Archiv der Kategorie: Der Pälzylvanier

Francis D. Kline – Der Netzwerker

Francis D. Kline war ein wichtiger Netzwerker und Multiplikator der pennsylvanisch-deutschen Community (2005)

Eine Würdigung

Francis D. Kline (1937-2013) brachte Menschen zusammen. Als „Schulmeeschter“ von Pennsylvania German Classes, Sänger und Organisator des „Dolpehocken Saenger Chors“ und Mitstreiter in der Bewegung der Dialekt-Versammlungen und Groundhog Lodges sowie als Mitglied in der Pennsylvania German Dialect and Culture Society fand man Francis immer dort, wo die deitsche Mundart in Pennsylvania gepflegt wurde.

Verheiratet war er über 50 Jahre lang mit Marianne Müller, die aus Chemnitz stammte und als kleines Kind nach dem Krieg in die Vereinigten Staaten gekommen war. Deutsch sprach sie nicht mehr. Die beiden waren ein klasse Team, das unter anderem einen monatlichen E-Mail-Newsletter herausbrachte, der wirklich alle relevanten Neuigkeiten rund um das Pennsylvanisch-Deutsche enthielt – einschließlich der Jahrestage und Geburtstage von Mitgliedern der verschiedenen Vereinigungen.

Marianne (im Vordergrund) und Francis bei einem Kulturfrühstück in „Risser’s Restaurant“ (2012)

Wenn ich heute davon spreche, dass ich über die vergangenen 30 Jahre mit hunderten Menschen gesprochen und sie interviewt habe, muss ich sagen, dass einer meiner wichtigsten Multiplikatoren in Berks County Francis D. Kline war. Er wusste, wen ich zu welchem Thema ansprechen konnte. Also fuhr ich hin und machte Aufnahmen oder Mitschriften.

Sehr lustig war, als er mir erzählte, dass seine Vorfahren aus dem Ort Ulmet bei Kusel in der Westpfalz kamen. In diesem wirklich kleinen Ort ist auch unsere Familie bis ins 16. Jahrhundert zurück stark verwurzelt. Und Auswanderer hat es von hier nach Gnadenhutten in Ohio verschlagen – einem pennsylvanisch-deutschen Sprachgebiet im westlichen Nachbarstaat von Pennsylvania. Gemeinsame Vorfahren fanden wir jedoch nicht. Die „Kleins“ waren erst Ende des 17. Jahrhunderts aus der Region des heutigen Saarlands zugezogen und haben den Ort bereits Anfang des 18. Jahrhunderts mit den ersten großen Auswanderungswellen in Richtung Pennsylvania wieder verlassen.

Wenn ich in Pennsylvania war, reiste ich manchmal wie ein Groupie tagelang den Veranstaltungen des „Dolpehocken Saenger Chors“ hinterher. Die älteren Damen in der Gruppe freuten sich immer, wenn ich da war, und ich wurde wirklich auch immer gut betreut. Einmal pro Monat gestaltete der Chor die „Pennsylvanisch-Deitsch Schtunn“ im „Berks County TV“ (BCTV). Auch dort war ich oft mit zu Gast.

Der Dolpehocken Saenger Chor im „Berks County TV“ in Reading im Jahr 2002 (mit Francis, 2. v. rechts)

Wenn ich darüber nachdenke, muss ich sagen, dass Chöre eine hervorragende Möglichkeit darstellen, sich wieder mit seiner eigenen Kultur zu verbinden. Man muss nicht fließend Pennsylvanisch-Deutsch sprechen können, um pennsylvanisch-deutsch zu singen. So gesehen leistete der Chor über viele Jahre eine hervorragende Arbeit – auch durch die Gestaltung von Mundartgottesdiensten.

Wenn ich mir jetwas wünschen dürfte, wäre es vielleicht das: Dass ein junger Mann oder eine junge Frau in die Fußstapfen von Francis D. Kline tritt und gemeinsam mit anderen einen Chor aufbaut, der aufgrund seines Programms auch Jüngere anzieht. Ich werde dafür werben.

Scott Reagan – Der „Blobariyer“

Scott Reagan: Der „Blobariyer“ aus Nazareth (PA)

Zum Abschluss der „Hiwwe wie Driwwe Palatinate Tour 2024“

Scott Reagan (Jahrgang 1994) hatte ich erstmals 2022 auf dem Kutztown Folk Festival persönlich getroffen. Im Mail-Austausch waren wir zuvor schon gewesen. Wir kamen am Rande eines meiner Konzerte auf der „Main Stage“ miteinander ins Gespräch. Ich wusste: Er arbeitet für Martin Guitars, macht selbst Musik und spricht neben Pennsylvania Dutch auch Hochdeutsch, weil er für eine gewisse Zeit in Würzburg studiert hat.

Doug Madenford, Emily und Scott Reagan und Michael Werner 2022 auf dem Kutztown Folk Fest

Ich fragte ihn konkret, ob er sich vorstellen könnte, neben seiner englischen Musik einmal ein Programm in Pennsylvania Dutch zusammenzustellen und nach Deutschland zu kommen, um es im Rahmen einer „Hiwwe wie Driwwe Palatinate Tour“ vorzustellen. Seit 2008 lade ich Künstler aus den USA ein, die Kultur der Nachfahren überwiegend kurpfälzischer Auswanderer bei uns zu präsentieren.

„Mol sehne“ war die Antwort, und um so erstaunter war ich, als er mit Videos seiner ersten selbst geschriebenen Stücke auf mich zukam. Mir war sofort klar: Hier entsteht etwas Besonderes. Denn einerseits ist Scott ein hervorragender Gitarrist, und andererseits hat er den Anspruch, die Kultur seiner Vorfahren in selbst geschriebenen Liedern vorzustellen. Das Ergebnis, das wir jetzt im Oktober 2024 in Ohrenschein nehmen durften, ist beeindruckend. Er spielte in Ober-Olm, Oberalben, Bockenheim und Altrip – und alle waren hellauf begeistert.

Scott Reagan beim 18. Deutsch-Pennsylvanischen Tag im Oktober 2024 in Altrip

In Altrip während des 18. Deutsch-Pennsylvanischen Tages konzertierte er gemeinsam mit den „Pälzer Krischern“, die schockverliebt für sich entschieden, nach Kutztown auf die Bühne zu wollen. Mal sehen, ob wir das hinbekommen. Scott wurde von seinen Eltern begleitet, und beim 72. Pfälzischen Mundartdichter-Wettstreit waren noch weitere Pennsylvania-Deutsche zu Gast: Prof. Dr. Hiram Smith mit Frau und zwei Freunden sowie der in Frankenthal wohnende Erich Mace aus Berks County mit Familie und Mutter aus Pennsylvania. So hatten wir in Bockenheim rund ein Dutzend Sprecher des Pennsylvania-Deutschen unter uns.

An diesem Samstag beim Mundartdichter-Wettstreit erzählten mir zwei Menschen zwei Geschichten: Scott Reagan sprach von seinem Großvater, der während des 2. Weltkrieges als Schütze in Jagdbombern der US-Armee auch Ziele in der Rheinebene bombardierte. Und der 87-jährige Karl Scherer, der während unserer Jurysitzung erzählte, wie er 1945 als 7-jähriger Schüler in Achern im Schwarzwald (nicht weit von Strasbourg) von den Splittern einer Granate lebensgefährlich verletzt wurde. So eng können Menschen mit ihren Lebensgeschichten miteinander verwoben sein.

Ich hoffe, Scott ist ebenso begeistert von dieser Reise, wie wir alle in Deutschland es sind – und macht weiter auf dem Weg, die Kultur und Sprache seiner Vorfahren in Musik zu packen. Einen Künstlernamen hat er sich schon ausgesucht: „Der Blobariyer“ – der von den „Blue Ridge Mountains“ kommt, den „Blauen Bergen“ …

Der Pälzylvanier

Noah G. Good – Der Archivar

Noah G. Good (1904-2002) mit einer Ausgabe des Büchleins „Pennsylvanisch Deitsh – De Campain Breefa fum Pit Schwefflebrenner un de Bevvy, si Alty. Gepublished olly Woch im Father Abraham“ (1868). Es ist die erste pennsylvanisch-deutsche Publikation überhaupt.

Eine Würdigung

„Ich wuhn net weit vun do. Sei net bang!“ Noah musste mein entsetztes Gesicht gesehen haben, als er mir mit einer Handbewegung deutlich machte, dass er mich in seinem Auto mit nach Hause zum Mittagessen nehmen wollte. Es war Sommer 1994, und an Weihnachten sollte der nette ältere Herr seinen 90. Geburtstag feiern. Ich war in der Tat erschrocken, dass er noch Auto fahren wollte. Aber ich stieg ein, und so fuhren wir von der damaligen „Mennonite Historical Society“ am Lincoln Highway in Lancaster in die Millstream Road, wo er wohnte. Es war eine Nebenstraße ohne Verkehr, er fuhr sehr langsam – und nach etwa 500 Metern waren wir am Ziel. Ich war beruhigt!

Mit Noah G. Good hatte ich seit 1993 im Briefverkehr gestanden. Er war in seinem Arbeitsleben Schulleiter einer mennonitischen Schule in Lancaster County gewesen, war ein recht bekannter mennonitischer Prediger und schrieb immer wieder Geschichten in Pennsylvania-Deutsch im „Mennonite Quarterly“. Deshalb lernten wir uns kennen.

Netzfundstück aus dem Jahr 1939: In der „Reading Times“ sind Persönlichkeiten des Landkreises dargestellt – unter anderem der damals 35jährige Noah G. Good.

Als ich ihm in jenem heißen Sommer 1994 erstmals die Hand schüttelte und er zu reden begann, hätte ich schwören können, Kaiserslauterer Dialekt zu hören. Ich selbst bin familiär im Leiningerland verwurzelt und kann das recht gut einordnen. Da war kein englischer Akzent, kein englisches Lehnwort außer denen, die schon vor so langer Zeit in die Mundart übernommen wurden, dass sie nicht mehr als fremd wahrgenommen werden wie: „dschumbe“ (to jump = springen), „yuuse“ (to use = verwenden) oder „ferschur“ (for sure = gewiss). „Die gehne so mit nei“, sagte er, als ich ihn einmal darauf ansprach.

Meine eigenen Großeltern waren zwischen 1903 und 1914 geboren. Zu dieser Generation gehörte Noah. Sein Geburtsjahrgang war 1904, und für mich war und blieb er der am frühesten geborene Pennsylvania-Deutsche, den ich je persönlich kennenlernte – und der Älteste, mit dem ich je in Mundart sprach. Noch kurz vor seinem Tod im Jahr 2002 war ich mit ihm in Kontakt. Da war er fast 98 Jahre alt.

„Mennonite Life – Experience History & Culture“ am Lincoln Highway in Lancaster. Früher stand hier das Schild „Mennonite Historical Society“.

In der „Mennonite Historical Society” (heute “Mennonite Life”) arbeitete er als Freiwilliger noch immer in der Bibliothek, katalogistierte Materialien und betrieb genealogische Studien. Jedes Mal, wenn ich in diesem Zentrum im Eingangsbereich an der Rezeption stand, ließ man ihn über die hauseigene Lautsprecheranlage rufen: „Noah, there is a visit for you from Germany!“ Wir sprachen lange und viel, und ich nahm seine Geschichten auch auf Tonband auf.

Noah G. Good stand im Kontakt mit Mennoniten in der Pfalz und war wohl einige Male auch in der Heimat seiner Vorfahren gewesen. Dabei kommt die Familie Guth ursprünglich – wie alle Mennoniten – aus der Schweiz. Nach dem 30jährigen Krieg hatten sie sich auf der Flucht vor Verfolgung in der Pfalz niedergelassen, bis die meisten dem Ruf William Penns nach Pennsylvania folgten.

Einige seiner Geschichten für den „Mennonite Quartely“ hatte er auf Band aufnehmen lassen. Die „Slow Speed Henner Schtoris“. Sprachlernenden sollten die Audio-Mitschnitte eine Hilfe sein. Im Gebäude der damaligen „Mennonite Historical Society“ finden mindestens seit Anfang der 1990er Jahre regelmäßig pennsylvanisch-deutsche Dialektkurse statt. Die Mennoniten achten darauf, gute Lehrer zu beauftragen. Deshalb kann man hier die Mundart wirklich gut lernen. Die „Schüler“ kommen zum Teil von weit her, nehmen bis zu 100 Kilometern Anreise in Kauf.

Noah G. Good besuchte ich zwischen 1994 und 2002 immer wieder. Er war ein wirklich netter Mensch und sehr wertvoller Kontakt. Und immer, wenn ich an ihn denke, habe ich die blecherne Stimme der hauseigenen Lautsprecheranlage im Ohr: „Noah, please come to the counter, there is a visit for you!“

Der Pälzylvanier

Dave Adam – Der Grundsau-Haabtmann

Dave Adam mit seiner Frau Dorothy im Jahr 2022 auf der „Porch“ beim Kutztown Folk Festival

Eine Würdigung

Dave Adam muss ich Anfang der 2000er Jahre bei einer Grundsau Lodsch Versammling kennengelernt haben. Ganz genau weiß ich das nicht. In diesen Jahren stand er noch nicht so im Mittelpunkt der Veranstaltungen wie heute. 2005 übernahm Lee Haas die Aufgabe, die 17 pennsylvanisch-deutschen Grundsau Lodsches zu führen, von Carl D. Snyder (1924-2007), und wann Dave Adam im Anschluss an Lee diese Aufgabe zufiel, erinnere ich gerade nicht. Es könnte um 2015 herum gewesen sein. Jetzt ist er jedenfalls DER Grundsau-Haabtmann aller 17 verschiedenen Lodsches.

Ab 2010 besuchte ich öfter das Folk Festival. Das hatte ich in den ersten Jahren meiner USA-Besuche vermieden, weil Juli einfach keine sehr gute Zeit für eine Reise nach Pennsylvania ist: zu heiß, zu feucht. Aber es hilft ja nichts: Wer die Menschen treffen will, muss dorthin gehen, wo die Menschen sind. So besuchte ich in den den letzten 15 Jahren immer wieder „es Fescht“ und konnte beobachten, wie Dave die Aktivitäten des Dachverbands der 17 Groundhog Lodges sukzessive ausbaute. Zunächst als Gremium gegründet, die Termine des Lodges zu koordinieren und pennsylvanisch-deutsche Sprachkurse anzubieten, sind die Aktivisten mittlerweile nah bei den Leuten und zeigen sich öffentlich. Beim Kutztown Folk Festival haben sie eine eigene kleine „Porch“ (Veranda) als Bühne, auf der Künstler und Sprecher auftreten. Ansonsten sind sie immer ansprechbar und singen im Kreis mit den Menschen pennsylvanisch-deutsche Lieder. Diese Ausweitung des Marketings ist sicher ein Verdienst von Dave Adam.

Dave Adam bei der Grundsau Lodsch Noummer Ains (Nr. 1) im Februar 2024 – im Video sind auch Keith Brintzenhoff, Patrick Donmoyer, Edward Quinter, Bill Mack, Al Zentner und Brad Smith zu sehen

Doch bereits die Gründung der „Groossdaadi Grundsau Lodsch“ in den 1980er Jahren war richtungsweisend gewesen. Denn es fehlt der Mundartszene in Pennsylvania insgesamt Struktur, Organisation, Absprache – und eine gemeinsame Richtung, in die man marschieren möchte, um zum Spracherhalt beizutragen. Hier haben die „Grundsau Brieder“ zumindest für den Bereich ihrer Aktivitäten Beispielhaftes geleistet. Und mit der Einführung von Sprachkursen sorgten sie auch dafür, dass nachwachsende Interessenten die Mundart der Vorfahren lernen konnten – um den Versammlungen in Pennsylvanisch-Deutsch überhaupt folgen zu können.

Struktur, Organisation, Absprache und eine gemeinsame Richtung, in die man marschieren möchte, fehlen heute in Pennsylvania noch immer. Viele leisten einen Beitrag zum Spracherhalt, entwickeln Aktivitäten – aber das meiste läuft unkoordiniert und verpufft als Einzelmaßnahme. Frank Kessler und ich haben spätestens ab dem Jahr 2000 immer wieder auf diesen Umstand hingewiesen, und letztlich ist die Gründung des Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreises e.V. (DPAK) in Deutschland ein Reflex auf diesen Mangel gewesen. Wenn es in Pennsylvania nicht funktioniert, schaffen wir eben bei uns in der Pfalz eine Organisation, die die Aktivitäten der Pennsylvania-Deutschen untereinander und die Menschen in den USA und Deutschland vernetzt. Das hat eigentlich ganz gut funktioniert, und unser Arbeitskreis mit seinen rund 60 Mitgliedern wird 2028 seinen 25. Geburtstag feiern.

Dave Adam beim Kutztown Folk Festival (2022)

Frank und ich sind aber nicht müde geworden, auch in Pennsylvania die Gründung einer „steering group“ – einer Lenkungsgruppe – anzuregen. Deshalb freuen wir uns um so mehr, dass nach mehreren von uns organisierten DPAK-Treffen in Pennsylvania sich im November 2024 eine Gruppe jüngerer Dialekt-Aktivisten in Kutztown im Pennsylvania German Cultural Heritage Center treffen wird, um genau darüber zu beraten: Was kann man tun, um Kräfte zu bündeln? Das Treffen erfolgt auf Einladung von Patrick Donmoyer, seit 2021 Mitherausgeber der Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“ und Vorstandsmitglied im DPAK seit 2015. Wir sind auf die Ergebnisse sehr gespannt – Dave Adam sicherlich auch.

Der Pälzylvanier

Bill Meck – Der Auktionator

Bill Meck und Michael Werner in Kutztown (2022)

Eine Würdigung

Bill Meck hat bei „Zettlemoyer Auctions“ für Ralph Zettlemoyer gearbeitet, welcher der Bruder von Norma Zettlemoyer war, die einen gewissen Donald Breininger geheiratet hat und ihr Leben im Hollwigs Daal in Nei Tripoli (Lechaa Kaundi) verbrachte.

Will heißen: Im Pennsylvania Dutch Country kennt man sich. Viele sind miteinander verwandt. Die Welt ist klein. Alle vier genannten Personen sprachen bzw. sprechen die Mundart und waren bzw. sind beim Kutztown Folk Festival aktiv.

Bill Meck trat viele Jahre gemeinsam er mit Leroy „Jock“ Brown (1925-2022) unter seinem Künstlernamen „Hanswascht“ („Hanswurst“) auf. Die Männer erzählten auf der Bühne Witze in Pennsylvanisch-Deutsch, und weil von den Zuschauern gewöhnlich nur noch ein Bruchteil Mundart verstand, sagte immer der eine einen Satz, den der andere sofort ins Englische übersetzte. Man musste mit der Zeit gehen, um Späße an den Mann zu bringen.

Bill ist seit vielen Jahren beim Kutztown Folk Festival aktiv und kümmert sich unter anderem darum, dass die Abläufe auf der „Main Stage“, der Hauptbühne, sitzen. Hier arbeitet er gemeinsam mit „East Side Dave“ Kline – einem sprichwörtlich „bunten Hund“, den als Musiker, Radiomoderator und Journalist in der Gegend jeder kennt.

Bill Meck, Dave Kline und Doug Madenford (2024)

Beruflich verdiente er sein Geld als Auktionator – „Fendu Groyer“, wie man im Pennsylvanisch-Deutschen sagt. Die Amerikaner lieben Auktionen, und versteigert wird so ziemlich alles, was man sich vorstellen kann: Vieh, Heu, Antiquitäten, aber auch Spielzeug und Küchengegenstände nach Haushaltsauflösungen. Aus allem lässt sich Geld machen. Und dass das auch funktioniert, ist Aufgabe der hauptberuflichen „Groyer“ (wir würden vielleicht „Greischer“ sagen). Sie singen im Verkaufsprozess und geben rhythmisch den jeweils aktuellen Dollarwert eines Gebots wieder. Ich habe so etwas in Europa noch nie gehört. Es ist eine eigene Kunstgattung.

Als Bill uns 2014 besuchte, um unter anderem beim „Deutsch-Pennsylvanischen Tag“ in Assenheim, in Bockenheim beim Mundartdichter-Wettstreit sowie in Ober-Olm und im Auswanderermuseum Oberalben seine Späße zu machen, versteigerte er auch Bücher und einige Gegenstände. Es war ein Erlebnis.

Privat hat sich Bill Meck in den letzten Jahren quasi halbiert. Jahrelang auf dem Festivalgelände in Kutztown kaum zu übersehen, muss man seit kurzem zweimal hinsehen, ob da wirklich Bill Meck auf einen zukommt: Er hat Dutzende Kilo Gewicht abgenommen, was seiner Gesundheit sichtlich gut tut.

Ich freue mich immer, ihn beim Festival in irgendeinem Schlagschatten eines Gebäudes zu entdecken, in den er sich wegen der Hitze geflüchtet hat. Bis zum neegscht Mol, Bill! Sehn dich widder …

Der Pälzylvanier

Prof. Per Sture Ureland – Der Frontberichterstatter

Prof. Per Sture Ureland (1937-2022) im Jahr 2019

Eine Würdigung zum zweiten Todestag

Prof. Dr. Per Sture Ureland (1937-2022) bewegte sich beruflich gerne auf gefährlichem Terrain: an Grenzen, zwischen den Fronten, auch in Schützengräben. Als Linguist liebte er die Regionen, in denen mindestens zwei Sprachen aufeinandertreffen: die Sprache einer Minderheit und die Sprache einer Mehrheit. In einer solchen Situation verhalten sich sprachliche Varietäten manchmal wie Kontinentalplatten, die sich mit unendlicher Kraft aufeinander zubewegen, über- und untereinander schieben und auch verschmelzen. Die Verbiegungen und Wandlungen sprachlicher Elemente und Strukturen in solchen Fällen zu analysieren, ist höchst interessant. Und es kann Leichen geben. Hier spricht man von „Sprachtod“. Historisch gesehen sind viel mehr Sprachen ausgestorben als aktuell gesprochen werden (ca. 7.000 im Jahr 2024).

Als ich Sture 1989 an der Universität Mannheim in meinem ersten Semester in einer Vorlesung über Allgemeine und Vergleichende Linguistik kennenlernte, brauchte er wenig Zeit, um mich zu begeistern. Als Schwede mit seinem ganz leichten Akzent im Deutschen, seiner aufgrund einer früheren Stimmbandserkrankung sehr leisen Sprechweise und als Folienjongleur auf dem damals obligatorischen Overhead-Projektor war er im akademischen Betrieb eine sehr besondere Erscheinung.

In seinen Veranstaltungen kam man im Laufe eines Semesters geografisch weit rum: Wir sprachen über die Situation des Schwedischen in Finnland, die Sprache der Samen (Lappen) in Nordskandinavien, Sprachkontakte zwischen den baltischen Sprachen und dem Russischen, besuchten aber auch Frontabschnitte des „Konflikts“ zwischen dem Englischen und keltischen (gälischen) Varietäten in Schottland, Irland, der Isle of Man und Wales. Aber auch für Sture eher unwichtige Nebenkriegsschauplätze wie die Situation der Bretonen, Elsässer und Lothringer in Frankreich oder Französisch und Deutsch in Italien waren manchmal Thema.

Daneben interessierte ihn auch, wie sich das Schwedische und Norwegische in Nordamerika in den dortigen skandinavischen Minderheitsgesellschaften entwickelte. Nach meiner Magisterarbeit über „Französisches im Pfälzischen“ (auch in der Region westlich des Rheins gibt es ja von der Region um Krefeld im Norden über Mainz und Strasbourg bis Basel im Süden einen wechselhaften Frontverlauf – zwischen dem Deutschen und Französischen) empfahl er mir, eine Dissertation in Angriff zu nehmen, und bot mir eine Stelle an seinem Lehrstuhl für Allgemeine Linguistik an. Von 1993 bis 1996 war ich dort tätig. Als Thema wählte ich „Sprachkontaktphänomene in schriftlichen Texten des Pennsylvaniadeutschen“. Eine weiteres, linguistisch hochinteressantes Schlachtfeld mit wechselnden Frontverläufen …

Sture lebte für Kongresse. Immer gab es eine Veranstaltung vor- oder nachzubereiten. Es entstanden Kongressberichte in Buchform, und ich lernte, wie Sture auf diese Weise ein Netzwerk von Gleichgesinnten aufbaute. Am Lehrstuhl hatte ich 1993 auch meinen allerersten Kontakt mit dem Internet. Der Name des Uniservers lautete damals „Rummelplatz Mannheim“. 1996 stellte ich meine Dissertation bei einem Kongress an der University of Waterloo in Ontario (Kanada) vor. Dort lernte ich Prof. Werner Enninger (1931-2016) kennen, der in den 1970er Jahren viel zu den Amish in Delaware gearbeitet hatte. Sture und ich wohnten im Haus von Prof. Manfred Richter, einem Freund aus dem großen Linguisten-Netzwerk. Später holten mich Prof. C. Richard Beam und seine Frau Dorothy in Kanada ab, um mich nach Pennsylvania mitzunehmen. Bei dieser Gelegenheit lernten sich auch Sture und Dick Beam kennen.

Prof. Dr. Per Sture Ureland und Prof. C. Richard Beam im Jahr 1996 in Kitchener, Ontario (Kanada)

1999 gründete Sture den „Eurolinguistischen Arbeitskreis Mannheim“ (ELAMA). Nur vier Jahre später – 2003 – folgten einige am Pennsylvanisch-Deutschen Interessierte seinem Beispiel und gründeten den „Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreis“ (DPAK). Sture war manchmal bei den Treffen dabei, letztmals im Jahr 2011 auf dem Weierhof. Er starb im Herbst 2022 im Alter von 85 Jahren.

Per Sture Ureland war ein Freigeist und überzeugter Europäer. Es machte unendlich viel Spaß, gemeinsam mit ihm gedanklich die linguistischen Hotspots der Kontaktlinguistik zu bereisen. Er hat mich gefördert und somit einen großen Anteil daran, dass es „Hiwwe wie Driwwe“ heute gibt. „Tack så mycket, alter Schwede!“

Der Pälzylvanier

Prof. David L. Valuska – Der „Herr General“

Prof. David L. Valuska im Jahr 2019 auf dem Kutztown Folk Festival mit seiner Frau Charlotte (1936-2024)

Eine Würdigung

Am Anfang dieser Geschichte steht eine Frau: Florence Baver (1911-1999). Ich hatte sie im Beitrag über Peter Fritsch bereits erwähnt. Florence war klar, dass ihre „Pennsylvania Dutch Folk Culture Society“ in Lenhartsville (PA) dem Ende entgegen ging. Die Mitgliedschaft war überaltert, und es kamen keine Jüngeren nach, die sich engagieren wollten. Das Thema kennen viele Vereine. So wandte sich Florence im Jahr 1990 an Prof. Dr. David McFarland, seinerzeit Präsident der Kutztown University, um eine Lösung zu finden. David McFarland habe ich in den 1990er Jahren in Deutschland kennengelernt, als er mit Reisegruppen in der Pfalz unterwegs war. Sie kamen überein, dass die Sammlung des Vereins auf die Kutztown University übertragen werden sollte – und dass die Universität ein „Pennsylvania German Cultural Heritage Center“ einrichten würde. All dies sollte rund um einen Bauernhof geschehen, der im Besitz der Universität war. Ein weiter glücklicher Zufall war, dass eine gewisse Dr. Ruth M. Freyburger (Kutztown-Absolventin aus dem Jahr 1935) der Uni einen beträchtlichen Geldbetrag geschenkt hatte, mit dem eine Professur mit pennsylvanisch-deutschem Schwerpunkt unterstützt werden sollte.

Und hier kam David Valuska (geboren 1938) ins Spiel: McFarland übertrug ihm die erste „Freyberger Professur“ und machte ihn 1991 zum Direktor des neu gegründeten „Pennsylvania German Cultural Heritage Centers“ in Kutztown. David war Geschichtsprofessor und hatte einen seiner Schwerpunkte beim Thema „Amerikanischer Bürgerkrieg“. Auch bei der Nachstellung historischer Schlachten („Reenactments“) beteiligte er sich, weshalb er manchmal als „der Herr General“ vorgestellt wurde. Die Valuskas – man hört es am Namen – kamen nicht aus der Kurpfalz, sondern aus Österreich-Ungarn. Aber das tat der Sache keinen Abbruch. David machte sich daran, das Center aufzubauen. Als ich ihn ab 1994 näher kennenlernte, sprachen wir manchmal über die mühsamen kleinen Schritte beim Aufbau und den insgesamt langsamen Fortschritt. „We have to walk, before we run“, entgegnete er mir dann gelassen. Und er hatte recht.

Das Provisorium: Bibliothek in einem Trailer (1991-2022)

In den ersten Jahren beherbergte ein Container das Center und die zugehörige Bibliothek. Und kaum gegründet, meldeten andere Fachbereiche schon wieder Ansprüche auf das große Gelände rund um den zugehörigen Bauernhof an. Sportplätze sollten gebaut werden, auch ein Baseball Field – und es stand wohl mehr als einmal auf der Kippe, ob das Pennsylvania German Cultural Heritage Center erhalten werden kann. 2005 ging David in Ruhestand, und sein Nachfolger Prof. Rob Reynolds entwickelte einen Plan, aus dem Heritage Center ein richtiges Freilichtmuseum mit zusätzlichen Gebäuden zu entwickeln. Im Zuge der Planungen besuchte er das Rheinland-Pfälzische Freilichtmuseum in Bad Sobernheim und den Hessenpark – vielleicht auch noch andere. Am Ende wurde nichts daraus, und Rob gab seine Tätigkeit im Heritage Center im Jahr 2012 ab und konzentrierte sich wieder auf seine akademische Laufbahn als Geschichtsprofessor.

Nun kam Patrick Donmoyer (geb. 1985) ins Spiel. Zuvor bereits Mitarbeiter am Center, übernahm er nun die Stelle als Direktor. Und ab diesem Moment kam die Einrichtung vom „Gehen“ ins „Laufen“. Es ging bergauf, und 2022 konnte endlich ein eigenes repräsentatives Gebäude mit Kongressbereich, Bibliothek und Ausstellungsflächen bezogen werden. Das Heritage Center ist nun endlich angekommen.

Die neue Bibliothek des Pennsylvania German Cultural Heritage Centers seit 2022

Die Grundlagen hierfür hat in den ersten 14 Jahren Dr. David Valuska gelegt, der für diese Leistung zurecht auch das Bundesverdienstkreuz erhielt. Nach Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2005 war David vielleicht sogar mehr auf dem Schlachtfeld von Gettysburg zu finden als in Kutztown – aber zum Folk Festival war er für gewöhnlich in der Stadt. Beim „Fescht“ trifft man ihn auch heute noch, vorzugsweise im Rahmen eines seiner Vorträge auf der „Seminar Stage“.

Ich selbst arbeitete zwischen 2003 und 2009 enger mit David zusammen, als wir gemeinsam im Vorstand des Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreises e.V. (DPAK) tätig waren. Als Gründungsvorsitzender hatte ich die Aufgabe, den Verein aufzubauen, und wieder hörte ich David sagen: „We have to walk, before we run!“ Mit uns im Vorstand arbeiteten in diesen Jahren Frank Kessler (2. Vorsitzender), Dr. Walter Sauer, Dr. Helmut Schmahl (Schatzmeister 2003-2006) sowie Prof. Dr. Heinz Helfrich (Schatzmeister 2006-2012).

Obwohl er selbst kein Pennsylvanisch-Deutscher ist, hat David Valuska mit seiner Arbeit maßgeblich dazu beigetragen, dass wir mit dem Pennsylvania German Cultural Heritage Center heute eine Adresse haben, wenn wir uns mit Sprache und Kultur der Nachfahren deutscher Auswanderer in Pennsylvania beschäftigen möchten. Dafür, David, herzlichen Dank!

Der Pälzylvanier