
Eine Würdigung zum zweiten Todestag
Prof. Dr. Per Sture Ureland (1937-2022) bewegte sich beruflich gerne auf gefährlichem Terrain: an Grenzen, zwischen den Fronten, auch in Schützengräben. Als Linguist liebte er die Regionen, in denen mindestens zwei Sprachen aufeinandertreffen: die Sprache einer Minderheit und die Sprache einer Mehrheit. In einer solchen Situation verhalten sich sprachliche Varietäten manchmal wie Kontinentalplatten, die sich mit unendlicher Kraft aufeinander zubewegen, über- und untereinander schieben und auch verschmelzen. Die Verbiegungen und Wandlungen sprachlicher Elemente und Strukturen in solchen Fällen zu analysieren, ist höchst interessant. Und es kann Leichen geben. Hier spricht man von „Sprachtod“. Historisch gesehen sind viel mehr Sprachen ausgestorben als aktuell gesprochen werden (ca. 7.000 im Jahr 2024).
Als ich Sture 1989 an der Universität Mannheim in meinem ersten Semester in einer Vorlesung über Allgemeine und Vergleichende Linguistik kennenlernte, brauchte er wenig Zeit, um mich zu begeistern. Als Schwede mit seinem ganz leichten Akzent im Deutschen, seiner aufgrund einer früheren Stimmbandserkrankung sehr leisen Sprechweise und als Folienjongleur auf dem damals obligatorischen Overhead-Projektor war er im akademischen Betrieb eine sehr besondere Erscheinung.
In seinen Veranstaltungen kam man im Laufe eines Semesters geografisch weit rum: Wir sprachen über die Situation des Schwedischen in Finnland, die Sprache der Samen (Lappen) in Nordskandinavien, Sprachkontakte zwischen den baltischen Sprachen und dem Russischen, besuchten aber auch Frontabschnitte des „Konflikts“ zwischen dem Englischen und keltischen (gälischen) Varietäten in Schottland, Irland, der Isle of Man und Wales. Aber auch für Sture eher unwichtige Nebenkriegsschauplätze wie die Situation der Bretonen, Elsässer und Lothringer in Frankreich oder Französisch und Deutsch in Italien waren manchmal Thema.
Daneben interessierte ihn auch, wie sich das Schwedische und Norwegische in Nordamerika in den dortigen skandinavischen Minderheitsgesellschaften entwickelte. Nach meiner Magisterarbeit über „Französisches im Pfälzischen“ (auch in der Region westlich des Rheins gibt es ja von der Region um Krefeld im Norden über Mainz und Strasbourg bis Basel im Süden einen wechselhaften Frontverlauf – zwischen dem Deutschen und Französischen) empfahl er mir, eine Dissertation in Angriff zu nehmen, und bot mir eine Stelle an seinem Lehrstuhl für Allgemeine Linguistik an. Von 1993 bis 1996 war ich dort tätig. Als Thema wählte ich „Sprachkontaktphänomene in schriftlichen Texten des Pennsylvaniadeutschen“. Eine weiteres, linguistisch hochinteressantes Schlachtfeld mit wechselnden Frontverläufen …
Sture lebte für Kongresse. Immer gab es eine Veranstaltung vor- oder nachzubereiten. Es entstanden Kongressberichte in Buchform, und ich lernte, wie Sture auf diese Weise ein Netzwerk von Gleichgesinnten aufbaute. Am Lehrstuhl hatte ich 1993 auch meinen allerersten Kontakt mit dem Internet. Der Name des Uniservers lautete damals „Rummelplatz Mannheim“. 1996 stellte ich meine Dissertation bei einem Kongress an der University of Waterloo in Ontario (Kanada) vor. Dort lernte ich Prof. Werner Enninger (1931-2016) kennen, der in den 1970er Jahren viel zu den Amish in Delaware gearbeitet hatte. Sture und ich wohnten im Haus von Prof. Manfred Richter, einem Freund aus dem großen Linguisten-Netzwerk. Später holten mich Prof. C. Richard Beam und seine Frau Dorothy in Kanada ab, um mich nach Pennsylvania mitzunehmen. Bei dieser Gelegenheit lernten sich auch Sture und Dick Beam kennen.

1999 gründete Sture den „Eurolinguistischen Arbeitskreis Mannheim“ (ELAMA). Nur vier Jahre später – 2003 – folgten einige am Pennsylvanisch-Deutschen Interessierte seinem Beispiel und gründeten den „Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreis“ (DPAK). Sture war manchmal bei den Treffen dabei, letztmals im Jahr 2011 auf dem Weierhof. Er starb im Herbst 2022 im Alter von 85 Jahren.
Per Sture Ureland war ein Freigeist und überzeugter Europäer. Es machte unendlich viel Spaß, gemeinsam mit ihm gedanklich die linguistischen Hotspots der Kontaktlinguistik zu bereisen. Er hat mich gefördert und somit einen großen Anteil daran, dass es „Hiwwe wie Driwwe“ heute gibt. „Tack så mycket, alter Schwede!“
Der Pälzylvanier
























































