Tag Archives: Murmeltiertag

Interview auf RheinlOKal TV

Ein aktuelles Interview zum Buchprojekt “Elwedritsche – Dunkle Gefährten” und zum “Murmeltiertag 2025” findet sich aktuell im Youtube Channel des Senders RheinlOKal Worms. Zum Video gelangt man, wenn man hier klickt. Die Crowdfunding-Kampagne für das Buch läuft noch bis zum 28. Februar. Bitte hier unterstützen!

Noch sechs Wochen Winter!

Herbert Tiefel (Hauptmann), Uli Keidel (Ortsbürgermeister) und Wieland Benß (Förderverein Mundart Bockenheim e.V.) beim Murmeltiertag 2025

Das war nicht schön, aber unmissverständlich: Wir müssen uns auf sechs weitere Wochen Winter einstellen. Verkündet hat das “Bockrem Bert”, das Bockenheimer Murmeltier, das in einem Weinfass im Park hinter dem “Haus der Deutschen Weinstraße” lebt. Zum Glück – oder in diesem Fall vielleicht “Un-Glück” – spricht Herbert Tiefel die Murmeltiersprache “Groundhogese”. Als Hauptmann von “Grundsau Lodsch No. 19 im alde Land” gehört er mit seinen 18 Kollegen anderer Groundhog Lodges in Pennsylvania zu einem ganz engen Zirkel, in dem dieses Wissen weitergegeben wird. Rund 150 Gäste waren im Park anwesend uns sahen bei bestem Sonnenschein nicht nur ihren eigenen Schatten, sondern auch den Schatten von “Bockrem Bert”. Und damit war’s passiert, denn auch Bockrem Bert war sich angesichts der Faktenlage sicher: Schatten gesehen – der Winter bleibt noch sechs Wochen! Machen wir alle das Beste draus …

Herbert Tiefel – Der mit dem Murmeltier spricht

Herbert Tiefel, Hauptmann von Grundsau Lodsch No. 19 im alte Land (2020)

Eine Würdigung

Es gibt Menschen, die sind für eine bestimmte Rolle wie gemacht. Und wenn sie diese übernommen haben, ist es ein wenig, als könne nie wieder ein anderer diese Aufgabe übernehmen. Wir alle wissen, dass das letztlich nicht stimmt. Und dennoch treffen wir im Leben immer wieder auf Menschen, die mit einer Rolle mehr als nur verwachsen sind. So ist es mit Herbert Tiefel, der seit Ende 2019 „Hauptmann“ der „Grundsau Lodsch No. 19 im alte Land“ ist und damit der oberste Murmeltier-Versteher. Das ist wichtig, denn wer außer einem Murmeltier kann schon einen verlässlichen Wetterbericht für komplette sechs Wochen abgeben?

In der Pfalz heißt es: „Wenn der Dachs seinen Schatten an Maria Lichtmess sieht, bleibt der Winter noch sechs Wochen.“ Das Datum ist wichtig, denn der 2. Februar markiert exakt die Mitte der kalten Jahreszeit: Sechs Wochen sind vorbei, sechs weitere Wochen kommen (vielleicht) noch. Die Bauern prüften an diesem Tag früher, ob etwa die Hälfte der Vorräte noch in den Scheunen und Fruchtkammern war. Falls nicht, kauften sie nach. Zuvor gingen sie nach draußen und sahen nach, ob Maria Lichtmess sonnig und kalt oder aber trüb und regnerisch war. Im zweiten Fall bestand begründete Hoffnung, dass das Frühjahr schon bald kam. Zumindest traf das – vor dem Klimawandel – auf die Region im Südwesten Deutschlands zu. Mit Auswanderern gelangte das (vermeintliche) Wetterwissen über den Rhein und das Meer nach Pennsylvania – wo es keine Dachse gab. Es gab aber jede Menge Murmeltiere, die wie der Dachs ebenso Winterschlaf machten. Also nutzte man in der neuen Welt eine „Grundsau“ (von engl. „ground hog“), um eine Wetterprognose zu erhalten. Die Tiere wurden am betreffenden Termin aus dem Bau gezogen und peinlich befragt. Dies geschah in der Sprache „Groundhogese“ (Grundsauisch). Das bekannteste Murmeltier in Pennsylvania ist „Punxsatawny Phil“ in Zentral-Pennsylvania, aber ab Mitte der 1930er Jahre gründeten sich im pennsylvanisch-deutschen Kerngebiet im Südosten des Staates 18 Groundhog Lodges, die den Brauch in pennsylvanisch-deutscher Mundart auch heute noch pflegen. Groundhog Lodsch No. 19 hat ihren Sitz in Bockenheim an der Weinstraße, und ihr Hauptmann ist Herbert Tiefel!

New Paltz Band mit Herbert Tiefel (2019)

Als ich Herbert im Sommer 2019 in Kutztown kennenlernte, freundeten wir uns schnell an. Er zeigte großes Interesse an der pennsylvanisch-deutschen Kultur und wollte tiefer in Sitten und Gebräuche eintauchen. Ich fragte ihn am Rande des Folk Festivals, ob er eigentlich einen Frack und einen Zylinder besitzt. Er bejahte beides, und so entstand die Idee für die Gründung einer ersten Grundsau Lodsch in Deutschland – eben in der Pfalz.

Zum Glück stieß die Idee in Bockenheim auf reges Interesse, und so konnten wir am 2. Februar 2020 erstmals einen „Murmeltiertag“ in der Pfalz feiern. Rund 200 Menschen kamen, um die Veranstaltung zu sehen, die komplett in Pennsylvanisch-Deutsch gehalten war. Die musikalische Gestaltung übernahm die „New Paltz Band“. Zwischenzeitlich ist der Event immer pfälzischer geworden und hat seine eigenen kleinen Rituale entwickelt. So wohnt das (Plüsch-)Murmeltier „Bockrem Bert“ seit einiger Zeit in einem Weinfass im Park hinter dem Haus der Deutschen Weinstraße. Dort wird es feierlich zum Murmeltiertag („Grundsaudaag“) geweckt. Nach einem Rückblick von Bürgermeister und Ortshonoratioren auf das vergangene Jahr in Bockenheim und der Pfalz befragt Herbert Tiefel das „Murmel-Plüschi“ und übersetzt die Prognose im Anschluss für die Zuschauer vor Ort. In manchen Jahren schließt sich eine Festveranstaltung in der Emichsburg an – im Jahr 2025 bleibt es bei der Zusammenkunft im Park. Das Medieninteresse ist jährlich gewachsen, und so hoffen wir alle, dass der Bockenheimer Murmeltiertag weiterhin eine Konstante im kulturellen Leben der Gemeinde bleibt.

Herbert Tiefel jedenfalls ist in der Rolle seines Lebens, wenn er feierlich die Wetterprognose für die nachfolgenden sechs Wochen abgibt. Hoffentlich bleibt er noch lange Grundsau-Hauptmann, denn auch die „echten“ pfälzischen Murmeltiere, die im Wildpark Silz in der Südpfalz leben und regelmäßig besucht werden, haben sich zwischenzeitlich sehr an ihn gewöhnt.

Videotipp: Grundsaudaag in Bockenheim 2020