Monatsarchiv: August 2025

Ende Legende: Hinter Elwedritschen steckt Lilith!

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Von Michael Werner

Die Katze ist aus dem Sack: Hinter der Elwedritsch verbirgt sich weder ein Fabeltier noch ein fantastisches Tierwesen. Vor ihrer Verwandlung in eine scheue, harmlose Waldbewohnerin war sie ein furchterregender weiblicher Dämon, vor dem die Menschen sich nachts fürchteten: Sie tötete kleine Kinder, Schwangere und Wöchnerinnen – allein schlafenden Männern wurde sie ebenfalls zur Gefahr. Man schützte sich mit Ritualen, Symbolen und manch einem Talisman. Es half nichts. Von ihrem Ursprung in Mesopotamien zog sie sich auf zwei Routen durch die Kulturgeschichte: Zum Einen wanderte sie mit indoeuropäischen Bauernvölkern von Persien aus nach Westen bis Portugal und nach Osten bis Indien. Zum Anderen verschaffte sie sich Eingang in die hebräisch-aramäische Kulturgeschichte. Über Tora und Talmud übersiedelte sie mit Juden ins Römische Reich und tausend Jahre später ins Rheintal. Da hatte sie auch schon Spuren in der Kabbala hinterlassen. Am Rhein trafen sich der indoeuropäische und der hebräisch-aramäische Strang wieder: in Mainz, Worms und Speyer. Christliche wie jüdische Nachbarn fürchteten sich vor dem gleichen nächtlichen Dämon. Ihre Abwehrhandlungen machten über einen längeren Zeitraum aus der übermächtigen Lilith ein harmloses Hühnertier, das man in den Wald verbannte. Die Elwedritsch war geboren …

Alle Hintergründe gibt es hier: Elwedritsche – Dunkle Gefährten und www.elwedritsch.de

Albdrude – Elwedritsch

Ende Legende! Hinter der Elwedritsch steckte ursprünglich etwas, vor dem die Menschen sich sehr fürchteten.

Das Zweibrücker Label „Pfalzteufel“ bringt es auf den Punkt: „Das Pfälzer Fabelwesen war ursprünglich ein Dämon (Albdrude), der nachts für Angst und Schrecken sorgte. Heute gilt er nur noch als Fabelwesen und Pfalz-Maskottchen.“ So leicht lässt sich beschreiben, was hinter einer Elwedritsch steckt – auch ohne kulturhistorische Erläuterungen. Gratulation. Das Buch „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“ wirkt …

www.elwedritsch.de

Edward Quinter: Der Literat

Ed Quinter beim Kutztown Folk Festival (2019)

Zum 75. Geburtstag

Eine Mundartszene, die stets an der Wahrnehmbarkeitsschwelle kratzt, braucht Protagonisten. Die pennsylvanisch-deutsche Kultur wird im 21. Jahrhundert im Allgemeinen mit „Amish“ gleichgesetzt – und auch die Pennsylvanisch-Deutschen selbst beschränken sich auf die Pflege ihrer weithin sichtbaren Marker: „Hex Signs“ und „Shoofly Pie“. Ich übertreibe jetzt, aber ein bisschen ist es ähnlich, wenn wir über Bayern sagen: Alle tragen Lederhosen und trinken Bier. Mit einem solchen Vorschlaghammer macht man Kultur kaputt – hiwwe wie driwwe.

In diesem Kontext braucht man Menschen, die sich um die leisen Töne – und die Zwischentöne – kümmern und Kontakt zu Menschen aufbauen, die diese erzeugen können. Ich spreche von Autorinnen und Autoren, die in pennsylvanisch-deutscher Mundart schreiben. Sie tun es, obwohl es fast keine Möglichkeit gibt, diese Texte öffentlich vorzutragen. Keine Zeitung in den USA (außer „Hiwwe wie Driwwe“) publiziert sie, und niemand druckt ein Buch, das am Ende auch niemand kaufen würde. Ein solcher Mensch ist Edward Quinter, der in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag feiert.

Ich denke, ich kenne Ed ungefähr seit 25 Jahren, und wir sprachen bisweilen über den Pfälzischen Mundartdichter-Wettstreit in Bockenheim, in dessen Jury ich seit 1998 mitarbeite. Ungefähr 2005 – also vor 20 Jahren – muss es gewesen sein, als er auf die Idee kam, etwas Vergleichbares auch beim Kutztown Folk Festival auf die Beine zu stellen. Erstmals 2006 präsentierten etwa 10 Autorinnen und Autoren auf der „Seminar Stage“ in einem gelb-weißen Zelt ihre Texte vor Publikum. Meist fanden sich um die 40 Personen ein, die diese Texte hören wollten – bei einem Festival, das täglich viele tausend Menschen anzog. Ist das wenig? Ich finde, das war ein Riesenerfolg. Ed gelang es, bis zum traurigen Ende des Festivals im Jahr 2024 immer wieder knapp ein Dutzend Schreiberinnen und Schreiber auf die Bühne zu bringen. 2025 fand die Präsentation im Rahmen der Veranstaltung zum offiziellen „Pennsylvania German Day“ am 28. Juni im „Pennsylvania German Cultural Heritage Center“ in Kutztown statt.

Ed Quinter: „En Gruuss aus Pennsylvaani“ (Weierhof, 2008) – im Vordergrund die Verstorbenen Roland Paul (1950-2023) und Hans Buch (1937-2019, Bürgermeister in Enkenbach-Alsenborn) – Zum Ansehen bitte das Bild klicken …

In der Headline habe ich geschrieben: „Der Literat“. Das ist er! Ed schreibt selbst sehr gefühlvolle und zeitlose Gedichte, die sicherlich zum besten zählen, was man derzeit in der „Mudderschprooch“ lesen kann. Aber er bringt eben auch andere Autorinnen und Autoren zusammen, um gemeinsam Texte zu präsentieren. Das ist wirklich besonders: Ed ist ein Netzwerker, ein „Möglich-Macher“.

Damit die literarischen Gedanken nicht verloren gehen, entschieden wir uns, die Stücke nach der Präsentation in der Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“ zu publizieren, und im Jahr 2010 kam der Gedanke auf, die Bockenheimer Mundartdichter-Jury einen dieser Texte mit einem „Hiwwe wie Driwwe Award“ prämieren zu lassen. Damit war das Konzept komplett: Mündlicher Vortrag – Abdruck in der Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“ – Vergabe eines pennsylvanisch-deutschen Literaturpreises mit Urkunde.

Es braucht dabei nicht nur Menschen, die etwas beginnen – sondern auch solche, die es am laufen halten. Für beides hat Ed Quinter in den letzten rund 20 Jahren gesorgt, und dafür möchte ich mich im Namen der ganzen pennsylvanisch-deutschen Mundart Community bedanken.

Im Jahr 2018 rief mich ein verzweifelter SWR-Redakteur an und erzählte, dass die Moderatorin Susanne Nett in wenigen Tagen für eine Jubiläumssendung von „Die Rezeptsucherin“ nach Pennsylvania fliegen solle, um ein pennsylvanisch-deutsches Saumagenrezept zu finden und mit einem Einheimischen zu kochen. Ich rief kurzerhand Ed Quinter an, weil ich wusste, dass er als Deutsch-Lehrer an einer High School in Allentown in der Lage sein würde, in einer deutschen Fernsehsendung die pennsylvanisch-deutsche Kultur zu präsentieren. Und es funktionierte sehr gut. Es war eine Hau-Ruck-Aktion, aber am Ende bereiteten Susanne Nett und Ed Quinter in der Küche einer Nachbarin von Ed gemeinsam einen Saumagen zu.

Susanne Nett und Edward Quinter (2018) – Zum Abspielen des Videos bitte auf das Bild klicken

Ed Quinter beim „Schreiwerfescht“ des Kutztown Folk Festivals im Jahr 2022 (auf das Bild klicken)

Auswennich mei Fenschder

En Decking dinn leit weech uff meim Land, 
En Schtreef, gehl, bloh am Horizont.

Roh blost der Wind, iss wiescht un iss kalt,
Er rauscht un peift darrich Hiwwel un Wald.

Die Schpinn hot gewewe en Netz an mei Fenschder,
In der Aasicht ken Mensch; ich guck noochem Weschde.

Aa tschumpe un danze leedmiediche Bledder,
So schaddich un schteif wie de Veggel ihr’ Fedder.

O Himmel, schtets drowwe, du blessierlichi Sach’,
Dei Wolke wie Ziggel, schiffergroh uff me Dach.

Deeglich ihr’ Pikters die Nadur fer uns molt,
Grossaardich un kinschtlich, vun Barrick un Daal.

En Nascht vumme eenzich Silhouette Meebelbaam,
Er schtreckt sich nooch owwe, guckt aus wie’n Aarem.

Es Schtobbelfeld draagt en drauricher Dunscht,
Aus Grutze un Baschde vun Welschkann sei Kunscht.

Unnich im Hof finnt mer bissel weiss’ Schnee,
Fussdappe vun Kinner, sell heest sie waer’ glee.

Mei Gemiet iss doch heider, ebwohl drausse finschder,
Zuletscht kummt der Vorhang, ‘s iss richtiger Winder.

Ken Laut, nix riehrt, die Yennersunn fatt.
Ich hol gschwind en Gwilt un saag guti Nacht!

Edward Quinter (Allentown, PA)
Schreiwer-Fescht am "Pennsylvania German Day 2025"