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Michael Dostal – Der „VielPfälzer“

Michael Dostal hat mit seinem Magazin „VielPfalz“ die Pfalz zehn Jahre publizistisch begleitet (Foto: VielPfalz)

Wir neigen dazu zu glauben, dass Dinge ewig währen. Das ist in unserer Natur angelegt. Deshalb wollen wir dann nicht wahrhaben, wenn sich Veränderungen einstellen. So ging es mir, als Michael Dostal mir vor einer Weile erzählte, dass er Ende des Jahres 2025 in den Ruhestand gehen wird.

Zehn Jahre – von Frühjahr 2016 bis Dezember 2025 – hat sein Magazin „VielPfalz“ die Kultur, die Winzerbetriebe und die Restaurant- und Eventszene begleitet und Heft für Heft ein journalistisch hochwertiges Portrait der Pfalz gezeichnet. Hervorragende Fotografen und sehr gute freie Autorinnen und Autoren haben das möglich gemacht.

Michael und ich kamen in Kontakt, als er 2019 ein ausführliches Feature über den pfälzischen Dialekt und die Mundartwettbewerbe der Region vorbereitete. Er besuchte unsere Jury-Sitzung in Bockenheim und war auch beim Pfälzischen Mundartdichter-Wettstreit im Rahmen des Winzerfestes vor Ort, um mit Autorinnen und Autoren zu sprechen. Dasselbe tat er auch bei anderen Wettbewerben.

Wir verstanden uns gut, und so schlug ich ihm nach dem Erscheinen des Features in der ersten VielPfalz-Ausgabe des Jahres 2020 vor, gemeinsam mit „Hiwwe wie Driwwe“ einen neuen Mundart-Preis auszuloben: das „Pfälzische Mundartgedicht des Jahres“. Die Idee war, die Siegertexte der verschiedenen Wettbewerbe eines Jahres im Folgejahr im Rahmen einer Leser-Abstimmung in den Zeitschriften „VielPfalz“ und „Hiwwe wie Driwwe“ gegeneinander antreten zu lassen. Die Resonanz war sehr gut, und Lothar Sattel setzte sich mit dem Text „Äfach so“ als erster Sieger durch. In den darauffolgenden Jahren wechselten sich Norbert Schneider und Maritta Reinhardt zweimal als Gewinner bzw. Gewinnerin ab, und im Jahr 2024 gewann Matthias Zech mit „des derf mer doch net“.

Nun endet die wirklich sehr nette und vertrauensvolle Zusammenarbeit, was ich bedaure. Der Preis „Pfälzisches Mundartgedicht des Jahres“ wird aber auch im Jahr 2026 vergeben werden. Für „VielPfalz“ tritt die neue „Pfälzische Mundart-Stiftung“ in das Projekt ein.

„VielPfalz“ wird der Pfalz sehr fehlen. Das zeigt, wie wertvoll Michael Dostals publizistische Arbeit in den vergangenen zehn Jahren war!

Der Pälzylvanier

Paul Brands – Der Theatermacher

Paul Brands (1941-2021)

Eine Würdigung

An Paul denke ich oft, auch wenn wir uns in den Jahren vor seinem Tod selten – und dann auch nur zufällig – gesehen haben. Aber die meisten von uns werden, wenn sie sich an die eigene Schulzeit zurückerinnern, vielleicht ein oder zwei Lehrinnen oder Lehrer benennen können, die Eindruck hinterlassen haben. Bei mir sind es sogar drei, und sie alle unterrichteten Deutsch. Paul gehörte unbedingt dazu.

Dabei war sein Unterricht, als ich ihn 1980 in der Mittelstufe erstmals als Deutschlehrer bekam, nicht sonderlich strukturiert. Und damit kann ich immer schlecht umgehen. Als sich unsere Wege 1982 zunächst wieder trennten, war ich nicht sonderlich traurig.

Doch schon 1983 trafen wir uns wieder. Er besuchte eines Abends den Musiksaal des Albert-Einstein-Gymnasiums in Frankenthal, wo wir mit unserer Schülerband probten. Er inszenierte gerade mit der Schultheatergruppe Ulrich Plenzdorfs Stück „Die neuen Leiden des jungen W.“, eine moderne Adaption von Goethes Werther-Stoff. Und hierfür suchte er eine begleitende Musikband. Natürlich waren wir Feuer und Flamme, denn die Aufführungen der Theater-AG waren immer gut besucht. Und für 1984 war mit diesem Stück eine Theater-Tour durch Frankreich geplant, die die Truppe unter anderem nach Paris und Montpellier führen sollte. Wir Musiker sagten gerne zu.

„Mr. Molotow’s Cocktail Party“ bei einem Auftritt in Frankenthal (1984)

Die Inszenierung von Paul Brands war sehr erfolgreich. Nicht nur wir Musiker hatten danach „Lust auf mehr“. Auch der Hauptdarsteller Peer Damminger wurde so vom Theater-Virus infiziert, dass er heute in Ludwigshafen die „KiTZ Theaterkumpanei“ betreibt. 1985 brachte Paul mit der Schultheatergruppe Erich Kästners „Die Schule der Diktatoren“ zur Aufführung, wieder mit großem Erfolg. Es gab Vorstellungen bei den rheinland-pfälzischen Schultheatertagen und in der Hamburger Kammgarn-Fabrik bei einem bundesweiten Theatertreffen. Wir waren mit unserer Band „Mr. Molotow’s Cocktail Party“ musikalisch mit dabei. Spätestens jetzt muss eine Hauptdarstellerin dieses Stücks ebenfalls infiziert worden sein: Petra Simon. Sie machte Karriere in der Theaterbranche und ist seit 2024 Geschäftsführerin der Nibelungen-Festspiele Worms.

Das alles – da bin ich mir sicher – hat sehr viel mit Paul Brands zu tun. Jedes Jahr fuhr er an Pfingsten zum „wild campen“ in die Carmargue, und über Jahre hinweg waren viele von uns ehemaligen Schülerinnen und Schülern dabei. Wir fuhren einfach runter nach Südfrankreich, weil wir wussten, dass wir ehemalige Mitglieder der Schultheatergruppe dort treffen würden. Ich war bis 1991 immer wieder im kleinen Ort Salin-de-Giraud, wo der Treffpunkt war – direkt am Strand. In diesem Jahr gründete Paul auch sein „Theater Alte Werkstatt“ einer ehemaligen Schreinerei in der August-Bebel-Straße in Frankenthal. Im Anschluss verschob sich sein Interesse noch ein wenig mehr von der Schule weg und hin zum Theater, und mit seiner Pensionierung wurde er zum Vollzeit-Theaterleiter. Irgendwann erfolgte der Umzug an den heutigen Standort in der Wormser Straße.

1985 – nach meinem Abitur – hatte er mich bei meiner Kriegsdienstverweigerung mit einem Referenzschreiben unterstützt, und als ich 1992 im Rahmen meiner Magisterarbeit zu „französischen Lehnwörtern im Pfälzischen“ Fragebögen auch an Schülerinnen und Schüler ausgeben wollte, machte er das möglich. Längst hatte ich im Rahmen meines Germanistik-Studiums meinen Schwerpunkt auf „Dialektologie“ gelegt. Bis heute lässt mich das Thema nicht los. Wir blieben in Kontakt, und ich gratulierte ihm noch einige Jahre zum 39. Geburtstag – weil er eine Weile mit einem verschmitzten Lächeln an dieser Zahl festhielt.

Jahre später traf ich ihn bei einer Jurysitzung des Pfälzischen Mundartdichter-Wettstreits wieder. 1998 war ich Mitglied dieses Gremiums geworden, und für zwei Jahre arbeitete er in diesem Kreis mit. Das muss um 2010 herum gewesen sein. Ich habe mich sehr gefreut.

Natürlich habe ich gehört und gelesen, dass es im „Theater Alte Werkstatt“ irgendwann Konflikte gab. Es kam zur Trennung im Unfrieden. Die Hintergründe kenne ich nicht, und sie sind für mich auch nicht von Belang. Paul Brands hat im Laufe seiner Schul- und Theaterkarriere bei ganz vielen jungen Menschen Impulse gesetzt, die ihre Lebenswege maßgeblich beeinflusst haben. Ich bin einer von ihnen. Danke, Paul!

Der Pälzylvanier

Richard Savidge – Lehrer, Sportler, Mundartautor

Richard Savidge (1937-2024) im Jahr 2019 in Kutzeschtettel

Ein Nachruf

„Satch“, wie ihn alle Welt nannte, traf ich immer wieder. Er kam aus Hegins (PA) und damit aus einer Ecke des Pennsylvania Dutch Country, wo man nur hinkommt, wenn man bewusst hinkommen will. Der Mundartautor Bill Klouser (1922-2010) kam aus der selben Region, die ich sehr mag, auch wenn andere die Menschen dort als „Hinnerbariyer“ oder die Gegend selbst als „hinterland“ bezeichnen.

Richard Savidge (1937-2024) war Lehrer an der Tri-Valley Highschool gewesen und hatte dort Biologie und Sport unterrichtet. Wenn es hektisch wurde, wechselte er auch in der Schule schon einmal vom Englischen ins Pennsylvanisch-Deutsche.

Ich kannte ihn seit 2010. 2006 hatten der Deutschlehrer Bill Quinter und Prof. Bill Donner von der Kutztown University beim Kutztown Folk Festival ein „Mudderschprooch Schreiwer Fescht“ gegründet, und „Satch“ nahm bei dieser Lesung eigentlich jedes Jahr mit einem eigenen Text teil. Die Fahrt nach Kutztown dauert nur eine Stunde, aber die Gegenden unterscheiden sich deutlich.

Seit 2011 vergibt unsere Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“ in Kooperation mit dem Förderkreis Mundart Bockenheim e.V. einen „Hiwwe wie Driwwe Award“ unter den Teilnehmern dieser Veranstaltung. Gleich die erste Auszeichnung erhielt Richard Savidge für seinen Text „Es iss Winder im Daal“. Es hat ihm viel bedeutet.

Irgendwann überreichte er mir eine komplette Sammlung seiner Texte, und ich versprach ihm, sie in mein Deutsch-Pennsylvanisches Archiv aufzunehmen, das seit 2016 im Mennonitischen Forschungszentrum auf dem Weierhof bei Kirchheimbolanden untergebracht ist. Er war selig, dass Arbeiten von ihm in Deutschland öffentlich zugänglich sein würden.

„Des iss ganz wunnerbaar“, hat er geantwortet. „Ganz wunnerbaar.“ Jetzt ist er im Alter von 87 Jahren verstorben.

Francis D. Kline – Der Netzwerker

Francis D. Kline war ein wichtiger Netzwerker und Multiplikator der pennsylvanisch-deutschen Community (2005)

Eine Würdigung

Francis D. Kline (1937-2013) brachte Menschen zusammen. Als „Schulmeeschter“ von Pennsylvania German Classes, Sänger und Organisator des „Dolpehocken Saenger Chors“ und Mitstreiter in der Bewegung der Dialekt-Versammlungen und Groundhog Lodges sowie als Mitglied in der Pennsylvania German Dialect and Culture Society fand man Francis immer dort, wo die deitsche Mundart in Pennsylvania gepflegt wurde.

Verheiratet war er über 50 Jahre lang mit Marianne Müller, die aus Chemnitz stammte und als kleines Kind nach dem Krieg in die Vereinigten Staaten gekommen war. Deutsch sprach sie nicht mehr. Die beiden waren ein klasse Team, das unter anderem einen monatlichen E-Mail-Newsletter herausbrachte, der wirklich alle relevanten Neuigkeiten rund um das Pennsylvanisch-Deutsche enthielt – einschließlich der Jahrestage und Geburtstage von Mitgliedern der verschiedenen Vereinigungen.

Marianne (im Vordergrund) und Francis bei einem Kulturfrühstück in „Risser’s Restaurant“ (2012)

Wenn ich heute davon spreche, dass ich über die vergangenen 30 Jahre mit hunderten Menschen gesprochen und sie interviewt habe, muss ich sagen, dass einer meiner wichtigsten Multiplikatoren in Berks County Francis D. Kline war. Er wusste, wen ich zu welchem Thema ansprechen konnte. Also fuhr ich hin und machte Aufnahmen oder Mitschriften.

Sehr lustig war, als er mir erzählte, dass seine Vorfahren aus dem Ort Ulmet bei Kusel in der Westpfalz kamen. In diesem wirklich kleinen Ort ist auch unsere Familie bis ins 16. Jahrhundert zurück stark verwurzelt. Und Auswanderer hat es von hier nach Gnadenhutten in Ohio verschlagen – einem pennsylvanisch-deutschen Sprachgebiet im westlichen Nachbarstaat von Pennsylvania. Gemeinsame Vorfahren fanden wir jedoch nicht. Die „Kleins“ waren erst Ende des 17. Jahrhunderts aus der Region des heutigen Saarlands zugezogen und haben den Ort bereits Anfang des 18. Jahrhunderts mit den ersten großen Auswanderungswellen in Richtung Pennsylvania wieder verlassen.

Wenn ich in Pennsylvania war, reiste ich manchmal wie ein Groupie tagelang den Veranstaltungen des „Dolpehocken Saenger Chors“ hinterher. Die älteren Damen in der Gruppe freuten sich immer, wenn ich da war, und ich wurde wirklich auch immer gut betreut. Einmal pro Monat gestaltete der Chor die „Pennsylvanisch-Deitsch Schtunn“ im „Berks County TV“ (BCTV). Auch dort war ich oft mit zu Gast.

Der Dolpehocken Saenger Chor im „Berks County TV“ in Reading im Jahr 2002 (mit Francis, 2. v. rechts)

Wenn ich darüber nachdenke, muss ich sagen, dass Chöre eine hervorragende Möglichkeit darstellen, sich wieder mit seiner eigenen Kultur zu verbinden. Man muss nicht fließend Pennsylvanisch-Deutsch sprechen können, um pennsylvanisch-deutsch zu singen. So gesehen leistete der Chor über viele Jahre eine hervorragende Arbeit – auch durch die Gestaltung von Mundartgottesdiensten.

Wenn ich mir jetwas wünschen dürfte, wäre es vielleicht das: Dass ein junger Mann oder eine junge Frau in die Fußstapfen von Francis D. Kline tritt und gemeinsam mit anderen einen Chor aufbaut, der aufgrund seines Programms auch Jüngere anzieht. Ich werde dafür werben.

Noah G. Good – Der Archivar

Noah G. Good (1904-2002) mit einer Ausgabe des Büchleins „Pennsylvanisch Deitsh – De Campain Breefa fum Pit Schwefflebrenner un de Bevvy, si Alty. Gepublished olly Woch im Father Abraham“ (1868). Es ist die erste pennsylvanisch-deutsche Publikation überhaupt.

Eine Würdigung

„Ich wuhn net weit vun do. Sei net bang!“ Noah musste mein entsetztes Gesicht gesehen haben, als er mir mit einer Handbewegung deutlich machte, dass er mich in seinem Auto mit nach Hause zum Mittagessen nehmen wollte. Es war Sommer 1994, und an Weihnachten sollte der nette ältere Herr seinen 90. Geburtstag feiern. Ich war in der Tat erschrocken, dass er noch Auto fahren wollte. Aber ich stieg ein, und so fuhren wir von der damaligen „Mennonite Historical Society“ am Lincoln Highway in Lancaster in die Millstream Road, wo er wohnte. Es war eine Nebenstraße ohne Verkehr, er fuhr sehr langsam – und nach etwa 500 Metern waren wir am Ziel. Ich war beruhigt!

Mit Noah G. Good hatte ich seit 1993 im Briefverkehr gestanden. Er war in seinem Arbeitsleben Schulleiter einer mennonitischen Schule in Lancaster County gewesen, war ein recht bekannter mennonitischer Prediger und schrieb immer wieder Geschichten in Pennsylvania-Deutsch im „Mennonite Quarterly“. Deshalb lernten wir uns kennen.

Netzfundstück aus dem Jahr 1939: In der „Reading Times“ sind Persönlichkeiten des Landkreises dargestellt – unter anderem der damals 35jährige Noah G. Good.

Als ich ihm in jenem heißen Sommer 1994 erstmals die Hand schüttelte und er zu reden begann, hätte ich schwören können, Kaiserslauterer Dialekt zu hören. Ich selbst bin familiär im Leiningerland verwurzelt und kann das recht gut einordnen. Da war kein englischer Akzent, kein englisches Lehnwort außer denen, die schon vor so langer Zeit in die Mundart übernommen wurden, dass sie nicht mehr als fremd wahrgenommen werden wie: „dschumbe“ (to jump = springen), „yuuse“ (to use = verwenden) oder „ferschur“ (for sure = gewiss). „Die gehne so mit nei“, sagte er, als ich ihn einmal darauf ansprach.

Meine eigenen Großeltern waren zwischen 1903 und 1914 geboren. Zu dieser Generation gehörte Noah. Sein Geburtsjahrgang war 1904, und für mich war und blieb er der am frühesten geborene Pennsylvania-Deutsche, den ich je persönlich kennenlernte – und der Älteste, mit dem ich je in Mundart sprach. Noch kurz vor seinem Tod im Jahr 2002 war ich mit ihm in Kontakt. Da war er fast 98 Jahre alt.

„Mennonite Life – Experience History & Culture“ am Lincoln Highway in Lancaster. Früher stand hier das Schild „Mennonite Historical Society“.

In der „Mennonite Historical Society” (heute “Mennonite Life”) arbeitete er als Freiwilliger noch immer in der Bibliothek, katalogistierte Materialien und betrieb genealogische Studien. Jedes Mal, wenn ich in diesem Zentrum im Eingangsbereich an der Rezeption stand, ließ man ihn über die hauseigene Lautsprecheranlage rufen: „Noah, there is a visit for you from Germany!“ Wir sprachen lange und viel, und ich nahm seine Geschichten auch auf Tonband auf.

Noah G. Good stand im Kontakt mit Mennoniten in der Pfalz und war wohl einige Male auch in der Heimat seiner Vorfahren gewesen. Dabei kommt die Familie Guth ursprünglich – wie alle Mennoniten – aus der Schweiz. Nach dem 30jährigen Krieg hatten sie sich auf der Flucht vor Verfolgung in der Pfalz niedergelassen, bis die meisten dem Ruf William Penns nach Pennsylvania folgten.

Einige seiner Geschichten für den „Mennonite Quartely“ hatte er auf Band aufnehmen lassen. Die „Slow Speed Henner Schtoris“. Sprachlernenden sollten die Audio-Mitschnitte eine Hilfe sein. Im Gebäude der damaligen „Mennonite Historical Society“ finden mindestens seit Anfang der 1990er Jahre regelmäßig pennsylvanisch-deutsche Dialektkurse statt. Die Mennoniten achten darauf, gute Lehrer zu beauftragen. Deshalb kann man hier die Mundart wirklich gut lernen. Die „Schüler“ kommen zum Teil von weit her, nehmen bis zu 100 Kilometern Anreise in Kauf.

Noah G. Good besuchte ich zwischen 1994 und 2002 immer wieder. Er war ein wirklich netter Mensch und sehr wertvoller Kontakt. Und immer, wenn ich an ihn denke, habe ich die blecherne Stimme der hauseigenen Lautsprecheranlage im Ohr: „Noah, please come to the counter, there is a visit for you!“

Der Pälzylvanier

Bill Meck – Der Auktionator

Bill Meck und Michael Werner in Kutztown (2022)

Eine Würdigung

Bill Meck hat bei „Zettlemoyer Auctions“ für Ralph Zettlemoyer gearbeitet, welcher der Bruder von Norma Zettlemoyer war, die einen gewissen Donald Breininger geheiratet hat und ihr Leben im Hollwigs Daal in Nei Tripoli (Lechaa Kaundi) verbrachte.

Will heißen: Im Pennsylvania Dutch Country kennt man sich. Viele sind miteinander verwandt. Die Welt ist klein. Alle vier genannten Personen sprachen bzw. sprechen die Mundart und waren bzw. sind beim Kutztown Folk Festival aktiv.

Bill Meck trat viele Jahre gemeinsam er mit Leroy „Jock“ Brown (1925-2022) unter seinem Künstlernamen „Hanswascht“ („Hanswurst“) auf. Die Männer erzählten auf der Bühne Witze in Pennsylvanisch-Deutsch, und weil von den Zuschauern gewöhnlich nur noch ein Bruchteil Mundart verstand, sagte immer der eine einen Satz, den der andere sofort ins Englische übersetzte. Man musste mit der Zeit gehen, um Späße an den Mann zu bringen.

Bill ist seit vielen Jahren beim Kutztown Folk Festival aktiv und kümmert sich unter anderem darum, dass die Abläufe auf der „Main Stage“, der Hauptbühne, sitzen. Hier arbeitet er gemeinsam mit „East Side Dave“ Kline – einem sprichwörtlich „bunten Hund“, den als Musiker, Radiomoderator und Journalist in der Gegend jeder kennt.

Bill Meck, Dave Kline und Doug Madenford (2024)

Beruflich verdiente er sein Geld als Auktionator – „Fendu Groyer“, wie man im Pennsylvanisch-Deutschen sagt. Die Amerikaner lieben Auktionen, und versteigert wird so ziemlich alles, was man sich vorstellen kann: Vieh, Heu, Antiquitäten, aber auch Spielzeug und Küchengegenstände nach Haushaltsauflösungen. Aus allem lässt sich Geld machen. Und dass das auch funktioniert, ist Aufgabe der hauptberuflichen „Groyer“ (wir würden vielleicht „Greischer“ sagen). Sie singen im Verkaufsprozess und geben rhythmisch den jeweils aktuellen Dollarwert eines Gebots wieder. Ich habe so etwas in Europa noch nie gehört. Es ist eine eigene Kunstgattung.

Als Bill uns 2014 besuchte, um unter anderem beim „Deutsch-Pennsylvanischen Tag“ in Assenheim, in Bockenheim beim Mundartdichter-Wettstreit sowie in Ober-Olm und im Auswanderermuseum Oberalben seine Späße zu machen, versteigerte er auch Bücher und einige Gegenstände. Es war ein Erlebnis.

Privat hat sich Bill Meck in den letzten Jahren quasi halbiert. Jahrelang auf dem Festivalgelände in Kutztown kaum zu übersehen, muss man seit kurzem zweimal hinsehen, ob da wirklich Bill Meck auf einen zukommt: Er hat Dutzende Kilo Gewicht abgenommen, was seiner Gesundheit sichtlich gut tut.

Ich freue mich immer, ihn beim Festival in irgendeinem Schlagschatten eines Gebäudes zu entdecken, in den er sich wegen der Hitze geflüchtet hat. Bis zum neegscht Mol, Bill! Sehn dich widder …

Der Pälzylvanier

Prof. Per Sture Ureland – Der Frontberichterstatter

Prof. Per Sture Ureland (1937-2022) im Jahr 2019

Eine Würdigung zum zweiten Todestag

Prof. Dr. Per Sture Ureland (1937-2022) bewegte sich beruflich gerne auf gefährlichem Terrain: an Grenzen, zwischen den Fronten, auch in Schützengräben. Als Linguist liebte er die Regionen, in denen mindestens zwei Sprachen aufeinandertreffen: die Sprache einer Minderheit und die Sprache einer Mehrheit. In einer solchen Situation verhalten sich sprachliche Varietäten manchmal wie Kontinentalplatten, die sich mit unendlicher Kraft aufeinander zubewegen, über- und untereinander schieben und auch verschmelzen. Die Verbiegungen und Wandlungen sprachlicher Elemente und Strukturen in solchen Fällen zu analysieren, ist höchst interessant. Und es kann Leichen geben. Hier spricht man von „Sprachtod“. Historisch gesehen sind viel mehr Sprachen ausgestorben als aktuell gesprochen werden (ca. 7.000 im Jahr 2024).

Als ich Sture 1989 an der Universität Mannheim in meinem ersten Semester in einer Vorlesung über Allgemeine und Vergleichende Linguistik kennenlernte, brauchte er wenig Zeit, um mich zu begeistern. Als Schwede mit seinem ganz leichten Akzent im Deutschen, seiner aufgrund einer früheren Stimmbandserkrankung sehr leisen Sprechweise und als Folienjongleur auf dem damals obligatorischen Overhead-Projektor war er im akademischen Betrieb eine sehr besondere Erscheinung.

In seinen Veranstaltungen kam man im Laufe eines Semesters geografisch weit rum: Wir sprachen über die Situation des Schwedischen in Finnland, die Sprache der Samen (Lappen) in Nordskandinavien, Sprachkontakte zwischen den baltischen Sprachen und dem Russischen, besuchten aber auch Frontabschnitte des „Konflikts“ zwischen dem Englischen und keltischen (gälischen) Varietäten in Schottland, Irland, der Isle of Man und Wales. Aber auch für Sture eher unwichtige Nebenkriegsschauplätze wie die Situation der Bretonen, Elsässer und Lothringer in Frankreich oder Französisch und Deutsch in Italien waren manchmal Thema.

Daneben interessierte ihn auch, wie sich das Schwedische und Norwegische in Nordamerika in den dortigen skandinavischen Minderheitsgesellschaften entwickelte. Nach meiner Magisterarbeit über „Französisches im Pfälzischen“ (auch in der Region westlich des Rheins gibt es ja von der Region um Krefeld im Norden über Mainz und Strasbourg bis Basel im Süden einen wechselhaften Frontverlauf – zwischen dem Deutschen und Französischen) empfahl er mir, eine Dissertation in Angriff zu nehmen, und bot mir eine Stelle an seinem Lehrstuhl für Allgemeine Linguistik an. Von 1993 bis 1996 war ich dort tätig. Als Thema wählte ich „Sprachkontaktphänomene in schriftlichen Texten des Pennsylvaniadeutschen“. Eine weiteres, linguistisch hochinteressantes Schlachtfeld mit wechselnden Frontverläufen …

Sture lebte für Kongresse. Immer gab es eine Veranstaltung vor- oder nachzubereiten. Es entstanden Kongressberichte in Buchform, und ich lernte, wie Sture auf diese Weise ein Netzwerk von Gleichgesinnten aufbaute. Am Lehrstuhl hatte ich 1993 auch meinen allerersten Kontakt mit dem Internet. Der Name des Uniservers lautete damals „Rummelplatz Mannheim“. 1996 stellte ich meine Dissertation bei einem Kongress an der University of Waterloo in Ontario (Kanada) vor. Dort lernte ich Prof. Werner Enninger (1931-2016) kennen, der in den 1970er Jahren viel zu den Amish in Delaware gearbeitet hatte. Sture und ich wohnten im Haus von Prof. Manfred Richter, einem Freund aus dem großen Linguisten-Netzwerk. Später holten mich Prof. C. Richard Beam und seine Frau Dorothy in Kanada ab, um mich nach Pennsylvania mitzunehmen. Bei dieser Gelegenheit lernten sich auch Sture und Dick Beam kennen.

Prof. Dr. Per Sture Ureland und Prof. C. Richard Beam im Jahr 1996 in Kitchener, Ontario (Kanada)

1999 gründete Sture den „Eurolinguistischen Arbeitskreis Mannheim“ (ELAMA). Nur vier Jahre später – 2003 – folgten einige am Pennsylvanisch-Deutschen Interessierte seinem Beispiel und gründeten den „Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreis“ (DPAK). Sture war manchmal bei den Treffen dabei, letztmals im Jahr 2011 auf dem Weierhof. Er starb im Herbst 2022 im Alter von 85 Jahren.

Per Sture Ureland war ein Freigeist und überzeugter Europäer. Es machte unendlich viel Spaß, gemeinsam mit ihm gedanklich die linguistischen Hotspots der Kontaktlinguistik zu bereisen. Er hat mich gefördert und somit einen großen Anteil daran, dass es „Hiwwe wie Driwwe“ heute gibt. „Tack så mycket, alter Schwede!“

Der Pälzylvanier