Peter V. Fritsch – Das kulturelle Gedächtnis der Pennsylvania Dutch

Peter V. Fritsch beim Schreiwerfescht des Kutztown Folk Festivals (2010)

Eine Würdigung

Peter Fritsch (1945-2015) war ein ruhiger Mensch. Er lebte zurückgezogen mitten im Wald in einer umgebauten Scheune an der Centennial Road in der Nähe von Alburtis. Als ich ihn 1994 erstmals dort besuchte, war er 49 Jahre alt. Damit gehörte er unter den sogenannten „Fancy Dutch“ – also Nicht-Mitgliedern von Old Order Amish oder Old Order Mennonites – zu den jüngeren Sprechern.

„Ich bin en alter Bachelor“, sagte er über sich selbst, weil er unverheiratet war. Er sprach die Mundart so wunderbar unverfälscht, wie er sie in seiner Kindheit in „Langschwamm“ (Long Swamp) in der Familie gelernt hatte. Und von Kindesbeinen an war er gerne mit Älteren zusammen und ließ sich die „Schtoris“ von früher erzählen.

Sein Vater John Fritsch zog an Silvester mit Freunden von Haus zu Haus, um in der Gegend den traditionellen „Neuyaahrswinsch“ zu geben: „Mir winsche eich en glickseeliches neies Yaahr, en Bretzel wie en Scheierdoor, en Brotwascht wie en Offerohr …“. Da es in jedem Haushalt zum Dank einen Schnaps für die „Winscher“ und Musiker gab, kam John meist „gsoffe heem“, wie Peter lachend erzählte. Als John starb, machte Peter mit seinen Freunden Linda und Mike Hertzog und weiteren Familienmitgliedern weiter. Nur die Tradition mit dem Alkohol übernahmen sie nicht.

Peter Fritsch mit Mike Hertzog (Banjo) und weiteren Musikern (2009)

Peter schrieb Texte in Mundart und publizierte Bücher. Deshalb lernten wir uns kennen. Beruflich war er Kunstlehrer in Reading, und er hatte einen Lehrauftrag zur pennsylvanisch-deutschen Kultur am Ursinus College in Collegeville (PA).

1994 besuchte ich gemeinsam mit ihm seine gute Freundin Florence Baver (1911-1999). Florence, eine Grundschullehrerin, war der Kopf der „Pennsylvania Dutch Folk Culture Society” in Lenhartsville gewesen. Sie war eine sehr freundliche Frau, die sich sehr für den Erhalt der Kultur der Pennsylvaniadeutschen einsetzte. Dabei konnte sie aber auch streitbar sein. Sie stand im engen Austausch mit den Gründern des Kutztown Folk Festivals: Prof. Don Yoder (1921-2015), Prof. J. William Frey (1916-1989) und Prof. Alfred L. Shoemaker (1913-ca. 1967). Schon vor Florence Bavers Tod wurde das Center in Lenhartsville aufgelöst, und die meisten Materialien fanden eine neue Heimat im gerade gegründeten Pennsylvania German Cultural Heritage Center in Kutztown (PA).

Von Peter Fritsch hörte ich 1994 erstmals in Pennsylvania vom „Bucklich Maennli“. Es sollte dafür verantwortlich sein, dass Peter seinen Hausschlüssel nicht finden konnte: „Des hot des verdollt bucklich Maennli geduh!“, rief Peter immer wieder. Und: „Es hot sei Millich grickt!“ Der Schlüssel fand sich, auch ohne die Hilfe des „Bucklich Maennli“, hinter dem eine wirklich interessante Geschichte steckt. Letztlich führt sie auch zur Beantwortung der Frage, was Elwedritsche wirklich sind. Awwer sell iss en anner Schtori!

Peter Fritsch spielt Hackbrett (2015)

Peter habe ich all die Jahre immer wieder besucht, ihn ausgefragt, seine Geschichten auch aufgenommen. Mehrfach lud ich ihn auch nach Deutschland und in die Pfalz ein. Seine Antwort war immer klar: „Nee, nee, ich schlof es liebscht in mei eegen Bett!“

In seinen 60ern wurde ihm der Garten rund um seine Scheune zu viel, und er entschied sich, nach Topton in ein kleines Häuschen zu ziehen. Dort besuchte ich ihn im Februar 2015 ein letztes Mal. Er wirkte unglücklich und wünschte sich in seine Heimat im Wald zurück. Es half aber nichts: Das Gebäude hatte er verkauft. Nur wenige Monate nach meinem Besuch erfuhr ich , dass Peter überraschend verstorben war.

Es heißt ja: Jedes Mal, wenn ein Mensch stirbt, stirbt eine ganze Welt. Bei Peter Fritsch trifft das in ganz besonderem Maße zu. Er fehlt.

Der Pälzylvanier

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