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Das “Kutztown Folk Festival 2025” ist abgesagt

Das Mudderschprooch-Schreiwer Festival 2022 beim Kutztown Folk Festival

Die Schocknachricht aus Pennsylvania ging gestern durch das Internet: Die Kutztown University Foundation, die das jährliche Kutztown Folk Festival ausrichtet, hat angekündigt, die Veranstaltung im kommenden Jahr nicht durchzuführen. Es ist davon auszugehen, dass es ein Abschied für immer ist. Bei jährlichen Kosten von etwa 1 Millionen Dollar hat das Festival seit 2022 ein Defizit von rund 347.000 Dollar aufgebaut.

Es ist wahrscheinlich, dass die Zwangspause infolge der Covid-Pandemie zu dem jetzt beklagten Besucherrückgang in den vergangenen drei Jahren geführt hat. Nach Wiederaufnahme des Festival-Betriebs kamen deutlich weniger Menschen nach Kutztown. Die Veranstaltung war 1950 gegründet worden und gehörte zu den Top-Events dieser Art in den USA mit jährlich über 100.000 Besuchern an insgesamt neun Tagen. 2025 hätte man das 75. Kutztown Folk Festival gefeiert. Die jetzt getroffene Entscheidung macht diesem Jubiläum einen Strich durch die Rechnung.

Es ist ein herber Schlag für die pennsylvanisch-deutsche Mundart-Community in den USA. Das Kutztown Folk Festival, gegründet von den Professoren Don Yoder, Alfred Shoemaker und Bill Frey, war DER Treffpunkt für Mundartsprecher und Austragungsort wichtiger Events der Gemeinschaft. So wurde etwa das jährliche „Mudderschprooch Schreiwer Festival“ seit 2006 im Rahmen des Festivals durchgeführt. Diese Veranstaltung kooperierte seit vielen Jahren mit dem Förderkreis Mundart Bockenheim e.V. und dem Pfälzischen Mundartdichter-Wettstreit. Aus den Teilnahmebeiträgen in Pennsylvania wählte die Bockenheimer Jury seit 2011 einen Preisträger für den jährlichen „Hiwwe wie Driwwe Award“.

Glücklicherweise befindet sich in Kutztown auch das Pennsylvania German Cultural Heritage Center, das zur Kutztown University gehört. Aktuell überlegen die Verantwortlichen dort, die für die Mundart-Community relevanten Teile des Festivals im Rahmen der Aktivitäten des Heritage Centers durchzuführen. Dies sind derzeit allerdings nur Gedankenspiele.

Ein glücklicher Zufall ist es, dass sich vergangene Woche ebenfalls in Kutztown ein neues „Pennsylvania Dutch Steering Committee“ gegründet hat, dem wichtige Protagonisten der pennsylvanisch-deutschen Szene angehören, unter anderem mit Patrick Donmoyer, Doug Madenford und Michael Werner die Mitglieder der „Hiwwe wie Driwwe“-Redaktion. Insgesamt wollen etwa 20 Persönlichkeiten in dieser amerikanischen „Steuerungsgruppe“ mitarbeiten, um Pläne für neue Projekte und eine bessere Vernetzung und Koordination der pennsylvanisch-deutschen Aktivitäten zu erarbeiten. Das Netzwerk könnte damit auch ein Partner für den Deutsch-Pennsylvanischen Arbeitskreis e.V. sein, der in der Pfalz und angrenzenden Regionen die Kontakte nach Pennsylvania koordiniert. Nach Einstellung des Folk Festivals ist dies die gute Nachricht des Tages.

Damit bieten sich auch gute Perspektiven für die weitere Zusammenarbeit zwischen den Mundart-Hauptstätten in der Pfalz und Pennsylvania: Bockenheim und Kutztown.

Mary Laub – Die Kinderbuchautorin

Mary Laub mit Michael Werner bei der Vorstellung des Films “Hiwwe wie Driwwe – Pfälzisch in Amerika” im rheinland-pfälzischen Landtag in Mainz (2018 – Quelle A. Linsenmann)

Eine Würdigung

Seit 1869 wurden deutlich über 100 Mundartbücher in Pennsylvania-Deutsch herausgebracht. Die meisten von ihnen sind heute in Bibliotheken einzusehen oder antiquarisch zu erwerben. Wer sich für die Dialektliteratur interessiert, kann hierzulande zum Beispiel im „Deutsch-Pennsylvanischen Archiv“ von „Hiwwe wie Driwwe“ stöbern, das seit 2016 in der Mennonitischen Forschungsstelle auf dem Weierhof bei Kirchheimbolanden verwahrt wird.

Mary Laub: Uff der Bauerei (2017)

Man stellt fest, dass die Auflagen dieser Bücher stetig gesunken sind, und wer heute publiziert, druckt nur noch eine kleine Anzahl von Exemplaren. Dass es auch anders geht, beweist seit ein paar Jahren die pensionierte Universitätsprofessorin Mary Laub aus der Gegend von Kutztown. Ihr Kinderbuch „Uff der Bauerei – Die Henny un der Spunky“ ist vergleichsweise hochauflagig 2017 bei Masthof Press in Morgantown erschienen (masthof.com). Seit dieser Zeit bin ich mit Mary in Kontakt, weil sie eine Sache anders macht als alle anderen Autorinnen und Autoren in Pennsylvania: Sie bemüht sich um Lesungen, stellt ihr Buch aktiv vor und wirbt sogar dafür, wenn sie mit Menschen auf der Straße oder in Geschäften ins Gespräch kommt. Kurz: Sie betreibt ein aktives Eigenmarketing. Das funktioniert, und so hat sie in den letzten sieben Jahren bereits sechs Bücher nebst zugehörigen Audio-CDs publiziert.

Mary Laub mit weiteren Teilnehmerinnen und Teilnehmern des “Schreiwerfeschts” beim Kutztown Folk Festival (2019)

Daneben ist sie eine treue Teilnehmerin beim jährlichen „Schreiwerfescht“, das Prof. William Donner und Ed Quinter auf der „Seminar Stage“ des Kutztown Folk Festivals organisieren. Etwa zehn Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind für gewöhnlich dabei. Mary Laub bringt auf diese Weise die Mundart zu den Menschen und stellt Lesestoff zur Verfügung, mit dem Großeltern ihre Enkelkinder mit der Sprache ihrer Enkelkinder in Kontakt bringen können. Es wäre viel gewonnen, wenn ihr Beispiel Schule machte.

Als wir im Sommer 2018 den Film “Hiwwe wie Driwwe – Pfälzisch in Amerika” auf Einladung von Landtagspräsident Hendrik Hering im Parlament in Mainz im Rahmen einer Vorpremiere erstmals vorstellten, war sie mit ihrem Mann gerade zufällig per Schiff auf einer mehrtägigen Reise auf dem Rhein unterwegs. Da sie am selben Abend in der Landeshauptstadt anlegte, luden wir sie kurzerhand zur Vorstellung ein – ebenso wie Deutschlehrerin Ashley Snyder von der Conrad Weiser High School in Berks County, die zu diesem Zeitpunkt wieder einmal bei uns in Ober-Olm zu Gast war.

Der Pälzylvanier

Verna Dietrich – Die Bissniss Fraa

Verna Dietrich aus Krumsville (2015)

Zum Andenken an Verna Dietrich (1931-2024)

Am 7. August verstarb die Gründerin von „Dietrich’s Meats & Country Store“ in Krumsville, Verna Dietrich. Sie wurde 93 Jahre alt. Ich kannte Verna seit Jahrzehnten, denn seit meinen ersten Besuchen in Pennsylvania in den 1990er Jahren habe ich immer wieder in Krumsville gestoppt, um in ihrer 1975 eröffneten Metzgerei einzukaufen. Nicht, dass ich unbedingt etwas gebraucht hätte. Ich wusste, dass ich bei ihnen im Laden „in pennsylvanisch-deitsch“ reden kann. Verna sprach die Mundart und hatte sie auch an ihre Kinder weitergegeben.

Ich habe mich bei ihr im Laden und in Hinterzimmern auch deshalb immer gerne aufgehalten, weil es in unserer Familie in der Westpfalz noch immer Verwandte gibt, die eine Metzgerei führen. Wenn wir Mundart sprachen, erinnerte mich das immer an Gespräche im Familienkreis zu Hause. Auch der Geruch im Haus war ähnlich.

Verna Dietrich und Michael Werner beim Kutztown Folk Festival (2017)

Ich habe noch im Kopf, dass ich 2015 mit einem besonderen Auftrag auf ihrem Geschäftsparkplatz anhielt. Ein deutscher Professor hatte mich gebeten herauszufinden, ob in Pennsylvania früher nach einer Hausschlachtung unter den Schlachtern Schnaps herumgereicht wurde. Er kannte die Sitte von Jägern und sah darin ein Ritual, das den Prozess des Zerlegens von Fleisch offiziell beendete. Sie wusste nichts davon zu berichten, stellte aber einen Kontakt zu einer lokalen Bäuerin her, die eine Schweinefarm führte. Dort wohnte ich einige Tage später – es war Februar und sehr kalt – einer Schlachtung bei. Zum Glück kam ich erst um acht Uhr morgens auf der Bauerei an, da war das Wesentliche schon passiert, und Fleisch, Organe und Köpfe lagen schon sortiert in verschiedenen Behältnissen. Die Schlachter frühstückten, unterhielten sich in Pennsylvanisch-Deutsch und lachten. Auch sie tranken keinen Schnaps, und von einer entsprechenden Sitte hatten sie auch noch nichts gehört.

Zurück zu Verna: Sie war eine lokale Berühmtheit und sehr mit dem Kutztown Folk Festival verbunden. Eigentlich traf man sie immer irgendwo auf dem Festival-Gelände an – vor Jahren noch gut zu Fuß, in letzter Zeit dann eher auf ihrem Rollator. Und sie hatte immer etwas zu erzählen. Dass wir uns so gut verständigen konnten, überraschte sie immer aufs Neue: „Du bischt aus em alte Land, gell! Mer kann sell schiergaar net glaawe.“  Soweit ich weiß, war sie nie in Deutschland gewesen.

An der Wand in ihrem Geschäft hing ein Foto von Peer Steinbrück, der sie 2013 besucht hatte, als er Kanzlerkandidat war und nach einem Termin in Philadelphia eine kleine Tour durchs Pennsylvania Dutch Country machte. Der Entourage nach konnte Verna erkennen, dass der Mann in Deutschland wichtig sein musste. Wer er genau war, wusste sie aber, glaube ich, nicht.

Verna Dietrich und Doug Madenford im Gespräch (2017)

Als „Hiwwe wie Driwwe – Pfälzisch in Amerika“ im Jahr 2017 in Pennsylvania gedreht wurde, besuchte Doug Madenford sie natürlich in ihrem Laden, um sie zu interviewen. Es ging – was sonst – um Saumagen. Natürlich gibt es das Gericht auch in Pennsylvania, aber es wird anders gemacht und schmeckt auch anders. Das einzig gemeinsame ist, dass ein Saumagen zum Einsatz kommt, der die weiteren Zutaten aufnimmt.

Mich erinnerten Gespräche mit ihr immer auch ein wenig an meine Großmutter Ella Borger (1906-1998) in Ebertsheim, die ebenfalls aus einem Bauernhaushalt stammte. Wenn Verna aus ihrer Kindheit vor dem Krieg erzählte, war das einer Kindheit in einer pfälzischen Bauersfamilie offensichtlich recht ähnlich.

Von Bekannten weiß ich, dass man der Metzgerin Verna Dietrich manchmal nachsagte, beim Wiegen „einen schweren Daumen“ zu haben. Das fand ich immer lustig, glaube es aber nicht. Das passt nicht zu einer Pennsylvania-Deutschen. Es konnte aber vorkommen, dass man als junger Mann angesprochen wurde, wenn man öfter seine Freundin wechselte: „Du waarscht doch der letscht Munet noch mit en anner Meedli do gewesst – wu iss sie dann?“ Das konnte zu peinlichen Situationen führen, wie mir mehrfach lachend berichtet wurde.

Kurzum: An der „Bissniss Fraa“ (manche sagen auch „Schtorkierpern“) Verna Dietrich ging in den letzten Jahrzehnten im Raum Kutztown wenig bis nichts vorbei. Sie war eine Institution, die fehlen wird. Ihre Familie bleibt dem Folk Festival verbunden. Sie hinterlässt drei Söhne, acht Enkel und acht Urenkel. Ein Urenkel von ihr – Owen Kutz – ist zwar noch in der Grundschule, tritt aber schon selbstbewusst auf der Hauptbühne des Festivals auf und singt mit den alten Hasen, Keith Brintzenhoff und Dave Kline. Das ist schön zu sehen. Mach’s guud, Verna!

Der Pälzylvanier

Keith Brintzenhoff – Mr. Kutztown Folk Festival

Keith Brintzenhoff spielt in der “Alten Schule” in Ober-Olm (2023)

Zum 30. Jahrestag unserer ersten Begegnung

Mittlerweile hat sich in der Pfalz und angrenzenden Regionen herumgesprochen, dass das alljährlich Anfang Juli stattfindende „Kutztown Folk Festival“ eine gute Gelegenheit ist, mit Mundartsprechern in Kontakt zu kommen. Bekannt wie ein bunter Hund ist dort der Musiker und Redner Keith Brintzenhoff, der auch in der Stadt lebt.

Erstmals getroffen habe ich Keith bei meiner Pennsylvania-Reise im Juli 1994, als ich noch an der Universität Mannheim studierte. Als Musiker sah ich natürlich das Musik- und Buchgeschäft mit dem Namen „Pennsylvania Dutch Hobbies“ auf der Hauptstraße von Kutztown, und ging hinein. Ich war sehr überrascht, dass es dort nicht nur viel Material zum Thema Pennsylvania Dutch zu kaufen gab, sondern der „Schtorkieper“ (Geschäftseigentümer) mich auch in Mundart begrüßte: „Ach, du Liewer, vun Deitschland bischt! Sell kammer net glaawe.“ Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, die nun genau seit 30 Jahren besteht.

Keith Brintzenhoff in seinem Laden “Pennsylvania Dutch Hobbies” in Kutztown (1994)

In den darauffolgenden Jahren lüftete Keith für mich das Geheimnis, wie Banjo und Mountain Dulcimer funktionieren – zwei für die pennsylvanisch-deitsche Folk Music wichtige Instrumente. Wichtiger noch: Er brachte mich in Kontakt mit Musikern, von denen ich in den folgenden Jahren viel lernen sollte: Mike & Linda Hertzog, Dave Kline („East Side Dave“), Chris LaRose, John Schmid, Robert Entler, der Martin Family und vielen anderen.

2015 nahm ich bei Mike Hertzog in der Musikschule bei Meadwood Music in Blandon (PA) einige Banjo-Unterrichtsstunden. Nicht viele, aber sie reichten, um mich auf der Bühne mit der „New Paltz Band“ mit dem Banjo nicht zu verletzen. Immerhin. Chris LaRose wies mich beim Besuch in Ober-Olm im Rahmen der “Hiwwe wie Driwwe Tour 2016” in die Clawhammer Technik auf dem Banjo ein.

2019 war ich mit meiner Band beim Kutztown Folk Festival zu Gast. Auf Einladung des Goethe Instituts Washington waren wir Teil des Kulturprogramms “Wunderbar Together”, das vom Deutschen Außenministerium in Berlin finanziert wurde. 2022 trat ich mit einem Sologrogramm in Kutztown auf.

Keith Brintzenhoff mit Michael Werner und Dave Kline (Mitte) beim Kutztown Folk Festival 2022

Zurück zu Keith: Wann immer ich in den letzten 30 Jahren Kutztown besuchte, schaute ich auch bei ihm und seiner Frau Karlene vorbei. Wenn ich mich einige Tage im ländlichen, konservativen Pennsylvania Dutch Country bewegte, fühlte ich mich danach am Küchentisch bei Brintzenhoffs bei einem Glas Bier und netten Gesprächen immer besonders wohl.

Mit der „Hiwwe wie Driwwe Palatinate Tour“, die ich seit 2008 hier bei uns in der Pfalz organisiere, brachte ich Keith 2012 und 2023 nach Deutschland. Seine Konzerte sind immer etwas Besonderes, weil er auch ein überaus humorvoller Redner ist.

Dass das Pennsylvanisch-Deutsche in Berks County auf dem Rückzug ist, bekümmert Keith Brintzenhoff. „Was kammer duh?“, fragt er dann. Und macht dann weiter mit dem, was er schon seit Jahrzehnten tut: Er macht Auftritte, spricht bei Veranstaltungen, gibt Unterricht in Mundart und ist vor allem einer der wesentlichen Mitgestalter des Kutztown Folk Festivals.

Wer dort hingeht, wird ihn nicht verfehlen. Wo große Fröhlichkeit herrscht, ist er nicht weit. Grooss Dank, Keith, fer en Freindschaft vun 30 Yaahr!