
Von Michael Werner
Um zu verstehen, was Elwedritsche wirklich sind, müssen wir uns in die Lebenswelt der Menschen hineinversetzen, die vor vielen hundert Jahren lebten: Es war ein ländlich geprägtes Leben, in dem es viel Arbeit und Armut gab. Wenn jemand krank wurde, gab es kaum medizinische Hilfe. Wenn die Sonne unterging, war es finster. Feuer spielte deshalb eine besondere Rolle. Die Menschen fürchteten sich vor vielem: vor der Obrigkeit, vor dem aktuellen Gott sowie weiterhin vor den alten heidnischen Göttern, die von der Kirche dämonisiert wurden. Man glaubte noch, dass Beten und Wünschen hilft und dass Beschwörungsformeln in der Lage sind, das Böse abzuhalten. Und man glaubte an die Macht von Symbolen, die Dämonen und Hexen bannen. Das alles ist übrigens nicht lange her: In der Landbevölkerung hielt sich dieser Glaube bis weit ins 19. Jahrhundert und in besonders ländlichen Gegenden noch länger. In Pennsylvania bei den Pennsylvanisch-Deutschen haben sich Relikte davon besser erhalten als bei uns in Deutschland.
Jetzt kommen die Hühner! Sie sind ein gutes Vehikel, um zu verstehen, wie die Menschen damals tickten. In unserer Familie laufen seit 2020 “Hinkel” im Garten herum und versorgen uns mit Eiern. Und wie jeder Anfänger quält man sich zu Beginn mit Problemen: Die Hühner müssen vor Feinden am Tag (Habicht) und in der Nacht (Wiesel, Fuchs) geschützt werden. Sie brauchen ein wenig Apfelessig im Wasser, damit sie keinen Durchfall bekommen. Auf den Sitzstangen und im Stall muss Kieselgur (Muschelkalk) ausgebracht werden, damit die rote Vogelmilbe sich nicht ausbreitet. Wichtig ist dennoch, die Tiere in festen Abständen zu untersuchen und zu prüfen, dass sie sich keine Federlinge – eine andere Parasitenart – im Garten eingefangen haben. Ein paarmal im Jahr erhalten die Hühner ein Medikament gegen Würmer. Dann darf man die Eier ein paar Tage nicht essen. An den Krallen können sich “Kalkbeine” entwickeln. Auch hier ist ein Parasit verantwortlich. Man muss die Kröpfe im Blick behalten, um zu checken, dass sie keine Kropfverstopfung haben. Und natürlich brauchen sie eine gute Mischung von Futter: Körner (aber nicht nur!) und sogenanntes Legemehl. Alle sechs Wochen gibt es eine verpflichtende Impfung gegen die Vogelgrippe, die man nicht verpassen darf. Erfahrenere Hühnerhalter werden jetzt vielleicht sagen: Da fehlen noch ein paar Regeln. Bestimmt, doch darauf kommt es nicht an. Was ich sagen möchte, ist: Wenn man all diese Regeln beherzigt, hat man normalerweise kein Problem. Vergisst man aber nur ein oder zwei dieser Aspekte, werden über kurz oder lang ziemlich sicher Probleme auftreten. Auch wir haben hier schon Lehrgeld bezahlt!
Was hat das nun mit Elwedritschen zu tun? Als Hühnerhalter muss ich wie ein Bauer denken: Ich darf nichts vergessen, nur dann sind meine Hühner sicher und gesund! Mit dem gleichen Denkansatz schützten die Bauern früher ihren Hof: Sie pflanzten, was sie brauchten und brachten die Ernte in die Scheune, um den Winter zu überleben. Sie sorgten für ordentlich Feuerholz, um am Abend Licht zu haben und in der kalten Jahreszeit nicht zu erfrieren. Und – jetzt kommts – sie sicherten ihr Gehöft vor dem Bösen, das draußen lauerte. Sie malten Pentagramme und Hexagramme auf Betten, auf Kinderwiegen, über Fenster und Türen, auf Stühle und Obstpressen – und auf Scheunen. Wenn alles gut gesichert war, konnte das Böse nicht eindringen. Im Haus selbst musste natürlich auch ordentlich oft gebetet werden, um den Innenraum positiv aufzuladen. Vergaß der Bauer aber irgendwo, ein verblasstes Symbol zu erneuern, konnten Dämonen wieder einen Weg zur Familie finden. Es war wichtig, alles überall gleichmäßig zu sichern und nichts zu vergessen (erinnern Sie sich an den Hühnerhalter!). Für die Bauern funktionierte das System aus abwehrenden Motiven wie eine Alarmanlage in heutiger Zeit. Wenn man an alles gedacht hatte, war man auch in der Nacht einigermaßen sicher.
Vor nichts fürchteten sich die Bauern mehr als vor dem, was die Elwedritsch war, bevor sie zur Elwedritsch wurde. Was sie war und wie sie letztlich zur Elwedritsch wurde, erzählt mein neues Buch “Elwedritsche – Dunkle Gefährten”, das im Frühjahr 2025 erscheinen soll.
Die Produktion dieses Buches ist teuer, weswegen ich ab 5. Januar 2025 im Rahmen einer Crowdfunding-Kampagne um Unterstützung bitte. Im Gegenzeug erscheint nicht nur die Publikation. Es gibt auch sehr nette Dankeschöns. Schauen Sie einmal rein:






















































