder die Gegend selbst als „hinterland“ bezeichnen.

Richard Savidge (1937-2024) war Lehrer an der Tri-Valley Highschool gewesen und hatte dort Biologie und Sport unterrichtet. Wenn es hektisch wurde, wechselte er auch in der Schule schon einmal vom Englischen ins Pennsylvanisch-Deutsche.

Ich kannte ihn seit 2010. 2006 hatten der Deutschlehrer Bill Quinter und Prof. Bill Donner von der Kutztown University beim Kutztown Folk Festival ein „Mudderschprooch Schreiwer Fescht“ gegründet, und „Satch“ nahm bei dieser Lesung eigentlich jedes Jahr mit einem eigenen Text teil. Die Fahrt nach Kutztown dauert nur eine Stunde, aber die Gegenden unterscheiden sich deutlich.

Seit 2011 vergibt unsere Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“ in Kooperation mit dem Förderkreis Mundart Bockenheim e.V. einen „Hiwwe wie Driwwe Award“ unter den Teilnehmern dieser Veranstaltung. Gleich die erste Auszeichnung erhielt Richard Savidge für seinen Text „Es iss Winder im Daal“. Es hat ihm viel bedeutet.

Irgendwann überreichte er mir eine komplette Sammlung seiner Texte, und ich versprach ihm, sie in mein Deutsch-Pennsylvanisches Archiv aufzunehmen, das seit 2016 im Mennonitischen Forschungszentrum auf dem Weierhof bei Kirchheimbolanden untergebracht ist. Er war selig, dass Arbeiten von ihm in Deutschland öffentlich zugänglich sein würden.

„Des iss ganz wunnerbaar“, hat er geantwortet. „Ganz wunnerbaar.“ Jetzt ist er im Alter von 87 Jahren verstorben.

Der wiescht Kall im Busch

Belznickel by Rachel Yoder (2015)

Gschriwwe beim Michael Werner

Yetz, wu Grischtdaag nimmi weit un der erscht Schnee schun gfalle iss, denk ich oft an ebbes, ass ghaeppent hot, wie ich noch en Bu waar. Do, in der Busch, wu ich alleweil am schtehne bin, iss es gschehne. Gschehne, was net haett gschehne selle. In der Zeit, wu es erscht schpot hell, frieh duschber un aa der ganz Daag iwwer oft net rielli hell watt, iss der Busch voll mit Gschpucke. Glei datt hinne, net weit weg vun wu ich nau schtehne duh, geht’s der Hiwwel nunner zum Stony Roll Grick. Datt hemmer gschtanne, der Paul Reifsnyder un ich, un henn nunnergeguckt zum Jakob Bauer, ass doot im Wasser glegge hot.

Der Jakob waar vun Deitschland kumme mit sei Eldre, un sie henn sich deheem gemacht do in Baricks Kaundi. Ins Eeschtubbich Schulheisli simmer gange zamme, un wammer als die hochdeitsch Bible glese henn, noht hot mer heere kenne, ass der Jakob sell guud hot lese un aa alles verschtehne kenne. Net wie mir Pennsylvanisch-Deitsche, wu allfatt Druwwel henn mit Hochdeitsch. Fer sell hemmer ihn yuscht „der Deitschlenner“ gheesse un henn ihn aa aardlich geretzt wehich sell.

Der Paul Reifsnyder, ich un deel anneri Buwe henn aa naach die Schul allegebott Schtreit aagfange mit der Jakob. Der Jakob waar gmeenerhand alleenich uff em Weg heem. Meh wie eemol iss er heemkumme zu sei Memm mit en bloo Aag. Der Paul Reifsnyder waar meh wie en Yaahr aelder wie ich waar, greesser un schtarick. Un ich meind noch, wie ich der Jakob Bauer emol aagedroffe hab uff em Weg un hab ihn wiescht verglobbt. Yuscht fer schpeeder die anneri Buwe verzehle kenne, was ich geduh hab. Mir waare wieschte Buwe – sell iss ferschur.

Eemol, katz eb Grischtdaag, waar ich mit em Paul im Busch Feierholz gricke, wie all uff emol der Jakob Bauer datt vor uns gschtanne hot uff em Weg. Er hot uns vermarickt, un wie er gsehne hot, ass mir zu ihm laafe welle, hot er rumgedreht un iss fatt gschprunge. Die Daage eb sell hot’s wiescht gschneet ghatt, so ass der Schnee ball zwee Fuuss hoch glegge hot. Mer hot net guud laafe kenne, un mir sinn allegebott iwwer ebbes gschtatzt, ass unnich em Schnee gelege hot, un hiegfalle. Der Jakob iss aa, un so hot’s ferschur wennich gschpassich geguckt, wie mir datt am hinnich ihm heerlaafe waare – der Paul un ich. Un doch hemmer vermarickt, ass der Jakob schneller fattkumme iss wie mir. Mir henn net gewisst ferwas, awwer der Busch hot uns kenne fluche heere. All uff emol hemmer en laut Gegrisch gheert. Noht waar alles ruhich. Der Paul un ich henn gschtoppt un sinn noht yuscht ganz langsam weider geloffe fer ausfinne, was ghaeppent hot.

Wie mir an der Blatz kumme sinn, wu’s der Hiwwel nunnergeht zum Stony Roll Grick, hemmer vermarickt, ass mer unne im Wasser ebbes sehne kann. Ebbes, ass net do sei sett middes im Grick: Der Jakob hot datt glegge un hot sich net meh geregt. Sei ganz Kareper waar nass, un des kalt Wasser iss newich ihm verbei un iwwer ihn driwwer. Un alsemol hot mer en rote Gschpur sehne kenne, ass sich vun seim Kopp wegbewegt hot. Mir henn uns aageguckt un sinn bleech warre. Noht hemmer uns anneghockt in der Schnee. Nix hemmer gsaat, fer en paar Minudde. Noht hot mich der Paul Reifsnyder gepackt am Hals un hot gegrische: „Niemand daref ebbes wisse vun sell. Sell iss nie net geschehne. Verschtehscht?“ Ich hab ihn yuscht aageguckt. Un noht simmer Draene aus die Aage geloffe.

Ich weess net, wie lang mer datt ghockt waare. Awwer all uff emol hemmer ebbes gheert im Busch. Es waar, wie wann ebbes Groosses sich Blatz schaffe deet, so ass es zu uns kumme kennt. „Hot’s alleweil Baere im Busch?“, hawwich der Paul leis gfrogt? „Mer hot noch kenni gsehne die letztschte Woche“, hot er geantwatt. „Loss uns schnell geh“, hawwich gsaat. Mir waare aardlich bang, sinn uffgschtanne un henn uns uff der Weg heem gemacht.

Widder hot mer ebbes heere kenne, nau schun ganz nah, un ebber hot mer schnaufe heere – dief un schwer. Awwer wie ich mich rumgedreht hab, hawwich nix sehne kenne. Verleicht aa, weil’s nau aa schun am duschber warre waar. Wann ich es recht bedenk, hawwich nau fer’s erscht Mol ebbes gheert ass wie en dicke Eisekett. Sie hot en aardlich Yacht gemacht, weil der Kall so schtarick am geh waar. Weider un weider simmer gange, un schneller und schneller simmer geloffe. Dann, wie ich gheert hab, wie en Ascht brecht links hinnich mir, net zu weit weg, hawwich mich nochemol rumgedreht. Noht hawwichs gsehne, yuscht fer en katzer Moment:

Es waar en groosser Kall, verleicht siwwe Fuuss hoch, ganz alt un wieschtguckisch. Zwee Kette hot er ghatt: eens rum sei Hals un eens rum sei Bauch, ass ums sei Bee runnerghanke hot. Dick eigepackt in Belze un um sei Kopp rum en groossi Belzkapp. Sei Ochdem hot mer sehne kenne in die Kaelt, wann er gschnauft hot. Wie en weisser Newwel hot er vor seim Gsicht gschtanne. Un des waar schwatz un weiss alliwwer. Er hot net geguckt wie en Mensch. Un noch ebbes hot mich gwunnert. Datt, wu nix sei sett, hot der wiescht Kall ebbes ghatt: zwee dicke Hanner uff sei Kopp. Wie der Deifel selwert. Ich hab sell net glaawe welle, wie ich sell vermarickt hab. Neegscht hett ich laut gegrische, awwer ich hab schtaende kenne, es zurickzuhalde. Mit groosse Schritt hot der Kall browiert, neecher zu uns zu kumme. Un die Kedde henn laut geglebbert.

„Mir misse weg vunenanner“, hot der Paul gegrische. Un glei simmer zwee unnerschiddliche Wege geloffe, so schnell, ass mer gekennt henn. „Nix wie heem“, hawwich der Paul noch heere kreische, awwer sell waar schun en latt leiser wie devor. Un wennicher wie en Minudd schpeeder hot mer en Gegrisch gheert, Holz knackse, noht ebbes, ass meh wie en Baer gelaut hot ass wie en Mensch. Dann waar alles ruhich. Ich bin als weider geloffe, aus em Wald naus un nix wie heem zu unser Bauerei.

Die Memm hot schun gewaart ghatt an die Deer. „Wu bleibscht dann, Bu! Kumm rei, es Owetiems schteht uff der Disch.“ Ich hab neegscht nix esse kenne seller Owet un bin frieh ins Bett.

Der neegscht Mariye in der Schul waar der Paul net do. Ich bin zu sei Heemet geloffe am Naachmiddag, awwer ich hab mich net recht gedraut neigeh. Hinnich en Baam hawwich gschtanne un gsehne, wie etliche Leit naus un neigange sinn. Sei Memm, sei Paep, Brieder un Schweschdre, der Sheriff. Es waar net schwer fer ausfinne, ass der Paul net heemkumme iss geschter Owet.

Noht bin ich zerick gloffe in der Busch, bin neigange un hab browiert der Blatz finne, wu der Paul un ich geschter am fattlaafe waare. Lang hawwich gsucht, noht hawwich eens vun em Paul sein Hensching gfunne datt im Schnee leie. Der Paul waar net do. All uff emol hawwich en Gschpur gsehne im Schnee. Es waar net vun en Mensch, un es waar net vun en Gedier. Es hot wennich geguckt, wie wann ebber oder ebbes en Sack hinnich sich her am ziehge iss mit ebbes drin, ass aarick schwer iss. Nunner zum Grick – datt hot sich die Gschpur verlore. Sell iss alles, was ich verzehle kann.

Das Elwedritsche-Erklärbuch kommt

Der Countdown läuft: Letzte Textkorrekturen werden gemacht und die Layouts abgeschlossen. Auf Instagram und in Facebook läuft eine Aufmerksamkeitskampagne mit rund 75 Motiven. Sie geben Hinweise darauf, in welchen kulturhistorischen Kontext die Elwedritsche im neuen „Hiwwe wie Driwwe“-Buch gestellt werden. Es ist eine Reise durch 10.000 Jahre Menschheitsgeschichte und rund um den halben Globus notwendig, um das Rätsel zu lösen, was Elwedritsche wirklich sind.

Was sie NICHT sind, verraten wir schon hier: „Fabeltiere“ oder „fantastische Tierwesen“. Die Welt, in der uns die Elwedritsche begegnen, ist auch alles andere als „fabelhaft“. Das alles sind Erfindungen der jüngeren Vergangenheit. Harry Potter hat hier sicher einen Beitrag geleistet. Es ist aber eine düstere Lebenswirklichkeit, die hinter den Elwedritsche aufscheint. Denn sie sind alt. Uralt. Ein Echo aus einer lang vergangenen Zeit …

Die Crowdfunding-Kampagne zum Buch startet am 5. Januar 2025. Alle Informationen gibt es hier: https://www.startnext.com/elwedritsche-dunkle-gefaehrten

Wir freuen uns sehr über Unterstützung bei diesem aufwändigen Projekt, das Erkenntnisse zum Thema „Elwedritsche“ aus 15 Forschungsreisen nach Pennsylvania in den vergangenen 30 Jahren erstmals in einer Publikation zusammenträgt.