Die Elwedritsche als Tarnform Liliths: Dämonologie, Volksmythos und christlich-jüdische Abwehrkulturen im Rheintal

Albdrude – Vorstufe der Elwedritsch – und Drudenmesser zu ihrer Abwehr

Abstract: Die Elwedritsche, ein pfälzisches Fabelwesen, wurde bislang als humoristische Regionalfigur ohne tiefere mythologische Bedeutung betrachtet. Neue kulturhistorische Arbeiten deuten jedoch auf eine Verbindung zur altorientalischen Dämonin Lilith hin. Diese These erlaubt nicht nur eine Reinterpretation der Elwedritsche als Trägerin verdrängter Archetypen, sondern eröffnet auch neue Perspektiven auf die interreligiösen Dynamiken im mittelalterlichen Rheintal. Der Artikel untersucht, ob die Dämonenabwehr als kollektive Schutzpraxis oder als Projektionsfläche für die Ausgrenzung des „Fremden“ – insbesondere der jüdischen Bevölkerung – diente.

1. Einleitung

Die Elwedritsche ist ein regionales Fabelwesen der Pfalz, das in volkstümlichen Erzählungen als vogelähnliches Mischwesen mit Geweih und nächtlicher Aktivität beschrieben wird. Ihre Funktion war lange auf humoristische Brauchtumspflege beschränkt. Erst jetzt wird ein kulturhistorischer Zugang eröffnet, der die Elwedritsche als Trägerin verdrängter mythologischer Inhalte interpretiert – insbesondere als Tarnform der altorientalischen Dämonin Lilith.

2. Lilith: Dämonin der Nacht und archetypische Bedrohung

Lilith ist eine zentrale Figur der jüdischen Dämonologie. In babylonischen und talmudischen Quellen erscheint sie als geflügeltes, weibliches Nachtwesen, das Neugeborene bedroht und Männer in erotischen Träumen heimsucht. Ihre mythologische Funktion oszilliert zwischen weiblicher Autonomie und dämonischer Bedrohung. In der jüdischen Volksreligion wurde Lilith durch Amulette, Bannzettel und Schutzformeln abgewehrt – ein Brauch, der sich bis ins mittelalterliche Rheintal nachweisen lässt.

3. Die Elwedritsche als Transformationsfigur

Die These, dass die Elwedritsche eine volkstümlich entdämonisierte Erscheinungsform Liliths ist, basiert auf mehreren strukturellen Parallelen:

  • Hybride Anatomie: Beide Wesen sind Mischformen aus Tier und Mensch.
  • Nächtliche Aktivität: Sie erscheinen bevorzugt in der Dunkelheit.
  • Weibliche Konnotation: Beide Figuren sind weiblich codiert und mit Fruchtbarkeit, Wildheit und Unkontrollierbarkeit assoziiert.
  • Narrative Funktion: Sie dienen als Projektionsfläche für Ängste und als Erklärung für unerklärliche nächtliche Phänomene.

Diese Merkmale deuten auf einen Prozess des „Mythentransfers“ hin, bei dem eine bedrohliche Urgestalt in eine scherzhafte Regionalfigur überführt wurde.

4. Dämonenabwehr im Rheintal: Gemeinsamkeit oder Ausgrenzung?

Im mittelalterlichen Rheintal existierten sowohl christliche als auch jüdische Praktiken zur Abwehr nächtlicher Dämonen. Während Christen auf Exorzismen, Heiligenbilder und architektonische Schutzsymbole setzten, verwendeten jüdische Gemeinden Lilith-Bannzettel, Schutzamulette und Segenssprüche.

Diese Praktiken könnten auf eine gemeinsame Abwehrkultur hindeuten – ein interreligiöses Schutzbündnis gegen das Unheimliche. Doch es gibt auch Hinweise darauf, dass die Dämonisierung Liliths als Chiffre für die Ausgrenzung des Jüdischen diente. In christlichen Darstellungen wurde das Dämonische häufig mit dem „Fremden“ gleichgesetzt – eine Gleichsetzung, die zur sozialen Marginalisierung jüdischer Gemeinden beitrug.

Die Elwedritsche könnte somit als kultureller Puffer fungiert haben: eine Figur, die es erlaubte, die Angst vor Lilith zu externalisieren, ohne sich mit deren jüdischer Herkunft auseinandersetzen zu müssen. Ihre Harmlosigkeit war möglicherweise nur Oberfläche – darunter lag ein verdrängter Mythos, der mit realer Ausgrenzung korrespondierte.

5. Schlussfolgerung

Die Reinterpretation der Elwedritsche als Tarnform Liliths stellt einen Fortschritt im Zugang zum Thema dar. Sie zeigt, wie tief globale Archetypen in lokalen Erzählungen verborgen sein können – und wie eng Dämonologie, Volksglaube und interreligiöse Dynamiken miteinander verwoben sind. Die Elwedritsche ist damit nicht nur ein pfälzisches Fabelwesen, sondern ein Spiegel kultureller Ängste, Transformationsprozesse und sozialer Spannungen im mittelalterlichen Rheintal.

Literaturverzeichnis

  1. Patai, Raphael: The Hebrew Goddess. Detroit: Wayne State University Press, 1990.
  2. Schäfer, Peter: Mirror of His Beauty: Feminine Images of God from the Bible to the Early Kabbalah. Princeton University Press, 2002.
  3. Trachtenberg, Joshua: Jewish Magic and Superstition. Philadelphia: University of Pennsylvania Press, 1939.

Comments are closed.