Monatsarchiv: Oktober 2024

Matthias Zech gewinnt Mundartdichterwettstreit 2024 in Bockenheim

Mit „des derf mer doch net“ gewann Matthias Zech den Mundartdichterwettstreit 2024 in Bockenheim

Matthias Zech aus Speyer fand mit mit seinem Text „des derf mer doch net“ beim 72. Pfälzischen Mundartdichter-Wettstreit am vergangenen Samstag die Anerkennung von Jury und Publikum gleichermaßen. Die beiden getrennten Abstimmungen führten zum selben Ergebnis: Zech hat mit dem Gedicht über die Klage einer Tochter über das Verhalten ihrer hochbetagten Mutter offensichtlich einen Nerv getroffen und entschied den Wettbewerb für sich. Auf Rang 2 landete der im Elsass lebende Südpfälzer Wilfried Berger mit „drauss uff’m dach“. Hier wünscht sich ein Kranker im Krankenhaus, wie die Amsel vor dem Fenster seiner Lebenssituation entfliehen und einfach fortfliegen zu können. Auf Rang 3 landete Norbert Schneider aus Rehborn mit „koschbarkääde“, einem Text über Demenz. Die Themen Alter und Krankheit landeten damit auf dem Siegerpodest.

Hans-Ulrich Ihlenfeld, Landrat des Landkreises Bad Dürkheim, heißt die Gäste im Festzelt in Bockenheim willkommen. Im Hintergrund: Dr. Michael Werner (Moderator), Weingräfin Sarah I. des Leiningerlands und Ortsbürgermeister Uli Keidel

Den „Dr. Wilhelm Dautermann-Preis 2024“ für eine mundartliche Erstveröffentlichung erhielt Rudy Kupferschmitt für sein Buch „Heimatliches und Befremdliches“, den „Preis fer Neie“ Angelika Futterer für ihr Gedicht „Rhoiwasser mit Balge …“. Den „Hiwwe wie Driwwe Award 2024“ für einen Text in pennsylvanisch-deutscher Mundart erhielt Edward Quinter aus Allentown (Pennsylania) mit „Em Iemker sein Winsch“.

Im Frühjahr hatte der Förderkreis Mundart Bockenheim e.V. ein „Bockenheimer Manifest für Vielfalt und Toleranz“ verfasst, dem sich bis Redaktionsschluss über 180 pfälzische Künstlerinnen und Künstler anschlossen. Zum Wettbewerb war deshalb des Sonderthema „bloss net nochemol – #niewiederistjetzt“ ausgeschrieben. Das Publikum entschied sich unter den drei ausgezeichneten Texten für Cornelius Molitors Gedicht „beizeit“, der sich mit dem Thema „Stolpersteine“ befasst.

Herzlichen Glückwunsch an alle – das Bild mit allen Siegerinnen und Siegern des Jahrgangs 2024.

Die musikalische Umrahmung übernahm Scott Reagan aus Nazareth (Pennsylvania), der im Rahmen der „Hiwwe wie Driwwe Tour 2024“ für mehrere Konzerte in der Pfalz gastierte. Überraschungsgäste waren neben rund 200 Einheimischen – unter ihnen Landrat Hans-Ulrich Ihlenfeld – auch etwa ein Dutzend Amerikaner, die mehrheitlich pennsylvanisch-deutsche Mundart sprachen. So hatten die Anwesenden Gelegenheit zu testen, wie gut sich Pfälzisch und Pennsylvania-Deutsch für ein gemeinsames Gespräch eignen. Es klappte in vielen Fällen überraschend gut.

Francis D. Kline – Der Netzwerker

Francis D. Kline war ein wichtiger Netzwerker und Multiplikator der pennsylvanisch-deutschen Community (2005)

Eine Würdigung

Francis D. Kline (1937-2013) brachte Menschen zusammen. Als „Schulmeeschter“ von Pennsylvania German Classes, Sänger und Organisator des „Dolpehocken Saenger Chors“ und Mitstreiter in der Bewegung der Dialekt-Versammlungen und Groundhog Lodges sowie als Mitglied in der Pennsylvania German Dialect and Culture Society fand man Francis immer dort, wo die deitsche Mundart in Pennsylvania gepflegt wurde.

Verheiratet war er über 50 Jahre lang mit Marianne Müller, die aus Chemnitz stammte und als kleines Kind nach dem Krieg in die Vereinigten Staaten gekommen war. Deutsch sprach sie nicht mehr. Die beiden waren ein klasse Team, das unter anderem einen monatlichen E-Mail-Newsletter herausbrachte, der wirklich alle relevanten Neuigkeiten rund um das Pennsylvanisch-Deutsche enthielt – einschließlich der Jahrestage und Geburtstage von Mitgliedern der verschiedenen Vereinigungen.

Marianne (im Vordergrund) und Francis bei einem Kulturfrühstück in „Risser’s Restaurant“ (2012)

Wenn ich heute davon spreche, dass ich über die vergangenen 30 Jahre mit hunderten Menschen gesprochen und sie interviewt habe, muss ich sagen, dass einer meiner wichtigsten Multiplikatoren in Berks County Francis D. Kline war. Er wusste, wen ich zu welchem Thema ansprechen konnte. Also fuhr ich hin und machte Aufnahmen oder Mitschriften.

Sehr lustig war, als er mir erzählte, dass seine Vorfahren aus dem Ort Ulmet bei Kusel in der Westpfalz kamen. In diesem wirklich kleinen Ort ist auch unsere Familie bis ins 16. Jahrhundert zurück stark verwurzelt. Und Auswanderer hat es von hier nach Gnadenhutten in Ohio verschlagen – einem pennsylvanisch-deutschen Sprachgebiet im westlichen Nachbarstaat von Pennsylvania. Gemeinsame Vorfahren fanden wir jedoch nicht. Die „Kleins“ waren erst Ende des 17. Jahrhunderts aus der Region des heutigen Saarlands zugezogen und haben den Ort bereits Anfang des 18. Jahrhunderts mit den ersten großen Auswanderungswellen in Richtung Pennsylvania wieder verlassen.

Wenn ich in Pennsylvania war, reiste ich manchmal wie ein Groupie tagelang den Veranstaltungen des „Dolpehocken Saenger Chors“ hinterher. Die älteren Damen in der Gruppe freuten sich immer, wenn ich da war, und ich wurde wirklich auch immer gut betreut. Einmal pro Monat gestaltete der Chor die „Pennsylvanisch-Deitsch Schtunn“ im „Berks County TV“ (BCTV). Auch dort war ich oft mit zu Gast.

Der Dolpehocken Saenger Chor im „Berks County TV“ in Reading im Jahr 2002 (mit Francis, 2. v. rechts)

Wenn ich darüber nachdenke, muss ich sagen, dass Chöre eine hervorragende Möglichkeit darstellen, sich wieder mit seiner eigenen Kultur zu verbinden. Man muss nicht fließend Pennsylvanisch-Deutsch sprechen können, um pennsylvanisch-deutsch zu singen. So gesehen leistete der Chor über viele Jahre eine hervorragende Arbeit – auch durch die Gestaltung von Mundartgottesdiensten.

Wenn ich mir jetwas wünschen dürfte, wäre es vielleicht das: Dass ein junger Mann oder eine junge Frau in die Fußstapfen von Francis D. Kline tritt und gemeinsam mit anderen einen Chor aufbaut, der aufgrund seines Programms auch Jüngere anzieht. Ich werde dafür werben.

Scott Reagan – Der „Blobariyer“

Scott Reagan: Der „Blobariyer“ aus Nazareth (PA)

Zum Abschluss der „Hiwwe wie Driwwe Palatinate Tour 2024“

Scott Reagan (Jahrgang 1994) hatte ich erstmals 2022 auf dem Kutztown Folk Festival persönlich getroffen. Im Mail-Austausch waren wir zuvor schon gewesen. Wir kamen am Rande eines meiner Konzerte auf der „Main Stage“ miteinander ins Gespräch. Ich wusste: Er arbeitet für Martin Guitars, macht selbst Musik und spricht neben Pennsylvania Dutch auch Hochdeutsch, weil er für eine gewisse Zeit in Würzburg studiert hat.

Doug Madenford, Emily und Scott Reagan und Michael Werner 2022 auf dem Kutztown Folk Fest

Ich fragte ihn konkret, ob er sich vorstellen könnte, neben seiner englischen Musik einmal ein Programm in Pennsylvania Dutch zusammenzustellen und nach Deutschland zu kommen, um es im Rahmen einer „Hiwwe wie Driwwe Palatinate Tour“ vorzustellen. Seit 2008 lade ich Künstler aus den USA ein, die Kultur der Nachfahren überwiegend kurpfälzischer Auswanderer bei uns zu präsentieren.

„Mol sehne“ war die Antwort, und um so erstaunter war ich, als er mit Videos seiner ersten selbst geschriebenen Stücke auf mich zukam. Mir war sofort klar: Hier entsteht etwas Besonderes. Denn einerseits ist Scott ein hervorragender Gitarrist, und andererseits hat er den Anspruch, die Kultur seiner Vorfahren in selbst geschriebenen Liedern vorzustellen. Das Ergebnis, das wir jetzt im Oktober 2024 in Ohrenschein nehmen durften, ist beeindruckend. Er spielte in Ober-Olm, Oberalben, Bockenheim und Altrip – und alle waren hellauf begeistert.

Scott Reagan beim 18. Deutsch-Pennsylvanischen Tag im Oktober 2024 in Altrip

In Altrip während des 18. Deutsch-Pennsylvanischen Tages konzertierte er gemeinsam mit den „Pälzer Krischern“, die schockverliebt für sich entschieden, nach Kutztown auf die Bühne zu wollen. Mal sehen, ob wir das hinbekommen. Scott wurde von seinen Eltern begleitet, und beim 72. Pfälzischen Mundartdichter-Wettstreit waren noch weitere Pennsylvania-Deutsche zu Gast: Prof. Dr. Hiram Smith mit Frau und zwei Freunden sowie der in Frankenthal wohnende Erich Mace aus Berks County mit Familie und Mutter aus Pennsylvania. So hatten wir in Bockenheim rund ein Dutzend Sprecher des Pennsylvania-Deutschen unter uns.

An diesem Samstag beim Mundartdichter-Wettstreit erzählten mir zwei Menschen zwei Geschichten: Scott Reagan sprach von seinem Großvater, der während des 2. Weltkrieges als Schütze in Jagdbombern der US-Armee auch Ziele in der Rheinebene bombardierte. Und der 87-jährige Karl Scherer, der während unserer Jurysitzung erzählte, wie er 1945 als 7-jähriger Schüler in Achern im Schwarzwald (nicht weit von Strasbourg) von den Splittern einer Granate lebensgefährlich verletzt wurde. So eng können Menschen mit ihren Lebensgeschichten miteinander verwoben sein.

Ich hoffe, Scott ist ebenso begeistert von dieser Reise, wie wir alle in Deutschland es sind – und macht weiter auf dem Weg, die Kultur und Sprache seiner Vorfahren in Musik zu packen. Einen Künstlernamen hat er sich schon ausgesucht: „Der Blobariyer“ – der von den „Blue Ridge Mountains“ kommt, den „Blauen Bergen“ …

Der Pälzylvanier

Pennsylvania vor der US-Wahl 2024

Doug Madenford erklärt in einem spannenden Interview mit Jean-Luc Busch vom Sender „RheinlOKal Worms“ die besondere Situation, die der Staat Pennsylvania im amerikanischen Wahlsystem spielt. Unbedingt ansehen.

Historic Trappe News

Der „Hiwwe wie Driwwe Drucker“ meent: Geht datt mol anne!

Scott Reagan auf Hiwwe wie Driwwe Tour 2024: Download der Liedtexte

Pennsylvanisch-Deutsch und Pfälzisch sind ähnlich, aber nicht gleich. In 300 Jahren Trennung haben sich die Mundarten auch unterschiedlich weiterentwickelt. Deshalb bieten wir hier die Möglichkeit, die Songtexte von Scott Reagan als PDF herunterzuladen. Viele haben uns in den vergangenen Jahren die Rückmeldung gegeben, dass das Mitlesen der Songtexte sehr hilfreich ist:

So einfach geht’s: Einfach klicken und das jeweilige PDF öffnen bzw. herunterladen. Viel Spass!

Noah G. Good – Der Archivar

Noah G. Good (1904-2002) mit einer Ausgabe des Büchleins „Pennsylvanisch Deitsh – De Campain Breefa fum Pit Schwefflebrenner un de Bevvy, si Alty. Gepublished olly Woch im Father Abraham“ (1868). Es ist die erste pennsylvanisch-deutsche Publikation überhaupt.

Eine Würdigung

„Ich wuhn net weit vun do. Sei net bang!“ Noah musste mein entsetztes Gesicht gesehen haben, als er mir mit einer Handbewegung deutlich machte, dass er mich in seinem Auto mit nach Hause zum Mittagessen nehmen wollte. Es war Sommer 1994, und an Weihnachten sollte der nette ältere Herr seinen 90. Geburtstag feiern. Ich war in der Tat erschrocken, dass er noch Auto fahren wollte. Aber ich stieg ein, und so fuhren wir von der damaligen „Mennonite Historical Society“ am Lincoln Highway in Lancaster in die Millstream Road, wo er wohnte. Es war eine Nebenstraße ohne Verkehr, er fuhr sehr langsam – und nach etwa 500 Metern waren wir am Ziel. Ich war beruhigt!

Mit Noah G. Good hatte ich seit 1993 im Briefverkehr gestanden. Er war in seinem Arbeitsleben Schulleiter einer mennonitischen Schule in Lancaster County gewesen, war ein recht bekannter mennonitischer Prediger und schrieb immer wieder Geschichten in Pennsylvania-Deutsch im „Mennonite Quarterly“. Deshalb lernten wir uns kennen.

Netzfundstück aus dem Jahr 1939: In der „Reading Times“ sind Persönlichkeiten des Landkreises dargestellt – unter anderem der damals 35jährige Noah G. Good.

Als ich ihm in jenem heißen Sommer 1994 erstmals die Hand schüttelte und er zu reden begann, hätte ich schwören können, Kaiserslauterer Dialekt zu hören. Ich selbst bin familiär im Leiningerland verwurzelt und kann das recht gut einordnen. Da war kein englischer Akzent, kein englisches Lehnwort außer denen, die schon vor so langer Zeit in die Mundart übernommen wurden, dass sie nicht mehr als fremd wahrgenommen werden wie: „dschumbe“ (to jump = springen), „yuuse“ (to use = verwenden) oder „ferschur“ (for sure = gewiss). „Die gehne so mit nei“, sagte er, als ich ihn einmal darauf ansprach.

Meine eigenen Großeltern waren zwischen 1903 und 1914 geboren. Zu dieser Generation gehörte Noah. Sein Geburtsjahrgang war 1904, und für mich war und blieb er der am frühesten geborene Pennsylvania-Deutsche, den ich je persönlich kennenlernte – und der Älteste, mit dem ich je in Mundart sprach. Noch kurz vor seinem Tod im Jahr 2002 war ich mit ihm in Kontakt. Da war er fast 98 Jahre alt.

„Mennonite Life – Experience History & Culture“ am Lincoln Highway in Lancaster. Früher stand hier das Schild „Mennonite Historical Society“.

In der „Mennonite Historical Society” (heute “Mennonite Life”) arbeitete er als Freiwilliger noch immer in der Bibliothek, katalogistierte Materialien und betrieb genealogische Studien. Jedes Mal, wenn ich in diesem Zentrum im Eingangsbereich an der Rezeption stand, ließ man ihn über die hauseigene Lautsprecheranlage rufen: „Noah, there is a visit for you from Germany!“ Wir sprachen lange und viel, und ich nahm seine Geschichten auch auf Tonband auf.

Noah G. Good stand im Kontakt mit Mennoniten in der Pfalz und war wohl einige Male auch in der Heimat seiner Vorfahren gewesen. Dabei kommt die Familie Guth ursprünglich – wie alle Mennoniten – aus der Schweiz. Nach dem 30jährigen Krieg hatten sie sich auf der Flucht vor Verfolgung in der Pfalz niedergelassen, bis die meisten dem Ruf William Penns nach Pennsylvania folgten.

Einige seiner Geschichten für den „Mennonite Quartely“ hatte er auf Band aufnehmen lassen. Die „Slow Speed Henner Schtoris“. Sprachlernenden sollten die Audio-Mitschnitte eine Hilfe sein. Im Gebäude der damaligen „Mennonite Historical Society“ finden mindestens seit Anfang der 1990er Jahre regelmäßig pennsylvanisch-deutsche Dialektkurse statt. Die Mennoniten achten darauf, gute Lehrer zu beauftragen. Deshalb kann man hier die Mundart wirklich gut lernen. Die „Schüler“ kommen zum Teil von weit her, nehmen bis zu 100 Kilometern Anreise in Kauf.

Noah G. Good besuchte ich zwischen 1994 und 2002 immer wieder. Er war ein wirklich netter Mensch und sehr wertvoller Kontakt. Und immer, wenn ich an ihn denke, habe ich die blecherne Stimme der hauseigenen Lautsprecheranlage im Ohr: „Noah, please come to the counter, there is a visit for you!“

Der Pälzylvanier