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Macht mit beim Pälzer Prosa Preis 2026!

Der Förderkreis Mundart Bockenheim e.V. lädt zur Teilnahme am „Pälzer Prosa Preis 2026“ ein. Mitmachen können alle, die sich dem Pfälzischen verbunden fühlen. Der Wettbewerb findet im Rahmen der Mundarttage Bockenheim am 18. April 2026 statt. Die Veranstaltung findet wieder im Weingut Griebel in Bockenheim statt.


Es kann ein bislang unveröffentlichter Text in pfälzer Mundart eingereicht werden. Kurze Zitate sind möglich, wenn sie markiert werden. Passagen mit Reimen sind ebenfalls möglich, wenn der Erzählcharakter des Textes gewahrt bleibt. Die Ermittlung der Platzierungen erfolgt nach persönlicher Präsentation aller von der Jury ausgewählten Texte im Rahmen der Veranstaltung. Bei der Präsentation stehen allen ausgewählten Teilnehmerinnen und Teilnehmern exakt sechs Minuten zur Verfügung. Dauert der Vortrag länger, gibt es Punktabzüge. Bitte schicken Sie die Beiträge als PDF-Datei an michael-werner@t-online.de. Eine Einreichung per Post ist nicht möglich. Teilnahmeberechtigt sind Personen, die das 18. Lebensjahr vollendet haben. Name und Absenderangaben mit vollständiger Anschrift einschließlich Postleitzahl, Telefonnummer und E-Mail-Adresse sowie ein Kennwort sind in der Mail anzugeben und dürfen nicht auf dem Wettbewerbstext selbst stehen. Auf dem Wettbewerbstext darf ausschließlich das Kennwort notiert sein, das eine Zuordnung von Text zu Autor bzw. Autorin erlaubt.

Einsendeschluss ist am 2. Februar 2026. 

Der Siegerbeitrag wird mit einem Preisgeld in Höhe von EUR 200,00 prämiert. Für den zweitplatzierten Beitrag werden EUR 100,00, für den drittplatzierten Beitrag EUR 50,00 ausgeschüttet. Die Auswahl der Beiträge für die Veranstaltung erfolgt durch eine unabhängige Fachjury nach literarischen Gesichtspunkten. Diese Entscheidung der Jury ist nicht anfechtbar. Die abschließende Festlegung der Preisträger bzw. Preisträgerinnen erfolgt über eine Publikumsabstimmung vor Ort. Eine über die Preisgelder hinausgehende Vergütung für die Veröffentlichung und Nutzung der Beiträge ist ausgeschlossen.

Die Teilnehmenden räumen dem Veranstalter das nicht-ausschließliche, unwiderrufliche Recht ein, den eingereichten Beitrag zeitlich, räumlich und inhaltlich unbeschränkt und unentgeltlich stets im Zusammenhang mit dem Wettbewerb „Pälzer Prosa Preis“ verwenden zu dürfen. Dies gilt unabhängig davon, in welchem Medium die Veröffentlichung erfolgt. Die personenbezogenen Daten der Teilnehmenden werden zum Zwecke der Durchführung des Wettbewerbs gemäß Art. 6 Abs. 1 S. 1 b) DSGVO gespeichert und nach Beendigung des Wettbewerbs gelöscht, es sei denn, die Daten werden zur Erfüllung einer gesetzlichen Nachweispflicht auch über diesen Zeitpunkt hinaus benötigt. Die Löschung der Daten erfolgt dann mit dem Wegfall ihrer Nachweispflicht. Mit der Teilnahme am Wettbewerb stimmt der/die Bewerber/in den vorstehenden Teilnahmebedingungen und Nutzungsrechten zu. Ein Anspruch auf Veröffentlichung besteht nicht. Bei Verstößen gegen die Teilnahmebedingungen behält der Förderkreis Mundart Bockenheim e.V es sich vor, einen eingereichten Beitrag vom Wettbewerb auszuschließen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Die Schirmherrschaft für den „Pälzer Prosa Preis“ hat der Literarische Verein der Pfalz e.V. übernommen. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an Dr. Michael Werner, Mitglied der Jury: info@hiwwe-wie-driwwe.de.

Raunächte, Frau Holle und Wilde Jagd

ZDF-Dokumentation „Terra X“ zum Thema „Frau Holle“ (2020)

Die Zeit „zwischen den Jahren“ bleibt man zu Hause, hängt keine Wäsche auf, lässt alle Räder still stehen. Denn die „Wilde Jagd“ geht um, ein Zug von Göttern, Kriegern und toten Seelen über den winterlichen Nachthimmel. Da möchte man nicht mitgezogen werden. Zum Zug gehört eine weibliche Gottheit: Frigg bzw. Frigga. Uns ist sie besser unter ihrem späteren Namen (Frau) Holle bekannt. Terra X machte sie 2020 zum Thema und zeigt uns den aktuellen Forschungsstand.

Interessant für das Buch „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“ sind die Aussagen von Prof. Dr. Rudolf Simek (Mediävist an der Universität Bonn). Er arbeitet regelmäßig mit dem ZDF, arte und dem WDR zusammen. Zu seiner Vita gelangt man, wenn man hier klickt. Über Holle sagt er in der TV-Dokumentation:

„Wir haben eine große Muttergottheit in allen Hochkulturen. Wir haben im nahöstlichen Bereich die Demeter, eine Muttergottheit, die auch für Fruchtbarkeit und indirekt sogar fürs Wetter zuständig ist. Wir haben die Hera als Königin oder Mutter aller Götter im römischen Bereich – als Frau von Jupiter beziehungsweise Zeus. Und wir haben im nordischen Bereich die der Hera entsprechende Frigg, die Frau von Odin, die indirekt damit auch die Mutter aller Götter ist.“ Frigg entwickelte sich mit der Zeit zu Hulda/Holda und letztlich zu (Frau) Holle.

Im Moment ist in Bayern, Österreich und der Schweiz die Zeit der Perchtenläufe. Hierzu sagt Simek: „In alpenländischen Perchtenläufen, wie alt sie jetzt immer auch sein mögen, haben wir verschiedene interessante Figuren drinnen wie die Frau Perchta oder diese Frau Holda – die uns unterschiedliche Aspekte zeigen: Einen positiven und einen negativen. Und das weist auf die Funktionen dieser Figuren hin, die eine moralische Instanz bilden, also vielleicht das Gute belohnen und das Böse bestrafen – so wie es auch Frau Holle im Märchen tut.“

Terra X endet mit dem Fazit, das letztlich den aktuellen Forschungsstand knapp umreißt: „Das Märchen (von Frau Holle) erzählt von einer Zeit, als die meisten Menschen noch auf dem Dorf wohnen. Durch die mündliche Überlieferung sind viele Vorstellungen eingeflossen, auch aus der Zeit des Biedermeiers. Über das richtige Verhalten der jungen Frauen entscheidet allein Frau Holle. Ihre Autorität geht zurück auf heidnische Muttergottheiten, die schützen, belohnen und strafen. Und nebenbei auch noch das Wetter machen.“

Holle kommt im Buch „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“ eine Schlüsselrolle zu. Das Crowdfunding startet am kommenden Sonntag, den 5. Januar 2025, um 12 Uhr hier: https://www.startnext.com/elwedritsche-dunkle-gefaehrten

 „Elwedritsche“ – Das neue „Hiwwe wie Driwwe“-Buch

Die Menschen in der Pfalz lieben Elwedritsche – und doch weiß niemand wirklich, was sich hinter dem vermeintlichen Fabeltier und der Elwedritsche-Jagd verbirgt. Das Lachen könnte manchem im Halse stecken bleiben, wenn sich ihr düsteres Wesen offenbart: Es sind dunkle Gefährten, die die Menschen seit Urzeiten begleiten und Schrecken verbreiten.

Nach „Hiwwe wie Driwwe – Der Pennsylvania ReiseVERführer“ (Agiro Verlag 2021) steht das neue Buch von Michael Werner nun kurz vor der Veröffentlichung: „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“. Es beleuchtet die Ursprünge und Hintergründe eines Phänomens, das in weiten Teilen der Welt bekannt ist – und sich in der Pfalz und angrenzenden Regionen als „Elwedritsche“ manifestiert. Nach einer Crowdfunding-Kampagne, die am 5. Januar 2025 beginnt, soll das Buch im Frühjahr 2025 erscheinen.

Palatinologen und Tritschologen beschäftigen sich schon lange mit Elwedritschen. Ihre Leistungen im Bereich der Pflege des Brauchtums sind beachtlich. Die Frage, was Elwedritsche aber wirklich sind, ist bislang (weitgehend) offen geblieben. Michael Werner hat über mehr als 30 Jahre die Siedlungsgebiete deutschstämmiger Auswanderer in Pennsylvania und anderen Staaten der USA und Kanada bereist. Dabei ist er auf Bräuche gestoßen und hat alte Dokumente entdeckt, die eine Spur zu den Elwedritschen weisen. Wer sie verfolgt, kommt dem Geheimnis näher. Stück für Stück legt er das Puzzle zusammen, indem er sich auf eine Reise durch 10.000 Jahre Menschheitsgeschichte und rund um den halben Globus begibt. Es ist eine Geschichte über Urängste – und wie die Menschen ihnen begegnen.

Hier geht es zur Crowdfunding-Kampagne mit mehr Informationen: Klick!

Dieses Buch liefert den vielleicht ersten Ansatz, das Phänomen „Elwedritsche“ zu verstehen. Es richtet sich an alle, die immer schon wissen wollten, was sich wirklich hinter dem vermeintlichen Fabeltier verbirgt.

Matthias Zech gewinnt Mundartdichterwettstreit 2024 in Bockenheim

Mit „des derf mer doch net“ gewann Matthias Zech den Mundartdichterwettstreit 2024 in Bockenheim

Matthias Zech aus Speyer fand mit mit seinem Text „des derf mer doch net“ beim 72. Pfälzischen Mundartdichter-Wettstreit am vergangenen Samstag die Anerkennung von Jury und Publikum gleichermaßen. Die beiden getrennten Abstimmungen führten zum selben Ergebnis: Zech hat mit dem Gedicht über die Klage einer Tochter über das Verhalten ihrer hochbetagten Mutter offensichtlich einen Nerv getroffen und entschied den Wettbewerb für sich. Auf Rang 2 landete der im Elsass lebende Südpfälzer Wilfried Berger mit „drauss uff’m dach“. Hier wünscht sich ein Kranker im Krankenhaus, wie die Amsel vor dem Fenster seiner Lebenssituation entfliehen und einfach fortfliegen zu können. Auf Rang 3 landete Norbert Schneider aus Rehborn mit „koschbarkääde“, einem Text über Demenz. Die Themen Alter und Krankheit landeten damit auf dem Siegerpodest.

Hans-Ulrich Ihlenfeld, Landrat des Landkreises Bad Dürkheim, heißt die Gäste im Festzelt in Bockenheim willkommen. Im Hintergrund: Dr. Michael Werner (Moderator), Weingräfin Sarah I. des Leiningerlands und Ortsbürgermeister Uli Keidel

Den „Dr. Wilhelm Dautermann-Preis 2024“ für eine mundartliche Erstveröffentlichung erhielt Rudy Kupferschmitt für sein Buch „Heimatliches und Befremdliches“, den „Preis fer Neie“ Angelika Futterer für ihr Gedicht „Rhoiwasser mit Balge …“. Den „Hiwwe wie Driwwe Award 2024“ für einen Text in pennsylvanisch-deutscher Mundart erhielt Edward Quinter aus Allentown (Pennsylania) mit „Em Iemker sein Winsch“.

Im Frühjahr hatte der Förderkreis Mundart Bockenheim e.V. ein „Bockenheimer Manifest für Vielfalt und Toleranz“ verfasst, dem sich bis Redaktionsschluss über 180 pfälzische Künstlerinnen und Künstler anschlossen. Zum Wettbewerb war deshalb des Sonderthema „bloss net nochemol – #niewiederistjetzt“ ausgeschrieben. Das Publikum entschied sich unter den drei ausgezeichneten Texten für Cornelius Molitors Gedicht „beizeit“, der sich mit dem Thema „Stolpersteine“ befasst.

Herzlichen Glückwunsch an alle – das Bild mit allen Siegerinnen und Siegern des Jahrgangs 2024.

Die musikalische Umrahmung übernahm Scott Reagan aus Nazareth (Pennsylvania), der im Rahmen der „Hiwwe wie Driwwe Tour 2024“ für mehrere Konzerte in der Pfalz gastierte. Überraschungsgäste waren neben rund 200 Einheimischen – unter ihnen Landrat Hans-Ulrich Ihlenfeld – auch etwa ein Dutzend Amerikaner, die mehrheitlich pennsylvanisch-deutsche Mundart sprachen. So hatten die Anwesenden Gelegenheit zu testen, wie gut sich Pfälzisch und Pennsylvania-Deutsch für ein gemeinsames Gespräch eignen. Es klappte in vielen Fällen überraschend gut.

Em Iemker sei Winsch

1.So en gleeni Iem zu sei, 				
Fer mich waer ebbes schee.
Mei neii, grossi Familye heesst,
Ich waer niemols allee.

2.Ich hett so viel Geschwischdere,
die mehnscht devun waer’ Meedel.
Es zeehlt dazu die Buwe aa,
Mer finnt sie net so edel.

3. Mei Drohne-Brieder gleich ich net,
Sinn narrisch, faul un dick.
Sie fresse yuscht un hocke rum.
Sie duhne schier gaar nix.

4. Die Keenichin iss unsri Memm,
Hot dausende vun Kinner.
Fer sie iss immer Schwangerzeit,
Doch net emol im Winder.

5. De Ieme ihre Schaffes iss weit bekannt,
So nitzlich, wusslich ‘n Greadur.
Die Wege devun waert ’ne gelehrt.
Wer ihre Lehrern? ‘S iss die Nadur!

6. Mer gheert sofort zume grosse Chor.
Wie fein ‘s brummt, der himmlisch Klang,
Yeder bringt sei eegni Schtimm,
Harmonisch schallt’s, ihre rein Gesang.

7. Was nau? Ich guck so anners aus!
Ferwas sechs Bee, un haarich?
Ferwas mei Aag’ sinn wiescht un bees,
Vier Fliggel, dinn un schtarrick.

8. Ich hab aa en Schtecher grickt,
Ich yuus ihn yuscht in Not,
Ich bin gewehnlich zaahm un braav,
Die feindlich Weschpe schlaag ich dod.

9. Mei eenzig Gleed iss schwarz un gehl.
Ich weer’s gaern alli Daag.
Die Schtreefe druff sinn modisch, gel?
Sie basse mir unne Froog!

10. Ich, die frehlichscht Iem im Kaschde,
Es waer mei greeschdes Glick,
Wann die Fortuna, liewi Fraa,
En niedlichs Meedel, fer mich schickt.

11. Sie witt mei Julia, un ich ihr’ Romeo.
Mer weess voraus ken wie un wann.
Es Schicksal duht’s bschtimme.
So geht’s die Lieb fer Fraa un Mann.

12. So Adem un die Eva, im Gaarde Paradies,
Mir ruhe unnich em Abbelbaam.
Un decke uns mit me Feigeblatt,
Ich glaab gewiss, iss nur en Draam.

13. Newwich enanner mir fliegge fatt,
Mir schwewe ins Freie, ins Blooe hoch.
Nuff un nidder, hie un her
Dann heem zum Karebloch.

14. Vun Blieht waert Schtaab gesammelt,
Vun Bungert, Schwamm un Wies,
Die Waerickieme schtehn eifrich bei,
Un mache devun ihre Hunnich siess.

15. Zuletscht duhn’ mir en Schwenzeltanz.
‘S iss ball Zeit fer schloofe geh.
Mir kuschele innewennich em Schtock,
Bis Friehyaahr dann, atschee!

Edward Quinter (Allentown, PA)
Hiwwe wie Driwwe Award 2024

Rudolf Post – DER Pfälzisch-Experte

Rudolf Post im wunderbaren Podcast von PFALZCAST aus dem Jahr 2020. Aufs Bild klicken und genießen!

Zum 80. Geburtstag

Manchmal muss man Glück haben und zur rechten Zeit am richtigen Ort sein. Ich studierte ab 1989 in Mannheim Germanistik, Allgemeine Linguistik und Soziologie – und besuchte gleich in den ersten Semestern eher zufällig ein Seminar über Johann Jakob Hemmer (1733-1790). Der aus dem südwestpfälzischen Horbach stammende Geistliche, Meteorologe, Physiker und Sprachwissenschaftler lebte zeitweise als Hauslehrer im Sturmfederschen Schloss in Dirmstein und war Hofkaplan bei Kurfürst Karl Theodor in Mannheim. Der Mann veröffentlichte 1769 eine „Abhandlung über die deutsche Sprache zum Nutzen der Pfalz“ und beklagte dabei die schlechte Umgangssprache seiner pfälzischen Landsleute. Dabei machte er eine sehr frühe Bestandsaufnahme der Mundart. Das Thema Pfälzisch bzw. Regionalsprachen machte mir gleich großen Spaß. Mein Interesse an Dialektologie war geweckt. Daneben faszinierte mich an Hemmer auch, dass er sich zu seinen Lebzeiten in dem Gebäude aufhielt, in dem ich gerade studierte, und er zeitweise in Dirmstein in einer Gemeinde lebte, in der ich enge Verwandte habe.

Rudolf Post mit Beate Henn-Memmesheimer in Bockenheim (2011)

Und genau zur Zeit dieses Seminars über Hemmer tauchten zwei neue Lehrende im Vorlesungsverzeichnis der Uni Mannheim auf: Prof. Dr. Beate Henn-Memmesheimer und Dr. Rudolf Post. Beate hatte bereits 1980 ein Buch mit Titel „Pfälzisch“ veröffentlicht, Rudolf 1992 sein Standardwerk „Pfälzisch – Einführung in einer Sprachlandschaft“. Von dem Zeitpunkt an war klar, dass mein Studienschwerpunkt im Bereich Linguistik liegen würde. Zumal ich im Nebenfach bei Prof. Per Sture Ureland Allgemeine Linguistik studierte und mich dort mit Sprachkontaktzonen und Sprachkontakterscheinungen in Europa und dem Rest der Welt beschäftigte. In einem zweiten Nebenfach studierte ich Soziologie, was hilfreich war, weil die sogenannte „Soziolinguistik“ – die Untersuchung von sprachlichen Varietäten im gesellschaftlichen Kontext – in dieser Zeit Konjunktur hatte. Konsequenterweise führte mich diese Ausrichtung zu einer Magisterarbeit über „Französisches im Pfälzischen“ und einer Dissertation über „Sprachkontaktphänomene im Pennsylvania-Deutschen“, einer mit dem Pfälzischen zumindest verwandten Mundart, die in Pennsylvania im Wesentlichen zwischen 1775 und 1820 neu entstanden ist.

Während des Studiums immer an meiner Seite waren Beate, Sture – und vor allem Rudolf. Denn er war in den 1990er Jahren Bearbeiter des „Pfälzischen Wörterbuches“, dessen Arbeitsstelle sich am Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde in Kaiserslautern befand. Wenn ich mit irgendeinem Thema nicht weiter kam, fuhr ich nach Kaiserslautern. Und ich erhielt immer Unterstützung. In dieser Zeit habe ich viel über das Pfälzische gelernt und ab 1993 begonnen, ein „Deutsch-Pennsylvanisches Archiv“ aufzubauen, in dem ich zunächst vor allem literarische Mundarttexte aus Pennsylvania sammelte. Später kam viel Sekundärliteratur dazu. Heute ist das Archiv im Mennonitischen Forschungszentrum auf dem Weierhof öffentlich zugänglich.

Rudolf Post konnte das Generationenprojekt „Pfälzisches Wörterbuch“, dessen Anfänge in die Kaiserzeit zurückreichen (1912/13), im Jahr 1998 zum Abschluss bringen, und der letzte der insgesamt sechs Bände wurde in der Fruchthalle Kaiserslautern vorgestellt. Es war ein sehr feierlicher Akt, bei dem Rudolfs Leistungen zurecht hoch gelobt wurden.

1998 erhielt Rudolf den renommierten „Preis der Emichsburg“ der Gemeinde Bockenheim an der Weinstraße für seine Leistungen im Bereich der Mundart. Im gleichen Jahr begann ich, in der Jury des Pfälzischen Mundartdichter-Wettstreits in Bockenheim mitzuarbeiten. Dort traf ich Beate Henn-Memmesheimer und Rudolf Post wieder. Rudolf verließ die Jury aber recht bald, weil er eine neue Arbeitsstelle am „Badischen Wörterbuch“ in Freiburg antrat und nicht regelmäßig nach Bockenheim kommen konnte. Nach seiner Pensionierung kam er in die Jury zurück, bis er sich aus Altersgründen entschloss, die Tätigkeit aufzugeben. Insgesamt war er knapp 20 Jahre dabei und lange Jahre auch ihr Sprecher.

Dr. Rudolf Post, Dr. Walter Sauer, Dr. Michael Werner und Prof. Dr. Mark Louden in Essenheim beim 2. Deutsch-Pennsylvanischen Tag (2007)

Während dieser Zeit haben wir uns oft die Köpfe heiß geredet bei der Frage, ob man im Pfälzischen dies oder das so schreiben könne oder nicht – ob es einen bestimmten Ausdruck überhaupt gebe und ob denn eine bestimmte Wortform oder eine Satzkonstruktion überhaupt noch Pfälzisch sei. Es konnte durchaus laut werden am Jury-Tisch, bis es gewöhnlich dann mit einem Mal ganz still wurde. Dann schauten wir uns an und drehten unsere Köpfe in Richtung Rudolf Post, der bei hitzigen Diskussionen meist ruhig blieb. Rudolf dachte zwei oder drei weitere lange Sekunden nach und antwortete dann eher leise, aber überlegt. Seine Worte galten im Anschluss als gesetzt, und das Thema war erledigt. Aufgrund seiner herausragenden Expertise, die er sich über Jahrzehnte erworben hat, ist Rudolf Post schlicht DER Pfälzisch-Experte, den wir heute in der Pfalz haben. Ich darf das sagen, weil er es selbst aufgrund seiner Bescheidenheit nie selbst sagen würde. Er ist die letzte Instanz in allen Zweifelsfällen.

In diesen Tagen feiert Rudolf Post im rheinhessischen Gabsheim seinen 80. Geburtstag. Ich wünsche von Herzen alles Gute und weiterhin eine große Schaffenskraft.

Der Pälzylvanier

Roland Paul – Türöffner nach Pälzylvania

Roland Paul am Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde in Kaiserslautern (2013)

Zum ersten Todestag von Roland Paul am 24. Juni 2024

Wer wie ich Anfang der 1990er Jahre im Pennsylvania Dutch Country in den USA linguistische Studien durchführen wollte, brauchte „Türöffner“ und damit Menschen, die relevante Dialektsprecher kannten und einen Kontakt herstellen konnten. Vertrauen war hier wichtig, denn manche pennsylvanisch-deutsche Gruppen wie Amish oder konservative Mennoniten waren vorsichtig, wenn es um Kontakte mit Fremden – zumal von der Universität – ging. Das sind sie noch immer.

Ich hatte zwei Türöffner: Prof. C. Richard Beam (1925-2018) für die konservativen Sektengruppen in Lancaster County, und Roland Paul (1951-2023), der mich mit Prof. Don Yoder (1921-2015) bekannt machte und mir so die pennsylvanisch-deutsche Welt der Lutheraner und Reformierten erschloss.

Roland hatte ich 1992 am Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde in Kaiserslautern kennengelernt. Allerdings eher im Vorübergehen, denn Ziel meiner damaligen Besuche war die Arbeitsstelle des Pfälzischen Wörterbuchs – ein Projekt, das Dr. Rudolf Post betreute und 1998 auch mit der Publikation des letzten Bandes zum Abschluss brachte. Meine Magisterarbeit zu Französismen im Pfälzischen an der Universität Mannheim beendete ich 1993, und meine Promotion über den englischen Einfluss auf die Dialektliteratur der Pennsylvaniadeutschen dann 1996.

1997 gründete ich die pfälzisch-pennsylvanische Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“, die noch heute erscheint und die Ausgangspunkt für eine ganze Reihe von Projekten zum selben Thema war und ist. Erst ab diesem Zeitpunkt waren Roland und ich in regelmäßigem Kontakt. Er wurde intensiver, als wir ab 2003 im neu gegründeten Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreis e.V. (DPAK) zusammenarbeiteten.

Don Yoder hatte ich mit Rolands Hilfe zweimal in einer Bibliothek getroffen, aber da der Kontakt aufgrund des gemeinsamen Interessensgebietes der pfälzisch-amerikanischen Nordamerikaauswanderung nun immer enger wurde, legte Roland mir einen längeren Besuch in Don Yoders Landhaus in Devon (PA) nahe. Ich wusste, dass Roland bei seinen längeren Pennsylvania-Aufenthalten immer in der kolonialen Villa von Don Yoder wohnte – und Don war bereit, mich auch privat zu empfangen, so dass ich in den Jahren zwischen 2000 und 2015 immer einmal wieder für mehrere Stunden Gelegenheit hatte, mich mit einem der Väter der pennsylvanisch-deutschen Volkskunde auszutauschen. Immerhin war Don Yoder einer der Gründer des Kutztown Folk Festivals im Jahr 1951.

Don Yoder und Michael Werner in Devon (PA) im Jahr 2007

Mit Don sprach ich über Geschichten, die ich im Rahmen meiner linguistischen Studien auf Band aufgenommen hatte, und die mir zum Teil als Pfälzer eigenartig vertraut vorkamen. Bei anderen stand ich völlig im Wald und konnte mir auf nichts einen Reim machen: Da sprach eine Frau von einem „Bucklich Maennli“, das bei ihr neben dem Herd in einer unaufgeräumten Ecke der Küche wohnte. Ein Mann berichtete von einer Vogelscheuche auf dem Feld, die er „Butzemann“ nannte und die Opfergaben erhielt. Ein anderer machte alljährlich im März eine Prozession um sein Grundstück herum, sagte eigenartige Sprüche und legte in allen Ecken Samen als  Geschenke für Elfen ab und Teile eines Fisches für Katzen, die einer Gottheit mit Namen „Freya“ gehörten. Letztlich fand ich in einem Kochbuch das Rezept für Hirschgeweihkekse („antler cookies“), die im Februar gebacken werden, um sie im Wald als Opfergabe für den „Waldmops“ abzulegen. Kurz: Es waren ganz seltsame Geschichten, die irgendwie nicht und irgendwie doch zusammenpassten. Konnte es sein, dass sich mir in Pennsylvania eine Tür geöffnet hatte, um über die kulturellen Praktiken der Pennsylvania-Deutschen einen Blick auf die Pfalz und die Pfälzer im 18. Jahrhundert zu erhalten? Heute kann ich sagen, dass das genau so ist. Ich gehe noch einen Schritt weiter und sage, man kann die Pfalz vielleicht überhaupt nur verstehen, wenn man die für die Pfalz relevanten Auswanderungsgesellschaften besucht und von ihnen lernt, wie unsere Vorfahren vor 300 Jahren gelebt und gedacht haben. Auf einmal wird es dann möglich zu erkennen, was wirklich hinter dem Belznickel steckt oder hinter unseren pfälzischen Elwedritsche. Eines sind letztere ganz sicher nicht: Fabeltiere. Don Yoder und ich haben viele Stunden zusammengesessen und miteinander gesprochen: Über Pennsylvania, die Pfalz, Roland Paul und vieles andere. Und manches von dem, was wir ausgetauscht haben, hat weiter in mir gearbeitet und mich auf Wege geführt, an deren Ende – zum Teil erst Jahre später – spannende Erkenntnisse standen.

Roland Paul (Mitte) 2015 in Bockenheim bei der Verleihung des Emichsburg-Preises an den Vorstand des Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreises e.V.: Von links Heike Benß, Bgm. Kurt Janson, Sänger John Schmid (Berlin, OH), Roland Paul, Dr. Michael Werner, Frank Kessler, Volker Gallé und Doris Schweitzer

Im Frühjahr 2023 rief ich Roland an und hatte ihn überraschenderweise auch gleich am Telefon. Ich würde mich gerne mit ihm treffen, sagte ich ihm, weil ich ein neues Buch plane und in dem Kontext seine Meinung zum ein oder anderen inhaltlichen Aspekt haben wollte. Er sagte zu, aber wir vereinbarten keinen konkreten Termin. Zu diesem Gespräch kam es leider nicht mehr, weil Roland Paul am 24. Juni 2023 überraschend verstarb, kurz vor einem Vortrag, den er halten wollte.

Die Chance in Roland Pauls Leben, bei einem Vortrag oder einem Familientreffen zu versterben, war deutlich größer als bei anderen Menschen. Denn wenn ich ihn traf oder sprach, kam er immer von einem Vortrag oder Familientreffen bzw. war auf dem Sprung zu einer solchen Veranstaltung. Bei fast allen Events, die wir gemeinsam besuchten, kam er mit etwas Verspätung an. Sein Terminplan war immer übervoll. Um so mehr rechne ich ihm hoch an, dass er zu meinem 50. Geburtstag, den ich 2015 im Auswanderermuseum Oberalben feierte, nicht nur kam, sondern sogar pünktlich war. Aber er hatte ja auch einen Vortrag zu halten …

Der Pälzylvanier