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Rheinhessisches Mundart-Festival 2026

In Rheinhessen tut sich was – und “Hiwwe wie Driwwe” ist dabei. Unter der Federführung von “rheinhessenKULTur” sowie den treibenden Kräften Uwe Jung (Rommersheim) und Horst Dehmel (Guntersblum) geht das neue “Rheinhessische Mundart-Festival” an den Start. Den Beginn macht eine musikalische Lesung von Volker Gallé mit Titel “Uffs Maul gefalle” am 21. Februar 2026 in Ober-Olm. Insgesamt sechs Veranstaltungen werden bis 27. März 2026 durchgeführt. Beim Abschluss-Event in Wörrstadt stehen alle Mitwirkenden noch einmal gemeinsam auf der Bühne. Neben den Lesungen und Konzerten bieten während dieses Zeitraums rheinhessische Kultur- und Weinbotschafter Führungen in rheinhessischen Mundarten an. “Hiwwe wie Driwwe” meint: Unbedingt hingehen, auch als Pfälzerin oder Pfälzer – denn bis kurz vor die Tore von Mainz werden in Rheinhessen ohnehin pfälzische Mundarten gesprochen.

Matthias Zech gewinnt Mundart-Wettstreit

Matthias Zech aus Speyer liest seinen Siegertext

Zum dritten Mal in Folge gewinnt Matthias Zech (Speyer) den Pfälzischen Mundartdichter-Wettstreit – diesmal mit dem Text “Hasselniss vum Vadder”. Dass die Jury so entschieden hat, konnte er selbst kaum glauben. Zweiter wurde Manfred Dechert (Ludwigshafen) mit “Mer redde nix”, Dritte Silvia Kästner (Mainz) mit “äfach mol liche bleiwe”. Den Publikumspreis erhielt Maritta Reinhardt (Wonsheim) mit ihrem Gedicht “Realität”. Den “Preis fer Neie” sicherte sich Uwe Jung (Rommersheim). Den Sonderpreis für den besten Text zum Thema “300 Jahre Casanova” schrieb nach Meinung der Zuschauer Cornelius Molitor mit “De Casanova im Alder”. Den Dautermann-Preis für die beste mundartliche Neuveröffentlichung erhielt Hermann J. Settelmeyer für sein Buch “Gut ufghowe – Gedichte und Geschichten in Pfälzer Mundart” (Maiermedien, Lingenfeld 2024). Den “Hiwwe wie Driwwe Award” für den besten pennsylvanisch-deutschen Text erhielt Patrick Donmoyer (Kutztown, PA). Begeistert war das Publikum von der musikalischen Umrahmung der Veranstaltung. Für diese sorgte die Band “The Shooflies” aus Pennsylvania, die im Rahmen der “Hiwwe wie Driwwe Tour 2025” an diesem Tag in Bockenheim zu Gast waren.

Hasselniss vum Vadder

frieher
do hot er viel gebabbelt
gerechent hot er schnell
fescht gschafft hot er fer uns
un alle Leit hot er gholfe
draagelangt un hiegelangt
uff alle Zochziche gedanzt
gelacht un verzehlt
un verzehlt un gelacht

des alles kanner himmie
heit mit seine 91
er hert nix mäh
er kennt känns mäh
hot uffghert zu verzehle

stunnelang
dut er draus uff de Terrass
Niss uffmache
Hasselniss aus seim Gaade

e Kinnerbreigläselsche voll
hot er mer mitgewwe

un ich du jeden Morche
do draus immer norre
äänie
in mei Müsli
ää äänzischie

do drin is alles
do drin do is
sei ganzie Lieb
sei ganzes Leewe

in dere Hasselnuss fer mich

Matthias Zech (Speyer)
1. Platz

Rudolf Post spricht in Ober-Olm

Dr. Rudolf Post

Der Förderverein der Gemeindebücherei Ober-Olm e.V. lädt am „Welttag der Muttersprache“ der UNESCO am 21. Februar 2025 zu einem Vortrag von Dr. Rudolf Post über „Mundarten in Rheinhessen“ ein. Die Veranstaltung findet ab 19 Uhr in der Alten Schule gegenüber von Rathaus von Katholischer Kirche statt.

Rudolf Post war von 1981 bis 1997 Bearbeiter des „Pfälzischen Wörterbuchs“ in Kaiserslautern und von 1998 bis 2009 Bearbeiter des „Badischen Wörterbuchs“ in Freiburg. Neben seinem Standardwerk „Pfälzisch – Sprachkultur in der Pfalz und der Kurpfalz“ (neu erschienen 2023) hat er im Herbst 2024 das Buch „Mundarten in Rheinhessen“ vorgelegt. Hier wird die rheinhessische Sprachlandschaft erstmals ausführlich vorgestellt. Rudolf Post ist eng mit dem Pfälzischen Mundartdichter-Wettstreit in Bockenheim (Pfalz) verbunden und war lange Mitglied und Vorsitzender der Jury.

Zum Vortrag: Das Gebiet links des Rheins zwischen Worms, Mainz und Bingen, das seit etwas mehr als 200 Jahren „Rheinhessen“ genannt wird, war und ist sprachlich und kulturell vielen verschiedenen Einflüssen ausgesetzt. Carl Zuckmayer hat dies mit seinem Bild von der „Völkermühle am Rhein“ zu fassen versucht. Die Mundarten in diesem Gebiet sind geprägt von dieser Geschichte zwischen Austausch und Beharren. Sie zeigen neben einigen Gemeinsamkeiten eine Fülle von Verschiedenheiten, die den Charakter einer jeweiligen rheinhessischen Ortsmundart ausmachen. So hört man in einem großen Teil Rheinhessens für „ihr habt“ ehr hunn, anderswo aber ihr hett und wieder anderswo ihr hann oder ihr henn.

Im Vortrag werden mit Hilfe von Abbildungen und Sprachkarten sprachliche Abgrenzungen innerhalb Rheinhessens und nach außen thematisiert und dabei die Frage erörtert, inwieweit man überhaupt von einer „rheinhessischen Mundart“ sprechen kann. Darüber hinaus werden Alter und Entwicklung der Mundarten in Rheinhessen, Besonderheiten der Laut-, Formenlehre und Syntax, der Reichtum des rheinhessischen Wortschatzes und seine Beziehungen zum Lateinischen, Französischen oder Jiddischen nicht ausgelassen. Auch die Verwendung des Rheinhessischen in Literatur und Kultur – also die Mundartliteratur und mundartliche Liedinterpreten – werden kurz vorgestellt.

Der Vortrag bietet sowohl den „eingeborenen“ Rheinhessen wie auch den Zugezogenen manches Vertraute, aber auch viel Neues über das in der Mundart manifestierte immaterielle Kulturerbe Rheinhessens. Im Anschluss an den Vortrag können Zuhörerinnen und Zuhörer Fragen stellen oder ihre eigenen Beobachtungen und Sichtweisen zum Mundartgebrauch in Rheinhessen mitteilen.

Rudolf Post: Vortrag „Mundarten in Rheinhessen“.
Ober-Olm 21.02.2025 – Alte Schule Ober-Olm, 19 Uhr

Gemeindebücherei Ober-Olm
Kontakt: gemeindebuecherei@ober-olm.de

Matthias Zech gewinnt Mundartdichterwettstreit 2024 in Bockenheim

Mit “des derf mer doch net” gewann Matthias Zech den Mundartdichterwettstreit 2024 in Bockenheim

Matthias Zech aus Speyer fand mit mit seinem Text “des derf mer doch net” beim 72. Pfälzischen Mundartdichter-Wettstreit am vergangenen Samstag die Anerkennung von Jury und Publikum gleichermaßen. Die beiden getrennten Abstimmungen führten zum selben Ergebnis: Zech hat mit dem Gedicht über die Klage einer Tochter über das Verhalten ihrer hochbetagten Mutter offensichtlich einen Nerv getroffen und entschied den Wettbewerb für sich. Auf Rang 2 landete der im Elsass lebende Südpfälzer Wilfried Berger mit “drauss uff’m dach”. Hier wünscht sich ein Kranker im Krankenhaus, wie die Amsel vor dem Fenster seiner Lebenssituation entfliehen und einfach fortfliegen zu können. Auf Rang 3 landete Norbert Schneider aus Rehborn mit “koschbarkääde”, einem Text über Demenz. Die Themen Alter und Krankheit landeten damit auf dem Siegerpodest.

Hans-Ulrich Ihlenfeld, Landrat des Landkreises Bad Dürkheim, heißt die Gäste im Festzelt in Bockenheim willkommen. Im Hintergrund: Dr. Michael Werner (Moderator), Weingräfin Sarah I. des Leiningerlands und Ortsbürgermeister Uli Keidel

Den “Dr. Wilhelm Dautermann-Preis 2024” für eine mundartliche Erstveröffentlichung erhielt Rudy Kupferschmitt für sein Buch “Heimatliches und Befremdliches”, den “Preis fer Neie” Angelika Futterer für ihr Gedicht “Rhoiwasser mit Balge …”. Den “Hiwwe wie Driwwe Award 2024” für einen Text in pennsylvanisch-deutscher Mundart erhielt Edward Quinter aus Allentown (Pennsylania) mit “Em Iemker sein Winsch”.

Im Frühjahr hatte der Förderkreis Mundart Bockenheim e.V. ein “Bockenheimer Manifest für Vielfalt und Toleranz” verfasst, dem sich bis Redaktionsschluss über 180 pfälzische Künstlerinnen und Künstler anschlossen. Zum Wettbewerb war deshalb des Sonderthema “bloss net nochemol – #niewiederistjetzt” ausgeschrieben. Das Publikum entschied sich unter den drei ausgezeichneten Texten für Cornelius Molitors Gedicht “beizeit”, der sich mit dem Thema “Stolpersteine” befasst.

Herzlichen Glückwunsch an alle – das Bild mit allen Siegerinnen und Siegern des Jahrgangs 2024.

Die musikalische Umrahmung übernahm Scott Reagan aus Nazareth (Pennsylvania), der im Rahmen der “Hiwwe wie Driwwe Tour 2024” für mehrere Konzerte in der Pfalz gastierte. Überraschungsgäste waren neben rund 200 Einheimischen – unter ihnen Landrat Hans-Ulrich Ihlenfeld – auch etwa ein Dutzend Amerikaner, die mehrheitlich pennsylvanisch-deutsche Mundart sprachen. So hatten die Anwesenden Gelegenheit zu testen, wie gut sich Pfälzisch und Pennsylvania-Deutsch für ein gemeinsames Gespräch eignen. Es klappte in vielen Fällen überraschend gut.

Rudolf Post – DER Pfälzisch-Experte

Rudolf Post im wunderbaren Podcast von PFALZCAST aus dem Jahr 2020. Aufs Bild klicken und genießen!

Zum 80. Geburtstag

Manchmal muss man Glück haben und zur rechten Zeit am richtigen Ort sein. Ich studierte ab 1989 in Mannheim Germanistik, Allgemeine Linguistik und Soziologie – und besuchte gleich in den ersten Semestern eher zufällig ein Seminar über Johann Jakob Hemmer (1733-1790). Der aus dem südwestpfälzischen Horbach stammende Geistliche, Meteorologe, Physiker und Sprachwissenschaftler lebte zeitweise als Hauslehrer im Sturmfederschen Schloss in Dirmstein und war Hofkaplan bei Kurfürst Karl Theodor in Mannheim. Der Mann veröffentlichte 1769 eine „Abhandlung über die deutsche Sprache zum Nutzen der Pfalz“ und beklagte dabei die schlechte Umgangssprache seiner pfälzischen Landsleute. Dabei machte er eine sehr frühe Bestandsaufnahme der Mundart. Das Thema Pfälzisch bzw. Regionalsprachen machte mir gleich großen Spaß. Mein Interesse an Dialektologie war geweckt. Daneben faszinierte mich an Hemmer auch, dass er sich zu seinen Lebzeiten in dem Gebäude aufhielt, in dem ich gerade studierte, und er zeitweise in Dirmstein in einer Gemeinde lebte, in der ich enge Verwandte habe.

Rudolf Post mit Beate Henn-Memmesheimer in Bockenheim (2011)

Und genau zur Zeit dieses Seminars über Hemmer tauchten zwei neue Lehrende im Vorlesungsverzeichnis der Uni Mannheim auf: Prof. Dr. Beate Henn-Memmesheimer und Dr. Rudolf Post. Beate hatte bereits 1980 ein Buch mit Titel „Pfälzisch“ veröffentlicht, Rudolf 1992 sein Standardwerk „Pfälzisch – Einführung in einer Sprachlandschaft“. Von dem Zeitpunkt an war klar, dass mein Studienschwerpunkt im Bereich Linguistik liegen würde. Zumal ich im Nebenfach bei Prof. Per Sture Ureland Allgemeine Linguistik studierte und mich dort mit Sprachkontaktzonen und Sprachkontakterscheinungen in Europa und dem Rest der Welt beschäftigte. In einem zweiten Nebenfach studierte ich Soziologie, was hilfreich war, weil die sogenannte “Soziolinguistik” – die Untersuchung von sprachlichen Varietäten im gesellschaftlichen Kontext – in dieser Zeit Konjunktur hatte. Konsequenterweise führte mich diese Ausrichtung zu einer Magisterarbeit über „Französisches im Pfälzischen“ und einer Dissertation über „Sprachkontaktphänomene im Pennsylvania-Deutschen“, einer mit dem Pfälzischen zumindest verwandten Mundart, die in Pennsylvania im Wesentlichen zwischen 1775 und 1820 neu entstanden ist.

Während des Studiums immer an meiner Seite waren Beate, Sture – und vor allem Rudolf. Denn er war in den 1990er Jahren Bearbeiter des „Pfälzischen Wörterbuches“, dessen Arbeitsstelle sich am Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde in Kaiserslautern befand. Wenn ich mit irgendeinem Thema nicht weiter kam, fuhr ich nach Kaiserslautern. Und ich erhielt immer Unterstützung. In dieser Zeit habe ich viel über das Pfälzische gelernt und ab 1993 begonnen, ein „Deutsch-Pennsylvanisches Archiv“ aufzubauen, in dem ich zunächst vor allem literarische Mundarttexte aus Pennsylvania sammelte. Später kam viel Sekundärliteratur dazu. Heute ist das Archiv im Mennonitischen Forschungszentrum auf dem Weierhof öffentlich zugänglich.

Rudolf Post konnte das Generationenprojekt „Pfälzisches Wörterbuch“, dessen Anfänge in die Kaiserzeit zurückreichen (1912/13), im Jahr 1998 zum Abschluss bringen, und der letzte der insgesamt sechs Bände wurde in der Fruchthalle Kaiserslautern vorgestellt. Es war ein sehr feierlicher Akt, bei dem Rudolfs Leistungen zurecht hoch gelobt wurden.

1998 erhielt Rudolf den renommierten „Preis der Emichsburg“ der Gemeinde Bockenheim an der Weinstraße für seine Leistungen im Bereich der Mundart. Im gleichen Jahr begann ich, in der Jury des Pfälzischen Mundartdichter-Wettstreits in Bockenheim mitzuarbeiten. Dort traf ich Beate Henn-Memmesheimer und Rudolf Post wieder. Rudolf verließ die Jury aber recht bald, weil er eine neue Arbeitsstelle am „Badischen Wörterbuch“ in Freiburg antrat und nicht regelmäßig nach Bockenheim kommen konnte. Nach seiner Pensionierung kam er in die Jury zurück, bis er sich aus Altersgründen entschloss, die Tätigkeit aufzugeben. Insgesamt war er knapp 20 Jahre dabei und lange Jahre auch ihr Sprecher.

Dr. Rudolf Post, Dr. Walter Sauer, Dr. Michael Werner und Prof. Dr. Mark Louden in Essenheim beim 2. Deutsch-Pennsylvanischen Tag (2007)

Während dieser Zeit haben wir uns oft die Köpfe heiß geredet bei der Frage, ob man im Pfälzischen dies oder das so schreiben könne oder nicht – ob es einen bestimmten Ausdruck überhaupt gebe und ob denn eine bestimmte Wortform oder eine Satzkonstruktion überhaupt noch Pfälzisch sei. Es konnte durchaus laut werden am Jury-Tisch, bis es gewöhnlich dann mit einem Mal ganz still wurde. Dann schauten wir uns an und drehten unsere Köpfe in Richtung Rudolf Post, der bei hitzigen Diskussionen meist ruhig blieb. Rudolf dachte zwei oder drei weitere lange Sekunden nach und antwortete dann eher leise, aber überlegt. Seine Worte galten im Anschluss als gesetzt, und das Thema war erledigt. Aufgrund seiner herausragenden Expertise, die er sich über Jahrzehnte erworben hat, ist Rudolf Post schlicht DER Pfälzisch-Experte, den wir heute in der Pfalz haben. Ich darf das sagen, weil er es selbst aufgrund seiner Bescheidenheit nie selbst sagen würde. Er ist die letzte Instanz in allen Zweifelsfällen.

In diesen Tagen feiert Rudolf Post im rheinhessischen Gabsheim seinen 80. Geburtstag. Ich wünsche von Herzen alles Gute und weiterhin eine große Schaffenskraft.

Der Pälzylvanier