Category Archives: Elwedritsche

Hallicher Grischtdaag!

Das Jahr 2025 stand für “Hiwwe wie Driwwe” ganz unter dem Thema “Elwedritsche”. Das neue “Hiwwe wie Driwwe”-Buch “Elwedritsche – Dunkle Gefährten” hat dem vermeintlichen Fabeltier eine Biografie und einen Stammbaum gegeben. Erstmals wurde beleuchtet, was der Grund dafür ist, dass es überhaupt Elwedritsche gibt.

Dabei hat sich herausgestellt, dass keine einzelne wissenschaftliche Disziplin allein in der Lage ist, das Geheimnis zu lüften. Die Ursache für die Existenz der Elwedritsche liegt in einem medizinisch-neurologischen Phänomen des Gehirns (“Schlafparalyse”). Die menschliche Verarbeitung lässt sich gut mit Modellen der Psychologie beschreiben (“HADD Hyperactive Agent Detection Device” und “BVT Benign Violation Theory”), die historische Entwicklung wiederum am besten mit kulturwissenschaftlichen Instrumentarien (“Memetik”). Zu diesem neuen psychologisch-memetischen Ansatz wurden als Hilfswissenschaften einbezogen: Geschichte, Archäologie, Linguistik und Theologie (“Indoeuropäische Migrationsforschung”, “Translationswissenschaft”, “Indogermanistik” und andere). Ganz am Ende lieferte die Volkskunde einen wichtigen deskriptiven Beitrag, die Quellen zu Elwedritschen in der Pfalz in den letzten 175 Jahren darzustellen und zu interpretieren.

Dass die Volkskunde allein das Rätsel nicht lösen kann, wird schon dadurch deutlich, dass erste Quellen zu Elwedritschen in der Pfalz Mitte des 19. Jahrhunderts auftreten – das Phänomen aber z.B. auch im Banat und in Pennsylvania bekannt ist und damit bei Auswanderergesellschaften, die bereits im 18. Jahrhundert etabliert wurden. Nur was um 1700 bereits bekannt war, konnte auch ins Ausland mitgenommen werden. Dieser Sachverhalt wird in der Beschreibung der Elwedritsch als “Fabeltier”, als “fantastisches Tierwesen”, als vermeintlich im 19. Jahrhundert entstandener “Dorf-, Kneipen- oder Jägerspaß” meist geflissentlich ausgeblendet. Die Dissonanz, dass die Elwedritsche im europäischen und nordamerikanischen Ausland düster-dämonisch, in der Pfalz aber harmlos-lustig daherkommt, war einer der Ausgangspunkte der langen Reise zum Ursprung der Elwedritsche. Es musste einen Grund für diese unterschiedliche Wahrnehmung geben. Diesem galt es nachzuspüren.

Wenn es 2025 gelungen sein sollte, die deskriptive volkskundliche Beschreibung um eine historische Tiefenperspektive zu erweitern, ist schon etwas erreicht. Für die Zukunft gilt: Nur ein interdisziplinärer Erklärungsansatz wird dem Thema Elwedritsche wirklich gerecht. Es wäre vermessen zu glauben, dass jetzt alle Geheimnisse dieser imaginären Kreatur bereits gelöst sind. Die Entdeckungsreise wird weitergehen. Ich bin sicher, dass die Ergebnisse um so besser sein werden, je mehr engagierte Menschen aus den genannten wissenschaftlichen Disziplinen sich daran beteiligen und dabei auch vertrauensvoll fachübergreifend zusammenarbeiten. Nur wenn wir gemeinsam aus verschiedenen Perspektiven auf das “Phänomen Elwedritsch” schauen, werden sich auch die verbliebenen Rätsel lösen lassen.

In diesem Sinne verabschiedet sich “Hiwwe wie Driwwe” bis ins neue Jahr und wünscht allerseits “Hallicher Grischtdaag”. Alles Bescht fer 2026!

Michael Werner

Was Elwedritsche wirklich sind: Der psychologisch-memetische Erklärungsansatz mit eingebetteter “benign violation theory”

Düster-dämonisch, nicht lustig-verspielt: Die pennsylvanisch-deitsche Elbedritsch (aus Dave Klines Video The Twelve Dutchie Daags of Grischtdaag, 2025)

Von Michael Werner

Der zwischen 2020 und 2025 entstandene psychologisch-memetische Ansatz verbindet mehrere psychologische Theorien zur Erklärung, warum die Elwedritsche als Figur entstanden ist und bis heute weiterlebt. Zentral ist dabei die Idee, dass sich ein ursprünglich angsterregender nächtlicher Druckdämon, der seine Existenz dem medizinischen Phänomen der Schlafparalyse verdankt, über psychologische und memetische Mechanismen und Humor zu einer harmlosen, aber emotional wirksamen imaginären Kreatur verwandelt. Unter “Memen” versteht man hierbei “kulturelle Sinneinheiten” wie eine Melodie, ein Märchen oder eben das Konzept eines Schaddämons, der in der Dunkelheit Menschen bedroht. Diese Konzepte mutieren bei der Weitergabe von Generation zu Generation.

Die Kernidee ist hierbei: Mythen werden bei dieser Weitergabe nicht nach „wahr“ oder „falsch“ ausgewählt, sondern danach, wie gut sie sich emotional und kommunikativ weitertransportieren lassen. Mythen konkurrieren wie „Meme“ um Aufmerksamkeit; Varianten, die zugleich Angst und soziale Bindung erzeugen, setzen sich eher durch. Die Elwedritsche bleibt stabil, weil sie gerade ambivalent ist: nicht zu gefährlich (sonst sozial unerwünscht), nicht zu harmlos (sonst langweilig), sondern humorvoll-bedrohlich genug, um immer wieder erzählt zu werden.

Ausgangspunkt ist der Wandel von einer drückenden, angstbesetzten Nachtgestalt (Albdrude) zu einer kleineren, scherzhaften Waldfigur. Psychologisch wird das als Prozess der Externalisierung und Projektion beschrieben: Unerklärliche Phänomene wie Schlafparalyse, Atemnot oder Albträume werden einer äußeren Gestalt zugeschrieben. Man spricht in der Psychologie auch von “Hyperactive Agent Detection Device” (HADD). Ein Gefühl wird als handelnde “Person” – hier ein Dämon – interpretiert. Diese äußere Figur dient als „Container“ für Angst; sie macht das Unkontrollierbare benennbar und kulturell handhabbar und kann später abgeschwächt und humorisiert werden.

Eine Schlüsselrolle spielt hierbei die “Benign Violation Theorie” (BVT), nach der Humor entsteht, wenn eine Normverletzung gleichzeitig als Verstoß und als harmlos erlebt wird. Die frühere Bedrohung löst sich nicht auf, sondern wird zur „harmlosen Grenzüberschreitung“: Das Wesen bleibt unheimlich, ist aber sozial gezähmt und darf belacht werden. So wird Angst nicht verdrängt, sondern in ein kontrollierbares, gemeinsames Lachen überführt; die Figur bleibt spannend, ohne real zu bedrohen.

Die Elwedritsche-Jagd ist damit ein psychologisches Ritual, das eine inszenierte Konfrontation mit dem vormals Bedrohlichen darstellt. Die Jagd simuliert Gefahr, das Scheitern der Suche ist eingeplant und allen Beteiligten klar; damit entspricht sie exakt einer „harmlosen Normverletzung“ im Sinne der BVT. Psychologisch heißt das: Angst wird spielerisch verarbeitet, Kontrollverlust wird akzeptiert, und das Unbekannte wird in ein soziales Spiel integriert.

Die Elwedritsche kann als „memetisch stabile Grenzfigur“ beschrieben werden, die sich über Generationen hält, weil sie emotional aktiviert, ohne reale Gefahr zu erzeugen. Die Balance aus Restbedrohung, Humor und sozialer Einbettung maximiert die Wahrscheinlichkeit, dass Geschichten über sie weitererzählt werden. Die Figur steht so exemplarisch für kulturelle Strategien, in denen aus existenzieller Bedrohung ein soziales Spiel wird: Die Angst bleibt erkennbar, ist aber gezähmt und gemeinschaftlich bearbeitbar.

Die Elwedritsch ist damit kein Fabeltier und schon gar kein fantastisches Tierwesen. Sie ist als imaginäre Kreatur die Visualisierung kulturell verarbeiteter Urängste vor der Nacht und ihren Gefahren.

Zusammenfassung: Die Verbindung von Memetik, HADD (Hyperactive Agency Detection Device) und der Benign Violation Theory (BVT) bildet einen psychologisch-kulturellen Erklärungsansatz für das Entstehen und die Weitergabe von Mythen wie der Elwedritsche. HADD beschreibt die menschliche Neigung, auch bei unklaren oder zufälligen Ereignissen einen handelnden Agenten zu vermuten – etwa bei Albträumen oder unerklärlichen Geräuschen im Wald. Diese Neigung führt dazu, dass Angst und Unbekanntes in Form von Fabelwesen oder Dämonen „benannt“ und kulturell verarbeitet werden. Memetik erklärt, wie solche kulturellen Inhalte („Memes“) sich verbreiten und weiterentwickeln: Die Figur des Albdruden oder der Elwedritsche wird als kulturelles Meme weitergegeben, das sich durch Nachahmung und Anpassung in verschiedenen Regionen und Generationen verändert. Die Benign Violation Theory beschreibt, wie humorvolle oder spielerische Verstöße gegen Normen (wie Elwedritsche-Jagden) Angst und Bedrohung entschärfen können, indem sie eine „harmlose Normverletzung“ darstellen. Insgesamt sind diese Theorien wie folgt verknüpft:
• HADD sorgt für die Entstehung von Angst und die Projektion eines Agenten (Albdrude/Elwedritsche).
• Memetik erklärt die Verbreitung und Veränderung der Figur als kulturelles Meme.[library.oapen]
• BVT zeigt, wie humorvolle Rituale und Jagden die ursprüngliche Angst durch spielerische Normverletzungen entschärfen. Diese Verbindung ist zentral für die moderne Erklärung von Mythen und Brauchtum wie der Elwedritsche.

Zeitliche Rekonstruktion: Vom Druckdämon zur Elwedritsche
PhaseZeitraum (grob)Dominanter MechanismusBeschreibung
1. Primärer ErfahrungskernPrähistorisch – AntikeNeurophysiologisch (Schlafparalyse)Menschen erleben nächtlichen Druck, Atemnot, Präsenzgefühle. Diese universellen Erfahrungen verlangen nach Erklärung.
2. AgentifizierungAntike – FrühmittelalterHADDDas Gehirn interpretiert das Erlebnis als handelndes Wesen („etwas sitzt auf mir“). Entstehung von Nacht- und Druckdämonen.
3. Dämonologische StabilisierungFrühmittelalterReligiös-mythischFiguren wie Alb, Mahr, Drude, Trud werden sprachlich und kulturell fixiert. Angst ist primäre Emotion.
4. Regionalisierung & DialektisierungHoch-/SpätmittelalterLinguistisch-kulturellDie Wesen werden lokal umgedeutet, verkleinert, vermenschlicht oder vertierlicht. Übergang von kosmischem Dämon zu regionalem Nachtwesen.
5. EntdämonisierungFrühe NeuzeitAffektive AbschwächungMit abnehmender religiöser Angst verliert das Wesen seine existenzielle Bedrohlichkeit.
6. Humorale Transformation18.–19. Jh.Benign ViolationDas ehemals Gefährliche wird harmlos, aber normverletzend → es wird erzählbar, spielbar, belustigend.
7. Ritualisierung19.–20. Jh.SozialanthropologischEntstehung der Elwedritsche-Jagd als Gemeinschaftsritual mit klaren Rollen.
8. Memetische Optimierung20. Jh. – heuteMemetikDas Wesen wird narrativ stabil, variabel, lokal identitätsstiftend und generationenübergreifend weitergegeben.

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UPDATE: Die KI Gemini hat den Ansatz am 24. Dezember 2025 noch einmal überprüft und seine Bewertung wie folgt geändert:

Die psychologisch-memetische These zum Ursprung der Elwedritsche, wie sie auf elwedritsch.de und hiwwe-wie-driwwe.com (maßgeblich geprägt durch Dr. Michael Werner) dargelegt wird, stellt einen modernen, interdisziplinären Erklärungsansatz dar. Sie bricht mit der rein folkloristischen Sichtweise und deutet das Wesen als Ergebnis einer kulturellen Evolution.

1. Kern der These: Vom „Druckgeist“ zum „Scherzvogel“

Die These besagt, dass die Elwedritsch kein erfundenes Fabeltier im klassischen Sinne ist, sondern die „gezähmte“ Form eines uralten Angsterlebnisses. Der Ursprung liegt nicht in der Biologie, sondern in der menschlichen Neurologie und Psychologie.

2. Die drei Säulen der Argumentation

Neurophysiologische Basis (Schlafparalyse): Der reale Kern ist das Phänomen der Schlafparalyse (Schlaflähmung), bei dem Menschen nachts bewegungsunfähig aufwachen und Halluzinationen von Druck auf der Brust oder einer bedrohlichen Präsenz im Raum haben.

Agentifizierung (HADD): Das menschliche Gehirn nutzt den sogenannten Hyperactive Agency Detection Device (HADD), um unklare Reize sofort einer handelnden Person oder einem Wesen zuzuschreiben (überlebenswichtiger Instinkt). So wurde aus dem physischen Druckgefühl die „Albdrude“ oder der „Mahr“.

Benign Violation Theory (BVT): Dieser psychologische Ansatz erklärt den Wandel zum Humor. Eine „gutartige Verletzung“ (benign violation) liegt vor, wenn eine Bedrohung als eigentlich harmlos erkannt wird. Die angstbesetzte Drude wurde durch Spott, Überzeichnung (Vogelgestalt mit Brüsten/Geweih) und soziale Rituale (die Elwedritschenjagd) ins Lächerliche gezogen und damit psychologisch entschärft.

3. Bewertung der Stärken

Erklärung der Transformation: Die These erklärt schlüssig, warum aus einem ursprünglich bedrohlichen Nachtdämon (wie er in Pennsylvania als Elbedritsch teilweise noch düsterer besetzt ist) ein humorvolles Pfälzer Maskottchen wurde.

Memetische Fitness: Die Elwedritsch wird als „kulturelles Meme“ begriffen. Sie überlebt, weil sie eine perfekte Balance aus Rest-Grusel (das Mysterium der Nacht), skurrilem Aussehen (hoher Wiedererkennungswert) und sozialer Funktion (Identitätsstiftung, Einbindung von Neulingen bei der Jagd) bietet.

Interdisziplinäre Brücke: Sie verbindet Linguistik (Etymologie von Elbentrütsch), Medizingeschichte und Volkskunde.

Die These zeigt auf, wie die Figur mit den Auswanderern nach Pennsylvania reiste. Während sie in der Pfalz durch Wein-Kultur und Tourismus stark „verharmlost“ und humorisiert wurde, bewahrten die Überlieferungen in Amerika (Pennsylvania Dutch) oft länger den dämonischen Kern. Dies stützt die These, dass das Wesen eine kulturelle Variable ist, die sich je nach sozialem Umfeld anpasst.

Fazit der Bewertung

Die psychologisch-memetische These ist äußerst plausibel, da sie über die bloße Nacherzählung von Sagen hinausgeht. Sie bietet eine rationale Erklärung für:

Die Entstehung: Warum Menschen überhaupt an solche Wesen glauben (Biologie).

Die Form: Warum sie regional unterschiedlich aussehen (Kultur).

Das Überleben: Warum der Mythos trotz Aufklärung nicht ausstirbt (Memetik).

Sie macht die Elwedritsch von einem „Fake“ zu einem echten psychologischen Phänomen, das tief in der menschlichen Natur und der pfälzischen Sozialstruktur verwurzelt ist. Damit hat sich 2025 die Sicht auf die Elwedritsche deutlich verändert.

Plausibilitätsprüfung der KI Gemini 3 am 30. Dezember 2025

Der Wandel von der Albdrude zur Elwedritsch: Eine interdisziplinäre Analyse aus psychologischer, kulturhistorischer und linguistischer Perspektive

Quelle: pfalz-shop.de

1. Einleitung

Der Übergang von der bedrohlichen Albdrude, einer traditionellen nächtlichen Druckgestalt des germanischen Volksglaubens, hin zur possierlichen Elwedritsch, einem scherzhaften pfälzischen Fabelwesen, das heute sogar „gejagt“ werden kann, stellt ein bemerkenswertes Beispiel kultureller Bedeutungsverschiebung dar. Diese Entwicklung umfasst psychologische, sprachgeschichtliche und kulturhistorische Transformationsprozesse und dokumentiert exemplarisch, wie vormals angstbesetzte Wesen in harmlose oder humorvolle Figuren überführt werden.

Ziel dieses Artikels ist es, den Wandel umfassend zu analysieren und die zugrunde liegenden Mechanismen mithilfe moderner psychologischer Theorien (v. a. Benign Violation, kognitives Reframing, symbolische Kontrolle) sowie linguistischer und volkskundlicher Erkenntnisse darzustellen. Eine besondere Rolle spielt dabei die dokumentierte Vielfalt historischer Varianten des Namens und die damit verbundenen semantischen Übergänge, wie sie unter anderem auf elwedritsch.de gesammelt sind.

2. Mythologischer und kulturhistorischer Hintergrund der Albdrude

Die Albdrude, zusammengesetzt aus Alb/Alp und Drude, erscheint im frühmittelalterlichen und hochmittelalterlichen Volksglauben als nächtliches Druckwesen. Sie repräsentiert die personifizierte Angst vor Schlafstörungen, Atemnot und nächtlichem Terror. Die Figur ist eng verwandt mit dem Alp oder der Mahr, deren Existenz bereits in althochdeutschen Texten belegt ist.

Die Funktion dieser Wesen liegt in der Externalisierung psychischer Belastungen. Im vorwissenschaftlichen Erklärungsmodell wurden körperliche Phänomene wie Schlafparalyse, Atemnot oder Albträume durch personifizierte Geister erklärt. Die Albdrude fungierte somit als kultureller Container für individuelle wie kollektive Ängste.

3. Psychologische Theorien: Externalisierung, Projektion und Dämonisierung

3.1 Externalisierung und kollektive Projektion

Die Albdrude steht im Zusammenhang psychoanalytisch beschreibbarer Abwehrmechanismen, insbesondere Projektion und Externalisierung. Bedrohliche innere Erlebnisse werden einer externen, dämonischen Figur zugeschrieben. Dies stabilisiert das Selbstbild und ermöglicht kulturelle Kontrolle über das Unbeherrschbare.

3.2 Scapegoat-Mechanismen und Othering

Die Albdrude ist auch ein Beispiel für „Othering“: Das Bedrohliche wird personalisiert und nach außen verschoben. Es entsteht ein klares Gegenüber zwischen der Gemeinschaft und der dämonischen Figur.

3.3 Die Voraussetzung für spätere Entdämonisierung

Diese Mechanismen schaffen eine psychologische Grundlage, die eine spätere Transformation durch Verkleinerung, Humorisierung und Verbannung erst ermöglicht. Die Albdrude ist stabil genug, um abgeschwächt zu werden.

4. Der psychologische Umbruch: Vom Druckdämon zum humorvollen Fabelwesen

4.1 Benign Violation Theory

Die „Benign Violation Theory“ (McGraw & Warren, 2010) erklärt, wie eine Bedrohung entschärft wird, indem sie verletzt („violation“) bleibt, aber als harmlos („benign“) erscheint. Genau dies geschieht im Wandel Albdrude → Elwedritsch.

4.2 Kognitives Reframing

Ein bedeutsamer psychologischer Prozess ist die Umdeutung: Die nächtliche Schreckgestalt wird in ein kleines, harmloses Tier verwandelt. Dadurch wird die Angst, die ursprünglich mit der Albdrude assoziiert war, neutralisiert.

4.3 Miniaturisierung und Humor als Bewältigung

Die Verkleinerung spielt eine zentrale Rolle: Je kleiner die Figur, desto geringer ihre symbolische Macht. Humor verstärkt diese Entmachtung zusätzlich.

4.4 Symbolische räumliche Verbannung

Ein weiterer Schritt ist die topografische Verschiebung: Die Albdrude wirkt im Schlafzimmer; die Elwedritsch lebt im Wald. Die räumliche Distanz wirkt psychologisch entlastend und kulturell kontrollierend.

5. Linguistische Transformationen als Motor des Bedeutungswandels

Die Bedeutungsverschiebung vollzog sich nicht nur psychologisch-kulturell, sondern auch sprachlich. Dialektale Veränderungen führten zu einer Serie phonetischer und morphologischer Übergangsformen:

  • Alb → Alw / Elb / Elw / Elwe
  • –drude → –drick / –drieke / –dritsch / –tritsch / –trutschel

Solche Lautwandlungsprozesse sind in Dialektlandschaften normal und begünstigen oft semantische Verschiebungen. Die Verweichlichung und „Verniedlichung“ der Lautgestalt wirkt indirekt ebenfalls entdämonisierend.

6. Historische & regionale Varianten

Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten bekannten Namensvarianten der Albdrude/Elwedritsch zusammen. Sie dokumentiert die allmähliche Transformation vom Dämon zum Fabelwesen.

Region / Herkunft / KontextNamensform / Variante(n)Zeit / Erstbeleg (wenn bekannt)Quelle / ÜberlieferungAnmerkung / Besonderheit
Deutschsprachiger Allgemein-/mythischer Raum Albdrude17. Jh.klassische Dämonologie / VolksglaubenZusammensetzung aus Alb/Alp + Drude; typische Form für den „nächtlichen Druckgeist“.
Rhein / SüdwestdeutschlandAlpdrude / Alptrude19. Jh.Sammlung von Ludwig BechsteinZeigt, dass die „kompakte Dämonenform“ bis ins 19. Jh. literarisch dokumentiert war.
Rhein-/Pfälzer Raum (Dialekt)Albdricke / Alwedricke19.–20. Jh.regionale Wörterbücher / DialektlexikaVariante mit –drick(e) statt –drude; Lautwandel in zweiter Silbe.
Pfalz / Rhein-NeckarElbedritsch / Elbedritsche18.–19. Jh.Berichte über regionale SagengestaltenErste Stufe der sprachlichen Miniaturisierung / Umformung.
Pfalz (regional)Elwetritsch / Elwetritsche / Ilwedritschab 19. Jh.Volkskundliche QuellenHeute gebräuchlicher Name, vollständig entdämonisierte Gestalt.
Südhessen / Rheinhessen / BergstraßeElfetrutschel, Elbentritsch, Elbentritsche, Älwedrudschelebis ins 20. Jh.Dialektwörterbücher, VolkskundetexteÜbergangsstufen zwischen Dämon und Fabelwesen; starke regionale Diversität.
SchweizTrotterkopffrühe NeuzeitDialektwörterbücher, IdiotikonParallel zur Albdrude/Drude-Tradition; zeigt verwandte Mythoslinien.

7. Chronologische Zeitachse des Bedeutungswandels im deutschen Sprachraum

Frühmittelalter (9.—10. Jh.) – Alb/Mahr, dämonische Nachtgestalten, reine Angstbilder.

Hoch- und Spätmittelalter (11.–15. Jh.) – Alb/Mahr, Drude – beginnender Zusammenschluss der Nachtgeister, Dämonisierung verstärkt.

Frühe Neuzeit (16.–17. Jh.) – Fixierung in Hexen- und Dämonologie-Schriften; kulturelle Einbettung.

17. Jh. – Regionale Dialektformen: Albdrud, Albdricke, Alwedricke; erste sprachliche Miniaturisierung. Bedeutungswandel vom Bedrohlichen zum harmlosen Fabelwesen; Humor und Benign Violation setzen ein.

18. Jh. – Export nach Pennsylvania (Auswanderer); der ursprünglich dämonische Hintergrund ist bei der pennsylvanischen Elbedritsch auch heute deutlich erkennbar.

19. Jh. – Elbedritsch / Elwetritsch wird in schriftlichen Texten fassbar; ebenso die Albrude (Bechstein 1853)

20. Jh. – Regionale Maskottchen; Elwedritsch-Jagd; humorvolle Volksbräuche.

8. Synthese

Die Transformation vom Dämon zur Fabelgestalt verläuft über drei parallele Prozesse:

  1. Linguistische Transformation: Albdrude → Albedritsche → Elwedritsch
  2. Psychologische Entdämonisierung: Benign Violation, kognitives Reframing, Humor, symbolische Verbannung
  3. Kulturelle Institutionalisierung: vom Schlafzimmer in den Wald, Integration in Tourismus, Volksbräuche und regionale Identität

9. Literatur

Bechstein, L. (1853). Deutsches Sagenbuch. Leipzig: Wigand.

Freud, S. (1911). Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens. Leipzig: Internationaler Psychoanalytischer Verlag.

Hiwwe wie Driwwe. (2025, 2. Januar). Elbentritsch: Der von den Elben Gequälte. Abgerufen am 27. November 2025 von https://hiwwe-wie-driwwe.com/2025/01/02/elbentritsch-der-von-den-elben-gequalte/?utm_source=chatgpt.com

Hiwwe wie Driwwe. (2025, 11. Oktober). Die pfälzische Elwedritsch als Nachfahrin der nächtlichen Druckdämonen: Mahr, Albe, Drude und Trotterkopf (Schweiz). Abgerufen am 27. November 2025 von https://hiwwe-wie-driwwe.com/2025/10/11/die-pfalzische-elwedritsch-als-nachfahrin-der-nachtlichen-druckdamonen-mahr-albe-drude-und-trotterkopf-schweiz/?utm_source=chatgpt.com

McGraw, A. P., & Warren, C. (2010). Benign violations: Making immoral behavior funny. Psychological Science, 21(8), 1141–1149. https://doi.org/10.1177/0956797610376073

Der Elwedritsche-Code: Eine Spurensuche

“Bachtak” – ein Schlafdämon in Persien

Elwedritsche – Mehr als nur ein Pfälzer Scherz

Stellen Sie sich eine Szene vor: Tief im Pfälzerwald, in einer mondlosen Nacht. Ein ahnungsloser „Ortsfremder“ kauert nervös im Unterholz, bewaffnet nur mit einem leeren Jutesack und einer flackernden Laterne. Man hat ihm aufgetragen, auf die Elwedritsche zu warten – seltsame, vogelähnliche Fabelwesen, die man nur mit List und Geduld fangen könne. Während er frierend im Dunkeln ausharrt, sitzen die Einheimischen längst im warmen Wirtshaus, amüsieren sich köstlich und feiern einen gelungenen Streich.

Die Elwedritsche – sie ist das liebenswerte, skurrile und scheinbar harmlose Maskottchen einer ganzen Region, das Herzstück einer humorvollen Folklore. Doch was, wenn hinter diesem harmlosen Spaßvogel eine viel ältere, dunklere und universelle Geschichte steckt? Was, wenn das Lachen der Pfälzer nur das letzte Echo eines jahrtausendealten Schreis ist?

Betrachten Sie dies als die Eröffnung einer Akte. Wir begeben uns auf eine abenteuerliche Spurensuche zurück in der Zeit, zu den furchterregenden Ursprüngen dieses Wesens. Eine Reise, die uns aus dem gemütlichen Pfälzer Wald in die Abgründe der menschlichen Psyche und bis in die Wiege der Zivilisation führen wird.

Die erste Spur – Ein dunkles Geheimnis im Gepäck der Auswanderer

Der erste schlagende Beweis für die finstere Vergangenheit der Elwedritsche findet sich erstaunlicherweise nicht in der Pfalz selbst, sondern tausende Kilometer entfernt. Er liegt verborgen im kulturellen Erbe jener Menschen, die ihre Heimat vor langer Zeit verließen.

Im 18. Jahrhundert wanderten viele Pfälzer, getrieben von Armut und Krieg, aus. In ihrem geistigen Gepäck nahmen sie die Mythen und Geschichten ihrer Heimat mit. Diese Auswanderergruppen konservierten damit eine ältere, „eingefrorene“ Version des Elwedritsche-Mythos – aus einer Zeit, bevor die Figur in der Pfalz endgültig zum harmlosen Witz verniedlicht wurde. Wir beobachten hier eine klassische „memetische Divergenz“: Während sich der Mythos in der Heimat weiterentwickelte, blieb er in den isolierten Auswanderergemeinden in seiner ursprünglichen Form erhalten.

Der entscheidende Durchbruch in unserer Spurensuche, ein wahrer „rauchender Colt“ der Mythenforschung, stammt aus dem Banat, einer Region im heutigen Rumänien, Serbien und Ungarn. Das erst kürzlich vollständig publizierte „Wörterbuch der banaterdeutschen Mundarten“ enthält einen Eintrag von unschätzbarem Wert:

BelegBedeutung
Die Redewendung: “Du aldi elbetrisch!”Dieses Schimpfwort wird eindeutig mit „Du alte Hexe“ oder „Du altes Ungeheuer“ übersetzt.
Die Beschreibung:Elwedritschen werden als Wesen beschrieben, die nachts kommen, um Kinder zu bedrohen und ihnen Angst zu machen.

Dieser Fund ist bemerkenswert. Er beweist zweifelsfrei, dass die Elwedritsche ursprünglich kein putziges Fabeltier war, sondern ein Synonym für ein bösartiges, weibliches Wesen – eine direkte Verbindung zur furchteinflößenden Gestalt der Albdrude. Die Beschreibung als kinderbedrohendes Nachtwesen ist hierbei von entscheidender Bedeutung, da sie null Mehrdeutigkeit zulässt und eine direkte thematische Brücke zu den ältesten Dämonenfiguren schlägt.

Diese Erkenntnis ist kein Einzelfund. Auch in den Überlieferungen der Pennsylvania Deutschen, den Nachfahren von pfälzischen Auswanderern in den USA, ist bei der Elbedritsch unter der bereits lustigen Oberfläche ein düsterer Kern erkennbar. Auch die dämonische Vorgängerin der Elbedritsch – “Trotterkopf” (Drudenkopf) genannt – ist in Büchern dokumentiert. Vor diesem Dämon schützte man den Bauernhof mit Ritualen und Symbolen.

Diese Belege aus den kulturellen „Zeitkapseln“ der Auswanderer beweisen unzweifelhaft: Unsere heutige, liebenswerte Elwedritsche muss eine furchterregende Vorfahrin gehabt haben. Doch wer genau war diese finstere Ahnin, und woher kam der Schrecken, den sie verbreitete?

Die deutsche Ahnin – Begegnung mit der Albdrude

Unsere Spurensuche führt uns nun ins mittelalterliche Deutschland, direkt in die dunkelsten Winkel der menschlichen Erfahrung: das Schlafzimmer. Hier treffen wir auf die Albdrude, die direkte Vorgängerin der Elwedritsche.

Vergessen Sie den Hühnerkörper mit Geweih. Die Albdrude war ein furchteinflößender weiblicher Nachtdämon. Man stellte sie sich als eine Gestalt vor, die sich nachts auf die Brust schlafender Menschen setzt, ihnen unbarmherzig den Atem raubt und eine namenlose, lähmende Angst verursacht. Unser heutiges Wort Alptraum stammt direkt von einer eng verwandten Gestalt, dem Alp, ab und bewahrt die Erinnerung an diesen nächtlichen Terror.

Was unsere Vorfahren als dämonischen Angriff deuteten, können wir heute als ein reales und universelles neurophysiologisches Phänomen entmystifizieren: die Schlafparalyse. Dieser Zustand zwischen Traum und Wirklichkeit ist die biologische Blaupause für den Dämonenmythos. Seine Symptome sind erschreckend präzise:

• Vollständige Körperlähmung bei gleichzeitig wachem, klarem Geist. Man ist gefangen im eigenen Körper.

• Ein massiver Druck auf der Brust und das Gefühl zu ersticken, als würde jemand auf einem sitzen.

• Das überwältigende, unheimliche Gefühl einer fremden, bösartigen Präsenz im Raum.

In diesem Zustand purer Angst greift ein kognitiver Ur-Mechanismus unseres Gehirns, die sogenannte Agentendetektion (HADD). Dieses System ist darauf programmiert, in unklaren und potenziell gefährlichen Situationen sofort einen handelnden Akteur zu vermuten. Ein Knacken wird zum Einbrecher, ein Schatten zur Gestalt. Bei der Schlafparalyse macht HADD aus dem abstrakten Gefühl von Druck und Präsenz die konkrete Wahrnehmung„Jemand sitzt auf mir.“

Die Albdrude war also ein Produkt des menschlichen Gehirns, geboren aus einer biologischen Fehlzündung. Doch war dies ein rein deutsches Phänomen? Oder war sie nur eine lokale Ausprägung einer viel älteren, internationalen Familie des Schreckens, deren Stammbaum wir nun aufdecken müssen?

Eine Familie der Furcht – Die unheimliche Verwandtschaft in ganz Europa

Die Albdrude war keineswegs allein. Unsere Untersuchung zeigt, dass sie Teil einer weitverzweigten, paneuropäischen Familie von Schreckgestalten ist, die alle auf denselben Ursprung zurückgehen.

Um diese Verbreitung zu verstehen, hilft uns das Konzept der Memetik, das der Biologe Richard Dawkins prägte. Ein „Mem“ ist eine kulturelle Informationseinheit – eine Idee oder Geschichte –, die sich wie ein Gen von Gehirn zu Gehirn verbreitet. Ideen haben einen Art Stammbaum, wie Lebewesen. Eine Studie von 2016 bewies mit Methoden der Evolutionsbiologie, dass manche Märchen bis in die indoeuropäische Frühzeit zurückreichen. Die Idee eines Nachtdämons war ein extrem erfolgreiches Mem, das im geistigen Gepäck der indoeuropäischen Völkerwanderungen reiste und sich in jeder neuen Kultur anpasste, aber stets seinen Kern bei.

Ein Blick über die Grenzen Deutschlands offenbart die verblüffende Ähnlichkeit dieser Mythen. Sie alle sind Variationen desselben unheimlichen Themas:

KulturraumName des DämonsBeschreibung
PersienBachtakEine Dämonin, die sich nachts auf die Brust setzt und den Atem raubt.
Griechisch-Römische AntikeIncubus / EphialtesEin „Aufliegender“, der Schlafende bedrängt; von griechischen Ärzten bereits als medizinisches Problem gedeutet.
Slawischer RaumZmora / MoraEine Schreckgestalt, die nachts Kinder quält und Menschen im Schlaf bedrückt.

Könnte es sein, dass all diese Kulturen den Mythos unabhängig voneinander erfunden haben? Es gibt einen entscheidenden linguistischen Beweis, der dies widerlegt: die proto-indoeuropäische Wortwurzel *mer-, die so viel wie „drücken“ oder „zerquetschen“ bedeutet. Dieses sprachliche Fossil hat in unzähligen modernen Sprachen überlebt:

• Deutsch: Mahr

• Englisch: Nightmare

• Französisch: cauchemar

• Slawisch: Mora

• Keltisch: Morigan (eine oft unheilvolle Göttin)

Dies kann kein Zufall sein. Es ist der unumstößliche Beweis, dass all diese Schreckgestalten auf eine gemeinsame Ahnin zurückgehen. Unsere Spurensuche muss also noch tiefer graben. Wo liegt der älteste, der ursprüngliche Kern dieser jahrtausendealten Angst?

Die tiefste Wurzel – Lilith, Dämonin und erste Rebellin

Unsere Reise führt uns nun an den Anfang der aufgezeichneten Geschichte, zu einer der ältesten und komplexesten Figuren in dieser Ahnenreihe: Lilith.

Im 3. Jahrtausend v. Chr. taucht Lilith erstmals als mesopotamischer Windgeist (Lill) auf. Sie taucht sogar im Gilgamesch-Epos auf, was ihre immense Antiquität unterstreicht. In frühen Darstellungen erscheint sie oft als vogelähnliches Wesen mit Flügeln und Klauen – eine erste, verblüffende Parallele zur Gestalt der Elwedritsche. Manchmal wird sie als eine Art „dunkler Zwilling“ der großen Göttin Ischtar gedeutet, eine Abspaltung ihrer gefährlichen und unkontrollierbaren Aspekte.

Ihre dramatischste Rolle erhält Lilith jedoch in der späteren jüdischen Überlieferung, insbesondere im mittelalterlichen „Alphabet des Ben Sira“. Hier wird sie nicht als Dämonin, sondern als erste Frau Adams erschaffen – ihm ebenbürtig, da beide aus Erde gemacht wurden. Als Adam verlangt, sie solle sich ihm beim Geschlechtsakt unterordnen, weigert sie sich mit einem revolutionären Satz:

“Warum soll ich unter dir liegen? Auch ich wurde aus Erde gemacht und bin dir daher gleich.”

Ihre Rebellion wird hart bestraft. Sie spricht den unaussprechlichen geheimen Namen Gottes aus, woraufhin ihr Flügel wachsen und sie Adam und den Garten Eden verlässt. Da sie sich der patriarchalen Ordnung widersetzt, wird sie dämonisiert. Sie wird zur Mutter aller Dämonen, und ihr Zorn richtet sich fortan gegen die geordnete Familie, insbesondere gegen schwangere Frauen und neugeborene Kinder. Ihre einstige Stärke und Unabhängigkeit werden in eine dunkle, tödliche Bedrohung umgedeutet.

Wie konnte diese spezifisch jüdische Figur in den europäischen Kulturraum gelangen? Der Schlüssel liegt in den großen Bibelübersetzungen, durch die Lilith quasi inkognito reiste. Sie verlor ihren Namen, aber nicht ihr Wesen:

• Griechische Septuaginta (ca. 250 v. Chr.): Da der Name „Lilith“ einem griechischen Leser nichts gesagt hätte, wurde er umschrieben, etwa als „Nachtgeschöpf“.

• Lateinische Vulgata (ca. 400 n. Chr.): Der Kirchenvater Hieronymus übersetzte die entsprechende Stelle mit dem lateinischen Wort Lamia. Die Lamia war im römischen Volksglauben bereits als kindermordende, hexenartige Schreckgestalt bekannt.

Im christlichen Europa reiste die Essenz von Lilith also unter dem Deckmantel der Lamia weiter. Und an einem ganz bestimmten Ort in Deutschland sollten diese beiden Traditionsstränge – die germanische Alpdrude und die als Lamia getarnte Lilith – schließlich aufeinandertreffen.

Der Schmelztiegel am Rhein – Wo sich Mythen trafen

Der entscheidende Ort dieser mythischen Verschmelzung waren die sogenannten SchUM-Städte am Rhein: Speyer, Worms und Mainz.

Ab dem 10. Jahrhundert bildeten diese Städte das pulsierende Herz des europäischen Judentums. Hier lebten Juden und Christen über Jahrhunderte in einem engen, wenn auch nicht immer friedlichen Austausch. Es war ein intellektueller und kultureller Schmelztiegel, ein perfekter Nährboden für die Vermischung von Ideen, Mythen und Ängsten.

Hier entfaltet sich die zentrale These: Die bereits vorhandene christlich-germanische Furcht vor der Albdrude wurde durch die intensive jüdische Furcht vor Lilith quasi „aufgeladen“ und neu geformt. Beide Kulturen fürchteten im Grunde dasselbe: einen weiblichen Nachtgeist, der schlafende Mütter und ihre Kinder bedroht. Die Ängste beeinflussten und verstärkten sich gegenseitig.

Diese Theorie ist mehr als nur eine plausible Vermutung. Es gibt erstaunlich konkrete Belege, die diese Verschmelzung untermauern:

• Lilith-Amulette: Es ist nachweislich belegt, dass im 18. Jahrhundert in der Pfalz Schutzamulette gegen Lilith in Gebrauch waren, die genau den jüdischen Traditionen entsprachen.

• Ein schriftlicher Nachweis von 1560: Ein Rabbiner beschreibt ein Ritual, bei dem er mit einem Schwarzmesser oder Kreismesser einen magischen Schutzkreis um eine gebärende Frau zog – eine Praxis, die exakt so in alten kabbalistischen Büchern beschrieben wird, um Lilith abzuwehren.

Dies ist der „Smoking Gun“, der Beweis, dass die Lilith-Furcht in der Pfalz nicht nur präsent, sondern tief im Alltag verankert war.

Doch die Geschichte der kulturellen Vermischung ist nicht immer harmonisch. Die Quellen legen eine zweite, düsterere Interpretation nahe, die wir nicht ignorieren dürfen. Im Kontext des historischen Antisemitismus und der furchtbaren Ritualmordlegenden könnte die Transformation des Mythos auch als „feindliche Übernahme“ gelesen werden. In dieser Lesart bekommt das Monster „die Züge der Minderheit, die man fürchtet“. Die Elwedritschen-Jagd wäre dann kein harmloser Spaß, sondern eine symbolische Jagd auf die jüdischen Nachbarn. Die Verbannung des Wesens in den Wald könnte ein Echo der Vertreibung der Juden aus den Dörfern sein.

Wahrscheinlich spielten beide Aspekte eine Rolle. Volksglaube ist selten eindeutig. Er kann sowohl das Ergebnis eines fruchtbaren Austauschs sein als auch ein Spiegel von Abgrenzung, Misstrauen und der Projektion von Ängsten auf eine Minderheit. Wie auch immer – aus der Verschmelzung dieser mächtigen Dämoninnen entstand eine Art regionaler Super-Dämon. Doch wie konnte aus diesem Inbegriff des Schreckens das heutige harmlose Fabeltier werden?

Die Zähmung des Dämons – Wie aus Angst ein Lachen wurde

Die Verwandlung der furchterregenden Alpdrude in die humorvolle Elwedritsche ist ein faszinierendes Meisterstück der kulturellen Angstbewältigung. Dieser Prozess, eine Art unbewusste, kollektive Therapie, lief über Jahrhunderte in mehreren, klar nachvollziehbaren Schritten ab.

1. Verlust der Erklärungskraft Mit der Aufklärung und dem Aufstieg der modernen Wissenschaft verloren Dämonen ihre Funktion. Albträume, Krankheiten und die Schrecken der Nacht bekamen natürliche Erklärungen. Die Alpdrude wurde sozusagen „arbeitslos“.

2. Verbannung in den Wald Da sie im Schlafzimmer nicht mehr gebraucht wurde, wurde die Dämonin aus dem intimen, privaten Raum des Menschen in den fernen, unheimlichen Wald „ausgelagert“. Die unmittelbare, persönliche Bedrohung wurde dadurch auf Distanz gebracht.

3. Schrumpfung zur Miniatur Die einst große, menschenähnliche und übermächtige Gestalt der Alpdrude wurde zu einem kleinen, oft geflügelten Mischwesen verkleinert. Dies ist ein bekanntes Phänomen in der Folklore, eine Art „kulturelle Herabstufung“. So werden mächtige antike Götter in späteren Erzählungen zu kleinen Kobolden oder die Göttin Holder schrumpft zur kleinen Waldfrau. Es ist ein genialer psychologischer Trick: Das Bedrohliche wird kleiner, fassbarer und damit weniger gefährlich.

4. Weichzeichnung durch Dialekt Die Sprache selbst wirkte als Entschärfungsmechanismus. Das bedrohlich und hart klingende Wort „Drude“ wurde im Pfälzer Dialekt weichgezeichnet. Über lautliche Zwischenformen wie „Trutschel“ oder „Drutzel“ landete man schließlich beim niedlich und harmlos klingenden „Elwedritsche“.

5. Die geniale Machtumkehr Der letzte und entscheidende Schritt war die Erfindung der Elwedritschen-Jagd. Dahinter steckt eine tiefgreifende psychologische Umkehrung: Der Mensch, einst das passive, im Schlaf gejagte Opfer des Dämons, wird nun zum aktiven, gemeinschaftlichen Jäger des zur Elwedritsche geschrumpften Wesens. Aus passiver Angst wird aktives, soziales Spiel.

Elwedritsche – Das Echo einer uralten Furcht

Unsere Spurensuche ist am Ende. Wir begannen mit einem harmlosen Scherz im nächtlichen Pfälzerwald und sind auf eine 4000 Jahre alte Spur gestoßen. Die Akte Elwedritsche hat offenbart, wie diese Figur die letzte, fast parodistische Form einer langen Ahnenreihe von Schreckgestalten ist: Sie ist die gezähmte Nachfahrin der deutschen Alpdrude, die wiederum zur paneuropäischen Familie der Nachtdämonen gehört, deren sprachliche Wurzeln in der indoeuropäischen Frühzeit liegen und deren tiefster mythologischer Kern bis zur mesopotamischen Dämonin Lilith zurückreicht.

Diese Untersuchung zeigt, dass die Elwedritsche weit mehr ist als nur ein regionaler Witz. Sie ist ein beeindruckendes kulturelles Lehrstück. Sie demonstriert, wie die Verknüpfung von Psychologie, Linguistik, Folklore und Geschichte eine Wahrheit enthüllt, die im Verborgenen lag: die Geschichte, wie eine Gesellschaft ihre tiefsten, universellen Ängste – vor der Dunkelheit, dem Kontrollverlust, dem plötzlichen Kindstod – über Jahrtausende hinweg nicht verdrängt, sondern aktiv verarbeitet, transformiert und schließlich erfolgreich in Gemeinschaft und Humor umwandelt.

Michael Werner

Weiterführende Infos: elwedritsch.de

Zur allgemeinen Information: Die psychologisch-memetische Ansatz von Michael Werner zum Ursprung der Elwedritsche entstand zwischen 2020 und 2025. Er erklärt das Fabeltier als kulturelles Muster, das aus neurologischen Phänomenen wie Schlafparalyse entsteht und memetisch evolviert.​ Die These verbindet Psychologie und Memetik: Schlafparalyse verursacht Halluzinationen von bedrohlichen Präsenzen (z. B. Albtraum-Dämonen wie Drude), die das Gehirn durch Agentendetektion – “Hyperactive Agency Detection Device” (HADD) – dämonisiert. Diese Ängste werden kulturell verarbeitet, wandeln sich als sogenannte “Meme” über Generationen und verkleinern das kulturelle Muster sukzessive vom dunklen Dämon zum possierlichen Pfälzer Fabeltier, das in den Wald verbannt wird.​ Entwicklung und Funktion: Der memetische Prozess wandelt Angst in Humor um, schafft Identität durch Jagdrituale und stärkt Gemeinschaften. Michael Werner grenzt dies von pseudowissenschaftlicher „Tritschologie“ ab und stützt es auf neurologische, linguistische und kulturhistorische Belege aus 30 Jahren Forschung bei den Pennsylvaniadeutschen – Nachfahren überwiegend pfälzischer Auswanderer – in den USA.

Wie beurteilt eigentlich eine KI den psychologisch-memetischen Ansatz? Einfach hier klicken.

Elwedritsche: Vom Alb zum Schalk

Zwischenzeitlich gibt es mehrere Zugänge zur neuen psychologisch-memetischen These zum Ursprung der Elwedritsche: Ein Buch, eine Website (elwedritsch.de), Videos – und nun ist hier auf hiwwe-wie-driwwe.de ergänzend eine Online-Präsentation zum Thema zugänglich: