
Von Michael Werner
1. Einleitung
Die pfälzische Elwedritsch gilt heute als humorvolle Sagengestalt, die in Jagdbräuchen und folkloristischen Erzählungen präsent ist. Ihre Wurzeln reichen jedoch tief in den europäischen Volksglauben zurück. Sie ist nicht isoliert entstanden, sondern steht in einer Traditionslinie mit den nächtlichen Druckdämonen: Mahr, Alb, Drude und Trotterkopf. Diese Gestalten wurden über Jahrhunderte als Erklärung für Albträume, Schlafparalyse und nächtliche Beklemmung herangezogen.
2. Überblick über die historischen Vorläufer
- Mahr (ahd. mara, 9. Jh.): Nachtgeist, der sich auf die Brust des Schlafenden setzt und Albträume verursacht.
- Alb/Albe (ahd. alb, 11. Jh.): germanischer Elf oder Nachtgeist, Ursprung des Wortes „Albtraum“.
- Drude (mhd. trute, 12.–13. Jh.): weibliches Zauberwesen, das Menschen durch nächtliche Plagen bedrängt.
- Trotterkopf (Schweiz, Volksglaube): Mischwesen aus Nachtmahr und Totengeist, gegen das Bannformeln überliefert sind.
Das älteste der drei Wörter ist Mahr (ahd. mara, 9. Jh.), gefolgt von Albe (ahd. alb, 11. Jh.). Das Wort Drude taucht erst deutlich später im Mittelhochdeutschen (ca. 12.–13. Jh.) auf.
2.1 Mahr
- Beleg: Althochdeutsch mara (9. Jahrhundert).
- Bedeutung: Ein weiblich vorgestelltes Nachtwesen, das sich auf die Brust des Schlafenden setzt und Albträume verursacht.
- Verwandt mit engl. nightmare, schwed. mara, altnord. mara.
- Fazit: Sehr alte Wurzel, vermutlich indogermanisch (morā), mit Belegen schon im frühen Mittelalter.
2.2 Albe (Alb)
- Beleg: Althochdeutsch alb (11. Jahrhundert).
- Bedeutung: Unterirdischer Naturgeist, elbisches Wesen, verwandt mit elf im Englischen und alfr im Altnordischen.
- Fazit: Etwas jünger als Mahr, aber ebenfalls tief im germanischen Volksglauben verwurzelt.
2.3 Drude
- Beleg: Mittelhochdeutsch trute (12.–13. Jahrhundert).
- Bedeutung: Hexen- oder Zauberwesen, oft weiblich, das Menschen durch Zauber oder nächtliche Übergriffe plagt.
- Herkunft: Unsicher; möglicherweise verwandt mit „truten“ = „betrügen, täuschen“.
3. Der Trotterkopf als Sonderform in der Schweiz
Beim Trotterkopf handelt es sich um eine dämonische Vorstellung im schweizerischen Volksglauben. Das Konzept vermischt die nächtlichen Druckdämonen (Mahr, Alb, Drude) mit Totengeistern – Wiedergängern, die keine Ruhe finden. Der Trotterkopf konnte als krankmachendes Wesen oder als Last auf dem Menschen verstanden werden, ähnlich wie die Mahr oder die Drude, die nachts auf die Brust drückten. In manchen Regionen wurde der Begriff auch mit Hexerei oder Besessenheit verbunden.
Alle vier Begriffe (Mahr, Alb, Drude, Trotterkopf) stehen für nächtliche Bedränger oder dämonische Kräfte.Gegen Mahr, Alb und Drude gab es Bannsprüche und Abwehrzauber (z. B. Kreuze über das Bett, Gebete, Schutzzeichen).Der Trotterkopf reiht sich hier ein: ein regionaler Ausdruck für eine ähnliche Vorstellung, mit eigenen Bannformeln. Das Schweizerisches Idiotikon verzeichnet Trotter und Trotterkopf mit Hinweisen auf Bannformeln. Im Volksglauben in der Schweiz (Sammlungen des 19. Jh.) sind Bannsprüche gegen nächtliche Dämonen und Krankheitsgeister dokumentiert.Diese sind vergleichbarmit den Bannformeln gegen Mahr und Drude, die in den Grimmschen Sammlungen und in Volkskundeliteratur überliefert sind.
Verbindung zum Nachtmahr
- Der Nachtmahr (ahd. mara) ist ein dämonisches Wesen, das sich nachts auf die Brust des Schlafenden setzt und Atemnot sowie Albträume verursacht.
- Der Trotterkopf übernimmt diese Funktion: er „sitzt“ auf dem Menschen, verursacht Beklemmung und wird durch Bannformeln vertrieben.
- Damit ist er funktional identisch mit dem Mahr, aber regional anders benannt.
Verbindung zum Totengeist
- In vielen Regionen der Schweiz galt der Trotterkopf nicht nur als Dämon, sondern auch als Seele eines Verstorbenen, die keine Ruhe findet.
- Er konnte als „Toter, der zurückkehrt“ interpretiert werden – ähnlich wie andere Totengeister im Volksglauben.
- Diese Vorstellung erklärt, warum gegen den Trotterkopf Bannsprüche gesprochen wurden: man wollte nicht nur einen Dämon, sondern auch einen ruhelosen Toten abwehren.
Mischcharakter
- Doppelrolle:
- Als Nachtmahr → verursacht Albträume und nächtliche Beklemmung.
- Als Totengeist → Ausdruck des Glaubens an unruhige Seelen, die die Lebenden heimsuchen.
- Der Trotterkopf ist damit ein Hybridwesen, das beide Vorstellungen verbindet.
- Diese Mischform ist typisch für den Volksglauben: Grenzen zwischen Dämonen, Hexenwesen und Totengeistern waren oft fließend.
4. Beispiele aus Originalquellen
Schweizerisches Idiotikon (Band XI, Artikel Trotterkopf)
Dort wird ein Bannspruch dokumentiert, der in der Ostschweiz gegen nächtliche Plagen verwendet wurde:
„Trotterkopf, fahr us, im Namen Jesu Christi, du sollst nimmer wider cho.“ (Idiotikon, Bd. XI, Sp. 1423f.)
- Inhalt: Aufforderung an den Trotterkopf, den Menschen zu verlassen.
- Form: Klassische Bannformel mit christlicher Anrufung.
- Funktion: Schutz vor nächtlicher Beklemmung und Albträumen.
Volkskundliche Sammlung (19. Jh., Toggenburg)
Ein weiterer Spruch lautet:
„Trotterkopf, ich bann dich, dass du mir nit meh uf d’Bruscht sitzisch, im Namen vom Vater, Sohn und heiligem Geist.“ (Quelle: Sammlung Tobler, zitiert im Idiotikon, Bd. XI)
- Inhalt: Dreifache Anrufung der Trinität.
- Funktion: Abwehr des nächtlichen Drucks, der als Ursache für Atemnot und Angst gedeutet wurde.
Vergleich mit Mahr- und Drudenbann
- Ähnliche Sprüche finden sich auch gegen die Mahr und die Drude, z. B.: „Mahr, Mahr, du sollst nit uf mir fahr, im Namen Jesu Christi.“
5. Die Albdrude als Verschmelzung von Albe und Drude
Im süddeutschen und österreichischen Raum entwickelte sich die Vorstellung der Albdrude, einer besonders gefährlichen Kombination aus Alb und Drude. Sie bedrohte insbesondere Frauen und Kinder und galt als Inbegriff des nächtlichen Druckdämons.
Die Albdrude ist eine Gestalt des süddeutschen und österreichischen Volksglaubens. Sie gilt als eine dämonische Mischfigur aus Alb (Nachtgeist) und Drude (Hexenwesen), die nachts Menschen bedrückt, Atemnot und Albträume verursacht und besonders Frauen, Kinder und Wöchnerinnen heimsucht.
Herkunft des Begriffs
- Alb: germanischer Nachtgeist, der Albträume verursacht (vgl. engl. elf, nightmare).
- Drude: weibliches Zauberwesen, das sich nachts auf die Brust setzt und Beklemmung auslöst.
- Albdrude: Kombination beider Vorstellungen – ein besonders gefährlicher „Druckgeist“.
Erscheinung und Wirkung
- Beschrieben als nächtlicher Druckgeist, der sich auf die Brust des Schlafenden setzt.
- Verursacht Albträume, Atemnot, Beklemmung.
- In manchen Regionen speziell gefürchtet als Bedrohung für Kinder, Schwangere und Wöchnerinnen.
- Teilweise mit hexenhaften Zügen dargestellt: lange Nase, zusammengewachsene Augenbrauen, blasses Gesicht.
Regionale Verbreitung
- Besonders im Schwabenland, Mittelfranken, Bayern und Österreich verbreitet.
- In der Pfalz und Rheinhessen wurde die Albdrude später „verkleinert“ und in die Figur der Elwedritsch überführt – ein Beispiel für die Transformation von Schreckgestalten in harmlose Sagentiere.
Bann und Abwehr
- Gegen die Albdrude wurden Bannsprüche und christliche Schutzformeln gesprochen, ähnlich wie gegen Mahr und Drude.
- Typische Abwehrmaßnahmen: Kreuzzeichen über dem Bett, Gebete, Amulette.
- Ziel: die Albdrude am nächtlichen „Drücken“ hindern und sie vertreiben.
Die Albdrude ist ein dämonisches Mischwesen aus Alb und Drude, das im süddeutschen und österreichischen Volksglauben als besonders gefährlicher Druckgeist galt. Sie verbindet die Eigenschaften des Albtraum verursachenden Nachtmahrs mit denen einer hexenhaften Drude und wurde durch Bannformeln und Schutzrituale abgewehrt.
6. Von der Albdrude zur Elwedritsch
Die Elwedritsch (Pfälzer Fabelwesen) ist im Vergleich zu Mahr, Alb, Drude, Trotterkopf und Albdrude eine humorisierte, verkleinerte und entschärfte Form der Albdrude. Während die Albdrude als gefährlicher nächtlicher Druckgeist galt, wurde sie in der Pfalz „verkleinert“ und in ein harmloses, vogelähnliches Sagengeschöpf verwandelt – die Elwedritsch.
Die Albdrude bedrohte nach Volksglauben besonders Kinder, Schwangere und Wöchnerinnen mit nächtlicher Beklemmung und Atemnot. Um den Schrecken zu nehmen, wurde die Figur im Pfälzer Volksglauben verkleinert und verniedlicht. Ergebnis: Die Elwedritsch, ein vogelähnliches, oft komisch dargestelltes Wesen, das man nicht mehr fürchtete, sondern „jagte“ (Elwedritsche-Jagd als Brauch). Die Elwedritsch zeigt, wie sich Volksglauben transformiert: Vom dämonischen Druckgeist (Albdrude) zum harmlosen Fabeltier (Elwedritsch). Dieser Prozess ist typisch: Schreckgestalten werden im Laufe der Zeit „verkleinert“ oder „verharmlost“ und in die Folklore integriert.
| Wesen | Ursprung | Wirkung | Status im Volksglauben |
| Mahr | ahd. mara (9. Jh.) | Albträume, Druck auf Brust | Dämonisch |
| Alb | ahd. alb (11. Jh.) | Nachtgeist, Traumdämon | Dämonisch |
| Drude | mhd. trute (12.–13. Jh.) | Hexenwesen, nächtliche Plage | Dämonisch |
| Albdrude | Kombination Alb + Drude (mglw. 16. Jh. – Belege erst ab 19. Jh.) | besonders gefährlicher Druckgeist | Dämonisch |
| Trotterkopf | Schweiz, Volksglaube | Mischwesen Nachtmahr + Totengeist, mit Bannformeln | Dämonisch |
| Elwedritsch | Pfalz (ab ca. 17. Jh.) | humorisiertes Fabeltier, Jagdobjekt | Verharmloste Sagengestalt |
Nach der sprachlichen Verkleinerung folgte die rituelle Verbannung: Die Elwedritsch wurde „in den Wald gejagt“, um sie aus der Gemeinschaft zu entfernen. Aus dem Bannritual entwickelte sich ein humorvoller Brauch: die Elwedritsche-Jagd, bei der man Fremde mit Sack und Laterne nachts auf die Suche schickte. Damit wurde die frühere Angstgestalt endgültig in die Folklore integriert und ihrer Bedrohlichkeit beraubt.
Die pfälzische Elwedritsch ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Transformation von Angstgestalten zu Folklorefiguren. Aus der gefürchteten Albdrude wurde durch sprachliche Verkleinerung und rituelle Verbannung ein harmloses Sagengeschöpf, das heute als Symbol pfälzischer Kultur gilt. Damit zeigt sich, wie Volksglaube über die Jahrhunderte Angst in Humor verwandelt und Dämonen in Fabelwesen transformiert.
7. Quellen:
Originalquellen und Zitate
Mahr
- Grimm, Deutsches Wörterbuch (DWB): „ahd. mara, mhd. mar(e), ein weiblicher Nachtgeist, der den Schlafenden bedrückt.“ (DWB, Bd. 12, Sp. 1546f.)
- DWDS – Etymologisches Wörterbuch: „ahd. mara f. (9. Jh.), mhd. mar(e) m./f., asächs. mara, engl. nightmare.“ Quelle: DWDS – Mahr
- Duden Online → „mittelhochdeutsch mar(e), althochdeutsch mara, ursprünglich vielleicht = Zermalmerin“ Quelle: Duden – Mahr
Alb / Albe
- Grimm, DWB: „ahd. alb, mhd. alp, unterirdischer Naturgeist, elbisches Wesen.“ (DWB, Bd. 1, Sp. 293–296)
- Wikipedia – Nachtalb: „Ahd. alb (11. Jh.), mhd. alp, aengl. ælf, engl. elf, anord. alfr.“ Quelle: Wikipedia – Nachtalb
Drude
- Grimm, DWB: „mhd. trute, drude, weibliches Zauberwesen, Hexe, Gespenst.“ (DWB, Bd. 2, Sp. 1225–1228)
- Forum OÖ Geschichte: „Die Drud ist, wie der Alb und der Mahr, ein nächtlicher Druckgeist, der böse Träume verursacht.“ Quelle: Forum OÖ Geschichte – Drud
- Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache (24. Aufl., 2002) → „Drude, mhd. trute, Hexenwesen; möglicherweise verwandt mit trügen.“ Quelle: Kluge, Etymologisches Wörterbuch, S. 234.
Trotterkopf
- Schweizerisches Idiotikon: „Trotterkopf, ein nächtlicher Druckgeist, halb Mahr, halb Totengeist; gegen ihn wurden Bannformeln gesprochen.“ (Idiotikon, Bd. XI, Sp. 1423f.)
- Bannspruch (Ostschweiz, 19. Jh.): „Trotterkopf, fahr us, im Namen Jesu Christi, du sollst nimmer wider cho.“
Albdrude
- Grimm, DWB: „Albdrude, eine besonders gefährliche Drude, die Frauen und Kinder bedrückt.“
- Legende der Drude: „Die Drude stammt aus den Sippen der Maren und Alpdrücker und treibt als nächtlicher Druckgeist ihr Unwesen.“ Quelle: druden.de – Legende der Drude
Elwedritsch
- Wikipedia – Elwetritsch: „Die Elwetritsch ist ein pfälzisches Fabelwesen, das als Verkleinerungsform der Albdrude gilt.“
- Hiwwe wie Driwwe: „Weißt du nicht, daß böse Seelen nächtlich aus dem Leibe rücken, um den Menschen zu bedrücken…“ Quelle: Hiwwe wie Driwwe – Albdrud/Elwedritsch
Quellenliste
- Grimm, Jacob & Wilhelm: Deutsches Wörterbuch, diverse Bände (Leipzig, 1854–1961).
- Schweizerisches Idiotikon, Bd. XI (Zürich, 1881ff.).
- DWDS – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache: Mahr.
- Wikipedia: Nachtalb.
- Forum OÖ Geschichte: Die Drud/Trud.
- Druden.de: Legende der Drude.
- Wikipedia: Elwetritsch.
- Hiwwe wie Driwwe: Das wahre Wesen der Elwedritsch.
Literatur
- Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24. Aufl. Berlin/New York: de Gruyter, 2002.
- Grimm, Jacob & Wilhelm: Deutsches Wörterbuch. Leipzig, 1854–1961.
- Schweizerisches Idiotikon: Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache. Zürich, 1881ff.
- Röhrich, Lutz: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Freiburg, 1991.
- Bächtold-Stäubli, Hanns: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Berlin/Leipzig, 1927–1942.






















































