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Bill Meck – Der Auktionator

Bill Meck und Michael Werner in Kutztown (2022)

Eine Würdigung

Bill Meck hat bei „Zettlemoyer Auctions“ für Ralph Zettlemoyer gearbeitet, welcher der Bruder von Norma Zettlemoyer war, die einen gewissen Donald Breininger geheiratet hat und ihr Leben im Hollwigs Daal in Nei Tripoli (Lechaa Kaundi) verbrachte.

Will heißen: Im Pennsylvania Dutch Country kennt man sich. Viele sind miteinander verwandt. Die Welt ist klein. Alle vier genannten Personen sprachen bzw. sprechen die Mundart und waren bzw. sind beim Kutztown Folk Festival aktiv.

Bill Meck trat viele Jahre gemeinsam er mit Leroy „Jock“ Brown (1925-2022) unter seinem Künstlernamen „Hanswascht“ („Hanswurst“) auf. Die Männer erzählten auf der Bühne Witze in Pennsylvanisch-Deutsch, und weil von den Zuschauern gewöhnlich nur noch ein Bruchteil Mundart verstand, sagte immer der eine einen Satz, den der andere sofort ins Englische übersetzte. Man musste mit der Zeit gehen, um Späße an den Mann zu bringen.

Bill ist seit vielen Jahren beim Kutztown Folk Festival aktiv und kümmert sich unter anderem darum, dass die Abläufe auf der „Main Stage“, der Hauptbühne, sitzen. Hier arbeitet er gemeinsam mit „East Side Dave“ Kline – einem sprichwörtlich „bunten Hund“, den als Musiker, Radiomoderator und Journalist in der Gegend jeder kennt.

Bill Meck, Dave Kline und Doug Madenford (2024)

Beruflich verdiente er sein Geld als Auktionator – „Fendu Groyer“, wie man im Pennsylvanisch-Deutschen sagt. Die Amerikaner lieben Auktionen, und versteigert wird so ziemlich alles, was man sich vorstellen kann: Vieh, Heu, Antiquitäten, aber auch Spielzeug und Küchengegenstände nach Haushaltsauflösungen. Aus allem lässt sich Geld machen. Und dass das auch funktioniert, ist Aufgabe der hauptberuflichen „Groyer“ (wir würden vielleicht „Greischer“ sagen). Sie singen im Verkaufsprozess und geben rhythmisch den jeweils aktuellen Dollarwert eines Gebots wieder. Ich habe so etwas in Europa noch nie gehört. Es ist eine eigene Kunstgattung.

Als Bill uns 2014 besuchte, um unter anderem beim „Deutsch-Pennsylvanischen Tag“ in Assenheim, in Bockenheim beim Mundartdichter-Wettstreit sowie in Ober-Olm und im Auswanderermuseum Oberalben seine Späße zu machen, versteigerte er auch Bücher und einige Gegenstände. Es war ein Erlebnis.

Privat hat sich Bill Meck in den letzten Jahren quasi halbiert. Jahrelang auf dem Festivalgelände in Kutztown kaum zu übersehen, muss man seit kurzem zweimal hinsehen, ob da wirklich Bill Meck auf einen zukommt: Er hat Dutzende Kilo Gewicht abgenommen, was seiner Gesundheit sichtlich gut tut.

Ich freue mich immer, ihn beim Festival in irgendeinem Schlagschatten eines Gebäudes zu entdecken, in den er sich wegen der Hitze geflüchtet hat. Bis zum neegscht Mol, Bill! Sehn dich widder …

Der Pälzylvanier

Prof. Per Sture Ureland – Der Frontberichterstatter

Prof. Per Sture Ureland (1937-2022) im Jahr 2019

Eine Würdigung zum zweiten Todestag

Prof. Dr. Per Sture Ureland (1937-2022) bewegte sich beruflich gerne auf gefährlichem Terrain: an Grenzen, zwischen den Fronten, auch in Schützengräben. Als Linguist liebte er die Regionen, in denen mindestens zwei Sprachen aufeinandertreffen: die Sprache einer Minderheit und die Sprache einer Mehrheit. In einer solchen Situation verhalten sich sprachliche Varietäten manchmal wie Kontinentalplatten, die sich mit unendlicher Kraft aufeinander zubewegen, über- und untereinander schieben und auch verschmelzen. Die Verbiegungen und Wandlungen sprachlicher Elemente und Strukturen in solchen Fällen zu analysieren, ist höchst interessant. Und es kann Leichen geben. Hier spricht man von „Sprachtod“. Historisch gesehen sind viel mehr Sprachen ausgestorben als aktuell gesprochen werden (ca. 7.000 im Jahr 2024).

Als ich Sture 1989 an der Universität Mannheim in meinem ersten Semester in einer Vorlesung über Allgemeine und Vergleichende Linguistik kennenlernte, brauchte er wenig Zeit, um mich zu begeistern. Als Schwede mit seinem ganz leichten Akzent im Deutschen, seiner aufgrund einer früheren Stimmbandserkrankung sehr leisen Sprechweise und als Folienjongleur auf dem damals obligatorischen Overhead-Projektor war er im akademischen Betrieb eine sehr besondere Erscheinung.

In seinen Veranstaltungen kam man im Laufe eines Semesters geografisch weit rum: Wir sprachen über die Situation des Schwedischen in Finnland, die Sprache der Samen (Lappen) in Nordskandinavien, Sprachkontakte zwischen den baltischen Sprachen und dem Russischen, besuchten aber auch Frontabschnitte des „Konflikts“ zwischen dem Englischen und keltischen (gälischen) Varietäten in Schottland, Irland, der Isle of Man und Wales. Aber auch für Sture eher unwichtige Nebenkriegsschauplätze wie die Situation der Bretonen, Elsässer und Lothringer in Frankreich oder Französisch und Deutsch in Italien waren manchmal Thema.

Daneben interessierte ihn auch, wie sich das Schwedische und Norwegische in Nordamerika in den dortigen skandinavischen Minderheitsgesellschaften entwickelte. Nach meiner Magisterarbeit über „Französisches im Pfälzischen“ (auch in der Region westlich des Rheins gibt es ja von der Region um Krefeld im Norden über Mainz und Strasbourg bis Basel im Süden einen wechselhaften Frontverlauf – zwischen dem Deutschen und Französischen) empfahl er mir, eine Dissertation in Angriff zu nehmen, und bot mir eine Stelle an seinem Lehrstuhl für Allgemeine Linguistik an. Von 1993 bis 1996 war ich dort tätig. Als Thema wählte ich „Sprachkontaktphänomene in schriftlichen Texten des Pennsylvaniadeutschen“. Eine weiteres, linguistisch hochinteressantes Schlachtfeld mit wechselnden Frontverläufen …

Sture lebte für Kongresse. Immer gab es eine Veranstaltung vor- oder nachzubereiten. Es entstanden Kongressberichte in Buchform, und ich lernte, wie Sture auf diese Weise ein Netzwerk von Gleichgesinnten aufbaute. Am Lehrstuhl hatte ich 1993 auch meinen allerersten Kontakt mit dem Internet. Der Name des Uniservers lautete damals „Rummelplatz Mannheim“. 1996 stellte ich meine Dissertation bei einem Kongress an der University of Waterloo in Ontario (Kanada) vor. Dort lernte ich Prof. Werner Enninger (1931-2016) kennen, der in den 1970er Jahren viel zu den Amish in Delaware gearbeitet hatte. Sture und ich wohnten im Haus von Prof. Manfred Richter, einem Freund aus dem großen Linguisten-Netzwerk. Später holten mich Prof. C. Richard Beam und seine Frau Dorothy in Kanada ab, um mich nach Pennsylvania mitzunehmen. Bei dieser Gelegenheit lernten sich auch Sture und Dick Beam kennen.

Prof. Dr. Per Sture Ureland und Prof. C. Richard Beam im Jahr 1996 in Kitchener, Ontario (Kanada)

1999 gründete Sture den „Eurolinguistischen Arbeitskreis Mannheim“ (ELAMA). Nur vier Jahre später – 2003 – folgten einige am Pennsylvanisch-Deutschen Interessierte seinem Beispiel und gründeten den „Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreis“ (DPAK). Sture war manchmal bei den Treffen dabei, letztmals im Jahr 2011 auf dem Weierhof. Er starb im Herbst 2022 im Alter von 85 Jahren.

Per Sture Ureland war ein Freigeist und überzeugter Europäer. Es machte unendlich viel Spaß, gemeinsam mit ihm gedanklich die linguistischen Hotspots der Kontaktlinguistik zu bereisen. Er hat mich gefördert und somit einen großen Anteil daran, dass es „Hiwwe wie Driwwe“ heute gibt. „Tack så mycket, alter Schwede!“

Der Pälzylvanier

Peter V. Fritsch – Das kulturelle Gedächtnis der Pennsylvania Dutch

Peter V. Fritsch beim Schreiwerfescht des Kutztown Folk Festivals (2010)

Eine Würdigung

Peter Fritsch (1945-2015) war ein ruhiger Mensch. Er lebte zurückgezogen mitten im Wald in einer umgebauten Scheune an der Centennial Road in der Nähe von Alburtis. Als ich ihn 1994 erstmals dort besuchte, war er 49 Jahre alt. Damit gehörte er unter den sogenannten „Fancy Dutch“ – also Nicht-Mitgliedern von Old Order Amish oder Old Order Mennonites – zu den jüngeren Sprechern.

„Ich bin en alter Bachelor“, sagte er über sich selbst, weil er unverheiratet war. Er sprach die Mundart so wunderbar unverfälscht, wie er sie in seiner Kindheit in „Langschwamm“ (Long Swamp) in der Familie gelernt hatte. Und von Kindesbeinen an war er gerne mit Älteren zusammen und ließ sich die „Schtoris“ von früher erzählen.

Sein Vater John Fritsch zog an Silvester mit Freunden von Haus zu Haus, um in der Gegend den traditionellen „Neuyaahrswinsch“ zu geben: „Mir winsche eich en glickseeliches neies Yaahr, en Bretzel wie en Scheierdoor, en Brotwascht wie en Offerohr …“. Da es in jedem Haushalt zum Dank einen Schnaps für die „Winscher“ und Musiker gab, kam John meist „gsoffe heem“, wie Peter lachend erzählte. Als John starb, machte Peter mit seinen Freunden Linda und Mike Hertzog und weiteren Familienmitgliedern weiter. Nur die Tradition mit dem Alkohol übernahmen sie nicht.

Peter Fritsch mit Mike Hertzog (Banjo) und weiteren Musikern (2009)

Peter schrieb Texte in Mundart und publizierte Bücher. Deshalb lernten wir uns kennen. Beruflich war er Kunstlehrer in Reading, und er hatte einen Lehrauftrag zur pennsylvanisch-deutschen Kultur am Ursinus College in Collegeville (PA).

1994 besuchte ich gemeinsam mit ihm seine gute Freundin Florence Baver (1911-1999). Florence, eine Grundschullehrerin, war der Kopf der „Pennsylvania Dutch Folk Culture Society” in Lenhartsville gewesen. Sie war eine sehr freundliche Frau, die sich sehr für den Erhalt der Kultur der Pennsylvaniadeutschen einsetzte. Dabei konnte sie aber auch streitbar sein. Sie stand im engen Austausch mit den Gründern des Kutztown Folk Festivals: Prof. Don Yoder (1921-2015), Prof. J. William Frey (1916-1989) und Prof. Alfred L. Shoemaker (1913-ca. 1967). Schon vor Florence Bavers Tod wurde das Center in Lenhartsville aufgelöst, und die meisten Materialien fanden eine neue Heimat im gerade gegründeten Pennsylvania German Cultural Heritage Center in Kutztown (PA).

Von Peter Fritsch hörte ich 1994 erstmals in Pennsylvania vom „Bucklich Maennli“. Es sollte dafür verantwortlich sein, dass Peter seinen Hausschlüssel nicht finden konnte: „Des hot des verdollt bucklich Maennli geduh!“, rief Peter immer wieder. Und: „Es hot sei Millich grickt!“ Der Schlüssel fand sich, auch ohne die Hilfe des „Bucklich Maennli“, hinter dem eine wirklich interessante Geschichte steckt. Letztlich führt sie auch zur Beantwortung der Frage, was Elwedritsche wirklich sind. Awwer sell iss en anner Schtori!

Peter Fritsch spielt Hackbrett (2015)

Peter habe ich all die Jahre immer wieder besucht, ihn ausgefragt, seine Geschichten auch aufgenommen. Mehrfach lud ich ihn auch nach Deutschland und in die Pfalz ein. Seine Antwort war immer klar: „Nee, nee, ich schlof es liebscht in mei eegen Bett!“

In seinen 60ern wurde ihm der Garten rund um seine Scheune zu viel, und er entschied sich, nach Topton in ein kleines Häuschen zu ziehen. Dort besuchte ich ihn im Februar 2015 ein letztes Mal. Er wirkte unglücklich und wünschte sich in seine Heimat im Wald zurück. Es half aber nichts: Das Gebäude hatte er verkauft. Nur wenige Monate nach meinem Besuch erfuhr ich , dass Peter überraschend verstorben war.

Es heißt ja: Jedes Mal, wenn ein Mensch stirbt, stirbt eine ganze Welt. Bei Peter Fritsch trifft das in ganz besonderem Maße zu. Er fehlt.

Der Pälzylvanier

Richard Miller – Ein „Dutchman“ aus dem Bilderbuch

Parre Richard Miller in Ladenburg beim 8. Deutsch-Pennsylvanischen Tag (2013)

Eine Würdigung

Heimatverbunden, familienorientiert, religiös und mit bäuerlichem Background – so sieht auch im 21. Jahrhundert ein typischer Pennsylvanisch-Deutscher aus. Ist dies alles gegeben, stehen die Chancen nicht ganz schlecht, dass die Person auch noch Mundart spricht.

Auf Richard Miller (87) aus Virginville (PA) trifft all dies zu, und Richard ist sogar noch lutherischer Pfarrer. Viele Jahre lebte er in Brooklyn in New York, wo er eine Stadtgemeinde betreute. Und doch zog es ihn immer heim ins pennsylvanisch-deitsch Land, zurück zur Familie. Vor allem im Sommer und beim Kutztown Folk Festival kann man ihn und seinen Bruder Lester antreffen. Richard engagiert sich unter anderem beim „Schreiwerfescht“, sein älterer Bruder betreut die Volkstänzer beim Hoedown auf der Hoedown Stage. Ich glaube, 80 % der kleinen Tänzerzinnen und Tänzer gehören zur großen und weit verzweigten Miller-Familie.

Die Miller Brieder: William, Robert, Richard, Russell und Lester (2012) – Mit einem Klick kommt man zum Video

Richard und vier Brüder traten Jahrzehnte lang als „Miller Brothers“ auf und sangen Lieder in pennsylvanisch-deutscher Mundart. Aber auch allein mit Gitarre ist der „Parre vun Nei Yarick“ immer hörenswert. Ich kenne ihn seit etwa 2007 und hatte ihn 2013 im Rahmen der „Hiwwe wie Driwwe Palatinate Tour“ in die Pfalz eingeladen. Er spielte sein Programm in Bockenheim und Oberalben, aber auch im kurpfälzischen Ladenburg und im rheinhessischen Ober-Olm.

Für uns in Ober-Olm war es der erste „Pennsylvaniadeutsche Abend“, den wir im Rathaus organisierten. Seitdem heißen wir jedes Jahr einen Gast aus Amerika willkommen.

Wenn man mit den Miller-Brüdern und ihren Ehefrauen unterwegs ist, wird es meistens sehr lustig. Leider ist Richards Bruder Russell zwischenzeitlich verstorben. Ich bin nicht sicher, ob sie weiter zu viert auftreten.

Richard lebt mittlerweile im nahen Topton (PA). Von hier aus könnte er die paar Meilen sogar mit einer historischen Eisenbahn nach Kutztown zum Folk Festival fahren.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass man auch in der nächsten Generation der Miller-Familie den Dialekt noch mindestens versteht, wenn nicht auch spricht. Das muss ich bei Gelegenheit einmal testen.

Der Pälzylvanier

Mary Laub – Die Kinderbuchautorin

Mary Laub mit Michael Werner bei der Vorstellung des Films „Hiwwe wie Driwwe – Pfälzisch in Amerika“ im rheinland-pfälzischen Landtag in Mainz (2018 – Quelle A. Linsenmann)

Eine Würdigung

Seit 1869 wurden deutlich über 100 Mundartbücher in Pennsylvania-Deutsch herausgebracht. Die meisten von ihnen sind heute in Bibliotheken einzusehen oder antiquarisch zu erwerben. Wer sich für die Dialektliteratur interessiert, kann hierzulande zum Beispiel im „Deutsch-Pennsylvanischen Archiv“ von „Hiwwe wie Driwwe“ stöbern, das seit 2016 in der Mennonitischen Forschungsstelle auf dem Weierhof bei Kirchheimbolanden verwahrt wird.

Mary Laub: Uff der Bauerei (2017)

Man stellt fest, dass die Auflagen dieser Bücher stetig gesunken sind, und wer heute publiziert, druckt nur noch eine kleine Anzahl von Exemplaren. Dass es auch anders geht, beweist seit ein paar Jahren die pensionierte Universitätsprofessorin Mary Laub aus der Gegend von Kutztown. Ihr Kinderbuch „Uff der Bauerei – Die Henny un der Spunky“ ist vergleichsweise hochauflagig 2017 bei Masthof Press in Morgantown erschienen (masthof.com). Seit dieser Zeit bin ich mit Mary in Kontakt, weil sie eine Sache anders macht als alle anderen Autorinnen und Autoren in Pennsylvania: Sie bemüht sich um Lesungen, stellt ihr Buch aktiv vor und wirbt sogar dafür, wenn sie mit Menschen auf der Straße oder in Geschäften ins Gespräch kommt. Kurz: Sie betreibt ein aktives Eigenmarketing. Das funktioniert, und so hat sie in den letzten sieben Jahren bereits sechs Bücher nebst zugehörigen Audio-CDs publiziert.

Mary Laub mit weiteren Teilnehmerinnen und Teilnehmern des „Schreiwerfeschts“ beim Kutztown Folk Festival (2019)

Daneben ist sie eine treue Teilnehmerin beim jährlichen „Schreiwerfescht“, das Prof. William Donner und Ed Quinter auf der „Seminar Stage“ des Kutztown Folk Festivals organisieren. Etwa zehn Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind für gewöhnlich dabei. Mary Laub bringt auf diese Weise die Mundart zu den Menschen und stellt Lesestoff zur Verfügung, mit dem Großeltern ihre Enkelkinder mit der Sprache ihrer Enkelkinder in Kontakt bringen können. Es wäre viel gewonnen, wenn ihr Beispiel Schule machte.

Als wir im Sommer 2018 den Film „Hiwwe wie Driwwe – Pfälzisch in Amerika“ auf Einladung von Landtagspräsident Hendrik Hering im Parlament in Mainz im Rahmen einer Vorpremiere erstmals vorstellten, war sie mit ihrem Mann gerade zufällig per Schiff auf einer mehrtägigen Reise auf dem Rhein unterwegs. Da sie am selben Abend in der Landeshauptstadt anlegte, luden wir sie kurzerhand zur Vorstellung ein – ebenso wie Deutschlehrerin Ashley Snyder von der Conrad Weiser High School in Berks County, die zu diesem Zeitpunkt wieder einmal bei uns in Ober-Olm zu Gast war.

Der Pälzylvanier

Carroll Bingaman – Der Pionier

Carroll Bingaman und Michael Werner (1995)

Eine Würdigung

Carroll Bingaman (1914-2001) hat das Programm von „Hiwwe wie Driwwe“ gelebt, lange bevor es „Hiwwe wie Driwwe“ gab.

Ich traf ihn erstmals im Herbst 1993 am Institut für deutsche Sprache (IdS) in Mannheim, wo ich während der Zeit meiner Promotion am „Deutschen Spracharchiv“ bei Dr. Peter Wagener arbeitete. Wir Doktoranden transkribierten Dialektaufnahmen und erstellten so Korpora für die weitere linguistische Bearbeitung. Zu meinem Einsatzbereich gehörten das Pfälzische, das Pennsylvania-Deutsche und weitere rheinfränkische Siedlungsmundarten im östlichen Europa. Auf einmal stand er in der Tür: ein älterer Herr von etwa 1,60 Metern, aber mit fester Stimme und klarem Programm.

„Ich kumm neegscht alle Yaahr in die Palz“, erklärte er. Bingaman war ein ehemaliger Meteorologe aus Reading (PA), unverheiratet und reiselustig. Schon 1932 war er als junger Mann auf Reisen am Rhein unterwegs. Es hat ihm so gut gefallen, dass er immer wieder kam – während der 1930er Jahre ab und zu und später dannn, nach dem Krieg, jährlich immer wieder so verlässlich wie die Ankunft des Frühlings nach einem langen Winter.

„Ich gleich schwetze mit die Leit“, erklärte er dann. „Mei Urgroossmudder waar vun Edenkoben aus Bayern“. Damit gab er sich als jemand zu erkennen, den die echten Pennsylvania-Deutschen bis vor ein paar Jahren noch etwas schräg angeschaut hätten. Ein „echter Dutchman“ hatte nämlich einen Stammbaum zu haben, bei dem die Amerika-Auswanderer aus der Kurpfalz und angrenzenden Regionen in die englische Kolonie Pennsylvania emigrierten. Carrolls Uroma hingegen wanderte 1842 aus der bayrischen Pfalz in die USA aus. Lange Zeit galt das drüben nicht, und so einer konnte nicht einmal Mitglied der altehrwürdigen „Pennsylania German Society“ werden. Das hat sich zwischenzeitlich geändert.

Carroll Bingaman in Freinsheim (1996)

Am liebsten hielt Carroll sich am Institut für deutsche Sprache auf und uns alle von der Arbeit ab. Der Zufall wollte es, dass einmal auch ein Wolgadeutscher aus Kansas zur gleichen Zeit zu Besuch war. Wir packten die Gelegenheit beim Schopfe und ließen die beiden Mundartsprecher, die sich nicht kannten, miteinander plaudern. Das klappte erstaunlich gut.

Der alte Herr setzte sich aber auch gerne auf eine Parkbank am Mannheimer Wasserturm und fing Gespräche mit älteren Damen an: „Was denkscht, wu ich herkumm?“, eröffnete er die Plauderei üblicherweise. Und wenn die Angesprochene ihn dann als jemand von Frankenthal, Bad Dürkheim oder Grünstadt verortete, war er selig.

„Ich denk, ich kumm nimmie“, sagte er eigentlich jedes Mal beim Abschied. „Des waar’s letscht Mol.“ Und doch stand er verlässlich im nachfolgenden Jahr wieder vor der Tür. Ich kümmerte mich während seiner Aufenthalte ein wenig um ihn und machte ein paar Ausflüge, etwa nach Bockenheim, zu meiner Großmutter nach Ebertsheim oder zu unserer Verwandtschaft in der Kuseler Gegend. Meine Oma Ella Borger (1906-1998) wollte er vom Fleck weg heiraten und sich ganz in der Pfalz niederlassen. Aber sie hat „nein“ gesagt.

Es gibt nicht allzu viele Fotos aus dieser Zeit, weil man in den 1990ern ja noch analog fotografierte. Bei mir erfolgte der Umstieg auf eine erste Digitalkamera Anfang 2003.

Carroll Bingaman im Weingut Wöhrle in Bockenheim (1996)

Carroll ist der einzige Pennsylvania-Deutsche, den ich ausschließlich in der Pfalz getroffen habe. Wenn ich es recht bedenke, hat er wahrscheinlich auch einen wesentlichen Beitrag geleistet, dass es heute das Projekt „Hiwwe wie Driwwe“ gibt. Wir sprachen viel über den Austausch zwischen Deutschland und Amerika, die Kultur und die Sprache. Und er machte vor, dass weder Alter noch Distanz ein Grund sind, NICHT auf die andere Seite des Atlantiks zu reisen.

Es gab natürlich Anfang der 1990er Jahre schon Menschen, die eifrig an dieser Atlantik-Brücke bauten – etwa Roland Paul (1951-2023) und Karl Scherer vom Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde in Kaiserslautern, das Ehepaar Werner vom Auswanderermuseum Oberalben, Garry Waltner vom Mennonitischen Forschungszentrum Weierhof oder Hermann Jäger aus der Südpfalz – Carroll Bingaman aber gehörte auch dazu, lange bevor ich das Interesse entwickelte und zu diesem Kreis hinzustieß. Er war in diesem Sinne ein echter „Hiwwe wie Driwwe“-Pionier.

Der Pälzylvanier

Carroll Bingaman in Ebertsheim, Neuleiningen und Edenkoben (1998)

Dorothy Beam – Die „Fuhrfraa“

Dorothy Beam und Michael Werner in Millersville (2019)

Zum 90. Geburtstag

Dorothy Beam heißt ganz korrekt eigentlich Prof. Dorothy Pozniko Beam – sie hat ukrainische Wurzeln und wurde in Salem (Ohio) geboren. Viele in Pennsylvania kennen sie unter dem Namen „Bischlin Gnipplin“, weil sie die Ehefrau von Prof. C. Richard Beam (1925-2018) war, der pennsylvanisch-deutsche Texte mit seinem Autorenpseudonym „Bischli Gnippli“ zeichnete. Weshalb, das löse ich im Februar 2025 auf, wenn ich aus Anlass des 100. Geburtstags von Dick Beam ihm einen kleinen Text widme. Beam stellte Dorothy gerne als „Bischlin Gnipplin“ vor – ganz oft sagte er aber auch: „Des iss die Dorothy – mei Fuhrfraa!“

Dorothy Beam mit ihrem Mann Dick an den Niagara Fällen (1996)

Und es stimmte. Gerade in den letzten Jahren fuhr Beam nicht mehr selbst Auto, sondern überließ das Steuer seiner neun Jahre jüngeren Frau. Wenn wir im Pennsylvania Dutch Country unterwegs waren, hörten die beiden im Wagen am liebsten deutsche Opern – und Beam sang lauthals mit: „Papageno, Papageno!“ Dorothy lächelte dann zufrieden vor sich hin und konzentrierte sich auf den Verkehr. Sie war Professorin für Klavier an der Millersville University gewesen, und im Wohnzimmer ihres Hauses steht raumfüllend ein wunderbarer Flügel. Seit meinem ersten Besuch im Jahr 1994 füllte sich das Zimmer Jahr für Jahr mehr mit sprachwissenschaftlichen Büchern zum Pennsylvaniadeutschen. Ihr Mann Dick arbeitete seit Ende der 1960er Jahre daran, ein mehrbändiges Wörterbuch zu publizieren. Zunächst hatte sein Ende der 1980er Jahre gegründetes „Center for Pennsylvania German Studies“ noch Räume an der Universität, aber irgendwann musste er mit allen Unterlagen ins private Wohnhaus umziehen. Im Haus befindet sich eine Bibliothek, die eine Schatzkammer für alle ist, die sich mit dem Thema „Pennslyvania German“ beschäftigen.

Dorothy hat dem wichtigen Wörterbuch-Projekt Raum gegeben – im Haus und in ihrem Leben. Jahrzehntelang fuhr sie mit ihrem Mann zu Gewährspersonen, um möglichst alle im Pennsylvanisch-Deutschen verwendeten Wörter zu erfassen. Aus Audioaufnahmen wurden Wortlisten, dann Karteikarten und schließlich digitale Einträge im Computer. Wir Freunde und Bekannte beobachteten den Fortgang des Projektes und hatten zwischenzeitlich Sorge, das Wörterbuchprojekt könnte zu groß sein, um es noch in der Lebenszeit von Dick Beam abzuschließen. Zum Glück aber waren Dorothy und Dick Beam mit einer guten Gesundheit gesegnet – und sie hatten immer Hilfe von Studentinnen und Studenten, die von der Millersville University bezahlt wurden. Als Joshua Brown im Jahr 2004 Assistent war, erschien endlich der erste Band. Später wurde „Yossi“ Deutsch-Professor in Wisconsin. Im Anschluss übernahm Jennifer Trout die Assistenz, und Dorothy und sie unterstützten Dick Beam mit all ihren Kräften, um das Projekt zu einem guten Ende zu bringen. Bei der Herausgabe des ersten Bandes war „Bischli Gnippli“ bereits 79 Jahre alt, beim elften und letzten Band im Jahr 2007 dann 82.

Die „Fuhrfraa“ am Steuer – ein Foto aus dem Sommer 2017

Wenn Dick Beam von seiner „Fuhrfraa“ sprach, war das ausgesprochen liebevoll gemeint und voller Hochachtung. Es herrschte großes Einvernehmen zwischen den beiden, und er wusste, was er an Dorothy hatte. Mittags fuhren sie oft zum „Conestoga“ – einem Restaurant, das nur sechs Meilen entfernt lag. Dort bedienten meist junge Studentinnen, und Dick Beam machte sich manchmal einen Spaß daraus, sie „in deitsch“ anzusprechen. Bisweilen klappte das auch, nämlich dann, wenn sie jungen Frauen aus Familien stammten, die die konservativen Amish oder Mennoniten verlassen hatten. Ein schönes Beispiel ist Rose Fisher aus Lancaster County, die zwischenzeitlich selbst Linguistik studiert hat und derzeit über das Pennsylvanisch-Deutsche promoviert.

Dick Beam war Deutsch-Professor, aber auch Dorothy sprach sehr gut hochdeutsch. Ende der 1960er Jahre haben die beiden ein Austauschjahr am Deutschen Sprachatlas der Universität Marburg verbracht – und wer sich wie sie für klassische Musik interessiert, kommt am Deutschen auch kaum vorbei.

Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 2018 konnte ich Dorothy noch einmal besuchen. Es war ein sehr schöner Nachmittag im Sommer 2019. Dann kam Corona und machte Reisen in die USA unmöglich. Bei meinem nächsten Besuch 2022 klappte es mit einem Termin leider nicht.

Dorothy lebt heute noch immer in ihrem Haus in Millersville, empfängt aufgrund ihres Alters aber keine Besuche und nimmt keine Anrufe mehr entgegen. Deshalb rufe ich ihr aus der Ferne und mit etwas Verspätung zu: „Hallicher Gebottsdaag, Dorothy! Grooss Dank fer alles, was du darich die letschte 30 Yaahr fer mich geduh hoscht!“

Der Pälzylvanier

(Nachtrag: Jennifer Trout hat mich am 7. November 2024 informiert, dass Prof. Dorothy Pozniko Beam verstorben ist. Zum Nachruf kommt man hier.)