Raunächte, Frau Holle und Wilde Jagd

ZDF-Dokumentation „Terra X“ zum Thema „Frau Holle“ (2020)

Die Zeit „zwischen den Jahren“ bleibt man zu Hause, hängt keine Wäsche auf, lässt alle Räder still stehen. Denn die „Wilde Jagd“ geht um, ein Zug von Göttern, Kriegern und toten Seelen über den winterlichen Nachthimmel. Da möchte man nicht mitgezogen werden. Zum Zug gehört eine weibliche Gottheit: Frigg bzw. Frigga. Uns ist sie besser unter ihrem späteren Namen (Frau) Holle bekannt. Terra X machte sie 2020 zum Thema und zeigt uns den aktuellen Forschungsstand.

Interessant für das Buch „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“ sind die Aussagen von Prof. Dr. Rudolf Simek (Mediävist an der Universität Bonn). Er arbeitet regelmäßig mit dem ZDF, arte und dem WDR zusammen. Zu seiner Vita gelangt man, wenn man hier klickt. Über Holle sagt er in der TV-Dokumentation:

„Wir haben eine große Muttergottheit in allen Hochkulturen. Wir haben im nahöstlichen Bereich die Demeter, eine Muttergottheit, die auch für Fruchtbarkeit und indirekt sogar fürs Wetter zuständig ist. Wir haben die Hera als Königin oder Mutter aller Götter im römischen Bereich – als Frau von Jupiter beziehungsweise Zeus. Und wir haben im nordischen Bereich die der Hera entsprechende Frigg, die Frau von Odin, die indirekt damit auch die Mutter aller Götter ist.“ Frigg entwickelte sich mit der Zeit zu Hulda/Holda und letztlich zu (Frau) Holle.

Im Moment ist in Bayern, Österreich und der Schweiz die Zeit der Perchtenläufe. Hierzu sagt Simek: „In alpenländischen Perchtenläufen, wie alt sie jetzt immer auch sein mögen, haben wir verschiedene interessante Figuren drinnen wie die Frau Perchta oder diese Frau Holda – die uns unterschiedliche Aspekte zeigen: Einen positiven und einen negativen. Und das weist auf die Funktionen dieser Figuren hin, die eine moralische Instanz bilden, also vielleicht das Gute belohnen und das Böse bestrafen – so wie es auch Frau Holle im Märchen tut.“

Terra X endet mit dem Fazit, das letztlich den aktuellen Forschungsstand knapp umreißt: „Das Märchen (von Frau Holle) erzählt von einer Zeit, als die meisten Menschen noch auf dem Dorf wohnen. Durch die mündliche Überlieferung sind viele Vorstellungen eingeflossen, auch aus der Zeit des Biedermeiers. Über das richtige Verhalten der jungen Frauen entscheidet allein Frau Holle. Ihre Autorität geht zurück auf heidnische Muttergottheiten, die schützen, belohnen und strafen. Und nebenbei auch noch das Wetter machen.“

Holle kommt im Buch „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“ eine Schlüsselrolle zu. Das Crowdfunding startet am kommenden Sonntag, den 5. Januar 2025, um 12 Uhr hier: https://www.startnext.com/elwedritsche-dunkle-gefaehrten

Elwedritsche und frühe Bronzezeit?

Das Crowdfunding zum Buch „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“ rückt näher, und zur Einstimmung publiziere ich hier einmal den Link zu einer wunderbaren „Terra X“-Folge aus dem Jahr 2021, die aktuelle Forschungsergebnisse darstellt: Zum wichtigen „Reich von Nebra“ in Mitteldeutschland (Stichwort: „Himmelsscheibe von Nebra“), zur Veränderung des gesellschaftlichen Lebens durch Erfindung der Bronze und den weitreichenden indoeuropäischen Kultur- und Handelsbeziehungen in einer Zeit vor 4000 Jahren. Viele der Erkenntnisse stammen aus den letzten zehn Jahren.

Natürlich gab es in dieser Zeit und an diesem Ort – da. 2000 v. Chr. – keine Elwedritsche. Aber das, was hinter den Elwedritsche steckt, war schon dort: an diesem Ort und zu dieser Zeit.

Manches von dem, was die TV-Dokumentation zeigt, findet sich im Buch „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“ wieder. Wir dürfen davon ausgehen, dass die in Terra X genannten Fakten stimmen.

An einer Stelle fragt der Moderator einen Wissenschaftler: „Warum steht nichts davon in unseren Schulbüchern?“ Der Wissenschaftler antwortet: „Die Erkenntnisse sind dafür einfach zu neu.“

Das Crowdfunding startet am 5. Januar 2025. Ich bitte um Unterstützung für dieses Projekt und wünsche allen einen guten Rutsch sowie ein wunderbares Jahr 2025. Hier geht es zur Projektseite:

https://www.startnext.com/elwedritsche-dunkle-gefaehrten

Aktuelle Forschungsergebnisse zum indoeuropäischen Sprach- und Kulturzusammenhang

Quelle: https://www.archaeologie-online.de/nachrichten/neue-hybridhypothese-zum-ursprung-der-indogermanischen-sprachen-5654/

2023 war ein wichtiges Jahr für die internationale Linguistik. Seit mehr als 200 Jahren diskutierten Sprachwissenschaftler, wo die indoeuropäischen Sprachen – eine Sprachfamilie mit 445 Varietäten und mehr als drei Milliarden Sprechern – ihren Ausgangspunkt hatten. Zwei Theorien standen im Raum: die Steppen-Hypothese und die Anatolien-Hypothese.

Forschende der Abteilung für Sprach- und Kulturevolution am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie haben vor einiger Zeit gemeinsam mit einem internationalen Team von mehr als 80 Sprachspezialisten einen neuen Datensatz erstellt, der einen ausgewählten Kernwortschatz in 161 indogermanischen Sprachen enthält. In der Veröffentlichung ihrer Studie schlagen die Forscher im Jahr 2023 eine neue hybride Hypothese für den Ursprung der indoeuropäischen Sprachen vor, mit einer endgültigen Urheimat südlich des Kaukasus.

Wolfgang Haak, Gruppenleiter in der Abteilung für Archäogenetik am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, fasst die Bedeutung der neuen Studie zusammen: »Abgesehen von einer verfeinerten Zeitschätzung für den gesamten Sprachbaum sind die Baumtopologie und die Verzweigungsreihenfolge von entscheidender Bedeutung für die Übereinstimmung mit archäologischen Schlüsselereignissen und sich verändernden Abstammungsmustern, wie sie in den Genomdaten damals lebender Menschen zu finden sind. Dies ist ein großer Schritt weg von den sich gegenseitig ausschließenden, früheren Szenarien hin zu einem plausibleren Modell, das archäologische, anthropologische und genetische Erkenntnisse integriert.«

Verbreitung des Wortes „Bruder“ in indoeuropäischen Sprachen (Quelle: Reddit)

Wenn man sich die verschiedenen Varianten des Wortes „Bruder“ in den diversen indoeuropäischen Sprachen ansieht, wird der kulturhistorische Zusammenhang der verschiedenen Sprachgruppen deutlich. Es wäre jedoch zu kurz gegriffen zu glauben, dass bei der Wanderung der indoeuropäischen Völker über einen Zeitraum von vielen tausend Jahren nur die Sprache in immer neue Räume transportiert wurde, wo sie dann von den einzelnen Gruppen jeweils verändert wurde. Auch andere kulturelle Muster – Bräuche, Speisegewohnheiten und religiöse Rituale – waren selbstverständlich im Gepäck und haben sich in den Zielregionen der Wanderungen dann eigenständig weiterentwickelt.

Genetische Verwandtschaft innerhalb der indoeuropäischen Sprachfamilien (Quelle: Elwedritsche – Dunkle Gefährten)

Die Verbindung von Linguistik, Genetik, Archäologie und Anthropologie hat in den vergangenen zehn Jahren zu bahnbrechenden Erkenntnissen geführt, die Auswirkungen auch auf kulturwissenschaftliche Interpretationen einzelner Phänomene wie der „Elwedritsch“ haben. Ältere Sichtweisen auf das Thema – wie die des Volkskundlers Helmut Seebach – könnten vor diesem Hintergrund einer Revision bedürfen.

Wer meint, die derzeitige Forschungslage zum indoeuropäischen Sprach- und Kulturzusammenhang in Frage stellen zu können, sollte Antworten mit aktuellen Forschungsbelegen und aktueller Literatur bereitstellen – und nicht nur der eigenen. Es nutzt nichts, die Erkenntnisse der letzten Jahre auszublenden und auf einem Wissensstand zu argumentieren, der zwischenzeitlich überholt ist.

Das Max-Planck-Institut (siehe Zitat oben) sieht den eindeutigen Zusammenhang zwischen Genetik, Archäologie, Linguistik und Anthropologie im Kontext der indoeuropäischen Wanderungsbewegungen. Diese Erkenntnis ist die Grundlage meines Buches.

Pennsylvania – Pfalz – Mesopotamien. Über die Geschichte des Elwedritsche-Erklärbuchs (Audio)

David Ellinger (1913-2003): Pennsylvania Dutch Farm

„Hex Signs“ in Pennsylvania. „Yuscht fer schee“ oder „Just for nice“ sagen die Menschen dort, wenn man sie nach der Bedeutung der Zeichen fragt. Eine Zierde seien sie. Aber sie täuschen sich. Wenn man sich ihnen nähert, erkennt man eine Tür. Geht man durch diese hindurch, gelangt man auf einen schmalen Pfad, der mit der Zeit immer breiter wird. Er führt aus dem Pennsylvania Dutch Country zurück in die Pfalz und von unserer Region die Donau entlang über den Balkan nach Russland und Anatolien – von dort weiter über den Kaukasus in die Region des fruchtbaren Halbmondes. Es ist nicht nur eine Reise durch Räume, sondern auch durch Zeiten. 8000 Jahre müssen wir zurückreisen, um die Ursprünge eines Phänomens zu ergründen, das bei uns in der Pfalz als „Elwedritsch“ bekannt ist.

Hören Sie sich hier eine kurze Audio-Einführung an und unterstützen Sie die Crowdfunding-Kampagne, die die Publikation dieses Buches möglich machen wird. Sie startet hinter diesem Link am 5. Januar 2025:

https://www.startnext.com/elwedritsche-dunkle-gefaehrten

Bitte geben Sie diesen Link und die Information auch an Ihre Freunde und Bekannten weiter! Vielen Dank.

Hallicher Grischtdaag, alliebber – un en guud nei Yaahr mit Bretzle wie en Scheierdoor!

Dr. Michael Werner

Warum in Pennsylvania Elwedritsche katzenartig sind

Von Michael Werner

Natürlich will ich nicht allzu viel von dem verraten, was im Buch „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“ stehen wird. Aber ein paar kleine Blicke durchs Schlüsselloch möchte ich doch noch gewähren. Nicht ohne Grund sieht die pennsylvanisch-deutsche Elbedritsch auf dem Buchcover katzenartig aus. So beschreiben sie in Amerika die meisten Menschen (ich will aber nicht verschweigen, dass es auch geflügel- und vogelartige Darstellungen gibt). Ich habe ja schon verraten, dass man aus meiner Sicht der Migrationsspur der Indoeuropäer folgen muss, um das Wesen der Elwedritsche zu ergründen. Jetzt ergänze ich: Folge der Spur der (schwarzen) Katze.

Katzen und Menschen teilen das Leben schon seit Jahrtausenden, und auf dem Bauernhof hat eine Katze vor allem eine Funktion: die Schadensabwehr von Schädlingen wie Mäusen, um die Getreidevorräte zu sichern. Dies passt sich gut ein in die bäuerlichen Abwehrmaßnahmen, die ich in einem etwas älteren Artikel auf dieser Seite beschrieben habe. Man geht davon aus, dass die Ägypter etwa 2000 v. Chr. die ersten Katzen domestizierten. Man weiß aber auch seit kurzem, dass in Mesopotamien Wildkatzen schon vor 100.000 Jahren (die Zahl ist korrekt!) unter Menschen lebten und dort etwa zur gleichen Zeit wie Hunde, Schafe und Ziegen domestiziert wurden. Das wäre dann zeitlich etwa der Bereich der Sesshaftwerdung der Menschen im fruchtbaren Halbmond ab 10.000 v. Chr. – Ausgrabungen in den letzten zehn Jahren haben hier neue Erkenntnisse gebracht.

Wertschätzung genossen Katzen in Ägypten bald nach Beginn der ägyptischen Zivilisation um 5000 v. Chr. – um 450 v. Chr. wurde as Töten einer Katze mit dem Tod bestraft. Die Göttin „Bastet“, üblicherweise als Katze oder Frau mit Katzenkopf dargestellt, war eine wichtige Gottheit im ägyptischen Götterpantheon. Sie war die Hüterin von Herd und Heim, Beschützerin von Frauengeheimnissen und eine Wächterin, die böse Krankheiten und Geister abhielt. Wer mein Buch liest, wird diese Aspekte an einigen Stellen wiederfinden.

Berühmt ist die Geschichte aus der Schlacht von Pelusium (525 v. Chr.). Hier kämpfte Kambyses II. von Persien gegen die Armee des ägyptischen Pharaos Psammetich III. Die Perser siegten, u.a. weil der Herrscher Katzen vor den Invasionstruppen in Richtung der Stadt Pelusium am Nil treiben ließ. Auch malten die persischen Soldaten Bilder von Katzen auf ihre Schilde und hielten möglicherweise Katzen in ihren Armen, als sie hinter der Herde von Katzen marschierten. Die Ägypter zögerten, sich zu verteidigen – aus Angst, den Katzen Schaden zuzufügen. Dies hätte (siehe oben) mit dem Tod bestraft werden können. Demoralisiert gaben die Ägypter die Stadt auf.

Die Ägypter sind keine Indoeuropäer, aber unser Wort für Katze stammt von dem ägyptischen „quattah“ ab. Es ist damit ein Lehnwort im Indoeuropäischen, von dem sich u.a. engl. „cat“, franz. „chat“ und dt. „Katze“ ableiten. Auf der östlichen Flanke des Indoeuropäischen – in Indien – werden Katzen in großen literarischen Epen erwähnt. Die Geschichte vom gestiefelten Kater basiert auf einer indischen Volkssage aus dem 5. Jahrhundert vor Christus.

Es ist wahrscheinlich, dass die zeitlich sehr frühe und hohe Bedeutung der Katzenverehrung in Ägypten mit der Zeit auf die mesopotamischen Völker abstrahlte. Die Verbindung des Tieres mit dem Schutz von Heim und Herd (Feuer) und der Abwehr von Krankheiten und Geistern ist etwas, was sich im Glaubenssystem der Menschen im fruchtbaren Halbmond zu einem frühen Zeitpunkt festgesetzt haben könnte. Jedenfalls ging vieles von dem mit auf die Reise, als sich die Indoeuroper ab etwa 6000 v. Chr. erst nach Norden, dann nach Westen und Osten in Bewegung setzten. Vielleicht nicht im allerersten Migrationsschub, aber in späteren …

Das ist die Vorgeschichte, die ich nicht in mein Buch übernommen habe, weil es zu weit geführt hätte. Uns begegnet die Katze in „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“ als Zugtier des Streitwagens einer germanischen Göttin und im Mittelalter und der frühen Neuzeit als Begleiterin von Hexen. Man musste sich vor schwarzen Katzen in Acht nehmen, die den Weg in einer bestimmten Richtung kreuzten und vor allem nachts auf der Hut sein.

Wir sehen: Die Hochachtung, die die Ägypter für Katzen hegten und die sich wahrscheinlich auf die Mesopotamier übertragen hat, ist tausende Jahre später bei den heidnischen Völkern Europas noch erkennbar. Die Christianisierung jedoch machte aus den alten Gottheiten der Heiden Dämonen – und das gesunkene Ansehen von Katzen scheint hier ein Kolateralschaden zu sein. Der Leumund von schwarzen Katzen in der Pfalz in der Zeit der Auswanderung war jedenfalls überwiegend schlecht. Man tötete sie, wenn man sie erwischte. Es konnte ja eine gestaltwandelnde Hexe dahinter stecken – oder man hatte Pech und wurde selbst als Hexe denunziert, weil eine schwarze Katze in der Nähe war.

Das schlechte Image von schwarzen Katzen war auch 300 Jahre später noch in den Geschichten zu erkennen, die Menschen mir in den vergangenen 30 Jahren bei meinen Reisen in Pennsylvania erzählt haben. Wenn ich in den USA einmal darum gebeten habe, eine Elwedritsch zu zeichnen, erhielt ich nicht selten katzenartige Abbildungen.

Meine lange Reise zu den Elwedritschen

Elbedritsche in Pennsylvania (Patrick Donmoyer 2012)

Der Mensch neigt zur Effizienz: Er tut, was er tun muss – und was er tut, hat in aller Regel einen Grund. Wenn wir in der Geschichte zurückschauen, ging es für die Einzelnen im Alltag immer um die einfachen Dinge: Wo schlafe ich heute Nacht? Wie bekomme ich etwas zu essen? Wie schütze ich mich vor Krankheiten, vor Fremden etc.? Wie sichere ich mein Seelenheil? Und wenn sich in diesen Kontexten Bräuche – kulturelle Muster – ausgebildet haben, zahlten sie in irgendeinder Weise auf eines dieser Grundbefürfnisse ein. Gerade der bäuerliche Alltag war in früheren Zeiten geprägt von einer Abfolge von Dingen, die getan oder gelassen werden mussten – und Festen, die man gemeinsam feierte. Immer ging es darum, das Überleben der Bauersfamilie zu sichern.

Den bäuerlichen Jahreslauf habe ich bei meinen Reisen nach Pennsylvania über 30 Jahre kennenlernen dürfen: bei Amish und Mennoniten, bei Lutheranern und Reformierten. Das Denken in Kreisläufen und im Jahreslauf hat mich stets sehr beeindruckt.

Während meiner vielen Besuche haben die Menschen mir Geschichten erzählt. Sie handelten von Figuren, die ich aus meiner Kindheit kannte: Zwergen und Kobolden im Garten („Eckleit“), einem „bucklich Maennli“ im Haus, das allabendlich eine Schale Milch erhält, dem Buschmops und dem Butzemann auf dem Feld, dem Belznickel und – ja – auch den Elbedritsche (in Pennsylvania mit „b“ geschrieben). Ich war überrascht, sie alle in Amerika wiederzufinden, und sogar noch einige mehr. So lernte ich „Albatwitch“, den pennsylvanischen Bigfoot kennen, den „Ewich Yaeger“ und den schrecklichen „Snallygaster“, der durch die Luft fliegt und Menschen mit sich zieht, aber auch die Wilde Jagd, die in ähnlicher Weise vor allem im Winter Schrecken verbreitete. Dann begegneten mir auch noch Frau Holle und „Rips“, wie Rübezahl in Pennsylvania genannt wird.

Lange habe ich mir diese Geschichten angehört und mir weiter nichts dabei gedacht. Doch dann, eines Abends, kam mir ein fast unheimlicher Gedanke: Was, wenn all diese Figuren in einer Beziehung zueinander stehen. Mehr noch: Was, wenn sie in einer Weise in Beziehung miteinander stehen, dass sich daraus ein in sich geschlossenes System ergibt? Falls ja, würde sich vielleicht sogar besser erklären lassen, was wirklich hinter dem Belznickel steckt, und was hinter den Elbedritsche.

Dem vermeintlichen Fabeltier ist noch niemand wirklich auf die Schliche gekommen – weder in der Pfalz noch in Pennsylvania. Und doch glaube ich nicht, dass es Aliens waren, die es irgendwann mit einem Raumschiff in der Pfalz absetzten, von wo es mit Auswanderern auch nach Pennsylvania gelangte.

Was da ist, hat einen Grund. Und diesem kann man nachspüren. Als Linguist weiß ich, dass das Deutsche zum sogenannten indogermanischen Sprach- und Kulturraum gehört. Die meisten Sprachen zwischen Portugal und Nordindien sind miteinander verwandet, d.h. sie zeigen Ähnlichkeiten im Wortschatz und der Grammatik. Seit ein paar Jahren weiß man aufgrund neuerer Forschungen im Bereich der sogenannten Paläogenetik, dass das indoeuropäische Urvolk, aus dem alle indoeuropäischen Sprachen hervorgegangen sind, vor etwa 8000 Jahren im fruchtbaren Halbmond lebte – vermutlich im nördlichen Iran. Von da aus breitete es sich über die nächsten Jahrtausende nach Westen und Osten aus.

Was, dachte ich mir, wenn sich nicht nur die Sprache ausgebreitet hat und sich in den verschiedenen Regionen eigenständig und in unterschiedlicher Weise weiterentwickelte, sondern auch andere kulturelle Muster. Möglicherweise haben ja all die Figuren, die mir in Pennsylvania begegneten und die von Auswanderern vor drei Jahrhunderten an diesen Ort gebracht worden sind, ihren Ursprung genau dort, wo auch die Geburtsstätte der indoeuropäischen Ursprache liegt: In Mesopotamien.

Meine These ist also wie folgt: Mit der Sesshaftwerdung der Menschen haben sich in in der Region des Fruchtbaren Halbmonds kulturelle Muster entwickelt, die Gutes fördern und das Böse abwehren sollten. Mit indoeuropäischen Wanderungsbewegungen breiteten sich diese Muster aus. Das Römische Reich könnte als Verstärker dieser Bewegung fungiert haben, indem das, was da war, rund um das Mittelmeer verbreitet wurde. In Europa veränderten sich die Muster in den Einflussbereichen der Kelten, Germanen, Slaven etc. – und im Laufe der deutschen Kulturgeschichte seit Beginn der Christianisierung begleiten uns die mesopotamischen Relikte in einer sich ständig wandelnden Form. Die Elbedritsch könnte ein solches Relikt sein.

Ich beschloss also, mich von Pennsylvania aus auf den Weg zurück zu machen – eine Reise durch Raum und Zeit zu wagen und mich so dem Hintergrund auch einer für uns so unerklärlichen Figur wie der Elbedritsch zu nähern. Würde ich auf diesem Weg Antworten finden?

Es war eine Reise durch 8000 Jahre Menschheitsgeschichte und rund um den halben Globus, die eine Vielzahl von Überraschungen bereit hielt. Von diesen will ich in meinem Buch erzählen.

Herbert Tiefel – Der mit dem Murmeltier spricht

Herbert Tiefel, Hauptmann von Grundsau Lodsch No. 19 im alte Land (2020)

Eine Würdigung

Es gibt Menschen, die sind für eine bestimmte Rolle wie gemacht. Und wenn sie diese übernommen haben, ist es ein wenig, als könne nie wieder ein anderer diese Aufgabe übernehmen. Wir alle wissen, dass das letztlich nicht stimmt. Und dennoch treffen wir im Leben immer wieder auf Menschen, die mit einer Rolle mehr als nur verwachsen sind. So ist es mit Herbert Tiefel, der seit Ende 2019 „Hauptmann“ der „Grundsau Lodsch No. 19 im alte Land“ ist und damit der oberste Murmeltier-Versteher. Das ist wichtig, denn wer außer einem Murmeltier kann schon einen verlässlichen Wetterbericht für komplette sechs Wochen abgeben?

In der Pfalz heißt es: „Wenn der Dachs seinen Schatten an Maria Lichtmess sieht, bleibt der Winter noch sechs Wochen.“ Das Datum ist wichtig, denn der 2. Februar markiert exakt die Mitte der kalten Jahreszeit: Sechs Wochen sind vorbei, sechs weitere Wochen kommen (vielleicht) noch. Die Bauern prüften an diesem Tag früher, ob etwa die Hälfte der Vorräte noch in den Scheunen und Fruchtkammern war. Falls nicht, kauften sie nach. Zuvor gingen sie nach draußen und sahen nach, ob Maria Lichtmess sonnig und kalt oder aber trüb und regnerisch war. Im zweiten Fall bestand begründete Hoffnung, dass das Frühjahr schon bald kam. Zumindest traf das – vor dem Klimawandel – auf die Region im Südwesten Deutschlands zu. Mit Auswanderern gelangte das (vermeintliche) Wetterwissen über den Rhein und das Meer nach Pennsylvania – wo es keine Dachse gab. Es gab aber jede Menge Murmeltiere, die wie der Dachs ebenso Winterschlaf machten. Also nutzte man in der neuen Welt eine „Grundsau“ (von engl. „ground hog“), um eine Wetterprognose zu erhalten. Die Tiere wurden am betreffenden Termin aus dem Bau gezogen und peinlich befragt. Dies geschah in der Sprache „Groundhogese“ (Grundsauisch). Das bekannteste Murmeltier in Pennsylvania ist „Punxsatawny Phil“ in Zentral-Pennsylvania, aber ab Mitte der 1930er Jahre gründeten sich im pennsylvanisch-deutschen Kerngebiet im Südosten des Staates 18 Groundhog Lodges, die den Brauch in pennsylvanisch-deutscher Mundart auch heute noch pflegen. Groundhog Lodsch No. 19 hat ihren Sitz in Bockenheim an der Weinstraße, und ihr Hauptmann ist Herbert Tiefel!

New Paltz Band mit Herbert Tiefel (2019)

Als ich Herbert im Sommer 2019 in Kutztown kennenlernte, freundeten wir uns schnell an. Er zeigte großes Interesse an der pennsylvanisch-deutschen Kultur und wollte tiefer in Sitten und Gebräuche eintauchen. Ich fragte ihn am Rande des Folk Festivals, ob er eigentlich einen Frack und einen Zylinder besitzt. Er bejahte beides, und so entstand die Idee für die Gründung einer ersten Grundsau Lodsch in Deutschland – eben in der Pfalz.

Zum Glück stieß die Idee in Bockenheim auf reges Interesse, und so konnten wir am 2. Februar 2020 erstmals einen „Murmeltiertag“ in der Pfalz feiern. Rund 200 Menschen kamen, um die Veranstaltung zu sehen, die komplett in Pennsylvanisch-Deutsch gehalten war. Die musikalische Gestaltung übernahm die „New Paltz Band“. Zwischenzeitlich ist der Event immer pfälzischer geworden und hat seine eigenen kleinen Rituale entwickelt. So wohnt das (Plüsch-)Murmeltier „Bockrem Bert“ seit einiger Zeit in einem Weinfass im Park hinter dem Haus der Deutschen Weinstraße. Dort wird es feierlich zum Murmeltiertag („Grundsaudaag“) geweckt. Nach einem Rückblick von Bürgermeister und Ortshonoratioren auf das vergangene Jahr in Bockenheim und der Pfalz befragt Herbert Tiefel das „Murmel-Plüschi“ und übersetzt die Prognose im Anschluss für die Zuschauer vor Ort. In manchen Jahren schließt sich eine Festveranstaltung in der Emichsburg an – im Jahr 2025 bleibt es bei der Zusammenkunft im Park. Das Medieninteresse ist jährlich gewachsen, und so hoffen wir alle, dass der Bockenheimer Murmeltiertag weiterhin eine Konstante im kulturellen Leben der Gemeinde bleibt.

Herbert Tiefel jedenfalls ist in der Rolle seines Lebens, wenn er feierlich die Wetterprognose für die nachfolgenden sechs Wochen abgibt. Hoffentlich bleibt er noch lange Grundsau-Hauptmann, denn auch die „echten“ pfälzischen Murmeltiere, die im Wildpark Silz in der Südpfalz leben und regelmäßig besucht werden, haben sich zwischenzeitlich sehr an ihn gewöhnt.

Videotipp: Grundsaudaag in Bockenheim 2020