
Eine Würdigung
„Ich wuhn net weit vun do. Sei net bang!“ Noah musste mein entsetztes Gesicht gesehen haben, als er mir mit einer Handbewegung deutlich machte, dass er mich in seinem Auto mit nach Hause zum Mittagessen nehmen wollte. Es war Sommer 1994, und an Weihnachten sollte der nette ältere Herr seinen 90. Geburtstag feiern. Ich war in der Tat erschrocken, dass er noch Auto fahren wollte. Aber ich stieg ein, und so fuhren wir von der damaligen „Mennonite Historical Society“ am Lincoln Highway in Lancaster in die Millstream Road, wo er wohnte. Es war eine Nebenstraße ohne Verkehr, er fuhr sehr langsam – und nach etwa 500 Metern waren wir am Ziel. Ich war beruhigt!
Mit Noah G. Good hatte ich seit 1993 im Briefverkehr gestanden. Er war in seinem Arbeitsleben Schulleiter einer mennonitischen Schule in Lancaster County gewesen, war ein recht bekannter mennonitischer Prediger und schrieb immer wieder Geschichten in Pennsylvania-Deutsch im „Mennonite Quarterly“. Deshalb lernten wir uns kennen.

Als ich ihm in jenem heißen Sommer 1994 erstmals die Hand schüttelte und er zu reden begann, hätte ich schwören können, Kaiserslauterer Dialekt zu hören. Ich selbst bin familiär im Leiningerland verwurzelt und kann das recht gut einordnen. Da war kein englischer Akzent, kein englisches Lehnwort außer denen, die schon vor so langer Zeit in die Mundart übernommen wurden, dass sie nicht mehr als fremd wahrgenommen werden wie: „dschumbe“ (to jump = springen), „yuuse“ (to use = verwenden) oder „ferschur“ (for sure = gewiss). „Die gehne so mit nei“, sagte er, als ich ihn einmal darauf ansprach.
Meine eigenen Großeltern waren zwischen 1903 und 1914 geboren. Zu dieser Generation gehörte Noah. Sein Geburtsjahrgang war 1904, und für mich war und blieb er der am frühesten geborene Pennsylvania-Deutsche, den ich je persönlich kennenlernte – und der Älteste, mit dem ich je in Mundart sprach. Noch kurz vor seinem Tod im Jahr 2002 war ich mit ihm in Kontakt. Da war er fast 98 Jahre alt.

In der „Mennonite Historical Society” (heute “Mennonite Life”) arbeitete er als Freiwilliger noch immer in der Bibliothek, katalogistierte Materialien und betrieb genealogische Studien. Jedes Mal, wenn ich in diesem Zentrum im Eingangsbereich an der Rezeption stand, ließ man ihn über die hauseigene Lautsprecheranlage rufen: „Noah, there is a visit for you from Germany!“ Wir sprachen lange und viel, und ich nahm seine Geschichten auch auf Tonband auf.
Noah G. Good stand im Kontakt mit Mennoniten in der Pfalz und war wohl einige Male auch in der Heimat seiner Vorfahren gewesen. Dabei kommt die Familie Guth ursprünglich – wie alle Mennoniten – aus der Schweiz. Nach dem 30jährigen Krieg hatten sie sich auf der Flucht vor Verfolgung in der Pfalz niedergelassen, bis die meisten dem Ruf William Penns nach Pennsylvania folgten.
Einige seiner Geschichten für den „Mennonite Quartely“ hatte er auf Band aufnehmen lassen. Die „Slow Speed Henner Schtoris“. Sprachlernenden sollten die Audio-Mitschnitte eine Hilfe sein. Im Gebäude der damaligen „Mennonite Historical Society“ finden mindestens seit Anfang der 1990er Jahre regelmäßig pennsylvanisch-deutsche Dialektkurse statt. Die Mennoniten achten darauf, gute Lehrer zu beauftragen. Deshalb kann man hier die Mundart wirklich gut lernen. Die „Schüler“ kommen zum Teil von weit her, nehmen bis zu 100 Kilometern Anreise in Kauf.
Noah G. Good besuchte ich zwischen 1994 und 2002 immer wieder. Er war ein wirklich netter Mensch und sehr wertvoller Kontakt. Und immer, wenn ich an ihn denke, habe ich die blecherne Stimme der hauseigenen Lautsprecheranlage im Ohr: „Noah, please come to the counter, there is a visit for you!“
Der Pälzylvanier












































































