Doug Madenford – Botschafter des Pennsylvania Dutch Country in der Pfalz

Michael Werner und Douglas Madenford (2017)

Es gibt Entscheidungen, die reifen über einen längeren Zeitraum. Und es gibt Entscheidungen, die werden, wenn vielleicht nicht völlig spontan, so doch aus ein bestimmten Anlass heraus getroffen. Douglas Madenford hat vor etwa zwölf Jahren eine Entscheidung getroffen, und vielleicht war ich ja in diesem Moment sogar dabei, also persönlich anwesend. Wer weiß.

Im Sommer 2012 trafen sich jedenfalls auf Einladung des Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreises e.V., Emichsburg-Preisträger des Jahres 2015, in einem alten Schulhaus in Kutztown (PA) eine Gruppe von 14 Menschen – überwiegend jüngere Sprecherinnen und Sprecher der pennsylvanisch-deutschen Mundart. Gemeinsam wollten wir überlegen, mit welchen Maßnahmen und Aktionen wir den aktiven Gebrauch des Pennsylvania-Deutschen stützen und auch den Kontakt zwischen Pennsylvania und der Pfalz weiter intensivieren könnten.

Zu diesem Zeitpunkt gab es diverse Zeitungskolumnen in Mundart, mit „Hiwwe wie Driwwe“ sogar eine eigene Zeitung, mit der „Deitsch Schtunn“ eine monatliche pennsylvanisch-deutsche Fernsehsendung im Regionalfernsehen, die Aktivitäten der sogenannten „Grundsau Lodges“, Versammlungen von Kirchengemeinden mit Mundart-Programm und einiges mehr.

Was es aber nicht mehr gab, war ein Mundart-Radioprogramm. Die über Jahrzehnte etablierte „Wunnerfitz Schtunn“ – „wunnerfitzig“ bedeutet „neugierig – von Dave Hendricks (1925-2009) war ebenso eingestellt worden wie die Sendung „Die alte Kumraade“ meines Freundes C. Richard Beam (1925-2018) aus Millersville.

Einige der Teilnehmer des DPAK-Treffens in Kutztown 2012 waren mit einem Programm schon auf “Hiwwe wie Driwwe Palatinate Tour”: Ben Rader (1. v. l.: 2019), Ed Quinter (4. v. l.: 2008), Patrick Donmoyer (3. v. r.: 2018), Doug Madenford (2. v. r.: 2019, 2022) und Chris LaRose (1. v. r.: 2016). Auch Rob Reynolds (5. v. l.), Sonja Rader (2. v. l.) und Ashley Snyder (6. v. r.) kommen regelmäßig nach Deutschland und in die Pfalz

Wir diskutierten lange und intensiv in diesem „One Room Schoolhouse“, diesem „eeschtubbiche Schulhaus“, das auf dem Gelände des Pennsylvania German Cultural Heritage Center gelegen war. Das Kulturzentrum wird von unserem Freund Patrick Donmoyer geleitet. Wenn ich mir das Foto von damals anschaue, stelle ich fest, dass ich mit meinen seinerzeit 47 Jahren schon zu den Ältesten gehörte. Wie auch immer …

Es fehlte jedenfalls ein journalistisches Format, das es erlaubte, die pennsylvanisch-deutsche Mundart zu hören. Ein Vorsprechen bei diversen Radiostationen wurde schnell verworfen. Die Eigentümer dieser Stationen wechseln von Zeit zu Zeit, und in der Regel haben die „Radiomacher“ heute keinen Bezug zur pennsylvanisch-deutschen Kultur. Das Geschäftsmodell ist, Gewinn mit Werbung zu erzielen – aber das funktioniert mit Mundart „hiwwe wie driwwe“ nicht. Irgend jemand hatte im Verlauf unserer Diskussion in Kutztown die Idee, hierfür „Youtube“ zu nutzen. Der Vorteil lag auf der Hand: Das 2005 gegründete Unternehmen erlaubte es, mit den damals neuen digitalen Kameras schnell und einfach eigene Videos aufzunehmen und hochzuladen. Man konnte also sogar audiovisuell arbeiten – mit Ton UND mit Bild. Wir diskutierten, wie sinnvoll es wäre, ein solches Format zu haben. Aber irgendwie drehten wir uns im Kreis.

Auf einmal meldete sich Doug Madenford und sagte kurz und trocken: „Well, ich kann sell duh.“ Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits einen eigenen Youtube Channel, dort aber erst ganz wenige Videos – meist Weihnachtsgrüße – hochgeladen.

“Es eeschtubbich Schulhaus” auf dem Gelände des Pennsylvania German Cultural Heritage Centers in Kutztown (PA)

Und heute, 12 Jahre später, ist er mit über 1.200 hochgeladenen Videos und 12.500 Abonnenten der wirklich erste „pennsylvanisch-deitsche Social Media Influencer“. Rund 1,8 Millionen Aufrufe haben seine Mundart-Videos zwischenzeitlich erhalten.

Es gibt in seinem Channel einen Sprachkurs mit 41 Lektionen, Videos zu einzelnen Mundart-Wörtern und pennsylvanisch-deitsche Musik. Vor allem aber gibt es das Format „Ask a Pennsylvana German Dutchman“ – „Frag einen Pennsylvaniadeutschen“ -, das er gemeinsam mit seinem Freund Chris LaRose produziert. Menschen stellen per E-Mail Fragen zur Sprache und Kultur der Deutschstämmigen in Pennsylvania – und Chris und Doug geben Antworten. Das ist nicht nur lehrreich, sondern oft superlustig. Und im Grunde greifen sie das Prinzip der alten Radio-Wunnerfitz-Schtunn auf. Dort konnten Hörerinen und Hörer „live“ in der Sendung anrufen und Dave Hendricks Fragen stellen oder Gedichte vortragen. Der Youtube-Channel von Doug Madenford mit seinen diversen Formaten ist die zeitgemäße Weiterentwicklung dieses Ansatzes. Und seit einer Weile geht Doug mit seinem Format „Pennsylvania Dutch LIVE“ monatlich auf Youtube auch wirklich in Echtzeit „on air“. Hier ist dann – wie bei der „Wunnerfitz Schtunn“ – wirkliche Interaktion möglich. Auch viele Pfälzerinnen und Pfälzer zählen zum Stammpublikum, und immer geht es in den Videos und Sendungen auch um das, was uns hier am Rhein mit den entfernten Verwandten in Pennsylvania verbindet: unsere Sprache und unsere Kultur.

Der erste Kontakt: Doug Madenford grüßt mit seiner Schulklasse die Zeitung “Hiwwe wie Driwwe” (2004)

Im Jahr 2016 meldeten sich die südpfälzer Filmemacher Benjamin Wagener und Christian Schega bei mir. Sie waren im Internet über das Pennsylvania-Deutsche gestolpert und sehr erstaunt über die vielen Gemeinsamkeiten in den  Mundarten der Pfalz und Pennsylvania. Sie hatten die Idee entwickelt, eine Filmdokumentation zu machen, und suchten hierfür den geeigneten Protagonisten.

Nach kurzem Überlegen schlug ich Doug Madenford vor. Ich hatte im Februar 2015 in Pennsylvania mit einfachsten technischen Mitteln eine 30-minütige Mini-Dokumentation zum Thema Pennsylvania-Deutsch gemacht und etwas später auf Youtube hochgeladen: “Hiwwe wie Driwwe – Pennsylvanisch-Deitsch im Yahr 2015”. Die Idee war gewesen, einen Videoclip kompett in Pennsylvania-Deutsch zu erstellen. Das gab es bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht – und auch Doug hatte ich vor meinem Fotoapparat gehabt, mit dem ich die Videosequenzen aufnahm. Er sprach die Mundart seit seiner Kindheit und hatte sie von Eltern und Großeltern gelernt. Zwischenzeitlich hatte er sein Deutsch-Studium abgeschlossen und arbeitete als Lehrer in einer High School in Pennsylvania. Durch seine Studienzeit und die Partnerschaft seiner Schule mit einem Gymnasium in Buchen im Odenwald kannte er drei Kulturen – die amerikanische, die deutsche und die pennsylvanisch-deutsche – und war dreisprachig. Das ist in Amerika heute eine Seltenheit. Außerdem war er Autor des Lehrbuchs „Mir lanne deitsch“ und seit Jahren freier Mitarbeiter meiner 1997 gegründeten Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“.  Ich schrieb ihn also per Mail an, stellte das Projekt vor und auch einen direkten Kontakt zu Benjamin und Christian her. Die drei trafen sich im Rahmen seines Schulaustauschprogramms im Odenwald, machten einige Probeaufnahmen – und Doug sagte zu.

Doug Madenford in der Youtube-Minidoku “Hiwwe wie Driwwe – Pennsylvanisch-Deitsch im Yahr 2015” (Klick auf das Bild öffnet das Video)

Benny und Christian fragten, ob sie den Titel meiner Zeitung als Filmtitel verwenden dürften. Ich hatte nichts dagegen, diese Zustimmung bei einem zeitlich befristeten Projekt zu erteilen, bei dem ich in jeder Phase der Entstehung konzeptionell eingebunden war und eine enge Abstimmung stattfand. Der Rest ist fast schon Geschichte. 2017 folgten Filmaufnahmen in Pennsylvania und in der Pfalz, und 2018 hatte die Film-Dokumentation „Hiwwe wie Driwwe – Pfälzisch in Amerika“ Vor-Premiere im rheinland-pfälzischen Landtag in Mainz. Die Aufnahme durch das Publikum war sehr positiv, und dennoch war es offensichtlich zunächst schwierig, Kinos in der Pfalz davon zu überzeugen, den Film ins Programm zu nehmen. Im April 2019 war Premiere in Landau – vor mehreren hundert Zuschauern in einem ausverkauften Kino. Das Marketing und die Presseaktivitäten im Vorfeld hatten also funktioniert. Offensichtlich „triggerte“ das Thema etwas bei Pfälzerinnen und Pfälzern: Elwedritsche und Saumagen in den USA – das gibt’s doch nicht. Gibt es eben doch, und Doug Madenford erwies – und erweist – sich als wunderbarer Botschafter dieser „Atlantik-Brücke“, die es seit über 300 Jahren gibt,  und die manchmal einige Pflegearbeiten braucht, damit sie nicht einstürzt. Wir dürfen nicht vergessen, dass ein Nachfahre pfälzischer Auswanderer zum Zeitpunkt der Kinopremiere US-Präsident war: Donald Trump.

Die Kinobesitzer in der Pfalz und angrenzenden Regionen besannen sich jedenfalls schnell eines Besseren und nahmen die Kino-Dokumentation ins Programm. Zum Teil lief der Streifen in mehreren Kinos eines Hauses parallel, um die Zuschauermassen unterzubringen. Am Ende hatten weit über 20.000 Besucher „Hiwwe wie Driwwe“ auf Rang 37 der deutschen Kino-Charts katapultiert. Ein Riesenerfolg für einen Film mit einem nur regional interessanten Thema!

2019 wurde „Hiwwe wie Driwwe – The Roots of the Pennsylvania Dutch” im Rahmen des Kutztown Folk Festivals vorgestellt – in Mundart mit englischen Untertiteln, und auch dort war die Aufnahme sehr positiv. Es folgten die Vermarktung als DVD, die Ausstrahlung über Streaming-Dienste wie „Netflix“ und „Amazon Prime“ sowie die Ausstrahlung einer verkürzten Fassung im deutschen Fernsehen – beim SWR in Mainz.

Dann kam Corona und legte alles lahm. Und alle hatten Zeit zum Nachdenken. Bei Benjamin Wagener reifte der Entschluss, eine Fortsetzung von „Hiwwe wie Driwwe“ ins Kino zu bringen – mit umgekehrten Vorzeichen. Diesmal sollte nicht ein Pennsylvania-Deutscher in die Pfalz, sondern ein Pfälzer nach Pennsylvania reisen. Und mit Monji El Beji, Sänger der Bands „Fine R.I.P.“ und „Woifeschdkeenich“, wurde ein Hauptprotagonist gefunden, der die Geschichte tragen sollte. Zwischenzeitlich läuft der Film erfolgreich in den Kinos.

Das nächste – für die Jahre 2026/2027 geplante – Projekt der Filmemacher nimmt die pfälzischen Auswanderer in Brasilien in den Blick. Ich wünsche hierfür viel Erfolg! Die 2018 dem Filmprojekt “Hiwwe wie Driwwe – Pfälzisch in Amerika” zeitlich befristet geliehene Marke wird damit im Sommer 2025 in die alleinige Verfügungsgewalt des Eigentümers zurückgegeben, so dass künftig wieder klar ist, dass hinter einer Botschaft unter dem Label “Hiwwe wie Driwwe” dessen Gründer Michael Werner steht. Hier war zwischenzeitlich ein wenig Durcheinander entstanden. Im Weiteren laufen die Filmprojekte unter dem Label “Pfalzfilme”. Ein guter Titel!

Mit der Umsetzung der beiden Filmproduktionen “Hiwwe wie Driwwe 1 + 2” wird einer breiteren Öffentlichkeit bewusst, welchen Schatz wir in der Pfalz und Pennsylvania mit den gemeinsamen Wurzeln unserer beiden Kulturen besitzen. Wir sind in der Lage, miteinander zu kommunizieren, ohne Englisch oder Hochdeutsch sprechen zu müssen. Die Mundart genügt, und wir als Pfälzer haben auch die Gelegenheit, wie durch ein Schlüsselloch in unsere eigene Vergangenheit zu blicken. Denn die Pennsylvania-Deutschen haben bis heute bewahrt, was bei uns durch mehrere Kriege und Industrialisierung längst vergessen ist. So können wir zum Beispiel Bräuche kennenlernen, die auch bei uns in der Pfalz im 18. Jahrhundert noch bekannt waren und auf diese Weise im Kontakt mit Pennsylvanisch-Deutschen mehr über unsere eigene pfälzische Identität lernen.

Und die Freundschaft zwischen Pfälzern und Pennsylvania-Deutschen hat ein Gesicht: Doug Madenford. Mit seiner charmanten Art ist er zu einem Botschafter des Pennsylvania Dutch Country bei uns in der Pfalz geworden.

Der Pälzylvanier

One response to “Doug Madenford – Botschafter des Pennsylvania Dutch Country in der Pfalz

  1. Lieber Michael, Groß Dank für diesen wunderbaren Artikel über die fantastische Geschichte „Pennsylvaanisch-Deutsche Freundschaft“! Zu der Du vor über 30 Jahren die Grundsteine des Brückenbaus über das große Wasser „vun Hiwwe noch Driwwe“ gelegt hast! Dir und Deinem langjährigen Mitstreiter „driwwe uff de annere Seit vun dere Brick“ Patrick Donmoyer, Douglas Madenford u.v.a. ist es zu verdanken, das daraus mit dem ersten „Hiwwe wie Driwwe“ Film eine große Bewegung zwischen den Kontinenten, ja das zwischen Menschen aus der Pfalz und Menschen aus Pennsylvanien Freundschaften entstanden sind! Ich persönlich bin Dir dafür von ganzem Herzen dankbar, dass ich durch Dich- bereits schon während der Dreharbeiten- dabei sein konnte, Douglas Madenford und die Filmcrew in Hörth/Pfalz habe kennen lernen dürfen! Woraus eine wunderbare Freundschaft entstanden ist! Nach der Filmpremiere in Landau stand mein Entschluss fest, als „Filmfan“ und Privatperson,die Filmcrew und Deine „NEW PALTZ-BANd“ 2019 nach Kutztown zu begleiten. Dank Deinem Mitwirken konnte ich auch hier bei vielen Terminen live dabei sein, dabei die großartige, herzliche Gastfreundschaft der pennsilvanischen Menschen am eigenen Leib erfahren! Der krönende Abschluss dieser unvergesslichen Reise zu den „Verwandten“ war, dass wir- ein bei und fast vergessenes Kulturgut bäuerlichen Lebens, das in PA um den 2. Febr. gefeierte „MURMELTIERFEST“- wieder mit ins „alde Land“ zurückbringen konnten und zusammen mit der „NEW PALTZ BAND“ am Maria Lichtmess Tag, 02.02.2020 in Bockenheim a.d. Weinstraße im vollbesetzten Emichsburg Saal unsere Premiere mit großem Erfolg feiern durften und dies bis 2024 zum 5. Mal! In meiner Heimatstadt Lampertheim konnten wir es wg. Corona 2020 nur über Video auf Youtupe zeigen, aber am 03.02.2024 auch hier-Dank der Stadt Lampertheim- mit großem Erfolg unsere „Premiere“ feiern! 

    In großer Dankbarkeit, Dein Herbert F. Tiefel, Haaptmann der Grundsau Lodsch Nr. 19, die erschd im alde Land und ganz Europa!

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