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Es alte Land – warum man in Pennsylvania die Pfalz nicht kennt

Charta Palatina des Mannheimer Hofastronomen und Kartographen Christian Mayer (1719-1783), Farb-Lithographie Mannheim 1774-1776 (Universitätsbibliothek Heidelberg lizensiert via CC-BY-SA 4.0).

Von Michael Werner

Man kann immer wieder lesen, die Vorfahren vieler Pennsylvania-Deutscher seien aus der Pfalz ausgewandert – „Palatinate“ oder „Lower Palatinate“ heißt die Gegend dann in englischen Artikeln. Das ist bestimmt nicht falsch, aber auch nicht wirklich richtig. Denn das, was wir heute als Pfalz verstehen, also der südliche Teil des Landes Rheinland-Pfalz, existierte so im 18. Jahrhundert nicht.

Mannheim war bis 1777 die Hauptstadt der Kurpfalz, deren Territorien unter anderem auch die Oberämter Alzey, Bacharach, Kreuznach, Oppenheim, Simmern, Stromberg, Veldenz, Heidelberg, Ladenburg, Umstadt (bei Darm­stadt) und Mosbach (Odenwald) umfasste. Kurz: Die Pfalz damals reichte weit über die heutige Pfalz hinaus. Sie war ein Staat mit einiger Bedeutung, hatte sogar die Kurwürde, also das Recht, den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation mitzuwählen.

1778 wurde die Hauptstadt nach dem Aussterben der bairischen Wittelsbacher im Zuge einer Erbabwicklung von Mannheim nach München verlegt. Die Kur­pfalz war im neu entstandenen Herzogtum Pfalz-Baiern aufgegangen. 1792 wurden die linksrheinischen Teile von französischen Revolutionstruppen be­setzt und 1798 auch völkerrechtlich französisch, was sie bis 1814 blieben. Danach bekam Bayern die linksrheinischen Territorien zugeschlagen. Sie hießen nun „Rheinbaiern“ (später Rheinpfalz bzw. Pfalz genannt). Damit war die Landkarte komplett neu gezeichnet: Es gehörten Landstriche zur Pfalz, die niemals kurpfälzisch waren, z. B. Speyer. Auf der anderen Seite hatten viele rechtsrheinische Gebiete sowie linksrheinische Gebiete nördlich von Frankenthal und Grünstadt neue – hessische – Herren gefunden.

Wie überhaupt: Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Landes­herren ab dem Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert hinein Territorien kauften, verkauften, verpfändeten oder verschenkten, als seien es Äcker in ihrem Besitz. Und was sich auf diesen Äckern befand – nämlich die Menschen – wurde ent­sprechend mit verschachert. Insoweit handelte der Adel seinerzeit ein wenig so wie Landwirte heute, wenn sie über ihr Eigentum verfügen.

Für die Pennsylvania-Deutschen macht das die Sache unübersichtlich. Wie alle Amerikaner lieben sie Familienforschung. Da kann es sein, dass Unterlagen in ihrem Besitz sie in die Irre führen. Etwa, wenn es heißt, ein Vorfahr sei 1830 aus Bayern eingewandert – nämlich aus Edenkoben. Oder ein Ahne sei 1745 aus der „Pfaltz“ gekommen, genauer gesagt, aus Sinsheim.

Der Begriff „Palatinate“ existiert im Englischen, aber die Menschen verbin­den meist keine spezielle Region mit ihm. Sprechen Pennsylvania-Deutsche von der Heimat ihrer Vorfahren, hört man meist: „Mei Voreldre sinn aus em alte Land kumme“. Oder „Mei Voreldre waare deitsch“. In einer englischen Unterhaltung fallen Begriffe wie „Rhine Valley“ und „South-Western Germany“. Mehr wissen sie nicht, weshalb sie auch nicht ahnen, dass sie heute mit Menschen links und rechts des Rheins viel mehr verbindet, als sie denken: eine gemeinsame Geschichte, eine ähnliche Mundart und vergleichbare kulturelle Muster. Und deshalb sind sie in Pennsylvania auch immer ebenso erstaunt und erfreut, wenn sie jemandem begegnen, der sie quasi in ihrer Muttersprache anspricht. Oft können sie es überhaupt nicht glauben – vor allem die „Amish“. „Was saagscht?“, wird ungläubig gefragt, oder „Saag’s widder!“

Nach zwei oder drei weiteren Sätzen ist dann meist klar, ob eine Unterhaltung in „deitsch“ funktioniert. Und wenn, dann hat man als Deutscher mit (kur-)pfälzischen Wurzeln wirklich einen entscheidenden Vorteil. Man kann diese Menschen kennenlernen wie kaum jemand sonst. Jedenfalls, wenn man nicht hochdeutsch spricht.

Ein guter Bekannter, der 2001 im Alter von 87 Jahren verstorbene Carroll Bingaman aus Reading (PA) mit Vorfahren aus Edenkoben, war seit einem ers­ten Besuch in Deutschland als junger Mann ab den 1950er Jahren jedes Jahr immer wieder in die Pfalz gekommen. Er war unverheiratet, und irgendetwas zog ihn immer wieder in die Heimat seiner Vorfahren.

Als ich ihn kennenlernte, war er schon 80 Jahre alt und sagte jedes Mal beim Abschied von Deutschland: „Des war es letscht Mol, ass ich do waar. Neegscht Yaahr kumm ich nimmie.“ Und ein Jahr danach läutete das Telefon, und am anderen Ende sagte eine Stimme: „Ich bin widder do!“

Wasserturm Mannheim (Quelle: Wikipedia)

Carroll erzählte mir einmal von seiner Lieblingsbeschäftigung. Er sagte, er sitze oft einen ganzen Nachmittag im Park am Mannheimer Wasserturm auf einer Bank und erzähle mit älteren Damen. Dann frage er immer: „Was meenscht du, wu ich herkumm?“ Und wenn die Antwort dann zum Beispiel war: „Ich weess net, Sie sinn net vun Mannem, awwer vielleicht vun Franke­dahl, gell?“ – dann freute er sich wie ein kleines Kind. Er jedenfalls hatte seine Pfalz wiedergefunden.

“Pälzer Krischer” gehen auf Pennsylvania-Tour

Im Oktober letzten Jahres fand in Altrip bei Ludwigshafen ein besonderes musikalisches Ereignis statt. Die deutsche Folk-Band “Pälzer Krischer” und der amerikanische Folk-Musiker Scott Reagan (aus Nazareth, PA) standen beim 19. Deutsch-Pennsylvanischen Tag zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne und trugen Volkslieder in Pennsylvania Dutch und in pfälzischer Mundart vor.

Es war nicht nur ein großer Spaß für die Musiker, sondern auch für das begeisterte deutsche Publikum, das sich gut unterhalten fühlte und fasziniert feststellte, wie ähnlich das Pennsylvania Dutch dem Pfälzischen ist – selbst nach 300 Jahren Trennung. Die Veranstaltung war vom Heimat- und Geschichtsverein Altrip e.V. in Zusammenarbeit mit dem Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreis e.V. organisiert worden. Unterstützt wurde das Event von der Atlantischen Akademie Kaiserslautern.

Unmittelbar nach dem Konzert wurde die Idee geboren, das Konzert in Pennsylvania zu wiederholen, wo viele Menschen Vorfahren haben, die im 18. Jahrhundert aus der Pfalz in die neue Welt gezogen waren. Die pfälzisch-pennsylvanische Zeitung “Hiwwe wie Driwwe” lud die Band ein, die Reise im Rahmen der Konzertreihe “Hiwwe wie Driwwe Pennsylvania Tour” durchzuführen. Unter diesem Label treten seit einigen Jahren Künstlerinnen und Künstler als Botschafter der Pfalz in Pennsylvania auf. Vier Konzerte an unterschiedlichen Orten sind im Sommer 2025 geplant.

Scott Reagan und die “Pälzer Krischer” freuen sich darauf, die Zuhörer in Pennsylvania im Juni 2025 mit einer besonderen Mischung aus Volksmusik zu unterhalten, die aus pennsylvanisch-deutschen Volksliedern, Liedern in pfälzischer Mundart und ein paar englischen Stücken besteht.

 „Elwedritsche” – Das neue „Hiwwe wie Driwwe“-Buch

Die Menschen in der Pfalz lieben Elwedritsche – und doch weiß niemand wirklich, was sich hinter dem vermeintlichen Fabeltier und der Elwedritsche-Jagd verbirgt. Das Lachen könnte manchem im Halse stecken bleiben, wenn sich ihr düsteres Wesen offenbart: Es sind dunkle Gefährten, die die Menschen seit Urzeiten begleiten und Schrecken verbreiten.

Nach „Hiwwe wie Driwwe – Der Pennsylvania ReiseVERführer“ (Agiro Verlag 2021) steht das neue Buch von Michael Werner nun kurz vor der Veröffentlichung: „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“. Es beleuchtet die Ursprünge und Hintergründe eines Phänomens, das in weiten Teilen der Welt bekannt ist – und sich in der Pfalz und angrenzenden Regionen als „Elwedritsche“ manifestiert. Nach einer Crowdfunding-Kampagne, die am 5. Januar 2025 beginnt, soll das Buch im Frühjahr 2025 erscheinen.

Palatinologen und Tritschologen beschäftigen sich schon lange mit Elwedritschen. Ihre Leistungen im Bereich der Pflege des Brauchtums sind beachtlich. Die Frage, was Elwedritsche aber wirklich sind, ist bislang (weitgehend) offen geblieben. Michael Werner hat über mehr als 30 Jahre die Siedlungsgebiete deutschstämmiger Auswanderer in Pennsylvania und anderen Staaten der USA und Kanada bereist. Dabei ist er auf Bräuche gestoßen und hat alte Dokumente entdeckt, die eine Spur zu den Elwedritschen weisen. Wer sie verfolgt, kommt dem Geheimnis näher. Stück für Stück legt er das Puzzle zusammen, indem er sich auf eine Reise durch 10.000 Jahre Menschheitsgeschichte und rund um den halben Globus begibt. Es ist eine Geschichte über Urängste – und wie die Menschen ihnen begegnen.

Hier geht es zur Crowdfunding-Kampagne mit mehr Informationen: Klick!

Dieses Buch liefert den vielleicht ersten Ansatz, das Phänomen “Elwedritsche” zu verstehen. Es richtet sich an alle, die immer schon wissen wollten, was sich wirklich hinter dem vermeintlichen Fabeltier verbirgt.

Pennsylvania vor der US-Wahl 2024

Doug Madenford erklärt in einem spannenden Interview mit Jean-Luc Busch vom Sender “RheinlOKal Worms” die besondere Situation, die der Staat Pennsylvania im amerikanischen Wahlsystem spielt. Unbedingt ansehen.

Scott Reagan auf “Hiwwe wie Driwwe Palatinate Tour 2024”

Scott Reagan aus Nazareth (PA) kommt in der Zeit vom 17. Oktober bis 20. Oktober in die Pfalz und nach Rheinhessen, um sein Programm mit pennsylvanisch-deutschen Liedern zu spielen. Er ist am 17. Oktober im rheinhessischen Ober-Olm in der Alten Schule (19 Uhr) und am 18. Oktober im Auswandererungsmuseum Oberalben bei Kusel in der Westpfalz (19 Uhr). Am 19. Oktober tritt er im Rahmenprogramm des Pfälzischen Mundartdichter-Wettstreits in Bockenheim auf (14 Uhr), und am Sonntag begleitet er den 18. Deutsch-Pennsylanischen Tag in Altrip in der Pfalz musikalisch (14 Uhr).

Em Iemker sei Winsch

1.So en gleeni Iem zu sei, 				
Fer mich waer ebbes schee.
Mei neii, grossi Familye heesst,
Ich waer niemols allee.

2.Ich hett so viel Geschwischdere,
die mehnscht devun waer’ Meedel.
Es zeehlt dazu die Buwe aa,
Mer finnt sie net so edel.

3. Mei Drohne-Brieder gleich ich net,
Sinn narrisch, faul un dick.
Sie fresse yuscht un hocke rum.
Sie duhne schier gaar nix.

4. Die Keenichin iss unsri Memm,
Hot dausende vun Kinner.
Fer sie iss immer Schwangerzeit,
Doch net emol im Winder.

5. De Ieme ihre Schaffes iss weit bekannt,
So nitzlich, wusslich ‘n Greadur.
Die Wege devun waert ’ne gelehrt.
Wer ihre Lehrern? ‘S iss die Nadur!

6. Mer gheert sofort zume grosse Chor.
Wie fein ‘s brummt, der himmlisch Klang,
Yeder bringt sei eegni Schtimm,
Harmonisch schallt’s, ihre rein Gesang.

7. Was nau? Ich guck so anners aus!
Ferwas sechs Bee, un haarich?
Ferwas mei Aag’ sinn wiescht un bees,
Vier Fliggel, dinn un schtarrick.

8. Ich hab aa en Schtecher grickt,
Ich yuus ihn yuscht in Not,
Ich bin gewehnlich zaahm un braav,
Die feindlich Weschpe schlaag ich dod.

9. Mei eenzig Gleed iss schwarz un gehl.
Ich weer’s gaern alli Daag.
Die Schtreefe druff sinn modisch, gel?
Sie basse mir unne Froog!

10. Ich, die frehlichscht Iem im Kaschde,
Es waer mei greeschdes Glick,
Wann die Fortuna, liewi Fraa,
En niedlichs Meedel, fer mich schickt.

11. Sie witt mei Julia, un ich ihr’ Romeo.
Mer weess voraus ken wie un wann.
Es Schicksal duht’s bschtimme.
So geht’s die Lieb fer Fraa un Mann.

12. So Adem un die Eva, im Gaarde Paradies,
Mir ruhe unnich em Abbelbaam.
Un decke uns mit me Feigeblatt,
Ich glaab gewiss, iss nur en Draam.

13. Newwich enanner mir fliegge fatt,
Mir schwewe ins Freie, ins Blooe hoch.
Nuff un nidder, hie un her
Dann heem zum Karebloch.

14. Vun Blieht waert Schtaab gesammelt,
Vun Bungert, Schwamm un Wies,
Die Waerickieme schtehn eifrich bei,
Un mache devun ihre Hunnich siess.

15. Zuletscht duhn’ mir en Schwenzeltanz.
‘S iss ball Zeit fer schloofe geh.
Mir kuschele innewennich em Schtock,
Bis Friehyaahr dann, atschee!

Edward Quinter (Allentown, PA)
Hiwwe wie Driwwe Award 2024

Alice Spayd – Die Schulmeisterin

Michael Werner und Alice Spayd (2017)

Alice Spayd zum 80. Geburtstag

„Wie neegscht an hunnert iss sie?“, lautet die Frage in Pennsylvania, wenn man wissen möchte, wie alt ein Geburtstagskind ist. „Noch weit fatt“, könnte die Antwort im Fall von Alice Spayd lauten, der Lehrerin für Pennsylvania-Deutsch, Chorleiterin und Organisatorin pennsylvanisch-deutscher Veranstaltungen. 80 Jahre alt wurde Alice im März 2024, und mit ihr freuten sich neben ihrem Mann und ihren Kindern 20 Enkel und 12 Urenkel. Brittany Hammons, eine Enkelin, die 2008 schon einmal ein halbes Jahr bei uns in Ober-Olm lebte, verriet mir noch, dass das erste Ur-Ur-Enkelchen im Oktober erwartet wird. 55 Jahre sind sie und Bill nun verheiratet. „Wow“, kann man da nur sagen, und natürlich erst einmal: „Hallicher Gebottsdaag, Alice – aa wammer wennich schpoot sinn!“

Geboren 1944 in Suedberg (PA), lebt Alice Spayd mit ihrem Mann Bill in Fredericksburg in Lebanon County (PA). Aber im Dialekt heißt der kleine Ort nach dem ursprünglichen Gründer Frederick Stump noch immer „Schtumbeschtettel“. Der allerdings hatte irgendwann in Carlisle 10 Mitglieder eines lokalen Indigenen-Stamms ermordert, und so entschieden sich die Bürgerinnen und Bürger zur Umbenennung der Siedlung in Fredericksburg. Im Dialekt halten sich alte Wörter und auch alte Bräuche besser, weshalb das Pennsylvania-Deutsche eine Schatzkammer ist, wenn man sich mit dem Pfälzischen beschäftigt.

Alice traf ich zum ersten Mal bei einer Universitätsveranstaltung am „Lebanon Valley College“ im Jahr 2002. Schon damals ging es um die Frage, was für den Erhalt des Pennsylvania-Deutschen getan werden kann. Alice Spayds Antwort war im gleichen Jahr die Gründung des Kinderchors „Die Schwadore Schalle“ (The sounds of the Swatara Creek), der überwiegend aus ihren eigenen Enkelinnen und Enkeln bestand. Heute singen auch Erwachsene mit. Daneben trat sie dem „Dolpechocken Saenger Chor“ von Francis D. Kline (1937-2013) bei, der jeden Monat im Lokalsender Berks County TV (BCTV) in der Sendung „Die deitsch Schtunn“ auftrat. Sie bot viele Jahre als “Schulmeeschtern” einen Deutschkurs in Schaefferstown (PA) an. In der Zeitung “Hiwwe wie Driwwe” tauchte ihr Name erstmals bereits im Jahr 2000 auf. Mittlerweile ist sie seit vielen Jahren freie Autorin. Seit 2012 ist Alice Spayd Organisatorin des „Pennsylvanisch-Deitsch Zammelaaf“ in Bethel (PA), der Nachfolgeveranstaltung des „Pennsylvania German Festivals“, das bis einschließlich 2011 jährlich am Harrisburg Area Community College (HACC) abgehalten wurde. Kurz: Wenn es um „deitsch“ in der Region rund um Lebanon geht, kommt an Alice Spayd niemand vorbei.

Alice Spayd (2. von rechts) im Jahr 2002 am Lebanon Valley College. Auch dabei: Don Breininger (3. von links), bis heute einer der besten pennsylvanisch-deutschen Sprecher bei Veranstaltungen

Das möchte man auch überhaupt nicht, denn Alice, ihr Mann Bill (ein Linkshänder-Gitarrist) und ihre gesamte Familie sind ausgesprochen liebenswert. Ab 2005 habe ich immer wieder für einige Tage bei den Spayds wohnen dürfen, wenn ich in Pennsylvania war. Ihr jüngster Sohn William – genannt „Wilhelm“ – hat eine Frau geheiratet, die mit Prof. Alfred Shoemaker (1913-ca.1969) verwandt ist, neben Don Yoder einem der Mitbegründer des Kutztown Folk Festivals. Wilhelm arbeitet bei der Polizei, und seine Erzählungen gaben mir einen Einblick in den Alltag eines amerikanischen Polizisten. Er ist für einen Autobahn-Abschnitt zuständig und auch nachts im Streifenwagen oft allein unterwegs. Wenn er bei einem Einsatz Hilfe benötigt, ruft er über Funk Verstärkung. Ein bisschen erinnert das System noch an den Wilden Westen. Früher war es eben der Sheriff mit seinem Pferd – heute ist es der Polizist mit seinem Auto. Wir erleben das im Fernsehen, wenn am Ende eines Hollywood-Streifens beim Showdown auf einmal zehn Streifenwagen nebeneinander stehen.

Alice Spayd im Jahr 2015 als “Schulmeeschdern” in “Historic Schaefferschteddel” (Schaefferstown, Lebanon County) – ein Klick auf das Bild öffnet ein Video. Alice’s “Deitsch Class” ist ab Minute 8 zu sehen

Eine interessante Persönlichkeit war auch Alice Spayds Vater, Edward Behney (1914-2012). Jedes Mal, wenn ich in Schtumbeschtettel zu Gast war, sprach ich lange mit ihm und ließ mir Geschichten von früher in Pennsylvania-Deitsch erzählen. Manchmal machten Alice und ich auch Tonaufnahmen. Da er schon sehr betagt war, schien er am Anfang eines Gesprächs immer ein wenig müde. Aber sobald wir in den Dialekt wechselten und er aus seinem langen Leben berichten konnte, erwachten die Lebensgeister. Am eindrucksvollsten war für mich seine Schilderung des 75. Jahrestages der Schlacht von Gettysburg im Jahr 1938. Der junge Ed sah sich in Gettysburg (PA) die Parade an. Betagte Veteranen der Nord- und Südstaaten, so erzählte er, fuhren gemeinsam auf einem offenen Wagen mit, und sie gerieten so in Streit, dass sie sich noch während des Umzugs zu prügeln begannen. Die Herren waren damals alle bereits über 90 Jahre alt! „Ya well, was kammer duh“, sagt man zu so etwas manchmal in pennsylvanisch-deitsch. Und: „Die Leit sinn, wie die Leit sinn!“

William “Wilhelm” Spayd, Michael Werner, Frank Kessler und Ed Behney in Schtumbeschteddel (Frederickstown) im Jahr 2005

Die Verwandtschaft von Alice stammt teilweise aus dem Rheintal. Die „Hassinger“-Linie ist noch heute rund um Schornsheim und Wörrstadt im heutigen Rheinhessen zu Hause, und andere Linien stammen aus der Gegend um Landau in der Pfalz. Alice und Bill waren auch bereits Gast in unserem Haus, und in „Hiwwe wie Driwwe 2“ kommt sie zu Wort, Ich bin sicher, Monji El Beji und sie haben sich gut verstanden, auch wenn sie sich nicht immer im wörtlichen Sinne verstanden haben. Pfälzisch und Pennsylvania-Deutsch sind eben am Ende doch recht unterschiedlich.