Monatsarchiv: Juni 2024

Alice Spayd – Die Schulmeisterin

Michael Werner und Alice Spayd (2017)

Alice Spayd zum 80. Geburtstag

„Wie neegscht an hunnert iss sie?“, lautet die Frage in Pennsylvania, wenn man wissen möchte, wie alt ein Geburtstagskind ist. „Noch weit fatt“, könnte die Antwort im Fall von Alice Spayd lauten, der Lehrerin für Pennsylvania-Deutsch, Chorleiterin und Organisatorin pennsylvanisch-deutscher Veranstaltungen. 80 Jahre alt wurde Alice im März 2024, und mit ihr freuten sich neben ihrem Mann und ihren Kindern 20 Enkel und 12 Urenkel. Brittany Hammons, eine Enkelin, die 2008 schon einmal ein halbes Jahr bei uns in Ober-Olm lebte, verriet mir noch, dass das erste Ur-Ur-Enkelchen im Oktober erwartet wird. 55 Jahre sind sie und Bill nun verheiratet. „Wow“, kann man da nur sagen, und natürlich erst einmal: „Hallicher Gebottsdaag, Alice – aa wammer wennich schpoot sinn!“

Geboren 1944 in Suedberg (PA), lebt Alice Spayd mit ihrem Mann Bill in Fredericksburg in Lebanon County (PA). Aber im Dialekt heißt der kleine Ort nach dem ursprünglichen Gründer Frederick Stump noch immer „Schtumbeschtettel“. Der allerdings hatte irgendwann in Carlisle 10 Mitglieder eines lokalen Indigenen-Stamms ermordert, und so entschieden sich die Bürgerinnen und Bürger zur Umbenennung der Siedlung in Fredericksburg. Im Dialekt halten sich alte Wörter und auch alte Bräuche besser, weshalb das Pennsylvania-Deutsche eine Schatzkammer ist, wenn man sich mit dem Pfälzischen beschäftigt.

Alice traf ich zum ersten Mal bei einer Universitätsveranstaltung am „Lebanon Valley College“ im Jahr 2002. Schon damals ging es um die Frage, was für den Erhalt des Pennsylvania-Deutschen getan werden kann. Alice Spayds Antwort war im gleichen Jahr die Gründung des Kinderchors „Die Schwadore Schalle“ (The sounds of the Swatara Creek), der überwiegend aus ihren eigenen Enkelinnen und Enkeln bestand. Heute singen auch Erwachsene mit. Daneben trat sie dem „Dolpechocken Saenger Chor“ von Francis D. Kline (1937-2013) bei, der jeden Monat im Lokalsender Berks County TV (BCTV) in der Sendung „Die deitsch Schtunn“ auftrat. Sie bot viele Jahre als „Schulmeeschtern“ einen Deutschkurs in Schaefferstown (PA) an. In der Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“ tauchte ihr Name erstmals bereits im Jahr 2000 auf. Mittlerweile ist sie seit vielen Jahren freie Autorin. Seit 2012 ist Alice Spayd Organisatorin des „Pennsylvanisch-Deitsch Zammelaaf“ in Bethel (PA), der Nachfolgeveranstaltung des „Pennsylvania German Festivals“, das bis einschließlich 2011 jährlich am Harrisburg Area Community College (HACC) abgehalten wurde. Kurz: Wenn es um „deitsch“ in der Region rund um Lebanon geht, kommt an Alice Spayd niemand vorbei.

Alice Spayd (2. von rechts) im Jahr 2002 am Lebanon Valley College. Auch dabei: Don Breininger (3. von links), bis heute einer der besten pennsylvanisch-deutschen Sprecher bei Veranstaltungen

Das möchte man auch überhaupt nicht, denn Alice, ihr Mann Bill (ein Linkshänder-Gitarrist) und ihre gesamte Familie sind ausgesprochen liebenswert. Ab 2005 habe ich immer wieder für einige Tage bei den Spayds wohnen dürfen, wenn ich in Pennsylvania war. Ihr jüngster Sohn William – genannt „Wilhelm“ – hat eine Frau geheiratet, die mit Prof. Alfred Shoemaker (1913-ca.1969) verwandt ist, neben Don Yoder einem der Mitbegründer des Kutztown Folk Festivals. Wilhelm arbeitet bei der Polizei, und seine Erzählungen gaben mir einen Einblick in den Alltag eines amerikanischen Polizisten. Er ist für einen Autobahn-Abschnitt zuständig und auch nachts im Streifenwagen oft allein unterwegs. Wenn er bei einem Einsatz Hilfe benötigt, ruft er über Funk Verstärkung. Ein bisschen erinnert das System noch an den Wilden Westen. Früher war es eben der Sheriff mit seinem Pferd – heute ist es der Polizist mit seinem Auto. Wir erleben das im Fernsehen, wenn am Ende eines Hollywood-Streifens beim Showdown auf einmal zehn Streifenwagen nebeneinander stehen.

Alice Spayd im Jahr 2015 als „Schulmeeschdern“ in „Historic Schaefferschteddel“ (Schaefferstown, Lebanon County) – ein Klick auf das Bild öffnet ein Video. Alice’s „Deitsch Class“ ist ab Minute 8 zu sehen

Eine interessante Persönlichkeit war auch Alice Spayds Vater, Edward Behney (1914-2012). Jedes Mal, wenn ich in Schtumbeschtettel zu Gast war, sprach ich lange mit ihm und ließ mir Geschichten von früher in Pennsylvania-Deitsch erzählen. Manchmal machten Alice und ich auch Tonaufnahmen. Da er schon sehr betagt war, schien er am Anfang eines Gesprächs immer ein wenig müde. Aber sobald wir in den Dialekt wechselten und er aus seinem langen Leben berichten konnte, erwachten die Lebensgeister. Am eindrucksvollsten war für mich seine Schilderung des 75. Jahrestages der Schlacht von Gettysburg im Jahr 1938. Der junge Ed sah sich in Gettysburg (PA) die Parade an. Betagte Veteranen der Nord- und Südstaaten, so erzählte er, fuhren gemeinsam auf einem offenen Wagen mit, und sie gerieten so in Streit, dass sie sich noch während des Umzugs zu prügeln begannen. Die Herren waren damals alle bereits über 90 Jahre alt! „Ya well, was kammer duh“, sagt man zu so etwas manchmal in pennsylvanisch-deitsch. Und: „Die Leit sinn, wie die Leit sinn!“

William „Wilhelm“ Spayd, Michael Werner, Frank Kessler und Ed Behney in Schtumbeschteddel (Frederickstown) im Jahr 2005

Die Verwandtschaft von Alice stammt teilweise aus dem Rheintal. Die „Hassinger“-Linie ist noch heute rund um Schornsheim und Wörrstadt im heutigen Rheinhessen zu Hause, und andere Linien stammen aus der Gegend um Landau in der Pfalz. Alice und Bill waren auch bereits Gast in unserem Haus, und in „Hiwwe wie Driwwe 2“ kommt sie zu Wort, Ich bin sicher, Monji El Beji und sie haben sich gut verstanden, auch wenn sie sich nicht immer im wörtlichen Sinne verstanden haben. Pfälzisch und Pennsylvania-Deutsch sind eben am Ende doch recht unterschiedlich.

Franz von Kobell – Wegbereiter der pfälzischen Mundartdichtung war erster deutscher Fotograf

Franz von Kobell (1803-1882)

Bei der Recherche für ein Buch über die deutsche Fotografiegeschichte hat die Wissenschaftlerin Cornelia Kemp einen Sensationsfund gemacht: Im Archiv des Deutschen Museums fand sie das bisher älteste Foto Deutschlands, datiert auf den März 1837. Bislang dachte man, ein Foto aus dem Jahr 1839 sei die erste Aufnahme, die auf deutschem Boden gemacht wurde. Das Bild stammt von dem bayerischen Mineralogen Franz von Kobell (1803-1882) und zeigt die Frauenkirche in München. Es war auf der Rückseite von Kobell selbst datiert worden. Der Mann ist in der Pfalz kein Unbekannter.

Kobell war kein Pfälzer, sondern Bayer. Dennoch gilt er als Wegbereiter der pfälzischen Mundartdichtung. Geboren im Jahr 1803 als Sohn eines Professors und Staatsrates in München, stammte er doch aus einer Mannheimer Malerfamilie. Diese war von Kurfürst Karl Theodor gefördert worden und mit den Wittelsbachern von der Pfalz nach München umgezogen.

Pfälzisch hatte Kobell durch einen Großvater und ein pfälzisches Kindermädchen gelernt. Er schätzte auch die Eigenheiten der „bayerischen Volksgruppe links des Rheines“. Kobell verfasste die „Gedichte in pfälzischer Mundart“ (1849) und das Buch „Pälzische Gschichte“ (1863).

Dass das Jahr 1839 dennoch als Geburtsjahr der Fotografie gilt, ist dem französischen Maler und Erfinder Louis Daguerre (1787-1851) zu verdanken. Dieser entwickelte eine Fotografietechnik names Daguerreotypie. Dabei wird eine versilberte Kupferplatte zunächst mit Jod-, Brom-, und Chloriddampf chemisch behandelt, um sie lichtempfindlich zu machen. Dann wird das Bild mithilfe eines speziellen Fotoapparates durch Belichtung auf die Platte gebracht. Die Technik wurde wohl bereits ab 1837 sukzessive entwickelt, so dass es Fotos gibt, die vor 1839 entstanden. Wichtig war aber vor allem: Daguerre schrieb eine Gebrauchsanweisung für die Daguerreotypie. Damit konnten auch andere Menschen zu Fotografen werden, was der Startschuss für die Fotografie war.

Für Kobell, der eigentlich Mineraloge war und damit naturwissenschaftlich vielseitig interessiert, waren seine fotografischen Experimente mit einem eigenen technischen Verfahren genau das: Experimente. Seine wenigen Versuche bannte er auf Salzpapier. Schnell wandte er sich aber wieder anderen wissenschaftlichen Themen zu.

Aus dem Jahr 1826 stammt übrigens die älteste bekannte Fotografie der Welt: „Blick aus dem Arbeitszimmer von Le Gras“ von Joseph Nicéphore Niépce (1765-1833). Mit seinem „Heliografie“ genannten Verfahren wurde es in Saint-Loup-de-Varennes aufgenommen. Bei der Heliografie wurde das Motiv über acht Stunden belichtet und auf eine mit Asphalt bestrichene Zinn-, Kupfer-, Zink- oder Silberplatte gebracht.

Was bleibt also festzuhalten? Überraschenderweise hat der Begründer der pfälzischen Mundartdichtung einen Beitrag zur Erfindung der Fotografie geleistet. Wir danken Cornelia Kemp für diese fachliche Information und Lisa Lamm für den Online-Artikel im „National Geographic“ vom 7. Juni 2024.

Zum Artikel von Lisa Lamm: Link

Roland Paul – Türöffner nach Pälzylvania

Roland Paul am Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde in Kaiserslautern (2013)

Zum ersten Todestag von Roland Paul am 24. Juni 2024

Wer wie ich Anfang der 1990er Jahre im Pennsylvania Dutch Country in den USA linguistische Studien durchführen wollte, brauchte „Türöffner“ und damit Menschen, die relevante Dialektsprecher kannten und einen Kontakt herstellen konnten. Vertrauen war hier wichtig, denn manche pennsylvanisch-deutsche Gruppen wie Amish oder konservative Mennoniten waren vorsichtig, wenn es um Kontakte mit Fremden – zumal von der Universität – ging. Das sind sie noch immer.

Ich hatte zwei Türöffner: Prof. C. Richard Beam (1925-2018) für die konservativen Sektengruppen in Lancaster County, und Roland Paul (1951-2023), der mich mit Prof. Don Yoder (1921-2015) bekannt machte und mir so die pennsylvanisch-deutsche Welt der Lutheraner und Reformierten erschloss.

Roland hatte ich 1992 am Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde in Kaiserslautern kennengelernt. Allerdings eher im Vorübergehen, denn Ziel meiner damaligen Besuche war die Arbeitsstelle des Pfälzischen Wörterbuchs – ein Projekt, das Dr. Rudolf Post betreute und 1998 auch mit der Publikation des letzten Bandes zum Abschluss brachte. Meine Magisterarbeit zu Französismen im Pfälzischen an der Universität Mannheim beendete ich 1993, und meine Promotion über den englischen Einfluss auf die Dialektliteratur der Pennsylvaniadeutschen dann 1996.

1997 gründete ich die pfälzisch-pennsylvanische Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“, die noch heute erscheint und die Ausgangspunkt für eine ganze Reihe von Projekten zum selben Thema war und ist. Erst ab diesem Zeitpunkt waren Roland und ich in regelmäßigem Kontakt. Er wurde intensiver, als wir ab 2003 im neu gegründeten Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreis e.V. (DPAK) zusammenarbeiteten.

Don Yoder hatte ich mit Rolands Hilfe zweimal in einer Bibliothek getroffen, aber da der Kontakt aufgrund des gemeinsamen Interessensgebietes der pfälzisch-amerikanischen Nordamerikaauswanderung nun immer enger wurde, legte Roland mir einen längeren Besuch in Don Yoders Landhaus in Devon (PA) nahe. Ich wusste, dass Roland bei seinen längeren Pennsylvania-Aufenthalten immer in der kolonialen Villa von Don Yoder wohnte – und Don war bereit, mich auch privat zu empfangen, so dass ich in den Jahren zwischen 2000 und 2015 immer einmal wieder für mehrere Stunden Gelegenheit hatte, mich mit einem der Väter der pennsylvanisch-deutschen Volkskunde auszutauschen. Immerhin war Don Yoder einer der Gründer des Kutztown Folk Festivals im Jahr 1951.

Don Yoder und Michael Werner in Devon (PA) im Jahr 2007

Mit Don sprach ich über Geschichten, die ich im Rahmen meiner linguistischen Studien auf Band aufgenommen hatte, und die mir zum Teil als Pfälzer eigenartig vertraut vorkamen. Bei anderen stand ich völlig im Wald und konnte mir auf nichts einen Reim machen: Da sprach eine Frau von einem „Bucklich Maennli“, das bei ihr neben dem Herd in einer unaufgeräumten Ecke der Küche wohnte. Ein Mann berichtete von einer Vogelscheuche auf dem Feld, die er „Butzemann“ nannte und die Opfergaben erhielt. Ein anderer machte alljährlich im März eine Prozession um sein Grundstück herum, sagte eigenartige Sprüche und legte in allen Ecken Samen als  Geschenke für Elfen ab und Teile eines Fisches für Katzen, die einer Gottheit mit Namen „Freya“ gehörten. Letztlich fand ich in einem Kochbuch das Rezept für Hirschgeweihkekse („antler cookies“), die im Februar gebacken werden, um sie im Wald als Opfergabe für den „Waldmops“ abzulegen. Kurz: Es waren ganz seltsame Geschichten, die irgendwie nicht und irgendwie doch zusammenpassten. Konnte es sein, dass sich mir in Pennsylvania eine Tür geöffnet hatte, um über die kulturellen Praktiken der Pennsylvania-Deutschen einen Blick auf die Pfalz und die Pfälzer im 18. Jahrhundert zu erhalten? Heute kann ich sagen, dass das genau so ist. Ich gehe noch einen Schritt weiter und sage, man kann die Pfalz vielleicht überhaupt nur verstehen, wenn man die für die Pfalz relevanten Auswanderungsgesellschaften besucht und von ihnen lernt, wie unsere Vorfahren vor 300 Jahren gelebt und gedacht haben. Auf einmal wird es dann möglich zu erkennen, was wirklich hinter dem Belznickel steckt oder hinter unseren pfälzischen Elwedritsche. Eines sind letztere ganz sicher nicht: Fabeltiere. Don Yoder und ich haben viele Stunden zusammengesessen und miteinander gesprochen: Über Pennsylvania, die Pfalz, Roland Paul und vieles andere. Und manches von dem, was wir ausgetauscht haben, hat weiter in mir gearbeitet und mich auf Wege geführt, an deren Ende – zum Teil erst Jahre später – spannende Erkenntnisse standen.

Roland Paul (Mitte) 2015 in Bockenheim bei der Verleihung des Emichsburg-Preises an den Vorstand des Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreises e.V.: Von links Heike Benß, Bgm. Kurt Janson, Sänger John Schmid (Berlin, OH), Roland Paul, Dr. Michael Werner, Frank Kessler, Volker Gallé und Doris Schweitzer

Im Frühjahr 2023 rief ich Roland an und hatte ihn überraschenderweise auch gleich am Telefon. Ich würde mich gerne mit ihm treffen, sagte ich ihm, weil ich ein neues Buch plane und in dem Kontext seine Meinung zum ein oder anderen inhaltlichen Aspekt haben wollte. Er sagte zu, aber wir vereinbarten keinen konkreten Termin. Zu diesem Gespräch kam es leider nicht mehr, weil Roland Paul am 24. Juni 2023 überraschend verstarb, kurz vor einem Vortrag, den er halten wollte.

Die Chance in Roland Pauls Leben, bei einem Vortrag oder einem Familientreffen zu versterben, war deutlich größer als bei anderen Menschen. Denn wenn ich ihn traf oder sprach, kam er immer von einem Vortrag oder Familientreffen bzw. war auf dem Sprung zu einer solchen Veranstaltung. Bei fast allen Events, die wir gemeinsam besuchten, kam er mit etwas Verspätung an. Sein Terminplan war immer übervoll. Um so mehr rechne ich ihm hoch an, dass er zu meinem 50. Geburtstag, den ich 2015 im Auswanderermuseum Oberalben feierte, nicht nur kam, sondern sogar pünktlich war. Aber er hatte ja auch einen Vortrag zu halten …

Der Pälzylvanier