Archiv der Kategorie: Der Pälzylvanier

Peter V. Fritsch – Das kulturelle Gedächtnis der Pennsylvania Dutch

Peter V. Fritsch beim Schreiwerfescht des Kutztown Folk Festivals (2010)

Eine Würdigung

Peter Fritsch (1945-2015) war ein ruhiger Mensch. Er lebte zurückgezogen mitten im Wald in einer umgebauten Scheune an der Centennial Road in der Nähe von Alburtis. Als ich ihn 1994 erstmals dort besuchte, war er 49 Jahre alt. Damit gehörte er unter den sogenannten „Fancy Dutch“ – also Nicht-Mitgliedern von Old Order Amish oder Old Order Mennonites – zu den jüngeren Sprechern.

„Ich bin en alter Bachelor“, sagte er über sich selbst, weil er unverheiratet war. Er sprach die Mundart so wunderbar unverfälscht, wie er sie in seiner Kindheit in „Langschwamm“ (Long Swamp) in der Familie gelernt hatte. Und von Kindesbeinen an war er gerne mit Älteren zusammen und ließ sich die „Schtoris“ von früher erzählen.

Sein Vater John Fritsch zog an Silvester mit Freunden von Haus zu Haus, um in der Gegend den traditionellen „Neuyaahrswinsch“ zu geben: „Mir winsche eich en glickseeliches neies Yaahr, en Bretzel wie en Scheierdoor, en Brotwascht wie en Offerohr …“. Da es in jedem Haushalt zum Dank einen Schnaps für die „Winscher“ und Musiker gab, kam John meist „gsoffe heem“, wie Peter lachend erzählte. Als John starb, machte Peter mit seinen Freunden Linda und Mike Hertzog und weiteren Familienmitgliedern weiter. Nur die Tradition mit dem Alkohol übernahmen sie nicht.

Peter Fritsch mit Mike Hertzog (Banjo) und weiteren Musikern (2009)

Peter schrieb Texte in Mundart und publizierte Bücher. Deshalb lernten wir uns kennen. Beruflich war er Kunstlehrer in Reading, und er hatte einen Lehrauftrag zur pennsylvanisch-deutschen Kultur am Ursinus College in Collegeville (PA).

1994 besuchte ich gemeinsam mit ihm seine gute Freundin Florence Baver (1911-1999). Florence, eine Grundschullehrerin, war der Kopf der „Pennsylvania Dutch Folk Culture Society” in Lenhartsville gewesen. Sie war eine sehr freundliche Frau, die sich sehr für den Erhalt der Kultur der Pennsylvaniadeutschen einsetzte. Dabei konnte sie aber auch streitbar sein. Sie stand im engen Austausch mit den Gründern des Kutztown Folk Festivals: Prof. Don Yoder (1921-2015), Prof. J. William Frey (1916-1989) und Prof. Alfred L. Shoemaker (1913-ca. 1967). Schon vor Florence Bavers Tod wurde das Center in Lenhartsville aufgelöst, und die meisten Materialien fanden eine neue Heimat im gerade gegründeten Pennsylvania German Cultural Heritage Center in Kutztown (PA).

Von Peter Fritsch hörte ich 1994 erstmals in Pennsylvania vom „Bucklich Maennli“. Es sollte dafür verantwortlich sein, dass Peter seinen Hausschlüssel nicht finden konnte: „Des hot des verdollt bucklich Maennli geduh!“, rief Peter immer wieder. Und: „Es hot sei Millich grickt!“ Der Schlüssel fand sich, auch ohne die Hilfe des „Bucklich Maennli“, hinter dem eine wirklich interessante Geschichte steckt. Letztlich führt sie auch zur Beantwortung der Frage, was Elwedritsche wirklich sind. Awwer sell iss en anner Schtori!

Peter Fritsch spielt Hackbrett (2015)

Peter habe ich all die Jahre immer wieder besucht, ihn ausgefragt, seine Geschichten auch aufgenommen. Mehrfach lud ich ihn auch nach Deutschland und in die Pfalz ein. Seine Antwort war immer klar: „Nee, nee, ich schlof es liebscht in mei eegen Bett!“

In seinen 60ern wurde ihm der Garten rund um seine Scheune zu viel, und er entschied sich, nach Topton in ein kleines Häuschen zu ziehen. Dort besuchte ich ihn im Februar 2015 ein letztes Mal. Er wirkte unglücklich und wünschte sich in seine Heimat im Wald zurück. Es half aber nichts: Das Gebäude hatte er verkauft. Nur wenige Monate nach meinem Besuch erfuhr ich , dass Peter überraschend verstorben war.

Es heißt ja: Jedes Mal, wenn ein Mensch stirbt, stirbt eine ganze Welt. Bei Peter Fritsch trifft das in ganz besonderem Maße zu. Er fehlt.

Der Pälzylvanier

Richard Miller – Ein „Dutchman“ aus dem Bilderbuch

Parre Richard Miller in Ladenburg beim 8. Deutsch-Pennsylvanischen Tag (2013)

Eine Würdigung

Heimatverbunden, familienorientiert, religiös und mit bäuerlichem Background – so sieht auch im 21. Jahrhundert ein typischer Pennsylvanisch-Deutscher aus. Ist dies alles gegeben, stehen die Chancen nicht ganz schlecht, dass die Person auch noch Mundart spricht.

Auf Richard Miller (87) aus Virginville (PA) trifft all dies zu, und Richard ist sogar noch lutherischer Pfarrer. Viele Jahre lebte er in Brooklyn in New York, wo er eine Stadtgemeinde betreute. Und doch zog es ihn immer heim ins pennsylvanisch-deitsch Land, zurück zur Familie. Vor allem im Sommer und beim Kutztown Folk Festival kann man ihn und seinen Bruder Lester antreffen. Richard engagiert sich unter anderem beim „Schreiwerfescht“, sein älterer Bruder betreut die Volkstänzer beim Hoedown auf der Hoedown Stage. Ich glaube, 80 % der kleinen Tänzerzinnen und Tänzer gehören zur großen und weit verzweigten Miller-Familie.

Die Miller Brieder: William, Robert, Richard, Russell und Lester (2012) – Mit einem Klick kommt man zum Video

Richard und vier Brüder traten Jahrzehnte lang als „Miller Brothers“ auf und sangen Lieder in pennsylvanisch-deutscher Mundart. Aber auch allein mit Gitarre ist der „Parre vun Nei Yarick“ immer hörenswert. Ich kenne ihn seit etwa 2007 und hatte ihn 2013 im Rahmen der „Hiwwe wie Driwwe Palatinate Tour“ in die Pfalz eingeladen. Er spielte sein Programm in Bockenheim und Oberalben, aber auch im kurpfälzischen Ladenburg und im rheinhessischen Ober-Olm.

Für uns in Ober-Olm war es der erste „Pennsylvaniadeutsche Abend“, den wir im Rathaus organisierten. Seitdem heißen wir jedes Jahr einen Gast aus Amerika willkommen.

Wenn man mit den Miller-Brüdern und ihren Ehefrauen unterwegs ist, wird es meistens sehr lustig. Leider ist Richards Bruder Russell zwischenzeitlich verstorben. Ich bin nicht sicher, ob sie weiter zu viert auftreten.

Richard lebt mittlerweile im nahen Topton (PA). Von hier aus könnte er die paar Meilen sogar mit einer historischen Eisenbahn nach Kutztown zum Folk Festival fahren.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass man auch in der nächsten Generation der Miller-Familie den Dialekt noch mindestens versteht, wenn nicht auch spricht. Das muss ich bei Gelegenheit einmal testen.

Der Pälzylvanier

Rudolf Post – DER Pfälzisch-Experte

Rudolf Post im wunderbaren Podcast von PFALZCAST aus dem Jahr 2020. Aufs Bild klicken und genießen!

Zum 80. Geburtstag

Manchmal muss man Glück haben und zur rechten Zeit am richtigen Ort sein. Ich studierte ab 1989 in Mannheim Germanistik, Allgemeine Linguistik und Soziologie – und besuchte gleich in den ersten Semestern eher zufällig ein Seminar über Johann Jakob Hemmer (1733-1790). Der aus dem südwestpfälzischen Horbach stammende Geistliche, Meteorologe, Physiker und Sprachwissenschaftler lebte zeitweise als Hauslehrer im Sturmfederschen Schloss in Dirmstein und war Hofkaplan bei Kurfürst Karl Theodor in Mannheim. Der Mann veröffentlichte 1769 eine „Abhandlung über die deutsche Sprache zum Nutzen der Pfalz“ und beklagte dabei die schlechte Umgangssprache seiner pfälzischen Landsleute. Dabei machte er eine sehr frühe Bestandsaufnahme der Mundart. Das Thema Pfälzisch bzw. Regionalsprachen machte mir gleich großen Spaß. Mein Interesse an Dialektologie war geweckt. Daneben faszinierte mich an Hemmer auch, dass er sich zu seinen Lebzeiten in dem Gebäude aufhielt, in dem ich gerade studierte, und er zeitweise in Dirmstein in einer Gemeinde lebte, in der ich enge Verwandte habe.

Rudolf Post mit Beate Henn-Memmesheimer in Bockenheim (2011)

Und genau zur Zeit dieses Seminars über Hemmer tauchten zwei neue Lehrende im Vorlesungsverzeichnis der Uni Mannheim auf: Prof. Dr. Beate Henn-Memmesheimer und Dr. Rudolf Post. Beate hatte bereits 1980 ein Buch mit Titel „Pfälzisch“ veröffentlicht, Rudolf 1992 sein Standardwerk „Pfälzisch – Einführung in einer Sprachlandschaft“. Von dem Zeitpunkt an war klar, dass mein Studienschwerpunkt im Bereich Linguistik liegen würde. Zumal ich im Nebenfach bei Prof. Per Sture Ureland Allgemeine Linguistik studierte und mich dort mit Sprachkontaktzonen und Sprachkontakterscheinungen in Europa und dem Rest der Welt beschäftigte. In einem zweiten Nebenfach studierte ich Soziologie, was hilfreich war, weil die sogenannte „Soziolinguistik“ – die Untersuchung von sprachlichen Varietäten im gesellschaftlichen Kontext – in dieser Zeit Konjunktur hatte. Konsequenterweise führte mich diese Ausrichtung zu einer Magisterarbeit über „Französisches im Pfälzischen“ und einer Dissertation über „Sprachkontaktphänomene im Pennsylvania-Deutschen“, einer mit dem Pfälzischen zumindest verwandten Mundart, die in Pennsylvania im Wesentlichen zwischen 1775 und 1820 neu entstanden ist.

Während des Studiums immer an meiner Seite waren Beate, Sture – und vor allem Rudolf. Denn er war in den 1990er Jahren Bearbeiter des „Pfälzischen Wörterbuches“, dessen Arbeitsstelle sich am Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde in Kaiserslautern befand. Wenn ich mit irgendeinem Thema nicht weiter kam, fuhr ich nach Kaiserslautern. Und ich erhielt immer Unterstützung. In dieser Zeit habe ich viel über das Pfälzische gelernt und ab 1993 begonnen, ein „Deutsch-Pennsylvanisches Archiv“ aufzubauen, in dem ich zunächst vor allem literarische Mundarttexte aus Pennsylvania sammelte. Später kam viel Sekundärliteratur dazu. Heute ist das Archiv im Mennonitischen Forschungszentrum auf dem Weierhof öffentlich zugänglich.

Rudolf Post konnte das Generationenprojekt „Pfälzisches Wörterbuch“, dessen Anfänge in die Kaiserzeit zurückreichen (1912/13), im Jahr 1998 zum Abschluss bringen, und der letzte der insgesamt sechs Bände wurde in der Fruchthalle Kaiserslautern vorgestellt. Es war ein sehr feierlicher Akt, bei dem Rudolfs Leistungen zurecht hoch gelobt wurden.

1998 erhielt Rudolf den renommierten „Preis der Emichsburg“ der Gemeinde Bockenheim an der Weinstraße für seine Leistungen im Bereich der Mundart. Im gleichen Jahr begann ich, in der Jury des Pfälzischen Mundartdichter-Wettstreits in Bockenheim mitzuarbeiten. Dort traf ich Beate Henn-Memmesheimer und Rudolf Post wieder. Rudolf verließ die Jury aber recht bald, weil er eine neue Arbeitsstelle am „Badischen Wörterbuch“ in Freiburg antrat und nicht regelmäßig nach Bockenheim kommen konnte. Nach seiner Pensionierung kam er in die Jury zurück, bis er sich aus Altersgründen entschloss, die Tätigkeit aufzugeben. Insgesamt war er knapp 20 Jahre dabei und lange Jahre auch ihr Sprecher.

Dr. Rudolf Post, Dr. Walter Sauer, Dr. Michael Werner und Prof. Dr. Mark Louden in Essenheim beim 2. Deutsch-Pennsylvanischen Tag (2007)

Während dieser Zeit haben wir uns oft die Köpfe heiß geredet bei der Frage, ob man im Pfälzischen dies oder das so schreiben könne oder nicht – ob es einen bestimmten Ausdruck überhaupt gebe und ob denn eine bestimmte Wortform oder eine Satzkonstruktion überhaupt noch Pfälzisch sei. Es konnte durchaus laut werden am Jury-Tisch, bis es gewöhnlich dann mit einem Mal ganz still wurde. Dann schauten wir uns an und drehten unsere Köpfe in Richtung Rudolf Post, der bei hitzigen Diskussionen meist ruhig blieb. Rudolf dachte zwei oder drei weitere lange Sekunden nach und antwortete dann eher leise, aber überlegt. Seine Worte galten im Anschluss als gesetzt, und das Thema war erledigt. Aufgrund seiner herausragenden Expertise, die er sich über Jahrzehnte erworben hat, ist Rudolf Post schlicht DER Pfälzisch-Experte, den wir heute in der Pfalz haben. Ich darf das sagen, weil er es selbst aufgrund seiner Bescheidenheit nie selbst sagen würde. Er ist die letzte Instanz in allen Zweifelsfällen.

In diesen Tagen feiert Rudolf Post im rheinhessischen Gabsheim seinen 80. Geburtstag. Ich wünsche von Herzen alles Gute und weiterhin eine große Schaffenskraft.

Der Pälzylvanier

Mary Laub – Die Kinderbuchautorin

Mary Laub mit Michael Werner bei der Vorstellung des Films „Hiwwe wie Driwwe – Pfälzisch in Amerika“ im rheinland-pfälzischen Landtag in Mainz (2018 – Quelle A. Linsenmann)

Eine Würdigung

Seit 1869 wurden deutlich über 100 Mundartbücher in Pennsylvania-Deutsch herausgebracht. Die meisten von ihnen sind heute in Bibliotheken einzusehen oder antiquarisch zu erwerben. Wer sich für die Dialektliteratur interessiert, kann hierzulande zum Beispiel im „Deutsch-Pennsylvanischen Archiv“ von „Hiwwe wie Driwwe“ stöbern, das seit 2016 in der Mennonitischen Forschungsstelle auf dem Weierhof bei Kirchheimbolanden verwahrt wird.

Mary Laub: Uff der Bauerei (2017)

Man stellt fest, dass die Auflagen dieser Bücher stetig gesunken sind, und wer heute publiziert, druckt nur noch eine kleine Anzahl von Exemplaren. Dass es auch anders geht, beweist seit ein paar Jahren die pensionierte Universitätsprofessorin Mary Laub aus der Gegend von Kutztown. Ihr Kinderbuch „Uff der Bauerei – Die Henny un der Spunky“ ist vergleichsweise hochauflagig 2017 bei Masthof Press in Morgantown erschienen (masthof.com). Seit dieser Zeit bin ich mit Mary in Kontakt, weil sie eine Sache anders macht als alle anderen Autorinnen und Autoren in Pennsylvania: Sie bemüht sich um Lesungen, stellt ihr Buch aktiv vor und wirbt sogar dafür, wenn sie mit Menschen auf der Straße oder in Geschäften ins Gespräch kommt. Kurz: Sie betreibt ein aktives Eigenmarketing. Das funktioniert, und so hat sie in den letzten sieben Jahren bereits sechs Bücher nebst zugehörigen Audio-CDs publiziert.

Mary Laub mit weiteren Teilnehmerinnen und Teilnehmern des „Schreiwerfeschts“ beim Kutztown Folk Festival (2019)

Daneben ist sie eine treue Teilnehmerin beim jährlichen „Schreiwerfescht“, das Prof. William Donner und Ed Quinter auf der „Seminar Stage“ des Kutztown Folk Festivals organisieren. Etwa zehn Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind für gewöhnlich dabei. Mary Laub bringt auf diese Weise die Mundart zu den Menschen und stellt Lesestoff zur Verfügung, mit dem Großeltern ihre Enkelkinder mit der Sprache ihrer Enkelkinder in Kontakt bringen können. Es wäre viel gewonnen, wenn ihr Beispiel Schule machte.

Als wir im Sommer 2018 den Film „Hiwwe wie Driwwe – Pfälzisch in Amerika“ auf Einladung von Landtagspräsident Hendrik Hering im Parlament in Mainz im Rahmen einer Vorpremiere erstmals vorstellten, war sie mit ihrem Mann gerade zufällig per Schiff auf einer mehrtägigen Reise auf dem Rhein unterwegs. Da sie am selben Abend in der Landeshauptstadt anlegte, luden wir sie kurzerhand zur Vorstellung ein – ebenso wie Deutschlehrerin Ashley Snyder von der Conrad Weiser High School in Berks County, die zu diesem Zeitpunkt wieder einmal bei uns in Ober-Olm zu Gast war.

Der Pälzylvanier

Carroll Bingaman – Der Pionier

Carroll Bingaman und Michael Werner (1995)

Eine Würdigung

Carroll Bingaman (1914-2001) hat das Programm von „Hiwwe wie Driwwe“ gelebt, lange bevor es „Hiwwe wie Driwwe“ gab.

Ich traf ihn erstmals im Herbst 1993 am Institut für deutsche Sprache (IdS) in Mannheim, wo ich während der Zeit meiner Promotion am „Deutschen Spracharchiv“ bei Dr. Peter Wagener arbeitete. Wir Doktoranden transkribierten Dialektaufnahmen und erstellten so Korpora für die weitere linguistische Bearbeitung. Zu meinem Einsatzbereich gehörten das Pfälzische, das Pennsylvania-Deutsche und weitere rheinfränkische Siedlungsmundarten im östlichen Europa. Auf einmal stand er in der Tür: ein älterer Herr von etwa 1,60 Metern, aber mit fester Stimme und klarem Programm.

„Ich kumm neegscht alle Yaahr in die Palz“, erklärte er. Bingaman war ein ehemaliger Meteorologe aus Reading (PA), unverheiratet und reiselustig. Schon 1932 war er als junger Mann auf Reisen am Rhein unterwegs. Es hat ihm so gut gefallen, dass er immer wieder kam – während der 1930er Jahre ab und zu und später dannn, nach dem Krieg, jährlich immer wieder so verlässlich wie die Ankunft des Frühlings nach einem langen Winter.

„Ich gleich schwetze mit die Leit“, erklärte er dann. „Mei Urgroossmudder waar vun Edenkoben aus Bayern“. Damit gab er sich als jemand zu erkennen, den die echten Pennsylvania-Deutschen bis vor ein paar Jahren noch etwas schräg angeschaut hätten. Ein „echter Dutchman“ hatte nämlich einen Stammbaum zu haben, bei dem die Amerika-Auswanderer aus der Kurpfalz und angrenzenden Regionen in die englische Kolonie Pennsylvania emigrierten. Carrolls Uroma hingegen wanderte 1842 aus der bayrischen Pfalz in die USA aus. Lange Zeit galt das drüben nicht, und so einer konnte nicht einmal Mitglied der altehrwürdigen „Pennsylania German Society“ werden. Das hat sich zwischenzeitlich geändert.

Carroll Bingaman in Freinsheim (1996)

Am liebsten hielt Carroll sich am Institut für deutsche Sprache auf und uns alle von der Arbeit ab. Der Zufall wollte es, dass einmal auch ein Wolgadeutscher aus Kansas zur gleichen Zeit zu Besuch war. Wir packten die Gelegenheit beim Schopfe und ließen die beiden Mundartsprecher, die sich nicht kannten, miteinander plaudern. Das klappte erstaunlich gut.

Der alte Herr setzte sich aber auch gerne auf eine Parkbank am Mannheimer Wasserturm und fing Gespräche mit älteren Damen an: „Was denkscht, wu ich herkumm?“, eröffnete er die Plauderei üblicherweise. Und wenn die Angesprochene ihn dann als jemand von Frankenthal, Bad Dürkheim oder Grünstadt verortete, war er selig.

„Ich denk, ich kumm nimmie“, sagte er eigentlich jedes Mal beim Abschied. „Des waar’s letscht Mol.“ Und doch stand er verlässlich im nachfolgenden Jahr wieder vor der Tür. Ich kümmerte mich während seiner Aufenthalte ein wenig um ihn und machte ein paar Ausflüge, etwa nach Bockenheim, zu meiner Großmutter nach Ebertsheim oder zu unserer Verwandtschaft in der Kuseler Gegend. Meine Oma Ella Borger (1906-1998) wollte er vom Fleck weg heiraten und sich ganz in der Pfalz niederlassen. Aber sie hat „nein“ gesagt.

Es gibt nicht allzu viele Fotos aus dieser Zeit, weil man in den 1990ern ja noch analog fotografierte. Bei mir erfolgte der Umstieg auf eine erste Digitalkamera Anfang 2003.

Carroll Bingaman im Weingut Wöhrle in Bockenheim (1996)

Carroll ist der einzige Pennsylvania-Deutsche, den ich ausschließlich in der Pfalz getroffen habe. Wenn ich es recht bedenke, hat er wahrscheinlich auch einen wesentlichen Beitrag geleistet, dass es heute das Projekt „Hiwwe wie Driwwe“ gibt. Wir sprachen viel über den Austausch zwischen Deutschland und Amerika, die Kultur und die Sprache. Und er machte vor, dass weder Alter noch Distanz ein Grund sind, NICHT auf die andere Seite des Atlantiks zu reisen.

Es gab natürlich Anfang der 1990er Jahre schon Menschen, die eifrig an dieser Atlantik-Brücke bauten – etwa Roland Paul (1951-2023) und Karl Scherer vom Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde in Kaiserslautern, das Ehepaar Werner vom Auswanderermuseum Oberalben, Garry Waltner vom Mennonitischen Forschungszentrum Weierhof oder Hermann Jäger aus der Südpfalz – Carroll Bingaman aber gehörte auch dazu, lange bevor ich das Interesse entwickelte und zu diesem Kreis hinzustieß. Er war in diesem Sinne ein echter „Hiwwe wie Driwwe“-Pionier.

Der Pälzylvanier

Carroll Bingaman in Ebertsheim, Neuleiningen und Edenkoben (1998)

Dorothy Beam – Die „Fuhrfraa“

Dorothy Beam und Michael Werner in Millersville (2019)

Zum 90. Geburtstag

Dorothy Beam heißt ganz korrekt eigentlich Prof. Dorothy Pozniko Beam – sie hat ukrainische Wurzeln und wurde in Salem (Ohio) geboren. Viele in Pennsylvania kennen sie unter dem Namen „Bischlin Gnipplin“, weil sie die Ehefrau von Prof. C. Richard Beam (1925-2018) war, der pennsylvanisch-deutsche Texte mit seinem Autorenpseudonym „Bischli Gnippli“ zeichnete. Weshalb, das löse ich im Februar 2025 auf, wenn ich aus Anlass des 100. Geburtstags von Dick Beam ihm einen kleinen Text widme. Beam stellte Dorothy gerne als „Bischlin Gnipplin“ vor – ganz oft sagte er aber auch: „Des iss die Dorothy – mei Fuhrfraa!“

Dorothy Beam mit ihrem Mann Dick an den Niagara Fällen (1996)

Und es stimmte. Gerade in den letzten Jahren fuhr Beam nicht mehr selbst Auto, sondern überließ das Steuer seiner neun Jahre jüngeren Frau. Wenn wir im Pennsylvania Dutch Country unterwegs waren, hörten die beiden im Wagen am liebsten deutsche Opern – und Beam sang lauthals mit: „Papageno, Papageno!“ Dorothy lächelte dann zufrieden vor sich hin und konzentrierte sich auf den Verkehr. Sie war Professorin für Klavier an der Millersville University gewesen, und im Wohnzimmer ihres Hauses steht raumfüllend ein wunderbarer Flügel. Seit meinem ersten Besuch im Jahr 1994 füllte sich das Zimmer Jahr für Jahr mehr mit sprachwissenschaftlichen Büchern zum Pennsylvaniadeutschen. Ihr Mann Dick arbeitete seit Ende der 1960er Jahre daran, ein mehrbändiges Wörterbuch zu publizieren. Zunächst hatte sein Ende der 1980er Jahre gegründetes „Center for Pennsylvania German Studies“ noch Räume an der Universität, aber irgendwann musste er mit allen Unterlagen ins private Wohnhaus umziehen. Im Haus befindet sich eine Bibliothek, die eine Schatzkammer für alle ist, die sich mit dem Thema „Pennslyvania German“ beschäftigen.

Dorothy hat dem wichtigen Wörterbuch-Projekt Raum gegeben – im Haus und in ihrem Leben. Jahrzehntelang fuhr sie mit ihrem Mann zu Gewährspersonen, um möglichst alle im Pennsylvanisch-Deutschen verwendeten Wörter zu erfassen. Aus Audioaufnahmen wurden Wortlisten, dann Karteikarten und schließlich digitale Einträge im Computer. Wir Freunde und Bekannte beobachteten den Fortgang des Projektes und hatten zwischenzeitlich Sorge, das Wörterbuchprojekt könnte zu groß sein, um es noch in der Lebenszeit von Dick Beam abzuschließen. Zum Glück aber waren Dorothy und Dick Beam mit einer guten Gesundheit gesegnet – und sie hatten immer Hilfe von Studentinnen und Studenten, die von der Millersville University bezahlt wurden. Als Joshua Brown im Jahr 2004 Assistent war, erschien endlich der erste Band. Später wurde „Yossi“ Deutsch-Professor in Wisconsin. Im Anschluss übernahm Jennifer Trout die Assistenz, und Dorothy und sie unterstützten Dick Beam mit all ihren Kräften, um das Projekt zu einem guten Ende zu bringen. Bei der Herausgabe des ersten Bandes war „Bischli Gnippli“ bereits 79 Jahre alt, beim elften und letzten Band im Jahr 2007 dann 82.

Die „Fuhrfraa“ am Steuer – ein Foto aus dem Sommer 2017

Wenn Dick Beam von seiner „Fuhrfraa“ sprach, war das ausgesprochen liebevoll gemeint und voller Hochachtung. Es herrschte großes Einvernehmen zwischen den beiden, und er wusste, was er an Dorothy hatte. Mittags fuhren sie oft zum „Conestoga“ – einem Restaurant, das nur sechs Meilen entfernt lag. Dort bedienten meist junge Studentinnen, und Dick Beam machte sich manchmal einen Spaß daraus, sie „in deitsch“ anzusprechen. Bisweilen klappte das auch, nämlich dann, wenn sie jungen Frauen aus Familien stammten, die die konservativen Amish oder Mennoniten verlassen hatten. Ein schönes Beispiel ist Rose Fisher aus Lancaster County, die zwischenzeitlich selbst Linguistik studiert hat und derzeit über das Pennsylvanisch-Deutsche promoviert.

Dick Beam war Deutsch-Professor, aber auch Dorothy sprach sehr gut hochdeutsch. Ende der 1960er Jahre haben die beiden ein Austauschjahr am Deutschen Sprachatlas der Universität Marburg verbracht – und wer sich wie sie für klassische Musik interessiert, kommt am Deutschen auch kaum vorbei.

Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 2018 konnte ich Dorothy noch einmal besuchen. Es war ein sehr schöner Nachmittag im Sommer 2019. Dann kam Corona und machte Reisen in die USA unmöglich. Bei meinem nächsten Besuch 2022 klappte es mit einem Termin leider nicht.

Dorothy lebt heute noch immer in ihrem Haus in Millersville, empfängt aufgrund ihres Alters aber keine Besuche und nimmt keine Anrufe mehr entgegen. Deshalb rufe ich ihr aus der Ferne und mit etwas Verspätung zu: „Hallicher Gebottsdaag, Dorothy! Grooss Dank fer alles, was du darich die letschte 30 Yaahr fer mich geduh hoscht!“

Der Pälzylvanier

(Nachtrag: Jennifer Trout hat mich am 7. November 2024 informiert, dass Prof. Dorothy Pozniko Beam verstorben ist. Zum Nachruf kommt man hier.)

Verna Dietrich – Die Bissniss Fraa

Verna Dietrich aus Krumsville (2015)

Zum Andenken an Verna Dietrich (1931-2024)

Am 7. August verstarb die Gründerin von „Dietrich’s Meats & Country Store“ in Krumsville, Verna Dietrich. Sie wurde 93 Jahre alt. Ich kannte Verna seit Jahrzehnten, denn seit meinen ersten Besuchen in Pennsylvania in den 1990er Jahren habe ich immer wieder in Krumsville gestoppt, um in ihrer 1975 eröffneten Metzgerei einzukaufen. Nicht, dass ich unbedingt etwas gebraucht hätte. Ich wusste, dass ich bei ihnen im Laden „in pennsylvanisch-deitsch“ reden kann. Verna sprach die Mundart und hatte sie auch an ihre Kinder weitergegeben.

Ich habe mich bei ihr im Laden und in Hinterzimmern auch deshalb immer gerne aufgehalten, weil es in unserer Familie in der Westpfalz noch immer Verwandte gibt, die eine Metzgerei führen. Wenn wir Mundart sprachen, erinnerte mich das immer an Gespräche im Familienkreis zu Hause. Auch der Geruch im Haus war ähnlich.

Verna Dietrich und Michael Werner beim Kutztown Folk Festival (2017)

Ich habe noch im Kopf, dass ich 2015 mit einem besonderen Auftrag auf ihrem Geschäftsparkplatz anhielt. Ein deutscher Professor hatte mich gebeten herauszufinden, ob in Pennsylvania früher nach einer Hausschlachtung unter den Schlachtern Schnaps herumgereicht wurde. Er kannte die Sitte von Jägern und sah darin ein Ritual, das den Prozess des Zerlegens von Fleisch offiziell beendete. Sie wusste nichts davon zu berichten, stellte aber einen Kontakt zu einer lokalen Bäuerin her, die eine Schweinefarm führte. Dort wohnte ich einige Tage später – es war Februar und sehr kalt – einer Schlachtung bei. Zum Glück kam ich erst um acht Uhr morgens auf der Bauerei an, da war das Wesentliche schon passiert, und Fleisch, Organe und Köpfe lagen schon sortiert in verschiedenen Behältnissen. Die Schlachter frühstückten, unterhielten sich in Pennsylvanisch-Deutsch und lachten. Auch sie tranken keinen Schnaps, und von einer entsprechenden Sitte hatten sie auch noch nichts gehört.

Zurück zu Verna: Sie war eine lokale Berühmtheit und sehr mit dem Kutztown Folk Festival verbunden. Eigentlich traf man sie immer irgendwo auf dem Festival-Gelände an – vor Jahren noch gut zu Fuß, in letzter Zeit dann eher auf ihrem Rollator. Und sie hatte immer etwas zu erzählen. Dass wir uns so gut verständigen konnten, überraschte sie immer aufs Neue: „Du bischt aus em alte Land, gell! Mer kann sell schiergaar net glaawe.“  Soweit ich weiß, war sie nie in Deutschland gewesen.

An der Wand in ihrem Geschäft hing ein Foto von Peer Steinbrück, der sie 2013 besucht hatte, als er Kanzlerkandidat war und nach einem Termin in Philadelphia eine kleine Tour durchs Pennsylvania Dutch Country machte. Der Entourage nach konnte Verna erkennen, dass der Mann in Deutschland wichtig sein musste. Wer er genau war, wusste sie aber, glaube ich, nicht.

Verna Dietrich und Doug Madenford im Gespräch (2017)

Als „Hiwwe wie Driwwe – Pfälzisch in Amerika“ im Jahr 2017 in Pennsylvania gedreht wurde, besuchte Doug Madenford sie natürlich in ihrem Laden, um sie zu interviewen. Es ging – was sonst – um Saumagen. Natürlich gibt es das Gericht auch in Pennsylvania, aber es wird anders gemacht und schmeckt auch anders. Das einzig gemeinsame ist, dass ein Saumagen zum Einsatz kommt, der die weiteren Zutaten aufnimmt.

Mich erinnerten Gespräche mit ihr immer auch ein wenig an meine Großmutter Ella Borger (1906-1998) in Ebertsheim, die ebenfalls aus einem Bauernhaushalt stammte. Wenn Verna aus ihrer Kindheit vor dem Krieg erzählte, war das einer Kindheit in einer pfälzischen Bauersfamilie offensichtlich recht ähnlich.

Von Bekannten weiß ich, dass man der Metzgerin Verna Dietrich manchmal nachsagte, beim Wiegen „einen schweren Daumen“ zu haben. Das fand ich immer lustig, glaube es aber nicht. Das passt nicht zu einer Pennsylvania-Deutschen. Es konnte aber vorkommen, dass man als junger Mann angesprochen wurde, wenn man öfter seine Freundin wechselte: „Du waarscht doch der letscht Munet noch mit en anner Meedli do gewesst – wu iss sie dann?“ Das konnte zu peinlichen Situationen führen, wie mir mehrfach lachend berichtet wurde.

Kurzum: An der „Bissniss Fraa“ (manche sagen auch „Schtorkierpern“) Verna Dietrich ging in den letzten Jahrzehnten im Raum Kutztown wenig bis nichts vorbei. Sie war eine Institution, die fehlen wird. Ihre Familie bleibt dem Folk Festival verbunden. Sie hinterlässt drei Söhne, acht Enkel und acht Urenkel. Ein Urenkel von ihr – Owen Kutz – ist zwar noch in der Grundschule, tritt aber schon selbstbewusst auf der Hauptbühne des Festivals auf und singt mit den alten Hasen, Keith Brintzenhoff und Dave Kline. Das ist schön zu sehen. Mach’s guud, Verna!

Der Pälzylvanier