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Brigitte Weinsteiger: Die Einsteigerin

Brigitte Weinsteiger aus Philadelphia (PA)

Von Michael Werner

Die Lebensmitte ist eine Zeit, in der manche sich ihrer eigenen Wurzeln besinnen – oder auf die Suche nach eben diesen Wurzeln machen. Zu ihnen gehört Brigitte Weinsteiger, die in Philadelphia lebt, aber in der Region Oley in Berks County aufgewachsen ist.

Ich lernte Brigitte im Sommer 2022 kennen, als ich selbst ein Konzert in der wunderschönen Bibliothek der „German Society of Pennsylvania“ in Philadelphia gab. Nach dem Auftritt kam sie zu mir und sprach mich nach ein paar in Englisch gewechselten Sätzen plötzlich in akzentfreiem Hochdeutsch an. So etwas passiert einem in Pennsylvania wirklich nur sehr selten. Es stellte sich heraus, dass sie ebenso wie ihre Schwester Erika Instrumente spielt und auch ihr Schwager, der Ehemann ihrer Schwester, Musiker ist. Ich reagierte, wie ich immer reagiere: Spontan regte ich an, doch einmal gemeinsam Musik zu machen und ein pennsylvanisch-deutsches Programm zu erarbeiten. Wir verabschiedeten uns, und das war es erst einmal.

Etwa ein Jahr später sah ich in der monatlichen Internet-Live-Show von Douglas Madenford – „PA Dutch LIVE“ – ein Musikvideo, in dem ich Brigitte inmitten einer Band wiedererkannte. Das Lied erinnere ich nicht mehr, wohl aber den wunderschönen Chorgesang. Ich glaube auch, dass die Gruppe zu dem Zeitpunkt noch keinen Namen hatte. Die Reaktionen aus dem amerikanischen Publikum waren jedenfalls enthusiastisch.

Fernsehbeitrag der SWR Landesschau (Mainz): „Pfälzer Band aus Amerika“

Ich war elektrisiert, fand im Internet eine Mailadresse von Brigitte und schrieb sie an – mit dem Ziel, ihre Band nach Deutschland einzuladen. Seit 2008 führe ich jährlich eine „Hiwwe wie Driwwe Palatinate Tour“ durch, vier bis fünf Konzerte an vier bis fünf Tagen im Oktober. Es verging wieder eine Weile, und wir tauschten uns zu dem Thema aus. Der Plan reifte. Irgendwann stand der Bandname: The Shooflies. Und sie nahmen eine erste CD auf. Für die Reise waren viele organisatorische Hürden aus dem Weg zu räumen und die Frage der Finanzierung zu klären. Letztere war kompliziert, weil wir erstmals eine komplette Band nach Deutschland in die Pfalz einluden. Aber auch das gelang mit Hilfe uns langjährigen Partner, spendenfreudigen Einzelpersonen und Institutionen wie der Atlantischen Akademie Rheinland-Pfalz, Europe Direct und der Stadt Kaiserslautern.

So reisten Brigitte Weinsteiger, Erika und Pete Gustavson im Oktober 2025 mit vier Töchtern in die Pfalz. Die Älteste, Adelaide Gustavson, spielt in der Band Geige. Die jüngeren Mädchen wirken bei einzelnen Songs mit. Und, was soll ich sagen: Sie eroberten die Herzen der Pfalz im Sturm. Mehr als 700 Menschen kamen zu ihren Konzerten in Oberalben, Ober-Olm, Bockenheim, Altrip und Kaiserslautern. Und in Kaiserslautern beim 19. Deutsch-Pennsylvanischen Tag kamen sogar so viele, dass etwa 70 Personen aus Brandschutzgründen keinen Einlass mehr fanden. Die „Hiwwe wie Driwwe Palatinate Tour 2025“ war ein voller Erfolg, und viele fragen schon, wann die Band wieder kommt.

Wenn ich recht darüber nachdenke, ist es eigentlich verwunderlich, dass es über 30 Jahre brauchte, bis ich die Schwestern Brigitte und Erika kennenlernte. Als Kinder traten sie in den 1980ern und 1990ern in pennsylvanisch-deutschen Shows auf, die mein Freund Peter Fritsch (1945-2015) organisierte. Und Keith Brintzenhoff, ebenfalls ein guter Freund, machte in seinem frühen Erwachsenenleben mit Brigittes und Erikas Mutter pennsylvanisch-deutsche Musik. Auch besuchte ich die Oley Valley High School (PA) immer wieder einmal, unter anderem 1994, 1996, 2000, 2002 und 2005. Aber unsere Wege kreuzten sich erst in den letzten drei Jahren.

Ich hoffe, die „Shooflies“ sind nach ihrer Tour bestärkt nach Pennsylvania zurückgereist und planen schon bald neue Projekte. Wir brauchen Neueinsteiger wie Brigitte Weinsteiger und Erika Gustavson, die sich ihres Erbes und ihrer Herkunft besinnen und versuchen, die kulturellen Schätze der Vergangenheit wieder zugänglich zu machen. Mit ihren wunderschön arrangierten Liedern von „Uff de Bauerei“, „Es bucklich Maennli“ oder „Mer breichte keine Schwiegerma-ma-ma“ ist ihnen das vortrefflich gelungen.

Raunächte, Frau Holle und Wilde Jagd

ZDF-Dokumentation „Terra X“ zum Thema „Frau Holle“ (2020)

Die Zeit „zwischen den Jahren“ bleibt man zu Hause, hängt keine Wäsche auf, lässt alle Räder still stehen. Denn die „Wilde Jagd“ geht um, ein Zug von Göttern, Kriegern und toten Seelen über den winterlichen Nachthimmel. Da möchte man nicht mitgezogen werden. Zum Zug gehört eine weibliche Gottheit: Frigg bzw. Frigga. Uns ist sie besser unter ihrem späteren Namen (Frau) Holle bekannt. Terra X machte sie 2020 zum Thema und zeigt uns den aktuellen Forschungsstand.

Interessant für das Buch „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“ sind die Aussagen von Prof. Dr. Rudolf Simek (Mediävist an der Universität Bonn). Er arbeitet regelmäßig mit dem ZDF, arte und dem WDR zusammen. Zu seiner Vita gelangt man, wenn man hier klickt. Über Holle sagt er in der TV-Dokumentation:

„Wir haben eine große Muttergottheit in allen Hochkulturen. Wir haben im nahöstlichen Bereich die Demeter, eine Muttergottheit, die auch für Fruchtbarkeit und indirekt sogar fürs Wetter zuständig ist. Wir haben die Hera als Königin oder Mutter aller Götter im römischen Bereich – als Frau von Jupiter beziehungsweise Zeus. Und wir haben im nordischen Bereich die der Hera entsprechende Frigg, die Frau von Odin, die indirekt damit auch die Mutter aller Götter ist.“ Frigg entwickelte sich mit der Zeit zu Hulda/Holda und letztlich zu (Frau) Holle.

Im Moment ist in Bayern, Österreich und der Schweiz die Zeit der Perchtenläufe. Hierzu sagt Simek: „In alpenländischen Perchtenläufen, wie alt sie jetzt immer auch sein mögen, haben wir verschiedene interessante Figuren drinnen wie die Frau Perchta oder diese Frau Holda – die uns unterschiedliche Aspekte zeigen: Einen positiven und einen negativen. Und das weist auf die Funktionen dieser Figuren hin, die eine moralische Instanz bilden, also vielleicht das Gute belohnen und das Böse bestrafen – so wie es auch Frau Holle im Märchen tut.“

Terra X endet mit dem Fazit, das letztlich den aktuellen Forschungsstand knapp umreißt: „Das Märchen (von Frau Holle) erzählt von einer Zeit, als die meisten Menschen noch auf dem Dorf wohnen. Durch die mündliche Überlieferung sind viele Vorstellungen eingeflossen, auch aus der Zeit des Biedermeiers. Über das richtige Verhalten der jungen Frauen entscheidet allein Frau Holle. Ihre Autorität geht zurück auf heidnische Muttergottheiten, die schützen, belohnen und strafen. Und nebenbei auch noch das Wetter machen.“

Holle kommt im Buch „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“ eine Schlüsselrolle zu. Das Crowdfunding startet am kommenden Sonntag, den 5. Januar 2025, um 12 Uhr hier: https://www.startnext.com/elwedritsche-dunkle-gefaehrten

Pennsylvania – Pfalz – Mesopotamien. Über die Geschichte des Elwedritsche-Erklärbuchs (Audio)

David Ellinger (1913-2003): Pennsylvania Dutch Farm

„Hex Signs“ in Pennsylvania. „Yuscht fer schee“ oder „Just for nice“ sagen die Menschen dort, wenn man sie nach der Bedeutung der Zeichen fragt. Eine Zierde seien sie. Aber sie täuschen sich. Wenn man sich ihnen nähert, erkennt man eine Tür. Geht man durch diese hindurch, gelangt man auf einen schmalen Pfad, der mit der Zeit immer breiter wird. Er führt aus dem Pennsylvania Dutch Country zurück in die Pfalz und von unserer Region die Donau entlang über den Balkan nach Russland und Anatolien – von dort weiter über den Kaukasus in die Region des fruchtbaren Halbmondes. Es ist nicht nur eine Reise durch Räume, sondern auch durch Zeiten. 8000 Jahre müssen wir zurückreisen, um die Ursprünge eines Phänomens zu ergründen, das bei uns in der Pfalz als „Elwedritsch“ bekannt ist.

Hören Sie sich hier eine kurze Audio-Einführung an und unterstützen Sie die Crowdfunding-Kampagne, die die Publikation dieses Buches möglich machen wird. Sie startet hinter diesem Link am 5. Januar 2025:

https://www.startnext.com/elwedritsche-dunkle-gefaehrten

Bitte geben Sie diesen Link und die Information auch an Ihre Freunde und Bekannten weiter! Vielen Dank.

Hallicher Grischtdaag, alliebber – un en guud nei Yaahr mit Bretzle wie en Scheierdoor!

Dr. Michael Werner

Sam Stoltzfus – Der Amish Botschafter

Ein „Amish Buggy“ im Lancaster County

Eine Würdigung

Wenn ich von Sam Stoltzfus (geboren 1943) erzähle, berichte ich gleichzeitig auch von etwa einem Dutzend Amish, zu denen ich in den vergangenen 30 Jahren eine engere Beziehung aufgebaut habe. Ich war in den Gottesdiensten willkommen und habe Werk- wie Sonntage mit ihnen und ihren Familien verbracht. Wenn es zeitlich passte, bin ich mit zu ihren Zusammenkünften gegangen und habe auch ihren Austausch mit den Old Order Mennoniten aufmerksam verfolgt. Zwischen beiden Gruppen gibt es viele Ähnlichkeiten, aber auch ein paar wesentliche Unterschiede. Fotos von Menschen im Portrait gibt es in diesem Artikel nicht, denn Amish lassen sich – bis auf wenige Ausnahmen – nicht gerne bewusst fotografieren.

Ich habe gelernt, dass es bei Amish ebenso viel Liebe und Leid gibt wie in jeder anderen gesellschaftlichen Gruppe auch. Es gibt Gesunde wie Kranke – und viel Ehrlichkeit und Humor. Aber es ist bestimmt keine heile Welt, und wer sich für Landwirtschaft nach Bio-Standards interessiert, sollte woanders suchen.

Für mich standen die Amish ganz am Anfang meines Interesses am Pennsylvania Dutch Country. Ich hatte mich während meines Linguistik-Studiums in Mannheim gefragt, ob es mir durch meinen eigenen pfälzischen Dialekt möglich sein würde, Zutritt zu dieser verschlossenen Gruppe zu erhalten.

Heu-Auktion in New Holland (PA) im Jahr 2015

Es funktionierte. Vermittelt durch die Kontakte meines Freundes Dick Beam besuchte ich bereits im Sommer 1994 die Bauerei von Sam Stoltzfus und seiner Familie in Gordonville im Lancaster County. Wir verstanden uns prächtig. Ich begleitete ihn zu den Versammlungen der Pequea Bruderschaft Library, ging mit ihm zum gemeinsamen Singen von Amish und Mennoniten und besuchte natürlich die Amish „Gmee“, wann immer es möglich war. Bis zu drei Stunden dauern die Gottesdienste, und man lernt viel für’s Leben: Über Gemeinschaft, Rücksichtsnahme und Toleranz (vor allem gegenüber Kindern), aber auch, was strenge Regeln mit einer Gruppe und Individuen auch im negativen Sinne machen können. Mein Fazit ist sehr ambivalent.

Und da es sich bei den Amish letztlich um eine Gesellschaft handelt, deren Wurzeln in der Schweiz liegen, freute ich mich immer, nach einigen Tagen im Lancaster County ins nördlich gelegene Berks County zu wechseln, wo die Nachfahren der alten pfälzer Bauern leben. Hier fühle ich mich zu Hause!

Wohl gefühlt habe ich mich aber auch in den Wohnzimmern von Sam Stoltzfus, Gid Fisher, Ben Riehl und den vielen anderen Amish, die mir die Türen öffneten und meine vielen Fragen gerne beantworteten.

Amish Farm im Lancaster County (2015)

Sam war in all den Jahren meine Konstante. Niemals versäumte ich es, bei meinen Besuchen in Pennsylvania bei Sam vorbeizusehen. Oft blieb es beim kurzen „Bsuche“ – einem Gespräch auf der Porch – manchmal blieb ich zum Essen. Sam war immer geschichts- und sprachinteressiert. Deshalb gingen uns die Themen nicht aus. Er war regelmäßiger Schreiber für meine Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“. Seine Texte stellten mich immer vor Herausforderungen, denn seine Schreibweise der pennsylvanisch-deutschen Mundart war sehr besonders. Aber die Geschichten waren es auch. Einmal berichtete er von einem Fallschirmsprung, den er als Teenager mit Freunden vom Dach einer Scheune gemacht hatte. Alles ging glimpflich aus. Wenn man gleichzeitig gläubiger Christ und ein offener Freigeist ist, kann man im Laufe seines Lebens immer wieder einmal in Diskussionen mit den jeweiligen Gemeindeoberen kommen. Sam hat das alles gemeistert und ist Oberhaupt einer wunderbaren großen Familie.

Erst seit ich meinen Hauptfokus auf Berks County gelegt habe, ist unser Kontakt etwas spärlicher geworden. So habe ich seinen 80. Geburtstag im Jahr 2023 verpasst. Deshalb werfe ich meinen „deitschen Schtrohut“ heute nachträglich in die Höhe und rufe Sam aus der Ferne: „Alles Bescht zu dir, bis mer uns widder sehne!“

Prof. Don Yoder – Die Legende

Prof. Don Yoder (1921-2015) mit Michael Werner im Jahr 2007

Eine Würdigung

Manchmal braucht man lange, um zu bemerken, wie wichtig die Bekanntschaft einer Person für einen selbst gewesen ist. Man nimmt die Begegnungen, wie sie kommen – und entdeckt erst viele Jahre später, welch entscheidende Schalter im Rahmen dieses Austauschs umgelegt wurden. So ging es mir mit Prof. Don Yoder (1921-2015), der in vielerlei Hinsicht ein „Jahrhundertmann“ und eine Legende war.

Don Yoder hatte ich mit Rolands Pauls (1951-2023) Hilfe zweimal in einer Bibliothek getroffen, aber da der Kontakt aufgrund des gemeinsamen Interessensgebietes der pfälzisch-amerikanischen Nordamerikaauswanderung nun immer enger wurde, legte Roland mir einen längeren Besuch in Don Yoders Landhaus in Devon (PA) nahe. Ich wusste, dass Roland bei seinen längeren Pennsylvania-Aufenthalten immer in der kolonialen Villa von Don Yoder wohnte – und Don war bereit, mich auch privat zu empfangen, so dass ich in den Jahren zwischen 2000 und 2015 immer einmal wieder für mehrere Stunden Gelegenheit hatte, mich mit einem der Väter der pennsylvanisch-deutschen Volkskunde auszutauschen. Immerhin war Don Yoder einer der Gründer des Kutztown Folk Festivals im Jahr 1951 – diese traditionsreiche Veranstaltung fand 2024 leider zum letzten Mal statt.

Mit Don sprach ich über Geschichten, die ich im Rahmen meiner linguistischen Studien auf Band aufgenommen hatte, und die mir zum Teil als Pfälzer eigenartig vertraut vorkamen. Bei anderen stand ich völlig im Wald und konnte mir auf nichts einen Reim machen: Da sprach eine Frau von einem „Bucklich Maennli“, das bei ihr neben dem Herd in einer unaufgeräumten Ecke der Küche wohnte. Ein Mann berichtete von einer Vogelscheuche auf dem Feld, die er „Butzemann“ nannte und die Opfergaben erhielt. Ein anderer machte alljährlich im März eine Prozession um sein Grundstück herum, sagte eigenartige Sprüche und legte in allen Ecken Samen als  Geschenke für Elfen ab und Teile eines Fisches für Katzen, die einer Gottheit mit Namen „Freya“ gehörten. Es waren ganz seltsame Geschichten, die irgendwie nicht und irgendwie doch zusammenpassten.

Verleihung der Ehrenmitgliedschaft des Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreises e.V. an Prof. Don Yoder in Alzey im Jahr 2009 (v.l. Dr. Michael Werner, Karl Scherer, Prof. Don Yoder, Frank Kessler)

Die Menschen in Pennsylvania hatten mir über Jahre diese Geschichten erzählt, und weil ich mich zu dieser Zeit vorwiegend mit sprachlichen Phänomenen beschäftigte, hatte ich die Inhalte ihrer Erzählungen zunächst nicht wirklich an mich herangelassen. Die einzelnen Phänomene blieben einfach unverbunden und unverknüpft in einer Hinterstube meines Hirns. Bis zu einem besonderen Tag: Da fand ich in einem Kochbuch das Rezept für Hirschgeweihkekse („antler cookies“), die im Februar gebacken werden, um sie im Wald als Opfergabe für den „Waldmops“ abzulegen.

Ich sprach seinerzeit mit jemandem, der diesen Brauch noch kannte. Auf einmal merkte ich, dass diese Geschichte ein „missing link“ sein könnte – das letzte „Puzzle-Teil“. Von diesem kulturellen Muster aus geschaut fügten sich die anderen Geschichten jetzt auf einmal wundersam zusammen und ergaben ein stimmiges Bild. Und wenn ich darauf schaute, fanden jetzt auf einmal auch die Elwedritsche ihren eindeutigen Platz. Konnte es sein, dass sich mir in Pennsylvania eine Tür geöffnet hatte, um über die kulturellen Praktiken der Pennsylvania-Deutschen einen Blick auf die Pfalz und die Pfälzer im 18. Jahrhundert zu erhalten?

Heute kann ich sagen, dass das genau so ist. Don Yoder, mit dem ich lange hierüber sprach, stimmte mir jedenfalls zu. Ich gehe deshalb einen Schritt weiter und sage, man kann die Pfalz vielleicht überhaupt nur verstehen, wenn man die für die Pfalz relevanten Auswanderungsgesellschaften besucht und von ihnen lernt, wie unsere Vorfahren vor 300 Jahren gelebt und gedacht haben. Auf einmal wird es dann möglich zu erkennen, was wir von der Pfalz aus nicht sehen. Um bei den Elwedritsche zu bleiben – eines sind letztere ganz sicher nicht: Fabeltiere.

Don Yoder „atmete“ die pennsylvanisch-deutsche Kultur, und er hat mich gelehrt, kulturelle Muster nicht mit meinen eigenen Augen anzuschauen, sondern mit den Augen derjenigen, die sie praktizieren. Auch in diesem Punkt habe ich lange gebraucht zu verstehen, was er meint. Aber irgendwann ist mir klar geworden, dass wir in der Pfalz auch deshalb nicht verstehen, was zum Beispiel Elwedritsche sind, weil wir nicht bereit sind, unsere Perspektive als aufgeklärte Menschen des 21. Jahrhunderts aufzugeben und uns in die Perspektive der Menschen zu begeben, die vor vielen hundert Jahren in unserer Region lebten.

Ein Tritschologe aus der Pfalz (nicht aus Landau!) hat mir in einem Gespräch einmal gesagt, er könne ein Buch über Elwedritsche in zwei Wochen schreiben, wenn es sein müsse. Ich habe ihn zu dieser Fähigkeit beglückwünscht. Ich habe 30 Jahre gebraucht, um die Zusammenhänge zu sehen. Don Yoder wäre sicherlich ebenfalls sehr beeindruckt gewesen. Seine Buchprojekte nahmen üblicherweise auch einen langen Zeitraum in Anspruch. Man konnte bei der Lektüre seiner Publikationen aber immer sicher sein, neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Der wiescht Kall im Busch

Belznickel by Rachel Yoder (2015)

Gschriwwe beim Michael Werner

Yetz, wu Grischtdaag nimmi weit un der erscht Schnee schun gfalle iss, denk ich oft an ebbes, ass ghaeppent hot, wie ich noch en Bu waar. Do, in der Busch, wu ich alleweil am schtehne bin, iss es gschehne. Gschehne, was net haett gschehne selle. In der Zeit, wu es erscht schpot hell, frieh duschber un aa der ganz Daag iwwer oft net rielli hell watt, iss der Busch voll mit Gschpucke. Glei datt hinne, net weit weg vun wu ich nau schtehne duh, geht’s der Hiwwel nunner zum Stony Roll Grick. Datt hemmer gschtanne, der Paul Reifsnyder un ich, un henn nunnergeguckt zum Jakob Bauer, ass doot im Wasser glegge hot.

Der Jakob waar vun Deitschland kumme mit sei Eldre, un sie henn sich deheem gemacht do in Baricks Kaundi. Ins Eeschtubbich Schulheisli simmer gange zamme, un wammer als die hochdeitsch Bible glese henn, noht hot mer heere kenne, ass der Jakob sell guud hot lese un aa alles verschtehne kenne. Net wie mir Pennsylvanisch-Deitsche, wu allfatt Druwwel henn mit Hochdeitsch. Fer sell hemmer ihn yuscht „der Deitschlenner“ gheesse un henn ihn aa aardlich geretzt wehich sell.

Der Paul Reifsnyder, ich un deel anneri Buwe henn aa naach die Schul allegebott Schtreit aagfange mit der Jakob. Der Jakob waar gmeenerhand alleenich uff em Weg heem. Meh wie eemol iss er heemkumme zu sei Memm mit en bloo Aag. Der Paul Reifsnyder waar meh wie en Yaahr aelder wie ich waar, greesser un schtarick. Un ich meind noch, wie ich der Jakob Bauer emol aagedroffe hab uff em Weg un hab ihn wiescht verglobbt. Yuscht fer schpeeder die anneri Buwe verzehle kenne, was ich geduh hab. Mir waare wieschte Buwe – sell iss ferschur.

Eemol, katz eb Grischtdaag, waar ich mit em Paul im Busch Feierholz gricke, wie all uff emol der Jakob Bauer datt vor uns gschtanne hot uff em Weg. Er hot uns vermarickt, un wie er gsehne hot, ass mir zu ihm laafe welle, hot er rumgedreht un iss fatt gschprunge. Die Daage eb sell hot’s wiescht gschneet ghatt, so ass der Schnee ball zwee Fuuss hoch glegge hot. Mer hot net guud laafe kenne, un mir sinn allegebott iwwer ebbes gschtatzt, ass unnich em Schnee gelege hot, un hiegfalle. Der Jakob iss aa, un so hot’s ferschur wennich gschpassich geguckt, wie mir datt am hinnich ihm heerlaafe waare – der Paul un ich. Un doch hemmer vermarickt, ass der Jakob schneller fattkumme iss wie mir. Mir henn net gewisst ferwas, awwer der Busch hot uns kenne fluche heere. All uff emol hemmer en laut Gegrisch gheert. Noht waar alles ruhich. Der Paul un ich henn gschtoppt un sinn noht yuscht ganz langsam weider geloffe fer ausfinne, was ghaeppent hot.

Wie mir an der Blatz kumme sinn, wu’s der Hiwwel nunnergeht zum Stony Roll Grick, hemmer vermarickt, ass mer unne im Wasser ebbes sehne kann. Ebbes, ass net do sei sett middes im Grick: Der Jakob hot datt glegge un hot sich net meh geregt. Sei ganz Kareper waar nass, un des kalt Wasser iss newich ihm verbei un iwwer ihn driwwer. Un alsemol hot mer en rote Gschpur sehne kenne, ass sich vun seim Kopp wegbewegt hot. Mir henn uns aageguckt un sinn bleech warre. Noht hemmer uns anneghockt in der Schnee. Nix hemmer gsaat, fer en paar Minudde. Noht hot mich der Paul Reifsnyder gepackt am Hals un hot gegrische: „Niemand daref ebbes wisse vun sell. Sell iss nie net geschehne. Verschtehscht?“ Ich hab ihn yuscht aageguckt. Un noht simmer Draene aus die Aage geloffe.

Ich weess net, wie lang mer datt ghockt waare. Awwer all uff emol hemmer ebbes gheert im Busch. Es waar, wie wann ebbes Groosses sich Blatz schaffe deet, so ass es zu uns kumme kennt. „Hot’s alleweil Baere im Busch?“, hawwich der Paul leis gfrogt? „Mer hot noch kenni gsehne die letztschte Woche“, hot er geantwatt. „Loss uns schnell geh“, hawwich gsaat. Mir waare aardlich bang, sinn uffgschtanne un henn uns uff der Weg heem gemacht.

Widder hot mer ebbes heere kenne, nau schun ganz nah, un ebber hot mer schnaufe heere – dief un schwer. Awwer wie ich mich rumgedreht hab, hawwich nix sehne kenne. Verleicht aa, weil’s nau aa schun am duschber warre waar. Wann ich es recht bedenk, hawwich nau fer’s erscht Mol ebbes gheert ass wie en dicke Eisekett. Sie hot en aardlich Yacht gemacht, weil der Kall so schtarick am geh waar. Weider un weider simmer gange, un schneller und schneller simmer geloffe. Dann, wie ich gheert hab, wie en Ascht brecht links hinnich mir, net zu weit weg, hawwich mich nochemol rumgedreht. Noht hawwichs gsehne, yuscht fer en katzer Moment:

Es waar en groosser Kall, verleicht siwwe Fuuss hoch, ganz alt un wieschtguckisch. Zwee Kette hot er ghatt: eens rum sei Hals un eens rum sei Bauch, ass ums sei Bee runnerghanke hot. Dick eigepackt in Belze un um sei Kopp rum en groossi Belzkapp. Sei Ochdem hot mer sehne kenne in die Kaelt, wann er gschnauft hot. Wie en weisser Newwel hot er vor seim Gsicht gschtanne. Un des waar schwatz un weiss alliwwer. Er hot net geguckt wie en Mensch. Un noch ebbes hot mich gwunnert. Datt, wu nix sei sett, hot der wiescht Kall ebbes ghatt: zwee dicke Hanner uff sei Kopp. Wie der Deifel selwert. Ich hab sell net glaawe welle, wie ich sell vermarickt hab. Neegscht hett ich laut gegrische, awwer ich hab schtaende kenne, es zurickzuhalde. Mit groosse Schritt hot der Kall browiert, neecher zu uns zu kumme. Un die Kedde henn laut geglebbert.

„Mir misse weg vunenanner“, hot der Paul gegrische. Un glei simmer zwee unnerschiddliche Wege geloffe, so schnell, ass mer gekennt henn. „Nix wie heem“, hawwich der Paul noch heere kreische, awwer sell waar schun en latt leiser wie devor. Un wennicher wie en Minudd schpeeder hot mer en Gegrisch gheert, Holz knackse, noht ebbes, ass meh wie en Baer gelaut hot ass wie en Mensch. Dann waar alles ruhich. Ich bin als weider geloffe, aus em Wald naus un nix wie heem zu unser Bauerei.

Die Memm hot schun gewaart ghatt an die Deer. „Wu bleibscht dann, Bu! Kumm rei, es Owetiems schteht uff der Disch.“ Ich hab neegscht nix esse kenne seller Owet un bin frieh ins Bett.

Der neegscht Mariye in der Schul waar der Paul net do. Ich bin zu sei Heemet geloffe am Naachmiddag, awwer ich hab mich net recht gedraut neigeh. Hinnich en Baam hawwich gschtanne un gsehne, wie etliche Leit naus un neigange sinn. Sei Memm, sei Paep, Brieder un Schweschdre, der Sheriff. Es waar net schwer fer ausfinne, ass der Paul net heemkumme iss geschter Owet.

Noht bin ich zerick gloffe in der Busch, bin neigange un hab browiert der Blatz finne, wu der Paul un ich geschter am fattlaafe waare. Lang hawwich gsucht, noht hawwich eens vun em Paul sein Hensching gfunne datt im Schnee leie. Der Paul waar net do. All uff emol hawwich en Gschpur gsehne im Schnee. Es waar net vun en Mensch, un es waar net vun en Gedier. Es hot wennich geguckt, wie wann ebber oder ebbes en Sack hinnich sich her am ziehge iss mit ebbes drin, ass aarick schwer iss. Nunner zum Grick – datt hot sich die Gschpur verlore. Sell iss alles, was ich verzehle kann.

Francis D. Kline – Der Netzwerker

Francis D. Kline war ein wichtiger Netzwerker und Multiplikator der pennsylvanisch-deutschen Community (2005)

Eine Würdigung

Francis D. Kline (1937-2013) brachte Menschen zusammen. Als „Schulmeeschter“ von Pennsylvania German Classes, Sänger und Organisator des „Dolpehocken Saenger Chors“ und Mitstreiter in der Bewegung der Dialekt-Versammlungen und Groundhog Lodges sowie als Mitglied in der Pennsylvania German Dialect and Culture Society fand man Francis immer dort, wo die deitsche Mundart in Pennsylvania gepflegt wurde.

Verheiratet war er über 50 Jahre lang mit Marianne Müller, die aus Chemnitz stammte und als kleines Kind nach dem Krieg in die Vereinigten Staaten gekommen war. Deutsch sprach sie nicht mehr. Die beiden waren ein klasse Team, das unter anderem einen monatlichen E-Mail-Newsletter herausbrachte, der wirklich alle relevanten Neuigkeiten rund um das Pennsylvanisch-Deutsche enthielt – einschließlich der Jahrestage und Geburtstage von Mitgliedern der verschiedenen Vereinigungen.

Marianne (im Vordergrund) und Francis bei einem Kulturfrühstück in „Risser’s Restaurant“ (2012)

Wenn ich heute davon spreche, dass ich über die vergangenen 30 Jahre mit hunderten Menschen gesprochen und sie interviewt habe, muss ich sagen, dass einer meiner wichtigsten Multiplikatoren in Berks County Francis D. Kline war. Er wusste, wen ich zu welchem Thema ansprechen konnte. Also fuhr ich hin und machte Aufnahmen oder Mitschriften.

Sehr lustig war, als er mir erzählte, dass seine Vorfahren aus dem Ort Ulmet bei Kusel in der Westpfalz kamen. In diesem wirklich kleinen Ort ist auch unsere Familie bis ins 16. Jahrhundert zurück stark verwurzelt. Und Auswanderer hat es von hier nach Gnadenhutten in Ohio verschlagen – einem pennsylvanisch-deutschen Sprachgebiet im westlichen Nachbarstaat von Pennsylvania. Gemeinsame Vorfahren fanden wir jedoch nicht. Die „Kleins“ waren erst Ende des 17. Jahrhunderts aus der Region des heutigen Saarlands zugezogen und haben den Ort bereits Anfang des 18. Jahrhunderts mit den ersten großen Auswanderungswellen in Richtung Pennsylvania wieder verlassen.

Wenn ich in Pennsylvania war, reiste ich manchmal wie ein Groupie tagelang den Veranstaltungen des „Dolpehocken Saenger Chors“ hinterher. Die älteren Damen in der Gruppe freuten sich immer, wenn ich da war, und ich wurde wirklich auch immer gut betreut. Einmal pro Monat gestaltete der Chor die „Pennsylvanisch-Deitsch Schtunn“ im „Berks County TV“ (BCTV). Auch dort war ich oft mit zu Gast.

Der Dolpehocken Saenger Chor im „Berks County TV“ in Reading im Jahr 2002 (mit Francis, 2. v. rechts)

Wenn ich darüber nachdenke, muss ich sagen, dass Chöre eine hervorragende Möglichkeit darstellen, sich wieder mit seiner eigenen Kultur zu verbinden. Man muss nicht fließend Pennsylvanisch-Deutsch sprechen können, um pennsylvanisch-deutsch zu singen. So gesehen leistete der Chor über viele Jahre eine hervorragende Arbeit – auch durch die Gestaltung von Mundartgottesdiensten.

Wenn ich mir jetwas wünschen dürfte, wäre es vielleicht das: Dass ein junger Mann oder eine junge Frau in die Fußstapfen von Francis D. Kline tritt und gemeinsam mit anderen einen Chor aufbaut, der aufgrund seines Programms auch Jüngere anzieht. Ich werde dafür werben.