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Bockrem Bert ist sicher: „Der Frühling kommt“

Ortsbürgermeister Uli Keidel, Wieland Benß, Thomas Hennrich (in historischer Feuerwehr-Uniform) sowie Felix Lechner und Martin Brunnett von der Burschenschaft 1813 Bockenheim begrüßen über 200 Gäste

Es war, als habe seine Majestät „Bockrem Bert“ – Seher der Seher, Weiser der Weisen, Prognostiker der Prognostiker und außergewöhnlicher Wetterprophet – kurz gezögert, als er von Mitgliedern der Burschenschaft 1813 Bockenheim e.V. am Sonntag, dem 1. Februar 2026, rechtzeitig zum „Groundhog Day“ aus seinem Weinfass im Mehrgenerationenpark hinter dem „Haus der Deutschen Weinstraße“ gezogen wurde. Über 200 Anwesende konnten sehen, wie er kurz die Augen zusammenkniff, als ob er sich vor der Wintersonne schützen wollte. Die Menge erstarrte und beobachtete andächtig stumm, wie die Burschenschaftler dem Wetterpropheten in der Fachsprache „Groundhogease“ das große Geheimnis um den Beginn des Frühlings entlockten und sorgfältig – übersetzt in pfälzische Mundart – protokollierten.

Die Spannung blieb auch bei der offiziellen Begrüßung durch Ortsbürgermeister Uli Keidel – in Mundart, wie es sich für die Mundartgemeinde Bockenheim gehört. Ebenso im Dialekt berichtete Wieland Benß über die vergangenen und anstehenden Kulturtermine rund um das Pfälzische – so zum Beispiel die 49. Bockenheimer Mundarttage im April und der 74. Pfälzische Mundartdichter-Wettstreit im Oktober 2026. Michael Werner, Herausgeber von „Hiwwe wie Driwwe“, überbrachte eine Grußbotschaft aus Pennsylvania in pennsylvanisch-deitscher Mundart.

Im Anschluss schwor Uli Keidel stellvertretend für die gesamte „Grundsau Lodge No. 19“ (18 weitere gibt es im Pennsylvania Dutch Country) die Anwesenden „mit Pfoten in der Höhe“ ein und verpflichtete sie öffentlich, künftig nicht mehr Wetterberichten im Fernsehen oder der Zeitung zu vertrauen und nur noch zu glauben, was seine Majestät „Bockrem Bert“ verkündet. Niemand der Gläubigen entzog sich diesem Ritual, das üblicherweise der Wetterprophezeiung vorangeht.

Zum Höhepunkt verlasen Uli Keidel und Wieland Benß den von der Burschenschaft protokollierten Wetterbericht. Allen Anwesenden fiel ein Stein vom Herzen, als sich herausstellte, dass „Bockrem Bert“ kurz nach dem Wecken DOCH KEINEN SCHATTEN gesehen hatte. Nur etwas „Schlaf in den Augen“ hatte seine Majestät kurz nach dem unsanften Wecken daran gehindert, seine Augen vollständig zu öffnen. Und so verkündete er: „Kein Schatten gesehen: Der Frühling in der Pfalz kommt schon bald“ (der komplette Wortlaut der Prophezeiung steht im gesonderten Kasten).

Die über 200 Anwesenden bekundeten die Verlautbarung mit Applaus und feierten den nahenden Frühling vor Ort noch mit Speisen und Getränken des Kultur- und Verkehrsvereins Bockenheim e.V., unterhalten von den „Hasslocher Mackebachern“, die neben vielen pfälzischen Gassenhauern auch pennsylvanisch-deutsche Murmeltier-Hits wie „Pennsylvania Polka“ und „Wart bis die Sunn scheint, Nellie!“ spielten.

Wedderbericht 2026

Was waar der Winder kalt un nass,
Zum Glick waar ich do drin im Fass,
Mit ganz viel Schtroh un wennich Wei,
So kammer lewe – so derfs sei.

Ich hab gschlofe lang un guud,
Vor fimf Minudde noch … was duht
Mer mich noht schteere frieh im Yohr,
ich glaab, die Kerle sinn net gloor.

Schleefe mich raus aus em Loch,
Dricke mich un frooge noch,
Wie’s Wedder werd – ich deet gern wisse,
Wie lang mer noch do rumschteh misse.

Ich will sofort zerick ins Bett,
Uffschteh will ich lang noch net.
Noch een Minudd, dann werr ich bees,
Un mach eich all die Hell noht heess!

Doch waart – was heer ich, ihr wollt wisse,
Ob die Fraa Holl noch schiddelt Kisse,
Ob es viel reechent odder schneit,
Odder die Sunn scheint weit un breit …

Ganz korz un knapp:
Ihr frogt mich ab,
ob der Winder lang noch bleibt,
ob’s Friehyaahr sich die Händ schun reibt.

Okay, ich guck mich yuscht mol um,
wu iss se dann? Ich seh kenn Sunn!
Noht gebts nadierlich aa kenn Schadde:
Der Winder geht: Friehyaahr kann schtarte!

Es werd ball warm, des iss gewiss,
So sicher, wie ball Oschdre iss.
Drum freet eich uff en scheeni Zeit,
Mir do in Bockrem sinn bereit!

gezeichnet:
Bockrem Bert
Seher der Seher,
Weiser der Weisen,
Prognostiker der Prognostiker
und außergewöhnlicher Wetterprophet


fer die ganz Grundsau Lodsch No. 19
Bockrem, 1. Februar 2026

Groundhog Day in Bockenheim

Murmeltiertag am Sonntag am Haus der Deutschen Weinstraße: Kommt zahlreich und seid dabei, wenn Bockrem Bert den Wetterbericht für die nächsten sechs Wochen verkündet! Klickt auf das Bild, um den Radiobeitrag zu hören, oder ganz einfach hier.

„Bockrem Bert“ ruft zum Wetterorakel

Schatten oder kein Schatten? Das ist in Bockenheim am 1. Februar wieder die Frage …

Alljährlich an Maria-Lichtmess, also am 2. Februar ist es soweit: Nicht nur in Amerika, sondern auch in Bockenheim wird der Murmeltiertag gefeiert. Da der 2. Februar dieses Jahr auf einen Montag fällt, haben sich die Veranstalter – die Gemeinde Bockenheim und der Förderkreis Mundart Bockenheim e.V. – entschlossen, das Murmeltier bereits am Sonntag, dem 1. Februar 2026 aus dem Winterschlaf zu holen.

Treffpunkt ist um 15 Uhr an der Behausung des Murmeltieres „Bockrem Bert“ neben dem Kneipp-Becken am Bockenheimer See hinter dem Haus der Deutschen Weinstraße. Dort wird das Murmeltier standesgemäß von Ortsbürgermeister Uli Keidel gemeinsam mit Wieland Benß und Dr. Michael Werner „geweckt“. Die Jungs und Mädels der Bockenheimer Burschenschaft 1813 werden „Bockrem Bert“ standesgemäß begrüßen. Im Anschluss erfolgt die Wettervorhersage des Murmeltiers: Bleibt der Winter noch weitere sechs Wochen, oder kommt das Frühjahr bald. Alles hängt davon ab, ob das tierische Wetterorakel seinen Schatten sieht oder nicht. Ist es sonnig, könnte „Bockrem Bert“ seinen Schatten sehen und damit dem Winter noch weitere sechs Wochen geben. Ist es wolkig oder regnerisch, könnte das Frühjahr schon hinter der nächsten Ecke lauern. Musikalisch umrahmt wird die Vorhersage von den Hasslocher Mackenbachern. Der Kultur- und Verkehrsverein Bockenheim übernimmt in diesem Jahr die Bewirtung.

Hintergrund:
Im 18. Jahrhundert wanderten viele Pfälzerinnen und Pfälzer nach Pennsylvania aus. Dort feiert man seit 1934 den „Grundsaudaag“. Basierend auf der Bauernregel für den 2. Februar „Wenn der Dachs an Maria Lichtmess einen Schatten sieht, bleibt es noch sechs Wochen lang Winter“. Da die Deutschen in Pennsylvania keinen Dachs hatten, entschieden sie sich für ein Murmeltier (Grundsau). Und seit 2. Februar 2020 gibt es in  Bockenheim den ersten europäischen „Grundsaudaag“ – Murmeltiertag.  Es wurde ein Zuhause für das Murmeltier mit dem Namen „Bockrem Bert“ geschaffen, die „Grundsau Lodsch Nr. 19 im alte Land“.

Was hinter dem archaischen Winterritual steckt und was „Groundhog Day“ mit einer „Elwedritsche-Jagd“ zu tun hat, erfahren Sie, wenn Sie hier klicken.

Interview auf RheinlOKal TV

Ein aktuelles Interview zum Buchprojekt „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“ und zum „Murmeltiertag 2025“ findet sich aktuell im Youtube Channel des Senders RheinlOKal Worms. Zum Video gelangt man, wenn man hier klickt. Die Crowdfunding-Kampagne für das Buch läuft noch bis zum 28. Februar. Bitte hier unterstützen!

Noch sechs Wochen Winter!

Herbert Tiefel (Hauptmann), Uli Keidel (Ortsbürgermeister) und Wieland Benß (Förderverein Mundart Bockenheim e.V.) beim Murmeltiertag 2025

Das war nicht schön, aber unmissverständlich: Wir müssen uns auf sechs weitere Wochen Winter einstellen. Verkündet hat das „Bockrem Bert“, das Bockenheimer Murmeltier, das in einem Weinfass im Park hinter dem „Haus der Deutschen Weinstraße“ lebt. Zum Glück – oder in diesem Fall vielleicht „Un-Glück“ – spricht Herbert Tiefel die Murmeltiersprache „Groundhogese“. Als Hauptmann von „Grundsau Lodsch No. 19 im alde Land“ gehört er mit seinen 18 Kollegen anderer Groundhog Lodges in Pennsylvania zu einem ganz engen Zirkel, in dem dieses Wissen weitergegeben wird. Rund 150 Gäste waren im Park anwesend uns sahen bei bestem Sonnenschein nicht nur ihren eigenen Schatten, sondern auch den Schatten von „Bockrem Bert“. Und damit war’s passiert, denn auch Bockrem Bert war sich angesichts der Faktenlage sicher: Schatten gesehen – der Winter bleibt noch sechs Wochen! Machen wir alle das Beste draus …

Herbert Tiefel – Der mit dem Murmeltier spricht

Herbert Tiefel, Hauptmann von Grundsau Lodsch No. 19 im alte Land (2020)

Eine Würdigung

Es gibt Menschen, die sind für eine bestimmte Rolle wie gemacht. Und wenn sie diese übernommen haben, ist es ein wenig, als könne nie wieder ein anderer diese Aufgabe übernehmen. Wir alle wissen, dass das letztlich nicht stimmt. Und dennoch treffen wir im Leben immer wieder auf Menschen, die mit einer Rolle mehr als nur verwachsen sind. So ist es mit Herbert Tiefel, der seit Ende 2019 „Hauptmann“ der „Grundsau Lodsch No. 19 im alte Land“ ist und damit der oberste Murmeltier-Versteher. Das ist wichtig, denn wer außer einem Murmeltier kann schon einen verlässlichen Wetterbericht für komplette sechs Wochen abgeben?

In der Pfalz heißt es: „Wenn der Dachs seinen Schatten an Maria Lichtmess sieht, bleibt der Winter noch sechs Wochen.“ Das Datum ist wichtig, denn der 2. Februar markiert exakt die Mitte der kalten Jahreszeit: Sechs Wochen sind vorbei, sechs weitere Wochen kommen (vielleicht) noch. Die Bauern prüften an diesem Tag früher, ob etwa die Hälfte der Vorräte noch in den Scheunen und Fruchtkammern war. Falls nicht, kauften sie nach. Zuvor gingen sie nach draußen und sahen nach, ob Maria Lichtmess sonnig und kalt oder aber trüb und regnerisch war. Im zweiten Fall bestand begründete Hoffnung, dass das Frühjahr schon bald kam. Zumindest traf das – vor dem Klimawandel – auf die Region im Südwesten Deutschlands zu. Mit Auswanderern gelangte das (vermeintliche) Wetterwissen über den Rhein und das Meer nach Pennsylvania – wo es keine Dachse gab. Es gab aber jede Menge Murmeltiere, die wie der Dachs ebenso Winterschlaf machten. Also nutzte man in der neuen Welt eine „Grundsau“ (von engl. „ground hog“), um eine Wetterprognose zu erhalten. Die Tiere wurden am betreffenden Termin aus dem Bau gezogen und peinlich befragt. Dies geschah in der Sprache „Groundhogese“ (Grundsauisch). Das bekannteste Murmeltier in Pennsylvania ist „Punxsatawny Phil“ in Zentral-Pennsylvania, aber ab Mitte der 1930er Jahre gründeten sich im pennsylvanisch-deutschen Kerngebiet im Südosten des Staates 18 Groundhog Lodges, die den Brauch in pennsylvanisch-deutscher Mundart auch heute noch pflegen. Groundhog Lodsch No. 19 hat ihren Sitz in Bockenheim an der Weinstraße, und ihr Hauptmann ist Herbert Tiefel!

New Paltz Band mit Herbert Tiefel (2019)

Als ich Herbert im Sommer 2019 in Kutztown kennenlernte, freundeten wir uns schnell an. Er zeigte großes Interesse an der pennsylvanisch-deutschen Kultur und wollte tiefer in Sitten und Gebräuche eintauchen. Ich fragte ihn am Rande des Folk Festivals, ob er eigentlich einen Frack und einen Zylinder besitzt. Er bejahte beides, und so entstand die Idee für die Gründung einer ersten Grundsau Lodsch in Deutschland – eben in der Pfalz.

Zum Glück stieß die Idee in Bockenheim auf reges Interesse, und so konnten wir am 2. Februar 2020 erstmals einen „Murmeltiertag“ in der Pfalz feiern. Rund 200 Menschen kamen, um die Veranstaltung zu sehen, die komplett in Pennsylvanisch-Deutsch gehalten war. Die musikalische Gestaltung übernahm die „New Paltz Band“. Zwischenzeitlich ist der Event immer pfälzischer geworden und hat seine eigenen kleinen Rituale entwickelt. So wohnt das (Plüsch-)Murmeltier „Bockrem Bert“ seit einiger Zeit in einem Weinfass im Park hinter dem Haus der Deutschen Weinstraße. Dort wird es feierlich zum Murmeltiertag („Grundsaudaag“) geweckt. Nach einem Rückblick von Bürgermeister und Ortshonoratioren auf das vergangene Jahr in Bockenheim und der Pfalz befragt Herbert Tiefel das „Murmel-Plüschi“ und übersetzt die Prognose im Anschluss für die Zuschauer vor Ort. In manchen Jahren schließt sich eine Festveranstaltung in der Emichsburg an – im Jahr 2025 bleibt es bei der Zusammenkunft im Park. Das Medieninteresse ist jährlich gewachsen, und so hoffen wir alle, dass der Bockenheimer Murmeltiertag weiterhin eine Konstante im kulturellen Leben der Gemeinde bleibt.

Herbert Tiefel jedenfalls ist in der Rolle seines Lebens, wenn er feierlich die Wetterprognose für die nachfolgenden sechs Wochen abgibt. Hoffentlich bleibt er noch lange Grundsau-Hauptmann, denn auch die „echten“ pfälzischen Murmeltiere, die im Wildpark Silz in der Südpfalz leben und regelmäßig besucht werden, haben sich zwischenzeitlich sehr an ihn gewöhnt.

Videotipp: Grundsaudaag in Bockenheim 2020