Von Lilith zur Elwedritsch war es kulturhistorisch ein langer Weg …
Dürfen wir vorstellen: Die Elwedritsche-Ahnengalerie von Lilith (links) über die frühneuzeitliche Albdrude (2. von links) und die Elbedritsch des 18. Jahrhunderts in Pennsylvania (2. von rechts) zur pfälzischen Elwedritsch des 21. Jahrhunderts. Man könnte die Reihe erweitern um mesopotamische Sturmgottheiten, antike Göttinnen bzw. Dämonen sowie gestaltwandlerische Hexen des ausgehenden Mittelalters. Sie alle gehören in die lange Reihe negativer Gestalten, die Menschen in der Nacht bedrücken sowie Schwangeren, Säuglingen und Wöchnerinnen zur tödlichen Gefahr werden. Medizinisch stecken hinter dem Phänomen Ereignisse wie die Schlafparalyse (Schlaflähmung), Schlafapnoe, nächtliche Herztode sowie der plötzliche Kindstod. Was wir hier sehen, ist die kulturelle Verarbeitung von Todes- und Verlustängsten. Übrigens: Fabeltiere und fantastische Tierwesen fehlen nicht in dieser Reihe. Sie sind für die Erklärung des Phänomens, das sich hinter den Elwedritschen verbirgt, schlicht irrelevant.
Veröffentlicht amOktober 12, 2025vonMichael Werner|Kommentare deaktiviert für Die Elwedritsche als Tarnform Liliths: Dämonologie, Volksmythos und christlich-jüdische Abwehrkulturen im Rheintal
Albdrude – Vorstufe der Elwedritsch – und Drudenmesserzu ihrer Abwehr
Abstract: Die Elwedritsche, ein pfälzisches Fabelwesen, wurde bislang als humoristische Regionalfigur ohne tiefere mythologische Bedeutung betrachtet. Neue kulturhistorische Arbeiten deuten jedoch auf eine Verbindung zur altorientalischen Dämonin Lilith hin. Diese These erlaubt nicht nur eine Reinterpretation der Elwedritsche als Trägerin verdrängter Archetypen, sondern eröffnet auch neue Perspektiven auf die interreligiösen Dynamiken im mittelalterlichen Rheintal. Der Artikel untersucht, ob die Dämonenabwehr als kollektive Schutzpraxis oder als Projektionsfläche für die Ausgrenzung des „Fremden“ – insbesondere der jüdischen Bevölkerung – diente.
1. Einleitung
Die Elwedritsche ist ein regionales Fabelwesen der Pfalz, das in volkstümlichen Erzählungen als vogelähnliches Mischwesen mit Geweih und nächtlicher Aktivität beschrieben wird. Ihre Funktion war lange auf humoristische Brauchtumspflege beschränkt. Erst jetzt wird ein kulturhistorischer Zugang eröffnet, der die Elwedritsche als Trägerin verdrängter mythologischer Inhalte interpretiert – insbesondere als Tarnform der altorientalischen Dämonin Lilith.
2. Lilith: Dämonin der Nacht und archetypische Bedrohung
Lilith ist eine zentrale Figur der jüdischen Dämonologie. In babylonischen und talmudischen Quellen erscheint sie als geflügeltes, weibliches Nachtwesen, das Neugeborene bedroht und Männer in erotischen Träumen heimsucht. Ihre mythologische Funktion oszilliert zwischen weiblicher Autonomie und dämonischer Bedrohung. In der jüdischen Volksreligion wurde Lilith durch Amulette, Bannzettel und Schutzformeln abgewehrt – ein Brauch, der sich bis ins mittelalterliche Rheintal nachweisen lässt.
3. Die Elwedritsche als Transformationsfigur
Die These, dass die Elwedritsche eine volkstümlich entdämonisierte Erscheinungsform Liliths ist, basiert auf mehreren strukturellen Parallelen:
Hybride Anatomie: Beide Wesen sind Mischformen aus Tier und Mensch.
Nächtliche Aktivität: Sie erscheinen bevorzugt in der Dunkelheit.
Weibliche Konnotation: Beide Figuren sind weiblich codiert und mit Fruchtbarkeit, Wildheit und Unkontrollierbarkeit assoziiert.
Narrative Funktion: Sie dienen als Projektionsfläche für Ängste und als Erklärung für unerklärliche nächtliche Phänomene.
Diese Merkmale deuten auf einen Prozess des „Mythentransfers“ hin, bei dem eine bedrohliche Urgestalt in eine scherzhafte Regionalfigur überführt wurde.
4. Dämonenabwehr im Rheintal: Gemeinsamkeit oder Ausgrenzung?
Im mittelalterlichen Rheintal existierten sowohl christliche als auch jüdische Praktiken zur Abwehr nächtlicher Dämonen. Während Christen auf Exorzismen, Heiligenbilder und architektonische Schutzsymbole setzten, verwendeten jüdische Gemeinden Lilith-Bannzettel, Schutzamulette und Segenssprüche.
Diese Praktiken könnten auf eine gemeinsame Abwehrkultur hindeuten – ein interreligiöses Schutzbündnis gegen das Unheimliche. Doch es gibt auch Hinweise darauf, dass die Dämonisierung Liliths als Chiffre für die Ausgrenzung des Jüdischen diente. In christlichen Darstellungen wurde das Dämonische häufig mit dem „Fremden“ gleichgesetzt – eine Gleichsetzung, die zur sozialen Marginalisierung jüdischer Gemeinden beitrug.
Die Elwedritsche könnte somit als kultureller Puffer fungiert haben: eine Figur, die es erlaubte, die Angst vor Lilith zu externalisieren, ohne sich mit deren jüdischer Herkunft auseinandersetzen zu müssen. Ihre Harmlosigkeit war möglicherweise nur Oberfläche – darunter lag ein verdrängter Mythos, der mit realer Ausgrenzung korrespondierte.
5. Schlussfolgerung
Die Reinterpretation der Elwedritsche als Tarnform Liliths stellt einen Fortschritt im Zugang zum Thema dar. Sie zeigt, wie tief globale Archetypen in lokalen Erzählungen verborgen sein können – und wie eng Dämonologie, Volksglaube und interreligiöse Dynamiken miteinander verwoben sind. Die Elwedritsche ist damit nicht nur ein pfälzisches Fabelwesen, sondern ein Spiegel kultureller Ängste, Transformationsprozesse und sozialer Spannungen im mittelalterlichen Rheintal.
Literaturverzeichnis
Patai, Raphael: The Hebrew Goddess. Detroit: Wayne State University Press, 1990.
Schäfer, Peter: Mirror of His Beauty: Feminine Images of God from the Bible to the Early Kabbalah. Princeton University Press, 2002.
Trachtenberg, Joshua: Jewish Magic and Superstition. Philadelphia: University of Pennsylvania Press, 1939.
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Veröffentlicht amOktober 11, 2025vonMichael Werner|Kommentare deaktiviert für Die pfälzische Elwedritsch als Nachfahrin der nächtlichen Druckdämonen Mahr, Albe, Drude und Trotterkopf (Schweiz)
Von Michael Werner
1. Einleitung
Die pfälzische Elwedritsch gilt heute als humorvolle Sagengestalt, die in Jagdbräuchen und folkloristischen Erzählungen präsent ist. Ihre Wurzeln reichen jedoch tief in den europäischen Volksglauben zurück. Sie ist nicht isoliert entstanden, sondern steht in einer Traditionslinie mit den nächtlichen Druckdämonen: Mahr, Alb, Drude und Trotterkopf. Diese Gestalten wurden über Jahrhunderte als Erklärung für Albträume, Schlafparalyse und nächtliche Beklemmung herangezogen.
2. Überblick über die historischen Vorläufer
Mahr (ahd. mara, 9. Jh.): Nachtgeist, der sich auf die Brust des Schlafenden setzt und Albträume verursacht.
Alb/Albe (ahd. alb, 11. Jh.): germanischer Elf oder Nachtgeist, Ursprung des Wortes „Albtraum“.
Drude (mhd. trute, 12.–13. Jh.): weibliches Zauberwesen, das Menschen durch nächtliche Plagen bedrängt.
Trotterkopf (Schweiz, Volksglaube): Mischwesen aus Nachtmahr und Totengeist, gegen das Bannformeln überliefert sind.
Das älteste der drei Wörter ist Mahr (ahd. mara, 9. Jh.), gefolgt von Albe (ahd. alb, 11. Jh.). Das Wort Drude taucht erst deutlich später im Mittelhochdeutschen (ca. 12.–13. Jh.) auf.
2.1 Mahr
Beleg: Althochdeutsch mara (9. Jahrhundert).
Bedeutung: Ein weiblich vorgestelltes Nachtwesen, das sich auf die Brust des Schlafenden setzt und Albträume verursacht.
Verwandt mit engl. nightmare, schwed. mara, altnord. mara.
Fazit: Sehr alte Wurzel, vermutlich indogermanisch (morā), mit Belegen schon im frühen Mittelalter.
2.2 Albe (Alb)
Beleg: Althochdeutsch alb (11. Jahrhundert).
Bedeutung: Unterirdischer Naturgeist, elbisches Wesen, verwandt mit elf im Englischen und alfr im Altnordischen.
Fazit: Etwas jünger als Mahr, aber ebenfalls tief im germanischen Volksglauben verwurzelt.
Bedeutung: Hexen- oder Zauberwesen, oft weiblich, das Menschen durch Zauber oder nächtliche Übergriffe plagt.
Herkunft: Unsicher; möglicherweise verwandt mit „truten“ = „betrügen, täuschen“.
3. Der Trotterkopf als Sonderform in der Schweiz
Beim Trotterkopf handelt es sich um eine dämonische Vorstellung im schweizerischen Volksglauben. Das Konzept vermischt die nächtlichen Druckdämonen (Mahr, Alb, Drude) mit Totengeistern – Wiedergängern, die keine Ruhe finden. Der Trotterkopf konnte als krankmachendes Wesen oder als Last auf dem Menschen verstanden werden, ähnlich wie die Mahr oder die Drude, die nachts auf die Brust drückten. In manchen Regionen wurde der Begriff auch mit Hexerei oder Besessenheit verbunden.
Alle vier Begriffe (Mahr, Alb, Drude, Trotterkopf) stehen für nächtliche Bedränger oder dämonische Kräfte.Gegen Mahr, Alb und Drude gab es Bannsprüche und Abwehrzauber (z. B. Kreuze über das Bett, Gebete, Schutzzeichen).Der Trotterkopf reiht sich hier ein: ein regionaler Ausdruck für eine ähnliche Vorstellung, mit eigenen Bannformeln. Das Schweizerisches Idiotikon verzeichnet Trotter und Trotterkopf mit Hinweisen auf Bannformeln. Im Volksglauben in der Schweiz (Sammlungen des 19. Jh.) sind Bannsprüche gegen nächtliche Dämonen und Krankheitsgeister dokumentiert.Diese sind vergleichbarmit den Bannformeln gegen Mahr und Drude, die in den Grimmschen Sammlungen und in Volkskundeliteratur überliefert sind.
Verbindung zum Nachtmahr
Der Nachtmahr (ahd. mara) ist ein dämonisches Wesen, das sich nachts auf die Brust des Schlafenden setzt und Atemnot sowie Albträume verursacht.
Der Trotterkopf übernimmt diese Funktion: er „sitzt“ auf dem Menschen, verursacht Beklemmung und wird durch Bannformeln vertrieben.
Damit ist er funktional identisch mit dem Mahr, aber regional anders benannt.
Verbindung zum Totengeist
In vielen Regionen der Schweiz galt der Trotterkopf nicht nur als Dämon, sondern auch als Seele eines Verstorbenen, die keine Ruhe findet.
Er konnte als „Toter, der zurückkehrt“ interpretiert werden – ähnlich wie andere Totengeister im Volksglauben.
Diese Vorstellung erklärt, warum gegen den TrotterkopfBannsprüche gesprochen wurden: man wollte nicht nur einen Dämon, sondern auch einen ruhelosen Toten abwehren.
Mischcharakter
Doppelrolle:
Als Nachtmahr → verursacht Albträume und nächtliche Beklemmung.
Als Totengeist → Ausdruck des Glaubens an unruhige Seelen, die die Lebenden heimsuchen.
Der Trotterkopf ist damit ein Hybridwesen, das beide Vorstellungen verbindet.
Diese Mischform ist typisch für den Volksglauben: Grenzen zwischen Dämonen, Hexenwesen und Totengeistern waren oft fließend.
Dort wird ein Bannspruch dokumentiert, der in der Ostschweiz gegen nächtliche Plagen verwendet wurde:
„Trotterkopf, fahr us, im Namen Jesu Christi, du sollst nimmer wider cho.“ (Idiotikon, Bd. XI, Sp. 1423f.)
Inhalt: Aufforderung an den Trotterkopf, den Menschen zu verlassen.
Form: Klassische Bannformel mit christlicher Anrufung.
Funktion: Schutz vor nächtlicher Beklemmung und Albträumen.
Volkskundliche Sammlung (19. Jh., Toggenburg)
Ein weiterer Spruch lautet:
„Trotterkopf, ich bann dich, dass du mir nit meh uf d’Bruscht sitzisch, im Namen vom Vater, Sohn und heiligem Geist.“ (Quelle: Sammlung Tobler, zitiert im Idiotikon, Bd. XI)
Inhalt: Dreifache Anrufung der Trinität.
Funktion: Abwehr des nächtlichen Drucks, der als Ursache für Atemnot und Angst gedeutet wurde.
Vergleich mit Mahr- und Drudenbann
Ähnliche Sprüche finden sich auch gegen die Mahr und die Drude, z. B.: „Mahr, Mahr, du sollst nit uf mir fahr, im Namen Jesu Christi.“
5.Die Albdrude als Verschmelzung von Albe und Drude
Im süddeutschen und österreichischen Raum entwickelte sich die Vorstellung der Albdrude, einer besonders gefährlichen Kombination aus Alb und Drude. Sie bedrohte insbesondere Frauen und Kinder und galt als Inbegriff des nächtlichen Druckdämons.
Die Albdrude ist eine Gestalt des süddeutschen und österreichischen Volksglaubens. Sie gilt als eine dämonische Mischfigur aus Alb (Nachtgeist) und Drude (Hexenwesen), die nachts Menschen bedrückt, Atemnot und Albträume verursacht und besonders Frauen, Kinder und Wöchnerinnen heimsucht.
Herkunft des Begriffs
Alb: germanischer Nachtgeist, der Albträume verursacht (vgl. engl. elf, nightmare).
Drude: weibliches Zauberwesen, das sich nachts auf die Brust setzt und Beklemmung auslöst.
Albdrude: Kombination beider Vorstellungen – ein besonders gefährlicher „Druckgeist“.
Erscheinung und Wirkung
Beschrieben als nächtlicher Druckgeist, der sich auf die Brust des Schlafenden setzt.
Verursacht Albträume, Atemnot, Beklemmung.
In manchen Regionen speziell gefürchtet als Bedrohung für Kinder, Schwangere und Wöchnerinnen.
Teilweise mit hexenhaften Zügen dargestellt: lange Nase, zusammengewachsene Augenbrauen, blasses Gesicht.
Regionale Verbreitung
Besonders im Schwabenland, Mittelfranken, Bayern und Österreich verbreitet.
In der Pfalz und Rheinhessen wurde die Albdrude später „verkleinert“ und in die Figur der Elwedritsch überführt – ein Beispiel für die Transformation von Schreckgestalten in harmlose Sagentiere.
Bann und Abwehr
Gegen die Albdrude wurden Bannsprüche und christliche Schutzformeln gesprochen, ähnlich wie gegen Mahr und Drude.
Typische Abwehrmaßnahmen: Kreuzzeichen über dem Bett, Gebete, Amulette.
Ziel: die Albdrude am nächtlichen „Drücken“ hindern und sie vertreiben.
Die Albdrude ist ein dämonisches Mischwesen aus Alb und Drude, das im süddeutschen und österreichischen Volksglauben als besonders gefährlicher Druckgeist galt. Sie verbindet die Eigenschaften des Albtraum verursachenden Nachtmahrs mit denen einer hexenhaften Drude und wurde durch Bannformeln und Schutzrituale abgewehrt.
6. Von der Albdrude zur Elwedritsch
Die Elwedritsch (Pfälzer Fabelwesen) ist im Vergleich zu Mahr, Alb, Drude, Trotterkopf und Albdrude eine humorisierte, verkleinerte und entschärfte Form der Albdrude. Während die Albdrude als gefährlicher nächtlicher Druckgeist galt, wurde sie in der Pfalz „verkleinert“ und in ein harmloses, vogelähnliches Sagengeschöpf verwandelt – die Elwedritsch.
Die Albdrude bedrohte nach Volksglauben besonders Kinder, Schwangere und Wöchnerinnen mit nächtlicher Beklemmung und Atemnot. Um den Schrecken zu nehmen, wurde die Figur im Pfälzer Volksglauben verkleinert und verniedlicht. Ergebnis: Die Elwedritsch, ein vogelähnliches, oft komisch dargestelltes Wesen, das man nicht mehr fürchtete, sondern „jagte“ (Elwedritsche-Jagd als Brauch). Die Elwedritsch zeigt, wie sich Volksglauben transformiert: Vom dämonischen Druckgeist (Albdrude) zum harmlosen Fabeltier (Elwedritsch). Dieser Prozess ist typisch: Schreckgestalten werden im Laufe der Zeit „verkleinert“ oder „verharmlost“ und in die Folklore integriert.
Wesen
Ursprung
Wirkung
Status im Volksglauben
Mahr
ahd. mara (9. Jh.)
Albträume, Druck auf Brust
Dämonisch
Alb
ahd. alb (11. Jh.)
Nachtgeist, Traumdämon
Dämonisch
Drude
mhd. trute (12.–13. Jh.)
Hexenwesen, nächtliche Plage
Dämonisch
Albdrude
Kombination Alb + Drude (mglw. 16. Jh. – Belege erst ab 19. Jh.)
besonders gefährlicher Druckgeist
Dämonisch
Trotterkopf
Schweiz, Volksglaube
Mischwesen Nachtmahr + Totengeist, mit Bannformeln
Dämonisch
Elwedritsch
Pfalz (ab ca. 17. Jh.)
humorisiertes Fabeltier, Jagdobjekt
Verharmloste Sagengestalt
Nach der sprachlichen Verkleinerung folgte die rituelle Verbannung: Die Elwedritsch wurde „in den Wald gejagt“, um sie aus der Gemeinschaft zu entfernen. Aus dem Bannritual entwickelte sich ein humorvoller Brauch: die Elwedritsche-Jagd, bei der man Fremde mit Sack und Laterne nachts auf die Suche schickte. Damit wurde die frühere Angstgestalt endgültig in die Folklore integriert und ihrer Bedrohlichkeit beraubt.
Die pfälzische Elwedritsch ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Transformation von Angstgestalten zu Folklorefiguren. Aus der gefürchteten Albdrude wurde durch sprachliche Verkleinerung und rituelle Verbannung ein harmloses Sagengeschöpf, das heute als Symbol pfälzischer Kultur gilt. Damit zeigt sich, wie Volksglaube über die Jahrhunderte Angst in Humor verwandelt und Dämonen in Fabelwesen transformiert.
7. Quellen:
Originalquellen und Zitate
Mahr
Grimm, Deutsches Wörterbuch (DWB): „ahd. mara, mhd. mar(e), ein weiblicher Nachtgeist, der den Schlafenden bedrückt.“ (DWB, Bd. 12, Sp. 1546f.)
DWDS – Etymologisches Wörterbuch: „ahd. mara f. (9. Jh.), mhd. mar(e) m./f., asächs. mara, engl. nightmare.“ Quelle: DWDS – Mahr
Forum OÖ Geschichte: „Die Drud ist, wie der Alb und der Mahr, ein nächtlicher Druckgeist, der böse Träume verursacht.“ Quelle: Forum OÖ Geschichte – Drud
Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache (24. Aufl., 2002) → „Drude, mhd. trute, Hexenwesen; möglicherweise verwandt mit trügen.“ Quelle: Kluge, Etymologisches Wörterbuch, S. 234.
Trotterkopf
Schweizerisches Idiotikon: „Trotterkopf, ein nächtlicher Druckgeist, halb Mahr, halb Totengeist; gegen ihn wurden Bannformeln gesprochen.“ (Idiotikon, Bd. XI, Sp. 1423f.)
Bannspruch (Ostschweiz, 19. Jh.): „Trotterkopf, fahr us, im Namen Jesu Christi, du sollst nimmer wider cho.“
Albdrude
Grimm, DWB: „Albdrude, eine besonders gefährliche Drude, die Frauen und Kinder bedrückt.“
Legende der Drude: „Die Drude stammt aus den Sippen der Maren und Alpdrücker und treibt als nächtlicher Druckgeist ihr Unwesen.“ Quelle: druden.de – Legende der Drude
Elwedritsch
Wikipedia – Elwetritsch: „Die Elwetritsch ist ein pfälzisches Fabelwesen, das als Verkleinerungsform der Albdrude gilt.“
Hiwwe wie Driwwe: „Weißt du nicht, daß böse Seelen nächtlich aus dem Leibe rücken, um den Menschen zu bedrücken…“ Quelle: Hiwwe wie Driwwe – Albdrud/Elwedritsch
Quellenliste
Grimm, Jacob & Wilhelm: Deutsches Wörterbuch, diverse Bände (Leipzig, 1854–1961).
Schweizerisches Idiotikon, Bd. XI (Zürich, 1881ff.).
DWDS – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache: Mahr.
Wikipedia: Nachtalb.
Forum OÖ Geschichte: Die Drud/Trud.
Druden.de: Legende der Drude.
Wikipedia: Elwetritsch.
Hiwwe wie Driwwe: Das wahre Wesen der Elwedritsch.
Literatur
Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24. Aufl. Berlin/New York: de Gruyter, 2002.
Grimm, Jacob & Wilhelm: Deutsches Wörterbuch. Leipzig, 1854–1961.
Schweizerisches Idiotikon: Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache. Zürich, 1881ff.
Röhrich, Lutz: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Freiburg, 1991.
Bächtold-Stäubli, Hanns: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Berlin/Leipzig, 1927–1942.
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Weißt du nicht, daß böse Seelen Nächtlich aus dem Leibe rücken, Um den Menschen zu bedrücken Und zu treten und zu quälen, Wenn er auf dem Rücken ruht? Lautlos durch verschloss’ne Türen Immer näher siehst du’s kommen, Zauberhaft und wunderlich. Und dir graust es vor dem Dinge, Und du kannst dich doch nicht rühren, Und du fühlst dich so beklommen, Möchtest rufen, wenn’s nur ginge, Und auf einmal hat es dich. (Wilhelm Busch)
Das Buch “Elwedritsche – Dunkle Gefährten” ist erschienen und kann über den Buchhandel bezogen werden, zum Beispiel hier.
Ergänzende Informationen zum Buch inklusive Literatur- und Quellenverzeichnis, zusätzliche Videos und interessante Links zum Thema erhält man, wenn man hier klickt: www.paelzer-elwedritsche.de
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Eine Albdrude, aus der die Elwedritsch (oder Elwetritsch)entstand
Es ist ein verstörendes Bild: Eine schwarze Katze mit Menschenhänden, Vampirzähnen und Fledermausflügeln bemächtigt sich des größten Schatzes einer Familie: des kleinen, unschuldigen Kindes. Warum? Die einfache Antwort ist: Neid. Hinter dem weiblichen Dämon steckt ein Wesen, das unfruchtbar ist und anderen Frauen ihre Fruchtbarkeit neidet. Was verbirgt sich hinter der Fratze? Es ist eine Albdrude, deren Geschichte mindestens bis in die Zeit der mesopotamischen Hochkulturen zurückreicht. Dort wurde in Keilschrifttexten erstmals fassbar, dass Menschen sich vor der Nacht und dem schädigenden Einfluss von Dämonen fürchteten. Diese brachten Krankheit und Tod. Die regionalen Nachbarn – indoeuropäische Gesellschaften wie Perser und Mitglieder jüdischer Gemeinden – übernahmen die Angst und gaben sie in ihren Kulturen von Generation zu Generation weiter. Durch indoeuropäische Migrationsbewegungen erreichte der Glaube Mitteleuropa, wo man im deutschen Sprachraum zunächst von Alben, später von Druden sprach. Im jüdischen Kontext erreichte derselbe Glaube ab dem 10. Jahrhundert die SchUM-Städte Mainz, Worms und Speyer. Juden hatten dem Schrecken einen anderen Namen gegeben: Lilith. Eine Figur aus dem alten Testament, vor der man sich fürchtete und schützte. Hier im Rheintal traf sich in den Bräuchen christlicher wie jüdischer Nachbarn wieder, was tausende Jahre zuvor im fruchtbaren Halbmond seinen Anfang genommen hatte: die Angst vor der Nacht und dem Dämon, der Kinder nimmt und auch Schwangere und Wöchnerinnen tötet. Abhilfe schaffte, den Dämon zu verkleinern: Aus der Albdrude wurde die Elbedritsch. Anschließend jagte man sie in den Wald … mehr Infos zum Thema findet man hier: www.elwedritsch.de
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Veröffentlicht amSeptember 3, 2025vonMichael Werner|Kommentare deaktiviert für Eva in die Küche – Lilith in den Pfälzerwald!
Frauen-Rollenbilder im 20. Jahrhundert – der ewige Kampf zwischen Lilith und Eva – und was das mit Elwedritschen zu tun hat
Dass Geschichte von Männern gemacht wird, ist eine Binse – und dennoch ebenso wahr wie relevant. Es ist ein wenig wie im Geschäftsleben oder im Verein: Wichtig ist, wer das Protokoll eines Meetings schreibt, denn er bestimmt den Duktus des Textes.
Frauen zogen hier in der Geschichte immer den Kürzeren. Beispiel gefällig? Nehmen wir das Alte Testament. Dass das weibliche Geschlecht in dem von Männern verfassten Text besonders gut weggekommen ist, würde niemand behaupten. Und die Gründe liegen auf der Hand: Seit der Umstellung der Lebensweise von Sippen von Jägern und Sammlern zu Bauern und Viehhirten mussten Ressourcen – Äcker und Weiden – verteidigt werden. Es war klug, dass die Söhne eines Stammvaters in der Nähe blieben. Und so hatten die Ehefrauen dieser Söhne eben in die Haushalte ihrer Ehemänner umzuziehen. Das war auch die Geburtsstunde der „bösen Schwiegermutter“.
Was das mit Elwedritschen zu tun hat? In der Bibel gibt es viele Frauenbilder – davon zwei, die sich diametral gegenüberstehen (in der jüdischen Tradition besser erhalten als in der christlichen): Eva und Lilith. Nach jüdischer Lesart war Lilith die erste Frau Adams. Erst als es krachte und Lilith auszog (in die Wüste), erschuf Gott Eva. Und diesmal machte er es – aus Sicht des Patriarchats – besser: Eva ist die Adam untergeordnete, die sich nicht beklagt. Lilith hingegen ist die, die mitbestimmen wollte – auch sexuell. Deshalb musste sie weg. Dann wurde sie verteufelt. Denn sie, die keine Kinder hatte, wurde fortan als Dämonin verunglimpft, die braven Ehefrauen die Säuglinge entreißen wollte – oder die brave Ehefrau als Schwangere bzw. Wöchnerin gleich mit. Ihr Name war Tod, und man versuchte sich in den Familien vor ihr zu schützen: mit Symbolen, Ritualen und Beschwörungsformeln.
Das Motiv war so stark, dass es sich einen Weg durch 4000 Jahre Kulturgeschichte fräste. So landete Lilith im Rheintal in den Städten Mainz, Worms und Speyer. Dorthin kam sie im Mittelalter mit der jüdischen Kulturgeschichte (SchUM-Städte) ebenso wie über den – längeren und komplizierteren – indoeuropäischen Weg, der sich über viele Generationen von Persien nach Europa zog. Und immer in der Geschichte versuchte man sich Lilith vom Leib zu halten oder sich ihrer gleich ganz zu entledigen. Die erfolgreiche Strategie war letzlich simpel: Man machte sich ein Bild von ihr, nannte sie beim Namen, schrumpfte sie gedanklich und jagte sie wortwörtlich „zum Teufel“ – in unseren Breiten in Ermangelung einer Wüste in den Pfälzerwald.
Im jüdischen Kontext blieb Lilith all die Zeit Lilith. Im Christentum hatte sich der Name zwischenzeitlich verändert. Hatte man bei den Germanen noch von „Alben“ gesprochen, die nächtlich Schlafende quälen und Frauen, Männern und Kindern in der Familie zur Gefahr werden konnten, sprach man ab dem späten Mittelalter von „Druden“ bzw. „Albdruden“. Die Verkleinerung des Bösen machte aus der Albdrude die „Elwedritsch“ – und so wie die Lilith des Alten Testaments an einen Ort fernab der Gesellschaft entfleuchte, schickte man die Elwedritsch an einen ebenso einsamen Ort: den einsamen und dunklen Forst.
Nach dieser Lesart könnte man eine Elwedritsche-Jagd auch als männlichen Versuch verstehen, vielleicht im Wald im Rahmen einer Jagd eine attraktive, verführerische Alternative zur „besten Ehefrau von allen“ (Ephraim Kishon) zu erhaschen. „Es ist vergeblich“, sagt der pfälzer Volksmund. Weil: Eine bessere Frau als die eigene Ehefrau gibt es – natürlich – nicht. So weit, so banal.
So gesehen ist die Elwedritsch natürlich weder ein Fabeltier noch ein fantastisches Tierwesen. Sie ist – im Guten wie im Schlechten – Ausgeburt einer kranken Männerfantasie. Jetzt könnte man das alles vielleicht ertragen, wenn die Zeiten heute andere wären und die alte Geschichte eben genau das: eine Geschichte, die vorbei ist.
Aber das Frauenbild, das heute von rechten Gruppen in westlichen Gesellschaften und autokratischen Herrschern überall in der Welt propagiert wird, geht eben oft in genau diese Richtung. Das Schlimmste ist, dass manche junge Frauen bei dieser Entwicklung auch noch mitmachen. Kennen Sie das Phänomen der „Tradwives“? Das sind Frauen, die sich im 21. Jahrhundert rückbesinnen auf das Frauenbild der Wirtschaftswunderzeit. Sie bekochen und bebacken ihre Partner, bleiben zu Hause und sind dabei glücklich. Hier kann man sich das einmal anschauen, wie das aussieht. Es ist eigentlich nicht zu glauben.
Und deshalb hat das Phänomen „Elwedritsche“ auch eine aktuelle gesellschaftlich-politische Komponente. Im Grunde müsste das vermeintliche Hühner-Elfen-Fabeltierwesen Lilith wütend aus dem Pfälzerwald herauskommen und auf die Barrikaden gehen. Es ist Zeit!
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Veröffentlicht amAugust 24, 2025vonMichael Werner|Kommentare deaktiviert für Ende Legende: Hinter Elwedritschen steckt Lilith!
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Von Michael Werner
Die Katze ist aus dem Sack: Hinter der Elwedritsch verbirgt sich weder ein Fabeltier noch ein fantastisches Tierwesen. Vor ihrer Verwandlung in eine scheue, harmlose Waldbewohnerin war sie ein furchterregender weiblicher Dämon, vor dem die Menschen sich nachts fürchteten: Sie tötete kleine Kinder, Schwangere und Wöchnerinnen – allein schlafenden Männern wurde sie ebenfalls zur Gefahr. Man schützte sich mit Ritualen, Symbolen und manch einem Talisman. Es half nichts. Von ihrem Ursprung in Mesopotamien zog sie sich auf zwei Routen durch die Kulturgeschichte: Zum Einen wanderte sie mit indoeuropäischen Bauernvölkern von Persien aus nach Westen bis Portugal und nach Osten bis Indien. Zum Anderen verschaffte sie sich Eingang in die hebräisch-aramäische Kulturgeschichte. Über Tora und Talmud übersiedelte sie mit Juden ins Römische Reich und tausend Jahre später ins Rheintal. Da hatte sie auch schon Spuren in der Kabbala hinterlassen. Am Rhein trafen sich der indoeuropäische und der hebräisch-aramäische Strang wieder: in Mainz, Worms und Speyer. Christliche wie jüdische Nachbarn fürchteten sich vor dem gleichen nächtlichen Dämon. Ihre Abwehrhandlungen machten über einen längeren Zeitraum aus der übermächtigen Lilith ein harmloses Hühnertier, das man in den Wald verbannte. Die Elwedritsch war geboren …
Erhalten Sie die aktuellen Auftritts- und Vortragstermine von Michael Werner hier: info@hiwwe-wie-driwwe.de
Aktuelle Termine:
27. März 2026: Abschlussveranstaltung des 1. Rheinhessischen Mundart-Festivals mit allen Beteiligten in der Neubornhalle Wörrstadt, 20 Uhr (Info: kulturkreis-woerrstadt.de)
16. April 2026: Michael Werner präsentiert "Das Geheimnis der Elwedritsche" in Otterstadt (Remigiushaus, 19 Uhr)
17. April 2026: Bockenheimer Mundarttage: Harald Schneider präsentiert sein Buch "Totgebabbelt", Weingut Griebel, Weinstraße 50, 19 Uhr. Eine Veranstaltung der Pfälzischen Mundart-Stiftung
18. April 2026: Bockenheimer Mundarttage: Mundart-Werkstatt (Vormittag) und 2. Pälzer Prosa Wettbewerb (Nachmittag), Weingut Griebel
9. Mai 2026: Michael Werner präsentiert "Das Geheimnis der Elwedritsche" (Musikalische Lesung). Theater Alte Werkstatt, Frankenthal
5. Juni 2026: Michael Werner präsentiert "Das Geheimnis der Elwedritsche" (Musikalische Lesung) beim Saarländischen Genealogentag
19. September 2026: Michael Werner begleitet eine Kulturveranstaltung des HuK Undenheim e.V. mit pennsylvanisch-deutschen Liedern
17. Oktober 2026: 74. Pfälzischer Mundartdichter-Wettstreit in Bockenheim. Festzelt, ab 14 Uhr.
23. Oktober 2026: Multimedia-Vortrag zum Thema "Der Elwedritsche-Code" in Undenheim; Heimatmuseum, 19 Uhr.
Macht mit beim "Pälzer Prosa Preis 2026". Einsendeschluss ist am 1. Februar 2026. Der Wettbewerb findet am 18. April 2026 statt.
Mundarttage Bockenheim 2026
Die Mundart-Werkstatt für pfälzische Nachwuchsautorinnen und Autoren. Termin: 18. April 2026. Bewerbungen sind bis 1. Februar 2026 möglich. Bitte dem Link folgen ...