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Prof. David L. Valuska – Der „Herr General“

Prof. David L. Valuska im Jahr 2019 auf dem Kutztown Folk Festival mit seiner Frau Charlotte (1936-2024)

Eine Würdigung

Am Anfang dieser Geschichte steht eine Frau: Florence Baver (1911-1999). Ich hatte sie im Beitrag über Peter Fritsch bereits erwähnt. Florence war klar, dass ihre „Pennsylvania Dutch Folk Culture Society“ in Lenhartsville (PA) dem Ende entgegen ging. Die Mitgliedschaft war überaltert, und es kamen keine Jüngeren nach, die sich engagieren wollten. Das Thema kennen viele Vereine. So wandte sich Florence im Jahr 1990 an Prof. Dr. David McFarland, seinerzeit Präsident der Kutztown University, um eine Lösung zu finden. David McFarland habe ich in den 1990er Jahren in Deutschland kennengelernt, als er mit Reisegruppen in der Pfalz unterwegs war. Sie kamen überein, dass die Sammlung des Vereins auf die Kutztown University übertragen werden sollte – und dass die Universität ein „Pennsylvania German Cultural Heritage Center“ einrichten würde. All dies sollte rund um einen Bauernhof geschehen, der im Besitz der Universität war. Ein weiter glücklicher Zufall war, dass eine gewisse Dr. Ruth M. Freyburger (Kutztown-Absolventin aus dem Jahr 1935) der Uni einen beträchtlichen Geldbetrag geschenkt hatte, mit dem eine Professur mit pennsylvanisch-deutschem Schwerpunkt unterstützt werden sollte.

Und hier kam David Valuska (geboren 1938) ins Spiel: McFarland übertrug ihm die erste „Freyberger Professur“ und machte ihn 1991 zum Direktor des neu gegründeten „Pennsylvania German Cultural Heritage Centers“ in Kutztown. David war Geschichtsprofessor und hatte einen seiner Schwerpunkte beim Thema „Amerikanischer Bürgerkrieg“. Auch bei der Nachstellung historischer Schlachten („Reenactments“) beteiligte er sich, weshalb er manchmal als „der Herr General“ vorgestellt wurde. Die Valuskas – man hört es am Namen – kamen nicht aus der Kurpfalz, sondern aus Österreich-Ungarn. Aber das tat der Sache keinen Abbruch. David machte sich daran, das Center aufzubauen. Als ich ihn ab 1994 näher kennenlernte, sprachen wir manchmal über die mühsamen kleinen Schritte beim Aufbau und den insgesamt langsamen Fortschritt. „We have to walk, before we run“, entgegnete er mir dann gelassen. Und er hatte recht.

Das Provisorium: Bibliothek in einem Trailer (1991-2022)

In den ersten Jahren beherbergte ein Container das Center und die zugehörige Bibliothek. Und kaum gegründet, meldeten andere Fachbereiche schon wieder Ansprüche auf das große Gelände rund um den zugehörigen Bauernhof an. Sportplätze sollten gebaut werden, auch ein Baseball Field – und es stand wohl mehr als einmal auf der Kippe, ob das Pennsylvania German Cultural Heritage Center erhalten werden kann. 2005 ging David in Ruhestand, und sein Nachfolger Prof. Rob Reynolds entwickelte einen Plan, aus dem Heritage Center ein richtiges Freilichtmuseum mit zusätzlichen Gebäuden zu entwickeln. Im Zuge der Planungen besuchte er das Rheinland-Pfälzische Freilichtmuseum in Bad Sobernheim und den Hessenpark – vielleicht auch noch andere. Am Ende wurde nichts daraus, und Rob gab seine Tätigkeit im Heritage Center im Jahr 2012 ab und konzentrierte sich wieder auf seine akademische Laufbahn als Geschichtsprofessor.

Nun kam Patrick Donmoyer (geb. 1985) ins Spiel. Zuvor bereits Mitarbeiter am Center, übernahm er nun die Stelle als Direktor. Und ab diesem Moment kam die Einrichtung vom „Gehen“ ins „Laufen“. Es ging bergauf, und 2022 konnte endlich ein eigenes repräsentatives Gebäude mit Kongressbereich, Bibliothek und Ausstellungsflächen bezogen werden. Das Heritage Center ist nun endlich angekommen.

Die neue Bibliothek des Pennsylvania German Cultural Heritage Centers seit 2022

Die Grundlagen hierfür hat in den ersten 14 Jahren Dr. David Valuska gelegt, der für diese Leistung zurecht auch das Bundesverdienstkreuz erhielt. Nach Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2005 war David vielleicht sogar mehr auf dem Schlachtfeld von Gettysburg zu finden als in Kutztown – aber zum Folk Festival war er für gewöhnlich in der Stadt. Beim „Fescht“ trifft man ihn auch heute noch, vorzugsweise im Rahmen eines seiner Vorträge auf der „Seminar Stage“.

Ich selbst arbeitete zwischen 2003 und 2009 enger mit David zusammen, als wir gemeinsam im Vorstand des Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreises e.V. (DPAK) tätig waren. Als Gründungsvorsitzender hatte ich die Aufgabe, den Verein aufzubauen, und wieder hörte ich David sagen: „We have to walk, before we run!“ Mit uns im Vorstand arbeiteten in diesen Jahren Frank Kessler (2. Vorsitzender), Dr. Walter Sauer, Dr. Helmut Schmahl (Schatzmeister 2003-2006) sowie Prof. Dr. Heinz Helfrich (Schatzmeister 2006-2012).

Obwohl er selbst kein Pennsylvanisch-Deutscher ist, hat David Valuska mit seiner Arbeit maßgeblich dazu beigetragen, dass wir mit dem Pennsylvania German Cultural Heritage Center heute eine Adresse haben, wenn wir uns mit Sprache und Kultur der Nachfahren deutscher Auswanderer in Pennsylvania beschäftigen möchten. Dafür, David, herzlichen Dank!

Der Pälzylvanier

Richard Miller – Ein „Dutchman“ aus dem Bilderbuch

Parre Richard Miller in Ladenburg beim 8. Deutsch-Pennsylvanischen Tag (2013)

Eine Würdigung

Heimatverbunden, familienorientiert, religiös und mit bäuerlichem Background – so sieht auch im 21. Jahrhundert ein typischer Pennsylvanisch-Deutscher aus. Ist dies alles gegeben, stehen die Chancen nicht ganz schlecht, dass die Person auch noch Mundart spricht.

Auf Richard Miller (87) aus Virginville (PA) trifft all dies zu, und Richard ist sogar noch lutherischer Pfarrer. Viele Jahre lebte er in Brooklyn in New York, wo er eine Stadtgemeinde betreute. Und doch zog es ihn immer heim ins pennsylvanisch-deitsch Land, zurück zur Familie. Vor allem im Sommer und beim Kutztown Folk Festival kann man ihn und seinen Bruder Lester antreffen. Richard engagiert sich unter anderem beim „Schreiwerfescht“, sein älterer Bruder betreut die Volkstänzer beim Hoedown auf der Hoedown Stage. Ich glaube, 80 % der kleinen Tänzerzinnen und Tänzer gehören zur großen und weit verzweigten Miller-Familie.

Die Miller Brieder: William, Robert, Richard, Russell und Lester (2012) – Mit einem Klick kommt man zum Video

Richard und vier Brüder traten Jahrzehnte lang als „Miller Brothers“ auf und sangen Lieder in pennsylvanisch-deutscher Mundart. Aber auch allein mit Gitarre ist der „Parre vun Nei Yarick“ immer hörenswert. Ich kenne ihn seit etwa 2007 und hatte ihn 2013 im Rahmen der „Hiwwe wie Driwwe Palatinate Tour“ in die Pfalz eingeladen. Er spielte sein Programm in Bockenheim und Oberalben, aber auch im kurpfälzischen Ladenburg und im rheinhessischen Ober-Olm.

Für uns in Ober-Olm war es der erste „Pennsylvaniadeutsche Abend“, den wir im Rathaus organisierten. Seitdem heißen wir jedes Jahr einen Gast aus Amerika willkommen.

Wenn man mit den Miller-Brüdern und ihren Ehefrauen unterwegs ist, wird es meistens sehr lustig. Leider ist Richards Bruder Russell zwischenzeitlich verstorben. Ich bin nicht sicher, ob sie weiter zu viert auftreten.

Richard lebt mittlerweile im nahen Topton (PA). Von hier aus könnte er die paar Meilen sogar mit einer historischen Eisenbahn nach Kutztown zum Folk Festival fahren.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass man auch in der nächsten Generation der Miller-Familie den Dialekt noch mindestens versteht, wenn nicht auch spricht. Das muss ich bei Gelegenheit einmal testen.

Der Pälzylvanier

Verna Dietrich – Die Bissniss Fraa

Verna Dietrich aus Krumsville (2015)

Zum Andenken an Verna Dietrich (1931-2024)

Am 7. August verstarb die Gründerin von „Dietrich’s Meats & Country Store“ in Krumsville, Verna Dietrich. Sie wurde 93 Jahre alt. Ich kannte Verna seit Jahrzehnten, denn seit meinen ersten Besuchen in Pennsylvania in den 1990er Jahren habe ich immer wieder in Krumsville gestoppt, um in ihrer 1975 eröffneten Metzgerei einzukaufen. Nicht, dass ich unbedingt etwas gebraucht hätte. Ich wusste, dass ich bei ihnen im Laden „in pennsylvanisch-deitsch“ reden kann. Verna sprach die Mundart und hatte sie auch an ihre Kinder weitergegeben.

Ich habe mich bei ihr im Laden und in Hinterzimmern auch deshalb immer gerne aufgehalten, weil es in unserer Familie in der Westpfalz noch immer Verwandte gibt, die eine Metzgerei führen. Wenn wir Mundart sprachen, erinnerte mich das immer an Gespräche im Familienkreis zu Hause. Auch der Geruch im Haus war ähnlich.

Verna Dietrich und Michael Werner beim Kutztown Folk Festival (2017)

Ich habe noch im Kopf, dass ich 2015 mit einem besonderen Auftrag auf ihrem Geschäftsparkplatz anhielt. Ein deutscher Professor hatte mich gebeten herauszufinden, ob in Pennsylvania früher nach einer Hausschlachtung unter den Schlachtern Schnaps herumgereicht wurde. Er kannte die Sitte von Jägern und sah darin ein Ritual, das den Prozess des Zerlegens von Fleisch offiziell beendete. Sie wusste nichts davon zu berichten, stellte aber einen Kontakt zu einer lokalen Bäuerin her, die eine Schweinefarm führte. Dort wohnte ich einige Tage später – es war Februar und sehr kalt – einer Schlachtung bei. Zum Glück kam ich erst um acht Uhr morgens auf der Bauerei an, da war das Wesentliche schon passiert, und Fleisch, Organe und Köpfe lagen schon sortiert in verschiedenen Behältnissen. Die Schlachter frühstückten, unterhielten sich in Pennsylvanisch-Deutsch und lachten. Auch sie tranken keinen Schnaps, und von einer entsprechenden Sitte hatten sie auch noch nichts gehört.

Zurück zu Verna: Sie war eine lokale Berühmtheit und sehr mit dem Kutztown Folk Festival verbunden. Eigentlich traf man sie immer irgendwo auf dem Festival-Gelände an – vor Jahren noch gut zu Fuß, in letzter Zeit dann eher auf ihrem Rollator. Und sie hatte immer etwas zu erzählen. Dass wir uns so gut verständigen konnten, überraschte sie immer aufs Neue: „Du bischt aus em alte Land, gell! Mer kann sell schiergaar net glaawe.“  Soweit ich weiß, war sie nie in Deutschland gewesen.

An der Wand in ihrem Geschäft hing ein Foto von Peer Steinbrück, der sie 2013 besucht hatte, als er Kanzlerkandidat war und nach einem Termin in Philadelphia eine kleine Tour durchs Pennsylvania Dutch Country machte. Der Entourage nach konnte Verna erkennen, dass der Mann in Deutschland wichtig sein musste. Wer er genau war, wusste sie aber, glaube ich, nicht.

Verna Dietrich und Doug Madenford im Gespräch (2017)

Als „Hiwwe wie Driwwe – Pfälzisch in Amerika“ im Jahr 2017 in Pennsylvania gedreht wurde, besuchte Doug Madenford sie natürlich in ihrem Laden, um sie zu interviewen. Es ging – was sonst – um Saumagen. Natürlich gibt es das Gericht auch in Pennsylvania, aber es wird anders gemacht und schmeckt auch anders. Das einzig gemeinsame ist, dass ein Saumagen zum Einsatz kommt, der die weiteren Zutaten aufnimmt.

Mich erinnerten Gespräche mit ihr immer auch ein wenig an meine Großmutter Ella Borger (1906-1998) in Ebertsheim, die ebenfalls aus einem Bauernhaushalt stammte. Wenn Verna aus ihrer Kindheit vor dem Krieg erzählte, war das einer Kindheit in einer pfälzischen Bauersfamilie offensichtlich recht ähnlich.

Von Bekannten weiß ich, dass man der Metzgerin Verna Dietrich manchmal nachsagte, beim Wiegen „einen schweren Daumen“ zu haben. Das fand ich immer lustig, glaube es aber nicht. Das passt nicht zu einer Pennsylvania-Deutschen. Es konnte aber vorkommen, dass man als junger Mann angesprochen wurde, wenn man öfter seine Freundin wechselte: „Du waarscht doch der letscht Munet noch mit en anner Meedli do gewesst – wu iss sie dann?“ Das konnte zu peinlichen Situationen führen, wie mir mehrfach lachend berichtet wurde.

Kurzum: An der „Bissniss Fraa“ (manche sagen auch „Schtorkierpern“) Verna Dietrich ging in den letzten Jahrzehnten im Raum Kutztown wenig bis nichts vorbei. Sie war eine Institution, die fehlen wird. Ihre Familie bleibt dem Folk Festival verbunden. Sie hinterlässt drei Söhne, acht Enkel und acht Urenkel. Ein Urenkel von ihr – Owen Kutz – ist zwar noch in der Grundschule, tritt aber schon selbstbewusst auf der Hauptbühne des Festivals auf und singt mit den alten Hasen, Keith Brintzenhoff und Dave Kline. Das ist schön zu sehen. Mach’s guud, Verna!

Der Pälzylvanier

Keith Brintzenhoff – Mr. Kutztown Folk Festival

Keith Brintzenhoff spielt in der „Alten Schule“ in Ober-Olm (2023)

Zum 30. Jahrestag unserer ersten Begegnung

Mittlerweile hat sich in der Pfalz und angrenzenden Regionen herumgesprochen, dass das alljährlich Anfang Juli stattfindende „Kutztown Folk Festival“ eine gute Gelegenheit ist, mit Mundartsprechern in Kontakt zu kommen. Bekannt wie ein bunter Hund ist dort der Musiker und Redner Keith Brintzenhoff, der auch in der Stadt lebt.

Erstmals getroffen habe ich Keith bei meiner Pennsylvania-Reise im Juli 1994, als ich noch an der Universität Mannheim studierte. Als Musiker sah ich natürlich das Musik- und Buchgeschäft mit dem Namen „Pennsylvania Dutch Hobbies“ auf der Hauptstraße von Kutztown, und ging hinein. Ich war sehr überrascht, dass es dort nicht nur viel Material zum Thema Pennsylvania Dutch zu kaufen gab, sondern der „Schtorkieper“ (Geschäftseigentümer) mich auch in Mundart begrüßte: „Ach, du Liewer, vun Deitschland bischt! Sell kammer net glaawe.“ Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, die nun genau seit 30 Jahren besteht.

Keith Brintzenhoff in seinem Laden „Pennsylvania Dutch Hobbies“ in Kutztown (1994)

In den darauffolgenden Jahren lüftete Keith für mich das Geheimnis, wie Banjo und Mountain Dulcimer funktionieren – zwei für die pennsylvanisch-deitsche Folk Music wichtige Instrumente. Wichtiger noch: Er brachte mich in Kontakt mit Musikern, von denen ich in den folgenden Jahren viel lernen sollte: Mike & Linda Hertzog, Dave Kline („East Side Dave“), Chris LaRose, John Schmid, Robert Entler, der Martin Family und vielen anderen.

2015 nahm ich bei Mike Hertzog in der Musikschule bei Meadwood Music in Blandon (PA) einige Banjo-Unterrichtsstunden. Nicht viele, aber sie reichten, um mich auf der Bühne mit der „New Paltz Band“ mit dem Banjo nicht zu verletzen. Immerhin. Chris LaRose wies mich beim Besuch in Ober-Olm im Rahmen der „Hiwwe wie Driwwe Tour 2016“ in die Clawhammer Technik auf dem Banjo ein.

2019 war ich mit meiner Band beim Kutztown Folk Festival zu Gast. Auf Einladung des Goethe Instituts Washington waren wir Teil des Kulturprogramms „Wunderbar Together“, das vom Deutschen Außenministerium in Berlin finanziert wurde. 2022 trat ich mit einem Sologrogramm in Kutztown auf.

Keith Brintzenhoff mit Michael Werner und Dave Kline (Mitte) beim Kutztown Folk Festival 2022

Zurück zu Keith: Wann immer ich in den letzten 30 Jahren Kutztown besuchte, schaute ich auch bei ihm und seiner Frau Karlene vorbei. Wenn ich mich einige Tage im ländlichen, konservativen Pennsylvania Dutch Country bewegte, fühlte ich mich danach am Küchentisch bei Brintzenhoffs bei einem Glas Bier und netten Gesprächen immer besonders wohl.

Mit der „Hiwwe wie Driwwe Palatinate Tour“, die ich seit 2008 hier bei uns in der Pfalz organisiere, brachte ich Keith 2012 und 2023 nach Deutschland. Seine Konzerte sind immer etwas Besonderes, weil er auch ein überaus humorvoller Redner ist.

Dass das Pennsylvanisch-Deutsche in Berks County auf dem Rückzug ist, bekümmert Keith Brintzenhoff. „Was kammer duh?“, fragt er dann. Und macht dann weiter mit dem, was er schon seit Jahrzehnten tut: Er macht Auftritte, spricht bei Veranstaltungen, gibt Unterricht in Mundart und ist vor allem einer der wesentlichen Mitgestalter des Kutztown Folk Festivals.

Wer dort hingeht, wird ihn nicht verfehlen. Wo große Fröhlichkeit herrscht, ist er nicht weit. Grooss Dank, Keith, fer en Freindschaft vun 30 Yaahr!

Roland Paul – Türöffner nach Pälzylvania

Roland Paul am Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde in Kaiserslautern (2013)

Zum ersten Todestag von Roland Paul am 24. Juni 2024

Wer wie ich Anfang der 1990er Jahre im Pennsylvania Dutch Country in den USA linguistische Studien durchführen wollte, brauchte „Türöffner“ und damit Menschen, die relevante Dialektsprecher kannten und einen Kontakt herstellen konnten. Vertrauen war hier wichtig, denn manche pennsylvanisch-deutsche Gruppen wie Amish oder konservative Mennoniten waren vorsichtig, wenn es um Kontakte mit Fremden – zumal von der Universität – ging. Das sind sie noch immer.

Ich hatte zwei Türöffner: Prof. C. Richard Beam (1925-2018) für die konservativen Sektengruppen in Lancaster County, und Roland Paul (1951-2023), der mich mit Prof. Don Yoder (1921-2015) bekannt machte und mir so die pennsylvanisch-deutsche Welt der Lutheraner und Reformierten erschloss.

Roland hatte ich 1992 am Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde in Kaiserslautern kennengelernt. Allerdings eher im Vorübergehen, denn Ziel meiner damaligen Besuche war die Arbeitsstelle des Pfälzischen Wörterbuchs – ein Projekt, das Dr. Rudolf Post betreute und 1998 auch mit der Publikation des letzten Bandes zum Abschluss brachte. Meine Magisterarbeit zu Französismen im Pfälzischen an der Universität Mannheim beendete ich 1993, und meine Promotion über den englischen Einfluss auf die Dialektliteratur der Pennsylvaniadeutschen dann 1996.

1997 gründete ich die pfälzisch-pennsylvanische Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“, die noch heute erscheint und die Ausgangspunkt für eine ganze Reihe von Projekten zum selben Thema war und ist. Erst ab diesem Zeitpunkt waren Roland und ich in regelmäßigem Kontakt. Er wurde intensiver, als wir ab 2003 im neu gegründeten Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreis e.V. (DPAK) zusammenarbeiteten.

Don Yoder hatte ich mit Rolands Hilfe zweimal in einer Bibliothek getroffen, aber da der Kontakt aufgrund des gemeinsamen Interessensgebietes der pfälzisch-amerikanischen Nordamerikaauswanderung nun immer enger wurde, legte Roland mir einen längeren Besuch in Don Yoders Landhaus in Devon (PA) nahe. Ich wusste, dass Roland bei seinen längeren Pennsylvania-Aufenthalten immer in der kolonialen Villa von Don Yoder wohnte – und Don war bereit, mich auch privat zu empfangen, so dass ich in den Jahren zwischen 2000 und 2015 immer einmal wieder für mehrere Stunden Gelegenheit hatte, mich mit einem der Väter der pennsylvanisch-deutschen Volkskunde auszutauschen. Immerhin war Don Yoder einer der Gründer des Kutztown Folk Festivals im Jahr 1951.

Don Yoder und Michael Werner in Devon (PA) im Jahr 2007

Mit Don sprach ich über Geschichten, die ich im Rahmen meiner linguistischen Studien auf Band aufgenommen hatte, und die mir zum Teil als Pfälzer eigenartig vertraut vorkamen. Bei anderen stand ich völlig im Wald und konnte mir auf nichts einen Reim machen: Da sprach eine Frau von einem „Bucklich Maennli“, das bei ihr neben dem Herd in einer unaufgeräumten Ecke der Küche wohnte. Ein Mann berichtete von einer Vogelscheuche auf dem Feld, die er „Butzemann“ nannte und die Opfergaben erhielt. Ein anderer machte alljährlich im März eine Prozession um sein Grundstück herum, sagte eigenartige Sprüche und legte in allen Ecken Samen als  Geschenke für Elfen ab und Teile eines Fisches für Katzen, die einer Gottheit mit Namen „Freya“ gehörten. Letztlich fand ich in einem Kochbuch das Rezept für Hirschgeweihkekse („antler cookies“), die im Februar gebacken werden, um sie im Wald als Opfergabe für den „Waldmops“ abzulegen. Kurz: Es waren ganz seltsame Geschichten, die irgendwie nicht und irgendwie doch zusammenpassten. Konnte es sein, dass sich mir in Pennsylvania eine Tür geöffnet hatte, um über die kulturellen Praktiken der Pennsylvania-Deutschen einen Blick auf die Pfalz und die Pfälzer im 18. Jahrhundert zu erhalten? Heute kann ich sagen, dass das genau so ist. Ich gehe noch einen Schritt weiter und sage, man kann die Pfalz vielleicht überhaupt nur verstehen, wenn man die für die Pfalz relevanten Auswanderungsgesellschaften besucht und von ihnen lernt, wie unsere Vorfahren vor 300 Jahren gelebt und gedacht haben. Auf einmal wird es dann möglich zu erkennen, was wirklich hinter dem Belznickel steckt oder hinter unseren pfälzischen Elwedritsche. Eines sind letztere ganz sicher nicht: Fabeltiere. Don Yoder und ich haben viele Stunden zusammengesessen und miteinander gesprochen: Über Pennsylvania, die Pfalz, Roland Paul und vieles andere. Und manches von dem, was wir ausgetauscht haben, hat weiter in mir gearbeitet und mich auf Wege geführt, an deren Ende – zum Teil erst Jahre später – spannende Erkenntnisse standen.

Roland Paul (Mitte) 2015 in Bockenheim bei der Verleihung des Emichsburg-Preises an den Vorstand des Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreises e.V.: Von links Heike Benß, Bgm. Kurt Janson, Sänger John Schmid (Berlin, OH), Roland Paul, Dr. Michael Werner, Frank Kessler, Volker Gallé und Doris Schweitzer

Im Frühjahr 2023 rief ich Roland an und hatte ihn überraschenderweise auch gleich am Telefon. Ich würde mich gerne mit ihm treffen, sagte ich ihm, weil ich ein neues Buch plane und in dem Kontext seine Meinung zum ein oder anderen inhaltlichen Aspekt haben wollte. Er sagte zu, aber wir vereinbarten keinen konkreten Termin. Zu diesem Gespräch kam es leider nicht mehr, weil Roland Paul am 24. Juni 2023 überraschend verstarb, kurz vor einem Vortrag, den er halten wollte.

Die Chance in Roland Pauls Leben, bei einem Vortrag oder einem Familientreffen zu versterben, war deutlich größer als bei anderen Menschen. Denn wenn ich ihn traf oder sprach, kam er immer von einem Vortrag oder Familientreffen bzw. war auf dem Sprung zu einer solchen Veranstaltung. Bei fast allen Events, die wir gemeinsam besuchten, kam er mit etwas Verspätung an. Sein Terminplan war immer übervoll. Um so mehr rechne ich ihm hoch an, dass er zu meinem 50. Geburtstag, den ich 2015 im Auswanderermuseum Oberalben feierte, nicht nur kam, sondern sogar pünktlich war. Aber er hatte ja auch einen Vortrag zu halten …

Der Pälzylvanier