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Earl C. Haag: Der “Alt Professer”

Dr. Michael Werner und Prof. Earl C. Haag (2012)

Ein Nachruf zum Tod von Prof. Earl C. Haag

Earl C. Haag (1929-2025) lernte ich im Jahr 2007 im Rahmen eines Briefaustauschs kennen. Bereits 2002 hatten Dr. Walter Sauer (Edition Tintenfaß) und ich in der Zeitung “Hiwwe wie Driwwe” den Aufruf gestartet, das Buch “Der Struwwelpeter” ins Pennsylvanisch-Deutsche zu übersetzen. Fünf Jahre danach erreichte uns eine wunderbare Übersetzung von Hiwwe-wie-Driwwe-Leser Earl C. Haag, Deutsch-Professor an der Penn State University. Drei weitere Jahre brauchte es, bis die Finanzierung des Buches gesichert war – und so erschein die pennsylvanisch-deutsche Version “Schtruwwelpitter” 2010.

Das war Grund genug für mich, Earl Haag bei meinem nächsten Aufenthalt in Pennsylvania im Sommer 2012 einen Besuch abzustatten. Da war er 83 Jahre alt und immer noch sehr aktiv. Eine ganze Reihe von pennsylvanisch-deutschen Büchern hatte er bis zu diesem Zeitpunkt schon veröffentlicht, darunter “A Pennsylvania German Reader and Grammar” (1985) und “A Pennsylvania German Anthology” (1988). Ich lernte ihn als belesenen, zugewandten Menschen kennen. Er erzählte mir, dass seine Eltern aus dem kurpfälzischen Waldhof bei Mannheim stammten, und dass er in seiner Jugend immer wieder den deutschen Teil der Familie besucht hatte. Konsequenterweise studierte er Ende der 1940er Jahre in Heidelberg und machte dort 1951 seinen Abschluss. Danach besuchte er Penn State University Park, wo er als Student Prof. Albert Buffington kennenlernte – einen der ganz bekannten Professoren mit Schwerpunkt “Pennsylvania German”. Konsequenterweise begann er, seine fast muttersprachlichen Kenntnisse des Pfälzischen zu nutzen, um den Dialekt der deutschsprachigen Nachfahren kurpfälzischer Auswanderer zu lernen. Das war es, was Earl Haag und mich verband: Wir beide mussten uns erst Zugang zum Pennsylvanisch-Deutschen verschaffen. Geholfen hat uns unsere Familiengeschichte. Die alte Heimat seiner Eltern im Waldhof und Frankenthal, wo ich in den 1970er Jahren aufgewachsen bin, lagen nur rund 10 Kilometer auseinander. Dialektal trennte uns nicht viel.

Und so blieben wir im Kontakt, wobei er immer das Briefeschreiben bevorzugte. Das fiel mir in einer Zeit, als E-Mails und dann Zoom-Meetings sich durchsetzten, allerdings immer schwerer. Dazu kam, dass er in seinen Briefen meist auf Dialekt-Projekte von Freunden und Bekannten zu sprechen kam – und dabei im Detail erklärte, was man besser machen könnte – nein, besser machen müsste.

Natürlich hatte er mit seiner akademischen Sicht auf die Dinge oft recht. Aber in der pennsylvanisch-deutschen Szene ist es besser, die Aktiven für ihr Engagement zu loben und die Früchte ihrer Arbeit – seien es Gedichte, Prosa- oder Theaterstücke, Musik- oder Zeitungsprojekte oder was auch immer – anzuerkennen. Deshalb schrieb ich immer freundlich zurück, behielt Earl Haags Kritik an Projekten Dritter aber stets für mich.

In der pennsylvanisch-deutschen Szene war er dennoch ein ganz Großer. Mit seiner linguistischen Kompetenz und seiner Akribie hat er wundervolle Bücher geschaffen, die überdauern werden. Über Jahrzehnte schrieb er eine Dialektkolumne für die Zeitung “Schuylkill Haven”. Die Stücke erschienen 2010 im mehr als 300 Seiten umfassenden Buch “Die Pennsylvanisch-Deitsche”.

Bis 2023 war der “Alt Professer” noch publizistisch aktiv. Jetzt ist er im Alter von 96 Jahren gestorben.

Der Pälzylvanier

Wenn die KI im neuen Elwedritsche-Buch stöbert …

Wir leben in interessanten Zeiten. Füttert man eine spezielle KI mit dem Druck-PDF eines Buches, erstellt die nicht-menschliche Intelligenz daraus einen Podcast. Sehr erstaunlich und zum Anhören empfohlen. Bitte hier klicken.

Pennsylvania – Pfalz – Mesopotamien. Über die Geschichte des Elwedritsche-Erklärbuchs (Audio)

David Ellinger (1913-2003): Pennsylvania Dutch Farm

“Hex Signs” in Pennsylvania. “Yuscht fer schee” oder “Just for nice” sagen die Menschen dort, wenn man sie nach der Bedeutung der Zeichen fragt. Eine Zierde seien sie. Aber sie täuschen sich. Wenn man sich ihnen nähert, erkennt man eine Tür. Geht man durch diese hindurch, gelangt man auf einen schmalen Pfad, der mit der Zeit immer breiter wird. Er führt aus dem Pennsylvania Dutch Country zurück in die Pfalz und von unserer Region die Donau entlang über den Balkan nach Russland und Anatolien – von dort weiter über den Kaukasus in die Region des fruchtbaren Halbmondes. Es ist nicht nur eine Reise durch Räume, sondern auch durch Zeiten. 8000 Jahre müssen wir zurückreisen, um die Ursprünge eines Phänomens zu ergründen, das bei uns in der Pfalz als “Elwedritsch” bekannt ist.

Hören Sie sich hier eine kurze Audio-Einführung an und unterstützen Sie die Crowdfunding-Kampagne, die die Publikation dieses Buches möglich machen wird. Sie startet hinter diesem Link am 5. Januar 2025:

https://www.startnext.com/elwedritsche-dunkle-gefaehrten

Bitte geben Sie diesen Link und die Information auch an Ihre Freunde und Bekannten weiter! Vielen Dank.

Hallicher Grischtdaag, alliebber – un en guud nei Yaahr mit Bretzle wie en Scheierdoor!

Dr. Michael Werner

Warum in Pennsylvania Elwedritsche katzenartig sind

Von Michael Werner

Natürlich will ich nicht allzu viel von dem verraten, was im Buch “Elwedritsche – Dunkle Gefährten” stehen wird. Aber ein paar kleine Blicke durchs Schlüsselloch möchte ich doch noch gewähren. Nicht ohne Grund sieht die pennsylvanisch-deutsche Elbedritsch auf dem Buchcover katzenartig aus. So beschreiben sie in Amerika die meisten Menschen (ich will aber nicht verschweigen, dass es auch geflügel- und vogelartige Darstellungen gibt). Ich habe ja schon verraten, dass man aus meiner Sicht der Migrationsspur der Indoeuropäer folgen muss, um das Wesen der Elwedritsche zu ergründen. Jetzt ergänze ich: Folge der Spur der (schwarzen) Katze.

Katzen und Menschen teilen das Leben schon seit Jahrtausenden, und auf dem Bauernhof hat eine Katze vor allem eine Funktion: die Schadensabwehr von Schädlingen wie Mäusen, um die Getreidevorräte zu sichern. Dies passt sich gut ein in die bäuerlichen Abwehrmaßnahmen, die ich in einem etwas älteren Artikel auf dieser Seite beschrieben habe. Man geht davon aus, dass die Ägypter etwa 2000 v. Chr. die ersten Katzen domestizierten. Man weiß aber auch seit kurzem, dass in Mesopotamien Wildkatzen schon vor 100.000 Jahren (die Zahl ist korrekt!) unter Menschen lebten und dort etwa zur gleichen Zeit wie Hunde, Schafe und Ziegen domestiziert wurden. Das wäre dann zeitlich etwa der Bereich der Sesshaftwerdung der Menschen im fruchtbaren Halbmond ab 10.000 v. Chr. – Ausgrabungen in den letzten zehn Jahren haben hier neue Erkenntnisse gebracht.

Wertschätzung genossen Katzen in Ägypten bald nach Beginn der ägyptischen Zivilisation um 5000 v. Chr. – um 450 v. Chr. wurde as Töten einer Katze mit dem Tod bestraft. Die Göttin “Bastet”, üblicherweise als Katze oder Frau mit Katzenkopf dargestellt, war eine wichtige Gottheit im ägyptischen Götterpantheon. Sie war die Hüterin von Herd und Heim, Beschützerin von Frauengeheimnissen und eine Wächterin, die böse Krankheiten und Geister abhielt. Wer mein Buch liest, wird diese Aspekte an einigen Stellen wiederfinden.

Berühmt ist die Geschichte aus der Schlacht von Pelusium (525 v. Chr.). Hier kämpfte Kambyses II. von Persien gegen die Armee des ägyptischen Pharaos Psammetich III. Die Perser siegten, u.a. weil der Herrscher Katzen vor den Invasionstruppen in Richtung der Stadt Pelusium am Nil treiben ließ. Auch malten die persischen Soldaten Bilder von Katzen auf ihre Schilde und hielten möglicherweise Katzen in ihren Armen, als sie hinter der Herde von Katzen marschierten. Die Ägypter zögerten, sich zu verteidigen – aus Angst, den Katzen Schaden zuzufügen. Dies hätte (siehe oben) mit dem Tod bestraft werden können. Demoralisiert gaben die Ägypter die Stadt auf.

Die Ägypter sind keine Indoeuropäer, aber unser Wort für Katze stammt von dem ägyptischen “quattah” ab. Es ist damit ein Lehnwort im Indoeuropäischen, von dem sich u.a. engl. “cat”, franz. “chat” und dt. “Katze” ableiten. Auf der östlichen Flanke des Indoeuropäischen – in Indien – werden Katzen in großen literarischen Epen erwähnt. Die Geschichte vom gestiefelten Kater basiert auf einer indischen Volkssage aus dem 5. Jahrhundert vor Christus.

Es ist wahrscheinlich, dass die zeitlich sehr frühe und hohe Bedeutung der Katzenverehrung in Ägypten mit der Zeit auf die mesopotamischen Völker abstrahlte. Die Verbindung des Tieres mit dem Schutz von Heim und Herd (Feuer) und der Abwehr von Krankheiten und Geistern ist etwas, was sich im Glaubenssystem der Menschen im fruchtbaren Halbmond zu einem frühen Zeitpunkt festgesetzt haben könnte. Jedenfalls ging vieles von dem mit auf die Reise, als sich die Indoeuroper ab etwa 6000 v. Chr. erst nach Norden, dann nach Westen und Osten in Bewegung setzten. Vielleicht nicht im allerersten Migrationsschub, aber in späteren …

Das ist die Vorgeschichte, die ich nicht in mein Buch übernommen habe, weil es zu weit geführt hätte. Uns begegnet die Katze in “Elwedritsche – Dunkle Gefährten” als Zugtier des Streitwagens einer germanischen Göttin und im Mittelalter und der frühen Neuzeit als Begleiterin von Hexen. Man musste sich vor schwarzen Katzen in Acht nehmen, die den Weg in einer bestimmten Richtung kreuzten und vor allem nachts auf der Hut sein.

Wir sehen: Die Hochachtung, die die Ägypter für Katzen hegten und die sich wahrscheinlich auf die Mesopotamier übertragen hat, ist tausende Jahre später bei den heidnischen Völkern Europas noch erkennbar. Die Christianisierung jedoch machte aus den alten Gottheiten der Heiden Dämonen – und das gesunkene Ansehen von Katzen scheint hier ein Kolateralschaden zu sein. Der Leumund von schwarzen Katzen in der Pfalz in der Zeit der Auswanderung war jedenfalls überwiegend schlecht. Man tötete sie, wenn man sie erwischte. Es konnte ja eine gestaltwandelnde Hexe dahinter stecken – oder man hatte Pech und wurde selbst als Hexe denunziert, weil eine schwarze Katze in der Nähe war.

Das schlechte Image von schwarzen Katzen war auch 300 Jahre später noch in den Geschichten zu erkennen, die Menschen mir in den vergangenen 30 Jahren bei meinen Reisen in Pennsylvania erzählt haben. Wenn ich in den USA einmal darum gebeten habe, eine Elwedritsch zu zeichnen, erhielt ich nicht selten katzenartige Abbildungen.

Meine lange Reise zu den Elwedritschen

Elbedritsche in Pennsylvania (Patrick Donmoyer 2012)

Der Mensch neigt zur Effizienz: Er tut, was er tun muss – und was er tut, hat in aller Regel einen Grund. Wenn wir in der Geschichte zurückschauen, ging es für die Einzelnen im Alltag immer um die einfachen Dinge: Wo schlafe ich heute Nacht? Wie bekomme ich etwas zu essen? Wie schütze ich mich vor Krankheiten, vor Fremden etc.? Wie sichere ich mein Seelenheil? Und wenn sich in diesen Kontexten Bräuche – kulturelle Muster – ausgebildet haben, zahlten sie in irgendeinder Weise auf eines dieser Grundbefürfnisse ein. Gerade der bäuerliche Alltag war in früheren Zeiten geprägt von einer Abfolge von Dingen, die getan oder gelassen werden mussten – und Festen, die man gemeinsam feierte. Immer ging es darum, das Überleben der Bauersfamilie zu sichern.

Den bäuerlichen Jahreslauf habe ich bei meinen Reisen nach Pennsylvania über 30 Jahre kennenlernen dürfen: bei Amish und Mennoniten, bei Lutheranern und Reformierten. Das Denken in Kreisläufen und im Jahreslauf hat mich stets sehr beeindruckt.

Während meiner vielen Besuche haben die Menschen mir Geschichten erzählt. Sie handelten von Figuren, die ich aus meiner Kindheit kannte: Zwergen und Kobolden im Garten („Eckleit“), einem „bucklich Maennli“ im Haus, das allabendlich eine Schale Milch erhält, dem Buschmops und dem Butzemann auf dem Feld, dem Belznickel und – ja – auch den Elbedritsche (in Pennsylvania mit „b“ geschrieben). Ich war überrascht, sie alle in Amerika wiederzufinden, und sogar noch einige mehr. So lernte ich „Albatwitch“, den pennsylvanischen Bigfoot kennen, den „Ewich Yaeger“ und den schrecklichen „Snallygaster“, der durch die Luft fliegt und Menschen mit sich zieht, aber auch die Wilde Jagd, die in ähnlicher Weise vor allem im Winter Schrecken verbreitete. Dann begegneten mir auch noch Frau Holle und „Rips“, wie Rübezahl in Pennsylvania genannt wird.

Lange habe ich mir diese Geschichten angehört und mir weiter nichts dabei gedacht. Doch dann, eines Abends, kam mir ein fast unheimlicher Gedanke: Was, wenn all diese Figuren in einer Beziehung zueinander stehen. Mehr noch: Was, wenn sie in einer Weise in Beziehung miteinander stehen, dass sich daraus ein in sich geschlossenes System ergibt? Falls ja, würde sich vielleicht sogar besser erklären lassen, was wirklich hinter dem Belznickel steckt, und was hinter den Elbedritsche.

Dem vermeintlichen Fabeltier ist noch niemand wirklich auf die Schliche gekommen – weder in der Pfalz noch in Pennsylvania. Und doch glaube ich nicht, dass es Aliens waren, die es irgendwann mit einem Raumschiff in der Pfalz absetzten, von wo es mit Auswanderern auch nach Pennsylvania gelangte.

Was da ist, hat einen Grund. Und diesem kann man nachspüren. Als Linguist weiß ich, dass das Deutsche zum sogenannten indogermanischen Sprach- und Kulturraum gehört. Die meisten Sprachen zwischen Portugal und Nordindien sind miteinander verwandet, d.h. sie zeigen Ähnlichkeiten im Wortschatz und der Grammatik. Seit ein paar Jahren weiß man aufgrund neuerer Forschungen im Bereich der sogenannten Paläogenetik, dass das indoeuropäische Urvolk, aus dem alle indoeuropäischen Sprachen hervorgegangen sind, vor etwa 8000 Jahren im fruchtbaren Halbmond lebte – vermutlich im nördlichen Iran. Von da aus breitete es sich über die nächsten Jahrtausende nach Westen und Osten aus.

Was, dachte ich mir, wenn sich nicht nur die Sprache ausgebreitet hat und sich in den verschiedenen Regionen eigenständig und in unterschiedlicher Weise weiterentwickelte, sondern auch andere kulturelle Muster. Möglicherweise haben ja all die Figuren, die mir in Pennsylvania begegneten und die von Auswanderern vor drei Jahrhunderten an diesen Ort gebracht worden sind, ihren Ursprung genau dort, wo auch die Geburtsstätte der indoeuropäischen Ursprache liegt: In Mesopotamien.

Meine These ist also wie folgt: Mit der Sesshaftwerdung der Menschen haben sich in in der Region des Fruchtbaren Halbmonds kulturelle Muster entwickelt, die Gutes fördern und das Böse abwehren sollten. Mit indoeuropäischen Wanderungsbewegungen breiteten sich diese Muster aus. Das Römische Reich könnte als Verstärker dieser Bewegung fungiert haben, indem das, was da war, rund um das Mittelmeer verbreitet wurde. In Europa veränderten sich die Muster in den Einflussbereichen der Kelten, Germanen, Slaven etc. – und im Laufe der deutschen Kulturgeschichte seit Beginn der Christianisierung begleiten uns die mesopotamischen Relikte in einer sich ständig wandelnden Form. Die Elbedritsch könnte ein solches Relikt sein.

Ich beschloss also, mich von Pennsylvania aus auf den Weg zurück zu machen – eine Reise durch Raum und Zeit zu wagen und mich so dem Hintergrund auch einer für uns so unerklärlichen Figur wie der Elbedritsch zu nähern. Würde ich auf diesem Weg Antworten finden?

Es war eine Reise durch 8000 Jahre Menschheitsgeschichte und rund um den halben Globus, die eine Vielzahl von Überraschungen bereit hielt. Von diesen will ich in meinem Buch erzählen.