Der Mensch als Kopiermaschine

Die “Memetik” – die Wissenschaft von den Memen – geht davon aus, dass die evolutionäre Weitergabe von Ideen von Generation zu Generation im Grunde funktioniert wie die Weitergabe von Genen – nur dass Meme als “Informationsträger” empfänglicher für Mutationen sind als Gene. Ein Pentagramm ist ein schönes Beispiel für ein Mem: Einerseits wird seit tausenden von Jahren weitergegeben, wie man ein Pentagramm zeichnet – andererseits wird seit tausenden von Jahren weitergegeben, dass Pentagramme Dämonen abhalten. Das sind die beiden Informationen, die in diesem Mem stecken. Bei der Weitergabe werden sie immer wieder kopiert.

Geprägt wurde der Begriff “Mem” im Jahr 1976 vom britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins. Er wollte unter anderem erklären, wie es dazu kommt, dass Menschen z.B. Sinfonien komponieren, obwohl dies evolutionär keinen Vorteil darstellt. In ihrem Artikel “Evolution: Die Macht der Meme” (Spektrum der Wissenschaft 12/2000) spricht die Autorin Susan Blackmore davon, dass jede Kopieranweisung eines Mems “Lockungen” und “Drohungen” enthält. In diesem Sinne ist eine monotheistische Religion ein gutes Beispiel für ein Mem, weil es sowohl die Lockung (Hoffnung auf ewiges Leben) als auch die Drohung (ewige Höllenqualen) enthält – beides auf individueller Ebene des einzelnen Menschen. Gegenüber dieser starken Kopieranweisung zum Beispiel bei einem “christlichen Gebet” ist die des Mems “Regentanz” vergleichsweise schwach. Deshalb habe sich der Regentanz auch nicht weltweit durchgesetzt. Strukturell betrachtet, sind die Meme “Gebet” und “Regentanz” aus der Perspektive der Memetik gleichwertig. Sie sind allerdings unterschiedlich erfolgreich gewesen.

Ein gutes Buch, das uns ein Stück näher zu den Elwedritsche führt, ist “Kontrollgewinn – Kontrollverlust – Geschichte des Schlafs in der Moderne” (2014), das Anna Ahlheim herausgegeben hat. Es führt uns zur Dichotomie “Kontrollgewinn versus Kontrollverlust”. Es gibt Meme, die Kontrollgewinn versprechen – zum Beispiel, wenn man in der Vergangenheit ein Pentagramm an seine Tür gemalt hat, bevor man zu Bett ging, um Dämonen abzuhalten. Ein vergleichbares Mem ist, sich vor dem Nachtschlaf zu bekreuzigen und ein Nachtgebet zu sprechen. Beides hat den gleichen Zweck: Man wünscht sich eine ungestörte Nacht und ein Wiederaufwachen am morgen. Der Glaube versetzt – weil er Kontrollgewinn verspricht – Berge, ganz gleich, ob man an ein Vaterunser oder ein Pentagramm glaubt. Erwiesenermaßen nutzen acht Milliarden Menschen auf der Erde individuell ganz unterschiedliche Methoden, um sich für eine ungestörte Nacht zu rüsten. Keine ist besser als eine andere, und auch nicht schlechter. Es sind alles Meme.

Wir müssen uns auf diese abstrakte Ebene begeben, wenn wir verstehen wollen, was Elwedritsche sind. Denn sie sind etwas, vor dem man sich in der Vergangenheit schützen musste. Das liegt jedoch viele Mem-Mutationen zurück. Seit das Mem, das hinter den Elwedritschen steckt, vor vielen tausend – vielleicht vor vielen zehntausend – Jahren entstanden ist, hat es Millionen von Kopiervorgängen hinter sich gebracht. Es sind im Laufe der Geschichte durch Abweichungen in Kopiervorgängen Varianten entstanden, die sich in Raum und Zeit eigenständig weiterentwickelt haben. Was wir im Pfälzerwald bei einer Elwedritsche-Jagd suchen, ist nur die allerletzte Mutation in unserer Region. Das Bild der Elwedritsch hat sich in jüngster Vergangenheit seit Erscheinen des ersten Harry-Potter-Bands 1997 noch einmal verändert. Sprach man vorher meist von einem “Fabelwesen”, ist in den letzten 25 Jahren immer öfter die Beschreibung “fantastisches Tierwesen” zu lesen. Dies ist nichts als die weitere Mutation eines Mems, das uns seit Menschengedenken begleitet. Im Buch werden wir diesem Mem nachspüren.

Die Memetik hat in den vergangenen 50 Jahren viel Lob, aber auch Kritik erfahren. So geht es allen Theorien. Für das Projekt “Elwedritsche – Dunkle Gefährten” bildet sie einen guten Background für die Geschichte, die zu erzählen ist.

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