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Noch sechs Wochen Winter!

Herbert Tiefel (Hauptmann), Uli Keidel (Ortsbürgermeister) und Wieland Benß (Förderverein Mundart Bockenheim e.V.) beim Murmeltiertag 2025

Das war nicht schön, aber unmissverständlich: Wir müssen uns auf sechs weitere Wochen Winter einstellen. Verkündet hat das „Bockrem Bert“, das Bockenheimer Murmeltier, das in einem Weinfass im Park hinter dem „Haus der Deutschen Weinstraße“ lebt. Zum Glück – oder in diesem Fall vielleicht „Un-Glück“ – spricht Herbert Tiefel die Murmeltiersprache „Groundhogese“. Als Hauptmann von „Grundsau Lodsch No. 19 im alde Land“ gehört er mit seinen 18 Kollegen anderer Groundhog Lodges in Pennsylvania zu einem ganz engen Zirkel, in dem dieses Wissen weitergegeben wird. Rund 150 Gäste waren im Park anwesend uns sahen bei bestem Sonnenschein nicht nur ihren eigenen Schatten, sondern auch den Schatten von „Bockrem Bert“. Und damit war’s passiert, denn auch Bockrem Bert war sich angesichts der Faktenlage sicher: Schatten gesehen – der Winter bleibt noch sechs Wochen! Machen wir alle das Beste draus …

Herbert Tiefel – Der mit dem Murmeltier spricht

Herbert Tiefel, Hauptmann von Grundsau Lodsch No. 19 im alte Land (2020)

Eine Würdigung

Es gibt Menschen, die sind für eine bestimmte Rolle wie gemacht. Und wenn sie diese übernommen haben, ist es ein wenig, als könne nie wieder ein anderer diese Aufgabe übernehmen. Wir alle wissen, dass das letztlich nicht stimmt. Und dennoch treffen wir im Leben immer wieder auf Menschen, die mit einer Rolle mehr als nur verwachsen sind. So ist es mit Herbert Tiefel, der seit Ende 2019 „Hauptmann“ der „Grundsau Lodsch No. 19 im alte Land“ ist und damit der oberste Murmeltier-Versteher. Das ist wichtig, denn wer außer einem Murmeltier kann schon einen verlässlichen Wetterbericht für komplette sechs Wochen abgeben?

In der Pfalz heißt es: „Wenn der Dachs seinen Schatten an Maria Lichtmess sieht, bleibt der Winter noch sechs Wochen.“ Das Datum ist wichtig, denn der 2. Februar markiert exakt die Mitte der kalten Jahreszeit: Sechs Wochen sind vorbei, sechs weitere Wochen kommen (vielleicht) noch. Die Bauern prüften an diesem Tag früher, ob etwa die Hälfte der Vorräte noch in den Scheunen und Fruchtkammern war. Falls nicht, kauften sie nach. Zuvor gingen sie nach draußen und sahen nach, ob Maria Lichtmess sonnig und kalt oder aber trüb und regnerisch war. Im zweiten Fall bestand begründete Hoffnung, dass das Frühjahr schon bald kam. Zumindest traf das – vor dem Klimawandel – auf die Region im Südwesten Deutschlands zu. Mit Auswanderern gelangte das (vermeintliche) Wetterwissen über den Rhein und das Meer nach Pennsylvania – wo es keine Dachse gab. Es gab aber jede Menge Murmeltiere, die wie der Dachs ebenso Winterschlaf machten. Also nutzte man in der neuen Welt eine „Grundsau“ (von engl. „ground hog“), um eine Wetterprognose zu erhalten. Die Tiere wurden am betreffenden Termin aus dem Bau gezogen und peinlich befragt. Dies geschah in der Sprache „Groundhogese“ (Grundsauisch). Das bekannteste Murmeltier in Pennsylvania ist „Punxsatawny Phil“ in Zentral-Pennsylvania, aber ab Mitte der 1930er Jahre gründeten sich im pennsylvanisch-deutschen Kerngebiet im Südosten des Staates 18 Groundhog Lodges, die den Brauch in pennsylvanisch-deutscher Mundart auch heute noch pflegen. Groundhog Lodsch No. 19 hat ihren Sitz in Bockenheim an der Weinstraße, und ihr Hauptmann ist Herbert Tiefel!

New Paltz Band mit Herbert Tiefel (2019)

Als ich Herbert im Sommer 2019 in Kutztown kennenlernte, freundeten wir uns schnell an. Er zeigte großes Interesse an der pennsylvanisch-deutschen Kultur und wollte tiefer in Sitten und Gebräuche eintauchen. Ich fragte ihn am Rande des Folk Festivals, ob er eigentlich einen Frack und einen Zylinder besitzt. Er bejahte beides, und so entstand die Idee für die Gründung einer ersten Grundsau Lodsch in Deutschland – eben in der Pfalz.

Zum Glück stieß die Idee in Bockenheim auf reges Interesse, und so konnten wir am 2. Februar 2020 erstmals einen „Murmeltiertag“ in der Pfalz feiern. Rund 200 Menschen kamen, um die Veranstaltung zu sehen, die komplett in Pennsylvanisch-Deutsch gehalten war. Die musikalische Gestaltung übernahm die „New Paltz Band“. Zwischenzeitlich ist der Event immer pfälzischer geworden und hat seine eigenen kleinen Rituale entwickelt. So wohnt das (Plüsch-)Murmeltier „Bockrem Bert“ seit einiger Zeit in einem Weinfass im Park hinter dem Haus der Deutschen Weinstraße. Dort wird es feierlich zum Murmeltiertag („Grundsaudaag“) geweckt. Nach einem Rückblick von Bürgermeister und Ortshonoratioren auf das vergangene Jahr in Bockenheim und der Pfalz befragt Herbert Tiefel das „Murmel-Plüschi“ und übersetzt die Prognose im Anschluss für die Zuschauer vor Ort. In manchen Jahren schließt sich eine Festveranstaltung in der Emichsburg an – im Jahr 2025 bleibt es bei der Zusammenkunft im Park. Das Medieninteresse ist jährlich gewachsen, und so hoffen wir alle, dass der Bockenheimer Murmeltiertag weiterhin eine Konstante im kulturellen Leben der Gemeinde bleibt.

Herbert Tiefel jedenfalls ist in der Rolle seines Lebens, wenn er feierlich die Wetterprognose für die nachfolgenden sechs Wochen abgibt. Hoffentlich bleibt er noch lange Grundsau-Hauptmann, denn auch die „echten“ pfälzischen Murmeltiere, die im Wildpark Silz in der Südpfalz leben und regelmäßig besucht werden, haben sich zwischenzeitlich sehr an ihn gewöhnt.

Videotipp: Grundsaudaag in Bockenheim 2020

Das „Kutztown Folk Festival 2025“ ist abgesagt

Das Mudderschprooch-Schreiwer Festival 2022 beim Kutztown Folk Festival

Die Schocknachricht aus Pennsylvania ging gestern durch das Internet: Die Kutztown University Foundation, die das jährliche Kutztown Folk Festival ausrichtet, hat angekündigt, die Veranstaltung im kommenden Jahr nicht durchzuführen. Es ist davon auszugehen, dass es ein Abschied für immer ist. Bei jährlichen Kosten von etwa 1 Millionen Dollar hat das Festival seit 2022 ein Defizit von rund 347.000 Dollar aufgebaut.

Es ist wahrscheinlich, dass die Zwangspause infolge der Covid-Pandemie zu dem jetzt beklagten Besucherrückgang in den vergangenen drei Jahren geführt hat. Nach Wiederaufnahme des Festival-Betriebs kamen deutlich weniger Menschen nach Kutztown. Die Veranstaltung war 1950 gegründet worden und gehörte zu den Top-Events dieser Art in den USA mit jährlich über 100.000 Besuchern an insgesamt neun Tagen. 2025 hätte man das 75. Kutztown Folk Festival gefeiert. Die jetzt getroffene Entscheidung macht diesem Jubiläum einen Strich durch die Rechnung.

Es ist ein herber Schlag für die pennsylvanisch-deutsche Mundart-Community in den USA. Das Kutztown Folk Festival, gegründet von den Professoren Don Yoder, Alfred Shoemaker und Bill Frey, war DER Treffpunkt für Mundartsprecher und Austragungsort wichtiger Events der Gemeinschaft. So wurde etwa das jährliche „Mudderschprooch Schreiwer Festival“ seit 2006 im Rahmen des Festivals durchgeführt. Diese Veranstaltung kooperierte seit vielen Jahren mit dem Förderkreis Mundart Bockenheim e.V. und dem Pfälzischen Mundartdichter-Wettstreit. Aus den Teilnahmebeiträgen in Pennsylvania wählte die Bockenheimer Jury seit 2011 einen Preisträger für den jährlichen „Hiwwe wie Driwwe Award“.

Glücklicherweise befindet sich in Kutztown auch das Pennsylvania German Cultural Heritage Center, das zur Kutztown University gehört. Aktuell überlegen die Verantwortlichen dort, die für die Mundart-Community relevanten Teile des Festivals im Rahmen der Aktivitäten des Heritage Centers durchzuführen. Dies sind derzeit allerdings nur Gedankenspiele.

Ein glücklicher Zufall ist es, dass sich vergangene Woche ebenfalls in Kutztown ein neues „Pennsylvania Dutch Steering Committee“ gegründet hat, dem wichtige Protagonisten der pennsylvanisch-deutschen Szene angehören, unter anderem mit Patrick Donmoyer, Doug Madenford und Michael Werner die Mitglieder der „Hiwwe wie Driwwe“-Redaktion. Insgesamt wollen etwa 20 Persönlichkeiten in dieser amerikanischen „Steuerungsgruppe“ mitarbeiten, um Pläne für neue Projekte und eine bessere Vernetzung und Koordination der pennsylvanisch-deutschen Aktivitäten zu erarbeiten. Das Netzwerk könnte damit auch ein Partner für den Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreis e.V. sein, der in der Pfalz und angrenzenden Regionen die Kontakte nach Pennsylvania koordiniert. Nach Einstellung des Folk Festivals ist dies die gute Nachricht des Tages.

Damit bieten sich auch gute Perspektiven für die weitere Zusammenarbeit zwischen den Mundart-Hauptstätten in der Pfalz und Pennsylvania: Bockenheim und Kutztown.