Schlagwort-Archiv: Pälzylvania

Bill Meck – Der Auktionator

Bill Meck und Michael Werner in Kutztown (2022)

Eine Würdigung

Bill Meck hat bei „Zettlemoyer Auctions“ für Ralph Zettlemoyer gearbeitet, welcher der Bruder von Norma Zettlemoyer war, die einen gewissen Donald Breininger geheiratet hat und ihr Leben im Hollwigs Daal in Nei Tripoli (Lechaa Kaundi) verbrachte.

Will heißen: Im Pennsylvania Dutch Country kennt man sich. Viele sind miteinander verwandt. Die Welt ist klein. Alle vier genannten Personen sprachen bzw. sprechen die Mundart und waren bzw. sind beim Kutztown Folk Festival aktiv.

Bill Meck trat viele Jahre gemeinsam er mit Leroy „Jock“ Brown (1925-2022) unter seinem Künstlernamen „Hanswascht“ („Hanswurst“) auf. Die Männer erzählten auf der Bühne Witze in Pennsylvanisch-Deutsch, und weil von den Zuschauern gewöhnlich nur noch ein Bruchteil Mundart verstand, sagte immer der eine einen Satz, den der andere sofort ins Englische übersetzte. Man musste mit der Zeit gehen, um Späße an den Mann zu bringen.

Bill ist seit vielen Jahren beim Kutztown Folk Festival aktiv und kümmert sich unter anderem darum, dass die Abläufe auf der „Main Stage“, der Hauptbühne, sitzen. Hier arbeitet er gemeinsam mit „East Side Dave“ Kline – einem sprichwörtlich „bunten Hund“, den als Musiker, Radiomoderator und Journalist in der Gegend jeder kennt.

Bill Meck, Dave Kline und Doug Madenford (2024)

Beruflich verdiente er sein Geld als Auktionator – „Fendu Groyer“, wie man im Pennsylvanisch-Deutschen sagt. Die Amerikaner lieben Auktionen, und versteigert wird so ziemlich alles, was man sich vorstellen kann: Vieh, Heu, Antiquitäten, aber auch Spielzeug und Küchengegenstände nach Haushaltsauflösungen. Aus allem lässt sich Geld machen. Und dass das auch funktioniert, ist Aufgabe der hauptberuflichen „Groyer“ (wir würden vielleicht „Greischer“ sagen). Sie singen im Verkaufsprozess und geben rhythmisch den jeweils aktuellen Dollarwert eines Gebots wieder. Ich habe so etwas in Europa noch nie gehört. Es ist eine eigene Kunstgattung.

Als Bill uns 2014 besuchte, um unter anderem beim „Deutsch-Pennsylvanischen Tag“ in Assenheim, in Bockenheim beim Mundartdichter-Wettstreit sowie in Ober-Olm und im Auswanderermuseum Oberalben seine Späße zu machen, versteigerte er auch Bücher und einige Gegenstände. Es war ein Erlebnis.

Privat hat sich Bill Meck in den letzten Jahren quasi halbiert. Jahrelang auf dem Festivalgelände in Kutztown kaum zu übersehen, muss man seit kurzem zweimal hinsehen, ob da wirklich Bill Meck auf einen zukommt: Er hat Dutzende Kilo Gewicht abgenommen, was seiner Gesundheit sichtlich gut tut.

Ich freue mich immer, ihn beim Festival in irgendeinem Schlagschatten eines Gebäudes zu entdecken, in den er sich wegen der Hitze geflüchtet hat. Bis zum neegscht Mol, Bill! Sehn dich widder …

Der Pälzylvanier

Prof. Per Sture Ureland – Der Frontberichterstatter

Prof. Per Sture Ureland (1937-2022) im Jahr 2019

Eine Würdigung zum zweiten Todestag

Prof. Dr. Per Sture Ureland (1937-2022) bewegte sich beruflich gerne auf gefährlichem Terrain: an Grenzen, zwischen den Fronten, auch in Schützengräben. Als Linguist liebte er die Regionen, in denen mindestens zwei Sprachen aufeinandertreffen: die Sprache einer Minderheit und die Sprache einer Mehrheit. In einer solchen Situation verhalten sich sprachliche Varietäten manchmal wie Kontinentalplatten, die sich mit unendlicher Kraft aufeinander zubewegen, über- und untereinander schieben und auch verschmelzen. Die Verbiegungen und Wandlungen sprachlicher Elemente und Strukturen in solchen Fällen zu analysieren, ist höchst interessant. Und es kann Leichen geben. Hier spricht man von „Sprachtod“. Historisch gesehen sind viel mehr Sprachen ausgestorben als aktuell gesprochen werden (ca. 7.000 im Jahr 2024).

Als ich Sture 1989 an der Universität Mannheim in meinem ersten Semester in einer Vorlesung über Allgemeine und Vergleichende Linguistik kennenlernte, brauchte er wenig Zeit, um mich zu begeistern. Als Schwede mit seinem ganz leichten Akzent im Deutschen, seiner aufgrund einer früheren Stimmbandserkrankung sehr leisen Sprechweise und als Folienjongleur auf dem damals obligatorischen Overhead-Projektor war er im akademischen Betrieb eine sehr besondere Erscheinung.

In seinen Veranstaltungen kam man im Laufe eines Semesters geografisch weit rum: Wir sprachen über die Situation des Schwedischen in Finnland, die Sprache der Samen (Lappen) in Nordskandinavien, Sprachkontakte zwischen den baltischen Sprachen und dem Russischen, besuchten aber auch Frontabschnitte des „Konflikts“ zwischen dem Englischen und keltischen (gälischen) Varietäten in Schottland, Irland, der Isle of Man und Wales. Aber auch für Sture eher unwichtige Nebenkriegsschauplätze wie die Situation der Bretonen, Elsässer und Lothringer in Frankreich oder Französisch und Deutsch in Italien waren manchmal Thema.

Daneben interessierte ihn auch, wie sich das Schwedische und Norwegische in Nordamerika in den dortigen skandinavischen Minderheitsgesellschaften entwickelte. Nach meiner Magisterarbeit über „Französisches im Pfälzischen“ (auch in der Region westlich des Rheins gibt es ja von der Region um Krefeld im Norden über Mainz und Strasbourg bis Basel im Süden einen wechselhaften Frontverlauf – zwischen dem Deutschen und Französischen) empfahl er mir, eine Dissertation in Angriff zu nehmen, und bot mir eine Stelle an seinem Lehrstuhl für Allgemeine Linguistik an. Von 1993 bis 1996 war ich dort tätig. Als Thema wählte ich „Sprachkontaktphänomene in schriftlichen Texten des Pennsylvaniadeutschen“. Eine weiteres, linguistisch hochinteressantes Schlachtfeld mit wechselnden Frontverläufen …

Sture lebte für Kongresse. Immer gab es eine Veranstaltung vor- oder nachzubereiten. Es entstanden Kongressberichte in Buchform, und ich lernte, wie Sture auf diese Weise ein Netzwerk von Gleichgesinnten aufbaute. Am Lehrstuhl hatte ich 1993 auch meinen allerersten Kontakt mit dem Internet. Der Name des Uniservers lautete damals „Rummelplatz Mannheim“. 1996 stellte ich meine Dissertation bei einem Kongress an der University of Waterloo in Ontario (Kanada) vor. Dort lernte ich Prof. Werner Enninger (1931-2016) kennen, der in den 1970er Jahren viel zu den Amish in Delaware gearbeitet hatte. Sture und ich wohnten im Haus von Prof. Manfred Richter, einem Freund aus dem großen Linguisten-Netzwerk. Später holten mich Prof. C. Richard Beam und seine Frau Dorothy in Kanada ab, um mich nach Pennsylvania mitzunehmen. Bei dieser Gelegenheit lernten sich auch Sture und Dick Beam kennen.

Prof. Dr. Per Sture Ureland und Prof. C. Richard Beam im Jahr 1996 in Kitchener, Ontario (Kanada)

1999 gründete Sture den „Eurolinguistischen Arbeitskreis Mannheim“ (ELAMA). Nur vier Jahre später – 2003 – folgten einige am Pennsylvanisch-Deutschen Interessierte seinem Beispiel und gründeten den „Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreis“ (DPAK). Sture war manchmal bei den Treffen dabei, letztmals im Jahr 2011 auf dem Weierhof. Er starb im Herbst 2022 im Alter von 85 Jahren.

Per Sture Ureland war ein Freigeist und überzeugter Europäer. Es machte unendlich viel Spaß, gemeinsam mit ihm gedanklich die linguistischen Hotspots der Kontaktlinguistik zu bereisen. Er hat mich gefördert und somit einen großen Anteil daran, dass es „Hiwwe wie Driwwe“ heute gibt. „Tack så mycket, alter Schwede!“

Der Pälzylvanier

Richard Miller – Ein „Dutchman“ aus dem Bilderbuch

Parre Richard Miller in Ladenburg beim 8. Deutsch-Pennsylvanischen Tag (2013)

Eine Würdigung

Heimatverbunden, familienorientiert, religiös und mit bäuerlichem Background – so sieht auch im 21. Jahrhundert ein typischer Pennsylvanisch-Deutscher aus. Ist dies alles gegeben, stehen die Chancen nicht ganz schlecht, dass die Person auch noch Mundart spricht.

Auf Richard Miller (87) aus Virginville (PA) trifft all dies zu, und Richard ist sogar noch lutherischer Pfarrer. Viele Jahre lebte er in Brooklyn in New York, wo er eine Stadtgemeinde betreute. Und doch zog es ihn immer heim ins pennsylvanisch-deitsch Land, zurück zur Familie. Vor allem im Sommer und beim Kutztown Folk Festival kann man ihn und seinen Bruder Lester antreffen. Richard engagiert sich unter anderem beim „Schreiwerfescht“, sein älterer Bruder betreut die Volkstänzer beim Hoedown auf der Hoedown Stage. Ich glaube, 80 % der kleinen Tänzerzinnen und Tänzer gehören zur großen und weit verzweigten Miller-Familie.

Die Miller Brieder: William, Robert, Richard, Russell und Lester (2012) – Mit einem Klick kommt man zum Video

Richard und vier Brüder traten Jahrzehnte lang als „Miller Brothers“ auf und sangen Lieder in pennsylvanisch-deutscher Mundart. Aber auch allein mit Gitarre ist der „Parre vun Nei Yarick“ immer hörenswert. Ich kenne ihn seit etwa 2007 und hatte ihn 2013 im Rahmen der „Hiwwe wie Driwwe Palatinate Tour“ in die Pfalz eingeladen. Er spielte sein Programm in Bockenheim und Oberalben, aber auch im kurpfälzischen Ladenburg und im rheinhessischen Ober-Olm.

Für uns in Ober-Olm war es der erste „Pennsylvaniadeutsche Abend“, den wir im Rathaus organisierten. Seitdem heißen wir jedes Jahr einen Gast aus Amerika willkommen.

Wenn man mit den Miller-Brüdern und ihren Ehefrauen unterwegs ist, wird es meistens sehr lustig. Leider ist Richards Bruder Russell zwischenzeitlich verstorben. Ich bin nicht sicher, ob sie weiter zu viert auftreten.

Richard lebt mittlerweile im nahen Topton (PA). Von hier aus könnte er die paar Meilen sogar mit einer historischen Eisenbahn nach Kutztown zum Folk Festival fahren.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass man auch in der nächsten Generation der Miller-Familie den Dialekt noch mindestens versteht, wenn nicht auch spricht. Das muss ich bei Gelegenheit einmal testen.

Der Pälzylvanier

Roland Paul – Türöffner nach Pälzylvania

Roland Paul am Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde in Kaiserslautern (2013)

Zum ersten Todestag von Roland Paul am 24. Juni 2024

Wer wie ich Anfang der 1990er Jahre im Pennsylvania Dutch Country in den USA linguistische Studien durchführen wollte, brauchte „Türöffner“ und damit Menschen, die relevante Dialektsprecher kannten und einen Kontakt herstellen konnten. Vertrauen war hier wichtig, denn manche pennsylvanisch-deutsche Gruppen wie Amish oder konservative Mennoniten waren vorsichtig, wenn es um Kontakte mit Fremden – zumal von der Universität – ging. Das sind sie noch immer.

Ich hatte zwei Türöffner: Prof. C. Richard Beam (1925-2018) für die konservativen Sektengruppen in Lancaster County, und Roland Paul (1951-2023), der mich mit Prof. Don Yoder (1921-2015) bekannt machte und mir so die pennsylvanisch-deutsche Welt der Lutheraner und Reformierten erschloss.

Roland hatte ich 1992 am Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde in Kaiserslautern kennengelernt. Allerdings eher im Vorübergehen, denn Ziel meiner damaligen Besuche war die Arbeitsstelle des Pfälzischen Wörterbuchs – ein Projekt, das Dr. Rudolf Post betreute und 1998 auch mit der Publikation des letzten Bandes zum Abschluss brachte. Meine Magisterarbeit zu Französismen im Pfälzischen an der Universität Mannheim beendete ich 1993, und meine Promotion über den englischen Einfluss auf die Dialektliteratur der Pennsylvaniadeutschen dann 1996.

1997 gründete ich die pfälzisch-pennsylvanische Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“, die noch heute erscheint und die Ausgangspunkt für eine ganze Reihe von Projekten zum selben Thema war und ist. Erst ab diesem Zeitpunkt waren Roland und ich in regelmäßigem Kontakt. Er wurde intensiver, als wir ab 2003 im neu gegründeten Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreis e.V. (DPAK) zusammenarbeiteten.

Don Yoder hatte ich mit Rolands Hilfe zweimal in einer Bibliothek getroffen, aber da der Kontakt aufgrund des gemeinsamen Interessensgebietes der pfälzisch-amerikanischen Nordamerikaauswanderung nun immer enger wurde, legte Roland mir einen längeren Besuch in Don Yoders Landhaus in Devon (PA) nahe. Ich wusste, dass Roland bei seinen längeren Pennsylvania-Aufenthalten immer in der kolonialen Villa von Don Yoder wohnte – und Don war bereit, mich auch privat zu empfangen, so dass ich in den Jahren zwischen 2000 und 2015 immer einmal wieder für mehrere Stunden Gelegenheit hatte, mich mit einem der Väter der pennsylvanisch-deutschen Volkskunde auszutauschen. Immerhin war Don Yoder einer der Gründer des Kutztown Folk Festivals im Jahr 1951.

Don Yoder und Michael Werner in Devon (PA) im Jahr 2007

Mit Don sprach ich über Geschichten, die ich im Rahmen meiner linguistischen Studien auf Band aufgenommen hatte, und die mir zum Teil als Pfälzer eigenartig vertraut vorkamen. Bei anderen stand ich völlig im Wald und konnte mir auf nichts einen Reim machen: Da sprach eine Frau von einem „Bucklich Maennli“, das bei ihr neben dem Herd in einer unaufgeräumten Ecke der Küche wohnte. Ein Mann berichtete von einer Vogelscheuche auf dem Feld, die er „Butzemann“ nannte und die Opfergaben erhielt. Ein anderer machte alljährlich im März eine Prozession um sein Grundstück herum, sagte eigenartige Sprüche und legte in allen Ecken Samen als  Geschenke für Elfen ab und Teile eines Fisches für Katzen, die einer Gottheit mit Namen „Freya“ gehörten. Letztlich fand ich in einem Kochbuch das Rezept für Hirschgeweihkekse („antler cookies“), die im Februar gebacken werden, um sie im Wald als Opfergabe für den „Waldmops“ abzulegen. Kurz: Es waren ganz seltsame Geschichten, die irgendwie nicht und irgendwie doch zusammenpassten. Konnte es sein, dass sich mir in Pennsylvania eine Tür geöffnet hatte, um über die kulturellen Praktiken der Pennsylvania-Deutschen einen Blick auf die Pfalz und die Pfälzer im 18. Jahrhundert zu erhalten? Heute kann ich sagen, dass das genau so ist. Ich gehe noch einen Schritt weiter und sage, man kann die Pfalz vielleicht überhaupt nur verstehen, wenn man die für die Pfalz relevanten Auswanderungsgesellschaften besucht und von ihnen lernt, wie unsere Vorfahren vor 300 Jahren gelebt und gedacht haben. Auf einmal wird es dann möglich zu erkennen, was wirklich hinter dem Belznickel steckt oder hinter unseren pfälzischen Elwedritsche. Eines sind letztere ganz sicher nicht: Fabeltiere. Don Yoder und ich haben viele Stunden zusammengesessen und miteinander gesprochen: Über Pennsylvania, die Pfalz, Roland Paul und vieles andere. Und manches von dem, was wir ausgetauscht haben, hat weiter in mir gearbeitet und mich auf Wege geführt, an deren Ende – zum Teil erst Jahre später – spannende Erkenntnisse standen.

Roland Paul (Mitte) 2015 in Bockenheim bei der Verleihung des Emichsburg-Preises an den Vorstand des Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreises e.V.: Von links Heike Benß, Bgm. Kurt Janson, Sänger John Schmid (Berlin, OH), Roland Paul, Dr. Michael Werner, Frank Kessler, Volker Gallé und Doris Schweitzer

Im Frühjahr 2023 rief ich Roland an und hatte ihn überraschenderweise auch gleich am Telefon. Ich würde mich gerne mit ihm treffen, sagte ich ihm, weil ich ein neues Buch plane und in dem Kontext seine Meinung zum ein oder anderen inhaltlichen Aspekt haben wollte. Er sagte zu, aber wir vereinbarten keinen konkreten Termin. Zu diesem Gespräch kam es leider nicht mehr, weil Roland Paul am 24. Juni 2023 überraschend verstarb, kurz vor einem Vortrag, den er halten wollte.

Die Chance in Roland Pauls Leben, bei einem Vortrag oder einem Familientreffen zu versterben, war deutlich größer als bei anderen Menschen. Denn wenn ich ihn traf oder sprach, kam er immer von einem Vortrag oder Familientreffen bzw. war auf dem Sprung zu einer solchen Veranstaltung. Bei fast allen Events, die wir gemeinsam besuchten, kam er mit etwas Verspätung an. Sein Terminplan war immer übervoll. Um so mehr rechne ich ihm hoch an, dass er zu meinem 50. Geburtstag, den ich 2015 im Auswanderermuseum Oberalben feierte, nicht nur kam, sondern sogar pünktlich war. Aber er hatte ja auch einen Vortrag zu halten …

Der Pälzylvanier