Keith Brintzenhoff spielt in der “Alten Schule” in Ober-Olm (2023)
Zum 30. Jahrestag unserer ersten Begegnung
Mittlerweile hat sich in der Pfalz und angrenzenden Regionen herumgesprochen, dass das alljährlich Anfang Juli stattfindende „Kutztown Folk Festival“ eine gute Gelegenheit ist, mit Mundartsprechern in Kontakt zu kommen. Bekannt wie ein bunter Hund ist dort der Musiker und Redner Keith Brintzenhoff, der auch in der Stadt lebt.
Erstmals getroffen habe ich Keith bei meiner Pennsylvania-Reise im Juli 1994, als ich noch an der Universität Mannheim studierte. Als Musiker sah ich natürlich das Musik- und Buchgeschäft mit dem Namen „Pennsylvania Dutch Hobbies“ auf der Hauptstraße von Kutztown, und ging hinein. Ich war sehr überrascht, dass es dort nicht nur viel Material zum Thema Pennsylvania Dutch zu kaufen gab, sondern der „Schtorkieper“ (Geschäftseigentümer) mich auch in Mundart begrüßte: „Ach, du Liewer, vun Deitschland bischt! Sell kammer net glaawe.“ Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, die nun genau seit 30 Jahren besteht.
Keith Brintzenhoff in seinem Laden “Pennsylvania Dutch Hobbies” in Kutztown (1994)
In den darauffolgenden Jahren lüftete Keith für mich das Geheimnis, wie Banjo und Mountain Dulcimer funktionieren – zwei für die pennsylvanisch-deitsche Folk Music wichtige Instrumente. Wichtiger noch: Er brachte mich in Kontakt mit Musikern, von denen ich in den folgenden Jahren viel lernen sollte: Mike & Linda Hertzog, Dave Kline („East Side Dave“), Chris LaRose, John Schmid, Robert Entler, der Martin Family und vielen anderen.
2015 nahm ich bei Mike Hertzog in der Musikschule bei Meadwood Music in Blandon (PA) einige Banjo-Unterrichtsstunden. Nicht viele, aber sie reichten, um mich auf der Bühne mit der „New Paltz Band“ mit dem Banjo nicht zu verletzen. Immerhin. Chris LaRose wies mich beim Besuch in Ober-Olm im Rahmen der “Hiwwe wie Driwwe Tour 2016” in die Clawhammer Technik auf dem Banjo ein.
2019 war ich mit meiner Band beim Kutztown Folk Festival zu Gast. Auf Einladung des Goethe Instituts Washington waren wir Teil des Kulturprogramms “Wunderbar Together”, das vom Deutschen Außenministerium in Berlin finanziert wurde. 2022 trat ich mit einem Sologrogramm in Kutztown auf.
Keith Brintzenhoff mit Michael Werner und Dave Kline (Mitte) beim Kutztown Folk Festival 2022
Zurück zu Keith: Wann immer ich in den letzten 30 Jahren Kutztown besuchte, schaute ich auch bei ihm und seiner Frau Karlene vorbei. Wenn ich mich einige Tage im ländlichen, konservativen Pennsylvania Dutch Country bewegte, fühlte ich mich danach am Küchentisch bei Brintzenhoffs bei einem Glas Bier und netten Gesprächen immer besonders wohl.
Mit der „Hiwwe wie Driwwe Palatinate Tour“, die ich seit 2008 hier bei uns in der Pfalz organisiere, brachte ich Keith 2012 und 2023 nach Deutschland. Seine Konzerte sind immer etwas Besonderes, weil er auch ein überaus humorvoller Redner ist.
Dass das Pennsylvanisch-Deutsche in Berks County auf dem Rückzug ist, bekümmert Keith Brintzenhoff. „Was kammer duh?“, fragt er dann. Und macht dann weiter mit dem, was er schon seit Jahrzehnten tut: Er macht Auftritte, spricht bei Veranstaltungen, gibt Unterricht in Mundart und ist vor allem einer der wesentlichen Mitgestalter des Kutztown Folk Festivals.
Wer dort hingeht, wird ihn nicht verfehlen. Wo große Fröhlichkeit herrscht, ist er nicht weit. Grooss Dank, Keith, fer en Freindschaft vun 30 Yaahr!
Keith und Karlene Brintzenhoff mit Michael Werner (2007)Keith Brintzenhoff (2007)Keith Brintzenhoff (2010)Keith Brintzenhoff in Bockenheim (2012)Keith Brintzenhoff im Festzelt (2012)Keith Brintzenhoff (2012)Keith Brintzenhoff (2015)Keith Brintzenhoff mit Mike Hertzog (2017)Keith Brintzenhoff und Michael Werner (2012)Keith Brintzenhoff (2019)Keith Brintzenhoff mit Dave Kline (2022)Keith Brintzenhoff (2023)Keith Brintzenhoff und Michael Werner (2023)Keith Brintzenhoff (2023)Keith Brintzenhoff mit Doug Madenford (2017)Patrick Donmoyer und Keith Brintzenhoff 2017Keith Brintzenhoff (2017)
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Roland Paul am Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde in Kaiserslautern (2013)
Zum ersten Todestag von Roland Paul am 24. Juni 2024
Wer wie ich Anfang der 1990er Jahre im Pennsylvania Dutch Country in den USA linguistische Studien durchführen wollte, brauchte „Türöffner“ und damit Menschen, die relevante Dialektsprecher kannten und einen Kontakt herstellen konnten. Vertrauen war hier wichtig, denn manche pennsylvanisch-deutsche Gruppen wie Amish oder konservative Mennoniten waren vorsichtig, wenn es um Kontakte mit Fremden – zumal von der Universität – ging. Das sind sie noch immer.
Ich hatte zwei Türöffner: Prof. C. Richard Beam (1925-2018) für die konservativen Sektengruppen in Lancaster County, und Roland Paul (1951-2023), der mich mit Prof. Don Yoder (1921-2015) bekannt machte und mir so die pennsylvanisch-deutsche Welt der Lutheraner und Reformierten erschloss.
Roland hatte ich 1992 am Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde in Kaiserslautern kennengelernt. Allerdings eher im Vorübergehen, denn Ziel meiner damaligen Besuche war die Arbeitsstelle des Pfälzischen Wörterbuchs – ein Projekt, das Dr. Rudolf Post betreute und 1998 auch mit der Publikation des letzten Bandes zum Abschluss brachte. Meine Magisterarbeit zu Französismen im Pfälzischen an der Universität Mannheim beendete ich 1993, und meine Promotion über den englischen Einfluss auf die Dialektliteratur der Pennsylvaniadeutschen dann 1996.
1997 gründete ich die pfälzisch-pennsylvanische Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“, die noch heute erscheint und die Ausgangspunkt für eine ganze Reihe von Projekten zum selben Thema war und ist. Erst ab diesem Zeitpunkt waren Roland und ich in regelmäßigem Kontakt. Er wurde intensiver, als wir ab 2003 im neu gegründeten Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreis e.V. (DPAK) zusammenarbeiteten.
Don Yoder hatte ich mit Rolands Hilfe zweimal in einer Bibliothek getroffen, aber da der Kontakt aufgrund des gemeinsamen Interessensgebietes der pfälzisch-amerikanischen Nordamerikaauswanderung nun immer enger wurde, legte Roland mir einen längeren Besuch in Don Yoders Landhaus in Devon (PA) nahe. Ich wusste, dass Roland bei seinen längeren Pennsylvania-Aufenthalten immer in der kolonialen Villa von Don Yoder wohnte – und Don war bereit, mich auch privat zu empfangen, so dass ich in den Jahren zwischen 2000 und 2015 immer einmal wieder für mehrere Stunden Gelegenheit hatte, mich mit einem der Väter der pennsylvanisch-deutschen Volkskunde auszutauschen. Immerhin war Don Yoder einer der Gründer des Kutztown Folk Festivals im Jahr 1951.
Don Yoder und Michael Werner in Devon (PA) im Jahr 2007
Mit Don sprach ich über Geschichten, die ich im Rahmen meiner linguistischen Studien auf Band aufgenommen hatte, und die mir zum Teil als Pfälzer eigenartig vertraut vorkamen. Bei anderen stand ich völlig im Wald und konnte mir auf nichts einen Reim machen: Da sprach eine Frau von einem „Bucklich Maennli“, das bei ihr neben dem Herd in einer unaufgeräumten Ecke der Küche wohnte. Ein Mann berichtete von einer Vogelscheuche auf dem Feld, die er „Butzemann“ nannte und die Opfergaben erhielt. Ein anderer machte alljährlich im März eine Prozession um sein Grundstück herum, sagte eigenartige Sprüche und legte in allen Ecken Samen als Geschenke für Elfen ab und Teile eines Fisches für Katzen, die einer Gottheit mit Namen „Freya“ gehörten. Letztlich fand ich in einem Kochbuch das Rezept für Hirschgeweihkekse („antler cookies“), die im Februar gebacken werden, um sie im Wald als Opfergabe für den „Waldmops“ abzulegen. Kurz: Es waren ganz seltsame Geschichten, die irgendwie nicht und irgendwie doch zusammenpassten. Konnte es sein, dass sich mir in Pennsylvania eine Tür geöffnet hatte, um über die kulturellen Praktiken der Pennsylvania-Deutschen einen Blick auf die Pfalz und die Pfälzer im 18. Jahrhundert zu erhalten? Heute kann ich sagen, dass das genau so ist. Ich gehe noch einen Schritt weiter und sage, man kann die Pfalz vielleicht überhaupt nur verstehen, wenn man die für die Pfalz relevanten Auswanderungsgesellschaften besucht und von ihnen lernt, wie unsere Vorfahren vor 300 Jahren gelebt und gedacht haben. Auf einmal wird es dann möglich zu erkennen, was wirklich hinter dem Belznickel steckt oder hinter unseren pfälzischen Elwedritsche. Eines sind letztere ganz sicher nicht: Fabeltiere. Don Yoder und ich haben viele Stunden zusammengesessen und miteinander gesprochen: Über Pennsylvania, die Pfalz, Roland Paul und vieles andere. Und manches von dem, was wir ausgetauscht haben, hat weiter in mir gearbeitet und mich auf Wege geführt, an deren Ende – zum Teil erst Jahre später – spannende Erkenntnisse standen.
Roland Paul (Mitte) 2015 in Bockenheim bei der Verleihung des Emichsburg-Preises an den Vorstand des Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreises e.V.: Von links Heike Benß, Bgm. Kurt Janson, Sänger John Schmid (Berlin, OH), Roland Paul, Dr. Michael Werner, Frank Kessler, Volker Gallé und Doris Schweitzer
Im Frühjahr 2023 rief ich Roland an und hatte ihn überraschenderweise auch gleich am Telefon. Ich würde mich gerne mit ihm treffen, sagte ich ihm, weil ich ein neues Buch plane und in dem Kontext seine Meinung zum ein oder anderen inhaltlichen Aspekt haben wollte. Er sagte zu, aber wir vereinbarten keinen konkreten Termin. Zu diesem Gespräch kam es leider nicht mehr, weil Roland Paul am 24. Juni 2023 überraschend verstarb, kurz vor einem Vortrag, den er halten wollte.
Die Chance in Roland Pauls Leben, bei einem Vortrag oder einem Familientreffen zu versterben, war deutlich größer als bei anderen Menschen. Denn wenn ich ihn traf oder sprach, kam er immer von einem Vortrag oder Familientreffen bzw. war auf dem Sprung zu einer solchen Veranstaltung. Bei fast allen Events, die wir gemeinsam besuchten, kam er mit etwas Verspätung an. Sein Terminplan war immer übervoll. Um so mehr rechne ich ihm hoch an, dass er zu meinem 50. Geburtstag, den ich 2015 im Auswanderermuseum Oberalben feierte, nicht nur kam, sondern sogar pünktlich war. Aber er hatte ja auch einen Vortrag zu halten …
Der Pälzylvanier
Roland Paul bei der Gründung des DPAK 2003 in Ober-OlmRoland Paul in Kaiserslautern 2005Deutsch-Pennslyvanischer Tag 2006DPAK-Mitgliederversammlung 2009Beim 50. Geburtstag von Michael Werner 2015Mit Heidrun Werner un Keith Brintzenhoff 2012Roland Paul und Peter Braun beim DPAK-Tag (2008)Prof. David Valuska, Hans Buch und Roland Paul (2002)Roland Paul im Auswanderermuseum Oberalben (2015)Roland Paul in Kaiserslautern (2013)Mit Ehepaar Werner und Keith Brintzenhoff im Auswanderermuseum (2012)Roland Paul und Hans Buch (2005)
Macht mit beim "Pälzer Prosa Preis 2026". Einsendeschluss ist am 1. Februar 2026. Der Wettbewerb findet am 18. April 2026 statt.
Mundarttage Bockenheim 2026
Die Mundart-Werkstatt für pfälzische Nachwuchsautorinnen und Autoren. Termin: 18. April 2026. Bewerbungen sind bis 1. Februar 2026 möglich. Bitte dem Link folgen ...