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Herbert Tiefel – Der mit dem Murmeltier spricht

Herbert Tiefel, Hauptmann von Grundsau Lodsch No. 19 im alte Land (2020)

Eine Würdigung

Es gibt Menschen, die sind für eine bestimmte Rolle wie gemacht. Und wenn sie diese übernommen haben, ist es ein wenig, als könne nie wieder ein anderer diese Aufgabe übernehmen. Wir alle wissen, dass das letztlich nicht stimmt. Und dennoch treffen wir im Leben immer wieder auf Menschen, die mit einer Rolle mehr als nur verwachsen sind. So ist es mit Herbert Tiefel, der seit Ende 2019 „Hauptmann“ der „Grundsau Lodsch No. 19 im alte Land“ ist und damit der oberste Murmeltier-Versteher. Das ist wichtig, denn wer außer einem Murmeltier kann schon einen verlässlichen Wetterbericht für komplette sechs Wochen abgeben?

In der Pfalz heißt es: „Wenn der Dachs seinen Schatten an Maria Lichtmess sieht, bleibt der Winter noch sechs Wochen.“ Das Datum ist wichtig, denn der 2. Februar markiert exakt die Mitte der kalten Jahreszeit: Sechs Wochen sind vorbei, sechs weitere Wochen kommen (vielleicht) noch. Die Bauern prüften an diesem Tag früher, ob etwa die Hälfte der Vorräte noch in den Scheunen und Fruchtkammern war. Falls nicht, kauften sie nach. Zuvor gingen sie nach draußen und sahen nach, ob Maria Lichtmess sonnig und kalt oder aber trüb und regnerisch war. Im zweiten Fall bestand begründete Hoffnung, dass das Frühjahr schon bald kam. Zumindest traf das – vor dem Klimawandel – auf die Region im Südwesten Deutschlands zu. Mit Auswanderern gelangte das (vermeintliche) Wetterwissen über den Rhein und das Meer nach Pennsylvania – wo es keine Dachse gab. Es gab aber jede Menge Murmeltiere, die wie der Dachs ebenso Winterschlaf machten. Also nutzte man in der neuen Welt eine „Grundsau“ (von engl. „ground hog“), um eine Wetterprognose zu erhalten. Die Tiere wurden am betreffenden Termin aus dem Bau gezogen und peinlich befragt. Dies geschah in der Sprache „Groundhogese“ (Grundsauisch). Das bekannteste Murmeltier in Pennsylvania ist „Punxsatawny Phil“ in Zentral-Pennsylvania, aber ab Mitte der 1930er Jahre gründeten sich im pennsylvanisch-deutschen Kerngebiet im Südosten des Staates 18 Groundhog Lodges, die den Brauch in pennsylvanisch-deutscher Mundart auch heute noch pflegen. Groundhog Lodsch No. 19 hat ihren Sitz in Bockenheim an der Weinstraße, und ihr Hauptmann ist Herbert Tiefel!

New Paltz Band mit Herbert Tiefel (2019)

Als ich Herbert im Sommer 2019 in Kutztown kennenlernte, freundeten wir uns schnell an. Er zeigte großes Interesse an der pennsylvanisch-deutschen Kultur und wollte tiefer in Sitten und Gebräuche eintauchen. Ich fragte ihn am Rande des Folk Festivals, ob er eigentlich einen Frack und einen Zylinder besitzt. Er bejahte beides, und so entstand die Idee für die Gründung einer ersten Grundsau Lodsch in Deutschland – eben in der Pfalz.

Zum Glück stieß die Idee in Bockenheim auf reges Interesse, und so konnten wir am 2. Februar 2020 erstmals einen „Murmeltiertag“ in der Pfalz feiern. Rund 200 Menschen kamen, um die Veranstaltung zu sehen, die komplett in Pennsylvanisch-Deutsch gehalten war. Die musikalische Gestaltung übernahm die „New Paltz Band“. Zwischenzeitlich ist der Event immer pfälzischer geworden und hat seine eigenen kleinen Rituale entwickelt. So wohnt das (Plüsch-)Murmeltier „Bockrem Bert“ seit einiger Zeit in einem Weinfass im Park hinter dem Haus der Deutschen Weinstraße. Dort wird es feierlich zum Murmeltiertag („Grundsaudaag“) geweckt. Nach einem Rückblick von Bürgermeister und Ortshonoratioren auf das vergangene Jahr in Bockenheim und der Pfalz befragt Herbert Tiefel das „Murmel-Plüschi“ und übersetzt die Prognose im Anschluss für die Zuschauer vor Ort. In manchen Jahren schließt sich eine Festveranstaltung in der Emichsburg an – im Jahr 2025 bleibt es bei der Zusammenkunft im Park. Das Medieninteresse ist jährlich gewachsen, und so hoffen wir alle, dass der Bockenheimer Murmeltiertag weiterhin eine Konstante im kulturellen Leben der Gemeinde bleibt.

Herbert Tiefel jedenfalls ist in der Rolle seines Lebens, wenn er feierlich die Wetterprognose für die nachfolgenden sechs Wochen abgibt. Hoffentlich bleibt er noch lange Grundsau-Hauptmann, denn auch die „echten“ pfälzischen Murmeltiere, die im Wildpark Silz in der Südpfalz leben und regelmäßig besucht werden, haben sich zwischenzeitlich sehr an ihn gewöhnt.

Videotipp: Grundsaudaag in Bockenheim 2020

Elwedritsche – Die indoeuropäische Perspektive

Wie sich die indoeuropäische Migrationsgeschichte in der Entwicklung des Wortes “Bruder” spiegelt.

Von Michael Werner

Seit einigen Wochen gebe ich auf dieser Website, in Facebook und Instagram Hinweise zu meinem Buch “Elwedritsche – Dunkle Gefährten”, das im Frühjahr 2025 erscheinen soll. Die zugehörige Crowdfunding-Kampagne, in der ich um Unterstützung für die Finanzierung der Druck- und Gestaltungskosten bitte, startet am 5. Januar 2025 (alle Infos hier). Erfreulicherweise sind seit Start meiner Aktion die Zugriffszahlen auf die Website “hiwwe-wie-driwwe.com” sowie in Facebook und Instagram sprunghaft gestiegen. Das Thema trifft in der Pfalz ganz offensichtlich einen Nerv, weil bisher noch kein Ansatz existiert, das Phänomen “Elwedritsche” kulturhistorisch zu erklären. Diesen liefern wir mit der Einführung einer völlig neuen Perspektive. Da mich in den vergangenen Tagen immer wieder Fragen zu meinem Buch erreichten, will ich das grundsätzliche Vorgehen hier gerne vorab beschreiben:

Bei meinen Reisen durch das Pennsylvania Dutch Country in den vergangenen 30 Jahren habe ich in den verschiedenen Regionen neben der Sprache auch unterschiedliche Bräuche gesammelt und dokumentiert. Immer bewegt man sich in der Beschäftigung mit Pennsylvania-Deutschen hierbei in einem bäuerlichen Kontext. Es ist wichtig, das im Blick zu behalten. Mir ist aufgefallen, dass es einerseits Bräuche – ich nenne sie “kulturelle Muster” – gibt, für die mir in der Pfalz ein Äquivalent einfällt (z.B. “Butzemann” ist Pennsylvania vs. “Bi-Ba-Butzemann” in der Pfalz). Andererseits gibt es unzählige Bräuche, die mir völlig fremd waren (z.B. “Braucherei” als Gesundbeten oder das Bemalen von Scheunen mit Symbolen in Pennsylvania). Wenn ich eine Liste von 50 kulturellen Mustern dieser Art mache, finde ich vielleicht nur bei 20 von ihnen etwas in der Pfalz, das auch nur entfernt als Äquivalent gelten könnte. Und das, obwohl die meisten Auswanderer aus der historischen Kurpfalz kamen. Warum ist das so?

Es gibt drei mögliche Antworten: (1) Die restlichen Muster waren auch in der Pfalz bekannt, sind heute aber vergessen. (2) Die restlichen Muster waren nie in der Pfalz bekannt, sondern wurden durch andere Einwanderergruppen mit nach Pennsylvania gebracht. (3) Es ist eine Kombination von beidem.

Ich bin also in die Literatur eingetaucht und habe mit Sprechern verschiedener Mundarten und Sprechern aus verschiedenen Ländern und Kulturkreisen gesprochen. Besonders aufschlussreich waren hierbei Gespräche mit Bekannten und Kollegen, die im weitesten Sinne aus dem kurdischen Kulturkreis stammen. Mein Ziel war herauszufinden, ob die in Pennsylvania erhaltenen Bräuche vielleicht bei diesen Menschen – außerhalb der Pfalz – auch bekannt waren oder sind. Und tatsächlich wurde ich fündig. Dabei stellte sich heraus, dass Bräuche zu einem bestimmten Thema in Pennsylvania und einer anderen Region in Europa um so ähnlicher waren, je näher diese europäische Region zur Pfalz liegt. Es muss also so sein, dass diese kulturellen Muster in früheren Zeit in einer noch bäuerlichen Gesellschaft auch in der Pfalz bekannt gewesen sind. Heute sind sie es nicht mehr.

Es liegt nahe, neben Aufklärung und Kriegen hier auch die Industrialisierung unserer Region als Grund zu sehen. Nur 1,3% der Menschen in Deutschland sind noch in der Landwirtschaft tätig. Rund 250.000 Betriebe gibt es noch – Tendenz fallend. In Pennsylvania allein gibt es aktuell 50.000 Farmen mit einem eindeutig regionalen Schwerpunkt auf dem Pennsylvania Dutch Country. Der Hotspot liegt in Lancaster County (5.000 Farmen) und den Nachbarlandkreisen Berks (2.000 Farmen), York (2.000 Farmen) und Chester (2.000 Farmen). In diesem bäuerlichen Umfeld haben sich kulturelle Muster des 18. Jahrhunderts erhalten, die bei uns längst vergessen sind. Es sind – weit überwiegend – die Bauereien der Pennsylvania-Deutschen.

Warum aber findet man bei einem Brauch in Pennsylvania Ähnlichkeiten mit Bräuchen in den Niederlanden, in Polen, in Russland, Anatolien, bei Kurden, Jesiden und sogar Menschen in Indien? Spätestens jetzt macht es Sinn, die Perspektive des 21. Jahrhunderts zu verlassen und die in Bräuchen in verschiedenen Ländern erhaltenen Relikte der bäuerlichen Kultur als historisch gewachsenes Geflecht zu verstehen, das über viele Generationen durch Migrationsbewegungen entstanden ist. Wir sind in der indoeuropäischen Perspektive angekommen!

Ausgehend von einer Region, die heute im nördlichen Iran gelegen ist, hat sich die indoeuropäische Ursprache ab etwa 6000 v. Chr. zunächst nach Anatolien und in eine heute in Russland und der Ukraine gelegene Steppenregion ausgebreitet. Von hier zogen die Menschen über viele Generationen nach Westen bis nach Portugal und nach Osten bis nach Indien (die Grafik zum Wort “Bruder” ist hier nicht mehr ganz aktuell – die neuesten Forschungsergebnisse zur indoeuropäischen Migration gibt es auf der Website der Max-Planck-Gesellschaft).

Schaut man sich die Grafik zur Entwicklung des Wortes “Bruder” an, sieht man schnell die Ähnlichkeiten, die auch nach 8000 Jahren indoeuropäischer Sprachentwicklung noch vorhanden sind. Nun muss man sich nur noch auf die Suche nach Bräuchen machen, die im weitesten Sinne mit dem zu tun haben, was uns in der Pfalz als “Elwedritsche” bekannt ist. Wie Hänsel und Gretel habe ich mich umgedreht und bin den Pfad der langen Wanderung rückwärts gelaufen. Dabei habe ich immer wieder die Brotkrumen aufgelesen, die mir gezeigt haben, dass ich auf dem richtigen Weg war.

Es offenbarte sich nicht nur ein pan-europäisches Geflecht an kulturellen Mustern, die in den verschiedenen bäuerlichen Gesellschaften ähnlich waren. Vor dem Hintergrund dieses Geflechts wurde auch immer klarer, was Elwedritsche wirklich sind. Mein Buch erzählt diese wirklich spannende Geschichte.

Prof. Don Yoder – Die Legende

Prof. Don Yoder (1921-2015) mit Michael Werner im Jahr 2007

Eine Würdigung

Manchmal braucht man lange, um zu bemerken, wie wichtig die Bekanntschaft einer Person für einen selbst gewesen ist. Man nimmt die Begegnungen, wie sie kommen – und entdeckt erst viele Jahre später, welch entscheidende Schalter im Rahmen dieses Austauschs umgelegt wurden. So ging es mir mit Prof. Don Yoder (1921-2015), der in vielerlei Hinsicht ein „Jahrhundertmann“ und eine Legende war.

Don Yoder hatte ich mit Rolands Pauls (1951-2023) Hilfe zweimal in einer Bibliothek getroffen, aber da der Kontakt aufgrund des gemeinsamen Interessensgebietes der pfälzisch-amerikanischen Nordamerikaauswanderung nun immer enger wurde, legte Roland mir einen längeren Besuch in Don Yoders Landhaus in Devon (PA) nahe. Ich wusste, dass Roland bei seinen längeren Pennsylvania-Aufenthalten immer in der kolonialen Villa von Don Yoder wohnte – und Don war bereit, mich auch privat zu empfangen, so dass ich in den Jahren zwischen 2000 und 2015 immer einmal wieder für mehrere Stunden Gelegenheit hatte, mich mit einem der Väter der pennsylvanisch-deutschen Volkskunde auszutauschen. Immerhin war Don Yoder einer der Gründer des Kutztown Folk Festivals im Jahr 1951 – diese traditionsreiche Veranstaltung fand 2024 leider zum letzten Mal statt.

Mit Don sprach ich über Geschichten, die ich im Rahmen meiner linguistischen Studien auf Band aufgenommen hatte, und die mir zum Teil als Pfälzer eigenartig vertraut vorkamen. Bei anderen stand ich völlig im Wald und konnte mir auf nichts einen Reim machen: Da sprach eine Frau von einem „Bucklich Maennli“, das bei ihr neben dem Herd in einer unaufgeräumten Ecke der Küche wohnte. Ein Mann berichtete von einer Vogelscheuche auf dem Feld, die er „Butzemann“ nannte und die Opfergaben erhielt. Ein anderer machte alljährlich im März eine Prozession um sein Grundstück herum, sagte eigenartige Sprüche und legte in allen Ecken Samen als  Geschenke für Elfen ab und Teile eines Fisches für Katzen, die einer Gottheit mit Namen „Freya“ gehörten. Es waren ganz seltsame Geschichten, die irgendwie nicht und irgendwie doch zusammenpassten.

Verleihung der Ehrenmitgliedschaft des Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreises e.V. an Prof. Don Yoder in Alzey im Jahr 2009 (v.l. Dr. Michael Werner, Karl Scherer, Prof. Don Yoder, Frank Kessler)

Die Menschen in Pennsylvania hatten mir über Jahre diese Geschichten erzählt, und weil ich mich zu dieser Zeit vorwiegend mit sprachlichen Phänomenen beschäftigte, hatte ich die Inhalte ihrer Erzählungen zunächst nicht wirklich an mich herangelassen. Die einzelnen Phänomene blieben einfach unverbunden und unverknüpft in einer Hinterstube meines Hirns. Bis zu einem besonderen Tag: Da fand ich in einem Kochbuch das Rezept für Hirschgeweihkekse („antler cookies“), die im Februar gebacken werden, um sie im Wald als Opfergabe für den „Waldmops“ abzulegen.

Ich sprach seinerzeit mit jemandem, der diesen Brauch noch kannte. Auf einmal merkte ich, dass diese Geschichte ein „missing link“ sein könnte – das letzte „Puzzle-Teil“. Von diesem kulturellen Muster aus geschaut fügten sich die anderen Geschichten jetzt auf einmal wundersam zusammen und ergaben ein stimmiges Bild. Und wenn ich darauf schaute, fanden jetzt auf einmal auch die Elwedritsche ihren eindeutigen Platz. Konnte es sein, dass sich mir in Pennsylvania eine Tür geöffnet hatte, um über die kulturellen Praktiken der Pennsylvania-Deutschen einen Blick auf die Pfalz und die Pfälzer im 18. Jahrhundert zu erhalten?

Heute kann ich sagen, dass das genau so ist. Don Yoder, mit dem ich lange hierüber sprach, stimmte mir jedenfalls zu. Ich gehe deshalb einen Schritt weiter und sage, man kann die Pfalz vielleicht überhaupt nur verstehen, wenn man die für die Pfalz relevanten Auswanderungsgesellschaften besucht und von ihnen lernt, wie unsere Vorfahren vor 300 Jahren gelebt und gedacht haben. Auf einmal wird es dann möglich zu erkennen, was wir von der Pfalz aus nicht sehen. Um bei den Elwedritsche zu bleiben – eines sind letztere ganz sicher nicht: Fabeltiere.

Don Yoder „atmete“ die pennsylvanisch-deutsche Kultur, und er hat mich gelehrt, kulturelle Muster nicht mit meinen eigenen Augen anzuschauen, sondern mit den Augen derjenigen, die sie praktizieren. Auch in diesem Punkt habe ich lange gebraucht zu verstehen, was er meint. Aber irgendwann ist mir klar geworden, dass wir in der Pfalz auch deshalb nicht verstehen, was zum Beispiel Elwedritsche sind, weil wir nicht bereit sind, unsere Perspektive als aufgeklärte Menschen des 21. Jahrhunderts aufzugeben und uns in die Perspektive der Menschen zu begeben, die vor vielen hundert Jahren in unserer Region lebten.

Ein Tritschologe aus der Pfalz (nicht aus Landau!) hat mir in einem Gespräch einmal gesagt, er könne ein Buch über Elwedritsche in zwei Wochen schreiben, wenn es sein müsse. Ich habe ihn zu dieser Fähigkeit beglückwünscht. Ich habe 30 Jahre gebraucht, um die Zusammenhänge zu sehen. Don Yoder wäre sicherlich ebenfalls sehr beeindruckt gewesen. Seine Buchprojekte nahmen üblicherweise auch einen langen Zeitraum in Anspruch. Man konnte bei der Lektüre seiner Publikationen aber immer sicher sein, neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Der wiescht Kall im Busch

Belznickel by Rachel Yoder (2015)

Gschriwwe beim Michael Werner

Yetz, wu Grischtdaag nimmi weit un der erscht Schnee schun gfalle iss, denk ich oft an ebbes, ass ghaeppent hot, wie ich noch en Bu waar. Do, in der Busch, wu ich alleweil am schtehne bin, iss es gschehne. Gschehne, was net haett gschehne selle. In der Zeit, wu es erscht schpot hell, frieh duschber un aa der ganz Daag iwwer oft net rielli hell watt, iss der Busch voll mit Gschpucke. Glei datt hinne, net weit weg vun wu ich nau schtehne duh, geht’s der Hiwwel nunner zum Stony Roll Grick. Datt hemmer gschtanne, der Paul Reifsnyder un ich, un henn nunnergeguckt zum Jakob Bauer, ass doot im Wasser glegge hot.

Der Jakob waar vun Deitschland kumme mit sei Eldre, un sie henn sich deheem gemacht do in Baricks Kaundi. Ins Eeschtubbich Schulheisli simmer gange zamme, un wammer als die hochdeitsch Bible glese henn, noht hot mer heere kenne, ass der Jakob sell guud hot lese un aa alles verschtehne kenne. Net wie mir Pennsylvanisch-Deitsche, wu allfatt Druwwel henn mit Hochdeitsch. Fer sell hemmer ihn yuscht „der Deitschlenner“ gheesse un henn ihn aa aardlich geretzt wehich sell.

Der Paul Reifsnyder, ich un deel anneri Buwe henn aa naach die Schul allegebott Schtreit aagfange mit der Jakob. Der Jakob waar gmeenerhand alleenich uff em Weg heem. Meh wie eemol iss er heemkumme zu sei Memm mit en bloo Aag. Der Paul Reifsnyder waar meh wie en Yaahr aelder wie ich waar, greesser un schtarick. Un ich meind noch, wie ich der Jakob Bauer emol aagedroffe hab uff em Weg un hab ihn wiescht verglobbt. Yuscht fer schpeeder die anneri Buwe verzehle kenne, was ich geduh hab. Mir waare wieschte Buwe – sell iss ferschur.

Eemol, katz eb Grischtdaag, waar ich mit em Paul im Busch Feierholz gricke, wie all uff emol der Jakob Bauer datt vor uns gschtanne hot uff em Weg. Er hot uns vermarickt, un wie er gsehne hot, ass mir zu ihm laafe welle, hot er rumgedreht un iss fatt gschprunge. Die Daage eb sell hot’s wiescht gschneet ghatt, so ass der Schnee ball zwee Fuuss hoch glegge hot. Mer hot net guud laafe kenne, un mir sinn allegebott iwwer ebbes gschtatzt, ass unnich em Schnee gelege hot, un hiegfalle. Der Jakob iss aa, un so hot’s ferschur wennich gschpassich geguckt, wie mir datt am hinnich ihm heerlaafe waare – der Paul un ich. Un doch hemmer vermarickt, ass der Jakob schneller fattkumme iss wie mir. Mir henn net gewisst ferwas, awwer der Busch hot uns kenne fluche heere. All uff emol hemmer en laut Gegrisch gheert. Noht waar alles ruhich. Der Paul un ich henn gschtoppt un sinn noht yuscht ganz langsam weider geloffe fer ausfinne, was ghaeppent hot.

Wie mir an der Blatz kumme sinn, wu’s der Hiwwel nunnergeht zum Stony Roll Grick, hemmer vermarickt, ass mer unne im Wasser ebbes sehne kann. Ebbes, ass net do sei sett middes im Grick: Der Jakob hot datt glegge un hot sich net meh geregt. Sei ganz Kareper waar nass, un des kalt Wasser iss newich ihm verbei un iwwer ihn driwwer. Un alsemol hot mer en rote Gschpur sehne kenne, ass sich vun seim Kopp wegbewegt hot. Mir henn uns aageguckt un sinn bleech warre. Noht hemmer uns anneghockt in der Schnee. Nix hemmer gsaat, fer en paar Minudde. Noht hot mich der Paul Reifsnyder gepackt am Hals un hot gegrische: „Niemand daref ebbes wisse vun sell. Sell iss nie net geschehne. Verschtehscht?“ Ich hab ihn yuscht aageguckt. Un noht simmer Draene aus die Aage geloffe.

Ich weess net, wie lang mer datt ghockt waare. Awwer all uff emol hemmer ebbes gheert im Busch. Es waar, wie wann ebbes Groosses sich Blatz schaffe deet, so ass es zu uns kumme kennt. „Hot’s alleweil Baere im Busch?“, hawwich der Paul leis gfrogt? „Mer hot noch kenni gsehne die letztschte Woche“, hot er geantwatt. „Loss uns schnell geh“, hawwich gsaat. Mir waare aardlich bang, sinn uffgschtanne un henn uns uff der Weg heem gemacht.

Widder hot mer ebbes heere kenne, nau schun ganz nah, un ebber hot mer schnaufe heere – dief un schwer. Awwer wie ich mich rumgedreht hab, hawwich nix sehne kenne. Verleicht aa, weil’s nau aa schun am duschber warre waar. Wann ich es recht bedenk, hawwich nau fer’s erscht Mol ebbes gheert ass wie en dicke Eisekett. Sie hot en aardlich Yacht gemacht, weil der Kall so schtarick am geh waar. Weider un weider simmer gange, un schneller und schneller simmer geloffe. Dann, wie ich gheert hab, wie en Ascht brecht links hinnich mir, net zu weit weg, hawwich mich nochemol rumgedreht. Noht hawwichs gsehne, yuscht fer en katzer Moment:

Es waar en groosser Kall, verleicht siwwe Fuuss hoch, ganz alt un wieschtguckisch. Zwee Kette hot er ghatt: eens rum sei Hals un eens rum sei Bauch, ass ums sei Bee runnerghanke hot. Dick eigepackt in Belze un um sei Kopp rum en groossi Belzkapp. Sei Ochdem hot mer sehne kenne in die Kaelt, wann er gschnauft hot. Wie en weisser Newwel hot er vor seim Gsicht gschtanne. Un des waar schwatz un weiss alliwwer. Er hot net geguckt wie en Mensch. Un noch ebbes hot mich gwunnert. Datt, wu nix sei sett, hot der wiescht Kall ebbes ghatt: zwee dicke Hanner uff sei Kopp. Wie der Deifel selwert. Ich hab sell net glaawe welle, wie ich sell vermarickt hab. Neegscht hett ich laut gegrische, awwer ich hab schtaende kenne, es zurickzuhalde. Mit groosse Schritt hot der Kall browiert, neecher zu uns zu kumme. Un die Kedde henn laut geglebbert.

„Mir misse weg vunenanner“, hot der Paul gegrische. Un glei simmer zwee unnerschiddliche Wege geloffe, so schnell, ass mer gekennt henn. „Nix wie heem“, hawwich der Paul noch heere kreische, awwer sell waar schun en latt leiser wie devor. Un wennicher wie en Minudd schpeeder hot mer en Gegrisch gheert, Holz knackse, noht ebbes, ass meh wie en Baer gelaut hot ass wie en Mensch. Dann waar alles ruhich. Ich bin als weider geloffe, aus em Wald naus un nix wie heem zu unser Bauerei.

Die Memm hot schun gewaart ghatt an die Deer. „Wu bleibscht dann, Bu! Kumm rei, es Owetiems schteht uff der Disch.“ Ich hab neegscht nix esse kenne seller Owet un bin frieh ins Bett.

Der neegscht Mariye in der Schul waar der Paul net do. Ich bin zu sei Heemet geloffe am Naachmiddag, awwer ich hab mich net recht gedraut neigeh. Hinnich en Baam hawwich gschtanne un gsehne, wie etliche Leit naus un neigange sinn. Sei Memm, sei Paep, Brieder un Schweschdre, der Sheriff. Es waar net schwer fer ausfinne, ass der Paul net heemkumme iss geschter Owet.

Noht bin ich zerick gloffe in der Busch, bin neigange un hab browiert der Blatz finne, wu der Paul un ich geschter am fattlaafe waare. Lang hawwich gsucht, noht hawwich eens vun em Paul sein Hensching gfunne datt im Schnee leie. Der Paul waar net do. All uff emol hawwich en Gschpur gsehne im Schnee. Es waar net vun en Mensch, un es waar net vun en Gedier. Es hot wennich geguckt, wie wann ebber oder ebbes en Sack hinnich sich her am ziehge iss mit ebbes drin, ass aarick schwer iss. Nunner zum Grick – datt hot sich die Gschpur verlore. Sell iss alles, was ich verzehle kann.

Das “Kutztown Folk Festival 2025” ist abgesagt

Das Mudderschprooch-Schreiwer Festival 2022 beim Kutztown Folk Festival

Die Schocknachricht aus Pennsylvania ging gestern durch das Internet: Die Kutztown University Foundation, die das jährliche Kutztown Folk Festival ausrichtet, hat angekündigt, die Veranstaltung im kommenden Jahr nicht durchzuführen. Es ist davon auszugehen, dass es ein Abschied für immer ist. Bei jährlichen Kosten von etwa 1 Millionen Dollar hat das Festival seit 2022 ein Defizit von rund 347.000 Dollar aufgebaut.

Es ist wahrscheinlich, dass die Zwangspause infolge der Covid-Pandemie zu dem jetzt beklagten Besucherrückgang in den vergangenen drei Jahren geführt hat. Nach Wiederaufnahme des Festival-Betriebs kamen deutlich weniger Menschen nach Kutztown. Die Veranstaltung war 1950 gegründet worden und gehörte zu den Top-Events dieser Art in den USA mit jährlich über 100.000 Besuchern an insgesamt neun Tagen. 2025 hätte man das 75. Kutztown Folk Festival gefeiert. Die jetzt getroffene Entscheidung macht diesem Jubiläum einen Strich durch die Rechnung.

Es ist ein herber Schlag für die pennsylvanisch-deutsche Mundart-Community in den USA. Das Kutztown Folk Festival, gegründet von den Professoren Don Yoder, Alfred Shoemaker und Bill Frey, war DER Treffpunkt für Mundartsprecher und Austragungsort wichtiger Events der Gemeinschaft. So wurde etwa das jährliche „Mudderschprooch Schreiwer Festival“ seit 2006 im Rahmen des Festivals durchgeführt. Diese Veranstaltung kooperierte seit vielen Jahren mit dem Förderkreis Mundart Bockenheim e.V. und dem Pfälzischen Mundartdichter-Wettstreit. Aus den Teilnahmebeiträgen in Pennsylvania wählte die Bockenheimer Jury seit 2011 einen Preisträger für den jährlichen „Hiwwe wie Driwwe Award“.

Glücklicherweise befindet sich in Kutztown auch das Pennsylvania German Cultural Heritage Center, das zur Kutztown University gehört. Aktuell überlegen die Verantwortlichen dort, die für die Mundart-Community relevanten Teile des Festivals im Rahmen der Aktivitäten des Heritage Centers durchzuführen. Dies sind derzeit allerdings nur Gedankenspiele.

Ein glücklicher Zufall ist es, dass sich vergangene Woche ebenfalls in Kutztown ein neues „Pennsylvania Dutch Steering Committee“ gegründet hat, dem wichtige Protagonisten der pennsylvanisch-deutschen Szene angehören, unter anderem mit Patrick Donmoyer, Doug Madenford und Michael Werner die Mitglieder der „Hiwwe wie Driwwe“-Redaktion. Insgesamt wollen etwa 20 Persönlichkeiten in dieser amerikanischen „Steuerungsgruppe“ mitarbeiten, um Pläne für neue Projekte und eine bessere Vernetzung und Koordination der pennsylvanisch-deutschen Aktivitäten zu erarbeiten. Das Netzwerk könnte damit auch ein Partner für den Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreis e.V. sein, der in der Pfalz und angrenzenden Regionen die Kontakte nach Pennsylvania koordiniert. Nach Einstellung des Folk Festivals ist dies die gute Nachricht des Tages.

Damit bieten sich auch gute Perspektiven für die weitere Zusammenarbeit zwischen den Mundart-Hauptstätten in der Pfalz und Pennsylvania: Bockenheim und Kutztown.