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John Schmid – Der deitsch „Johnny Cash“ vun Berlin, Ohio

John Schmid beim Konzert in Ober-Olm (2023)

John Schmid zum 75. Geburtstag

Es gilt die Regel: Amish und konservative Mennoniten gehen nicht zu Country-Konzerten. Es gibt aber eine Ausnahme: Wenn John Schmid spielt. Dann ist der Saal voll, und wenn es ein Open-Air-Konzert ist, bringen sie nach amerikanischer Tradition („Bring your own chair“) ihre Stühle mit und klatschen sogar im Takt. Nur: Mitsingen würden sie nicht. So weit lassen sie sich dann doch nicht mitreißen.

John Schmid verdient sein Geld, indem er im Auftrag seiner Kirche in Gefängnisse geht und Musik macht. Dabei erzählt er auch aus der Bibel und seine Lebensgeschichte: Wie er als junger Mann mit Amish und Mennoniten als Dachdecker gearbeitet hat und dabei vom Dach fiel. „Wie ich widder wacker warre bin, hawwich deitsch schwetze kenne“, erzählt er dann. Das ist natürlich geflunkert, aber er hat bei der Arbeit die Mundart gelernt und sich in dieser Zeit auch in ein Mädchen verliebt, dessen Familie die Amish verlassen hatte: Lydia. Auch sie „schwetzt deitsch“.

Berlin in Ohio ist ein guter Ort, um die pennsylvanisch-deutsche Mundart zu lernen. Es liegt in einem Landkreis, in dem auch heute noch etwa 40 % der Erwachsenen pennsylvanisch-deitsch sprechen und rund 70 % der Kinder. Hier ist einer der wenigen Orte in den USA, wo man versuchen kann, Menschen auf der Straße „in deitsch“ anzusprechen. Es könnte klappen, dass man in Mundart Antwort erhält.

John Schmid singt mit seiner Tochter Katie in Eschelbronn (2010)

John Schmid ist großer Johnny-Cash-Fan und hat sein Idol auch einmal getroffen. Seine Art, Gitarre zu spielen, ahmt den Stil des Country Stars nach. In Mundart zu singen, kam ihm aber lange nicht in den Sinn. Doch irgendwann traf er Keith Brintzenhoff, der ihm eine Menge deitscher Lieder beibrachte. Danach entstanden mehrere CDs: „In Dutch“, „In Dutch again“ und „Dutch Blitz“.

Ich weiß nicht mehr ganz genau, wann sich Johns und meine Wege erstmals gekreuzt haben – es muss irgendwann zwischen 2002 und 2005 gewesen sein, vermutlich per eMail. 2006 besuchte er mich in Ober-Olm, und gemeinsam mit Paul Reinig und Peter Braun von „Reinig, Braun & Böhm“ machten wir Musik. Es war der Abend, an dem ich für mich entschied, nach einer zehnjährigen Familienpause wieder Musik machen zu wollen.

John Schmid mit Paul Reinig und Peter Braun in Ober-Olm (2006)

Mit meinem Freund Frank Kessler besuchte ich John für einige Tage im Jahr 2010 in Ohio, und er stellte uns die Schlüsselpersonen der pennsylvanisch-deutschen Szene im mittleren Westen vor. Zu diesen gehörte Hank Hershberger, Leiter eines „Committee for Translation“, der gemeinsam mit anderen das neue und das alte Testament ins Pennsylvanisch-Deutsche übersetzte. Es ist in der pennsylvanisch-deutschen Mundart der Amish geschrieben und nutzt eine Schreibung, die auf dem englischen Lautsystem fußt. Für Deutsche ist es etwas schwer zu lesen und zu verstehen.

John Schmid mit Hank Hershberger in Ohio (2010)

Mehrmals lud der Deutsch-Pennsylvanische Arbeitskreis John Schmid für eine Tour durch die Pfalz und Rheinhessen ein: 2010, 2015, 2020 (ausgefallen wegen Covid19) und 2023. Damit gehört er zu den ganz wichtigen „Pälzylvaniern“, die fortwährend daran arbeiten, die Atlantik-Brücke zwischen Deutschland und den USA auszubauen. Am „Altgrischtdaag“ (6. Januar) ist John Schmid 75 Jahre alt geworden. Wir gratulieren herzlich und sagen: „Hallicher Gebottsdaag, John!“

Der Pälzylvanier